Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel

Von George R. R. Martin. Original: „With Morning Comes Mistfall“, veröffentlicht 1973. Die deutsche Übersetzung von Martin Eisele erschien im Sammelband „Die zweite Stufe der Einsamkeit“ (Moewig-Verlag 1982, ISBN 3-8118-3567-X).

* * *

Ich kam zeitig zum Frühstück an jenem Morgen, dem ersten Tag nach der Landung. Aber Sanders war schon auf dem Speisebalkon draußen, als ich dort ankam. Er stand allein am Rand und schaute über die Berge in den Nebel hinaus.

Ich schlenderte von hinten heran und murmelte: „Hallo“. Er machte sich nicht die Mühe, zu antworten. „Es ist schön, nicht wahr?“ sagte er, ohne sich umzudrehen. Und das war es.

Nur ein paar Fuß unterhalb des Balkons wallten die Nebel, ließen geisterhafte Brecher gegen die Mauern von Sanders Schloß krachen. Eine dichte weiße Decke erstreckte sich von Horizont zu Horizont, verhüllte alles. Wir konnten im Norden den Gipfel des Roten Geistes sehen; ein gezackter Dolch aus scharlachrotem Fels, der in den Himmel stach. Aber das war alles. Die anderen Berge waren noch unter Nebelhöhe.

Aber wir waren über den Nebeln. Sanders hatte sein Hotel auf dem höchsten Berg der Kette gebaut. Wir trieben allein in einem wirbelnden weißen Ozean, auf einem fliegenden Schloß inmitten eines Wolkenmeeres.

Wolkenschloß, wirklich. So hatte Sanders diesen Ort genannt. Es war leicht zu verstehen, weshalb.

„Ist es immer so?“ fragte ich Sanders, nachdem ich das alles eine Zeitlang in mich hineingetrunken hatte.

„Jedesmal, wenn der Nebel fällt“, erwiderte er, wobei er sich mir mit einem wehmütigen Lächeln zuwandte. Er war ein dicker Mann mit einem jovialen roten Gesicht. Nicht die Sorte, die wehmütig zu lächeln pflegt. Aber er tat es.

Er deutete nach Osten, wo Geisterwelts Sonne über die Nebel emporstieg und den Morgendämmerungshimmel zu einem karmesinroten und orangenen Schauspiel machte.

„Die Sonne“, sagte er. „Wenn sie aufgeht, treibt die Hitze die Nebel in die Täler zurück, zwingt sie, die Berge freizugeben, die sie während der Nacht erobert haben. Die Nebel sinken, und einer nach dem anderen kommen die Gipfel in Sicht. Bis zum Mittag ist die ganze Kette Meilen und Meilen weit sichtbar. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Erde oder sonstwo.“

Er lächelte wieder und führte mich an einen der auf dem Balkon verstreut stehenden Tische hinüber. „Und dann, bei Sonnenuntergang, ist alles umgekehrt. Sie müssen heute abend den Nebelaufgang beobachten“, sagte er.

Wir setzten uns, und als die Stühle unsere Anwesenheit registrierten, kam ein schnittiger Robokellner herausgerollt, um uns zu bedienen. Sanders ignorierte ihn. „Es ist ein Krieg, wissen Sie“, fuhr er fort. „Ewiger Krieg zwischen der Sonne und den Nebeln. Und die Nebel sind dabei im Vorteil. Sie haben die Täler und die Ebenen und die Meeresküsten. Die Sonne hat nur ein paar Bergspitzen. Und die nur bei Tag.“

Er wandte sich an den Robokellner und bestellte Kaffee für uns beide, um uns beschäftigt zu halten, bis die anderen ankamen. Natürlich würde er frisch aufgebrüht sein. Sanders tolerierte keine Sofortlöslichen auf seinem Planeten.

„Es gefällt Ihnen hier“, sagte ich, während wir auf den Kaffee warteten.

Sanders lachte. „Warum sollte es mir nicht gefallen? Wolkenschloß hat alles. Gutes Essen, Unterhaltung, Glücksspiele und all die anderen Annehmlichkeiten von zu Hause. Plus diesen Planeten. Ich habe das Beste von beiden Welten, oder?“

„Das nehme ich an. Aber die meisten Leute denken nicht in derartigen Begriffen. Niemand kommt des Spielens oder des Essens wegen nach Geisterwelt.“

Sanders nickte. „Aber wir bekommen ein paar Jäger. Scharf auf Felskatzen und Prärieteufel. Und ab und zu kommt jemand, um sich die Ruinen anzusehen.“

„Mag sein“, sagte ich. „Aber die sind die Ausnahmen. Nicht die Regel. Die meisten Ihrer Gäste sind aus einem ganz bestimmten Grund hier.“

„Sicher“, gab er grinsend zu. „Die Geister.“

„Die Geister“, echote ich. „Sie haben Schönheit hier, und man kann jagen und fischen und bergsteigen. Aber nichts davon bringt die Touristen hierher. Es sind die Geister, deretwegen sie kommen.“

Dann kam der Kaffee, zwei große, dampfende Tassen, begleitet von einem Krug mit dicker Sahne. Er war sehr stark und sehr heiß und sehr gut. Nach Wochen mit Raumschiffssynthetik war es ein Erwachen.

Sanders schlürfte mit Vorsicht an seinem Kaffee, wobei seine Augen mich über die Tasse hinweg musterten. Er stellte sie nachdenklich ab. „Und der Geister wegen sind auch Sie gekommen“, sagte er.

Ich zuckte mit den Schultern. „Natürlich. Meine Leser sind nicht an Landschaften interessiert, egal wie großartig sie sind. Dubowski und seine Männer sind hier, um die Geister zu finden, und ich bin hier, um über die Sache zu schreiben.“

Sanders wollte gerade antworten, bekam aber keine Gelegenheit dazu. Eine scharfe, präzise Stimme fiel plötzlich ein. „Wenn es hier überhaupt Geister zu finden gibt“, sagte die Stimme.

Wir drehten uns zum Balkoneingang um. Dr. Charles Dubowski, Kopf des Geisterwelt-Forschungsteams, stand in der Tür und blinzelte ins Licht. Er hatte es geschafft, das Geschnatter von Forschungsassistenten abzuschütteln, die für gewöhnlich überall hinter ihm her kamen.

Dubowski hielt eine Sekunde inne, kam dann an unseren Tisch herüber, zog einen Stuhl vor und setzte sich. Der Robokellner kam wieder herausgerollt.

Sanders faßte den Wissenschaftler mit unverhohlener Abneigung ins Auge. „Was bringt Sie auf den Gedanken, die Geister gäbe es nicht, Doktor?“ fragte er.

Dubowski zuckte mit den Schultern und lächelte leicht. „Ich habe einfach das Gefühl, daß es nicht genug Beweise gibt“, sagte er. „Aber machen Sie sich keine Sorgen. Ich lasse meine Gefühle sich nicht in meine Arbeit einmischen. Ich will die Wahrheit ebensosehr wie jeder andere auch herausfinden. Daher betreibe ich eine unvoreingenommene Expedition. Wenn Ihre Geister da draußen sind, werde ich sie finden.“

„Oder sie finden Sie“, sagte Sanders. Er sah ernst aus. „Und das dürfte nicht allzu angenehm sein.“

Dubowski lachte. „Oh, kommen Sie, Sanders. Nur weil Sie in einem Schloß wohnen, heißt das nicht, daß Sie so melodramatisch sein müssen.“

„Lachen Sie nicht, Doktor. Die Geister haben schon früher Leute umgebracht, wissen Sie.“

„Kein Beweis dafür“, sagte Dubowski. „Überhaupt kein Beweis. Genausowenig wie es einen Beweis für die Geister selbst gibt. Aber deshalb sind wir hier. Um Beweise zu finden. Oder Gegenbeweise. Aber kommen Sie, ich verhungere.“ Er wandte sich an unseren Robokellner, der danebengestanden und ungeduldig gesummt hatte.

Dubowski und ich bestellten Felskatzensteaks, dazu einen Korb heißer, frischgebackener Biskuits. Sanders nutzte die Gelegenheit, wählte aus den Erdvorräten, die unser Schiff gestern gebracht hatte, und bekam eine gewaltige Scheibe Schinken mit einem halben Dutzend Eiern.

Felskatze hat einen Geschmack, den das Fleisch auf der Erde seit Jahrhunderten nicht mehr hat. Mir schmeckte es, auch wenn Dubowski viel von seinem Steak ungegessen ließ. Er war viel zu sehr mit Reden beschäftigt, um essen zu können.

„Sie sollten die Geister nicht so leicht abtun“, sagte Sanders, nachdem der Robokellner mit unseren Bestellungen davongeflitzt war. „Es gibt Beweise. Eine Menge sogar. Zweiundzwanzig Todesfälle, seit dieser Planet entdeckt wurde. Und dutzendweise Augenzeugenberichte über Geister.“

„Stimmt“, sagte Dubowski. „Aber ich würde die nicht echte Beweise nennen. Todesfälle? Ja. Die meisten allerdings sind einfaches Verschwinden. Wahrscheinlich Leute, die an einem Berg abgestürzt oder von einer Felskatze gefressen worden sind oder so etwas. Es ist unmöglich, in den Nebeln die Leichen zu finden. Auf der Erde verschwinden jeden Tag mehr Leute, und man macht sich keine Gedanken darüber. Aber hier behaupten die Leute jedesmal, wenn jemand verschwindet, die Geister hätten ihn geholt. Nein, es tut mir leid. Das genügt mir nicht.“

„Es wurden Leichen gefunden, Doktor“, sagte Sanders ruhig. „Grauenvoll zugerichtet. Und nicht durch Stürze und auch nicht durch Felskatzen.“

Ich war an der Reihe, mich einzumischen. „Es wurden nur vier Körper wiedergefunden, soviel ich weiß“, sagte ich. „Und ich habe mich ziemlich gründlich über die Geister informiert.“

Sanders runzelte die Stirn. „Schon gut“, gab er zu. „Aber was ist mit diesen vier Fällen? Ziemlich überzeugende Beweise, wenn Sie mich fragen.“

Zu der Zeit etwa wurde das Essen gebracht, aber Sanders fuhr fort, während wir aßen. „Die erste Erscheinung, zum Beispiel. Die wurde nie zufriedenstellend erklärt. Die Gregor-Expedition.“

Ich nickte. Dave Gregor hatte das Schiff befehligt, das Geisterwelt vor knapp fünfundsiebzig Jahren entdeckt hatte. Er hatte mit seinen Sensoren durch die Nebel getastet und sein Schiff bei den Meeresküsten-Ebenen gelandet. Dann schickte er Erkundungs-Teams aus.

Es waren zwei Männer pro Team, beide gut bewaffnet. Aber in einem Fall kam nur ein einziger Mann zurück, und der war hysterisch. Er und sein Partner waren im Nebel getrennt worden, und plötzlich hörte er einen Schrei, der ihm das Blut gerinnen ließ. Als er seinen Freund fand, war der tot. Und etwas kauerte über der Leiche.

Der Überlebende beschrieb den Mörder als menschenähnlich, acht Fuß groß und irgendwie substanzlos. Er behauptete, als er darauf geschossen habe, sei der Laserstoß einfach direkt hindurchgegangen. Dann hatte das Wesen geschwankt und war in den Nebeln verschwunden.

Gregor schickte weitere Teams aus, um nach dem Ding zu suchen. Sie bargen den Leichnam, aber das war alles. Ohne spezielle Instrumente war es schwer, denselben Ort in den Nebeln zweimal zu finden. Ganz zu schweigen von so etwas wie dem beschriebenen Wesen.

So wurde die Geschichte nie bestätigt. Aber trotzdem stelle sie eine Sensation dar, als Gregor zur Erde zurückkehrte. Ein weiteres Schiff wurde geschickt, um eine gründlichere Suche durchzuführen. Es fand nichts. Aber eines seiner Such-Teams verschwand spurlos.

Und die Legende von den Nebelgeistern war geboren und begann zu wachsen. Andere Schiffe flogen Geisterwelt an, und ein sickernder Strom von Kolonisten kam und ging, und eines Tages landete Paul Sanders und errichtete das Wolkenschloß, damit die Öffentlichkeit den geheimnisvollen Planeten der Geister sicher besuchen konnte.

Und es gab weitere Todesfälle und weiteres Verschwinden, und viele Leute behaupteten, kurze Blicke auf Geister, die durch die Nebel schlichen, erhascht zu haben. Und dann fand jemand die Ruinen. Heute nur noch ein Wirrwarr aus Steinblöcken. Aber einst eine Art Bauwerk. Die Heimstatt der Geister, sagten die Leute.

