Das geborstene Schwert (1): Skaflocs Geburt und Jugend

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Dies ist Poul Andersons allererster Roman, der 1954 erstmals veröffentlicht wurde und hier in der von ihm 1971 überarbeiteten Fassung, in der 1987 erschienenen deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck vorliegt. Siehe dazu „Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“! (Das Titelbild wurde von mir eingefügt und zeigt das im Roskildefjord gefundene Wikingerschiff Skuldelev 2, dessen Nachbau „Havhingsten fra Glendalough“ [„Seehengst von Glendalough“] heute im Wikingerschiffsmuseum von Roskilde zu besichtigen ist.)

I

Es war ein Mann, Orm der Starke genannt, ein Sohn von Ketil Asmundssohn. Ketil war Freisasse im Norden von Jütland, und seine Sippe lebte dort schon seit Menschengedenken und besaß viel Land. Ketils Frau hieß Asgerd. Sie war das Kind einer Buhle von Ragnar Fellhose. Also war Orm von guter Herkunft, aber da er der fünfte lebende Sohn seines Vaters war, hatte er kein großes Erbteil zu erwarten.

Orm war ein Seefahrer und verbrachte die meisten Sommer auf Beutefahrt. Er war noch jung, als Ketil starb. Asmund, der älteste Bruder, übernahm den Hof. Das ging so lange, bis Orm in seinem zwanzigsten Winter zu ihm ging und sagte:

„Jetzt sitzt du seit einigen Jahren hier auf Himmerland und machst guten Gebrauch von dem, was dein ist. Wir übrigen wollen einen Anteil. Aber wenn wir den Boden in fünf teilen, ganz zu schweigen von dem Leibgedinge für unsere Schwestern, sinken wir zu Kleinbauern herab, und wenn wir tot sind, wird sich niemand mehr an uns erinnern.“

„Das ist wahr“, antwortete Asmund. „So arbeiten wir am besten zusammen.“

„Ich will nicht der fünfte Mann am Ruder sein“, sagte Orm, „und deshalb mache ich dir dies Angebot. Gib mir drei Schiffe mit Gut und Vorräten und an Waffen genug, um die, die mir folgen wollen, auszurüsten, und ich will mir eigenes Land suchen und den Anspruch auf das unseres Vaters aufgeben.“

Das hörte Asmund gern, besonders, da zwei der Brüder erklärten, sie wollten mit Orm gehen. Ehe es Frühling wurde, waren die Langschiffe bereit und ausgestattet, und viele der jüngeren und ärmeren Männer waren froh, mit Orm westwärts zu segeln. Beim ersten guten Wetter, als aber die See noch rauh war, führte Orm seine Schiffe aus dem Limfjord, und Asmund sah ihn niemals wieder.

Sie ruderten schnell nach Norden, bis die Moore und tiefen Wälder unter dem hohen Himmel von Himmerland hinter ihnen lagen. Als sie das Skagerrak umrundet hatten, bekamen sie guten Wind und konnten Segel setzen. Nun zeigten ihre Hintersteven auf ihr Heimatland, und da zogen sie am Bug die Drachenköpfe auf. Das Tauwerk ächzte, die Wellen schäumten, die Möwen schrien um die Rahnock. Frohen Herzens sang Orm:

Weißmähnige Rosse wiehern,
nach Westen sie eilen,
schnaubend und schäumend
schütteln sie sich.
Wild wie die Winde
des Winters
toben und trotzen sie,
tragen sie Lasten für mich.

Da er die Fahrt so früh angetreten hatte, erreichte er England vor den meisten anderen Wikingern und machte reiche Beute. Als der Sommer zu Ende ging, suchte er in Irland ein Winterquartier. Von dieser Zeit an blieb er für immer auf den westlichen Inseln. Die Sommer verbrachte er auf Beutefahrt und tauschte im Winter einiges von seinem Reichtum gegen weitere Schiffe ein.

Endlich jedoch wuchs in ihm der Wunsch nach einem eigenen Heim. Er schloß sich mit seiner kleinen Flotte der großen Guthorms an, den die Engländer Guthrum nannten. Er gewann viel, während er diesem Herrn an Land und zur See folgte, aber er verlor auch viel, als König Alfred den Tag bei Ethandun gewann. Orm und eine Anzahl seiner Männer gehörten zu denen, die sich durchschlugen. Später hörte er, daß Guthrum und den anderen eingeschlossenen Dänen ihr Leben dafür geschenkt worden war, daß sie die Taufe annahmen. Orm sah voraus, daß es irgendwann zwischen seinem Volk und dem Alfreds zum Frieden kommen würde. Dann konnte er in England nicht mehr so frei zugreifen, wie er es bisher getan hatte.

Daher steuerte er die Gegend an, die später Danelaw genannt wurde, und suchte nach einem Ort, wo er sich niederlassen konnte.

Er fand einen grünen, schönen Platz an einer kleinen Bucht, die als Hafen für seine Schiffe dienen konnte. Der Engländer, der dort wohnte, war ein reicher und ziemlich mächtiger Mann und wollte nicht verkaufen. Aber Orm kam des Nachts zurück, umstellte mit seinen Männern das Haus und verbrannte es. Der Eigentümer, seine Brüder und die meisten seiner Knechte fanden den Tod. Es hieß, die Mutter des Mannes, die eine Hexe war, kam davon – denn die Angreifer ließen alle Frauen, Kinder und Mägde, die es wünschten, aus dem Haus gehen – und sprach über Orm den Fluch, sein ältester Sohn solle außerhalb der Welt der Menschen aufwachsen, während Orm an seiner Stelle einen Wolf großziehen solle, der ihn eines Tages zerreißen werde.

Da schon viele Dänen in dieser Gegend lebten, wagte die Sippschaft des Engländers nichts anderes zu tun, als von Orm Wergeld und Landpreis anzunehmen, und damit gehörte der Hof nach dem Gesetz ihm. Er baute ein schönes neues Wohnhaus und andere Gebäude, und mit seinem Gold, seinen Gefolgsleuten und seinem Ruhm galt er bald als ein großer Häuptling.

Als er ein Jahr auf seinem Hof gesessen hatte, hielt er es für angebracht, sich eine Frau zu nehmen. Mit vielen Kriegern ritt er zu dem englischen Edelmann Athelstane und warb um dessen Tochter Älfrida, die als die schönste Jungfrau im Königreich galt.

Athelstane erging sich in Ausflüchten, aber Älfrida sagte Orm ins Gesicht: „Einen Heidenhund will ich nicht heiraten, und ich kann es auch nicht. Und wenn du mich mit Gewalt nimmst, wirst du wenig Freude daran haben – das schwöre ich.“

Sie war schlank und zart mit weichem, rötlichbraunem Haar und großen grauen Augen. Orm dagegen war ein großer, mächtiger Mann, dessen Haut von Wind und Wetter gerötet und dessen Mähne von der Sonne beinahe weißgebleicht war. Und doch hatte er irgendwie das Gefühl, sie sei die Stärkere. Nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, antwortete er: „Jetzt, da ich in einem Land lebe, wo die Menschen den Weißen Christus verehren, wäre es wohl klug, wenn ich mit Ihm und mit Seinem Volk Frieden machte. Die Wahrheit ist, daß schon viele Dänen desgleichen getan haben. Ich werde mich taufen lassen, wenn du mich heiraten wirst, Älfrida.“

„Das ist kein Grund!“ rief sie.

„Bedenke“, sagte Orm schlau, „wenn du mich nicht heiratest, werde ich ein Heide bleiben, und dann ist meine Seele verloren, wenn wir den Priestern trauen können. Du wirst dich vor deinem Gott dafür verantworten müssen.“ Athelstane flüsterte er zu: „Außerdem werde ich dieses Haus niederbrennen und dich von den Klippen ins Meer werfen.“

„Aye, Tochter, wir dürfen es nicht zulassen, daß eine menschliche Seele verlorengeht“, erklärte Athelstane schnell.

Älfrida widersetzte sich nicht mehr lange, denn auf seine Art hatte Orm weder ein häßliches Aussehen noch schlechte Manieren. Abgesehen davon konnte Athelstanes Sippe einen so starken und reichen Verbündeten wohl brauchen. Also wurde Orm getauft, und bald danach heiratete er Älfrida und führte sie in sein Haus. Sie lebten recht zufrieden miteinander, wenn auch nicht immer friedlich.

