Labyrinth zwischen den Sternen – Dritter Teil: Zum Thron

Tricaps

Von John Morressy. Originaltitel: „Under a Calculating Star“ (1975); deutsche Fassung (Übersetzung: Karl H. Schulz) 1980 als Ullstein-Buch Nr. 31018 (ISBN 3 548 31018 4). Bildauswahl von Lichtschwert.

Zuvor erschienene Teile:
Prolog: Die Seraph
Erster Teil: Zur Zitadelle
Zweiter Teil: Zu den Pyramiden

DRITTER TEIL: ZUM THRON

1. Der Flüchtling

Zwei volle galaktische Jahre nach seinem Abflug vom Xhanchos befand sich Kian Jorry auf dem Tricaps, der geschäftigen kleinen Handelswelt. Seine Lage war nicht sehr ermutigend. Er war allein, der einzige Überlebende einer unglücklichen Expedition; der letzte seiner Edelsteine war verkauft, die Seraph trieb im Raum mit vier Toten an Bord. Und was das Schlimmste war: Ein Jagdkommando der Sternverein-Sicherheitstruppe war ihm dicht auf den Fersen.

Die Schwarzjacken waren hartnäckig. Jorry war ihnen zu oft entwischt, und diesmal waren sie fest entschlossen, ihn zu fangen. Er war gleichermaßen fest entschlossen, ihnen nochmals zu entschlüpfen, aber ohne Raumschiff und mit fast leeren Taschen waren seine Aussichten trübe.

Doch Jorry hatte trotz allem nicht den Mut verloren. Die Schwarzjacken mochten nahe sein, aber sie waren noch nicht auf dem Tricaps. Er lebte noch und war gewarnt. Immer noch bestand Hoffnung.

Nichtsdestoweniger traf Jorry gewisse Vorsichtsmaßnahmen. Er ließ sich das Haar lang wachsen und kaufte sich eine getragene Uniform von der Ersten Rinn-Expedition. Auf dem Tricaps kannte niemand seinen wahren Namen. Selbst ein scharfäugiger Sternverein-Sicherheitsmann würde Schwierigkeiten haben, ihn auch nur als k’Turalp’Pa zu erkennen, noch weniger als den Flüchtling Kian Jorry. Er sah jetzt ziemlich wie ein Skorat aus, und der kühne, kriegerisch wiegende Gang der Skoraten, den er sich angewöhnt hatte, wirkte durchaus überzeugend.

Im Moment war er sicher, aber das reichte nicht aus. Er brauchte einen Ort, wo er untertauchen konnte, bis die Schwarzjacken die Suche aufgaben. Doch er wünschte sich einen halbwegs gemütlichen Hafen; irgendein kahler Fels, weit weg von allem, mochte Sicherheit bieten, aber der Preis wäre zu hoch.

Es war Zeit, Pläne zu machen und sich an sie zu halten. Ursprünglich hatte er geplant, direkt zum Boroq-Thaddoi zurückzufliegen. Hätte er sich nicht von diesem Plan abbringen lassen, so wäre er jetzt nicht in dieser schwierigen Situation. Er wäre reich. Gewiß, den anderen war es noch schlimmer ergangen. Ein Teil seiner Expeditionsmitglieder hatte vor der Q-Welt Angst bekommen und es durchgesetzt, daß statt dessen ein Überfall auf die Kauffahrteiflotte des Sternvereins unternommen wurde. Und nun waren sie alle tot. Jorry allein war noch am Leben, und da er lebte, konnte er denken, und solange er denken konnte, konnte er auch jeden Verfolger überlisten. Daher blieb er ruhig auf dem Tricaps und überdachte seine Lage. Aber die Erinnerung an das Vergangene ließ ihn nicht los, und hundertmal verfluchte er Garivs Andenken. Wenn dieser blöde Skorat nicht dazwischengekommen wäre, dann säße Jorry jetzt mit Santrhara auf einer netten, ruhigen Welt, erfreute sich der Gegenwart, vergäße die Vergangenheit und sähe den Triumphen der Zukunft entgegen. Und jetzt, nur durch Garivs Schuld, war er ein zerlumpter Flüchtling mit fast leeren Taschen.