Da waren die Beweise, dachte ich. Und einige davon waren schwer zu leugnen. Aber Dubowski schüttelte heftig den Kopf.

„Die Gregor-Sache beweist nichts“, sagte er. „Sie wissen genausogut wie ich, daß dieser Planet nie gründlich erforscht worden ist. Besonders im Gebiet der Ebenen, wo Gregors Schiff landete. Wahrscheinlich war das, was den Mann getötet hat, eine Art Tier. Ein irgendwie in dieser Gegend heimisches, seltenes Tier.“

„Was ist mit der Aussage seines Partners?“ fragte Sanders.

„Hysterie, schlicht und einfach.“

„Die anderen Sichtungen? Es gab eine ziemliche Menge davon. Und die Zeugen waren nicht immer hysterisch.“

„Beweist nichts“, sagte Dubowski und schüttelte den Kopf. „Daheim, auf der Erde, behaupten noch immer eine Menge Leute, Gespenster und fliegende Untertassen gesehen zu haben. Und hier in diesen verdammten Nebeln sind Fehlurteile und Halluzinationen naturgemäß noch leichter.“

Er stieß mit dem Messer, das er dazu benutzt hatte, einen Biskuit mit Butter zu bestreichen, Richtung Sanders. „Es sind diese Nebel, die alles verderben. Der Gespenster-Mythos wäre ohne die Nebel schon längst gestorben. Bis jetzt hatte niemand die Ausrüstung oder das Geld, um eine wirklich gründliche Nachforschung durchführen zu können. Aber wir haben beides. Und wir werden es schaffen. Wir werden ein für allemal die Wahrheit herausfinden.“

Sanders verzog das Gesicht. „Wenn Sie nicht vorher umgebracht werden. Vielleicht mögen es die Geister nicht, erforscht zu werden.“

„Ich verstehe Sie nicht, Sanders“, sagte Dubowski. „Wenn Sie eine solche Angst vor den Geistern haben und so davon überzeugt sind, daß sie da unten sind und dort herumschleichen, warum haben Sie dann so lange hier gewohnt?“

„Wolkenschloß wurde mit Schutzvorrichtungen gebaut“, sagte Sanders. „Die Broschüre, die wir potentiellen Gästen schicken, beschreibt sie. Hier ist niemand in Gefahr. Einmal, weil die Geister nicht aus den Nebeln herauskommen. Und wir sind den größten Teil des Tages im Sonnenlicht. Aber unten in den Tälern – da ist es eine andere Geschichte.“

„Das ist abergläubischer Unsinn. Wenn ich raten müßte, würde ich sagen, diese Nebelgeister von Ihnen sind nichts anderes als von der Erde hierher transportierte Geister. Aber ich will nicht raten – ich werde abwarten, bis wir die Ergebnisse haben. Dann werden wir sehen. Wenn sie real sind, werden sie sich nicht vor uns verbergen können.“

Sanders schaute zu mir herüber. „Was ist mit Ihnen? Stimmen Sie ihm zu?“

„Ich bin Journalist“, sagte ich vorsichtig. „Ich bin nur hier, um über das zu berichten, was passiert. Die Geister sind berühmt, und meine Leser sind interessiert. Deshalb habe ich keine Meinungen. Oder jedenfalls keine, die ich gern äußern würde.“

Sanders verfiel in ein verstimmtes Schweigen und nahm seinen Schinken mit Ei mit neuer Kraft in Angriff. Dubowski übernahm an seiner Stelle und steuerte die Diskussion über auf die Einzelheiten der Untersuchung, die er plante. Der Rest der Mahlzeit war eine Montage eifrigen Redens über Geisterfallen und Suchpläne und Robot-Sonden und Sensoren. Ich hörte aufmerksam zu und machte in Gedanken Notizen für eine Kolumne über dieses Thema.

Sanders hörte ebenfalls aufmerksam zu. Aber man konnte von seinem Gesicht ablesen, daß er von dem, was er hörte, überhaupt nicht erfreut war.

An diesem Tag passierte nicht viel mehr. Dubowski verbrachte seine Zeit am Raumhafen, der auf einem kleinen Plateau unterhalb des Schlosses erbaut war, und überwachte das Ausladen seiner Ausrüstung. Ich habe einen Artikel über seine Expeditionspläne geschrieben und ihn zur Erde gebeamt. Sanders kümmerte sich um seine anderen Gäste und tat, was ein Hoteldirektor sonst noch tut, schätze ich.

Ich ging bei Sonnenuntergang wieder auf den Balkon hinaus, um die Nebel aufsteigen zu sehen.

Es war ein Krieg, wie Sanders gesagt hatte. Beim Nebelniedergang hatte ich die Sonne siegreich in der ersten der täglichen Schlachten gesehen. Aber jetzt war der Konflikt erneuert. Als die Temperatur fiel, begannen die Nebel in die Höhen zurückzukriechen. Dünne, grauweiße Ranken stahlen sich still aus den Tälern hoch und schlangen sich wie geisterhafte Finger um die zerklüfteten Berggipfel. Dann wurden die Finger dicker und stärker, und nach einer Weile zogen sich die Nebel empor.

Einer nach dem anderen wurden die kahlen, windgegeißelten Gipfel für eine weitere Nacht verschluckt. Der Rote Geist, der Riese im Norden, war der letzte Berg, der in dem alles verschlingenden weißen Ozean verschwand. Und dann begannen die Nebel über den Balkonsims hereinzuströmen und auch Wolkenschloß zu umschließen.

Ich ging wieder hinein. Dort stand Sanders, unmittelbar innerhalb der Türen. Er hatte mich beobachtet.

„Sie hatten recht“, sagte ich. „Es war schön.“

Er nickte. „Wissen Sie, ich glaube nicht, daß sich Dubowski bisher die Mühe gemacht hat hinzusehen“, sagte er.

„Beschäftigt, schätze ich.“

Sanders seufzte. „Verdammt zu beschäftigt. Kommen Sie, ich gebe einen Drink aus.“

Die Hotelbar war still und dunkel, mit einer Art von Stimmung, die ein gutes Gespräch und ernstes Trinken fördert. Je mehr ich von Sanders Schloß sah, um so mehr mochte ich den Mann. Unser Geschmack war in bemerkenswertem Einklang.

Wir fanden einen Tisch im dunkelsten und abgesondertsten Teil des Raumes und bestellten Drinks aus einem Vorrat, der Alkoholika von einem Dutzend Welten umfaßte. Und wir redeten.

„Sie scheinen nicht sehr glücklich, Dubowski hier zu haben“, sagte ich, nachdem die Drinks gekommen waren. „Warum nicht? Er füllt Ihr Hotel.“

Sanders sah von seinem Drink auf und lächelte. „Stimmt. Es ist die schwache Saison. Aber mir gefällt nicht, was er zu tun versucht.“

„Sie versuchen also, ihn loszuwerden?“

Sanders Lächeln verschwand. „War ich so durchschaubar?“

Ich nickte.

Er seufzte. „Hab nicht gedacht, daß es klappen würde“, sagte er. Er schlürfte nachdenklich an seinem Drink. „Aber ich mußte etwas versuchen.“

„Warum?“

„Weil. Weil er diese Welt zerstören wird, wenn ich ihn machen lasse. Sobald sich er und seinesgleichen durchsetzen, wird kein Rätsel des Universums mehr übrigbleiben.“

„Er versucht nur, ein paar Antworten zu finden. Existieren die Geister? Was ist mit den Ruinen? Wer hat sie gebaut? Wollten Sie diese Dinge nie wissen, Sanders?“

Er leerte sein Glas, blickte sich um und machte den Kellner auf sich aufmerksam, um noch einen Drink zu bestellen. Keine Robokellner hier drinnen. Nur menschliches Personal. Sanders legte Wert auf Atmosphäre.

„Natürlich“, sagte er, als er seinen Drink vor sich stehen hatte. „Jeder hat sich diese Fragen gestellt. Deshalb kommen Leute hierher nach Geisterwelt, zum Wolkenschloß. Jeder Bursche, der hier landet, hofft insgeheim, daß er ein Abenteuer mit den Gespenstern erleben wird und alle Antworten persönlich herausfindet. Das tut er aber nicht. Also hält er seinen Blaster im Anschlag und wandert für ein paar Tage oder ein paar Wochen in den Nebelwäldern herum und findet nichts. Was dann? Er kann zurückkommen und wieder suchen. Der Traum ist noch da, und die Romantik und das Rätsel. Und – wer weiß? Vielleicht erblickt er auf einem Ausflug einen Geist, der durch die Nebel schwebt. Oder etwas, das er für einen Geist hält. Und dann wird er glücklich nach Hause reisen, weil er Teil einer Legende war. Er hat ein kleines Stückchen Schöpfung berührt, das von Männern von der Sorte Dubowskis nicht alle Ehrfurcht und alles Wundersame entrissen bekommen hat.“

Er wurde still und starrte verdrossen in sein Glas. Schließlich fuhr er nach einer langen Pause fort. „Dubowski! Pah! Er bringt mich zum Kochen. Er kommt hierher mit seinem Schiff voller Speichellecker und seiner Millionen-Kredit-Subvention und all seinen Apparaturen, um nach den Geistern zu suchen. Oh, er wird sie schon finden. Das ist es, was mir Angst macht. Entweder wird er beweisen, daß sie nicht existieren, oder er wird sie finden – und sie entpuppen sich als eine Art Halbmenschen oder Tiere oder so etwas.“

Er leerte sein Glas wieder, ungestüm. „Und das wird alle kaputtmachen. Ruinieren, verstehen Sie! Er wird alle Fragen mit seinen Apparaturen beantworten, und es wird nichts für irgend jemanden sonst übrigbleiben. Es ist nicht fair.“

Ich saß da und schlürfte still an meinem Drink und sagte nichts. Sanders bestellte noch einen. Ein böser Gedanke kreiste in meinem Schädel. Schließlich mußte ich ihn laut aussprechen.

„Wenn Dubowski alle Fragen beantwortet“, sagte ich, „dann wird es keinen Grund mehr geben, hierherzukommen. Und Sie werden das Hotel aufgeben müssen. Sind Sie sicher, daß nicht das der Grund ist, weshalb Sie so besorgt sind?“

Sanders funkelte mich an, und einen Augenblick lang dachte ich, er würde mich schlagen. Aber er tat es nicht. „Ich dachte, Sie wären anders. Sie haben den Niedergang des Nebels gesehen und begriffen. Jedenfalls dachte ich, Sie hätten begriffen; irgendwie. Aber ich schätze, ich hatte unrecht.“ Er ruckte mit dem Kopf Richtung Tür. „Raus“, sagte er.

Ich stand auf. „Schon gut“, sagte ich. „Es tut mir leid, Sanders. Aber es ist mein Job, unangenehme Fragen wie diese zu stellen.“

Er ignorierte mich, und ich verließ den Tisch. Als ich die Tür erreichte, drehte ich mich um und schaute durch den Raum zurück. Sanders starrte wieder in sein Glas und sprach laut mit sich selbst.

„Antworten“, sagte er. Er ließ es unanständig klingen. „Antworten. Immer müssen sie Antworten haben. Aber die Fragen sind so viel feiner. Warum können sie sie nicht in Ruhe lassen?“

Dann ließ ich ihn allein. Allein mit seinen Drinks.

* * *

Die nächsten paar Wochen waren hektisch, für die Expedition und für mich. Dubowski ging gründlich an die Dinge heran, das mußte man ihm lassen. Er hatte seinen Angriff auf Geisterwelt mit methodischer Präzision geplant.

Zuerst kam das Kartographieren. Dank der Nebel waren die Karten, die es von Geisterwelt gab, nach modernen Standards sehr roh. Deshalb schickte Dubowski eine ganze Flotte von Robosonden aus, ließ sie über die Nebel gleiten und deren Geheimnisse mit hochentwickelten Aufnahmevorrichtungen stehlen. Mit den Informationen, die hereingeströmt kamen, wurde eine detaillierte Topographie der Gegend zusammengestückelt.

Nachdem dies getan war, benutzten Dubowski und seine Assistenten die Karten, um sorgfältig jede registrierte Geistererscheinung seit der Gregor-Expedition zu verzeichnen. Beträchtliche Daten über die Erscheinungen waren natürlich schon lange, bevor wir die Erde verließen, aufgestellt und analysiert worden. Intensiver Gebrauch der konkurrenzlosen Geistersammlung in der Wolkenschloß-Bibliothek füllte die Lücken, die noch geblieben waren. Wie erwartet, waren die Erscheinungen in den Tälern um das Hotel herum – dem einzigen ständigen menschlichen Aufenthaltsort auf dem Planeten – am häufigsten.

