Psychotop Berg: Selbstwirksamkeit und Naturerfahrung

Psychotop Berg Titel

Von Dr. biol. Hum. Martin Schwiersch, aus Heft 03-2014 von „Bergauf“, dem Magazin des Österreichischen Alpenvereins.

Dass intensive Naturerfahrungen prägende Erinnerungen hinterlassen und Teil der eigenen Identität werden können, ist eine verbreitete Erfahrung und wird auch wissenschaftlich vermutet (z. B. Gebhard, 2001), erfährt aber kaum empirische Zuwendung.

Befunde, dass die Naturferne junger Menschen zu- (Brämer 2006) und ihre psychische Gesundheit abnehme (Steinhausen 2006), würden eine neue Perspektive erhalten, wenn gezeigt werden könnte, dass Naturerfahrungen und psychische Gesundheit zusammenhängen. Dann wären die Berge – als Orte intensiver Naturerfahrungen – nicht nur Bio-, sondern auch Psychotope: Orte, an denen die menschliche Psyche für sie wichtige Erfahrungen machen kann.

Psychische Gesundheit

Psychische Gesundheit wird in der Regel über die Abwesenheit von psychischen Störungen gemessen. Eine so erfaßte Einschätzung der psychischen Gesundheit von Erwachsenen in Deutschland gibt der Deutsche Gesundheitssurvey (Modul „Psychische Gesundheit“ [2009-2012]). Er kommt zum Schluss, dass „genau 33,3 Prozent der Bevölkerung (…) aufs Jahr gerechnet eine oder mehrere klinisch bedeutsame psychische Störungen auf(weisen). Die höchsten Prävalenzen treten überraschenderweise bei jungen Leuten auf.“ (Deutsches Ärzteblatt [2013], 110/7, S. 269). Dies aber sei kein deutsches Sonderproblem: Der EU-weite Anteil läge bei 38,2 % (ibid.). Angesichts dieser Größenordnungen wird die Frage nach Faktoren wichtig, die Menschen gesund halten.

Selbstwirksamkeit

…gilt als ein Faktor, der Menschen psychisch gesund sein lässt. „Selbstwirksamkeit“ meint eine durch Lernerfahrungen gewonnene stabile Überzeugung eines Menschen über sich selbst. Sie lautet kurz: „Ich bin in der Lage, für mich wichtige Ziele auch unter Widrigkeiten zu erreichen.“ Sie gliedert sich in 1) eine Handlungs-Ergebnis-Erwartung; „Wenn man X tut, wird Y eintreten“ (z. B. wenn man einem Menschen freundlich entgegentritt, wird dieser eher freundlich reagieren) und 2) eine Handlungskompetenzüberzeugung: „Ich kann X tun“ (ich kann freundlich auf Menschen zugehen).

Selbstwirksamkeit wird unterminiert bzw. kann nicht erworben werden, wenn Menschen chronisch erleben, dass Handlungen und Ergebnisse nicht zusammenhängen oder wenn sie sich als inkompetent im Handeln erleben. Sie wird als gesundheitsförderlich angesehen (Schwarzer, 1992), da selbstwirksame Menschen ihr Leben in die Hand nehmen und auch schwierige Situationen zu bewältigen versuchen. Umgekehrt ist die Unterbindung von Selbstwirksamkeitserfahrungen in der Kindheit ein Faktor für die Entwicklung einer Disposition zur Depression.

Die Studie

Können Erfahrungen in der Natur die Selbstwirksamkeit junger Menschen stärken? Um dies zu beantworten, führte ich eine Fragebogenstudie durch. Mittels Selbsteinschätzungen junger Menschen wurden die Häufigkeit und die Art von „Naturaufenthalten“ (reine Aufenthalte an Naturorten) und „Naturerfahrung“ (das dort Getane und Erfahrene) (Brämer, 2006) sowie u. A. die Allgemeine Selbstwirksamkeit“ (Schwarzer & Jerusalem, 2001) erhoben. Die Fragen sind unten in Auszügen vorgestellt.