Eines Nachts, als er diese trüben Gedanken wälzte, nahm er den Anhänger mit dem Lebenden Bild Nikkolopes vom Hals und betrachtete es eingehend. Eine prachtvolle Frau, diese Königin von Thak. Auf andere Art war sie ebenso schön wie Santrhara. Eine Gafaal-Frau war ein Ruheplatz im Paradies, eine sinnverwirrende, herzverzehrende Schönheit. Doch Nikkolope wäre eine Gefährtin, eine Verbündete gegen die ganze Galaxis. Santrhara war geboren und erzogen, um zu siegen, indem sie sich ergab. Nikkolope war dazu geboren, an der Seite eines Ebenbürtigen zu herrschen. Sie war die Frau für einen k’Turalp’Pa.

Tief in Gedanken trat Jorry vor den Spiegel seiner schäbigen Kammer und studierte eingehend sein Gesicht. Sein dunkler Bart hatte weiße Streifen, wie bei Gariv. Er zog seine Tunika herunter und blickte auf die zackige weiße Narbe, die er bei seinem ersten Zusammenstoß mit den Schwarzjacken davongetragen hatte. Gariv hatte ihn eine ähnliche Narbe sehen lassen. Nicht genau die gleiche, aber ähnlich. Und Gariv war etwa ebenso groß wie er, ein bißchen schwerer allerdings, doch von gleicher Hautfarbe. Es war vorstellbar, gerade eben vorstellbar, daß Jorry, wenn es ihm gelänge, Garivs Heimatwelt, den Skorat, zu erreichen, dort mit einer gewissen Aussicht auf Erfolg als Gariv auftreten könnte.

Er warf sich die Tunika um und streckte sich auf die Liegestatt. Das war ein kühner Plan. Er dachte darüber nach und mußte lachen. Es war auch wirklich lächerlich. Zu allererst mußte er ohne eigenes Raumschiff oder Geld, um eins zu kaufen, zum Skorat gelangen. Und dann mußte er Garivs Verwandte und alte Freunde täuschen. Und seine Frau. Unmöglich. Selbstmörderisch.

Doch er war ein k’Turalp’Pa. Nichts war zu schwierig für ihn, sobald er erst einmal seinen Verstand daransetzte. Weder Q-Welten noch Schwarzjacken. Und ganz bestimmt nicht ein Planet voller dickschädliger, ruhmrediger Skoraten.

Und lieber diesen Versuch wagen, als auf dem Tricaps in einer dreckigen kleinen Kammer darauf zu warten, daß seine Verfolger die Tür einschlugen. Es war einfach eine Sache der Planung.
Immer eins nach dem anderen. Zuerst das Schiff.

Der erste und wichtigste Faktor für Jorrys Planung kam in Sicht, als das uralte Raumschiff Phoenix XXVII auf dem Tricaps ankerte. Das Schiff war mit zwei jungen Sternfahrern bemannt. Sie hatten es im Raum driftend gefunden, ein interstellares Relikt mit einer Besatzung von Knochen und Staub, und hatten es in Besitz genommen. Ihre Ankunft auf dem Planeten war eine Sensation, denn die Phoenix XXVII war nicht weniger als drei galaktische Jahrhunderte alt und enthielt ein Sammelsurium längst vergessener Instrumente und Geräte. Sie war daher von großem Liebhaberwert. Allein die Bordbibliothek – neun echte Bücher von der Alten Erde, auf Papier gedruckt – war soviel wert wie das ganze Schiff.