Als die Verzeichnung beendet war, stellte Dubowski seine Geisterfallen auf, wobei er die meisten davon in den Gegenden verteilte, aus denen am häufigsten von Geistern berichtet worden war. Er stellte jedoch auch ein paar in fernen, abgelegenen Gegenden auf, einschließlich jener Meeresküsten-Ebene, auf der Gregors Schiff den ersten Kontakt gehabt hatte.

Die Fallen waren natürlich keine wirklichen Fallen. Es waren gedrungene Duraluminium-Säulen, beladen mit nahezu jeder Art von Wahrnehmungs- und Aufzeichnungsgerät, das der irdischen Wissenschaft bekannt war. Für die Fallen waren die Nebel fast nicht vorhanden. Geriet ein unglücklicher Geist in den Überwachungsbereich, gab es für ihn keine Möglichkeit, der Entdeckung zu entgehen.

Inzwischen wurden die Kartographierungs-Robosonden eingeholt, um gewartet und neu programmiert – und dann wieder ausgesandt zu werden. Da die Topographie detailliert bekannt war, konnten die Sonden ohne Befürchtung, daß sie gegen einen verborgenen Berg stießen, auf Tiefflugpatrouille durch die Nebel geschickt werden. Die Wahrnehmungsausrüstung, die die Sonden trugen, war natürlich mit der in den Geisterfallen nicht ebenbürtig. Aber die Sonden hatten eine viel größere Reichweite und konnten pro Tag Tausende von Quadratmeilen erkunden.

Als die Geisterfallen schließlich verteilt und die Robosonden in der Luft waren, begaben sich Dubowski und seine Männer persönlich in die Nebelwälder. Jeder trug einen schweren Rückentornister aus Sensoren und Aufspürvorrichtungen. Die menschlichen Such-Teams besaßen mehr Beweglichkeit als die Geisterfallen und kompliziertere Ausrüstung als die Sonden. In mühseligem Detail erforschten sie jeden Tag eine andere Gegend.

Ich schloß mich einigen dieser Ausflüge an; mit einem eigenen Rückentornister. Es machte eine interessante Kopie aus, auch wenn wir nie etwas fanden. Und während der Suche verliebte ich mich in die Nebelwälder.

Die Touristenliteratur nennt sie gern „die gespenstischen Nebelwälder der heimgesuchten Geisterwelt“. Aber sie sind nicht gespenstisch. Nicht wirklich. Es gibt dort eine eigenartige Schönheit für jene, die sie zu würdigen wissen.

Die Bäume sind dünn und sehr hoch, mit weißer Rinde und blassen, grauen Blättern. Aber die Wälder sind nicht farblos. Es gibt einen Parasiten, eine Art hängendes Moos, das sehr verbreitet vorkommt, und es tropft in Kaskaden von Dunkelgrün und Scharlachrot von den überhängenden Ästen. Und es gibt Steine und Ranken und niedere Büsche, voller unförmiger, purpurner Früchte.

Aber es gibt keine Sonne – natürlich nicht. Die Nebel verbergen alles. Sie wirbeln und gleiten um einen herum, während man geht, streicheln einen mit unsichtbaren Händen, klammern sich an die Füße.

Gelegentlich treiben die Nebel ihr Spiel mit einem. Die meiste Zeit geht man durch einen dichten Nebel, unfähig, mehr als ein paar Fuß weit in jede Richtung zu sehen, die Schuhe im Nebelteppich unten verschwunden. Doch manchmal schließt sich der Nebel unvermittelt. Und dann kann man überhaupt nichts mehr sehen. Ich bin gegen mehr als einen Baum gestolpert, wenn das passiert ist.

Doch bei anderen Gelegenheiten weichen die Nebel – aus keinem ersichtlichen Grund – plötzlich zurück und lassen einen allein in einem freien Loch innerhalb einer Wolke stehen. Dann kann man den Wald in all seiner bizarren Schönheit sehen. Es ist ein kurzer, atemberaubender Blick auf Niemals-Niemals-Land. Augenblicke wie diese sind selten und kurzlebig. Aber sie bleiben einem.
Sie bleiben einem.

In diesen frühen Wochen hatte ich nicht viel Zeit, in den Wäldern spazierenzugehen, außer wenn ich mich einem Such-Team anschloß, um das Gefühl dafür zu bekommen. Meistens war ich mit Schreiben beschäftigt. Ich habe eine Serie über die Geschichte des Planeten gemacht, garniert mit den Geschichten der berühmtesten Erscheinungen. Ich habe Portraits der schillerndsten Teilnehmer der Expedition gemacht. Ich habe eine Arbeit über Sanders und die Probleme, die sich ihm auftaten und die er löste, als er Wolkenschloß baute, beendet. Ich habe wissenschaftliche Artikel über das wenige Bekannte von der Ökologie des Planeten geschrieben. Ich habe einen Stimmungsbericht über die Wälder und die Berge geschrieben. Ich habe einen spekulativen Bericht über die Ruinen geschrieben. Ich habe über Felskatzenjagd geschrieben, über Bergsteigen und über die riesigen und gefährlichen Sumpfeidechsen, die auf manchen abgelegenen Inseln heimisch sind.

Und ich habe natürlich über Dubowski geschrieben.

Wie auch immer – schließlich nutzte sich die Suche zu langweiliger Routine ab, und ich begann, die unzähligen anderen Themen zu erschöpfen, die Geisterwelt bot. Mein Ausstoß ließ nach. Ich fing an, Zeit zur Verfügung zu haben.

Das war der Zeitpunkt, an dem ich wirklich begann, Geisterwelt zu genießen. Ich machte tägliche Spaziergänge durch die Wälder, Spaziergänge, die sich jeden Tag ausdehnten. Ich besuchte die Ruinen und flog einen halben Kontinent weit weg, um die Sumpfeidechsen aus erster Hand statt durch Holo zu sehen. Ich habe mich mit einer Gruppe Jäger angefreundet, die vorbeikam, und eine Felskatze geschossen. Ich begleitete ein paar andere Jäger zur westlichen Küste und wurde beinahe von einem Prärieteufel getötet.

Und ich fing wieder an, mit Sanders zu sprechen.

Während alldem hatte Sanders mich und Dubowski sowie jeden anderen, der mit der Geisterforschung zu tun hatte, ziemlich konsequent ignoriert. Er sprach – wenn überhaupt – widerwillig mit uns, grüßte uns knapp und verbrachte seine ganze freie Zeit mit den anderen Gästen.

Nach dem, was er an jenem Abend in der Bar gesagt hatte, machte ich mir anfangs Sorgen, was er wohl unternehmen würde. Ich hatte Visionen, wie er jemanden draußen, in den Nebeln, ermordete und versuchte, es so aussehen zu lassen, als sei es ein Geister-Mord gewesen. Oder daß er vielleicht nur die Geisterfallen sabotierte. Aber ich war davon überzeugt, er würde etwas versuchen, um Dubowski loszuwerden oder die Expedition sonstwie zu unterminieren.

Kommt davon, wenn man zuviel Holovision sieht, schätze ich. Sanders tat nichts dergleichen. Er schmollte nur, starrte uns in den Schloßkorridoren finster an und gab uns zu allen Zeiten stets weniger als volle Kooperation.

Aber nach einer Weile taute er wieder auf. Nicht bei Dubowski und seinen Männern. Nur bei mir.

Ich vermute, es war wegen meinen Spaziergängen in den Wäldern. Dubowski ging nie in die Nebel hinaus, wenn er es nicht mußte. Und wenn, dann ging er zögernd hinaus und kam schnell zurück. Seine Männer folgten dem Beispiel ihres Anführers. Ich war der einzige Joker in dem Packen. Aber andererseits war ich nicht wirklich Teil desselben Packens.

Sanders merkte das natürlich. Ihm entging nicht viel von dem, was in seinem Schloß vorging. Und er fing an, wieder mit mir zu sprechen. Höflich. Eines Tages lud er mich schließlich sogar wieder zu Drinks ein.

Es waren etwa zwei Monate der Expeditionszeit vergangen. Der Winter kam über Geisterwelt und Wolkenschloß, und die Luft wurde kalt und frisch. Dubowski und ich waren draußen auf dem Speisebalkon, verweilten nach einem weiteren hervorragenden Mahl beim Kaffee. Sanders saß an einem Tisch in der Nähe und sprach mit ein paar Touristen.

Ich habe vergessen, worüber Dubowski und ich diskutiert haben. Was es auch war, an irgendeiner Stelle unterbrach mich Dubowski mit einem Frösteln. „Es wird kalt hier draußen“, beklagte er sich. „Warum ziehen wir nicht nach drinnen um?“ Dubowski hatte den Speisebalkon noch nie sehr gemocht.

Ich runzelte einigermaßen die Stirn. „Es ist nicht so schlimm“, sagte ich. „Außerdem ist es beinahe Sonnenuntergang. Eine der besten Zeiten des Tages.“

Dubowski schüttelte sich wieder und stand auf. „Wie es Ihnen beliebt“, sagte er. „Aber ich gehe hinein. Mir ist nicht danach, mich zu erkälten, nur damit Sie ein weiteres Mal den Niedergang der Nebel beobachten können.“

Er machte Anstalten davonzugehen. Aber er hatte keine drei Schritte gemacht, als Sanders von seinem Stuhl hoch war und wie eine verwundete Felskatze heulte.

„Nebelniedergang“, brüllte er. „Nebelniedergang!“ Er verfiel in eine lange unzusammenhängende Folge von Obszönitäten. Ich hatte Sanders noch niemals so wütend gesehen, nicht einmal, als er mich an jenem ersten Abend aus der Bar geworfen hatte. Er stand da, zitterte buchstäblich vor Wut, sein Gesicht gerötet, während sich seine fetten Fäuste an seiner Seite ballten und wieder lösten.

Ich stand hastig auf und ging zwischen sie. Dubowski wandte sich an mich, sah verblüfft und erschrocken aus. „Wa…“ brauste er auf.

„Gehen Sie hinein“, unterbrach ich. „Gehen Sie in Ihr Zimmer hinauf. Gehen Sie in die Halle. Gehen Sie irgendwohin. Aber verschwinden Sie von hier, bevor er Sie umbringt.“

„Aber… aber… was ist denn los? Was ist passiert? Ich…?“

„Nebelniedergang ist am Morgen“, sagte ich ihm. „Am Abend, bei Sonnenuntergang, ist Nebelaufgang. Jetzt gehen Sie.“

„Das ist alles? Warum macht ihn das so… so…“

„GEHEN SIE!“

Dubowski schüttelte den Kopf, als wollte er sagen, er verstehe noch immer nicht, was los war. Aber er ging.

Ich wandte mich an Sanders. „Beruhigen Sie sich“, sagte ich. „Beruhigen Sie sich.“

Er hörte auf zu zittern, aber seine Augen schleuderten Laserstöße auf Dubowskis Rücken. „Nebelniedergang“, murmelte er. „Seit zwei Monaten ist der Bastard hier, und er kennt den Unterschied zwischen Nebelniedergang und Nebelaufgang nicht.“

„Er hat sich nie die Mühe gemacht, eines von beiden zu beobachten“, sagte ich. „Solche Dinge interessieren ihn nicht. Aber das ist sein Verlust. Kein Grund für Sie, sich darüber aufzuregen.“

Er sah mich stirnrunzelnd an. Schließlich nickte er. „Ja“, sagte er. „Vielleicht haben Sie recht.“ Er seufzte. „Aber Nebelniedergang! Teufel!“ Es gab ein kurzes Schweigen, dann: „Ich brauche einen Drink. Kommen Sie mit?“

Ich nickte.

Wir landeten in derselben dunklen Ecke wie am ersten Abend, an dem Tisch, der Sanders’ Lieblingstisch gewesen sein mußte. Er kübelte drei Drinks, bevor ich meinen ersten hinter mich gebracht hatte. Große Drinks. Alles in Wolkenschloß ist groß.

Diesmal gab es keine Streitereien. Wir sprachen über den Niedergang der Nebel und die Wälder und die Ruinen. Wir sprachen über die Geister, und Sanders erzählte mir liebevoll die Geschichten von den großen Erscheinungen. Ich kannte sie natürlich schon alle. Aber nicht so, wie Sanders sie erzählte.

