Labyrinth zwischen den Sternen – Erster Teil: Zur Zitadelle

 

Titelbild von Tim White für eine englische Ausgabe von „Under a Calculating Star“; es stellt vermutlich einen Kiir-Vogel dar.

Titelbild von Tim White für eine englische Ausgabe von „Under a Calculating Star“; es stellt vermutlich einen Kiir-Vogel dar.

Von John Morressy. Originaltitel: „Under a Calculating Star“ (1975); deutsche Fassung (Übersetzung: Karl H. Schulz) 1980 als Ullstein-Buch Nr. 31018 (ISBN 3 548 31018 4). Bildauswahl von Lichtschwert.

Zuvor erschienen:
Prolog: Die Seraph

ERSTER TEIL: ZUR ZITADELLE

1. Die Ebene der Schnittpunkte

Als Erster setzte Jorry den Fuß auf den Boden des Boroq-Thaddoi. Er bewegte sich sehr langsam und mit ungewohnter Schwerfälligkeit, weil ihn der dicke Pelzanzug hinderte. Auch die anderen, mit Ausnahme von Dolul, waren durch ähnliche Kleidung behindert. Für den Hraggellon war extreme Kälte nichts Neues; sein Körper paßte sich schnell an. Schon hatte seine Haut den rötlichen Ton verloren, den sie an Bord bekommen hatte, und wurde bleicher; bald würde sie so bläulich-weiß sein wie auf dem Hraggellon.

Jorry stellte seinen Augenschild ein und warf einen ersten klaren Blick auf die Umgebung. Unter dem trübsinnig kalten Frühlicht einer bleichen Sonne waren Schwarz, Braun, Grau und schmutziges Weiß die einzigen Farben, und der Boroq-Thaddoi wirkte schon vom bloßen Anblick her so unwirtlich und lebensfeindlich, daß seine Quarantäne-Sperrung gerechtfertigt schien.

Ein unaufhörlicher gnadenloser Sturm raste über die offene Tundra, schliff die scharfen Kanten der Felsbrocken rund und wetzte die hohen Klippen wie Messerschneiden. Der Horizont markierte sich scharf, doch der Boden zu ihren Füßen war durch den peitschenden Staub des aufgewehten Sandes nur wie hinter einem Schleier zu sehen. Die Luft biß mit eisiger Kraft, die den Körper ansprang, das ungeschützte Fleisch suchte, die Ohren mit Heulen und Jaulen füllte und die Augen tränen machte. Nur Dolul hielt es aus, unberührt, ohne auch nur zu blinzeln. Bei seinem Anblick hüllten sich die anderen fester in ihre dicken Pelze.

Über ihren Köpfen ragte turmhoch die Seraph auf. Sie stand auf ihren Landeständern, bereit, beim Druck auf die Kontrollhebel wieder in den Raum zu springen. Jorry hatte sie manuell landen müssen; die Raumpioniere der Frühzeit setzten auf den Planeten, über die sie Quarantäne verhängt hatten, keine Landeringe. Auf diesem unebenen Terrain war die Landung schwierig, weit schwieriger, als er angenommen hatte oder der Besatzung gegenüber zugegeben hätte – doch er hatte sie erfolgreich durchgeführt. Das erste Treffen mit der Quarantäne-Welt war zu seinen Gunsten entschieden worden. Es war ein bedeutsamer Anfang, und Jorry fühlte sich den kommenden Gefahren besser gewachsen. Immerhin zitterte in ihm noch die Spannung des Landens nach, und als Bral ihn beglückwünschte: „Erstklassige Schiffsführung, Kapitän!“ hatte er wütend geknurrt: „Denkst du, ich bin den ganzen Weg hergekommen, um die Seraph auf einer Q-Welt kaputtzufahren?“

„Nein, Kapitän, wir wußten doch, daß du es schaffst“, hatte Bral verlegen geantwortet, „aber der bloße Gedanke – eine manuelle Landung ist immer schwierig, und noch dazu auf so einem Boden – wenn da was schiefgeht –“

„Ist denn was schiefgegangen?“

„Nein, Kapitän. Alles in Ordnung.“

„Also – machen wir die Ausrüstung klar und gehen wir los, ehe wir hier anfrieren. Noch eine letzte Überprüfung vor dem Aufbruch“, hatte Jorry gesagt und sich dem kleinen Stapel Proviant und Material zugewandt.

Sie machten sich auf den Weg über die offene Fläche des ungastlichen Planeten, um die geheimnisvolle, nicht geheure Zitadelle zu finden und in sie einzudringen und ihr den Schatz, den sie barg, zu entreißen. Sie wußten nur undeutlich die Richtung, hatten nur unbestimmte Kenntnis davon, was vor ihnen lag. Ihr Überleben hing von den Vorbereitungen ab. Es war nicht damit zu rechnen, daß der Boden des Boroq-Thaddoi etwas hergab; also war der niedrige, breite Lastschlitten mit Proviant und Wasser für zwanzig Wachzyklen beladen. Kletter- und Grabegeräte, Brennstoffblöcke zum Abkochen und fürs Lagerfeuer, Zelte und zwei verdeckte Käfige mit Kiir-Vögeln wurden noch aufgeladen, und als das geschehen war, traten die anderen zurück, während Axxal, der Achte in der kleinen Gesellschaft, die Lasten festschnürte und sich den Zugriemen so einstellte, daß er über seine breite Brust paßte.

Axxal war der persönliche Betreuer des Kapitäns und überhaupt das Faktotum der Seraph. Wie alle Quespodonen war er haarlos; sein Körper war hoch, breit und kompakt, und er war ungeheuer stark. Doch er hatte nicht die fleckige Haut, die für die meisten seiner Rasse charakteristisch war. Axxal tat sein Teil und mehr der Schiffsarbeit, und er tat sie gut. Er war Jorry treu ergeben, der ihn viel verständnisvoller behandelte, als es die Quespodonen von anderen sternfahrenden Rassen gewohnt waren. Fimm und Jimm bewunderten ihn. Von den übrigen wurde er geduldet. Sogar Bral, der Axxals Rasse verachtete, hatte Respekt vor seiner Kraft.

Während Axxal den Schlitten fertigmachte, verteilte Jorry die Waffen. Jedes Besatzungsmitglied trug bereits die gewohnten Waffen seines Volkes, doch Jorry ergänzte diese. Auf einer solchen Expedition mußte seine Mannschaft mit den besten Waffen der Galaxis ausgerüstet sein. Axxal und Dolul bekamen jeder ein Paar Pistolen. Während sie die Halfter umschnallten und sich die Taschen mit Patronen füllten, öffnete Jorry eine lange Kiste und nahm drei Nahkampfgewehre heraus.

Das waren die wirkungsvollsten Waffen der Raumfahrt. Die meisten kriegerischen Rassen mißtrauten den schlechtgearbeiteten zeitgenössischen Feuerwaffen und benutzten lieber Klingen. Ihr Mißtrauen war durchaus berechtigt. Die gewöhnlichen Feuerwaffen des siebenundzwanzigsten Jahrhunderts taugten nicht viel; sie klemmten oder versagten im kritischen Moment, und wer ihnen sein Leben anvertraute, war ein Narr. Doch diese Waffen hier, die von den Handwerkern des Rugatcz V nach authentischen Modellen von der Alten Erde gefertigt waren, kamen der Perfektion so nahe, wie es für Produkte menschlicher Arbeit nur irgend möglich war. Jorry konnte sich auf sie verlassen. Eins der Gewehre hing er sich selbst um, das zweite gab er Bral, das dritte Collen. Bral wog seine Waffe in der Hand und sah den Kapitän zweifelnd an.

„Nimm es nur, Bral, und gebrauche es. Ich weiß, deine Streitaxt ist dir lieber, aber ein Gewehr hat größere Reichweite“, sagte Jorry. „Du hast doch schon früher eins benutzt, ich weiß es.“

Die Antwort des Skeggjatt klang wie ein beschämtes Geständnis. „Ja, mehrfach. Aber für alles, was wir auf diesem Planeten antreffen, reicht mir meine Axt. Du hast ja schon gesehen, wie ich sie führe.“

„Es geht nicht um deine Kampfkunst, Bral; ich möchte einfach nicht, daß uns irgend etwas so nahe auf den Leib rückt. Mit diesen Gewehren legen wir jeden Angreifer auf fünfzig Meter um. Das ist eine ganz angenehme Distanz.“

„Und wenn nicht?“

„Dann kannst du immer noch deine Axt nehmen.“ Er wandte sich zu Collen. „Bist du für alles gerüstet? Du bist unsere wichtigste Defensivkraft.“

Die Thorumbianierin nickte. Auch ohne Gewehr war sie das bestbewaffnete Mitglied der Expedition. Hülsengurte mit den tödlichen kleinen Finger-Messern, die bei den Lixianern so beliebt waren, kreuzten ihre Brust; Pistole und Kurzschwert hingen am Gürtel, und auf dem Rücken hatte sie einen toxxanischen Langbogen mit einem Köcher voller Breitpfeile. Das Gewehr hielt sie schußbereit in der Hand.

Persönlich musterte Jorry jedes Mitglied seiner Truppe. Nachdem er alles in Ordnung gefunden hatte, formierte er sie in einem engen Kreis im Windschatten des hochbepackten Schlittens und sagte: „Wir gehen in einer Reihe hintereinander bis zur Zitadelle vor. Ich zuerst, Collen nach mir, dann Fimm und Jimm, dann Axxal mit dem Schlitten. Dolul hinter dem Schlitten, als nächster Rull-Lamat, und Bral am Schluß. Ganz gleich, was geschieht – auf keinen Fall ausschwärmen! Immer in Sichtweite bleiben!“

„Gibt es Fallen dort draußen?“

„Dort draußen gibt es alles mögliche. Wenn sich vorn etwas bewegt, schießen Collen und ich. Wenn was von hinten kommt, schießt Bral. Es muß also jeder seine Position halten und in meiner Spur bleiben, so gut er kann. Wenn sich das Wetter plötzlich ändert – und das wird oft der Fall sein -, bleibt stehen und wartet ab. Wir können uns nicht leisten, jemanden zu verlieren; aber ebensowenig können wir uns leisten, die ganze Gruppe für einen zu riskieren, der die Verbindung verloren hat. Denkt daran!“

„Wir können uns doch mit dem Langseil aneinanderbinden?“ schlug Bral vor.

„Nein. Dann wären wir alle verloren, wenn es einen von uns erwischt.“

„Also jeder für sich“, sagte Dolul.

„Jeder für die Gruppe, bis wir wieder im Raum sind. Unsere Chancen, die Zitadelle zu erreichen, sind besser, wenn wir auf schmaler Spur dicht beieinander bleiben. Die Nächte hier sind lang und kalt; in den Bergen finden wir einen geschützten Lagerplatz. Morgen gegen Sonnenuntergang sind wir dann vor der Zitadelle.“

„Warum sind wir so weit entfernt gelandet?“ fragte Collen.

„Eine Vorsichtsmaßnahme. Noch Fragen?“

Keine weitere Frage kam. Jorry befahl: „Also dann los!“ und nahm Richtung auf die Berge.

Die Seraph stand etwa im Mittelpunkt einer Hochebene zwischen zwei Bergrücken. Der eine war viel höher als der andere; Jorry führte seine kleine Truppe auf den höheren zu.

Sie kamen nur langsam voran. Mühsam suchte Jorry unter dem niedrigen Schleier von Treibschnee und Sand den Weg durch das unebene Gelände. Es war, als taste er im Dunkeln nach einem halbvergessenen Pfad. Alle paßten scharf auf. Es war ein schweres Gehen auf diesem rauhen, steinharten Grund, und plötzlich verschwand die Sonne hinter aufkommenden schweren Wolkenmassen, denen jedesmal eine kurze augenverklebende Schneebö folgte.

Ohne Zwischenfall hatte die Truppe etwa die Hälfte der Strecke bis zu den Bergen zurückgelegt. Ganz unerwartet kamen sie jedoch an den Rand eines Abhangs, der zu einer geräumigen, schüsselartigen, mit zahlreichen Felsbrocken bestandenen Senke führte. Diese Felsbrocken, höher als der Größte der Truppe, waren über die ganze Senke verteilt. Anscheinend waren sie nicht, wie die Steine der Hochebene, ein beträchtliches Stück in den Boden eingesunken, sondern standen mit der Unterkante einfach auf dem Sand. Jorry machte Collen darauf aufmerksam.

„Meteore sind das nicht“, erwiderte sie.

„Nein, Meteore wären eingesunken. Die sehen aus, als wären sie ganz vorsichtig so hingestellt worden.“

„Vulkanisch sind sie auch nicht. Hier gibt es ja keine Vulkane. Vielleicht hat sie der Wind –“ Jorry sah die Thorumbianerin überrascht an, und Collen erläuterte: „Der Wind könnte den umgebenden Sand im Laufe der Zeit weggeweht haben. Das wäre möglich.“

„Vielleicht“, antwortete Jorry. Aber er war nachdenklich geworden.

Zweimal zwang sie eine Schneebö zum Halten, doch kamen sie ohne Zwischenfälle bis zur Mitte der Senke, deren niedriger, nach allen Seiten gleichweit entfernter Rand sie umschloß. Voraus ragten drohend die Klippen des Gebirgszuges. Plötzlich ertönte von überall her ein dumpfes Rumpeln, das schnell lauter und mächtiger wurde. Die Gewehrträger brachten ihre Waffen in Anschlag, doch nichts und niemand war zu sehen. Das Geräusch wurde noch lauter, und dann bewegte sich der Boden unter ihren Füßen.

„Er senkt sich! Wir versinken!“ rief Axxal aus.

Jorry spreizte die Beine, blickte sich um und sah, daß die Felsbrocken sich bewegten. „Weg! Zum Rand, so schnell ihr könnt!“ brüllte er. „Bral – hilf Axxal mit dem Schlitten!“

Überall begannen die Steine, die so leicht auf ihrer Grundfläche ruhten, zu rucken und zu gleiten. Ein paar rutschten bereits auf die kleine Truppe zu, und das Zentrum der Senke vertiefte sich noch mehr. Ihre einzige Hoffnung war, den Rand zu erreichen, bevor alle Steine nach innen und unten glitten und ihnen den Weg abschnitten, den sie sich mühsam erkämpfen mußten, weil es zum Rand hin immer steiler wurde.

Es war Axxal, der sie rettete. Er überließ den Schlitten Dolul und Bral und übernahm es, die Felsbrocken abzuwehren, die immer schneller und zahlreicher heranglitten. Die ersten kamen noch langsam und ließen sich durch einen kräftigen Stoß aus der Richtung bringen, doch dann glitten sie immer schneller, und es wurde gefährlich für Axxal. Er hielt einen Stein auf, der fast so groß war wie er selbst, hob ihn hoch und schleuderte ihn mit aller Kraft auf einen anderen, der direkt auf den Schlitten zuglitt. Dieser Stein wurde abgelenkt. Zweimal wiederholte er dieses Kraftstück, und dann waren sie außer Gefahr, denn sie hatten den Rand erreicht, und die Steine, die vorher über die ganze Senke verteilt waren, lagen jetzt in einem dichten Haufen hinter ihnen, im vertieften Zentrum der Senke.

Erschöpft ließen sie sich auf dem erhöhten flachen Streifen hinter dem Rand zu Boden sinken und ruhten von den Anstrengungen aus. Axxals lederharte Handflächen waren zerschunden, und die Spur des Zugriemens hatte sich tief in Doluls bloße Brust eingedrückt. Alle keuchten vor Angst und Erschöpfung. Nach einiger Zeit stand Jorry mühsam auf. „Wir haben es geschafft“, verkündete er.