Es gab keine Kirche in der Nähe; die frühere war von Wikingern angezündet worden. Auf Älfridas Wunsch nahm Orm in seinen Haushalt einen Priester auf und versprach, zur Vergebung seiner Sünden eine neue Kirche bauen zu lassen. Aber da er ein vorsichtiger Mann war, der nicht wünschte, irgendeine der Mächte zu beleidigen, fuhr Orm fort, zur Wintersonnenwende Thor und im Frühling mit der Bitte um Frieden und gute Ernten Freya zu opfern, und Odin und Ägir bat er um Glück zur See.

Den ganzen ersten Winter lang stritt er mit dem Priester deswegen, und im Frühling, kurz bevor Älfridas Kind geboren wurde, verlor er die Geduld und warf den Priester zur Tür hinaus. Älfrida machte ihrem Mann deswegen scharfe Vorwürfe, bis er schrie, er halte das Weibergeschwätz nicht mehr aus und müsse ihm entfliehen. Folglich brach er mit seinen Schiffen früher auf, als er geplant hatte, und verbrachte den Sommer, indem er die Schotten und Iren heimsuchte.

Seine Schiffe waren kaum außer Sicht, als Älfrida zu Bett gebracht wurde und gebar. Das Kind war ein schöner, großer Junge, den sie nach Orms Wunsch Valgard nannte, was ein in seiner Familie von altersher gebräuchlicher Name war. Aber jetzt war kein Priester da, der das Kind taufen konnte, und bis zur nächsten Kirche war es eine Reise von zwei oder drei Tagen. Sie sandte sofort einen Knecht dorthin.

II

Imric, der Elfengraf, ritt in der Nacht aus, um zu sehen, was sich im Land der Menschen ereignete. Die Frühlingsnacht war kühl; der Mond war beinahe voll, Rauhreif glitzerte auf dem Gras, und die Sterne leuchteten noch so hell und hart wie im Winter. Es war ganz still, nur der Wind seufzte in den knospenden Zweigen, und die ganze Welt bestand aus gleitenden Schatten und kaltem, weißem Licht. Die Hufe von Imrics Pferd waren mit einer Silberlegierung beschlagen, und wenn sie den Boden trafen, ertönte ein heller Klang.

Er ritt in einen Wald. Die Nacht lag schwer zwischen den Bäumen, aber in der Ferne erspähte er ein rötliches Glimmen. Als er näherkam, sah er, daß es der Schein eines Feuers war, der durch die Ritzen einer aus Lehm und Flechtwerk erbauten Hütte drang. Sie duckte sich unter eine große, knorrige Eiche. Imric erinnerte sich, daß die Druiden von den Zweigen dieses Baumes Misteln schnitten. Er spürte, daß hier eine Hexe wohnte. Daher stieg er ab und klopfte an die Tür.

Eine Frau, so alt und krumm wie der Baum, öffnete. Das gebrochene Mondlicht glänzte auf Imrics Helm und Harnisch und auf seinem nebelfarbenen Pferd, das hinter ihm das frostige Gras abweidete.

„Guten Abend, Mutter“, grüßte Imric.

„Niemand aus dem Elfenvolk soll mich, die ich einem Menschen Söhne geboren habe, Mutter nennen“, grollte die Hexe. Aber sie ließ ihn ein und füllte ihm ein Horn mit Bier. Die Kleinbauern in der Umgebung versorgten sie mit Speise und Trank als Bezahlung für die kleinen magischen Künste, die sie für sie ausübte. Imric mußte sich im Inneren der Hütte bücken und einen Haufen von Knochen und anderem Zeug wegräumen, ehe er sich auf die einzige Bank setzen konnte.

Er sah sie mit seinen seltsamen, schrägen Elfenaugen an, die weder Weiß noch eine Pupille zeigten, sondern nur ein wolkiges Blau. In Imrics Augen trieben kleine Mondflecken und Schatten uralten Wissens, denn er lebte schon sehr lange.

Aber er war immer noch jugendfrisch, hatte eine breite Stirn und hohe Wangenknochen, das schmale Kinn und die scharf gemeißelte Nase der Elfenherren. Sein Haar, feiner als Spinnenseide, flutete in einem silbrigen Gold unter seinem gehörnten Helm hervor bis auf die von einem roten Umhang bedeckten Schultern.

„Die Elfen sind schon lange nicht mehr in das Land der Menschen gekommen“, sagte die Hexe.

„Aye, wir waren zu stark mit unserem Krieg gegen die Trolle beschäftigt“, antwortete Imric mit einer Stimme, die klang, als rausche der Wind durch weit entfernte Bäume. „Doch jetzt ist ein Waffenstillstand geschlossen, und ich möchte gern herausfinden, was in den letzten hundert Jahren geschehen ist.“

„Viel – aber wenig Gutes“, meinte die Hexe. „Die Dänen sind über das Meer gekommen, haben getötet, geplündert und verbrannt und sich große Stücke von dem östlichen England und ich weiß nicht wo sonst genommen.“

„Das ist nichts Schlimmes.“ Imric strich seinen Schnurrbart. „Vor ihnen haben die Angeln und Sachsen das Gleiche getan, und vor ihnen die Pikten und die Scoten, und vor ihnen die Römer, und vor ihnen die Belgen und die Britannier, und vor ihnen – aber das ist eine lange Geschichte, und sie wird auch nicht mit den Dänen enden. Und ich, der ich beinahe von der Entstehung des Landes an diesem Spiel zugesehen habe, finde nichts Böses darin, denn es hilft, die Zeit zu vertreiben. Die Neuankömmlinge möchte ich schon gern einmal sehen.“

„Dann brauchst du nicht weit zu reiten“, berichtete ihm die Hexe, „denn Orm der Starke wohnt an der Küste, von hier nicht weiter als den Ritt einer Nacht auf einem sterblichen Pferd entfernt.“

„Eine kurze Reise für meinen Hengst. Ich werde hingehen.“

„Halt – halt, Elf!“ Die Hexe murmelte eine Weile vor sich hin. Das Licht, das von dem winzigen Feuer auf dem Herd ausstrahlte, fing sich in ihren Augen, so daß sie sich durch den Rauch und die Schatten wie zwei rote Punkte bewegten. Dann lachte sie plötzlich auf. „Aye, reite, reite, Elf, zu Orms Haus an der See. Er ist auf Beutefahrt gegangen, aber seine Frau wird dich gern bewirten. Sie hat vor kurzem einen Sohn geboren, der noch nicht getauft ist.“

Bei diesen Worten spitzte Imric seine langen Ohren. „Sprichst du die Wahrheit, Hexe?“

„Ich schwöre es bei Satanas. Ich habe Mittel, das zu erfahren, was in dieser verfluchten Halle vorgeht.“ Die alte Frau, die in ihren Lumpen vor den glosenden Kohlen saß, schaukelte sich hin und her. Große, mißgestaltete Schatten jagten einander auf den Wänden. „Aber geh hin und sieh selbst.“

„Ich würde es nicht wagen, das Kind eines Dänenhäuptlings zu nehmen. Es könnte unter dem Schutz der Asen stehen.“

„Nein, Orm ist ein Christ, wenn auch ein sehr gleichgültiger, und sein Sohn ist bisher noch gar keinen Göttern geweiht worden.“

„Es tut nicht gut, mich anzulügen“, drohte Imric.

„Ich habe nichts zu verlieren“, sagte die Hexe. „Orm hat meine Söhne in ihrem Haus verbrannt, und mein Blut stirbt mit mir. Ich fürchte weder Götter noch Teufel, weder Elfen noch Trolle, und die Menschen auch nicht. Aber ich habe die Wahrheit gesprochen.“

„Ich werde hingehen.“ Imric stand auf. Die Ringe seines Harnischs klirrten. Er warf sich einen großen roten Mantel um, schritt hinaus und schwang sich auf seinen weißen Hengst.

Schnell wie der Wind flog er durch den Wald und über die Felder. Hier und da bewegte sich etwas in der Dunkelheit, aber Menschen waren es nicht. Orm hörte das Heulen eines Wolfs, das Trippeln kleiner Füße zwischen den Eichenwurzeln, sah das grüne Leuchten von Wildkatzenaugen. Die Tiere spürten, daß ein Elfengraf vorbeikam, und zogen sich tiefer in die Dunkelheit zurück.

Nicht lange, und Imric hatte Orms Gehöft erreicht. Die Scheuern und Schuppen und anderen Hofgebäude bestanden aus rauh behauenen Baumstämmen und umgaben auf drei Seiten einen steingepflasterten Hof. Die vierte Seite nahm das Langhaus ein. Die zu Drachenköpfen geschnitzten Gabelenden des Giebels hoben sich vor dem Sternenhimmel ab. Aber Imric hielt Ausschau nach dem gegenüberliegenden Frauenhaus. Die Hunde rochen ihn, sträubten die Haare und knurrten. Er richtete, ehe sie zu bellen begannen, seinen schrecklichen, blinden Blick auf sie und machte ein Zeichen. Sie krochen davon und winselten nur ein wenig.