An einer Stelle erwähnte ich, daß ich in Bradbury geboren wurde, als meine Eltern einen kurzen Urlaub auf dem Mars verbrachten. Dabei erhellten sich Sanders’ Augen, und er verbrachte die nächste Stunde oder so damit, mich mit Erdenmenschen-Witzen zu erfreuen. Auch die hatte ich alle schon gehört. Aber ich wurde mehr als nur ein bißchen betrunken, und irgendwie kamen sie mir alle übermütig vor.

Nach diesem Abend verbrachte ich mehr Zeit mit Sanders als mit sonst irgend jemandem im Hotel. Ich dachte, Geisterwelt mittlerweile ziemlich gut zu kennen. Aber das war eine leere Einbildung, und Sanders bewies es. Er zeigte mir verborgene Stellen in Wäldern, die mich seitdem immer wieder heimgesucht haben. Er führte mich zu Inselsümpfen, wo die Bäume von einer ganz anderen Art sind und ohne Wind fürchterlich schwanken. Wir sind in den hohen Norden geflogen, zu einer anderen Bergkette, wo die Gipfel höher und in Eis gehüllt sind, und zu einem südlichen Plateau, wo sich die Nebel endlos in einer geisterhaften Imitation eines Wasserfalls über den Rand ergießen.

Ich fuhr natürlich fort, über Dubowski und seine Geisterjagd zu schreiben. Aber es gab wenig Neues, um darüber zu schreiben, deshalb habe ich die meiste meiner Zeit mit Sanders verbracht. Ich machte mir nicht zu viele Gedanken über meine Produktion. Meine Geisterwelt-Serie hatte ein ausgezeichnetes Echo auf der Erde und den meisten der Koloniewelten erbracht, daher dachte ich, ich hätte es geschafft.

Das nicht.

Ich war gerade ein bißchen mehr als drei Monate auf Geisterwelt gewesen, als mir meine Agentur beamte. Ein paar Systeme entfernt war auf einem Planeten namens Neue Zuflucht ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Man wollte, daß ich darüber berichtete. Von Geisterwelt kämen ohnehin keine Neuigkeiten mehr, sagten sie, weil Dubowskis Expedition noch immer länger als ein Jahr andauern würde.

So sehr ich Geisterwelt mochte – ich ergriff die Chance. Meine Stories waren ein wenig fade geworden, und mir gingen die Ideen aus, und die Neue-Zuflucht-Sache klang danach, als könnte sie sehr groß werden.

Also verabschiedete ich mich von Sanders und Dubowski und Wolkenschloß, machte einen letzten Spaziergang durch die Nebelwälder und buchte auf dem nächsten Schiff, das Zwischenstation machte, eine Passage.

* * *

Der Neue-Zuflucht-Bürgerkrieg war ein Knallfrosch. Ich verbrachte mehr als einen Monat auf dem Planeten, aber es war ein trostloser Monat. Der Ort war von religiösen Fanatikern kolonisiert worden, aber der ursprüngliche Kult hatte sich gespalten, und beide Seiten klagten die andere der Häresie an. Es war alles sehr schäbig. Der Planet selbst hatte den Charme einer marsianischen Vorstadt.

Ich zog weiter, so schnell ich konnte, sprang von Planet zu Planet, von Story zu Story. In sechs Monaten hatte ich mich zur Erde zurückgearbeitet. Wahlen nahten, und so wurde ich in einen politischen Bereich verfrachtet. Das war großartig. Es war ein lebhafter Wahlkampf, und es gab eine Tonne guter Stories auszugraben.

Doch während alldem hielt ich mich über die wenigen Nachrichten, die von Geisterwelt hereinkamen, auf dem laufenden. Und schließlich kündigte Dubowski, wie ich es erwartet hatte, eine Pressekonferenz an. Als der ortskundige Geist der Agentur ließ ich mich beauftragen, darüber zu berichten, und machte mich mit dem schnellsten Sternenschiff, das ich auftreiben konnte, auf den Weg.

Ich kam eine Woche vor der Konferenz an, vor allen anderen. Ich hatte Sanders gebeamt, bevor ich das Schiff genommen hatte, und er holte mich vom Raumhafen ab. Wir zogen uns auf den Speisebalkon zurück und ließen unsere Drinks dort draußen servieren.

„Nun?“ fragte ich ihn, nachdem wir ein paar Liebenswürdigkeiten ausgetauscht hatten. „Wissen Sie, was Dubowski verkünden wird?“

Sanders sah sehr verdrießlich aus. „Ich kann es erraten“, sagte er. „Er hat vor einem Monat alle seine verdammten Gerätschaften zurückbeordert und die Ergebnisse per Computer kontrolliert und gegenkontrolliert. Wir hatten seit Ihrer Abreise ein paar Geistererscheinungen. Dubowski rührte sich erst Stunden nach der jeweiligen Erscheinung und ging die Gebiete mit einem feinzahnigen Kamm durch. Nichts. Das ist es, was er verkünden wird, denke ich. Nichts.“

Ich nickte. „Aber ist das so schlimm? Gregor hat auch nichts gefunden.“

„Nicht dasselbe“, sagte Sanders. „Gregor hat nicht so nachgeforscht wie Dubowski. Die Leute werden ihm glauben, egal was er sagt.“

Ich war dessen nicht so sicher und wollte das gerade sagen, als Dubowski ankam. Jemand mußte ihm gesagt haben, daß ich da war. Er kam auf den Balkon herausstolziert, lächelte, erspähte mich und kam herüber, um sich zu setzen.

Sanders funkelte ihn an und betrachtete seinen Drink. Dubowski richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf mich. Er schien sehr zufrieden mit sich selbst zu sein. Er fragte, was ich seit meiner Abreise getan hätte, und ich erzählte es ihm, und er sagte, das sei eine feine Sache.

Endlich kam ich dazu, ihn nach seinen Ergebnissen zu fragen.

„Kein Kommentar“, sagte er. „Dafür habe ich die Pressekonferenz einberufen.“

„Kommen Sie“, sagte ich. „Ich habe monatelang über Sie berichtet, als jeder andere die Expedition ignoriert hat. Sie könnten mir wirklich eine Art Vorabinformation geben. Was haben Sie?“

Er zögerte. „Also gut“, sagte er zweifelnd. „Aber lassen Sie es noch nicht los. Sie können es ein paar Stunden vor der Konferenz abbeamen. Das müßte genug Zeit für eine Erstmeldung sein.“

Ich nickte zustimmend. „Was haben Sie?“

„Die Gespenster“, sagte er. „Ich habe die Gespenster, ordentlich verpackt. Sie existieren nicht. Ich habe genug Unterlagen, um es über jeden Schatten eines Zweifels erhaben zu beweisen.“

„Nur weil Sie nichts gefunden haben?“ brauste ich auf. „Vielleicht haben sie Sie gemieden. Wenn sie intelligent sind, könnten sie schlau genug sein. Oder vielleicht sind sie jenseits des Aufspürungsvermögens Ihrer Sensoren.“

„Aber, aber“, sagte Dubowski. „Das glauben Sie doch selbst nicht. Unsere Geisterfallen waren mit jeder Art von Sensor, die wir auftreiben konnten, ausgerüstet. Würden die Geister existieren, wären sie irgendwie registriert worden. Aber das wurden sie nicht. Wir hatten die Fallen in den Gebieten aufgestellt, in denen drei von Sanders sogenannten Erscheinungen stattfanden. Nichts. Absolut nichts. Schlüssiger Beweis dafür, daß diese Leute gewisse Dinge gesehen haben. Wirkliche Erscheinungen.“

„Was ist mit den Todesfällen, dem Verschwinden?“ fragte ich. „Was ist mit der Gregor-Expedition und den anderen klassischen Fällen?“

Sein Lächeln wurde breit. „Ich konnte natürlich nicht alle Todesfälle widerlegen. Aber unsere Sonden und unsere Forschungen brachten vier Skelette zum Vorschein.“ Er zählte sie an den Fingern ab. „Zwei Menschen wurden von einem Felsrutsch getötet, ein Skelett hatte Felskatzenkrallen-Spuren auf den Knochen.“

„Das vierte?“

„Mord“, sagte er. Der Körper war in einem flachen Grab verscharrt, eindeutig von menschlichen Händen. Eine Art Flut hat ihn freigelegt. Er stand als verschwunden in den Akten. Ich bin sicher, alle anderen Körper könnten ebenfalls gefunden werden, wenn wir lange genug suchen. Und wir würden feststellen, daß sie alle eines vollkommen natürlichen Todes gestorben sind.“

Sanders erhob den Blick von seinem Drink. Es war ein bitterer Blick.

„Gregor“, sagte er hartnäckig. „Gregor und die anderen Klassiker-Fälle.“

Dubowskis Lächeln wurde ein Grinsen. „Ah ja. Wir haben diese Gegend ganz gründlich durchsucht. Meine Theorie war richtig. Wir fanden eine Affenherde in der Nähe. Große Untiere. Wie riesige Paviane, mit schmutzigweißem Fell. Auch keine sehr erfolgreiche Spezies. Wir entdeckten nur eine kleine Herde, und sie sind vom Aussterben bedroht. Aber das war eindeutig das, was Gregors Mann erblickte. Und es über alle Maßen übertrieb.“

Es herrschte Stille. Dann sprach Sanders, aber seine Stimme klang erschöpft. „Nur noch eine Frage“, sagte er leise. „Warum?“

Das brachte Dubowski auf den Boden zurück, und sein Lächeln schwand. „Sie haben es nie verstanden, nicht wahr, Sanders?“ sagte er. „Es geschah um der Wahrheit willen. Um diesen Planeten von Ignoranz und Aberglauben zu befreien.“

„Geisterwelt befreien?“ sagte Sanders. „War sie denn versklavt?“

„Ja“, antwortete Dubowski. „Versklavt von einem dummen Mythos. Von Furcht. Jetzt wird dieser Planet frei und offen sein. Wir können jetzt die Wahrheit hinter diesen Ruinen herausfinden, ohne daß düstere Legenden über halbmenschliche Geister die Fakten vernebeln. Wir können diesen Planeten der Kolonisation eröffnen. Die Leute werden keine Angst mehr haben hierherzukommen, hier zu leben und Land zu bestellen. Wir haben die Furcht besiegt.“

„Eine Kolonialwelt? Hier?“ Sanders sah belustigt aus. „Bringen Sie große Fächer, um die Nebel wegzuwedeln, oder was? Kolonisten sind schon früher gekommen. Und wieder gegangen. Der Boden ist völlig ungeeignet. Man kann ihn nicht bestellen, bei all diesen Bergen. Jedenfalls nicht in kommerziellem Ausmaß. Es gibt keine Möglichkeiten, Gewinn zu machen, indem man auf Geisterwelt irgendwelche Dinge züchtet.
Außerdem gibt es Hunderte von Kolonialwelten, die nach Leuten schreien. Brauchen Sie unbedingt eine weitere? Muß Geisterwelt noch eine weitere Erde werden?“

Sanders schüttelte traurig den Kopf, leerte sein Glas und fuhr fort: „Sie sind derjenige, der nicht versteht, Doktor. Beschwindeln Sie sich nicht selbst. Sie haben Geisterwelt nicht befreit. Sie haben sie zerstört. Sie haben ihre Geister gestohlen und einen leeren Planeten zurückgelassen.“

Dubowski schüttelte den Kopf. „Ich glaube, Sie haben unrecht. Man wird eine Menge guter und profitabler Möglichkeiten finden, diesen Planeten auszubeuten. Aber selbst wenn Sie recht hätten, nun, es ist einfach schade. Wissen – das ist es, was für die Menschheit zählt. Leute wie Sie haben seit Anbeginn der Zeiten versucht, den Fortschritt aufzuhalten. Aber sie haben versagt, und Sie haben auch versagt. Der Mensch muß wissen.“

„Vielleicht“, sagte Sanders. „Aber ist das das einzige, was der Mensch braucht? Das glaube ich nicht. Ich denke, er braucht auch Geheimnisvolles und Poesie und Romantik. Ich glaube, er braucht ein paar unbeantwortete Fragen, damit er grübeln und sich wundern kann.“

Dubowski stand abrupt auf und runzelte die Stirn. „Diese Unterhaltung ist so sinnlos wie Ihre Philosophie, Sanders. Es gibt in meinem Universum keinen Platz für unbeantwortete Fragen.“

„Dann leben Sie in einem sehr trostlosen Universum, Doktor.“

„Und Sie, Sanders, leben im Gestank Ihrer eigenen Ignoranz. Suchen Sie nach einem neuen Aberglauben, wenn Sie das tun müssen. Aber versuchen Sie nicht, ihn mir mit Ihren Geschichten und Legenden aufzuhalsen. Ich habe keine Zeit für Geister.“ Er sah mich an. „Ich sehe Sie auf der Pressekonferenz“, sagte er. Dann drehte er sich um und verließ den Balkon mit forschen Schritten.