„Nicht alle“, sagte der eine Quiplide, und der andere fügte hinzu: „Der Thanist ist hingefallen.“

„Bral, hast du es gesehen?“

Der Skeggjatt machte eine verneinende Handbewegung und stieß dann keuchend hervor: „Bin neben ihm gerannt – wollte den Schlitten – nichts gesehen, und auch nichts gehört.“

„Hat wohl nicht mehr schreien können“, überlegte Jorry mit einem Blick auf die Masse der Steine unten im Zentrum, die Rull-Lamat begraben hatten.

„Der Schlitten ist gerettet“, bemerkte Axxal, „die ganze Ausrüstung –“

Jorry sprach weiter, als hätte er ihn nicht gehört. „Rull-Lamat hätte uns einen Begriff von dem geben können, was noch vor uns liegt. Ohne ihn sind wir blind.“

„Denkst du an Umkehr?“ fragte Collen.

„Natürlich nicht!“ entgegnete Jorry kurz. „Wir müssen nur noch vorsichtiger sein.“

„Vorsichtiger?“ keuchte Bral; „was nützt uns – Vorsicht? Auf einem Planeten – wo sogar die Steine – bösartig sind?“

„In einer der alten Geschichten vom Boroq-Thaddoi wird ein Ort erwähnt, der ‚Ebene der Schnittpunkte’ heißt. Ich glaube, wir haben sie eben durchquert“, sagte Jorry.

„Was hast du sonst noch gehört?“ fragte Collen.

„Mehr als mir lieb ist. Doch in allen Legenden und Geschichten ist nie von Gefahren in den Bergen die Rede. Wenn wir die erreicht haben, könnten wir für einige Zeit in Sicherheit sein.“

„Dann wollen wir weiter“, drängten die Quipliden.

Ohne weiteren Zwischenfall gelangten sie an den Fuß des Gebirgszuges. Die bleiche Sonne war inzwischen untergegangen, und die lange Nacht war über ihnen. Endlich hatten sie Unterschlupf in einer flachen Höhle gefunden. Sie verstauten die Ausrüstung sorgfältig und entzündeten ein helles Feuer beim Eingang. Am Ende des ersten Tages auf dem Boroq-Thaddoi waren noch sieben von ihnen am Leben. Dafür waren sie dem Schicksal dankbar.

2. Das Lager in den Bergen: Nacht und Morgen

Nachdem die sieben Sternfahrer gegessen hatten, begannen sie nach dem alten Brauch aller Wanderer am Lagerfeuer, sich zu unterhalten. Es konnte nur ein Thema geben. Alle machten Zukunftspläne, redeten davon, was sie mit den Schätzen anfangen wollten, die sie hoffentlich bald besitzen würden. Eine Zeitlang vergaßen sie beinahe den feindseligen Planeten jenseits des Feuers.

„Wir mieten uns einen großen Mann, sogar noch größer als Bral und Dolul“, begann einer der Quipliden.

„Nicht mieten – einfach kaufen“, sagte der andere, der neben seinem Bruder auf einer Felskante hockte.

„Ja, das tun wir – richtig kaufen“, antwortete der andere freudig, „wir nehmen ihn mit nach Hause, schnallen ihm ein Schulterhalfter um –“

„Wie sie es auf dem Az-Kef benutzen –“

„Und dann kann er uns überall hintragen, jeden auf einer Schulter –“

„Und alle müssen aufblicken, wenn sie mit uns sprechen wollen“, schloß der andere und schaukelte vor Vergnügen hin und her.

„Ihr könnt euch doch jeder einen ganzen Stall voller Riesen kaufen. Warum wollt ihr denn beide auf einem reiten?“ fragte Jorry.

„Wir bleiben zusammen“, erwiderten beide einstimmig.

Collen mischte sich ein. „Ja, stimmt, alle Quipliden sind so. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben einen einzelnen Quipliden gesehen, immer nur zu zweien und dreien, oder einen ganzen Haufen. Warum ist das so?“

„Wenn man klein ist, ist es nicht klug, allein zu sein“, erklärte der eine, und der andere nickte ernsthaft dazu.

„Sehr vernünftig, Freunde. Paßt auch sehr gut zu unserer gegenwärtigen Situation. Ihr habt Collens Frage beantwortet und uns Stoff zum Nachdenken gegeben“, sagte Jorry. „Und was machst du, Bral, wenn du auf einmal reich bist?“

„Ich gehe wieder nach Verdandi und gründe eine eigene Kampfschule. Ich werde Krieger ausbilden, die alle Helden der Geschichte übertreffen. Die Schule von Bral wird jede andere besiegen, die im Turnier gegen sie antritt.“

„Du hast im letzten Turnier gut abgeschnitten, höre ich.“

Stolz blickte Bral um sich und erwiderte: „Ich war der einzige Überlebende der Runde. Die Ärzte konnten ein paar andere noch zusammenflicken, aber nur Bral ging vom Kampfplatz. Es war eine prachtvolle Schlacht. Dreihundert Mann im Kampf auf Leben und Tod.“

„Prachtvoll“, murmelte Jorry.

„Mir wurden einunddreißig Tote gutgeschrieben, aber ich will schwören, daß es noch zwei mehr waren. Manchen wurde der Bauch aufgeschlitzt, Arme und Beine abgehauen – aber sie kämpften weiter bis zum bitteren Ende.“

„Die ganz Unentwegten“, bemerkte Jorry.

„Es war prachtvoll“, wiederholte Bral. Seine Augen strahlten, seine Stimme war heiser vor Stolz.

„Das hast du zweimal gesagt. Aber nun wirklich, Bral, was ist denn daran so prachtvoll, wenn sich Humaniden zum Vergnügen zahlender Zuschauer gegenseitig umbringen?“

„Die Krieger haben Mut, Ruhmeseifer und Treue zu allem bewiesen, woran unser Volk glaubt. Wir betrachten die Gefallenen als Helden und ehren ihre Namen“, erläuterte Bral.

„Was hat denn ein Toter von der Ehre?“

Halb zornig, halb verwirrt blickte Bral seinen Kapitän an. „Das ist doch alles, was er hat. Alles, was es überhaupt gibt.“

Collen brach das Schweigen, das auf Brals Worte folgte. „Ich kaufe mir ein Eigenantriebsschiff, suche mir eine gute Welt und richte mich da ein.“

„Ich auch“, sagte Axxal. „Ich kaufe mir ein Schiff, das größte, das ich finden kann – eine ganze Flotte – und nehme alle Quespodonen mit, die mitkommen wollen. Wir suchen uns eine Welt, wo wir die Herren sein können, nicht die Diener aller anderen Rassen. Wir sind keine Skeggjatten oder Lixianer, doch Ehre und Stolz wollen wir auch haben.“

„Dann hört diesmal auf keinen von der Alten Erde“, sagte Jorry mit einem flüchtigen Lächeln. „Die Pioniere haben euer Volk beim ersten Zusammentreffen schlecht beraten.“

„Heute weiß ich besser Bescheid, Jorry.“

Jorry wandte sich nun Dolul zu, der nicht mit am Feuer saß, sondern ein Stück davon entfernt, mit dem Rücken an die kalte Höhlenwand gelehnt. „Und du? Was tut einer vom Stamm Onhla mit den Schätzen eines Planeten?“

„Ich baue meinen Stamm wieder auf“, antwortete Dolul mit klangloser, keine Gemütsbewegung verratender Stimme.

„Erzähl uns davon“, forderte Jorry ihn auf.

Leise erwiderte Dolul: „Nein. Darüber spricht man nicht.“

Ein ungemütliches Schweigen senkte sich über die kleine Gruppe. Selbst die Kiir-Vögel hörten eine Weile auf zu schnattern. Jenseits der schützenden Nische schrie und jaulte der Wind über die kahlen Felsen; jedesmal, wenn er die Richtung wechselte, brauste er auf, als wolle er die Eindringlinge aus ihrem Versteck treiben. Zischend flackerte die Glut der Brennstoffblöcke auf und warf wildverschlungene Schatten an die schrägen Wände. Ein plötzlicher Windstoß peitschte die Flammen und schleuderte von draußen her einen bösartigen Sprühregen von Steingrieß auf die Gruppe. Dann erstarb der Wind, und eine Zeitlang war alles still.

Kian Jorry brach das Schweigen. Seine Stimme war leise und verhalten, als denke er laut: „Wir k’Turalp’Pa sind unter einem rechnenden Stern geboren – das sagen sie in der ganzen Galaxis von meinem Volke. Und mir macht es Spaß, meinen Verstand zu gebrauchen und Pläne auszuhecken, das muß ich zugeben – aber ich bin nicht sicher, ob es etwas mit meinem Blut zu tun hat. Ich lebe von meinem Verstand, seit ich zum ersten Mal den Fuß auf die Rampe eines Raumschiffes gesetzt habe. Meine Eltern sind schon lange übers Planen hinaus, doch von meiner sonstigen Verwandtschaft möchte ich das nicht behaupten. Nein, meine Eltern leben heute von einem Tag auf den anderen und nehmen es, wie es kommt. Anständige Leute. Sie zahlen ihre Schulden, reden gut von ihren Nachbarn und verlangen nichts vom Universum als ihren gerechten Anteil.“ Er schwieg einen Moment und seufzte dann bedauernd. „Wenn man jung ist, kann man mit solchen Leuten nicht reden. Lange Gesichter, Herzlichkeit, jedesmal eine Predigt, wenn sie nur den Mund aufmachen. Immer heißt es, man soll sich anständig benehmen. Unbedingt müsse man sich etablieren, ein ruhiges Leben führen, einen ruhigen Tod sterben – und zum Schluß kann man das eine nicht vom anderen unterscheiden. Das hat mich schon als ganz jungen Menschen in die Sterne getrieben. Und ich kann auch nicht sagen, daß es mir leid tut. Ich habe öfter Hunger gelitten, als ich mich erinnern mag, und oft waren meine Taschen leer. Ich habe häufig genug kämpfen und manchmal auch wegrennen müssen. Aber ich bin immer noch fürs Sternfahrerleben, trotz all seiner Tücken.“

Wiederum schwieg er nachdenklich, dann fing er aufs neue an: „Als ich Sternfahrer wurde, war ich ein wilder, junger Bursche, der Abenteuer suchte. An der Aussicht, mein Leben auf festem Boden zu verbringen, wäre ich verzweifelt. Als ich bei Kapitän Crimmthann anheuerte, kam ich mir wie ein befreiter Gefangener vor. Bei dieser meiner ersten Reise auf der alten Civilisation war eine rauhe Mannschaft an Bord, und ich muß ziemlich ängstlich ausgesehen haben. Da sagte der Kapitän etwas, zu mir, das ich nie vergessen habe: Du kannst ja von Freibeutern denken, was du willst, mein Junge, meinte er, aber die nackte Wahrheit ist: im Grunde seines Herzens ist jeder einzelne von ihnen ein Bauer oder Kaufmann oder Gastwirt. Gib ihnen ordentlich Prisengeld, und sie werden es in einem sicheren Geschäft unter den Bodenwürmern anlegen. Ich habe nur genickt und – Jawohl, Kapitän – gesagt – der alte Crimmthann hätte mir auch den Schädel eingeschlagen, wenn ich gewagt hätte, zu widersprechen -, doch ich glaubte kein Wort davon. Wie könnte ein Mann, der einmal den Staub von seinen Füßen geschüttelt und das Zupacken des Antriebsschubs in seinen Eingeweiden gespürt hat, jemals wieder auf festem Boden leben wollen? Wie kann jemand wieder zurück wollen, der einmal hier draußen hinuntergeblickt hat und seine Heimatwelt als das gesehen hat, was sie ist – ein einsames, im Unendlichen verlorenes Staubflöckchen?“

Er hielt inne, doch die anderen waren seine rhetorischen Fragen gewohnt. Sie versuchten erst gar nicht zu antworten, und bald fuhr er fort: „Nun, es dauerte nicht lange, da merkte ich, daß ich mich geirrt und der alte Crimmthann recht hatte. Auf meiner dritten Reise stieß die Civilisation auf ein Transportschiff vom Triandal, das bis zum Bersten voller Zahlwürfel war. Auf einmal war ich ein reicher, junger Mann, reich genug, um mein schlimmes Leben aufzugeben und einen eigenen Handel anzufangen. Es stimmt, meine Freunde. Eine Zeitlang war ich ein ehrsamer Handelsmann, Geschäftstalent hatte ich ererbt. Und dank meiner früh erworbenen Erfahrungen wußte ich, wie man Piraten aus dem Wege geht. Meine Waren kamen immer richtig an. Mein Geschäft blühte. Ich kaufte weitere Antriebsschiffe, immer mehr. Schließlich wurde ich so groß, daß ich nicht mehr den Fuß an Bord eines meiner eigenen Schiffe setzte, so erfolgreich, daß ich kaum noch Zeit zum Essen hatte und überhaupt keine mehr zum Schlafen. Tatsächlich, wenn mich mein gerissener Partner – ein solider, vernünftiger Bücherwurm – nicht zum Bettler gemacht hätte, dann wäre ich verloren gewesen. Aber er nahm mir alles weg, ich behielt kaum mehr als die Kleider auf meinem Leib. Und die Seraph.“

Dazu konnten sie nicht mehr schweigen. „Was hast du mit ihm gemacht, Jorry?“ fragte einer der Quipliden.

„Ich ging weg und ließ ihm alles“, antwortete Jorry und fuhr fort, als er ihre erstaunten Gesichter sah. „Seid nicht so enttäuscht. Gewiß, meine Rasse ist nicht von sehr liebevoller Natur, aber wir sind nicht dafür, Blutsverwandte umzubringen. Und es war mein eigener Bruder, der mich betrogen hat. Doch ich trug es ihm nicht nach und tue es auch jetzt nicht. Endlich war ich frei. Und ich wußte, was ich wollte.“ Wieder hielt er inne und blickte im Kreise umher, als wolle er die Gesichter seiner Leute studieren und ihre Gedanken erforschen. Dann sagte er: „Und wenn ihr fragt, warum ich diese Geschichte aus meiner unreputierlichen Vergangenheit erzählt habe – bitte sehr: ich bin enttäuscht von euch. Bald werdet ihr alle reicher sein, als ihr euch vorstellen könnt, und ihr wollt nichts weiter als es euch auf einem Planeten gemütlich machen und überlaßt die Sterne solchen, wie ich einer bin.“

„Was ist denn dagegen einzuwenden, wenn man eine Weile seine Ruhe haben will, Jorry?“ fragte jemand.

„Aber nicht das Geringste – wenn man weiter nichts will. Allerdings kann ich nur schwer begreifen, wie das überhaupt jemand wollen mag.“

„Was willst du denn machen, Kapitän?“ fragte Bral.