Er ritt zum Frauenhaus hinüber. Mit Hilfe seiner Künste öffnete er die Läden eines Fensters von außen und blickte hinein. Das Mondlicht fiel über ein Bett und hüllte Älfrida, die mit aufgelöstem Haar dort lag, in Silber ein. Aber Imric sah nur das Neugeborene in ihrem Arm.

Der Elfengraf lachte hinter seinem maskenhaften Gesicht. Er schloß die Läden und ritt zurück nach Norden. Älfrida bewegte sich, erwachte und fühlte nach dem Kindchen neben ihr. Ihre Augen waren bewölkt von unruhigen Träumen.

III

In jenen Tagen lebte das Elfenvolk noch auf der Erde, aber selbst damals schon war es etwas Seltsames um seine Wohnsitze, als schwebten sie zwischen der Welt der Sterblichen und einer anderen. Stellen, wo manchmal nichts als ein einsamer Hügel oder See oder Wald zu sehen war, erglänzten zu anderen Zeiten in märchenhafter Pracht. Daher mieden die Menschen die nördlichen Hochlande, wo die Elfenhügel lagen.

Imric ritt auf die Elfenhöhe zu, die er nicht als spitzen Felsen sah, sondern als eine hohe Burg mit schlanken Türmen, mit Toren aus Bronze und Marmorhöfen. In den Räumen und Gängen hingen zauberisch gewebte Wandteppiche, in denen große Edelsteine funkelten. Die Bewohner tanzten im Mondlicht auf dem Rasen vor den äußeren Mauern. Imric ritt durch das Hauptportal hinein. Die Hufe seines Pferdes riefen ein hohles Echo hervor. Zwergenknechte eilten herbei, ihm zu Diensten zu sein. Er sprang zu Boden und eilte in die Burg.

Hier brachen Mosaiken aus Gold und Juwelen das Licht vieler Wachskerzen zu einem sprühenden, berauschenden Gewirr von Farben. Musik tönte durch die Räume, Harfen und Flöten, die wie Bergbäche sprudelten. Die Muster in den Teppichen und Wandbehängen bewegten sich langsam wie lebende Figuren, ja, die Wände und Fußböden selbst hatten etwas von der Eigenschaft des Quecksilbers an sich: Sie waren nie die gleichen, und doch konnte man nicht sagen, wie sie sich gerade verändert hatten.

Imric stieg eine Treppe hinunter. Sein Harnisch klang in der Stille. Ganz plötzlich wurde es dunkel um ihn bis auf das Licht vereinzelter Fackeln, und die Luft des Erdinneren füllte seine Lungen mit Kälte. Dann und wann hallte ein Klirren von Metall oder ein Klagelaut durch die feuchten, rauh behauenen Gänge. Imric achtete nicht darauf. Wie alle Elfen bewegte er sich in der Art einer Katze, schnell und leise und mühelos, und so stieg er hinab in die Verliese.

Schließlich blieb er vor einer mit Messing beschlagenen Tür stehen. Sie war grün vor Schimmel und dunkel vor Alter, und nur Imric hatte die Schlüssel zu ihren drei großen Schlössern. Diese Schlösser öffnete er, wobei er bestimmte Worte murmelte, und stieß die Tür auf. Sie ächzte, denn dreihundert Jahre waren verstrichen, seit sie sich zuletzt in ihren Angeln bewegt hatte.

In der Zelle saß eine Frau aus dem Volk der Trolle. Sie trug nichts als die Bronzekette, schwer genug, um einen Schiffsanker daran aufzuhängen, die ihren Hals umschloß und in der Wand befestigt war. Das Licht einer draußen vor der Tür brennenden Fackel fiel trübe auf ihre mächtige, muskulöse Gestalt. Sie hatte keine Haare, und die grüne Haut bewegte sich auf ihren Knochen. Als sie Imric ihren abstoßenden Kopf zuwandte, enthüllte ihre Grimasse Wolfszähne. Aber ihre Augen waren leer, zwei Teiche der Dunkelheit, in denen eine Seele ertrinken konnte. Sie war seit neunhundert Jahren Imrics Gefangene, und sie war nicht mehr bei Sinnen.

Der Elfengraf sah sie an, aber nicht in ihre Augen. Leise sagte er: „Wir müssen wieder einen Wechselbalg machen, Gora.“

Die Stimme der Trollfrau klang wie Donner, der langsam aus den Tiefen der Erde rollt. „Oho, oho“, dröhnte sie, „da ist er wieder. Sei willkommen, wer du auch sein magst, du, der du aus der Nacht und dem Chaos kommst. Ha! Ist denn keiner da, der das Grinsen vom Angesicht der Sterne wischt?“

„Schnell!“ befahl Imric. „Ich muß den Wechselbalg noch vor der Morgendämmerung haben.“

„Schnell und schnell, der Herbst geht schnell mit dem Regenwind, der Schnee fällt schnell vom Himmel, das Leben eilt schnell dem Tod entgegen, die Götter geraten schnell in Vergessenheit.“ Die wahnsinnige Stimme der Trollfrau hallte durch die Gänge. „Alles ist Asche, ist Staub, wird weggeblasen von einem Wind ohne Verstand, und nur die Verrückten können die Musik der Sphären lallen. Ha! Der rote Hahn auf dem Misthaufen!“

Imric nahm eine Peitsche von der Wand und schlug sie. Sie duckte sich und legte sich hin. In aller Eile, weil er die schleimige Kälte ihres Fleisches nicht mochte, tat er, was notwendig war. Danach ging er neunmal entgegen dem Sonnenlauf um sie herum und sang eine Melodie, die keine menschliche Kehle hätte hervorbringen können. Während er sang, schüttelte die Trollfrau sich und schwoll an und wimmerte, und als er den neunten Kreis vollendet hatte, stieß sie einen Schrei aus, daß ihm die Ohren schmerzten, und gebar ein männliches Kind.

Ein menschliches Auge hätte das Neugeborene von Orms, des Dänenhäuptlings, Sohn nicht unterscheiden können, außer daß es zornig heulte und nach seiner Mutter biß. Imric band die Nabelschnur ab und nahm das Geschöpf in seine Arme, wo es ganz ruhig lag.

„Die Welt ist Fleisch, das sich von einem Schädel löst“, murmelte die Trollfrau. Sie klirrte mit ihrer Kette und legte sich erschauernd zurück. „Geburt ist nichts als das Ausbrüten von Maden. Schon fehlen den Zähnen des Totenschädels die Lippen, und die Krähen haben die Augenhöhlen leergehackt. Bald wird der Wind durch alle Knochen blasen.“ Sie heulte, als Imric die Tür schloß. „Er wartet auf mich, er wartet auf mich auf dem Hügel, wo Nebelfetzen treiben, seit neunhundert Jahren wartet er. Der schwarze Hahn kräht…“

Imric verschloß die Tür wieder und eilte die Treppen hinauf. Er hatte keine Freude daran, Wechselbälger zu machen, aber die Gelegenheit, in den Besitz eines menschlichen Kindes zu kommen, war so selten, daß sie nicht vertan werden durfte.

Als er in den Hof kam, sah er, daß sich ein Unwetter zusammenbraute. Schwere Wolken trieben über den Himmel, schwarze Gebilde, vor denen der Mond floh. Der Sturm stand wie ein Gebirge im Osten, und Blitze zogen Runen darüber hin. Der Wind pfiff und heulte.

Imric sprang in den Sattel, gab seinem Pferd die Sporen und ritt nach Süden. Es ging über Klippen und Hügel, durch Täler und durch Wälder, deren Bäume sich unter dem heranbrausenden Sturm krümmten. Das weiße Licht des Mondes irrte dann und wann über die Welt, und Imric schien einer dieser wandernden Lichtflecke zu sein.

Sein Mantel umwehte ihn wie Fledermausschwingen. Das Mondlicht glitzerte auf seinem Kettenpanzer und in seinen Augen. Er kam an den Strand des flachen Danelaw-Landes, und die Brandung schäumte um die Hufe seines Pferdes und besprühte sein Gesicht. Ab und zu zeigte ein Blitz den Aufruhr des Meeres. In der darauffolgenden Dunkelheit rollte der Donner umso lauter, als dröhnten große Räder über den Himmel. Imric trieb sein Pferd zu noch wilderem Lauf an. Ihm lag gar nicht daran, in dieser Nacht hier draußen Thor zu begegnen.