Die Tricapsaten waren an dem Schiff und seiner Einrichtung interessiert; Jorry interessierte sich mehr für die beiden Sternfahrer. Er hörte, daß sie bereits wegen des Verkaufs der Phoenix XXVII und des Kaufs eines schnellen kleinen Aufklärungsschiffes der Dritten Phase Verhandlungen angeknüpft hatten. Über den Älteren, einen mageren wortkargen Mann, konnte Jorry nichts erfahren; aber er fand heraus, daß der jüngere der beiden, ein Malellane namens Whitby, zum Gilead wollte, um dort Nachforschungen über den Verbleib seiner Eltern anzustellen. Jorry freute sich, das zu hören. Das war seine Passage zum Skorat.

Gleich am nächsten Tage tat er seinen ersten Zug. In den hastenden, volkreichen Straßen des Geschäftsviertels den Malellanen zu finden, war kein Problem. Er trug eine alte Uniform von der Phoenix XXVII und glitzerte buchstäblich, als er sich durch das Gewimmel der kleinen, graugekleideten Tricapsaten hindurchschob. Er war noch ein halber Knabe, doch seine Haltung verriet Selbstbewußtsein. Sein Haar war nach Skeggjatten-Art geflochten. In seiner glänzenden Uniform mit den Waffen an der Seite sah er aus wie eine Gestalt aus längst vergangenen Tagen.

Jorry blieb in sicherem Abstand, behielt ihn jedoch im Auge. Immer wieder schlüpfte der junge Mann gebückt in eins der Skoof-Lokale – nicht weil er eine Vorliebe für den kochendheißen schwarzen Trank gehabt hätte, sondern ganz sicher nur aus purer Langeweile. Wenn man keine Geschäfte machte, konnte man auf diesem Planeten nicht viel unternehmen.

Endlich, als der Tag schon weit vorgeschritten war und Jorry meinte, dem jungen Mann würde der Anblick eines anderen Sternfahrers willkommen sein, schlug Jorry einen Bogen um ihn, rannte durch ein Haus und erschien im Torweg genau in dem Moment, als der Malellane herankam. Sekundenlang starrte Jorry ihn an wie jemand, der etwas Unwahrscheinliches, aber Erwünschtes sieht, und eilte dann an seine Seite, wobei er unaufhörlich in der Universalsprache auf ihn einschwatzte, und zwar mit den tarquinischen Endungen, wie sie der Malellane selbst gebrauchte.

„Bei den Sternen! Es tut gut, einen Raumfahrerkameraden zu sehen!“ rief Jorry aus und schüttelte dem Jüngling erfreut die Hand. „Ich treibe mich seit zwei Wochen in diesem bzitts-Nest herum, bei diesen armseligen blöden Weltraumbescheißern, und gehe langsam kaputt vor Langeweile. Wer bist du, Fremder, wo kommst du her, wo willst du hin?“

Der junge Mann sah ihn von oben bis unten an, dann antwortete er gemessen: „Mein Name ist Del Whitby. Ich komme gerade aus dem Skeggjatt-System und will nach dem Gilead.“

Jorry tat erstaunt, runzelte die Stirn, kratzte sich den Nacken und schüttelte den graumelierten Kopf. „Gilead? Das ist, fürchte ich, einer der wenigen Orte, an denen ich nie gewesen bin. Wo ist der denn?“

„Ich hoffe, es herauszufinden“, erwiderte Del.

Jorry erwog diese Antwort sekundenlang, dann lachte er hell auf. Das war ein ungewohnter Laut in den Straßen des Geschäftsviertels, und vorbeigehende Tricapsaten machten nach einem ängstlichen Blick einen weiten Bogen um die beiden. „Also, du weißt, wo du hinwillst, aber du weißt nicht, wo das ist. Das gefällt mir, Del“, antwortete er ernsthaft, sah dem jungen Sternfahrer ins Auge und senkte dann seinen Blick. „So war ich auch einmal, vor langer Zeit. Alles wollte ich sehen. Überall hinfahren, alles ausprobieren – und das habe ich auch getan, du kannst es mir glauben.“ Nachdenklich schwieg er einen Moment, dann blickte er Del eindringlich in die Augen und fragte: „Hast du es sehr eilig, Del? Oder hast du Zeit, einem alten Kosmosvagabunden eine Mahlzeit zu spendieren und dir seine Geschichten anzuhören?“