Sanders sah ihm schweigend nach, wie er davonging, drehte sich dann auf seinem Stuhl um und sah über die Berge hinaus. „Die Nebel steigen“, sagte er.

* * *

Sanders hatte auch hinsichtlich der Kolonie unrecht, wie sich herausstellte. Man gründete eine, obgleich damit nicht viel Staat zu machen war. Ein paar Weinberge, ein paar Fabriken und ein paar tausend Leute, alles gehörte einigen wenigen großen Gesellschaften.

Kommerzieller Ackerbau erwies sich als nicht profitabel, wissen Sie. Mit einer Ausnahme – eine heimische Weintraube, ein dickes, graues Ding von der Größe einer Zitrone. So hat Geisterwelt nur einen Exportartikel, einen rauchigen Weißwein mit einem weichen, eine ganze Weile am Gaumen haftenden Aroma.

Sie nennen ihn Nebelwein, natürlich. Ich habe mit den Jahren gelernt, ihn zu mögen. Der Geschmack erinnert irgendwie an den Niedergang der Nebel und läßt mich träumen. Aber das bin wahrscheinlich ich, nicht der Wein. Die meisten Leute machen sich nicht viel daraus.

Doch auf sehr bescheidene Art ist es ein profitabler Artikel. Deshalb ist Geisterwelt noch immer ein regelmäßiger Haltepunkt auf den Raumlinien. Wenigstens für Frachter.

Die Touristen jedoch sind schon lange fort. Damit hatte Sanders recht. Landschaft konnten sie näher an zu Hause bekommen und billiger. Die Geister waren es, weshalb sie gekommen sind. Sanders ist auch schon lange fort. Er war zu starrsinnig und zu unpraktisch, um sich, als er die Chance dazu hatte, in eine der Nebelwein-Unternehmungen einzukaufen. So ist er bis zum Ende hinter seinen Schutzwällen im Wolkenschloß geblieben. Ich weiß nicht, was danach mit ihm passiert ist, als das Hotel schließlich schließen mußte.

Das Schloß selbst ist noch da. Ich habe es vor ein paar Jahren gesehen, als ich unterwegs zu einer Story für einen Tag auf Neue Zuflucht haltgemacht habe. Es verfällt jedoch bereits. Für den Unterhalt zu teuer. In ein paar Jahren wird man es von den anderen, älteren Ruinen nicht mehr unterscheiden können.

Ansonsten hat sich der Planet nicht viel verändert. Die Nebel steigen noch immer bei Sonnenuntergang, und sie fallen bei Tagesanbruch. Der Rote Geist ist noch immer öde und schön im frühen Morgenlicht. Die Wälder sind noch da, und die Felskatzen schleichen ebenfalls noch herum.
Nur die Geister fehlen.
Nur die Geister.

Bayonne, New Jersey
Juni 1971

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9 Kommentare

  1. Lichtschwert

     /  4. April 2014

    „Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel“ ist eine Geschichte, die ich immer wieder gern gelesen habe, wie auch etliche andere aus der Science-Fiction-Schaffensperiode von George R. R. Martin.

    Ein wichtiges Handlungselement darin ist der Konflikt zwischen zwei menschlichen Wesenszügen, vor allem des europäischen Menschen: zwischen dem Drang, wissen zu wollen, der unserer faustischen Natur entspricht, und dem Wunsch nach Rätseln und Geheimnissen, die es erst noch zu erforschen und zu lösen gilt. Nach Mysterien, die unsere Phantasie ansprechen und hinter denen wir uns auch wundersame Möglichkeiten und romantische Abenteuer bei ihrer Lösung vorstellen können.

    Ich denke, daß dies einer der Gründe dafür ist, daß die Raumfahrt kein reiner Luxus ist und auch nicht nur mit nüchtern-praktischem materiellem Nutzen gerechtfertigt werden kann, sondern daß wir sie auch für unsere langfristige psychische Gesunderhaltung als Zivilisation brauchen.

    Wenn es einmal soweit ist, daß die irdischen Rätsel weitgehend gelöst sind, mit Ausnahme von Detailfragen, die hauptsächlich Spezialisten interessieren, dann kann es leicht sein, daß diesbezüglich eine Leere entsteht, die dazu führt, daß wir kollektiv zu spinnen anfangen und uns in Absonderlichkeiten um erfundene Mysterien hineinsteigern, wie sie zum Beispiel in Kosmos, Kabbala und Käse sowie im dazugehörigen Diskussionsstrang thematisiert werden.
    Statt derartiger Randphänomene könnten sich auf breiter Basis spinnerte Bewegungen oder Kulte säkularer oder religiöser Natur entwickeln, die unser geistiges Potential in fruchtlosem Befassen mit fiktiven Fragen binden.

    Deshalb brauchen wir die Raumfahrt auch als geistiges und physisches Abenteuer, das uns selbst noch in ferner Zukunft immer wieder vor neue Rätsel und Herausforderungen stellt, sodaß wir nicht in kollektiver Spinnerei versinken und uns die Fähigkeit zur Bewältigung von Krisen erhalten, die auch bei einer optimal eingerichteten Zivilisation niemals für alle Zeit ausgeschlossen werden können.

    Antwort
  2. Richard

     /  5. April 2014

    Danke für diese schöne Geschichte!
    Deinem Kommentar kann ich mich nur anschließen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass es dieselbe faustische Neugierde ist, die etwa auch Atheisten die Edda, nordische Sagen, ja warum nicht auch das Alte und das Neue Testament lesen lässt – der Drang nach einer tieferen Wahrheit, auch wenn der kritische Geist weiß, dass solcherlei religiöse Schriften bestenfalls nur Splitter älteren Wissens bereithalten.

    Dein Blog ist, nicht zuletzt auch vom „Layout“, wunderbar. Der Titel, Untertitel, die verwendeten Bilder gefallen mir sehr gut.

    Es sind zwar keine Kurzgeschichte, und somit vlt. für Deinen Blog nicht so gut geeignet, aber mich würde einmal interessieren, ob Du folgende Autoren und Bücher kennst:
    – David Gemmell (Die Legende u.v.m.)
    – Die Battle-Tech Romane
    – Hal Fosters Prinz Eisenherz Comics

    Noch dazu eine andere Frage: Tippst Du die Texte ab oder sind die Texterkennungsprogramme heuzutage schon so gut, dass man dies die Technik machen lassen kann?

    Antwort
  3. Danke, Richard!

    Von den von Dir genannten Büchern kenne ich nur die Comics um Prinz Eisenherz (ich habe sie aber nie selber gehabt, sondern kenne sie von anderen, die sie in meiner Jugendzeit hatten).

    Die Texte tippe ich alle selbst ab. Es dürfte aber Scanprogramme geben, die PDF-Textdateien aus gescannten Buchseiten machen. Die erkennt man anscheinend daran, daß an Stellen, die in der Vorlage nicht ganz sauber leserlich gewesen sein dürften, seltsame Fehler erscheinen, die keine Tippfehler sein dürften.

    Ein Floh, der mir beim Wieder-Lesen und Abtippen von „Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel“ ins Ohr gehüpft ist, ist der Gedanke, irgendwann einmal eine Fortsetzung dazu zu schreiben. Aber da kann ich noch gar nichts versprechen.

    Antwort
  4. Richard

     /  6. April 2014

    Danke auch!

    David Gemmels „Legende“ wäre bestimmt auch für Dich einen Blick wert.

    Hal Fosters „Eisenherz“ habe ich auch erst jetzt für mich entdeckt. Die Geschichten und die Zeichnungen sind wirklich sehr schön.

    Ich schaue sehr gerne wieder bei Deinem Blog rein,
    beste Grüße und weiterhin gutes Gelingen!

    Antwort
  5. Die Geschichte „Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel“ kann man neuerdings wieder kaufen, und zwar im neu erschienenen Sammelband „George R. R. Martin: Traumlieder, 1. Band“, Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9; hier unter dem Titel „Am Morgen fällt der Nebel“ und in einer anderen Übersetzung (von Birgit Reß-Bohusch statt von Martin Eisele).

    Folgende Geschichten (SF, Fantasy und andere) sind in dem Buch enthalten:

    Nur Kinder fürchten sich im Dunkeln
    Die Festung
    Tod war sein Vermächtnis
    *Der Held
    Die Ausfahrt nach San Breta
    Die zweite Stufe der Einsamkeit
    *Am Morgen fällt der Nebel
    *Abschied von Lya (früherer deutscher Titel: Ein Lied für Lya)
    *Ein Turm aus Asche
    *Das bleiche Kind mit dem Schwert (früherer deutscher Titel: Teufel, die Engel heißen)
    *Die Steinstadt
    Bitterblumen
    Der Weg von Kreuz und Drachen

    Mit * habe ich die Geschichten gekennzeichnet, von denen ich auf die Schnelle weiß, daß sie in Martins „Manrealm“- oder „Thousand Worlds“-Kosmos spielen, in dem auch sein Roman „Die Flamme erlischt“ und die zusammen mit Howard Waldrop verfaßte Geschichte „Die Männer der Station Greywater“ angesiedelt sind.

    Weiters erzählt George R. R. Martin in diesem Band in den drei Einschüben „Ein Vierfarb-Fanboy“, „Der schmutzige Profi“ und „Das Licht der fernen Sterne“ von seinem Werdegang als Schriftsteller ab seinen Jugendjahren als Comic-Fan.

    Antwort
  6. Das kosmische Fernweh kommt auch in George R. R. Martins autobiographischem Einschub „Das Licht der fernen Sterne“ im oben erwähnten Sammelband „George R. R. Martin: Traumlieder, 1. Band“, (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9) zum Ausdruck. Dieser Text hat auch in mir nostalgische Erinnerungen an die Zeit, als ich ab meinen Jugendjahren in die SF eintauchte, und an die Dinge, die ich G. R. R. Martin nachempfinden konnte, wachgerufen. Zur Einstimmung und als Appetitmacher für das Buch zitiere ich nachfolgend Auszüge daraus:

    DAS LICHT DER FERNEN STERNE

    Kommen wir zum Wesentlichen. Ich wurde in Bayonne, New Jersey, geboren, wuchs dort auf und kam nie woanders hin… jedenfalls nicht bis zum College.

    Bayonne ist eine Halbinsel im Großraum New York, aber als ich dort aufwuchs, war es eine Welt für sich. Eine Industriestadt, beherrscht von Ölraffinerien und ihrem Flottenstützpunkt, ziemlich klein, drei Meilen lang und nur eine breit. Bayonne grenzt im Norden an Jersey City, ansonsten ist es von Wasser umgeben, der Newark Bay im Westen, der New York Bay im Osten, und der schmalen Meerenge, die beide verbindet, dem Kill van Kull im Süden. Große Ozeanfrachter fahren Tag und Nacht auf ihrem Weg von und nach Elizabeth und Port Newark durch den Kill.

    Als ich vier Jahre alt war, zog meine Familie in die Neubausiedlung „The Projects“ auf der First Street, direkt vor die dunklen und schmutzigen Wasser des Kill. Jenseits des Kanals funkelten nachts die Lichter von Staten Island – weit weg und irgendwie magisch. Abgesehen von einem Zoobesuch auf Staten Island, alle drei, vier Jahre, überquerten wir den Kill nie.

    […]

    Nach dem Abendessen war es in unserer Wohnung manchmal eng und laut, auch wenn nur meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich da waren. Wenn Freunde zu Besuch kamen, war die Küche voller Zigarettenrauch, und alle quatschten durcheinander. Manchmal zog ich mich in mein Zimmer zurück und schloss die Tür. Manchmal blieb ich im Wohnzimmer und sah mit meinen Schwestern fern. Manchmal ging ich auch nach draußen.