In Orms Gehöft öffnete er von neuem Älfridas Fenster. Sie war wach, hielt ihr Kind an der Brust und flüsterte ihm tröstende Worte zu. Der Wind blies ihr das Haar um das Gesicht, so daß sie nicht richtig sehen konnte. Sie mußte glauben, auch die Fensterläden seien vom Wind aufgerissen worden. Ein Blitz zuckte auf. Der Donner fuhr nieder wie ein Hammer. Älfrida fühlte, wie das Kind aus ihren Armen verschwand. Sie griff nach ihm und spürte sofort den geliebten kleinen Körper wieder, als sei er zurückgelegt worden. „Gott sei Dank“, hauchte sie. „Ich habe dich fallengelassen, aber ich konnte dich noch auffangen.“

Laut lachend ritt Imric heim. Doch ganz plötzlich drang durch sein Lachen und das Toben der Elemente ein fremdes Geräusch. Er zog die Zügel an, und es wurde ihm kalt in der Brust. Durch eine letzte Wolkenlücke fiel ein Mondstrahl auf den Reiter, der quer zu Imrics Pferd galoppierte. Er saß auf einem riesigen Streitroß, das hatte acht Beine und war schneller als der Wind, und er trug einen langen grauen Bart und einen Hut, der sein Gesicht beschattete. Der Mondstrahl fing sich auf einer Speerspitze und in einem einzigen Auge.

Hoo! Halloo! So raste er dahin mit seinem Gefolge von toten Kriegern und seiner kläffenden Meute. Sein Horn rief sie; die Hufschläge prasselten wie Hagelkörner, und dann war die Wilde Jagd vorbei, und der Regen strömte auf die Welt nieder.

Imric preßte die Lippen zusammen. Die Wilde Jagd bedeutete nichts Gutes für den, der sie sah, und er nahm nicht an, daß ihm der einäugige Jäger nur zufällig so nahe gekommen war. Aber – er mußte jetzt nach Hause. Die Blitze umzuckten ihn, und Thor mochte die Laune anwandeln, seinen Hammer nach irgendwem zu werfen, der unterwegs war. Imric faßte Orms Sohn unter seinem Mantel fester und gab seinem Hengst die Sporen.

Älfrida konnte wieder sehen und drückte den schreienden Jungen an sich. Um ihn zu beruhigen, gab sie ihm die Brust. Er trank, aber dabei biß er sie, daß es schmerzte.

IV

Imric nannte das gestohlene Kind Skafloc und übergab es seiner Schwester Lia, daß sie ihn nähren solle. Sie war so schön wie ihr Bruder mit einem feinen Elfenbeingesicht, silbergoldenem, reichem Haar, das unter einem juwelenbesetzten Kamm hervorwallte, und mit den gleichen mondfleckigen, zwielichtblauen Augen wie er. Ihren schlanken Körper umhüllten Gewänder aus Spinnenseide, und wenn sie im Mondlicht tanzte, dünkte sie denen, die sie sahen, eine weiße Flamme zu sein. Mit blassen, vollen Lippen lächelte sie auf Skafloc nieder, und die Milch, die ihr auf keine natürliche Weise in die Brüste stieg, war wie süßes Feuer in seinem Mund und seinen Adern.

Viele Herren von Alfheim kamen zum Namensfest, und sie brachten reiche Gaben: Kunstvolle Kelche und Ringe, von Zwergen geschmiedete Waffen, Harnische und Helme und Schilde, Gewänder aus Samt und Seide und Tuch aus Gold, Zaubermittel und Talismane. Denn die Elfen alterten ebenso wenig wie die Götter und die Riesen und die Trolle und andere Wesen dieser Art, und daher hatten sie nur wenige Kinder.

Geburten lagen Jahrhunderte auseinander und waren große Ereignisse, und noch wichtiger war für sie die Ankunft eines menschlichen Kindes.

Beim Festschmaus hörten sie vor der Burg Elfenhöhe so lautes Hufgeklapper, daß die Wände bebten und die Bronzetore klangen. Wachen stießen in die Trompeten, aber keiner wagte es, dem Reiter den Weg zu verwehren, und Imric ging und begrüßte ihn mit einer tiefen Verbeugung am Portal.

Er war von großer, schöner Gestalt, und seine Augen glänzten heller als seine Rüstung und sein Helm. Die Erde erbebte unter den Schritten seines Pferdes. „Sei gegrüßt, Skirnir“, sagte Imric. „Du ehrst uns mit deinem Besuch.“

Der Bote der Asen ritt über die vom Mondlicht beschienenen Pflastersteine. An seiner Seite sprang ruhelos ein Schwert in der Scheide und glänzte wie die Sonne selbst. Das war Freyrs Schwert, und es war ihm für seine Fahrt nach Jötunheim, als er Gerd suchte, verliehen worden. In den Händen trug er ein zweites Schwert, lang und breit, ohne Rost, aber schwarz von der Erde, in der es gelegen hatte, und in zwei Teile geborsten.

„Ich bringe ein Geschenk zum Namensfest deines Pflegesohns, Imric“, erklärte er. „Verwahre diese Klinge gut, und wenn er alt genug ist, ein Schwert zu schwingen, sage ihm, daß der Riese Bolverk sie wieder heilen kann. Der Tag wird kommen, an dem Skafloc einer guten Waffe dringend bedarf, und für diesen Tag ist das Geschenk der Asen gedacht.“

Er warf das geborstene Schwert auf den Boden, daß es klirrte, sein Pferd wirbelte herum, und das Donnern der Hufe verklang in der Nacht. Die Elfen waren ganz still, denn sie wußten, die Asen verfolgten mit diesem Geschenk ihre eigenen Zwecke, aber Imric blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen.

Keiner der Elfen konnte Eisen berühren. Deshalb rief der Graf nach seinen Zwergenknechten und hieß sie das Schwert aufnehmen. Von ihm geführt, trugen sie es in das unterste Verlies und brachten es in einer Nische nahe Goras Zelle unter. Imric schützte die Stelle mit Runenzeichen. Dann ging er und kam lange Zeit nicht mehr dorthin zurück.

Die Jahre vergingen, und von den Göttern kam keine Botschaft mehr.

Skafloc wuchs auf und war ein hübscher Junge, groß und fröhlich mit blauen Augen und lohfarbenen Haaren. Er lärmte und tobte mehr als die wenigen Elfenkinder und wuchs so viel schneller, daß er ein Mann war, als sich bei ihnen noch keine Veränderung zeigte. Es lag nicht in der Art der Elfen, ihren Kindern tiefe Zärtlichkeit zu zeigen, aber Lia zeigte sie Skafloc oft. Sie sang ihn mit Weisen in den Schlaf, die wie das Meer und der Wind und das Rauschen der Wälder waren. Sie lehrte ihn die höfischen Manieren der Elfenherren und auch die korybantischen Tänze, die sie aufführten, wenn sie im Freien waren, barfuß im Tau und berauscht vom Mondlicht. Einige der magischen Kenntnisse, die er erwarb, stammten von ihr: Lieder, die blendeten und die Sinne verwirrten, Lieder, die Felsen und Bäume von der Stelle bewegten, und Lieder ohne Ton, zu denen die Nordlichter in den Winternächten tanzten.

Skafloc hatte eine glückliche Kindheit. Er spielte mit den Elfenkindern und ihren Gefährten. In jenen Hügeln und Tälern gab es viele heimliche Wesen; es war ein Reich der Zauberei, und sterbliche Menschen oder Tiere, die manchmal hineingerieten, kehrten nicht zurück. Nicht alle Bewohner waren ungefährlich oder freundlich. Imric hatte ein Mitglied seiner Leibwache damit beauftragt, Skafloc auf allen Wegen zu folgen.

Geister wirbelten in den Nebeln über den Wasserfällen, und ihre Stimmen hallten von den Klippen wider. Skafloc konnte ihre anmutigen, von Regenbogengeglitzer umgebenen Körper nur undeutlich erkennen. In mondhellen Nächten wurden sie wie andere Bewohner des Feenreichs vom Licht angezogen, kamen heraus und saßen auf den moosigen Ufern, nackt bis auf die in ihr Haar geflochtenen Ranken und die Girlanden aus Wasserlilien, und die Elfenkinder plauderten mit ihnen. Die Geister konnten viel erzählen, von den Flüssen und den Fischen darin, von Frosch und Otter und Eisvogel und was sich diese untereinander zu sagen hatten, von sonnenbeschienenen, steinigen Gründen und von geheimen Tümpeln, wo das Wasser still und grün war – und von dem rauschenden, glitzernden Gleiten den Wasserfall hinunter in den wirbelnden Teich!