Dazu konnte Del Whitby nicht gut Nein sagen. Sie fanden ein Wirtshaus, wo das Essen gut und das typische Tricapsaner Schwatzen und Schachern etwas gedämpfter war als anderswo, und nach einem reichlichen Mahl und vor einer neuen Flasche Landwein – nicht zu vergleichen mit Stepman Grün, aber immerhin trinkbar – erzählte Jorry seine Geschichte. Es war in vieler Hinsicht die Geschichte Kian Jorrys, doch sie enthielt auch eine beachtliche Portion aus der jüngsten Geschichte Garivs – besonders die bitteren Ereignisse, die ihn so lange von seinem Heimatplaneten und seiner schönen Königin ferngehalten hatten. Er erzählte von der Schlacht der Drei Systeme, von der Vernichtung der großen Rinn-Flotte, von seinen Wanderungen auf der Suche nach der Heimat. Er bekam weiße Knöchel, und seine Stimme zitterte, als er berichtete, wie Sklavenjäger ihn erwischt hatten, gerade einen Tag vor der Landung auf dem Skorat. Er sprach vom Xhanchos und der Fronarbeit beim Pyramidenbau, und dabei ließ er seine Phantasie mächtig spielen: er allein sei den Xhanchilion entflohen, habe den halben Planeten unter der mörderischen Wüstensonne durchquert und sei von der Gafaal-Prinzessin Santrhara gesundgepflegt worden.

Del war offensichtlich beeindruckt von diesem Bericht. So jung wie er war, kannte er doch das schmerzliche Einsamkeitsgefühl, das sich einstellt, wenn man lange von seinen Lieben getrennt ist. Er selbst war bei einem Daltreskaner-Überfall auf seine Heimatwelt geraubt worden, und daher konnte er die Leiden eines anderen unschwer nachempfinden. Als Jorry seine traurige Geschichte beendet hatte, fragte er: „Wie weit ist es von hier bis zum Skorat?“

Innerlich frohlockte Jorry, machte jedoch ein tiefbekümmertes Gesicht. „Eine lange Reise, Del. Da hinten beim Watson-Planeten, wo die Große Maschine regiert. Alle paar Jahre geht von hier aus ein Schiff nach dem Watson, aber die Tricapsaten sind eine hartherzige Bande. Wenn ich sie nicht rumkriegen kann, mich anzuheuern, dann fordern sie den vollen Fahrpreis, und den kriege ich nie zusammen. Ich fürchte, ich bin am Ende eines langen schweren Weges angelangt.“

Seine Worte hatten die gewünschte Wirkung: Del bot ihm eine Heuer auf dem neuen Raumschiff an. Das war ein guter Anfang, aber nur ein Anfang. Er mußte ja zum Skorat. Mit diesem Fernziel vor Augen veranlaßte er Del, von sich selbst zu sprechen; und als der junge Mann von seinen Nachforschungen berichtete, sah Jorry, daß er auf die Lösung aller seiner Probleme gestoßen war.

Del war nicht auf dem Gilead geboren, sondern war ein Findling, der von der Pendleton-Basis stammte. Kurz vor der Vernichtung dieses Außenpostens war er in einem kleinen Fluchtschiff auf den Gilead, diese friedliche kleine Welt, gebracht worden. Wer ihn dorthin geschickt hatte, war unbekannt; der einzige Hinweis waren ein paar dunkle Worte auf einem Fetzen Papier.