    Auf der anderen Seite der Straße waren Brady’s Dock und ein langer, schmaler Park, der sich entlang des Kill van Kull erstreckte. Dort saß ich oft auf einer Bank und sah die großen Schiffe vorbeifahren, oder ich legte mich auf den Rücken ins Gras und sah zu den Sternen hinauf, die noch viel weiter weg waren als die Lichter von Staten Island. Selbst in den wärmsten, dunstigsten Sommernächten zogen mich die Sterne in ihren Bann. Orion war das erste Sternbild, das ich kennenlernte. Ich starrte auf seine zwei hellen Sterne, Rigel blau und Beteigeuze rot, und fragte mich, ob da oben auch jemand war, der zu mir heruntersah.

    Fans schreiben oft von einem „sense of wonder“ und streiten sich darüber, wie er zu definieren sei. Für mich ist der sense of wonder das Gefühl, das mich überkam, als ich im Gras neben dem Kill van Kull lag und über das Licht der fernen Sterne sinnierte. Sie ließen mich immer ganz groß und ganz klein erscheinen. Es machte mich sehr traurig, aber gleichzeitig fühlte ich mich seltsam berührt und auch ein bißchen erhaben.

    Die Science Fiction kann mir dieses Gefühl ebenfalls geben.

    […]

    Ich sammelte Science Fiction nach Autoren, aber auch nach ihren unterschiedlichen Gebieten: „Aliens unter uns“, „Wenn das so weitergeht“, Zeitreisen, Alternativwelten, „Nach dem großen Knall“, Utopien und Dystopien. Später, als Schriftsteller, würde ich viele dieser Subgenres wieder aufsuchen, aber es gab einen Typus Science Fiction, den ich über alles liebte, als Leser und später auch als Schriftsteller. Ich wurde in Bayonne geboren und wuchs dort auf und kam nie aus der Stadt heraus, und meine liebsten Bücher und Geschichten waren die, die mich über die Hügel trugen und weit, weit weg, in unbekannte Länder, wo das Licht der fernen Sterne auf mich fiel.

    Die sechs Geschichten, die ich für dieses Kapitel [„Das Licht der fernen Sterne“] ausgewählt habe, fallen alle in diese Kategorie. In den Siebzigern und Achtzigern habe ich wirklich eine Menge Science Fiction geschrieben, aber die nachfolgenden zählen zu meinen liebsten. Sie spielen auch alle in einem gemeinsamen Universum, sind Teil der lockeren „Geschichte der Zukunft“, die den Hintergrund eines Großteils meiner SF-Erzählungen stellt.

    […]

    Meine eigentliche „Geschichte der Zukunft“ beginnt mit „Der Held“ und erreichte ihre vollste Ausarbeitung in meinem ersten Roman, „Die Flamme erlischt“. Ich hatte nie einen Namen für sie jedenfalls keinen griffigen. In „Die Steinstadt“ prägte ich den Begriff „manrealm“ und benutzte ihn als generelle Bezeichnung für die Geschichte, analog zu Larry Nivens „Known Space“. Später kam ich auf „Die tausend Welten“. Das klang besser und hätte mir viel Platz für weitere Planeten verschafft, die ich nach Belieben hätte erfinden können… ganz zu schweigen von den 992 Welten Vorsprung, die ich dann auf John Varley und seine „Acht Welten“ hatte. Aber zu jener Zeit nahm meine Karriere einen anderen Verlauf, und der Name war nicht mehr so wichtig.

    „Abschied von Lya“ ist die älteste der sechs Geschichten in diesem Kapitel. Sie entstand 1973 während meiner VISTA-Zeit, als ich auf der Margate Terrace, im Stadtteil Uptown in Chicage lebte, mir mit einigen Schachfreunden ein Apartment im dritten Stock teilte und für die Cook County Legal Assistance Foundation arbeitete. Ich war auch mitten in der ersten ernsten Beziehung meines Lebens; ich war zwar nicht das erste Mal verliebt, aber sicherlich war es das erste Mal, dass meine Gefühle erwidert wurden. Diese Beziehung wurde zum Dreh- und Angelpunkt für „Lya“; ohne sie wäre ich der sprichwörtliche Blinde gewesen, der einen Sonnenuntergang beschriebt. „Abschied von Lya“ war bis dahin auch meine längste Geschichte, meine erste Novelle. Als ich mit ihr fertig war, wusste ich, dass ich endlich „Am Morgen fällt der Nebel“ und „Die Zweite Stufe der Einsamkeit“ von vor zwei Jahren übertroffen hatte. Das war das Beste, was ich je geschrieben hatte.

    […]

    Als ich 1974 „Ein Turm aus Asche“ schrieb, hatten sich meine Lebensumstände gravierend verändert. Mein Ersatzdienst bei VISTA war vorbei, und ich organisierte an den Wochenenden Schachturniere, um meine Schreibeinkünfte aufzubessern. Ich hatte mit dem Roman angefangen, der später zu „Die Flamme erlischt“ wurde, das Manuskript aber beiseite gelegt, und es würde zwei Jahre dauern, bevor ich mich wieder dranwagte. Meine große Liebe hatte mich verlassen und war mit einem meiner besten Freunde abgezogen. Diese Wunde war noch frisch und blutete schrecklich, da verliebte ich mich erneut, diesmal in eine Frau, mit der ich so viele Gemeinsamkeiten hatte, dass ich dachte, ich würde sie schon mein ganzes Leben lang kennen. Aber diese Beziehung war fast schon zu Ende, bevor sie begonnen hatte, quasi über Nacht, als sie sich in jemand anders verknallte.

    Das Ergebnis war „Ein Turm aus Asche“. Ben Bova kaufte die Story für Analog, publizierte sie jedoch in Analog Annual, einer Originalanthologie vom Taschenbuchverlag Pyramid. Die Idee dahinter war, Taschenbuchleser für das Magazin zu begeistern. Ob das funktionierte oder nicht, kann ich nicht sagen, aber mir wäre es lieber gewesen, wenn meine Geschichte im Magazin Analog veröffentlicht worden wäre. Eine Lektion habe ich am Anfang meiner Karriere gelernt, und sie gilt auch heute noch: Eine Kurzgeschichte gehört in ein Magazin. Wenn jemand außer Ben Bova „Ein Turm aus Asche“ gelesen hat, soll er sich bei mir melden.

    [Einschub Lichtschwert: „Ich, ich ich!“]

    „Das bleiche Kind mit dem Schwert“ [Teufel, die Engel heißen“] wurde 1974 geschrieben und 1975 publiziert. Das brachte mir mein zweites Analog-Cover in diesem Jahr ein, einen echten Kracher von John Schoenherr, den ich besser gekauft hätte. Die Stählernen Engel waren meine Antwort auf Gordy Dicksons Dorsai, obwohl der Begriff „Stahlengel“ aus einem Song von Kristofferson stammt. Deren Gott, das bleiche Kind mit dem Schwert“, kam aus einer fernen, dubiosen Vergangenheit. Er war einer der dunklen Götter aus dem Mythos um Dr. Weird, erahnt in „Nur Kinder fürchten sich im Dunkeln“. Der Originaltitel „And Seven Times Never Kill Man“ stammt natürlich aus Kiplings Dschungelbuch.

    […]

    „Die Steinstadt“ war die Geschichte, die aus dieser Freiheit und dem Druck erwuchs. Obgleich eine Kernstory meiner Geschichte der Zukunft, ist sie auch ein wenig subversiv. Ich wollte sie mit einem Dressing à la Lovecraft überziehen, eine Prise Kafka dazugeben und unterschwellig darauf hindeuten, dass Vernunft und Kausalität, ja die Naturgesetze selbst zusammenbrechen, wenn man weit genug von zu Hause weg ist. Und doch ist „Die Steinstadt“ diejenige meiner Geschichten, die die Sehnsüchte des kleinen Jungen am besten einfängt, der neben dem Kill van Kull im Sommergras liegt und zum Orion hochstarrt. Wahrscheinlich habe ich in keinem anderen Text die Weite des Weltraums oder diesen flüchtigen „sense of wonder“ besser heraufbeschworen.

    Nachtrag: ich habe jetzt aus dem ungekürzten Text von GRRMs „Das Licht der fernen Sterne“ sowie ein paar Ergänzungen einen separaten Beitrag gestaltet:
    Das Licht der fernen Sterne: George R. R. Martin und sein „Manrealm“-Kosmos

    Antwort
  7. Inzwischen ist auch der zweite Sammelband mit den Erzählungen von George R. R. Martin erschienen, „TRAUMLIEDER II“ (ISBN 978-3-453-31625-6). Dieser enthält die folgenden Geschichten und autobiographischen Einschübe (Titel der letzteren in Blockschrift):

    DIE ERBEN DER SCHILDKRÖTENBURG
    Die einsamen Lieder Laren Dorrs
    Der Eisdrache
    Das verlassene Land

    HYBRIDE UND HORROR
    Der Fleischhausmann
    Erinnerungen an Melody
    Sandkönige
    Nachtgleiter
    Die Affenkur
    Der birnenförmige Mann

    EINE KOSTPROBE VON TUF (Originaltitel wohl „A Taste of Tuf“)
    Eine Bestie für Norn
    Wächter

    Als Leseprobe und Hintergrundinformation für GRRM-Fans bringe ich hier „Die Erben der Schildkrötenburg“ (stellenweise leicht gekürzt, dafür mit ein paar Links versehen), worin George R. R. Martin seinen Bezug zur Fantasy-Literatur erläutert:

    DIE ERBEN DER SCHILDKRÖTENBURG

    Die Fantasy und ich sind alte Bekannte.

    Fangen wir am besten am Anfang an, denn es gibt einige eigenartige und weitverbreitete Irrtümer. Einerseits habe ich Leser, die vor Das Lied von Eis und Feuer noch nie von mir gehört haben und offenbar felsenfest davon überzeugt sind, dass ich nie etwas anderes geschrieben habe als Fantasy-Epen. Andererseits gibt es da die Leute, die all mein altes Zeug gelesen haben und darauf bestehen, ich sei ein Science-Fiction-Autor, der schändlicherweise zur Fantasy übergelaufen sei.

    Tatsächlich aber habe ich seit meiner Kindheit in Bayonne Fantasy gelesen und geschrieben (Horror übrigens auch). Meine erste Veröffentlichung mag Science Fiction gewesen sein, aber die zweite war eine Geistergeschichte, ungeachtet dieser verflixten vorbeizischenden Hovertrucks. [Anm. v. Lichtschwert: Damit ist „Die Ausfahrt nach San Breta“ gemeint.]

    „Die Ausfahrt nach San Breta“ war beileibe nicht meine erste Fantasy-Geschichte. Noch vor Jarn vom Mars und seiner Bande außerirdischer Weltraumpiraten pflegte ich mir meine Mußestunden mit Geschichten über eine große Burg und ihre tapferen Ritter und Könige zu vertreiben. Indes – sie alle waren Schildkröten.

    In den Siedlungen war die Haltung von Hunden und Katzen verboten, kleinere Tiere allerdings erlaubt. Ich besaß Guppys, ich besaß Wellensittiche, und ich besaß Schildkröten. Unmengen an Schildkröten. Die Sorte, wie man sie in billigen Kaufhäusern bekommt, im Set mit kleinen, in der Mitte geteilten Plastikschüsseln, bei denen auf der einen Seite Wasser hineinkommt, auf der anderen Seite Kies. In der Mitte befindet sich eine Plastikpalme.

    Außerdem besaß ich noch eine Spielzeugburg, die zu den Plastikrittern gehörte (eine Zinnblechburg von Marx). Sie stand oben auf dem Tisch, der mir als Schreibtisch diente, und darin war gerade genug Platz für zwei jener Schildkrötenschüsseln. Dort also lebten meine Schildkröten… und weil sie in einer Burg wohnten, musste es sich folgerichtig um Könige und Ritter und Prinzessinnen handeln.

    Der erste Schildkrötenkönig hieß Big Fellow. Er muss einer anderen Art angehört haben als die anderen, denn er war braun, nicht grün, und gut doppelt so groß wie die kleinen rotohrigen Kerle. Eines Tages fand ich ihn tot auf – zweifellos war er einem finsteren Komplott der Krötenechsen und Chamäleons zum Opfer gefallen. Sein Thronnachfolger meinte es zwar gut, war aber ein Pechvogel und starb ebenfalls bald darauf. Doch just als es für das Königreich am finstersten aussah, schworen Frisky und Peppy einander ewige Freundschaft und gründeten die Schildkrötentafelrunde. Peppy der Erste erwies sich als größter Schildkrötenkönig aller Zeiten, doch als er alt wurde…

    Die Geschichte der Schildkrötenburg hat weder einen Anfang noch ein Ende, aber jede Menge Mitten. Sie wurde nur auszugsweise niedergeschrieben, aber ich arbeitete die großartigsten Szenen in meinem Kopf aus, Schwertkämpfe und Schlachten und Verrat. Ich erlebte die Herrschaft von mindestens einem Dutzend Schildkrötenkönige. Meine mächtigen Monarchen hatten die befremdliche Angewohnheit, aus der Marx-Burg zu fliehen und tot unter dem Kühlschrank zu enden, dem schildkrötischen Mordor.