Es gab andere Wasserstellen, an denen Skafloc nicht spielen durfte, quakende Sümpfe und dunkle Bergseen, weil deren Bewohner bösen Sinnes waren.

Oft war er draußen im Wald und sprach mit dem kleinen Volk, das dort lebte, mit bescheidenen Gnomen, in Grau und Braun gekleidet mit langen Strumpfmützen, und den Männern hingen die Bärte bis an den Gürtel. Sie lebten behaglich zwischen den Wurzeln der größten Bäume und freuten sich, die Elfenkinder zu sehen. Aber vor den erwachsenen Elfen hatten sie Angst und waren froh, daß keiner von ihnen in ihre Behausungen kriechen konnte – außer natürlich, wenn sie durch Zauberei bis auf Gnomengröße zusammenschrumpften, und darauf legte keiner der hochmütigen Elfenherren den geringsten Wert.

Auch ein paar Kobolde waren in der Nähe. Einmal waren sie mächtig gewesen, aber Imric hatte sie mit Feuer und Schwert bekämpft, und diejenigen, die nicht erschlagen oder vertrieben wurden, waren ihrer Macht beraubt worden. Jetzt waren sie verstohlene Höhlenbewohner, aber Skafloc gelang es, sich mit einem von ihnen anzufreunden, und von ihm erhielt er manch seltsame Kunde über das Koboldvolk.

Einmal hörte der Junge weit weg in den Wäldern ein Pfeifen. Der zauberische Klang erweckte seine Neugier, und er eilte in die Schlucht, aus der er kam. Er hatte gelernt, sich so leise anzuschleichen, daß er vor dem Geschöpf stand, ehe dieses ihn bemerkte. Es war ein seltsames Wesen, menschenähnlich, aber mit den Beinen und Ohren und Hörnern eines Bocks. Es saß auf einem Baumstamm und spielte auf einem Satz Rohrflöten eine Melodie, die so traurig war wie seine Augen.

„Wer bist du?“ fragte Skafloc erstaunt.

Das Wesen setzte die Flöten ab, machte Anstalten zur Flucht und beruhigte sich dann doch. Seine Sprache klang fremdartig. „Ich bin ein Faun“, sagte er.

„Von denen habe ich noch nie gehört.“ Skafloc ließ sich mit gekreuzten Beinen im Gras nieder.

Der Faun lächelte betrübt im Zwielicht. Der erste Stern blinkte über seinem Kopf. „Es gibt auch außer mir keinen hier. Ich bin ein Flüchtling.“

„Von wo bist du gekommen, Faun?“

„Aus dem Süden, als der Große Pan tot war und der neue Gott, dessen Namen ich nicht aussprechen kann, in Hellas an die Macht kam. Für die alten Götter und Geister unseres Landes blieb nirgendwo mehr ein Platz. Die Priester fällten die Wälder und bauten Kirchen – oh, ich erinnere mich, wie die Dryaden, ungehört von ihnen, schrien, daß die heiße, stille Luft erbebte, als sollten die Schreie für ewig dort hängenbleiben. Sie gellen mir immer noch in den Ohren.“ Der Faun schüttelte sein lockiges Haupt. „Ich bin nach Norden geflohen, aber ich frage mich, ob diejenigen unter meinen Gefährten, die dablieben und kämpften und mit Exorzismen getötet wurden, nicht die Klügeren waren. Das ist lange her, Elfenknabe, und die ganze Zeit war ich sehr einsam.“ Tränen schimmerten in seinen Augen. „Die Nymphen und die Faune und sogar die Götter selbst sind weniger als Staub. Die Tempel stehen leer, weiß unter dem Himmel, und Stückchen für Stückchen zerfallen sie zu Ruinen. Und ich – ich wandere allein in einem fremden Land, dessen Götter mich verachten und dessen Menschen mich meiden. Es ist ein Land des Nebels und des Regens und der eisenharten Winter, des zornigen grauen Meers und des blassen Sonnenlichts. Nie mehr werde ich das blaue Wasser mit seinen sanften Wellen, nie mehr die kleinen Felseninseln und die lieblichen warmen Wälder sehen, wo die Nymphen auf uns warteten, nie mehr die Weinstöcke und die Feigenbäume, schwer von Früchten, nie mehr die leuchtenden Götter auf dem hohen Olymp…“

Der Faun unterbrach sein Klagen, spannte die Muskeln, spitzte die Ohren, und dann sprang er auf und verschwand im Gebüsch. Skafloc sah sich um und erblickte den Leibwächter, der ihn nach Hause bringen wollte.

Aber er war auch oft allein draußen. Er konnte das Tageslicht ertragen, das die Bewohner des Feenreichs meiden mußten, und Imric verließ sich darauf, daß sterbliche Wesen für seinen Pflegesohn keine Gefahr bedeuteten. So kam Skafloc weit mehr herum als die anderen Kinder von Elfenhöhe, und er lernte das Land viel besser kennen, als es einem Menschen während der ganzen ihm zugemessenen Lebensspanne möglich gewesen wäre.

Von den wilden Tieren waren der Fuchs und der Otter am freundlichsten zu den Elfen, und es muß eine Art von Verwandtschaft zwischen ihnen bestanden haben, weil sie eine Sprache hatten, die die Elfen verstanden. Vom Fuchs lernte Skafloc die Schleichwege im Wald und auf der Wiese, das Verstecken im sonnengesprenkelten Schatten und unzählige winzige Zeichen, die dem, der vollen Gebrauch von seinen Sinnen macht, ganze Geschichten erzählen. Vom Otter lernte er die Welt der Seen und Bäche kennen, er lernte ebenso gut zu schwimmen wie sein geschickter Lehrer und eine Deckung auszunutzen, die seinen Körper kaum zur Hälfte verbarg.

Aber er befreundete sich auch mit anderen Tieren. Die scheuesten Vögel setzten sich auf seinen Finger, wenn er in ihrer Sprache pfiff, der Bär brummte ihm einen Gruß zu, wenn er ihn in seiner Höhle besuchte. Rotwild, Elche, Hasen und Waldhühner hüteten sich vor ihm, als er mit der Jagd begann, doch hatte er mit einigen von ihnen Frieden geschlossen. Und die Geschichte all seiner Erlebnisse mit den Tieren würde sehr lang werden.

Die Jahre vergingen, und Skafloc wuchs heran. Beim ersten schüchternen Frühlingsgrün war er draußen in den Wäldern, wenn sie erfüllt waren vom Lärm der heimkehrenden Vögel, wenn die Flüsse durch die Schneeschmelze anschwollen und die ersten weißen Blumen im Moos wie übriggebliebene Schneeflocken leuchteten. Der Sommer kannte ihn, nackt und braun und mit fliegendem, sonnengebleichtem Haar, wie er den Hügel hinauf in den Himmel lief und Schmetterlinge jagte und aus reinem Übermut im Gras wieder hinunterrollte oder wie er in den hellen Nächten umhertanzte, wenn die Sterne funkelten und die Grillen zirpten und der Tau unter dem Mond glitzerte. Die Regenströme des Herbstes wuschen ihn, oder er flocht sich eine Krone aus flammenfarbenen Blättern und stand in der scharfen Luft und hörte den Abschiedsrufen der Vogelschwärme zu. Im Winter lief er durch die Schneeflocken oder suchte Schutz unter einem entwurzelten Baum, wenn der Sturm heulte und die Bäume ächzten. Manchmal stand er auf den mondhellen Schneefeldern und hörte das Eis des Sees in der Kälte knallen.

V

Als Skaflocs Glieder immer länger wurden, übernahm Imric seine Erziehung zu einem Krieger Alfheims. Die Menschen lernten schneller als die Bewohner des Feenreichs, da sie nur ein kurzes Leben hatten, und Skaflocs Wissen wuchs noch schneller als sein Körper.

Er lernte, die Pferde Alfheims zu reiten, weiße und schwarze Hengste und Stuten mit zauberischer, quecksilberner Anmut, schnell und unermüdlich wie der Wind, und es dauerte nicht lange, da galoppierte er in der Nacht von einem Ende des Landes zum anderen. Er lernte den Gebrauch von Schwert und Speer und Bogen und Axt. Er war weniger geschmeidig als die Elfen, aber er wurde stärker als sie und konnte die Kriegsrüstung so viele Tage tragen, wie es notwendig war, und was die Anmut betraf, so wäre jeder sterbliche Mann ein Klotz gegen ihn gewesen.