Jorry bat, ihm das Papier zu zeigen. Aufmerksam studierte er es und suchte dabei fieberhaft in seinem Gedächtnis. In seinem langen Fahrtenleben hatte er manche Geschichte über die Rinn-Kriege gehört. Er wußte auch von der Zerstörung der Pendleton-Basis und von einem fast legendären Kommandanten, der bei diesem Überfall seine Frau und sein Söhnchen verloren hatte und daraufhin zu einem Dämonen der Rache geworden war. Die Frau war Malellanerin gewesen. Corey, der Kommandant, stammte von der Alten Erde. Die Chance, daß diese beiden Dels wirkliche Eltern gewesen sein könnten, war verschwindend, soviel war klar; doch es war eine glaubhafte Möglichkeit, und mehr brauchte Jorry nicht. Del war begierig nach jeder Neuigkeit und deshalb unschwer zu überzeugen. War er erst überzeugt und daher Jorry Dank schuldig, so konnte Jorry ihn nach Gutdünken für seine Zwecke einspannen.

Anscheinend widerwillig, jedes Wort sorgsam abwägend, des öfteren zögernd, kam Jorry langsam mit der Geschichte des Kommandanten Corey und seiner verlorenen Familie heraus. In höchster Spannung hing Del an seinen Lippen. Als Jorry zu Ende war, fragte er: „Und du denkst, dieser Corey könnte mein Vater sein?“

„Möglich ist es“, antwortete Jorry vorsichtig. „Jemand könnte ein Baby auf das Fluchtboot gebracht und es vom Pendleton weggeschafft haben, ehe die Rinn zuschlugen. Du hast malellanische Gesichtszüge, Del, du bewegst dich wie ein Malellaner, aber du bist viel zu groß. Du bist eher wie einer aus der Blutlinie der Alten Erde gebaut, nicht wie ein Malellaner. Nun, wenn deine Mutter Malellanerin und Corey dein Vater war –“

Danach war es kein Problem mehr, Del zu überzeugen, daß es für ihn nur einen Weg gab: zum Watson-Planeten zu fahren, dem Informationszentrum der Galaxis, und dort alles über Kommandant Corey in Erfahrung zu bringen, was er nur konnte. Und der Kurs zum Watson führte nahe am Skorat vorbei. Del konnte dem Mann, dem er diese Nachricht verdankte, einen Abstecher nicht versagen.

Jorry hatte seine Passage in der Tasche. Die erste Phase seines Planes war durchgeführt.

2. Der Entschluß

Gegen Ende der langen Reise zum Skorat stand Jorrys Plan in großen Zügen fest. Es war ein waghalsiges Unternehmen, jedoch je mehr er darüber nachdachte, desto besser gefiel es ihm. Ein Königreich zu stehlen war nichts Neues für ihn; doch mit einem Schlag ein Königreich, eine Königin und eines anderen Mannes Persönlichkeit zu stehlen, das mußte selbst unter den k’Turalp’Pa Neid erregen.

Sorgfältig hatte er jedes Stückchen Information überdacht, das er von Gariv während ihrer Bekanntschaft erfahren hatte, und die wesentlichen Fakten fest in seinem Gedächtnis verankert. Nach so langer Zeit würden nur wenige Skoraten sich an genaue Einzelheiten erinnern, und noch wenigere – nicht einmal Nikkolope, die Königin – würden Gariv mit absoluter Sicherheit identifizieren können. Niemand auf dem Skorat konnte wissen, daß Gariv tot auf dem Xhanchos lag, auf halbem Wege zum anderen Ende der Galaxis. Ihre Ähnlichkeit ging ziemlich weit, und Jorry hatte Garivs Eigenheiten und Gesten genau studiert. Er hatte sogar diese höchst überzeugende Narbe auf der Brust. Kein Zweifel – mit Kühnheit und Überzeugungskraft konnte er diesen Personentausch durchführen, in aller Ruhe sein Königreich regieren, bis der Sternverein-Sicherheitstrupp die Suche aufgab; und dann, wenn er Garivs Leben, seine Welt, seine Königin zur Genüge genossen hatte, konnte er weiter sehen. In dieser Zeit würde er alle Hilfsquellen des Skorat in Anspruch nehmen, um für seine Expedition zum Boroq-Thaddoi eine neue Seraph zu erwerben und auszurüsten. Alles in allem war der Plan ausgezeichnet, und er war mit ihm und mit sich selbst durchaus zufrieden.