    Habe ich es nicht gesagt? Ich war schon immer Fantasy-Autor.

    Ich kann allerdings nicht behaupten, auch immer Fantasy-Leser gewesen zu sein, aus dem schlichten Grund, dass es damals in den Fünfzigern und Sechzigern kaum Fantasy zu lesen gab. Die Drehständer meiner Kindheit wurden von Science Fiction, Krimis, Western, Schauerromanen und historischen Romanen beherrscht; weit und breit keine Fantasy. Ich war Mitglied im Science Fiction Book Club (drei Romane für einen Dime – unschlagbar), aber damals war es der Science Fiction Book Club, mit Fantasy hatte er nichts zu tun.

    Fünf Jahre nach Have Space Suit, Will Travel (Raumjäger) stolperte ich über jenes Buch, das mich in Sachen Fantasy auf den Geschmack brachte: eine schmale Anthologie von Pyramid namens Schwerter und Magie, herausgegeben von L. Sprague de Camp und erschienen im Dezember 1963. Und was für ein köstlicher Geschmack das war. Es gab Geschichten von Poul Anderson, Henry Kuttner, Clark Ashton Smith, Lord Dunsany und H. P. Lovecraft. Eine Geschichte über Jirel, die Amazone von C. L. Moore und eine Erzählung über Fafhrd und den grauen Mausling von Fritz Leiber… und dann war da noch die Geschichte „Schatten im Mondlicht“ von Robert E. Howard.

    Wisset, o Fürst,

    so begann sie,

    zwischen den Jahren, als die Ozeane Atlantis und die strahlenden Städte verschlangen, und den Jahren des Aufstiegs der Söhne Aryas hat es ein Zeitalter gegeben, nicht einmal in Träumen vorstellbar. Damals, als glänzende Königreiche über die Welt verstreut lagen, gleich blauen Schleiern unter den Sternen – Nemedien, Ophir, Brythunia, Hyperborea, Zamora mit seinen dunkelhaarigen Frauen und Türmen voller spinnenbewachter Rätsel, Zingara mit seinen Rittern, Koth, das an die Weideländer Shems grenzte, Stygien mit seinen schattenbewehrten Grüften, Hyrkanien, dessen Reiter Stahl und Seide und Gold trugen. Doch der Welt stolzestes Königreich war Aquilonien, das im träumenden Westen die Vorherrschaft innehatte. Von dort kam Conan, der Cimmerier, mit schwarzem Haar, traurigen Augen, das Schwert in der Hand, ein Dieb, Räuber, Mörder, voll tiefer Melancholie, aber auch überschäumender Fröhlichkeit, um die edelsteingezierten Throne dieser Erde mit Füßen zu treten.

    Mit Zamora hatte Howard mich am Wickel. Die Türme voller spinnenbewachter Rätsel hätten vollauf gereicht, denn 1963 war ich fünfzehn Jahre alt, aber auch die dunkelhaarigen Frauen erregten einiges Interesse. Fünfzehn ist ein ausgezeichnetes Alter, um die Bekanntschaft von Conan von Cimmerien zu machen. Dass Schwerter und Magie mich nicht dazu brachte, heroische Fantasy zu kaufen, wo ich ging und stand, so wie Have Space Suit, Will Travel (Raumjäger) mich dazu brachte, Science Fiction zu kaufen, lag nur daran, dass es kaum Fantasy zu kaufen gab, ob heroisch oder nicht.

    In den Sechzigern und Siebzigern galten Fantasy und Science Fiction oftmals als ein und dasselbe Genre, nur trug dieses Genre eben meist den Namen Science Fiction. Es war ganz alltäglich, dass Autoren in beiden Genres arbeiteten. Robert A. Heinlein, Andre Norton und Eric Frank Russell, drei Lieblingsautoren meiner Kindheit und Jugend, wurden stark mit der Science Fiction assoziiert, aber sie alle schrieben auch Fantasy. Neben den Erzählungen über Nicholas van Rijn und Dominic Flandry schrieb Poul Anderson Das geborstene Schwert und Dreiherz. Jack Vance erschuf Großplanet und Die sterbende Erde. Fritz Leibers Spinnen und Schlangen trugen ihre Zeitkriege aus, derweil Fafhrd und der graue Mausling gegen die Herren von Quarmall kämpften.

    Doch auch wenn all die großen Autoren Fantasy verfassten, so verfassten sie doch nicht viel Fantasy, jedenfalls nicht, wenn sie auch ihre Miete bezahlen und etwas zu essen kaufen wollten. Science Fiction war viel populärer und wurde erheblich besser bezahlt. Die Science-Fiction-Magazine wollten ausschließlich Science Fiction haben und veröffentlichten keine Fantasy-Texte, ganz gleich, wie gut sie geschrieben sein mochten. Gelegentlich wurden Fantasy-Magazine gegründet, aber sie hielten sich meist nicht lange. Astounding überdauerte Jahre und Jahrzehnte und wurde schließlich zu Analog, Unknown hingegen überlebte die Papierknappheit im Zweiten Weltkrieg nicht. Die Verleger von Galaxy und If brachten Worlds of Fantasy heraus und stampften das Projekt fast ebenso rasch wieder ein. Fantastic schleppte sich jahrzehntelang durch, aber Amazing war das Zugpferd. Und Boucher und McComas benannten bereits die zweite Ausgabe von The Magazine of Fantasy um in The Magazine of Fantasy and Science Fiction.

    Natürlich verlaufen solche Entwicklungen oft zyklisch, und kurz darauf veränderte sich alles. 1965 veröffentlichte Ace Books unter Ausnutzung einer Lücke in den Copyright-Regelungen eine nicht autorisierte Taschenbuchausgabe von J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe. Die Verkäufe gingen bereits in die Hunderttausende, bis Tolkien und Ballantine Books eilig mit einer autorisierten Ausgabe nachzogen. 1966 legte Lancer Books, möglicherweise angeregt durch den Tolkien-Erfolg von Ace und Ballantine, sämtliche Conan-Erzählungen als Taschenbuchreihe neu auf, mit Coverillustrationen von Frank Frazetta. 1969 dann brachte Lin Carter (als Autor grässlich, aber ein ausgezeichneter Lektor) den ersten Band der Reihe Ballantine Adult Fantasy heraus, in der Dutzende klassischer Fantasy-Geschichten in Neuauflage erschienen. Aber 1963, als ich die Lektüre von de Camps Schwerter und Magie beendete und mich nach weiterem Fantasy-Lesestoff umsah, war all das noch weit weg.

    Fündig wurde ich dann, wo ich es am wenigsten erwartet hätte: in einem Comic-Fanzine.

    Die frühe Comic-Fangemeinde entwickelte sich als Ableger der Science-Fiction-Fangemeinde, aber nach einigen Jahren hatte sie sich zu einem ganz eigenen Mikrokosmos gemausert, und die meisten Fans waren sich der eigentlichen Wurzeln nicht einmal bewusst. Zur gleichen Zeit wuchsen all die Highschool-Jungs heran und erweiterten ihre Interessengebiete über das Lesen von Superheldencomics hinaus auf Gebiete wie Musik, Mädchen, Autos… und Bücher ohne Bilder. Unvermeidlich nahm diese Entwicklung auch Einfluss auf die Themen ihrer Fanzines. Artig wurde das Rad neu erfunden, und bald sprossen spezialisierte Fanzines wie Pilze aus dem Boden, die sich nicht Superhelden widmeten, sondern Geheimagenten, Privatdetektiven oder den alten Pulp-Magazinen, dem Barsoom-Zyklus von Edgar Rice Burroughs… oder der heroischen Fantasy.

    Das Schwerter-und-Magie-Fanzine hieß Cortana, es wurde „in dreimonatigem Abstand“ (ha!) von Clint Bigglestone herausgegeben, später einer der Mitbegründer der Society of Creative Anachronism, die um 1964 herum im Bay Area bei San Francisco aus der Taufe gehoben wurde. Die Cortana fiel mit dem üblichen blassen Spiritus-Umdruck-Violett optisch nicht sonderlich auf, war aber herrlich zu lesen und voller Artikel und Pressemeldungen zu Conan und Konsorten, dazu Erstveröffentlichungen heroischer Fantasy-Geschichten aus der Feder einiger Top-Autoren der 60er-Comic-Fangemeinde: Paul Moslander und Viktor Baron (die ein und derselbe waren), mein Brieffreund Howard Waldrop (der es nicht war), Steve Perrin und Bigglestone selbst. In Waldrops Geschichten ging es um einen Abenteurer, den man nur unter dem Namen der Wanderer kannte und dessen Heldentaten in den Lobgesängen von Chimwazle gehuldigt wurde. Howard zeichnete auch die Cover von Cortana und einige der Illustrationen im Innenteil.

    In Star Shudded Comics und den meisten anderen Comic-Fanzines fristete die Prosa ein Dasein als Mauerblümchen, der ganze Stolz galt den Comics. Hier war es anders. In Cortana regierten die Textgeschichten. Ich schrieb sofort einen glühenden Leserbrief, aber ich wollte mehr in diesem großartigen neuen Fanzine veröffentlichen als nur das. Also mottete ich Manta Ray und Dr. Weird erst einmal ein und setzte mich an meine erste Fantasy-Geschichte seit der Schildkrötenburg.

    Ich nannte sie „Dark Gods of Kor-Yuban“, und ja, meine Mordor-Version klang wie eine Kaffeemarke. Meine Helden waren eins der üblichen Paare ungünstig zusammengewürfelter Abenteurer, der melancholische Exilprinz R’hllor von Raugg und sein überschwenglicher und zur Prahlerei neigender Gefährte Argilac der Arrogante. „Dark Gods of Kor-Yuban“ war die längste Geschichte, an der ich mich bis dahin versucht hatte (um die fünftausend Wörter), und endete tragisch mit dem Tod von Argilac, der von den titelgebenden dunklen Gottheiten verspeist wurde. Auf Marist hatte ich Shakespeare gelesen und einiges über Tragödien gelernt, also stattete ich Argilac mit dem traurigen Makel der Arroganz aus, der seinen Niedergang herbeiführte. R’hllor entkam, um die Geschichte erzählen zu können… und um tapfer weiterzukämpfen, wie ich hoffte. Sobald ich die Geschichte vollendet hatte, schickte ich sie nach San Francisco, und Clint Bigglestone nahm sie prompt an, um sie in Cortana zu veröffentlichen.

    Es gab nie wieder eine Cortana-Ausgabe.

    In meinem letzten Jahr auf der Highschool wusste ich durchaus mit Kohlepapier umzugehen. Ich war nur zu faul, mich damit herumzuschlagen. „Dark Gods of Kor-Yuban“ ging in die Sammlung meiner verlorenen Geschichten ein. (Es war die letzte. Auf dem College fertigte ich Durchschläge sämtlicher Geschichten an, die ich schrieb.) Bevor sie ihre violetten Spiritus-Umdruck-Zelte abbrachen, erwies Cortana mir einen weiteren Gefallen. In der dritten Ausgabe brachte Bigglestone einen Artikel mit dem Titel Mach keinen Hobbit draus, durch den ich zum ersten Mal etwas über J. R. R. Tolkien und seine Fantasy-Trilogie Herr der Ringe erfuhr. Die Geschichte klang so vielversprechend, dass ich sofort zuschlug, als ich einige Monate später zufällig an einem Zeitungskiosk eine raubkopierte Ace-Taschenbuchausgabe von Die Gefährten sah.

    Auf der Heimfahrt im Bus vertiefte ich mich in das dicke rote Taschenbuch und fragte mich bald, ob der Kauf nicht ein Fehler gewesen war. Die Gefährten schien mir alles zu sein, aber keine anständige heroische Fantasy. Was zum Geier sollte der ganze Quatsch mit dem Pfeifenkraut? Robert E. Howards Geschichten begannen normalerweise damit, dass eine riesige Schlange vorbeiglitt oder jemandes Kopf mit einer Axt gespalten wurde. Tolkien eröffnete mit einer Geburtstagsfeier. Und diese Hobbits mit ihren haarigen Füßen und der Vorliebe für Kartoffeln schienen einem Buch über Peter Hase entstiegen zu sein. Ich erinnere mich, wie ich gedacht habe: Conan würde sich einen blutigen Pfad mitten durchs Auenland hauen, von einem Ende zum anderen. Was ist mit der tiefen Melancholie, was ist mit der überschäumenden Heiterkeit?