„Eine ganze Menge“, antwortete Jorry. Er sah sich im Halbkreis seiner Leute um, als wolle er sie näher heranziehen, damit sie besser auf seine Worte horchten. Selbst Dolul rückte von seinem isolierten Platz in den Kreis seiner Schiffskameraden. Jorry wärmte sich die Hände an der Flamme und sprach mit leiser Stimme weiter: „Ich will überall hinfahren und mir alles ansehen, wovon mir die alten Weltraumratten erzählt haben – und was ich ihnen geglaubt habe, selbst wenn alle anderen nur darüber lachten. Wenn man sich etwas vorstellen kann, dann existiert es auch irgendwo draußen im Raum, daran habe ich keinen Zweifel. Und das wird erst der Anfang sein. Es gibt noch andere Galaxien jenseits der unseren, und wenn ich alles gesehen habe, was es in dieser hier zu sehen gibt, und alles getan habe, was hier zu tun ist, dann richte ich die Nase der Seraph auf eine von den anderen und gebe Höchstschub.“

„Aber die Zeit, Jorry. Dazu brauchst du doch hundert Lebenszeiten“, wandte Axxal ein, und Bral verbesserte: „Tausend, und noch mehr.“

„Umso mehr muß ich mich beeilen“, entgegnete Jorry und mußte über ihre ernsthaften Gesichter lachen. „Ein Grund mehr, daß ich mich mein Leben lang für den Boroq-Thaddoi interessiert habe. Ich war sowieso in Versuchung herzukommen, einfach um einen Planeten anzusehen und zu bereisen, der so viele Sternfahrer abgeschreckt und noch mehr umgebracht hat. Aber das Leddendorfsche Lösegeld gab den Ausschlag – da konnte ich nicht mehr widerstehen. Mit meinem Anteil rüste ich die Seraph ganz neu um. Sie wird schneller werden als irgend etwas in dieser Galaxis. Geschwindigkeit besiegt die Zeit, Freunde; und ich werde ein Schiff besitzen, das die Zeit stillstehen läßt.“

„Ich habe von Sternfahrern gehört, die von langer Reise zurückkehrten und jünger waren als ihre Kindeskinder“, erinnerte sich Axxal.

„Diese Geschichten sind wahr. Die Zeit ist der Feind, aber mit einem guten Schiff als Waffe werde ich diesen Feind besiegen. Ich werde die Zeit nicht nur für mich anhalten – ich werde sie rückwärts laufen lassen. Ich werde als lahmer Greis starten und als Jüngling zurückkommen, bereit, ganz und gar von neuem anzufangen.“

Alle Anwesenden hatten solche Geschichten gehört, wie Axxal sie erwähnt hatte, traurige Geschichten von Weitgereisten, die heimgekehrt waren zu einem Haus, das zu Staub zerfallen war, zu einer Familie, die zugrunde gegangen war, während die Multilichtgeschwindigkeit für sie selber die Effekte des Zeitablaufs gebremst hatte. Sie erzählten sich solche melancholische Geschichten, bis die lange Nacht ihre Mitte erreicht hatte, und dann befahl Jorry, schlafen zu gehen, da er früh aufbrechen wollte. Er selbst übernahm die erste Wache.

Stille und Einsamkeit waren wohlbekannte Gefährten für Kian Jorry. Er wickelte sich in den schweren Mantel und setzte sich bequem am Höhlenrand zurecht, das Gewehr auf den Knien. Jenseits des glimmenden Feuers stöhnte der Wind unter fremdartiger Sternenpracht. In Gedanken versunken starrte Jorry hinaus.

Für ihn war Denken etwas ebenso Wirkliches wie Handeln. Er war ein k’Turalp’Pa, ein Abkömmling der ersten Kulturrasse, welcher die Pioniere der Alten Erde vor sechs Jahrhunderten begegnet waren. Obwohl er immer behauptete, er sei ein einfacher Mann, war er typisch für viele seines Volkes: er liebte es, verzwickte Komplotte zu weben, ausgefallene Pläne zu machen, er war in allen seinen Unternehmungen stets auf Detail und Flexibilität bedacht. Dieser Zug war die Stärke und gleichzeitig die große Schwäche der k’Turalp’Pa. Ihre labyrinthischen Pläne zur Erlangung von Macht und Reichtum wurden allzu oft zum Selbstzweck, und die Absicht trat an die Stelle der Ausführung. Planen war reineres Vergnügen als Ausführen. Da die k’Turalp’Pa unbegrenztes Vertrauen in ihre Projekte hatten, wurden sie nur allzu häufig Opfer unvorhersehbarer Launen des Glücks. In solchen Fällen pflegten sie die ganze Galaxis zu verfluchen, eine Weile in Schwermut zu versinken und darauf, ohne etwas aus ihrem Mißerfolg gelernt zu haben, einen neuen, noch ehrgeizigeren Plan zu schmieden. So waren sie eben, und deshalb war ihr Planet zu einem Refugium enttäuschter Phantasten geworden.

Es war eine ruhige Welt, ein friedlicher Planet, denn die k’Turalp’Pa waren kein sehr tatkräftiges Volk. Sie benutzten lieber ihre Geisteskraft und vernachlässigten darüber die Entwicklung ihres Körpers. In dieser Hinsicht war Jorry anders. Er hatte früh gelernt, daß der Weltraum nichts für Schwache und Unentschlossene war und hatte sich gehärtet, bis er es mit jedem aufnehmen konnte. Körperlich glich er mehr den kriegerischen Skoraten, einer verwandten Rasse, als seinem eigenen Volk. Er rühmte sich seiner Kräfte nicht und war auch nicht besonders stolz auf sie. Doch er wußte, daß er sie zum Überleben brauchte.

Doch als k’Turalp’Pa reichten ihm weder Kraft noch Klugheit allein aus, um sich sicher zu fühlen. Am Körper verborgen, trug er zwanzig oder mehr lixianische Finger-Messer. Auf kurze Entfernung war seine Zielsicherheit tödlich.

In ihrer gesamten überlieferten Geschichte hatten die k’Turalp’Pa weder eigene Raumfahrt noch überhaupt Fliegerei betrieben. Ihre Interessen waren stets mehr künstlerischer als technischer Natur gewesen, und auf diesem Gebiet leisteten sie Beträchtliches. Schon die alten k’Turalp’Pa hatten das Malen von Lebenden Bildern zur Vollendung gebracht, und ein Original aus den großen Tagen des Planeten war in jeder Kulturwelt ein Objekt von unschätzbarem Wert.

Als die ersten Menschen vom Planeten Erde kamen, empfingen die k’Turalp’Pa sie in Frieden und nahmen innerhalb kurzer Zeit alles auf, was die Besucher zu bieten hatten. Bei der zweiten großen Reisewelle fuhren k’Turalp’Pa mit den Pionieren. Auf manchem ihrer Schiffe taten sie Dienst als Piloten.

Doch jetzt, im siebenundzwanzigsten Jahrhundert, sah man selten k’Turalp’Pa außerhalb ihrer Heimatwelt. So ein Streuner wie Jorry war eine Seltenheit unter seinem Volk. Und wie er da auf seinem Wachtposten saß, ein ersterbendes Lagerfeuer und schlafende Kameraden im Rücken, Kälte und Dunkelheit vor sich, dachte er an seine Heimat, sein Leben, seine langen Wanderungen und war zufrieden. Er hatte sich seiner Erfolge gefreut, seine Mißerfolge überlebt – er bedauerte nichts. Selbst die Mißerfolge waren interessant gewesen. Und sein ganz großer Erfolg lag jetzt vor ihm.

Die Nacht verlief ruhig, und der Wind schlief mit der schwindenden Dunkelheit ein. Die Besatzung der Seraph stand auf, packte zusammen und belud den Schlitten wieder. Man stieß sich in der flachen Höhle, und alle sehnten ungeduldig den Aufbruch herbei, doch keiner wollte als Erster in das fahle Frühlicht hinaustreten. Erst als der Schlitten bepackt und alles marschfertig festgeschnallt war, wagte sich einer der Quipliden hinaus auf die offene Felskante jenseits der glimmenden Asche. Die anderen achteten nicht auf sein Hinausgehen, bis sie ihn mit sanfter, fast kindlicher Stimme „Jorry“ rufen hörten – dann hörten sie nichts mehr.

Auf den Ruf hin ergriffen Jorry, Bral und Collen ihre Gewehre und stürzten aus der Höhle hinaus. Von ihrem kleinen Genossen konnten sie keine Spur entdecken. Der kahle Fels trug keine Fußspuren; nirgends war Blut, nirgends ein Zeichen von Kampf, nichts deutete darauf hin, wo der Kleine geblieben war oder was – wenn überhaupt – ihn entführt hatte. Er war einfach ganz und gar verschwunden.

„Jorry, wo ist Jimm?“ fragte der andere Quiplide kläglich. „Was ist mit ihm geschehen?“

„Ich weiß es nicht“, entgegnete der Kapitän und blickte umher, auf die kahle Bergwand, den graden Pfad zum Kamm, den langen Hang bis zum Fuß des Berges hinunter. „Nichts kann ihn so schnell weggeholt haben. Das ist doch nicht möglich.“

„Aber er ist weg! Du hast doch gesagt, in den Bergen wäre keine Gefahr, und nun ist Jimm weg!“

„Ich habe mich geirrt, und Jimm war unvorsichtig. Und daher bist du jetzt für uns umso wichtiger“, erwiderte Jorry und hockte sich hin, um mit dem verzweifelten Fimm etwa auf gleicher Höhe zu sein. „Ich habe auf Jimm und dich gerechnet. Ihr solltet die Außenwand hinaufklettern und euch mit den Schlössern befassen, die es drinnen etwa gibt. Jetzt hängt alles von dir allein ab. Wenn dir etwas passiert, Fimm, dann kommen wir nicht weiter.“

„Was wird mit Jimm? Können wir ihn nicht zurückholen?“

„Wie denn? Wir wissen nicht, was ihn weggeholt hat oder wo er ist. Wir können nicht einmal wissen, ob er noch lebt. Bleiben wir hier, dann kann das, was Jimm geholt hat, uns auch holen, wir müssen weiter.“

„Können wir Jimm nicht suchen? Bitte, Jorry.“

„Das können wir nicht riskieren. Du wirst von jetzt ab auf dem Schlitten sitzen und dort bleiben, so daß dich dein Hintermann immer sehen kann.“ Sanft legte er dem Quipliden die Hand auf die traurig hängende Schulter und fuhr fort: „Tut mir leid, daß wir Jimm nicht suchen können, aber es geht einfach nicht, und damit hat sich’s, Fimm. Wir müssen weiter.“

„Ja, schon gut, Jorry“, antwortete der Kleine. Er ging zum Schlitten, der draußen mit Axxal am Zugriemen bereits wartete, und kletterte hinauf, so daß Dolul ihn sehen konnte. Dort hockte er, reglos zu Boden starrend, ein winziges Bild des Kummers.

Jorry gab das Signal, und sie gingen den Pfad entlang, auf den Kamm des Berges zu. Der Anstieg war nicht steil, aber lang; Dolul und Axxal lösten einander zweimal ab, bis sie oben waren.

Hier wurde der Wind stark und stetig, und das Blickfeld war nur von der Rundung des kleinen Planeten begrenzt. Ungebrochen rollte eine weite, offene Ebene bis zum Horizont. An ihrer Rechten erhob sich ein Gebirge, verlief im Bogen, wurde niedriger und zugänglicher, ging schließlich in niedriges Hügelland über und dann in eine Ebene mit aufragenden Felsbrocken, als sei die Kraft, die sie aus dem Inneren des Planeten herausgeschleudert hatte, schwächer geworden und an dieser Stelle endgültig erstorben. Zur Linken ragte ein einzelner, seltsam geformter Felsen aus der Ebene empor. Auf diesen deutete Jorry.

„Das ist die Zitadelle“, überschrie er den dröhnenden Wind.

„Sieht eher wie ein Berg aus“, sagte Collen. „Bist du sicher?“

„Ein Bauwerk wie ein Berg, allein für sich in einer Ebene, mit einem Halbkreis immer niedriger werdender Hügel an der einen Seite“, zitierte Jorry. „So ist sie mir beschrieben worden, und da ist sie. Los, hinunter.“

Auf einer breiten, an beiden Seiten vor den Windstößen geschützten Kante hielten sie die letzte Rast vor dem Abstieg. Sie hatten gut die Hälfte der Strecke zurückgelegt, und die Oberfläche der Ebene, die sie jetzt aus einem anderen Blickwinkel sahen, bot ein zerstreutes Muster seltsamer Formen. Aufmerksam betrachteten die Wanderer die einzelnen Gebilde und rieten herum, was sie wohl sein könnten.

Jorry beendete ihre Spekulation mit einem einzigen Wort.
„Schiffe.“

3. Der Schiffsfriedhof

Vom Fuße des Berges aus zogen sie über die offene Ebene. Sie kamen nur langsam und schwer voran. Was wie glatter, fester Boden ausgesehen hatte, erwies sich als weicher Sand, der die Schlittenkufen festhielt und beim mühsamen Vormarsch an ihren Füßen sog.

Von dem Wind, der sie auf den oberen Höhen angefallen hatte, war hier in der Ebene nichts zu spüren. Es herrschte völlige Stille; kein Laut war zu hören außer dem langsamen Mahlen der Schlittenkufen und dem mühsamen Atmen aller außer Fimm, der oben auf der Schlittenlast seine einsame Wache hielt. Immer langsamer kam die Gruppe voran. Bei einem gestrandeten Antriebsschiff, nicht weit von den Bergen, gab Jorry das Signal zum Halten. Sie ließen sich in den Sand fallen, einige lehnten sich an den Schlitten, andere an das Schiff, und zunächst sagte keiner ein Wort.

Fred Gambino Raumschiffsfriedhof

Dann, als sie ruhiger atmeten, brach Jorry das Schweigen. „Jetzt seht ihr, warum ich nicht hier landen wollte. Hier ein Eigenantriebsschiff zu landen, das wäre, als wollte man auf Wasser aufsetzen.“

„Aber warum sind die alle gerade hier gelandet?“ fragte Bral und deutete mit einem sensenartigen Schwung seiner großen Hand auf die Raumschiffe, die auf der Ebene lagen oder in gefährlichen Winkeln aufragten.

„Ja, warum, Jorry? Die Führer waren doch bestimmt keine Idioten“, fragte auch Axxal.

„Das ist eine großherzige Feststellung“, lachte Jorry. Er schwieg einen Moment und gab dann zu: „Um die Wahrheit zu sagen – ich weiß es nicht. Vielleicht sah auf ihren Bildschirmen der Sand wie fester Boden aus. Vielleicht hatten sie keine Lust, zu Fuß zu gehen.“ Er zog erst den einen, dann den anderen Stiefel aus, um den Sand herauszuschütteln. „Kann ich ihnen auch kaum verdenken. Das ist kein Planet, den ich mir zum Spazierengehen aussuchen würde.“

„Was mag wohl aus ihnen geworden sein?“ fragte Axxal.

„Die kannst du vergessen. Sie sind lange tot. Dieses Ding hier muß fünf galaktische Jahrhunderte alt sein.“ Jorry deutete auf das Düsenschiff, das sie mit seiner Masse überragte und seinen Schatten noch über den Schlitten hinaus warf.

„Wirklich so alt?“ fragte Axxal.

„Na klar. Bullaugen im Bug, erhöhte Brücke, Außenrampen, getrennte Düsenaggregate – das findest du nur bei ganz alten Modellen. Das hier muß eins der ersten gewesen sein, die das heimische Planetensystem verließen.“

„Es liegt sicher schon eine ganze Zeit hier“, meinte Bral.

Jorry stimmte ihm zu. Er zog die Stiefel wieder an, stand auf und ging zu der alten Hulk. Das Raumschiff maß von einem Ende bis zum anderen knapp neunzig Meter. Es lag auf dem Bauch, das Vorschiff fast zur Hälfte im Sand, das Achterschiff ragte frei heraus. Die Platten der Außenhaut wiesen klaffende Risse und Sprünge auf, waren von kosmischem Staub, von den Winden des Boroq-Thaddoi, vom Zahn der Zeit angefressen und zerlöchert. Die Bullaugen waren gesprungen, eins war völlig eingeschlagen.

Im Mittelteil stand ein Luk offen. Jorry betrachtete es eine ganze Weile, bis Brals Stimme ihn aus seinen Gedanken riß.