Für alle Fälle lud er Del und dessen Kameraden Grax ein, ihn in die Stadt Thak zu begleiten. Er hielt das für einen vernünftigen Schachzug. Sie hatten Waffen und wußten mit ihnen umzugehen. Del war sein Freund; Grax brannte darauf, etwas zu unternehmen; und beide waren davon überzeugt, daß sie einen legitimen König nach langer Abwesenheit wieder in seine Heimat brachten. Würde er angegriffen, so würden sie ihm nützlich sein.

Jorry dirigierte sie zu einem freien Landeplatz, von dem Gariv ihm erzählt hatte, und sie machten sich unverzüglich zu Fuß auf den Weg nach Thak. Jenseits des Stadttores trennten sie sich. Bei Einbruch der Nacht wollten sie wieder an Bord ihres Schiffes, der Renegade, zusammenkommen.

Jorry fand Thak ungefähr so, wie er sich die Hauptstadt eines Königreiches der Skoraten vorgestellt hatte: alt, schlecht imstande, schmutzig, heftig und unangenehm riechend. Ursache dieses Zustandes waren die Trettles, und diese massigen, dickgehörnten Tiere sah man überall in den katzenkopfgepflasterten Straßen. Hinter jedem Tier schwirrte eine Wolke häßlicher, gelber Insekten, die sich gleichermaßen von deren Exkrementen wie vom Blute der Passanten ernährten. Jorry war fest entschlossen, daß der erste Befehl des heimgekehrten Monarchen eine Straßen-Generalreinigung sein würde, und anschließend würde er verbieten, Vieh durch die Stadt zu treiben.

Aus irgendeinem Grunde waren heute viele auswärtige Besucher in Thak; und aus den aufgeschnappten Gesprächsbruchstücken entnahm er, daß noch mehr erwartet wurden. Eine größere Festivität schien bevorzustehen. Um mehr zu erfahren, machte Jorry in einem Gasthaus Station, bestellte dort Brot, Käse und einen Humpen des starken, säuerlich riechenden Bieres und nahm an dem dichtbesetzten Gemeinschaftstisch Platz, wo die einfachen Leute saßen. Schweigend aß und trank er, der Unterhaltung der Viehhirten lauschend. Er hatte aufgepaßt, daß er in Luv von ihnen zu sitzen kam. Eine Zeitlang sprachen sie von ihrem Viehhandel, aber endlich fing einer von den Festlichkeiten an.

„Verkauft sind sie alle, zu gutem oder schlechtem Preis“, sagte er resigniert, „und ich kann mich ohne Sorgen amüsieren.“

„Wenn du schlau bist, sorgst du zuerst für einen Schlafplatz. Bei Sonnenuntergang gibt es in ganz Thak keine freie Unterkunft mehr“, warnte ihn ein zweiter Hirt.

„Ich schlafe vor der Mauer. Dort wird es jetzt sicher sein. An solchen Tagen herrscht Friede auf dem ganzen Skorat.“

„Zu schade, daß so etwas nicht öfter vorkommt“, sagte ein dritter.

„Da hast du recht. Die letzte, an die ich mich erinnere, war in Kabbrak; sechs Almtriebe ist das her.“

„Forigols Hochzeit?“

„Ja.“

„Da täuscht dich dein Gedächtnis, Alter. Forigols Hochzeit war vor acht Almtrieben.“

„Sechs oder acht – was macht das schon aus“, sagte der Sprecher lässig. „Königliche Hochzeiten gibt es nur wenige und in großen Zeitabständen. Die letzte Hochzeit davor war die von Gariv und Nikkolope.“

„Da war sie noch ganz jung; ich kann mich noch gut daran erinnern“, sagte der zweite Hirte wehmütig.