Psychotop Berg Fragebogen

Ergebnisse

Naturerfahrungen hängen deutlicher mit Selbstwirksamkeit zusammen als bloße Naturaufenthalte. Daher wurde der Zusammenhang zwischen Naturerfahrung und Selbstwirksamkeit für die verschiedenen Altersstufen detailliert untersucht (siehe Abbildung unten):

Psychotop Berg Selbstwirksamkeitsdiagramm

Vor allem in der Altersgruppe der 13- bis 15-jährigen zeigt sich eine Korrelation von 0,6 zwischen Naturerfahrung und Selbstwirksamkeit – ein starker Zusammenhang. Er ist bei jüngeren Kindern und wiederum bei älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen weniger deutlich. Korrelationsstudien können die Richtung der Kausalität nicht angeben: Wir wissen also nicht, ob intensive Naturerfahrungen Selbstwirksamkeit fördern oder ob umgekehrt selbstwirksame Kinder intensivere Naturerfahrungen suchen. Schließlich kann auch ein dritter Faktor einen scheinbaren Zusammenhang erzeugen. Doch die gefundenen Zusammenhänge hätten auch ausbleiben können. Insbesondere die Altersabhängigkeit der Ergebnisse ist ein Beleg ihrer Gültigkeit, so dass sie als Ausgangspunkt der Schlussfolgerungen genommen wird.

Schlussfolgerungen

Naturaufenthalt ist gut, Naturerfahrungen sind besser. Selbstwirksamkeit wird durch Handeln gewonnen. Ein bloßer Naturaufenthalt kann die Selbstwirksamkeit nur wenig beeinflussen. Wenn man will, dass Natur Selbstwirksamkeit fördert, dann sorge man also für intensive Naturerfahrungen, die Eigentätigkeit beinhalten.

Natur und Selbstwirksamkeit: ein enges Zeitfenster. Der höchste Zusammenhang zeigt sich zwischen 13 und 15 Jahren. Naturerfahrungen jüngerer Kinder sind eingebettet in die Fürsorge von Betreuungspersonen und stiften damit – noch – nicht Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit fühlt, wer die „Wirkung“ „selbst“ erzeugt hat: Die 13-15-jährigen gehen ihren eigenen Zielen und Tätigkeiten in Natur zunehmend weniger gesichert durch Fürsorgepersonen nach. Mit weiter zunehmendem Alter gewinnen dann andere Lebensbereiche an Gewicht für Selbstwirksamkeitserfahrungen (Ausbildung, Freunde, eigenes Geld etc.), Naturerfahrungen wirken nun wieder weniger selbstwirksamkeitsstiftend.

Bedeuten diese Ergebnisse, dass ältere Jugendliche von Naturerfahrungen nicht profitieren? Nein, denn sie bleiben als Erfahrungsbestand. Und jüngere Kinder? Wenn Natur hier noch nicht selbstwirksamkeitsfördernd ist, so stellen die dort gemachten Erfahrungen jedenfalls Kompetenzen (Bewegungs-, Material- und emotionale Erfahrungen sowie Einstellungsprägungen) bereit, die dem späteren Jugendlichen helfen, dann, wenn er „ohne Schutz“ unterwegs ist, positive Selbstwirksamkeitserfahrungen in Natur überhaupt erst gewinnen zu können.

Nun aber hinaus – aber wie?

Psychotop Berg Kind

Erwachsene, denen Kinder anvertraut sind, können Kinder nicht in der Natur sich selbst überlassen. Ein Kind, das nicht schwimmen kann, kann in einem Bach ertrinken. Schwimmen lernt es durch andere Menschen. In Natur sich gut aufhalten zu können, die dortigen Widrigkeiten absehen und die Gefahren überstehen zu können, aber auch den dortigen Reichtum sehen und verstehen zu können, ist ein riesiges Lernfeld für sich. Kinder und junge Menschen brauchen Lehrerinnen und Lehrer, um in der Natur in die Lehre zu gehen. Es wird deutlich, welche dramatischen Konsequenzen eine Sozialisation, die auf den Umgang mit Natur verzichtet, auf lange Sicht birgt.

Dies allein ist eine notwendige Aufgabe. Für die Entwicklung von Selbstwirksamkeit braucht es aber noch einen weiteren Schritt: Der/die Mentor/in muss sich zurückziehen und den jungen Menschen in Natur sich selbst überlassen. Ein schwieriges Unterfangen in einer Welt voller Regularien sowohl für den Umgang mit Natur als auch mit Kindern und Jugendlichen.

Doch nur dann besteht die Chance zu einer zutiefst persönlichen und intimen Erfahrung in Natur: Als Einzelwesen in die Welt gestellt zu sein, außerhalb des Hauses der Menschen, in Kontakt mit „Wildheit“.

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