„Gehst du hinein, Jorry?“

„Ich bin nicht hergekommen, um alte Wracks zu besichtigen. Ich lasse nur mal meine Phantasie ein bißchen laufen. Da ist bestimmt nicht mehr viel Wertvolles drin.“

Der Skeggjatt war zu seinem Kapitän getreten und blickte jetzt nachdenklich in das offene Luk. „An Schätze habe ich nicht gedacht.“

„Sondern?“

„Ich dachte, vielleicht brauchen wir nicht zur Seraph zurück.“

Entschieden schüttelte Jorry den Kopf. „Eher versuche ich, mit unserem Schlitten hochzugehen, als mit einem von diesen Wracks.“

„Das hier ist vielleicht nicht mehr zu reparieren, aber die anderen? Sind das lauter Wracks?“

„Keins von denen ist von der Klasse der Seraph. In der Zeit, die wir brauchen würden, um das beste von denen auch nur startklar zu machen, könnten wir die ganze Galaxis umrunden.“

Die anderen, die beim Schlitten lagerten, konnten Jorrys Worte deutlich hören. Aufmerksam lauschte Dolul dem Disput und wandte sich dann an Axxal: „Stimmt das, was Jorry sagt?“

Der Quespodon überlegte kurz. Dann antwortete er: „Ich glaube ja. Diese alten Schiffe sind zäh, aber wenn sie so lange liegen – Wroblewski-Spulen werden durch Gebrauch stärker und besser. Wenn sie lange unbenutzt sind, geschieht etwas mit ihnen. Sie verlieren ihre Kraft.“

„Also sind alle diese Schiffe nutzlos?“

„Hier und jetzt sind sie nutzlos für uns. Aber wenn wir gute Techniker hätten, Werkzeuge, Kräne, neue Einzelteile, dann könnten wir in ein oder zwei Jahren eins reparieren. Und wenn wir wüßten, wie sie funktionieren. Aber wir sind nur zu sechst, und wir haben nur noch Verpflegung für achtzehn Wachen. Ich habe auch nicht viel Lust, nochmal über die Berge und durch dieses Tal zu trekken, aber anders kommen wir nicht von diesem Planeten weg“, sagte Axxal und seufzte resigniert.

Da riß Fimms Stimme sie hoch, der immer noch auf der Schlittenlast hockte. „Was ist mit den anderen, Axxal“, rief er. „Da draußen. Siehst du?“ Fimm deutete in die offene Ebene hinaus, die sich vom Gebirge bis zum Horizont erstreckte. „Das komische Ding da, siehst du es? Und das andere, da hinten, in der Verlängerung der Felsspalte. Was hältst du von dem?“

Axxal starrte erst das eine, dann das andere Gebilde an und wandte sich dann schaudernd ab. Er war nicht so scharfäugig wie der Quiplide oder der Hraggellon, aber er hatte genug gesehen und wollte nicht mehr sehen. Eins der Objekte – es konnten nur Raumschiffe irgendwelchen Typs sein, aber er scheute sich, diese geläufige Bezeichnung auf solche Gebilde anzuwenden – war geformt wie zwei niedrige Pyramiden, die an ihren Spitzen durch lange Stäbe verschiedener Dicke verbunden waren. Das andere war ihm noch unheimlicher, ohne daß er wußte, warum. Es war eine Ansammlung von Schalen oder Hülsen, die durch ein Gewebe schlanker Röhren miteinander verbunden waren; von der größten, der mittleren Schale, ragte etwas heraus und schien in sich selbst zurückzulaufen. Es glich einer Spirale, und doch war es anders als jede Konstruktion, die Axxal jemals gesehen hatte oder sich vorstellen konnte. Er schloß die Augen und versuchte, das Nachbild jenes Gegenstandes aus seinem Hirn zu vertreiben, wo es sich zuckend wand wie etwas Lebendiges.

„Was hast du, Axxal?“ fragte Fimm.

„Diese Dinger sind mir unheimlich. Solche Raumschiffe habe ich noch nie gesehen.“

„Sind das nicht Modelle von der Alten Erde?“

„Niemand von der Alten Erde hat jemals so etwas gebaut“, erwiderte Axxal.

Jorry und Bral waren inzwischen zu ihnen getreten. Jorry beschattete die Augen und spähte nach den beiden seltsamen Gebilden. Er studierte sie lange, sagte aber nichts. Dolul stellte ihm die gleiche Frage, die er vorhin an den Quespodonen gerichtet hatte.

„Lieber will ich es mit diesem lecken alten Schrotthaufen versuchen, als den Dingern auf tausend Meter nahekommen. Keine Rasse, von der ich je gehört habe, hat sie gebaut; und ich habe keine Lust, diese Leute kennenzulernen oder mir ihr Werk aus der Nähe anzusehen.“

„Vielleicht waren es Rinn“, meinte Bral.

„Vielleicht. Niemand weiß genau, wie Rinn-Schiffe aussehen. Aber können es beide Rinn sein?“ Diese Frage hing unbeantwortet in der Luft, und Jorry fuhr fort: „Vielleicht sind sie von außerhalb.“ Er schien sekundenlang über seine eigenen Worte nachzudenken und wiederholte dann leise: „Von außerhalb –“

„Gehen wir lieber weiter, wenn wir bei Einbruch der Dunkelheit an der Zitadelle sein wollen“, drängte Collen.

„Ja, gewiß“, nickte Jorry zerstreut, denn er starrte immer noch auf die seltsamen Fahrzeuge. „Wir müssen uns beeilen. Also los.“

Er war der letzte, der seinen Platz in der Karawane einnahm, und konnte, wie alle merkten, seine Augen nur widerstrebend von den fernen Raumschiffen losreißen. Im Weitergehen sagte Collen zu ihm: „Du scheinst ja fasziniert von diesen Schiffen zu sein.“

„Sie interessieren mich, ich kann es nicht leugnen. Wenn sie tatsächlich aus einer anderen Galaxis sind, kann kein Mensch sagen, was man darin finden würde.“

„Du könntest etwas finden, was du nicht willst“, sagte die Thorumbianerin. „Unbekannte Gebilde von unbekannten Sternen – ich habe Geschichten von solchen Schiffen gehört. Sie bringen nichts Gutes.“

„Wenn ich genau wüßte, daß sie von jenseits des Randes kommen –“

„Was dann?“

„Wenn sie hergekommen sind, können sie auch wieder zurück. Die beste Art, aus dieser Galaxis herauszukommen!“

Collen starrte ihn an. „Du sprichst wie ein Wahnsinniger, Jorry“, sagte sie mit kalter, unbewegter Stimme. „Den Fuß in so ein unheimliches Fahrzeug zu setzen -! Schon der bloße Anblick ist unnatürlich.“

„Beruhige dich, liebe Freundin, und mach dir keine Sorgen um die geistige Gesundheit des alten Kapitän Jorry. Es ist nur so eine Grille. Intellektuelle Neugier. Es hält mich davon ab, an das zu denken, was noch vor uns liegen mag.“

Schweigend marschierten sie weiter und wandten ihre ganze Kraft daran, durch den zähen Sand zu stapfen. Immer weiter ließen sie die Wracks der Raumschiffe hinter sich. Die Zitadelle lag noch gut einen halben Tagesmarsch vor ihnen, doch selbst auf diese Entfernung stachelte sie die Phantasie an. Je näher sie kamen, desto unheimlicher wurde sie und verdrängte jeden anderen Gedanken aus ihren Hirnen.

Unmöglich zu sagen, wo der natürliche Felsen aufhörte und das eigentliche Bauwerk begann; doch im oberen Teil der Zitadelle waren intelligente Planung und tüchtige Werkarbeit nicht zu verkennen. Was aber zu denken gab, war der Zweck, der dahintersteckte. Ein brillanter, aber wahnsinniger Architekt mußte sich diese Vermischung von Baustilen und Materialien hundert verschiedener Zivilisationen zu einem einzigen monströsen Bauwerk ausgedacht haben, doch keine bekannte Rasse hätte so etwas errichten können.

So etwas wie die Zitadelle von Boroq-Thaddoi gab es in der ganzen bekannten Galaxis nicht noch einmal. Die Mauern von Skix, der große Korridor auf der Clotho, die ewigen Pyramiden auf dem Xhanchos, selbst die legendären Städte der Alten Erde in den stolzen, kriegerischen Jahrhunderten vor dem großen Exodus waren zwergenhaft gegen sie. Ein Monument, das Riesen errichtet haben mußten.

Unmittelbar vor dem kleinen Trupp erhob sich eine senkrechte Felswand glatt und ungebrochen zweitausend Meter hoch und zerfaserte sich dann in eine Phantasmagorie von Türmen, Zinnen und Erkern, alle verbunden durch gordisch verschlungene Bogenrampen. Zur Linken löste sich die glatte Fläche auf in wellenförmige Mauern aus polierten schwarzen Steinen; darüber lief ein Felsensims, der unvermittelt in eine Brücke überging, die über einen Abgrund zur Zinne eines abgestumpften Turmes führte. Nach rechts lief die Mauer auf eine Reihe riesiger Stufen zu; dahinter erhoben sich mächtige Kristallkuppeln, und darüber kleinere in verschiedenen Farben, und aus diesen Kuppeln stachen nadeldünne Spitztürme hervor, die sich zu unvorstellbaren Höhen erhoben, dann in scharfem Winkel abknickten und sich im Wald der niedrigeren Türme verloren.

Die Vielfalt der Formen und Materialien dieses einen ungeheuren Bauwerks mußte jeden Betrachter aufs stärkste fesseln. Doch wenn dieser näherkam, in den Schatten der Zitadelle trat und spürte, wie sie sich drohend über ihm türmte, mußte er vor Staunen über die bloße Masse dieser endlosen, kletternden, sich aus sich selbst entwickelnden Konstruktion, dieses beklemmende Monstrum aus gefrorenem Stein, einsam ragend auf der toten Ebene dieser leeren gemiedenen Welt, alles andere vergessen lassen.

Jorry und sein Trupp erreichten den Fuß der Mauer, als die trübe Sonne eben unter dem Horizont verschwand. Der abgeladene, an einem Ende hochgestellte Schlitten diente als Schutzschirm für ihr kleines Lager. Jorry stellte eine Doppelwache auf. Der zweite Tag war vergangen. Sechs waren noch am Leben. Das Ziel lag in Reichweite.

4. Das Tor

Im ersten Frühlicht machten sie sich zum Angriff auf die Zitadelle fertig. Verpflegung und Wasser für drei Wachen blieben mit dem Schlitten und den Einzelzelten im Lager zurück. Die würde man erst wieder brauchen, wenn man den Treck zurück zur Seraph antrat. Alles andere mußte getragen werden.

Die lange Kletterleine über die Schulter geschlungen, kroch Fimm die glatte Wand empor, an der er immer noch unsichtbare Haltstellen für Finger und Zehen fand. Er kam sehr rasch voran und hatte bald einen Vorsprung erreicht, eine natürliche Brustwehr dieser Festung, die sowohl ein Werk der Natur als auch des Baumeisters war. Er befestigte und sicherte die Leine und ließ sie für den Nächsten herunter.

Dolul folgte ihm als erster, dann kamen Bral und Axxal; jeder von ihnen trug zusätzlich zur eigenen Ausrüstung einen der Käfige mit den Kiir-Vögeln. Dann folgte Jorry, und zuletzt kam Collen. Als sie zusammen auf der Leiste standen, faßte Jorry in seine Jackentasche und holte ein zusammengefaltetes Stück metallischen Gewebes heraus, das allerlei Markierungen trug.

„Ist das die Karte?“ fragte Bral.

„So etwas Ähnliches. Kann jemand von euch lesen?“ fragte Jorry und breitete das Dokument auf dem flachen Felsen aus. Es stellte sich heraus – und er hatte es auch nicht anders erwartet -, daß keiner von seiner Mannschaft sich der Mühe unterzogen hatte, die geheimnisvolle und ehrwürdige Kunst des Lesens und Schreibens von Buchstaben zu erlernen. Zu jener Zeit war das überhaupt eine seltene Fähigkeit.

„Hier ist alles verzeichnet, was ich herausgefunden habe und auf Grund bester Informationen als wahrscheinlich annehme. Zum Teil ist es eine Karte, zum Teil ein Diagramm, zum Teil eine Liste von Alternativen und zum Teil, wie ich gestehen muß, ein Tasten im Dunkel absoluten Nichtwissens. Ich habe eine gewisse Idee davon, was zu erwarten ist und wo ich hin will, doch es wird Überraschungen geben. Seid auf alles gefaßt.“

„Das sind wir“, sagte Dolul.

„Gut. Fimm, rolle das Seil auf und sichere es an der Kante, so daß wir es schnell hinunterwerfen können. Vielleicht haben wir es sehr eilig mit dem Abstieg.“ Während der Quiplide den Befehl ausführte, wies Jorry die anderen ein. „Dolul, du bleibst dicht hinter mir. Wenn ich das Zeichen gebe, kommst du rechts neben mich und gibst nach vorn Feuerschutz. Nimm Brals Gewehr. Dann kommen Bral und Axxal; Collen bildet die Nachhut. Wenn Collen Alarm gibt, kommt Axxal ihr zu Hilfe, und Bral deckt die Ausrüstung. Ist das klar?“

Alle nickten. Jorry kontrollierte alle Waffen; dann traten sie den Marsch auf dem hohen Saumpfad an.

Gegen Mittag gelangten sie an einen Punkt, wo der Saum scharf abbog und durch einen Spalt direkt in die Felswand führte. Es war dunkel, doch ein schwacher Lichtpunkt schimmerte weit voraus. Jorry nahm Fimm eine der Laternen ab und hing sie sich vor die Brust, so daß er die Hände frei hatte. Eine zweite Laterne gab er Collen.

„Genau wie vorhin. Haltet die Marschordnung ein und achtet auf jede Kleinigkeit“, befahl er.

„Bis jetzt haben wir noch nichts gesehen“, bemerkte Collen.

„Irgend etwas hat aber Jimm weggeholt.“

Zweifelnd schüttelte die Thorumbianerin den Kopf. „Er kann auch abgestürzt sein – eine Felsspalte. Auf dieser Fläche gibt es weder Wasser noch Nahrung, Jorry. Was könnte hier leben? Wie sollte es sich ernähren?“

Jorry grinste. „Ein normaler Sternfahrer, wenn er ordentlich zubereitet und gewürzt ist, kann eine Delikatesse sein. Hast du daran gedacht?“

„Ich habe seit unserer Landung daran gedacht“, murmelte Bral.

„Ich will nicht behaupten, daß es stimmt, aber wir wollen auf alles vorbereitet sein. Vielleicht hat Collen recht, und auf dem Boroq-Thaddoi lebt nichts anderes als die paar armen Narren, die auf Schatzsuche herkommen. Doch es gibt Hinweise auf einen unterirdischen Fluß, und auf Wesen, die im Dunkeln leben. Vielleicht ist es nur so ein Horrormärchen alter Kosmosratten – aber lachen wir lieber nicht darüber. Alles fertig?“

Sie bejahten, und Jorry trat in die dunkle, enge Kluft, die zur Festung führte. Am Eingang knipste er seine Laterne an. Zum ersten Mal seit der Ankunft auf dieser trüben, bleichen Welt sah die kleine Gruppe helles Licht. Die Felswände vor ihnen glühten auf, als Jorry Breitenstrahlung einstellte und damit eine Sphäre schattenloser Helligkeit erzeugte. Das Licht munterte sie auf, und sie folgten ihm in Marschordnung. Als Collen ihren Platz am Ende der Reihe einnahm, schaltete sie die Laterne auf ihrem Rücken ebenfalls ein. Von vorn und von hinten durch eine Helligkeit wie auf einem Sonnenplaneten zur Mittagszeit geschützt, wanderte der kleine Trupp durch das Dunkel.