„Nikkolope ist kein junges Mädchen mehr, das muß ich zugeben, aber sie ist immer noch die schönste Frau des Skorat. Sounitan ist ein Glückspilz.“

„Das ist er, ja, das ist er. Jeder Mann auf dem Skorat würde gern mit ihm tauschen.“

Der dritte Hirt seufzte. „Stellt euch bloß mal vor – mit Nikkolope verheiratet zu sein – Thak an ihrer Seite zu regieren –“

Jorry ließ sich nichts anmerken, doch diese Worte schnitten ihm durchs Herz wie eine Klinge aus Eis. Es wäre zum Verrücktwerden, wenn ihm, nachdem er dem Ziel so nahegekommen war, der Siegespreis vor der Nase weggeschnappt werden würde. Er mußte mehr erfahren. Vielleicht gab es noch eine Chance.

„Entschuldigung, Freunde, aber ich habe gehört, was ihr gesagt habt; und ich kann meine Worte nicht zurückhalten“, sagte er absichtlich geradezu und unverblümt, beugte sich vor und sah ihnen nacheinander bedeutsam ins Gesicht. „Ich frage mich nur – wissen wir ganz genau, daß Gariv tot ist?“

„Du bist nicht der einzige, Fremder, der sich das fragt“, entgegnete der erste Sprecher, der älteste Hirt. „Ich sage nur: Nikkolope ist überzeugt davon, daß er tot ist. Sie hat mit jemandem gesprochen, der dabei war, als er auf dem Xhanchos starb.“

Jorry brauchte seine ganze k’Turalp’Pa-Selbstbeherrschung, um nicht erregt nach weiteren Einzelheiten zu fragen; doch wie es seiner Natur entsprach, ließ er sich auch angesichts dieser ungeheuerlichen Behauptung nichts anmerken. Entweder war irgend etwas mächtig schiefgegangen, oder ein anderer hatte ebenso kühne Pläne wie er selber. Bei Garivs Tod hatte es keine Zeugen gegeben. Und selbst wenn eine ganze Legion von Zeugen im Thronsaal von Xhancholii gestanden hätten – wie hätte einer von ihnen entkommen und auf den Skorat gelangen können?

„Wer war dieser Augenzeuge?“ fragte Jorry.

„Der Barde – der Dichter –“ antwortete der jüngste Hirt, nach dem Namen suchend.

„Alladale“, half sein Gefährte aus und fügte, zu Jorry gewandt, hinzu: „Man sagt, er sei der echte Sohn von Alladale-Liedermacher, dem Größten aller Barden.“

„Das stimmt nicht. Gariv hat ihm den Namen wegen seiner Heldentaten in der Schlacht verliehen“, widersprach der jüngste Hirt.

Alladale – der Name fiel Jorry wieder ein, und er erinnerte sich daran, wie wütend Gariv von dem Barden gesprochen hatte, der von seinem Königshof geflohen war. Das war tatsächlich eine üble Komplikation!

„Wo ist der Barde? Hat er den Skorat verlassen?“ fragte Jorry.

„Nein, er zieht von einer Königsstadt zur anderen. Ich selbst habe ihn nicht gehört – in Tavan habe ich ihn gerade verpaßt -, aber ich habe Leute gesprochen, die ihn gehört haben, und sie sagen, er ist wirklich der Beste“, antwortete der junge Hirt.