Er jagte weit über das Land, allein oder in Gesellschaft von Imric und seinen Gefolgsleuten. Skaflocs Bogen versandte manch tödlichen Pfeil auf Hirsche mit gewaltigem Geweih, sein Speer brachte manchen Eber zum Stehen. Es gab noch anderes und listenreicheres Wild, dem wie verrückt über Berg und Tal nachgesetzt wurde, Einhörner und Greife, die Imric zu seinem Vergnügen vom Ende der Welt hergeschafft hatte.

Skafloc lernte auch die Manieren der Elfen, ihre Würde, ihre endlosen Intrigen und ihre feine Sprache. Er konnte wie die wildesten unter ihnen zu Harfen und Flöten im Mondlicht tanzen. Er konnte selbst spielen und die seltsamen, schwebenden Weisen singen, die älter waren als der Mensch. Er eignete sich die Kunst der Skalden an, und er sprach bald in Versen ebenso mühelos wie in Prosa. Er lernte alle Sprachen des Feenreichs und drei Menschensprachen. Er wußte die erlesenen Speisen der Elfen und das flüssige Feuer, das in spinnwebbedeckten Flaschen unter der Burg ruhte, zu schätzen, aber sein Geschmack am Schwarzbrot und Salzfleisch des Jägers oder den wilden Beeren, die nach Regen, Sonne und Erde dufteten, oder an frischem Quellwasser wurde dadurch nicht verdorben.

Als der erste Flaum auf seinen Wangen wuchs, wurde ihm von den Elfenfrauen viel Beachtung zuteil. Die Elfen, die die Götter nicht fürchteten und nur wenige Kinder hatten, kannten die Ehe nicht, aber das Begehren nach Liebe war in den Frauen stärker und in den Männern schwächer als bei den Menschen. Daher fanden die Elfenfrauen großen Gefallen an Skafloc, und ihm ward viel Vergnügen.

Der schwerste und gefährlichste Teil seiner Ausbildung war die Zauberkunst. Sobald Skafloc über die einfachen Sprüche, die auch ein Kind anwenden konnte, hinausgewachsen war, unterwies ihn Imric ganz allein. So tief in das geheime Wissen eindringen wie sein Pflegevater konnte er seiner menschlichen Abstammung und seiner kurzen Lebensspanne wegen nicht, aber immerhin brachte er es so weit wie die meisten Elfenherren. Zuerst lernte er, dem Eisen aus dem Weg zu gehen, das kein Elf, Troll oder Kobold ertragen konnte. Auch als ihm gesagt worden war, und er selbst durch vorsichtige Berührung eines Nagels festgestellt hatte, daß ihm das Eisen keinen Schaden tun könne, mied er es aus Gewohnheit. Als nächstes zeigte Imric ihm die Runen, die Wunden und Krankheiten heilen, Unglück abwehren und Böses auf einen Feind herabwünschen. Skafloc lernte, durch Gesänge Stürme zu wecken und einzuschläfern, gute oder schlechte Ernten zu erzeugen, in einer sterblichen Brust Streitlust oder Frieden hervorzurufen. Er lernte, wie die Metalle, die den Menschen unbekannt waren und deren Legierungen im Feenreich die Stelle des Stahls einnahmen, aus den Erzen herausgeschmeichelt werden. Er benutzte den Mantel der Dunkelheit und legte Felle an, die ihm die Gestalt eines Tieres gaben.

Als seine Ausbildung beinahe beendet war, erfuhr er auch die mächtigen Runen und Gesänge und Beschwörungen, mit denen man die Toten erwecken, die Zukunft erkennen und die Götter zwingen konnte, aber außer in der äußersten Not wandte niemand sie an, weil sie den Benutzer bis ins Innerste erschütterten und seine Zerstörung bedeuten konnten.

Skafloc war oft am Meer. Er konnte stundenlang auf die ruhelosen Wellen hinausstarren bis zu der verschwommenen Linie, wo sich Wasser und Himmel trafen. Nie wurde er der tiefen Stimme der See oder des Geruchs ihrer salzigen Tiefen oder ihrer tausend Stimmungen müde. Er stammte aus einer seefahrenden Familie, und das Meer war in seinem Blut. Er sprach mit den Seehunden in ihrer grunzenden, bellenden Sprache, und die Möwen schwebten über seinem Kopf und brachten ihm die Neuigkeiten von den vier Enden der Erde. Manchmal, wenn er in der Gesellschaft anderer Krieger war, erhoben sich die Seejungfrauen aus dem Schaum, wrangen ihr langes grünes Haar aus und kamen auf den Strand, und dann vergnügten sie sich mit Skafloc. Sie waren kühl und feucht anzufassen, und sie rochen nach Tang; hinterher hatte Skafloc immer einen schwachen Fischgeschmack auf den Lippen, aber er mochte diese Wesen sehr gern. Mit fünfzehn Jahren war er beinahe so groß wie Imric, breit in den Schultern, sehnig, mit langem, flachsblondem Haar und brauner Haut. Er hatte ein offenes, starkknochiges Gesicht, einen breiten Mund, der schnell zum Lächeln bereit war, große, tiefblaue, weit auseinanderstehende Augen. Ein Sterblicher ohne seine Schulung würde gesagt haben, er sei von einem Geheimnis umgeben. Das kam daher, daß seine Augen viel mehr gesehen haben als ein gewöhnliches Menschenkind, und es enthüllte sich in seinen leopardenhaften Bewegungen.

Imric sprach zu ihm: „Jetzt bist du groß genug, um eigene Waffen zu erhalten, und du sollst neue bekommen, keine alten von mir. Auch mußt du dem Erlkönig vorgestellt werden. Wir werden über das Meer fahren.“

Skafloc stieß einen Freudenschrei aus, galoppierte wie verrückt durch das Land der Menschen und zauberte rein aus dem Drang, irgend etwas zu tun. Er ließ Töpfe auf dem Herd tanzen und Glocken in den Kirchtürmen läuten und Äxte von ganz allein Holz spalten. Er sang eine Kuh auf ein Strohdach und erweckte einen Wind, der das Heu ihres Besitzers über die ganze Grafschaft verteilte, und er ließ aus dem Himmel einen Goldregen in seinen Hof fallen. Mit der Tarnkappe um die Schultern küßte er die Mädchen, die im Dämmerlicht auf den Feldern arbeiteten, und verwirrte ihnen das Haar und stieß ihre Männer in einen Graben. Noch tagelang wurden Messen gehalten, um den Zauber zu bannen, aber da war Skafloc schon auf See.

Imrics schwarzes Langschiff flog vor dem Wind her, den er gerufen hatte. Seine Mannschaft bestand aus elf auserwählten Kriegern, denn man durfte die Möglichkeit nicht außer acht lassen, Trollen oder Kraken zu begegnen. Skafloc stand am Drachenbug und sah aufmerksam nach vorn. Schon früh in seinem Leben war ihm die Hexensicht gegeben worden, und so konnte er bei Nacht ebenso gut sehen wie am Tag. Er entdeckte Tümmler, silbergrau im Mondlicht, und einen alten Seehundbullen, den er kannte. Einmal tauchte ein Wal auf. Dinge, die sterbliche Seeleute nur mit einem Blick aus den Augenwinkeln erhaschen oder in ihren Träumen sehen, lagen vor den schrägen, umwölkten Elfenaugen und vor Skafloc in aller Deutlichkeit da: die Seejungfrauen, die sich singend im Schaum tummelten, die versunkenen Türme von Ys, ein kurzes Aufblitzen von Weiß und Gold und ein Kriegsruf aus den Lüften – Walküren, die zu irgendeiner Schlacht im Osten flogen. Der Wind sang in den Tauen, die Wellen brachen sich am Bug. Noch vor Sonnenaufgang hatte das Schiff die andere Küste erreicht. Es wurde auf den Strand gezogen und durch einen Zauber unsichtbar gemacht.

Die Elfen spannten ein Sonnensegel über das Schiff und suchten darunter Unterschlupf, aber Skafloc war die meiste Zeit des Tages unterwegs. Er kletterte auf einen Baum und betrachtete voller Staunen das sich weit nach Süden erstreckende, gepflügte Land. Die Häuser waren ganz anders als in England. Unter ihnen war das dürftige graue Langhaus eines Barons. Skafloc dachte mit flüchtigem Mitleid an die armseligen Leben, die in der darin herrschenden Düsternis vorübergingen. Er würde nicht tauschen.