Kepler-Laternen waren die beste künstliche Lichtquelle in der ganzen Galaxis. Sie waren auf ihrem Heimatplaneten sehr teuer, und die Ausfuhr war streng verboten. Jorry hatte sie nur unter großen Schwierigkeiten, über die er keine Einzelheiten preisgeben wollte, bekommen können. Er konnte – woran er seine Genossen manchmal erinnerte – große Überredungskraft und Findigkeit entfalten.

Zweimal auf dem Wege ins Innere hörten sie ein leises Scharren hoch über ihren Köpfen, aber wenn Jorry sein Licht nach oben richtete, war nur der nackte Fels zu sehen. Schweigend und wachsam marschierten sie voran, und als sie auf eine Innenkante hinaustraten, die Ausblick auf ein tiefes, natürliches Amphitheater gewährte, empfanden sie alle eine Erleichterung, die sie beinahe körperlich spüren konnten.

Während die anderen rasteten, studierte Jorry die offene Fläche unter ihnen. Der Saumpfad führte in Serpentinen an der inneren Wand entlang und erreichte den Boden nach zwei vollen Umrundungen. Längs des Saumes befanden sich in unregelmäßigen Abständen Öffnungen, die ins Innere führten, ähnlich der, durch die sie eben herausgekommen waren. Er überblickte sie flüchtig wie Markierungspunkte, deren er sich versichern wollte, und wandte seine volle Aufmerksamkeit dem Mittelpunkt des Kraters zu. Der kurze Tag war fast zu Ende, das bleiche Licht im Schwinden. Jorry mußte den Strahl seiner Lampe abwärts richten und die Fläche von einer Seite zur anderen ableuchten. Schließlich hielt er an einer bestimmten Stelle inne, wo eine Anzahl von Gebilden in regelmäßiger Anordnung, halb unterm Sand verborgen, zu erkennen waren. Befriedigt lachte er auf.

„Seht sie euch an, Freunde“, sagte er. „Die neun Türen, der Eingang zur Zitadelle. Irgendwo dahinter warten die Schätze Leddendorfs auf uns.“

„Und was wartet noch auf uns?“ fragte Collen.

„Das werden wir herausfinden, wenn wir gegessen und gerastet haben. Wir machen hier auf dem Saumpfad Lager und richten eine Lampe nach vorn und eine nach hinten; also genügt eine Wache.“

„Bist du sicher, Jorry?“

„Ganz sicher, Axxal. Von jetzt an müssen wir hart arbeiten. Wir alle brauchen guten Schlaf. Eine Einzelwache ist genug.“

Der Quespodon schien nicht ganz überzeugt zu sein, focht aber die Entscheidung seines Kapitäns nicht an. Und Jorry verriet ihm nicht, daß die zahlenmäßige Stärke der Wache seiner Ansicht nach für ihr Überleben ganz unwesentlich war. Jetzt, da sie vor dem gefährlichsten Teil ihrer Expedition standen, kam es ihm besonders darauf an, Vertrauen zu schaffen. Doch er wußte: wenn die Gefahren des Boroq-Thaddoi nur ein Zehntel so schlimm waren, wie die alten Geschichten besagten, dann wäre eine ganze Armee von Wachen nicht mehr von Nutzen als ein Paar Laternen. Diese Geschichten sind eben nur Geschichten, redete er sich ein.
Er schlief fest in dieser Nacht.

5. Die Wächter

Der Boden des Kraters war glatt und sandig. Im bleichen Frühlicht hatten Jorry und Collen ihre Laternen ausgeschaltet, doch als sie sich ihrem Ziel näherten, knipste Jorry die seine wieder an und richtete sie genau auf ein aufrechtstehendes Gebilde, das jetzt neben den gitterartig angeordneten Bauwerken sichtbar wurde.

„Von uns allen hast du die besten Augen, Dolul – was ist das da vorn? So etwas wie ein Merkzeichen?“ fragte er.

Der Hraggellon sah sich das Ding ein paar Sekunden lang an und sagte: „Nein.“

„Also, was sonst?“ fragte Jorry ungeduldig.

„Kein Merkzeichen. Eine Pflanze.“

„Etwas Lebendiges?“

„Ja.“

Sie brachten ihre Waffen in Bereitschaft. Als ihnen die Form des geheimnisvollen Dinges deutlicher wurde, ergingen sie sich erst in Spekulationen, dann in Spottreden, und schließlich staunten sie. Es war ein lebender Organismus, ein dicker, dunkelgrüner Stengel, doppelt so hoch wie Bral. Von seiner Spitze baumelten drei aufgequollene Blätter herab. Als die Sternfahrer ihren Kreis enger schlossen, fingen die Blätter an zu beben.

„Anscheinend kann auf diesem Boden doch etwas Lebendiges existieren“, wandte sich Jorry an Collen.

„Aber wie? Wovon ernährt es sich?“

Nachdenklich betrachtete Jorry die Pflanze. Eine Zeitlang studierte er den unteren Teil des Stammes; dann stieß er mit der Stiefelspitze den lockeren Sand weg. Nach ein paar Stößen war etwas zu erkennen, das wie ein Stück von einem Brustkorb aussah. Collen und Bral knieten sich nieder und halfen ihm, und in kurzer Zeit hatten sie fast das ganze Skelett freigelegt. Der Stamm wuchs durch die Stelle, wo der Bauch gewesen war. Die äußere Rinde umschloß die Wirbelsäule ganz, außerdem noch einen Teil der untersten Rippen.

„Jetzt wissen wir, wovon es sich ernährt“, sagte Jorry gelassen.

In der auf seine Worte folgenden Stille stieß Bral plötzlich ein Gebrüll aus und stürzte sich auf die Pflanze. Er packte sie, spreizte die Beine und wuchtete sie langsam aus dem Boden. Die Blätter wanden sich und zitterten, dann aber schlugen sie wie Knüppel auf Brals Haupt. Bral duckte sich, wich ihren wilden Hieben aus und zerrte stärker. Er keuchte laut, das Blut schoß ihm ins Gesicht, doch endlich rissen die Wurzeln mit einem Geräusch wie zerreißendes Fleisch, der Stengel löste sich aus dem Boden, und die Pflanze stieß einen kurzen Schrei aus, als Bral sie und die daran haftenden Gebeine weit von sich schleuderte. Sie hatte kaum den Boden berührt, als Dolul sie auch schon mit kurzen sichelnden Hieben seiner Handgelenksmesser in Stücke hackte. Wortlos, mit keuchender Brust und bebenden Schultern, starrte Bral auf das zerstörte Ding.

„Bist du unverletzt, Bral?“ fragte Jorry.

„Es hat geschrien“, antwortete Bral mit leerem Blick.

„Wir haben es gehört. Jetzt ist es tot.“

„Überall – die Samen dieser Dinger können überall sein und auf Futter warten. Auf uns!“

„Wir können damit fertig werden, Bral“, erwiderte Jorry mit fester Stimme. „Wir haben es bewiesen.“

„Ja. Wir können damit fertigwerden“, sagte Bral etwas zuversichtlicher.

„Wir können alles überwinden, was dieser Planet uns entgegenschickt. Vergeßt das nicht. Das Ding da war ein Monstrum von einer Pflanze, aber eben nur eine Pflanze. Mehr nicht. Wir lassen uns nicht von einer Pflanze unterkriegen.“ Befriedigt hockte sich Jorry neben das Skelett und murmelte: „Ich will mir den Burschen doch mal ansehen. Er könnte uns etwas verraten.“

Der breite, tiefe Brustkorb und die Wirbelsäule waren nicht an ihrem Platz, aber die anderen Knochen lagen in der richtigen Ordnung. Jorry hob den Schädel auf und studierte ihn mit Interesse. Es war ein Humanoidenschädel, sehr groß, mit hoher Stirn und tiefem, schwerem Unterkiefer, der, als Jorry den Schädel bewegte, etwas herabfiel. Er schien zu grinsen.

Jorry grinste ebenfalls. „Feine Zähne hat der Kerl gehabt, und eine ganze Menge – fünfundsechzig, wenn ich mich nicht verzählt habe. Der konnte ganz schön zubeißen, wie?“

„Was für eine Rasse, Jorry?“ fragte Fimm.

„Ich habe nicht die leiseste Idee. Jedenfalls bestimmt kein Quiplide“, antwortete Jorry, legte den Schädel wieder hin und stand auf. „Er ist anderthalbmal so groß wie Bral und Dolul, und seine Knochen sind so dick wie die Axxals.“

„Ein Lixianer?“ meinte Collen.

„Nein. Schädelform stimmt nicht, und zu viele Zähne. Lixianer haben fast dreieckige Schädel und viel dünnere Knochen.“

Jorry bückte sich und strich den Sand von den Überresten der Hand der Geschöpfes. „Seht mal. Zwei biegsame Finger und ein dreigelenkiger Daumen.“

„Von so einer Rasse habe ich noch nie gehört“, sagte Bral.

„Ich auch nicht. Unser Freund hier kommt aus einer sehr fernen Welt, und einer sehr fortschrittlichen. Oder aus einer anderen Galaxis. Und aus dem Zustand der Knochen zu schließen, ist er noch nicht lange hier.“

„Jene Schiffe –“

„Bei den Flammenden Ringen“, sagte Jorry, von einem plötzlich auftauchenden Gedanken erschreckt, „es mag Dutzende, ja Hunderte von Raumschiffen auf diesem Planeten geben, alle leer, auf ihre Besatzungen wartend, die nie wieder an Bord kommen werden! Das ist ein Gedanke, der zur Wachsamkeit mahnt, eh?“

Sie scharrten das Skelett wieder ein und wandten ihre Aufmerksamkeit den gitterähnlich angeordneten Bauwerken zu. Es waren drei Reihen zu je drei niedrigen Pyramiden von vier Meter Seitenlänge und einem Meter Höhe an der Spitze. Um die Basis einer jeden lief ein breites Band von schriftartigen Zeichen.

„Wie kriegen wir sie auf, Jorry?“ fragte Collen.

„Mit größter Vorsicht“, lachte der Kapitän. „Nur eine davon ist der richtige Eingang.“

„Und wenn du die falsche aufmachst?“

„Das werden wir hoffentlich nicht auszuprobieren brauchen. Ich bin ziemlich sicher, welche wir nehmen müssen.“
Zweifelnd schüttelte Collen den Kopf. „Das kommt mir bis jetzt alles zu einfach vor, Jorry. Wir marschieren durch einen Gang, eine Rampe hinunter und sind auch schon am Eingang. Wo sind denn all die Hindernisse?“

„Rull-Lamat und Jimm könnten dir was über Hindernisse erzählen, wenn du möchtest. Hast du das so schnell vergessen?“ Er deutete hinauf auf die Öffnungen. „Alle führen in die Irre außer der einen, durch die ich euch geführt habe. Wenn wir durch eine von den anderen in die Zitadelle gekommen wären, dann könnten wir unser Leben lang darin herumlaufen und würden nie an den Eingang zur Schatzkammer herankommen. Der alte Kapitän Jorry denkt voraus, und deswegen haben wir so schnell hergefunden. Verlaß dich auf mich, Collen, und tu, was ich sage, dann kommen wir gesund und reich hier heraus.“

Langsam umschritt Jorry die Pyramiden, bis er sie von allen Seiten genau betrachtet hatte; dann sah er auf seine Karte. Er kehrte zu einer der Pyramiden zurück und verglich die Zeichen darauf mit seinen Eintragungen. Er winkte den anderen zurückzubleiben, trat dicht an die Pyramide heran und drückte nacheinander auf bestimmte Zeichen. Beim letzten auf der vierten Seite glitt die Pyramide langsam auf vier schlanken Zylindern hinauf, bis ihre Basis etwa zwei Meter über dem Boden war.

Jorry bewahrte durchaus seine Fassung. Er ließ sich gemächlich in den Sand sinken und deutete triumphierend auf die Öffnung.

„Bevor wir hineingehen, wollen wir dafür sorgen, daß wir auch ohne unerfreuliche Verzögerung wieder herauskommen.“ Er deutete auf einen langen, wie ein Menhir geformten Stein, der von der Felskante abgebrochen war und etwa fünfzig Meter entfernt im Sand eingebettet lag, und befahl Axxal, Bral und Dolul, ihn heranzuschaffen. Als sie mit der Platte kamen, halfen Jorry und Collen, sie diagonal unter eine Ecke der Pyramide zu schieben. „So – wenn dieses Ding auf die Idee kommt, sich wieder zu schließen, können wir immer noch hinaus. Ich bezweifle, daß es stark genug ist, diesen Steinbrocken zu zerkrümeln“, erläuterte Jorry. Er ließ sich von Fimm eine aufgerollte Leine geben, band ein Ende fest an den Stein und warf die Rolle hinunter. Sie hörten sie aufschlagen, und als Jorry den Laternenstrahl hinunterrichtete, sahen sie in geringer Tiefe einen Gang am Ende des Schachts.

„In der Wand sind Handgriffe“, bemerkte Fimm.

„Verlassen wir uns lieber auf das Seil“, erwiderte Jorry.

Er stieg als erster hinunter; die anderen folgten in der alten Marschordnung. Am Grund des Schachts waren sie in einem quadratischen Tunnel von den gleichen Ausmessungen wie Eingang und Schacht. Das einzige Licht war das der Laternen, die einzigen Geräusche waren ihre Stimmen und Bewegungen. Jorry blickte auf seine Karte, kontrollierte seine Waffen und schritt in den Tunnel hinein.

Dreimal kamen sie an Kreuzungen, wo ein Tunnel von genau gleicher Art den ihren schnitt. Auf die erste und zweite warf Jorry nur einen Blick im Vorbeigehen, aber an der dritten blieb er stehen, leuchtete in beiden Richtungen hinein und wandte sich dann nach links.

Nach kurzer Zeit änderte sich der Charakter des Tunnels. Der Boden blieb glatt und fugenlos wie zuvor, doch Decke und Wände waren unregelmäßig, so als sei der Gang, durch den sie jetzt kamen, noch nicht ganz fertig geworden. Auch verlief dieser Tunnel nicht wie bisher in gerader Linie, sondern folgte in scharfen Knicken und Mäandern einer natürlichen Kavernenbildung.

Lange schritten sie voran, ohne noch weitere Abzweigungen zu sehen, bis Jorry unvermittelt das Haltezeichen gab. Er löste die Laterne vom Riemen, um besser mit dem Strahl zielen zu können, und richtete ihn auf eine Masse aus glänzenden, harten kugelförmigen Gebilden, die etwas über Reichweite an der Wand haftete. Die kleinsten Stücke hatten etwa Daumennagelgröße, die größten waren so groß wie Fimm. Im Schein der Laterne glänzten sie wie poliertes Metall.

„Weiß jemand, was das ist?“ fragte Jorry.

Niemand antwortete. Jorry fuhr mit dem Lichtstrahl über Wände und Decke. Es gab noch mehr solcher Buckel, die das Licht reflektierten. Die Dinger sahen harmlos aus, aber er wollte sich nicht auf den äußeren Anschein verlassen. Er überlegte angestrengt, doch da zupfte Fimm ihn am Stiefelschaft.

„Sieh mal, Jorry“, flüsterte er verstohlen, „da kommt eins von den Dingern!“

Eine Kugel so groß wie Jorrys Faust bewegte sich langsam die Wand hinunter und rollte über den Fußboden, auf die Füße des Quipliden zu. Jorry folgte ihr mit den Augen und ließ dann den Strahl der Laterne kreisen. Von allen Seiten, zu Hunderten, rollten die Dinger lautlos heran.