    Trotzdem las ich weiter. Bei Tom Bombadil hätte ich fast aufgegeben, als alle mit ihrem „Bimmel bammel billo! Tom Bombadillo“ loslegten. Auf den Hügelgräberhöhen wurde es schon interessanter, und noch mehr in Bree mit dem Auftauchen von Streicher. Auf der Wetterspitze hatte Tolkien mich dann endgültig am Haken. „Gil-Galad war ein Elbenfürst“, rezitierte Sam Gamdschie, „die Harfe klagt im Liede noch.“ Ein Schauer durchrann mich, wie Conan und Kull ihn nie hervorgerufen hatten.

    Fast vierzig Jahre später stecke ich mitten in meiner eigenen High-Fantasy-Saga Das Lied von Eis und Feuer. Es sind gewaltige und gewaltig komplexe Bücher, die zu schreiben Jahre verschlingt. Wenige Tage nach der Veröffentlichung des neuesten Bands trudeln die ersten E-Mails mit der Frage ein, wann das nächste erschiene. „Du hast ja keine Ahnung, wie schrecklich die Warterei ist“, wehklagt manch einer meiner Leser. Ich weiß es sehr genau, möchte ich diesen Lesern sagen. Ich weiß, wie schrecklich es ist. Auch ich habe gewartet. Zu der Zeit, als ich Die Gefährten ausgelesen hatte, war noch keiner der anderen Bände als Taschenbuch erschienen. Ich musste darauf warten, dass Ace Die zwei Türme herausbrachte, und danach wartete ich auf Die Rückkehr des Königs. Zugegeben, lange musste ich mich nicht gedulden, aber es kam mir vor, als wären es Jahrzehnte. Sobald ich den nächsten Band in die Finger bekam, musste alles andere warten, während ich las… aber mitten im dritten Band hielt ich inne. Es verblieben nur noch wenige Hundert Seiten, und wenn ich damit fertig war, würde ich niemals wieder Herr der Ringe zum ersten Mal lesen können. So dringend ich auch erfahren wollte, wie es ausging, ich konnte es nicht ertragen, dass dieses Erlebnis vorüber sein sollte.

    So tief liebte ich als Leser diese Bücher.

    Als Autor jedoch war ich entsetzlich eingeschüchtert von Tolkien. Bei der Lektüre von Robert E. Howard dachte ich mir: Eines Tages wirst du in der Lage sein, genauso zu schreiben. Wenn ich Lin Carter oder John Jakes las, dachte ich: Ich kann heute schon was Besseres schreiben als das. Aber über Tolkien verzweifelte ich. Ich werde nie vollbringen können, was er vollbracht hat, dachte ich. Ich werde niemals auch nur nahe herankommen. Auch wenn ich in den folgenden Jahren Fantasy schrieb, hielt ich mich stilistisch eher an Howard als an Tolkien. Man sollte sich nicht erdreisten, seinen Meister zu kopieren.

    Während meines ersten Jahres auf der Northwestern – als ich mich noch damit tröstete, dass sich die Cortana nur verspätete und nicht etwa das Zeitliche gesegnet hatte und dass „Dark Gods of Kor-Yuban“ jetzt sicher ganz bald erscheinen würde – fing ich an, eine zweite R’hllor-Geschichte zu schreiben. In der Fortsetzung verschlägt es meinen Exilprinzen in das Dothrakische Reich, wo er sich Barron von der Blutigen Klinge anschließt, um gegen die geflügelten Dämonen zu kämpfen, die dessen werten Großvater Barristan den Kühnen getötet haben. Ich hatte schon dreiundzwanzig Seiten geschrieben, da entdeckten Freunde das Manuskript auf meinem Schreibtisch und fanden es so erheiternd, die Purpur-Prosa laut vorzulesen, dass ich zum Weiterschreiben zu verärgert war. (Ich habe die Seiten immer noch, und ja, sie sind ein bißchen violett an der Grenze zu Indigo.)

    In meiner College-Zeit schrieb ich keine Fantasy mehr. Und abgesehen von „Die Ausfahrt nach San Breta“, die weder heroische noch High Fantasy ist, habe ich mich als Grünschnabel-Autor ebenfalls kaum damit befasst. Nicht, weil ich der Fantasy weniger zugeneigt war als der Science Fiction. Ich hatte praktischere Gründe dafür. Ich musste meine Miete zahlen.

    Die frühen Siebziger waren eine wunderbare Zeit für junge aufstrebende Science-Fiction-Autoren. Jedes Jahr gingen neue Science-Fiction-Magazine an den Start: Vertex, Cosmos, Odyssey, Galileo, Asimov’s. (Neue Fantasy-Magazine gab es keine.) Von den bestehenden Magazinen kauften nur Fantastic und F & SF Fantasy-Geschichten an, und Letztere bevorzugten verschrobene moderne Fantasy, eher an Thorne Smith und Gerald Kersh angelehnt als an Tolkien oder Howard. Frischling oder Veteran, die Science-Fiction-Magazine hatten allesamt ernsthafte Konkurrenten in den Anthologie-Reihen: Orbit, New Dimensions, Universe, Infinity, Quark, Alternities, Andromeda, Nova Stellar, Chrysalis. (Fantasy-Anthologien gab es nicht.) Auch Männermagazine boomten und hatten gerade entdeckt, dass Frauen Schambehaarung haben; viele dieser Magazine füllten die Seiten zwischen den Fotos mit Science-Fiction-Geschichten. (Sie kauften auch Horror, aber niemals High Fantasy oder heroische Fantasy.)

    Kurz gesagt: Als Fantasy-Autor ließ sich keine Karriere machen. Damals nicht. Noch nicht. So tat ich, was all die anderen Autoren vor mir gemacht hatten, Jack Williamson und Poul Anderson und Andre Norton und Jack Vance und Heinlein und Kuttner und Russell und de Camp und C. L. Moore und die anderen. Ich schrieb Science Fiction… und dann und wann, um der Liebe willen, schmuggelte ich ein oder zwei Fantasy-Geschichten dazwischen.

    „Die einsamen Lieder Laren Dorrs“ war die erste reine Fantasy-Geschichte, die ich als hauptberuflicher Schriftsteller schrieb. Sie erschien 1976 in der Fantastic. Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, dass gewisse Namen und Themen schon in „Nur Kinder fürchten sich im Dunkeln“ auftauchen und ich andere Namen und Themen in späteren Texten aufgegriffen habe. Wie im echten Leben werfe ich auch bei meiner Arbeit nichts weg, man weiß ja nie, wozu man es später brauchen kann.

    „Der Eisdrache“ war die zweite von drei Erzählungen, die ich während der bereits erwähnten Weihnachtsferien im Winter 1978-79 schrieb. Die Winter in Dubuque inspirieren nachdrücklich zu Geschichten über Eis, Schnee und Hundekälte. Man hört mich nicht oft sagen, dass eine Geschichte sich wie von allein schrieb, aber in diesem Fall war es genau so. Die Worte entströmten mir förmlich, und am Ende war ich überzeugt, es sei eine der besten Geschichten, die ich je geschrieben hatte, vielleicht sogar die beste.

    Eisdrachen sind in den zwanzig und ein paar Jahren seither ganz alltägliche Erscheinungen in Fantasy-Büchern und Spielen geworden, aber ich glaube, mein Eisdrache war der erste seiner Art. Und die meisten jener anderen „Eisdrachen“ scheinen wenig mehr zu sein als weiße Drachen, die in kalten Gegenden hausen. Adaras Freund, ein Drache aus Eis, der Kälte ausatmet anstelle von Flammen, ist meines Wissens bislang einzigartig, mein einziger wahrhaft neuartiger Beitrag zum Bestiarium der Fantasy.

    „Das verlassene Land“, die dritte Geschichte, die gleich folgt, erschien zuerst in der DAW-Anthologie Amazons, herausgegeben von Jessica Amanda Salmonson. Wie „Die einsamen Lieder Laren Dorrs“ sollte auch „Das verlassene Land“ der Auftakt zu einer Serie sein. Später schrieb ich noch einige Seiten der Fortsetzung „Withered Hands“, aber wie gewöhnlich schaffte ich es nie, sie zu vollenden. Solange ich mich nicht wieder damit befasse (wenn ich es denn je tun werde), bleibt „Das verlassene Land“ ein weiteres Beispiel meiner Serien mit nur einer Geschichte, auf die ich das Patent habe.

    Sharra und Laren Dorr, Adara und ihr Eisdrache, Alys die Graue, Boyce, Blue Jerais… sie alle sind die Erben der Schildkrötenburg, die Vorfahren von Eis und Feuer. Dieses Buch wäre ohne sie nicht vollständig.

    Warum liebe ich Fantasy? Diese Frage möchte ich mit etwas beantworten, das ich 1996 als Begleittext zu meinem Porträt in Pati Perrets Bildband The Faces of Fantasy schrieb:

    „Die besten Fantasy-Geschichten sprechen die Sprache der Träume. Sie sind so lebendig wie Träume, wirklicher als die Wirklichkeit,… wenigstens für einen Augenblick… jenen langen, magischen Augenblick, ehe wir erwachen.

    Fantasy ist silbern und scharlachrot, indigo- und azurblau, mit Gold und Lapislazuli geäderter Obsidian. Die Realität besteht aus Sperrholz und Plastik, verkleidet in Schlammbraun und Braunoliv. Fantasy schmeckt nach Habaneros und Honig, Zimt und Gewürznelken, blutigem rotem Fleisch und nach Weinen, süß wie der Sommer. Die Wirklichkeit besteht aus Bohnen und Tofu und wird am Ende zu Asche. Die Wirklichkeit, das sind die Einkaufszentren in Burbank, die Schornsteine von Cleveland, eine Parkgarage in Newark. Fantasy besteht aus den Türmen von Minas Tirith, den uralten Mauern von Gormenghast, den Sälen von Camelot. Die Fantasy fliegt auf Ikarus’ Schwingen, die Wirklichkeit mit Lufthansa. Warum schrumpfen unsere Träume so sehr zusammen, wenn sie Wirklichkeit werden?

    Ich glaube, wir lesen Fantasy, um die Farben wiederzufinden. Um intensive Gewürze zu schmecken und dem Gesang der Sirenen zu lauschen. In der Fantasy liegt etwas Ursprüngliches, Wahrhaftiges, das uns tief in unserem Innern anspricht und das Kind in uns erreicht, das davon träumte, dereinst im Nachtwald auf die Jagd zu gehen, zu den Füßen der Hollow Hills ein Festgelage abzuhalten und irgendwo zwischen dem südlichen Oz und dem nördlichen Shangri-La die Liebe zu finden, die ein Leben überdauert.

    Ihren Himmel können sie behalten. Wenn ich sterbe, gehe ich lieber nach Mittelerde.“

    Antwort
  8. Robert E. Howards Conan-Geschichte „Schatten im Mondlicht“ habe ich auch, und es sieht so aus, als wäre mein Taschenbuch, in dem sie enthalten ist („Ullstein Science Fiction Stories 23“ von 1973) eine abgespeckte deutsche Version von L. Sprague de Camps Anthologie „Swords and Sorcery“ die Du erwähnt hast, Lichtschwert.

    Es sind fast alle der genannten Autoren mit Geschichten darin vertreten: Clark Ashton Smith („Das Testament des Athammaus“), Henry Kuttner („Die Zitadelle in der Dunkelheit“), Robert E. Howard („Schatten im Mondlicht“), Poul Anderson („Der Mut des Cappen Varra“) und Fritz Leiber („Der König der Meere“, eine Fafhrd & Mausling-Geschichte). Nur Lord Dunsany und H. P. Lovecraft fehlen.

    „Schatten im Mondlicht“ hat mir in diesem Buch am besten gefallen.

    Antwort
  9. Ich bin übrigens auch einer derjenigen, die George R. R. Martin von früher her nur als SF-Autor gekannt haben, und als ich vor etlichen Jahren erstmals Fantasy-Bücher von ihm sah, hatte ich auch gedacht, er sei „zur Fantasy übergelaufen“, weil dieses Genre derzeit offenbar gefragter ist als die SF. Heute haben wir eigentlich die umgekehrte Situation zu derjenigen, wie GRRM sie für seine Jugendzeit beschreibt.

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