Als es Nacht wurde, bestiegen die Elfen die mitgebrachten Pferde und ritten schnell wie der Wind landeinwärts. Um Mitternacht waren sie in einem Bergland, wo das Mondlicht dünne Silberstrahlen und dicke Schatten auf Felsen, Klippen und die von fern grün herüberschimmernden Gletscher warf. Die Elfen ritten einen engen Pfad entlang. Die Harnische klangen, die Lanzen waren hoch erhoben, ihre Umhänge flatterten hinter ihnen her. Die Hufschläge klirrten auf den Steinen und riefen Echos in der nächtlichen Wildnis hervor.

Von oben erscholl der heisere Klang eines Horns, ein anderes antwortete von unten. Die Elfen hörten Metall klirren und Füße trampeln. Als sie das Ende des Pfades erreichten, sahen sie vor der Öffnung einer Höhle einen Trupp Zwerge Wache halten.

Die krummbeinigen Männer reichten Skafloc kaum bis an den Gürtel, aber sie hatten breite Schultern und lange Arme. Ihre dunklen, bärtigen Gesichter waren zornig, ihre Augen glühten unter den buschigen Brauen. Sie hielten Schwerter, Äxte und Schilde aus Eisen in den Händen. Aber gegen diese hatten die Elfen auch früher schon mit Speeren und Pfeilen, mit Schnelligkeit und Geschicklichkeit und mit besseren Plänen gesiegt.

„Was wollt ihr?“ brummte der Anführer. „Haben die Elfen und die Trolle noch nicht genug Übel über uns gebracht, indem sie unser Land verwüsteten und unsere Leute als Sklaven wegführten? Diesmal sind wir stärker als ihr, und wenn ihr näherkommt, werden wir euch erschlagen.“

„Wir kommen in Frieden, Motsognir“, antwortete Imric. „Wir wollen nur von euren Waren kaufen.“

„Ich kenne deine Tricks, Imric, du Listenreicher“, erklärte Motsognir barsch. „Du willst uns hereinlegen.“

„Ich werde Geiseln geben“, bot der Elfengraf an, und dem stimmte der Zwergenkönig schließlich widerwillig zu. Nachdem die Zwerge einige der Neuankömmlinge entwaffnet und in ihre Mitte genommen hatten, führte Motsognir die anderen in seine Höhlen.

Feuer beleuchtete die Felsenwände mit blutigem Schein, und die Zwerge werkten unaufhörlich in ihren Schmieden. Ihre Hämmer schlugen und dröhnten, bis in Skaflocs Kopf ein antwortendes Läuten erklang. Hier wurden die kunstreichsten Gegenstände der ganzen Welt hergestellt, mit Edelsteinen ausgelegte Kelche und Becher, Ringe und Halsketten aus rötlichem Gold in komplizierten Mustern, Waffen entstanden aus Metallen, die dem Herz des Berges entrissen und Göttern würdig waren – und die Zwerge hatten ja auch schon für die Götter geschmiedet – und andere Waffen, beladen mit Übel. Mächtig waren die Runen und Zauber, die die Zwerge gravieren konnten, und erstaunlich waren die Künste, auf die sie sich verstanden.

„Ich möchte gern eine Ausrüstung für diesen meinen Pflegesohn“, sagte Imric.

Motsognirs Maulwurfsaugen richteten sich in dem flackernden Licht auf Skaflocs hohe Gestalt. Seine Stimme grollte durch den Hämmerklang: „Hast du wieder einmal dein altes Spiel mit einem Wechselbalg getrieben, Imric? Eines Tages wirst du dich übernehmen. Aber da er ein Mensch ist, nehme ich an, daß er Waffen aus Stahl haben will.“

Skafloc zögerte. Er konnte nicht mit einemmal abschütteln, daß er sich all die Jahre vor Stahl gehütet hatte. Doch er hatte gewußt, was kommen würde. Bronze war zu weich, die seltsamen Elfenlegierungen zu leicht, um es ihm zu ermöglichen, vollen Gebrauch von seiner wachsenden Stärke zu machen.

„Aye, Stahl“, antwortete er fest.

„Gut, gut“, brummte Motsognir und wandte sich seiner Schmiede zu. „Ich will dir was sagen, Junge. Ihr Menschen, die ihr schwach und kurzlebig und unwissend seid, habt nichtsdestotrotz mehr Kraft als Elfen und Trolle, ja mehr als Riesen und Götter. Und daß ihr kaltes Eisen anfassen könnt, ist nur einer der Gründe. Ho!“ rief er. „Ho, Sindri, Thekk, Draupnir, kommt, helft mit!“

Die Schmiedearbeiten gingen schnell voran, Funken flogen und Metall schrie. So geschickt waren die Zwerge, daß es nur eine kurze Zeit dauerte, bis Skafloc einen geflügelten Helm, einen schimmernden Harnisch, einen Schild auf dem Rücken, ein Schwert an der Seite und eine Axt in der Hand trug, alles aus blauglänzendem Stahl. Er jauchzte vor Freude, schwang seine Waffen und stieß den Kriegsruf der Elfen aus.

„Ha!“ rief er und steckte das Schwert zurück in die Scheide. „Trolle und Kobolde und auch die Riesen sollen es nur wagen, Alfheim anzugreifen! Wir werden sie schlagen wie der Blitz und Feuer in ihr eigenes Land tragen!“ Und er machte die Stabreime:

Schnell geht das Schwertspiel!
Wie der Sturmwind brausend
klingt es in den Klüften,
steigt der Klang zum Himmel.
Zornig zischen Pfeile
Äxte zielen auf Helme,
brechen Brünnen und Schilde,
bohren sich in Schädel.

Schnell geht das Schwertspiel!
Speere regnen auf Feinde.
Die Reihen der Gegner zerreißen
beim Ansturm der rasenden Krieger.
Rotes Blut raucht,
rinnt dem Meer entgegen.
Hungrig heulen die Wölfe,
die Habichte kommen zum Schmaus.

„Gut gesprochen, wenn auch ein wenig knabenhaft“, stellte Imric kühl fest. „Aber denke daran, daß du Elfen mit deinen neuen Spielzeugen nicht berühren darfst. Laß uns gehen.“ Er gab Motsognir einen Sack Gold. „Hier ist die Bezahlung für deine Arbeit.“

„Ich möchte lieber damit bezahlt werden, daß du deine Sklaven aus unserer Rasse freigibst“, sagte der Zwerg.

„Sie sind zu nützlich“, warf Imric ein und ging.

Bei Sonnenaufgang zog sich sein Trupp in eine Höhle zurück, und in der nächsten Nacht ritten sie weiter nach dem großen Wald, in dem die Burg des Erlkönigs stand.

Um die Burg war ein Zauber gewoben, den Skafloc noch nicht entwirren konnte. Er war sich nur undeutlich schlanker Türme bewußt, die im Mondlicht aufragten, eines blauen Zwielichts, in dem viele Sterne tanzten und sich drehten, einer Musik, die durch Mark und Bein bis in die Seele drang – aber erst im Thronsaal war er imstande, irgend etwas deutlich zu sehen.

Umgeben von seinen hochgewachsenen Rittern saß auf einem Thron aus Schatten der Erlkönig. Golden waren seine Krone und sein Zepter, und seine purpurfarbenen Gewänder verschmolzen mit dem Dämmerlicht im Saal. Sein Haar und sein Bart waren weiß, und von allen Elfen zeigte er allein auf Stirn und Wangen Zeichen des Alters. Ansonsten sah sein Gesicht aus wie aus Marmor gehauen, aber in seinen Augen brannte Feuer.

Imric verneigte sich, und die Krieger in seinem Gefolge beugten das Knie vor ihrem König. Als der Herrscher sprach, klang es wie das Singen des Windes: „Sei gegrüßt, Imric, Graf von Britanniens Elfen.“

„Sei gegrüßt, Herr“, antwortete Imric und begegnete ruhig dem schrecklichen Blick des Erlkönigs.