Jorry reagierte schnell. Mit einer einzigen Bewegung zog und warf er eins seiner Messer in die nächstliegende Kugel. Bei der Berührung zerplatzte sie lautlos wie eine Seifenblase. Eine glänzende Substanz breitete sich an der betreffenden Stelle aus. Die anderen Kugeln standen still. Wie auf Kommando begannen sie sodann, sich aufzulösen, und die entstehende glitzernde filmartige Schicht breitete sich rasch aus. Sie floß auf Jorry zu; er hörte Fimm aufschreien und fallen. Plötzlich verlor er selbst das Gleichgewicht; es war, als stünde er nicht mehr auf festem Steinboden, sondern auf einer gleitenden, keinen Halt bietenden Fläche. Er rutschte aus, und die Hand, die er vorstreckte, um den Fall zu mindern, rutschte unter ihm weg, so daß er schwer aufschlug und ihm die Luft wegblieb. Die Laterne fiel ihm aus der Hand und rutschte wirbelnd über den Boden, bis sie gegen einen Stein schlug. Da lag sie; ihr Strahl zeigte zur Decke und beleuchtete riesige Trauben solcher Kugeln. Sie waren größer, dunkler in der Färbung, von stumpfer Oberfläche und bewegten sich alle: langsam krochen sie hinunter und auf die hilflos daliegenden Eindringlinge zu, denn Fimm und Jorry wanden sich immer noch auf der glasglatten Fläche und kamen nicht auf die Beine. Mit wilden Axthieben zerschmetterte Bral ein Dutzend Kugeln und fiel krachend zu Boden, als er in die verspritzende Flüssigkeit trat. Dolul stürzte ebenfalls, dann Axxal, nur Collen stand noch und feuerte Schuß um Schuß in die Trauben im Lichtkreis an der Decke. Sie barsten mit einem Regen von Tröpfchen, die mit knisterndem Zischen auf Collen und den Steinboden fielen. Beißender Rauch stieg in dünnen Schwaden auf.

„Macht die Käfige auf“, brüllte Jorry, „zerschlagt sie notfalls. Aber laßt die Kiirs raus, ehe diese Dinger da oben uns erreichen können!“

Bei Jorrys Ruf hatte Collen bereits ihren festen Stand verloren, doch sie konnte noch im Fallen die Käfige zu den anderen hinstoßen. Sie glitten, sich drehend, den Tunnelboden entlang. Dolul griff nach ihnen, erreichte sie aber nicht, doch Axxal konnte sie fassen. Hastig riß er sie auf.

In aller Eile brachen die kleinen Bestien aus ihrer Käfighaft. Klirrend wie Säbelklingen wetzten ihre Schnäbel. Sie flatterten im Lichtstrahl auf, stürzten sich dann, die Menschen nicht beachtend, auf die größeren, stumpfen Kugeln und hieben gnadenlos mit Schnäbeln und Klauen drauflos. Minutenlang waren die Menschen Zeugen eines Massakers. Blitzschnell und bösartig schossen die Kiir durch die kugelförmigen Gebilde. Das schrille Kreischen der Vögel mischte sich mit leiseren Lauten wie beim Zerreißen schleimiger Pflanzen. Dann wurden die Geräusche schwächer und erstarben, denn die runden Gebilde flohen ins Dunkel, und die Vögel flatterten hinterher, um ihnen den Rest zu geben.

„Ein Glück, daß wir diese Vögel mithatten“, sagte Bral. „Die haben diese Kugeln angegriffen wie – wie –“

„Wie echte Jäger“, schloß Dolul voller Lob.

„Ihr Gestank und ihr Geschrei waren mir zuwider, Kapitän“, räumte Bral ein, „aber ich bin doch froh, daß wir sie mitgenommen haben.“

Jorry nickte. „Auf dem Trigg-Embroe hat mir einmal eine alte Weltraumratte hoch und heilig versichert, ein Käfig mit Kiir hätte die Männer der Drake III retten können. Diese runden Dinger hat er nicht erwähnt – er wird sie wohl auch nicht gekannt haben -, aber ich beschloß, wenn ich zum Boroq-Thaddoi fahre, nehme ich Kiirs mit – bloß so für alle Fälle.“

„Die von da oben hätten uns aufgelöst, wenn die Kiir sie nicht vertrieben hätten“, sagte Axxal.

Hinkend kam Collen zu Jorry und setzte sich vorsichtig neben ihn. „Etwas von ihrem Saft ist mir ans Bein gekommen“, sagte sie. „Willst du es nicht mal ansehen? Es brennt.“

„Axxal soll –“ begann Jorry, doch Collen unterbrach. „Nicht der Quespodon. Mach du es, Jorry. Ich brauche Wissen, nicht Kraft.“

Im hellen Laternenlicht waren auf der glänzend blauschwarzen Haut ihres Unterschenkels und Fußknöchels ein Dutzend verstreuter Flecke von totem Grau zu erkennen. Jorry reinigte die Stellen und schmierte Salbe darauf. Nachdem er Collen verarztet hatte, gingen sie weiter.

Sowohl die Kugeln als auch die Kiir-Vögel waren spurlos verschwunden. Die Höhle endete bald an einem schrägen Quertunnel, der zur Rechten anstieg und zur Linken abfiel. Dieser Tunnel war in allen seinen Flächen ebenso glatt verarbeitet wie der erste, den sie passiert hatten. Außerdem waren die Wände mit Ornamenten aus Kreisen, Wellenlinien und Parallelen in verschiedenen Winkeln versehen. Jorry nahm an, daß es die Spuren von Schneidewerkzeugen waren, die man in anderen Tunnels gelöscht, hier jedoch aus irgendeinem unerfindlichen Grunde stehengelassen hatte. Der bloße Anblick von Spuren menschlicher Handwerksarbeit wirkte nach allem, was sie bisher erlebt hatten, irgendwie beruhigend.

Jorry nahm den nach unten führenden Gang. Eine Zeitlang schritten sie weiter, ohne daß die Umgebung sich veränderte; dann übergab er die Führung und die Laterne Dolul und ging zu Collen, um sich ihre Verletzungen anzusehen. Während er langsamer ging, um die Reihe an sich vorüberziehen zu lassen, richtete er an jeden der Truppe ein paar ermutigende Worte. Fimm erholte sich langsam von seinem tiefen Schmerz über den Verlust seines Bruders, und Jorry tröstete ihn mit einer lebhaften Schilderung des Denkmals, das sie ihm setzen würden, sobald alle reich und dieser bösartigen Welt entkommen wären. Nachdem er den Quipliden so in eine etwas bessere Stimmung versetzt hatte, hielt er bei Bral. Der riesige Skeggjatt, der zwei Feinde abgewehrt und sie beide besiegt hatte, war sehr zuversichtlich. Axxal war so fatalistisch wie immer. Quespodonen waren selten Optimisten.

Mit einem letzen ermunternden Wort an Axxal blieb Jorry stehen, um Collen, die letzte der Reihe, herankommen zu lassen. Mit ihrem verbrannten Bein kam sie nicht so schnell voran. Das hüpfende Licht ihrer Laterne blieb zurück, und mit jedem Schritt wurde der Abstand größer. Jorry ließ unverzüglich halten, und die anderen setzten sich oder streckten sich aus, um zu warten, bis die Gefährtin sich näherte.

Jorry lehnte sich mit dem Rücken gegen die kühle Fläche einer Stelle an der Wand, die glatt und ohne Ornamente war. Rechts und links davon liefen jedoch allerlei Lineaturen: nach vorn ein Wellenmuster, hinter ihm enge, dicht beieinanderliegende Parallelen. Er grübelte darüber nach, was diese Linien bedeuten mochten, doch er kam auf keine Erklärung.

„Collen geht ja so langsam“, rief Bral ihm zu, „ihr Bein muß ihr sehr wehtun.“

„Es sah gar nicht besonders schlimm aus“, sagte Axxal, „nur ein paar kleine Verbrennungen.“

„Verdauungssäfte, Axxal“, sagte Jorry. „Es ist sicher sehr schmerzhaft. Ich würde ihr gern etwas gegen die Schmerzen geben, aber das ist zu riskant. Collens Bewußtsein muß seine volle Schärfe behalten. Glücklicherweise lernt ein Waffenmeister als erstes, sich zu beherrschen.“

„Sind denn solche Verdauungssäfte wirklich so stark?“ fragte Axxal.

Bral murmelte etwas von typischer Quespodon-Dummheit, doch Jorry ging auf diese Bemerkung nicht ein, sondern sagte nur: „Wenn uns diese zweite Welle der Kugeln erreicht hätte, wären wir inzwischen alle verflüssigt.“

„Und wenn wir wieder auf diese Dinger stoßen? Die Kiir sind ja alle weg.“

„Dann müssen wir uns auf unsere Waffen und auf Collen verlassen. Sie hat mit ihrem Gewehr gute Arbeit geleistet, selbst als die Vögel schon frei waren. Nächstesmal werden wir uns nicht überraschen lassen.“

Sie wendeten sich der Thorumbianerin zu, die jetzt näherkam. Gegen den Schein der auf ihren Rücken geschnallten Laterne zeichnete sich ihre schlanke, von Waffen starrende Gestalt deutlich ab. Jorry stellte den Lichtstrahl seiner Laterne schärfer ein und richtete ihn Collen entgegen. „Laß dir Zeit, Collen. Wir warten auf dich“, rief er.

„Ich bin schon –“

Ein Zischen, das sogleich in ein gedämpftes Knirschen überging, schnitt ihr das Wort ab. Dann war es wieder still. Die fünf anderen sahen so etwas wie einen hellen, aber unscharfen Blitz. Als sich ihre Augen erholt hatten, war Collens Laterne erloschen. Collens schlanke Gestalt, die im ruhigen Licht von Jorrys Lampe stand, war irgendwie aus der Form geraten. Unter ihren schreckensstarren Augen zerfiel die Thorumbianerin und sank zu Boden. Messerklingen, die aus den Wänden geflogen kamen und widerstandslos durch Fleisch, Knochen und Metall drangen, hatten sie in oblatendünne Scheiben geschnitten.

6. Das Juwelentor

„Bleibt, wo ihr seid!“ befahl Jorry und hob den Arm, damit seine Gefährten nicht heranstürzten zu dem Häufchen Blut und Fleisch, das noch von Collen übrig war.

„Vor Pflanzen oder vor diesen runden Dingern habe ich keine Angst, Kapitän. Gegen die kann ich kämpfen. Aber gegen Maschinen – Collen konnte sich überhaupt nicht wehren.“

„Willst du, daß wir umkehren, Bral?“

„Nein. Ich weiß nicht. Können wir denn überhaupt weitergehen?“

„Und wie können wir zurück?“ erwiderte Jorry. „Wer oder was diese Messer eingesetzt hat, wartet vielleicht schon auf den Nächsten, der dort vorbeikommt.“

„Das gleiche kann auch vor uns sein.“

„Vor uns – vielleicht. Daß es hinter uns liegt, wissen wir. Also müssen wir weiter.“

Unverzüglich nahmen sie den Marsch wieder auf. Collen ließen sie liegen, wo sie lag. Axxal bekam die Reservelaterne und bildete nunmehr die Nachhut. Jorrys Entschlossenheit hatte sie wieder etwas gestärkt, doch vor Schrecken über Collens Tod sprachen sie lange Zeit kein Wort mehr.

Jorry ging der Tod seiner Schiffskameradin wohl nahe, doch viel mehr Sorgen machte ihm, daß mit ihr die Hauptverteidigungskraft der kleinen Truppe und ihr ganzes Waffenarsenal verloren war. Sie waren jetzt noch fünf und hatten außer ihren eigenen Waffen nur noch die beiden Gewehre. Immerhin hatte Jorry das sichere Gefühl, daß sie nicht mehr weit von ihrem Ziel entfernt sein konnten. Wie weit, das war unsicher, und Furchtbares mochte sie noch erwarten; doch andere waren ja auch irgendwie durchgekommen und wieder in den Weltraum gestartet. Sie konnten es schaffen, wenn sie stark blieben.

Weit voraus glitzerte etwas im Lichtstrahl der Laterne. Im Näherkommen nahm es Form an, und schließlich erkannten sie ein massives Doppeltor mit einem verschnörkelten Reliefmuster, in das Steine verschiedener Größe und Form und von allen nur denkbaren Farben eingelassen waren. Sie studierten das Muster aufmerksam, und Jorry wies auf einige Lücken im unteren Teil der Torflügel, wo offensichtlich Steine aus ihren Fassungen gebrochen worden waren.

„Jemand war schon hier“, sagte er.

„Die Leute von der Drake?“ meinte Axxal.

„Vielleicht.“ Jorry zählte die leeren Fassungen. „Sechsundzwanzig. Soviel ungefähr hat man bei der Besatzung der Drake gefunden. Nun – ein ermutigendes Zeichen, möchte ich sagen. Wir wissen jetzt, daß jemand bis hierher gekommen und dann wieder in den Raum gestartet ist.“

„Aber sie sind alle wahnsinnig geworden.“

„Wir wissen ja nicht, was sich an Bord des Raumschiffes zugetragen hat, Bral.“

„Nein, das stimmt. Aber sieh mal, Jorry – wäre es nicht möglich, daß dies hier der Schatz ist? Wir könnten doch diese Steine nehmen und umkehren.“

Jorry antwortete nicht, gab Axxal sein Gewehr zum Halten und begann, einen Stein herauszubrechen. Als er ihn hatte, warf er ihn Bral zu: „Da hast du. Damit kannst du dir ein mittelgroßes Raumschiff kaufen oder eine Kampfschule einrichten. Reicht dir das?“

„Wenn wir alle Steine aus den Türen mitnehmen –“

„Dann wären wir reiche Leute“, gab Jorry zu, „aber wir haben mehr verdient. Hast du vergessen, daß drei unserer Kameraden ihr Leben für den Leddendorf-Schatz gelassen haben? Deswegen sind wir nämlich hier – nicht wegen einer Tasche Steine, sondern wegen so vieler Schätze, wie wir nur wegschleppen können.“ Da keiner antwortete, sprach er in gemäßigterem Ton weiter. „Aber auf alle Fälle wäre es ganz vernünftig, wenn wir uns ein paar ausgesucht schöne Stücke mitnehmen. Fimm, du hast ja geschickte Finger – brich für jeden ein paar Steine aus, ja?“

Die Edelsteine glitzerten und glühten im Scheine der Laternen, und es war, als strahlte ihr innerstes Feuer in die Herzen von Jorrys Männern und erfüllte sie mit neuem Mut. Der Anblick solcher Schätze, das Gefühl der schweren, glatten Juwelen in ihren Händen, der Gedanke an das Geld, das sie einbringen würden, entfachte die Entschlossenheit der Sternfahrer aufs Neue. Als Jorry Fimm befahl, das Tor aufzuschließen, drängten sie sich eifrig herbei.

Der Quiplide brauchte einige Zeit, um den Verschlußmechanismus zu lokalisieren und herauszubekommen, wie er funktionierte, doch schließlich hatte er es geschafft. Langsam und lautlos glitten die schweren Flügel nach innen, und ein weiter, hoher Raum wurde sichtbar. Jorry richtete den Lichtstrahl hinein. Auf dem weitläufigen Fußboden hatte sich in ungestörten Äonen eine dicke Staubschicht abgelagert. Kein Fuß hatte die Kammer betreten, seit das Tor verriegelt worden war. Er ließ den Strahl in alle Richtungen spielen und fuhr zurück: an allen Wänden befanden sich Regale, in denen humanide Körper lagen.

Doch Jorry faßte sich schnell. Er stellte die Laterne auf Breitenlicht ein, ließ das Licht nochmals über die Reihen der stummen Zuschauer gleiten und verkündete sodann: „Sie bewegen sich nicht. Entweder sind es Statuen oder Leichen. Los! Wenn sich doch einer bewegt, schießt ihn tot!“

In dem Gelaß war es grabesstill. Der tiefe Staub dämpfte ihre Schritte, und die kühle, trockene Luft schien sogar das Geräusch des Atmens zu verschlucken. Sie schritten über den freien Fußboden, bis sie die Gestalten auf der untersten Reihe des nächsten Regals berühren konnten. Nur eine niedrige Schranke aus behauenem Stein trennte die Eindringlinge von den stummen Wächtern.

Die Kreaturen hinter der Schranke waren schon lange tot. Sie waren etwas kleiner als Jorry, schlank, mit humaniden Zügen. An ihren knochendürren Leibern hingen die Gewänder in Fetzen. Die Haut der wie im Schlaf zur Seite gedrehten Schädel und der baumelnden Unterarme sah aus wie dünnes Laub. Wohin Jorry die Laterne auch wandte, es war überall das gleiche Bild: eine stumme Gesellschaft grinsender Leichen.

„Was ist mit ihnen geschehen?“ flüsterte Bral.

„Ich weiß nicht. Es sieht aus, als hätten sie sich einfach zum Sterben hier hingelegt.“

Nervös blickte Axxal sich um. „Was ist das, Jorry? Sind wir hier in einem Tempel?“

„Es kann alles mögliche sein. Ein Theater, ein Hospital, ein Gerichtshof – vielleicht ein Mausoleum. Vielleicht haben sie so ihre Toten bestattet.“

Jetzt sprach Dolul. „Nein. Alle sind zusammen gestorben.“

„Woher willst du das wissen?“

Dolul suchte nach Worten, um etwas auszudrücken, das er unter den räuberischen Halbtieren auf dem Hraggellon gelernt hatte, doch es gab keine Worte dafür. „Ich weiß es eben“, sagte er, „ich kann es spüren.“

„Lassen wir das auf sich beruhen. Suchen wir nach dem Ausgang.“

An den Reihen der Toten vorbei, die alle mit dem Gesicht zum Eingangstor lagen, schritten die Fünf eine lange Rampe hinauf und gelangten schließlich an ein zweites Doppeltor, das ebenso massiv wie das erste, jedoch glatt und schmucklos war. Wieder ließ Fimm seine Künste spielen, um das Schloß zu öffnen. Diesmal ging es schneller. Als das Tor langsam nach innen schwang, ließ sich der Quiplide zu Boden fallen. Klappernd, im Licht der Laterne weiß aufglitzernd, stürzte die obere Hälfte eines Skeletts in den Raum. Beine und Becken lagen unbewegt, wo sie seit unermeßlichen Zeiten gelegen hatten; Schädel und Brustkorb rollten Jorry langsam vor die Füße.

„Noch einer von diesen großen Kerlen wie dort oben“, verkündete Jorry. Er bückte sich, um das Gerippe genauer zu untersuchen, hielt den Brustkorb mit den Fingerspitzen fest und deutete auf die Rippen, deren Enden wie durch intensive Hitzewirkung abgerundet und verschmort waren.

Axxal faßte Jorry mit seiner mächtigen Hand bei der Schulter. „Sieh, Jorry – noch einer!“ sagte er und deutete auf einen zweiten Haufen Knochen, der etwas tiefer im Tunnel lag.

Das zweite Gerippe lag mit dem Gesicht nach unten. Ein langer Dolch mit gewundenem Griff stak tief in den oberen Rippen und ragte mit einem Drittel seiner Klinge direkt unter dem Schulterblatt heraus. Die beiden dünnen Finger der oberen rechten Extremität umschlossen eine Röhre aus stumpfem Metall. Jorry löste sie aus dem Griff des Gerippes, betrachtete sie genau und winkte den anderen, beiseite zu treten. Er richtete die Röhre auf den Schädel des ersten Skeletts. Ein scharfes Zischen ertönte, und ein weißes Feuer, ähnlich einem Kugelblitz, brannte ein rundes Loch in die Schädeldecke. Mit einem triumphierenden Blick auf seine Gefährten schob Jorry die unverhofft gefundene Waffe in seinen Gürtel, bückte sich dann wieder und zog den Dolch aus dem Brustkorb des Skeletts. Er warf ihn dem Quespodon zu. „Du kannst eine gute Klinge gebrauchen, Axxal. Nimm sie zur Erinnerung an unsere hochgewachsenen Freunde. Von welcher Welt, aus welcher Galaxis sie auch kommen mögen – sie benehmen sich nicht anders als alle Humanoiden, die ich kenne. Ich weiß nicht, ob ich von dieser Tatsache ermuntert oder enttäuscht sein soll.“

„Sie haben sich also gegenseitig umgebracht?“ schrie Fimm.

„Das dürfte die naheliegende Schlußfolgerung sein. Würde mich gar nicht wundern, wenn wir noch auf ein paar solcher Kreaturen stoßen würden, die auf gleiche Weise ums Leben gekommen sind.“

„Aber warum?“

„Sind sie denn wahnsinnig geworden, wie die Drake-Mannschaft?“

„Hat der da oben bei den Pyramiden etwas damit zu tun?“

Jorry hob die Hand und stoppte die Flut der unbeantwortbaren Fragen. „Der da oben hatte bestimmt nichts mit diesen hier zu tun. Seine Knochen waren frisch – die hier sind uralt. Was eure anderen Fragen betrifft – wir werden es kaum jemals wissen. Doch wir dürfen auf keinen Fall vergessen, daß diese beiden sich gegenseitig getötet haben. Nicht der Planet hat sie getötet. Wir müssen nur beieinander bleiben, dann schaffen wir es.“

Leise fragte Axxal: „Aber wer hat den Mann da oben bei den Pyramiden getötet?“

Nachdenklich runzelte Jorry die Stirn, dann schüttelte er den Kopf und antwortete: „Das sage ich dir, wenn ich es herausbekommen habe. Los jetzt!“

Schon hinter der ersten Biegung erfüllte sich Jorrys Prophezeiung: sie fanden noch mehrere dieser riesigen Gerippe. Allerdings wiesen sie keine Zeichen von Gewaltanwendung auf, doch lagen sie in grotesk verrenkten Stellungen da. Zum Unterschied von ihren Gefährten, deren Kleidung – wenn sie überhaupt welche getragen hatten – längst zu Staub zerfallen war, trugen diese Kopfbedeckungen: vertrocknete, rauhe, sandfarbene Masken, die dicht auf dem Schädelknochen auflagen.

„Genau wie du gesagt hast, Jorry“, murmelte Axxal.

„Ja. Ich möchte wissen, was diese Gesichtsmasken – vielleicht waren sie Sklaven. So etwas habe ich nie gesehen –“

Axxal und Bral beugten sich über die Skelette, und mit erschreckender Schnelligkeit lösten sich zwei dieser Masken ab und flogen auf die Köpfe der beiden Sternfahrer zu. Axxal schlug blitzschnell die Arme vors Gesicht, und das Ding klebte sich wie eine zweite Haut an seinen Unterarm. Doch Bral war nicht schnell genug. Wie die vor ihm liegenden Schädel umhüllte eine dichtanliegende Maske seinen Kopf vom Scheitel bis zum Kinn. Wild riß er daran, stolperte, sank in die Knie, richtete sich mühsam auf, fiel wieder hin und wand sich stumm auf dem Boden des Tunnels in den zerbrechenden, auseinanderfliegenden Knochen.

Zu gleicher Zeit hatten sich die Masken von den anderen Schädeln gelöst, krochen in raschen Wellenbewegungen über den Boden auf Dolul und Jorry zu. Jorry zog die Feuerröhre, richtete sie auf das kriechende Gebilde und drückte ab. Die Maske verbrannte im Feuerball unter üblem Ölgestank, und die zweite hielt einen Moment inne, so daß Jorry erneut feuern konnte.

Inzwischen hatte Axxal das Ding von seinem Arm losreißen können. Es war in seine lederharte Haut nicht eingedrungen. Keuchend, vor Schmerzen stöhnend, den Unterarm blutüberströmt, stand er da. Das Ding, das er sich heruntergerissen hatte, war jetzt tiefdunkel verfärbt, es blieb einen Moment wie betäubt liegen und kroch dann hinweg. Jorry erledigte es mit einem gutgezielten Feuerstoß und wandte sich dann Bral zu.

Der Skeggjatt bewegte sich nicht mehr. Seine Finger waren in die Maske verkrallt, die jetzt eine leberbraune Farbe hatte und pulsierend zuckte, wie zu neuem Leben erwacht. Mit einem letzten Feuerstoß erledigte Jorry das scheußliche Ding. Dann leuchtete er Bral mit der Laterne an, doch als er das verschmorte Gesicht des Mannes sah, drehte er den Lichtstrahl rasch in eine andere Richtung.

„Weg hier, aber schnell“, sagte er.

Keiner machte Einwendungen. Jorry an der Spitze, gingen die vier weiter. Sie blieben jetzt näher beieinander, und jeder hatte seine Waffe bereit.

Ohne weiteren Zwischenfall gelangten sie ans Ende des Tunnels. Vor ihnen öffnete sich ein Schacht von etwa fünf Metern Durchmesser. Als Jorry sich vorbeugte und den Lichtstrahl hinunterrichtete, sah er tief unten einen schwachen Glanz.

„Dort unten ist der Platz mit den Säulen, und irgendwo zwischen ihnen ist das Gewölbe, wo Leddendorfs Schatz liegt. Wir sind beinahe am Ziel“, verkündete Jorry.

„Vier Mann haben wir verloren“, trauerte Axxal.

„Ich bedaure das ebenso wie du, aber ich kann’s nicht ändern. Sehen wir zu, daß wir nicht noch mehr verlieren.“

„Wie können wir das verhindern? Dieser ganze Planet, wohin man auch blickt – eine Welt des Schreckens!“

Ungeduldig, als spräche er zu einem wehleidigen Kind, entgegnete Jorry: „Selbstverständlich. Niemand sucht eine Q-Welt auf wegen der schönen Landschaft oder des angenehmen Klimas. Wenn du auch nur eine Sekunde lang nicht aufpaßt, bist du verloren. Collen hätte vielleicht den Klingen trotz aller Vorsicht nicht entgehen können, aber die anderen könnten noch am Leben sein, wenn sie besser aufgepaßt hätten. Wir gehen hier ein großes Risiko ein, aber es lohnt sich voll und ganz. Wenn wir vorsichtig sind und zusammenhalten, wird uns der Boroq-Thaddoi nicht erwischen.“

Und wieder, obwohl ihnen Collens und Brals schrecklicher Tod noch frisch im Gedächtnis war, rissen Jorrys Worte sie aus ihrer trüben Stimmung. Er ordnete eine kurze Pause an, und während die anderen aßen, reinigte und verband er Axxals Unterarm, von dem ein Stück Haut abgerissen war, so daß das rohe Fleisch zu sehen war. Anschließend inspizierte er die Umgebung genau und analysierte die Lage. Alles in allem schien der Ort geeignet, um zu rasten und neue Kräfte zu sammeln, bevor sie dem entgegentraten, was sie dort unten in der Tiefe erwarten mochte. Er stellte die Laternen so auf, daß sie sowohl den Rand des Tunnels als auch den Schacht hinter ihnen erleuchteten, und wies die anderen an, sich schlafen zu legen, er übernähme die Wache. Doch als Fimm einwandte, er könne doch nicht schlafen und wolle daher die erste Wache übernehmen, war er ohne weiteres einverstanden. Er streckte sich auf dem Boden aus und schlief sofort ein.

Das nächste, was ihm zu Bewußtsein kam, waren Fimms wild erregte Stimme und die Fäuste des Kleinen, die auf seine Schulter trommelten. Er fuhr auf und hörte sofort das immer lauter werdende Geräusch im Tunnel.

„Da kommt was, Jorry! Da ist was hinter uns her!“ kreischte der Quiplide.

Alle waren jetzt wach. Sie blickten in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und sahen eine dünne schwarze Linie direkt in der Mitte des Tunnels, die sich ruckweise auf sie zu bewegte. Und dabei ertönte ein immer lauter werdendes Donnern, wie ein langsamer, schwerer Schritt.

Die Wände hinter ihnen schlossen sich zusammen.

7. Der Wald der Säulen

Auf Jorrys hastigen Befehl ergriff Fimm die vordere Laterne und glitt über den Rand des Schachtes. Axxal und Dolul folgten. Jorry blieb, die Laterne in der Hand, bis die anderen ein Stück hinuntergestiegen waren, dann suchte er sich schnell einen sicheren Halt für den Fuß. Er hing sich die Laterne auf den Rücken und packte einen der Handriemen. Über seinem Kopf schlossen sich die Wände mit einem letzten, dröhnenden Krach, der den ganzen Schacht erzittern ließ und ihm schmerzhaft durch Finger und Zehen fuhr, so daß er beinahe seinen Halt an der rauhen Wand verloren hätte. Ein Regen kleiner Steinbrocken prasselte auf die vier hernieder.

Als das letzte Echo verhallt und alles wieder still war, rief Jorry: „Habt ihr’s alle gut überstanden?“

Einer nach dem anderen gab Antwort, und Jorry richtete die Laterne auf jeden, der sprach. Dann leuchtete er hinauf, und der Strahl wurde von einer massiven Felsendecke zurückgeworfen, durch deren Mitte eine dünne Fuge verlief. „Hinunter!“ befahl Jorry.

„Wie sollen wir das schaffen?“ fragte Axxal. Wir können doch nie so tief hinunterklettern.“

„Wieder herauf können wir nicht, und hierbleiben können wir auch nicht. Also los! Fimm als erster.“

Es war ein langsames und schwieriges Klettern. Die rauhen Wände boten zwar Halt für Hände und Füße, und Fimm suchte den besten Weg aus, doch der Abstieg kam ihnen endlos vor. Je tiefer sie kamen, desto lauter wurde das von unten kommende Geräusch, das zuerst leise gewesen war, jetzt aber den lautesten Ruf übertönte. Als Jorry den Strahl nach unten richtete, sahen sie einen reißenden Strom.

„Was nun, Jorry? Bis zum Land kann es weit sein“, rief Fimm.

„Dann müssen wir eben schwimmen.“

„Aber wie kommen wir wieder herauf?“ fragte Axxal.

„Gar nicht. Keine Rasse in der Galaxis baut ein Haus ohne Hintertür. Diese Hintertür werden wir auch finden. Wir sind jetzt schon reich, und bald werden wir noch reicher sein.“

Unten angekommen, sahen sie zu ihrer größten Erleichterung, daß ein Ufer des unterirdischen Stromes direkt unter dem Schacht verlief. Sie sanken nieder, stellten die Laternen auf und machten eine ausgiebige Ruhepause.

„Na also. Wir brauchen uns nicht mal die Füße naßzumachen. Vielleicht haben wir von jetzt an mehr Glück“, meinte Jorry befriedigt.

„Vielleicht“, antwortete Axxal, aber es klang nicht überzeugt. Auch Fimm nickte zustimmend. Dolul schwieg. Mit allen seinen Sinnen forschte er wachsam in der Dunkelheit jenseits des Laternenscheins nach Zeichen von Leben oder Bewegung. Mit kräftiger Strömung floß das Wasser dahin. An beiden Ufern verlief ein glatter, etwa zehn Meter breiter Gang. Dahinter bestand der Boden aus rauh behauenem Gestein, und dort begannen auch die Säulen. Sie waren etwa vier Meter hoch und standen in Abständen von etwa drei Metern, soweit das Auge reichte. Der Anblick ihrer im Laternenstrahl schwankenden Schatten war Jorry etwas unheimlich; daher leuchtete er nicht weiter zwischen sie, sondern ging hinüber, inspizierte eine der Säulen genau, dann eine zweite, und versuchte vergeblich, sich über Struktur und Anordnung dieser Gebilde klar zu werden.