„Wir haben Unsere Edlen zum Rat einberufen“, sagte der Herrscher, „weil die Kunde zu uns gelangt ist, die Trolle bereiteten einen neuen Krieg vor. Es kann kein Zweifel daran herrschen, daß sie gegen uns ziehen wollen, und wir müssen damit rechnen, daß der Waffenstillstand in den nächsten Jahren gebrochen wird.“

„Das ist gut. Unsere Schwerter faulen in ihren Scheiden.“

„Vielleicht ist es auch nicht gut, Imric. Beim letzten Mal haben die Elfen die Trolle zurückgetrieben und hätten leicht in ihr Land eindringen können, wäre nicht vorher Frieden geschlossen worden. Illrede, der Troll-König, ist kein Narr. Er wird keinen Krieg anfangen, wenn er nicht dächte, stärker als damals zu sein.“

„Ich werde in meinem Gebiet Vorbereitungen treffen und Spione ausschicken, Herr.“

„Gut. Vielleicht erfahren sie etwas Nützliches, wenn auch unsere eigenen versagt haben.“ Jetzt richtete der Erlkönig seine Augen auf Skafloc, der den Flammenblick kühn aushielt, obwohl ihm dabei kalt ums Herz wurde. „Wir haben von deinem Pflegesohn gehört, Imric“, murmelte der König. „Du hättest uns fragen sollen.“

„Dazu war keine Zeit, Herr“, verteidigte der Graf sich. „Das Kind wäre getauft worden, ehe ich eine Botschaft hierherschicken und Antwort darauf bekommen konnte. Es ist heutzutage schwierig, ein Kind zu stehlen.“

„Und gefährlich auch, Imric.“

„Aye, Herr, aber es ist der Mühe wert. Ich brauche dich nicht daran zu erinnern, daß die Menschen vieles tun können, was Elfen, Trollen, Kobolden und ähnlichem Volk versagt ist. Sie können jedes Metall benutzen, sie können Weihwasser berühren und über heiligen Boden gehen und den Namen des neuen Gottes aussprechen – ja, die alten Götter selbst müssen einige Dinge fliehen, die den Menschen zugänglich sind. Wir Elfen brauchen einen Menschen.“

„Der Wechselbalg, den du an seiner Stelle zurückgelassen hast, könnte all das tun.“

„So ist es, Herr. Aber du kennst die wilde und böse Art eines solchen Halbbluts. Ihm könnten wir nicht wie diesem Menschen unsere Zauberkünste anvertrauen. Die Menschen dürfen niemals sicher darüber sein, ob ihnen Kinder gestohlen worden sind. Wäre das nicht zu beachten, würden die Elfen keine Wechselbälger machen.“

Bis dahin war das Gespräch in der müßigen Art der Unsterblichen geführt worden, doch nun wurde der Ton des Erlkönigs schärfer. „Kann man diesem Menschen vertrauen? Er braucht sich nur dem neuen Gott zuzuwenden, und schon ist er aus unserer Reichweite. Vielleicht wird er auch irgendwann zu stark für uns.“

„Nein, Herr!“ Skafloc trat vor und sah dem Erlkönig gerade ins Gesicht. „Ich bin Imric von ganzem Herzen dankbar dafür, daß er mich vor dem langweiligen, blinden Leben der Sterblichen gerettet hat. Ich bin in allem bis auf das Blut ein Elf. Elfenbrüste haben mich gesäugt, die Elfensprache spreche ich, mit Elfenmädchen schlafe ich.“ Beinahe anmaßend hob er den Kopf. „Gib mir Gelegenheit, mich zu bewähren, Herr, und ich werde der beste deiner Jagdhunde sein – aber ein Hund, den man vertreibt, wird zum Wolf und ernährt sich von den Herden seines früheren Herrn.“

Einige der Elfen waren entgeistert über soviel Kühnheit, aber der König nickte und lächelte grimmig. „Wir glauben dir, und in der Tat haben sich schon früher in Alfheim aufgenommene Menschen als gute Krieger erwiesen. Was uns deinethalben Sorgen macht, ist das Geschenk der Asen zu deinem Namensfest. Sie haben in dieser Sache irgendwie die Hand im Spiel, und ihre Ziele sind wahrscheinlich nicht die unseren.“

Ein Schauder lief durch die edle Versammlung, und einige schrieben Runenzeichen in die Luft. Aber Imric erklärte: „Herr, was die Nornen beschlossen haben, können nicht einmal die Götter ändern. Ich hielte es für eine Schande, auf einen so vielversprechenden Menschen nur einer ungewissen Befürchtung wegen zu verzichten.“

„Ja, es wäre eine Schande“, nickte der Erlkönig, und die Ratsversammlung wandte sich anderen Dingen zu.

Ein üppiges Festmahl wurde abgehalten, bevor die Elfenherren sich trennten. Skafloc schwindelte der Kopf angesichts der Pracht des Königshofes. Als er dann nach Hause kam, waren seine Verachtung und sein Mitleid für die Menschen so groß geworden, daß er eine Weile überhaupt nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollte.

Nun vergingen etwa ein halbes Dutzend Jahre. Die Elfen blieben sich gleich,  aber Skafloc wuchs weiter, bis seine Ausrüstung von Imrics Zwergenknechten geändert werden mußte. Er war größer und breiter als der Graf, und er war der stärkste Mann im Reich. Er rang mit Bären und wilden Bullen und überholte einen Hirsch im Lauf. Kein anderer in Alfheim hätte seinen Bogen spannen oder seine Axt – ob aus Eisen oder nicht – schwingen können.

Sein Gesicht wurde schmaler, und auf seiner Oberlippe wuchs ein Schnurrbart von der Farbe des Weizens. Er war ausgelassen und unbezähmbar, und er liebte übermütige Streiche und tollkühne Unternehmungen. Er war ein boshafter Zauberer, der einen Wirbelwind beschwören mochte, nur um einem Mädchen die Röcke zu heben, ein großer Trinker und Prahler. Seine überschüssige Stärke machte ihn ruhelos. Er streifte durchs Land und jagte das gefährlichste Wild, das er finden konnte. Ungeheuer von Grendels Blut suchte er und schlug sie in ihren Sümpfen, und manchmal trug er schreckliche Wunden davon, die nur Imrics Zauberkünste heilen konnten. Aber stets war er bereit zu einer neuen Tollheit. Dann wieder konnte er wochenlang müßig herumliegen und träumerisch auf die Wolken starren. Auch machte er in der Gestalt eines Otters oder Wolfs Gewässer und Wälder unsicher und schwang sich als Adler in die Lüfte.

„Drei Dinge habe ich nie kennengelernt“, rühmte er sich einmal. „Furcht und Niederlage und Liebesweh.“

Imric sah ihn mit einem seltsamen Blick an. „Du hast die drei äußersten Grenzen des menschlichen Lebens noch nicht kennengelernt, weil du jung bist.“

„Ich bin mehr Elf als Mensch, Pflegevater.“

„Das bist du – bis heute.“

In einem Jahr rüstete Imric ein Dutzend Langschiffe aus und ging auf Beutefahrt. Die Flotte überquerte das östliche Meer und plünderte die Wohnungen der Kobolde entlang der felsigen Küsten. Dann ritten die Elfen landeinwärts, überfielen eine Troll-Stadt und verbrannten sie, nachdem sie die Bewohner erschlagen und ihre Schätze an sich genommen hatten. Obgleich der Krieg noch nicht erklärt war, wurden auf beiden Seiten solche Vorstöße und Kraftproben üblich.

Imric und Skafloc und ihre Krieger segelten weiter nach Norden und dann nach Osten durch ein seltsames weißes Land, das ganz aus Nebel und Kälte und treibenden Eisbergen bestand. Schließlich umrundeten sie ein Kap, passierten eine Meerenge und wandten sich nach Süden. Dort kämpften sie gegen Drachen und wüteten unter den Dämonen des Landes. Sie folgten der Küste wieder westwärts, bis sie nach Süden umbog, und dann fuhren sie von neuem nach Norden. Die härteste Schlacht kämpften sie auf einem verlassenen Strand mit einer Schar geflohener Götter, die dünn und ausgemergelt und in ihrer Einsamkeit wahnsinnig geworden waren, aber trotzdem noch über schreckliche Macht verfügten. Drei Elfenschiffe wurden nach dem Kampf verbrannt, da sie nicht mehr bemannt werden konnten, aber Imric blieb Sieger.

Auch Menschen sahen sie, aber da sie nur am Feenreich interessiert waren, schenkten sie ihnen keine Beachtung. Nicht überall führten sie Krieg; in den meisten Reichen wurden sie gut aufgenommen, und man bot ihnen Waren zum Kauf an, was jedesmal einen längeren Aufenthalt bedeutete. Drei Jahre nach ihrem Aufbruch kehrten die Schiffe vollbeladen mit Reichtümern und Gefangenen zurück. Es war eine glorreiche Fahrt gewesen, von der überall in Alfheim und den Nachbarländern berichtet wurde, und Imric und Skafloc gewannen großen Ruhm.

Fortsetzung: Das geborstene Schwert (2): Valgard

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Ein Kommentar

  1. Kürzlich bin ich auf diese Leseprobe für die englische Fassung von „Das geborstene Schwert“ gestoßen (leider werden nicht alle Seiten angezeigt, und leider kann man sie nicht auf PDF abspeichern):

    The Broken Sword

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