Die Säulen waren ganz unterschiedlich. Manche waren offensichtlich von ungeübter Hand aus einem einzigen Steinblock gehauen; andere waren auf ingeniöse Art aus mehreren unregelmäßigen Blöcken zusammengefügt; noch andere schienen natürliche Formationen zu sein, die sich mit von oben kommenden Stalaktiten zu einem einzigen Pfeiler aus langsam wachsendem Stein vereinigten, der sich irgendwie in den Dimensionen der künstlichen Säulen hielt. Ob die natürlichen oder die künstlichen Säulen zuerst dagewesen waren, ließ sich nicht feststellen.

Er fand auch einige Säulen aus einem blaugrünen Metall, das sich warm anfühlte; andere aus einem sahnigen Stein, der so weich und porös war, daß seine Finger Eindrücke auf der Oberfläche hinterließen. Manche trugen glänzende Markierungen oder tiefeingeschnittene Inschriften in unbekannten Zeichen. Jorry konnte, soviel er auch suchte, keine zwei Säulen finden, die sich genau glichen.

Er wandte sich von den rätselhaften Gebilden ab und ging wieder zu seinen Gefährten, die am Ufer geblieben waren. „Die Schatzkammer ist hier unten“, verkündete er.

„Wo?“ fragte Dolul.

„Das frage ich mich eben. Ich hatte gehofft, daß uns Rull-Lamat in diesem Punkt weiterhelfen würde, aber das ist nun nicht mehr möglich. Jetzt müssen wir selbst ein bißchen suchen. Das ist ja unsere Spezialität, nicht wahr?“

„Kann man es nicht aus der Karte ersehen?“

„Nein. Jetzt habe ich nichts mehr als die Phantasien eines sterbenden Wahnsinnigen, aus dritter Hand von einem raumverrückten alten Vagabunden überliefert.“

„Haben wir uns verirrt, Jorry?“ fragte der Quiplide.

„Aber nein. Wir wollten zu den Säulen unter der Zitadelle. Hier sind sie. Wir müssen ein bißchen suchen, das ist alles.“

„Du bist der Führer“, sagte Dolul, „also führe uns.“

Hinter dem Schirm des Laternenlichts musterte Jorry den hochgewachsenen Hraggellon aufmerksam. Dolul sprach jetzt mehr, als er während der ganzen langen Reise gesprochen hatte, und was er sagte, gefiel Jorry keineswegs. Er spürte, daß es Ärger geben würde, doch entgegnete er gutgelaunt: „Ganz recht, mein Freund. Ich darf mich meiner Verantwortung nicht entziehen. Nett von dir, daß du mich an sie erinnerst.“

Hraggellons waren mit sprachlichen Feinheiten nicht vertraut. Dennoch spürte Dolul die Schärfe hinter Jorrys Worten. Es war ein Austausch von Warnungen. Mit undurchdringlicher Miene nahm er es hin. Bald konnten ihm Jorry und die anderen gleichgültig sein, dachte er. Er konnte bereits die Wesen spüren, die aus dem Dunkel auf sie zukamen.

Die Laterne schwenkte zur Seite; die langen Schatten der Säulen tanzten gespenstisch vor ihnen her. Sofort wurden Doluls Pupillen groß, und er suchte die Umgebung ab. Nichts war zu sehen oder zu hören, aber Dolul verfügte noch über andere Möglichkeiten der Sinneswahrnehmung. Er spürte, daß schnelle und starke Wesen augenlos durch das Säulenlabyrinth heranglitten, auf den hellen Glanz zu, der hier eingedrungen war. Er konzentrierte sich auf diese Kreaturen und versuchte zu ergründen, was es mit ihnen auf sich hatte. Diese bleichen Bewohner lichtloser Orte waren bösartig, und die Anwesenheit Fremder erregte sie zu wütender Vernichtungslust. Doch sie hatten keinen Führer. Ein einziger kraftvoller Geist konnte sie beherrschen, das merkte Dolul.

Er dachte über seine Entdeckung nach. Für jemanden, der sich, wie er selbst, die Führerschaft eines Jagdrudels erkämpft hatte, konnte es nicht schwer sein, die Kreaturen des Boroq-Thaddoi zu meistern.

Jorry richtete den Lichtstrahl mehr unten auf den Weg, doch so, daß er ihnen weit vorausschien. „Hier müssen wir entlang“, entschied er.

„Gibt es Wächter?“ fragte Axxal.

Bevor Jorry antwortete, ließ er den Lichtstrahl kreisen. „Ich habe Geschichten gehört. Ob sie wahr sind, weiß ich nicht. Wenn hier unten irgendwelche Wesen leben, so können es nicht viele sein, und ich glaube, unsere beste Waffe werden die Laternen sein.“

„Und was ist mit den Feuerwaffen?“

„Ich will damit nicht sagen, daß wir unsere anderen Waffen in den Fluß werfen sollen, Axxal“, entgegnete Jorry irritiert; „aber einer Rasse, die jahrtausendelang in totaler Finsternis gelebt hat, müßte der Strahl einer Kepler-Lampe, mit voller Kraft auf die Stelle gerichtet, wo sie einst die Augen hatten, sehr unangenehm sein. Ich glaube, sie werden auf starkes Licht empfindlich reagieren.“

Grunzend stimmte Axxal zu. Dolul, im Dunkel, nickte schweigend. Er hatte bereits gespürt, daß diese Kreaturen Angst hatten.

Jorry teilte Dolul als Schlußmann ein und gab ihm die zweite Laterne. Axxal blieb mit dem zweiten Gewehr direkt hinter Jorry, und hinter ihm hüpfte Fimm.

Dolul fühlte, daß die Wächter näher herankamen. Eine Gruppe war vor ihnen, zwei oder drei einzelne zwischen den Säulen an der Seite, jedoch weit weg, noch unsichtbar. Auch am anderen Ufer des Stromes kamen einige heran. Im Rücken jedoch konnte er keine spüren. Er hatte vorausgesehen, daß sie neugierig und böse sein würden und war überrascht, daß er darüber hinaus noch Ausstrahlungen wachsender Angst wahrnahm.

Doch auf einmal schwand diese Ausstrahlung vollkommen, und Dolul empfing nur eine mächtige Welle wütender Aggressionslust. Die Wesen mußten jetzt die Eindringlinge analysiert haben und sie als leichte Beute betrachten.

Doluls Selbstvertrauen war erschüttert. Noch nie hatte er einen so intensiven Vernichtungsdrang zu spüren bekommen. Er kannte die Tormagons, die töten, weil sie Nahrung und Jagdgründe haben wollen; er hatte unter Humaniden gelebt, die aus Stolz und Machtwillen töten; doch diese Kreaturen töteten einfach deshalb, weil sie andere Lebensformen nicht ertragen konnten. Nicht einmal er konnte solche Wildheit beherrschen. Die halbausgeformten Gedanken an Verrat schwanden aus Doluls Hirn, denn er brauchte alle seine geistigen Kräfte, um die unheimlichen Wächter zu orten und zu zählen. Es waren viele; sie bewegten sich schnell und kamen aus allen Richtungen. Wieder empfing er eine ungeheure Welle von Haß und schrie seinen Freunden zu: „Sie kommen! Die Wächter kommen von allen Seiten!“

Er hatte den Satz noch nicht beendet, da sprang etwas aus dem Dunkel heran und heftete sich an Fimm. Dolul köpfte es mit einem einzigen Hieb, doch er hatte seinen kleinen Schiffskameraden nicht mehr retten können. Der Quiplide war tot, ehe er auch nur den Dolch hatte ziehen können.

Jorry feuerte zweimal und schrie: „Die Laterne, Dolul – halte sie nach vorn und gib volles Licht! Wir bleiben stehen und schießen auf alles, was wir sehen!“

„Wie viele sind es, Jorry?“ fragte Axxal.

„Zwei weniger als vorher.“

„Drei weniger“, verbesserte Dolul.

„Gut. Das könnte genügen, um sie zu vertreiben.“

„Nein. Sie müssen alles vernichten, was in ihr Revier kommt. Ich spüre ihren Haß. Sie greifen an, solange noch einer von ihnen lebt.“

„Das vereinfacht die Sache beträchtlich“, sagte Jorry. „Wir töten sie eben alle, dann können wir den Schatz in Ruhe suchen.“

„Es sind viele.“

„Wir haben reichlich Munition, und auf diese Entfernung brauchen wir keine Meisterschützen zu sein. Laß sie nur kommen.“

Minutenlang horchten sie schweigend, bis Dolul rief: „Sie kommen.“ Die drei Sternfahrer hörten leises Rascheln von allen Seiten. Jorry schwenkte seine Laterne im Halbkreis, und das Licht fiel auf zwei geduckte Gestalten, die bei der Berührung des Lichtes in den Schutz einer Säule zurücksprangen. Trotz ihres raschen Weggleitens konnte Jorry einen Blick auf sie werfen.

„Es ist wie du sagst. Das Licht schmerzt sie“, meinte Dolul.

„Freut mich zu hören. Bei den Ringen, die sind aber häßlich. Nur Schnauzen und Zähne. Und Gestank.“

„Und sie sehen sehr stark aus“, ergänzte Axxal.

„Das sind sie auch. Doch ich sehe keine Waffen, also sind wir stärker. Was haben sie jetzt vor, Dolul?“

„Sie machen sich zum Angriff bereit.“

„Gib ihnen was mit der Laterne, ich werde es auch tun. Das wird sie aus dem Takt bringen. Axxal, wenn du im Licht irgend etwas siehst, feuerst du.“

Jorry hob die Laterne und richtete den Strahl nach rechts. Er fiel auf eins der Wesen, das sich heranpirschte. Es schrak zurück, schützte sich das Gesicht mit der klauenbewehrten Tatze und führte mit der anderen einen wilden Lufthieb. Axxals Kugel traf es direkt in die Brust und schmetterte es gegen eine Säule; dort sank es zusammen und blieb liegen. Fasziniert betrachtete Jorry im Strahl der Laterne das schwammige Weiß seiner verfilzten Körperbehaarung, die Stehohren zu beiden Seiten des platten, augenlosen Kopfes und die glitzernden Fangzähne.

Axxal feuerte noch zweimal in die Richtung von Doluls Laternenstrahl, ehe Jorry seine Laterne abschwenkte. Noch mehrere dieser Unwesen gerieten ins Licht, knurrten, bedeckten aus atavistischem Instinkt ihre augenlosen Gesichter und drängten sich ins schützende Dunkel zwischen den Säulen. Jorry setzte die Laterne auf den Boden, zog das Feuerrohr aus dem Gürtel und sagte: „Hört genau zu: Wenn ich Befehl gebe, jagt jeder von euch zwölf Schuß Schnellfeuer in den Lichtkreis. Dann dreht euch nach links und schließt die Augen, bis –“

„Die Augen schließen?“ fragte Axxal erstaunt.

„Gleich gibt es noch erheblich mehr Licht, und ich will nicht, daß ihr beide blind werdet; dann seid ihr nämlich nutzlos. Tut, was ich euch sage!“

Sie gehorchten. Er zielte mit der Röhre in den dunklen Sektor zu seiner Linken, schloß die Augen und drückte ab. Dann wandte er sich nach rechts und tat das Gleiche. Feuerbälle aus weißem Licht zischten in die Finsternis. Traf einer eine Säule, sprang sie mit so heller Flamme auseinander, daß sogar noch hinter Jorrys festgeschlossenen Lidern ein orangeroter Schein aufglühte. Als dieser verblaßte, gab er Feuerbefehl. Die Bestien wankten, hielten sich die Tatzen vor die Gesichter und reagierten mit unheimlichem Knurren und Kreischen auf das verhaßte, schmerzende Licht. Jorry, Dolul und Axxal pumpten ihre Geschosse in die hilflosen Wesen, bis das letzte Feuer aus dem Todesrohr verglommen war und nur noch das Laternenlicht den Umkreis erhellte.

„Eine ganze Menge von ihnen haben wir erledigt“, bemerkte Axxal.

„Es kommen noch mehr“, erwiderte Dolul.

Jorry lachte. „Die kriegen wir auch noch. Ich gebe den übriggebliebenen etwas Zeit zum Überlegen, dann nehme ich wieder die Brandröhre. Ich weiß nicht, was das für Riesenkerle waren, aber von Waffen verstanden sie was.“

„Sie sind aber alle tot.“

„Vielleicht auch nicht, Axxal. Wir haben nur die gesehen, die liegengeblieben sind. Ich denke, es werden auch ein paar herausgekommen sein.“

„Und haben den Schatz mitgenommen?“ fragte Axxal enttäuscht.

„Nein. Die sind lange vor Leddendorfs Zeiten gekommen und wieder gegangen. Sie suchten etwas anderes. Der Schatz ist noch hier, und wir werden ihn uns holen, sobald wir diese häßlichen Bestien erledigt haben. Achtung – ich nehme die Brandröhre nochmal.“

Wieder zischten zwei Feuerbälle in die Finsternis. Diesmal schlug der eine gegen eine Säule aus weichem Stein und splitterte ein kräftiges Stück von ihr ab; der andere traf eine der Säulen aus dem warmen Metall, die sich entzündete und in brausender Flamme abbrannte. In hilfloser Wut kreischten die bestialischen Wächter, deren Gestalten sich von der hellen Flamme abhoben, so daß die Sternfahrer sie abschießen konnten.

„Viel länger machen sie es nicht mehr“, überlegte Jorry und lud neu, „wir müssen mindestens fünfzig erledigt haben.“

„Ich spüre – Unentschiedenheit. Ein Teil will bleiben und uns vernichten. Andere sagen: Weg von hier“, berichtete Dolul.

„Ich werde ihren Disput entscheiden“, sagte Jorry. „Seid ihr bereit?“

Doch bevor Jorry feuern konnte, stürzten sich mehrere der Wächter-Bestien von links auf sie. Dolul stieß einen Warnruf aus, doch seine Stimme erstarb: zwei hatten ihn angesprungen, einer sich in seine Kehle verbissen. Das Gewehr des Hraggellon fiel klirrend zu Boden. Axxal erwehrte sich des Ansprungs eines weiteren, packte ihn am Hals und Oberschenkel und schleuderte ihn gegen eine Säule. Knochen splitterten, Stein krachte. Jorry sandte eine Serie Kugelblitze aus seinem Feuerrohr zwischen die Angreifer. Sie wichen zurück. Er nahm die andere Seite unter Feuer und schoß dann in alle Richtungen. Überall gingen die Säulen in Flammen auf oder zerfielen unter den feurigen Wellen. Es war die reine Hölle: der Raum war taghell, unaufhörlich jagte Jorry seine Kugelblitze den Gestalten nach, die sich eilig zu verbergen suchten.

Jedesmal, wenn eine der metallenen Säulen in Flammen aufging, ertönte dabei ein hohles, brüllendes Dröhnen, das immer lauter wurde, je weiter sich die Flammen verbreiteten. Dahinter vernahm Jorry ein anderes Geräusch, ein tiefes Rumpeln. Er feuerte noch einmal, hielt dann inne und wartete ab, ob das ferne Geräusch verklänge. Es wurde jedoch immer lauter und kam näher.

Von oben her fielen Staub und Steinsplitter herab. Dicht neben ihm stürzte eine Säule zusammen, und ein weißes, flaches Felsstück fiel von der Decke des Gewölbes; danach prasselte loses kleines Gestein herab. Jorry drehte sich nach Axxal um. Ein Gewehr in jeder Hand, stand der Quespodon noch aufrecht da und starrte mit weitaufgerissenen Augen um sich.

Dann kam irgend etwas Schweres und schmetterte Jorry zu Boden. An mehr konnte er sich nicht erinnern.

Fortsetzung:  Zweiter Teil: Zu den Pyramiden

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