Der zweite warf ein: „Zur Hochzeit kommt er nach Thak. Die das Glück haben, werden ihn hören.“

Verdrießlich schüttelte der Alte den Kopf. „Wer weiß, wohin sie geht, um die Auswahl vorzunehmen? Wenn wir das herauskriegen könnten und dann da warten, wenn sie kommt –“

Aufmerksam hörte sich Jorry die Einzelheiten über den alten Brauch an, nach dem der regierende Ehepartner bei jeder Königshochzeit auf dem Skorat sechzig beliebige Untertanen, mehr oder weniger vom Zufall bestimmt, auswählte, die als Hochzeitsgäste das Volk repräsentieren sollten; der Ort blieb geheim, bis die Auswahl tatsächlich stattfand. Jorry nahm das zur Kenntnis, ebenso die Nachrichten über Alladale, und verließ das Gasthaus, um sich einen ruhigen, abgelegenen Ort zu suchen, wo er die veränderte Situation gründlich überdenken konnte.

Zweifellos war Alladale eine Gefahr. Vielleicht war die Anwesenheit des Barden in Thak ein ausreichender Grund, das ganze Unternehmen fallenzulassen. Was war schließlich dabei zu gewinnen, wenn er trotz allem weitermachte? Es gab genügend andere Welten und andere Königreiche, und ein kluger Mann konnte sich nehmen, was er wollte, ohne ein so großes Risiko einzugehen, wie es bei der Usurpierung des Thrones von Thak wahrscheinlich nötig war. Nikkolope, so schön sie auch sein mochte, war nicht die einzige große Schönheit der Galaxis. Thak selber war kaum eine Lüge wert, noch weniger, daß man sein Leben riskierte: eine schmierige Ansammlung von Steinen, Lehm und Holzbalken auf einem rückständigen Planeten, bevölkert von Prahlern, Raufbolden und den stinkigsten Viehtreibern aller Sterne. Ein trauriges Material für einen Herrscher, ganz gewiß. Entschieden ein Verlustspiel, und ein Narr, wer es weiterspielte.

Alles das überdachte Jorry, während er in einer schattigen Nische saß und auf den glitzernden Hafen von Thak blickte, wo die breiten, stumpfnasigen Handelsschiffe mit ihren farbenfreudigen Halbmondsegeln auf den sanften Wellen dümpelten. Es war eine heitere Szenerie, ein gemütliches Bild von Ruhe und Ordnung, ein wortloser Fürspruch für ein friedliches Leben. Er fühlte die Last von einigen Dutzend Welten auf seinem Rücken und den Überdruß an weiteren Reisen in seinem Blut. Die Zeit, der alte Feind, war unbesiegt. Sie holte deutlich auf in ihrem langen Wettrennen mit Jorry. Aber Jorry wußte: noch konnte er gewinnen. Er brauchte nur eine Ruhepause, und diese rauhe, häßliche Welt bot ihm die Chance dazu.

Jorry dachte an ein Gespräch beim Kaminfeuer, das vor langer Zeit stattgefunden hatte; damals hatte er sich über das Bedürfnis nach Ruhe lustig gemacht und die verlacht, die davon träumten. Doch spürte er selbst dieses Bedürfnis. Ein friedliches Leben – die Phrase kam ihm in den Sinn, und mit ihr die Erinnerung an Santrhara. Sie hatte so oft von der frohen Aussicht auf ein friedliches Leben mit ihm gesprochen, auf einem weit vom Xhanchos und Garivs barbarischer Herrschaft gelegenen Planeten. Und Gariv hatte sie getötet, um seine dumme Eitelkeit zu befriedigen. Jorry wurde klar, daß er sich längst entschieden hatte. Er würde nach dem Thron von Thak greifen. Gariv schuldete ihm diesen Thron. Und was noch wichtiger war: Jorry schuldete ihn sich selbst.

Viermal waren seine Pläne durch andere zunichte gemacht worden. Zuerst hatte ihm sein eigener Bruder alles abgeschwindelt. Dann waren ihm die Schätze von Boroq-Thaddoi durch die Fehler seiner eigenen Mannschaft entgangen. Die hitzige Brutalität eines Narren hatte Santrhara aus seinen Armen gerissen. Genug der Niederlagen! Nahm er Garivs Thron und Königin, so war das dreifacher Lohn: eine Zuflucht vor seinen Verfolgern, Vergeltung an Gariv und eine Basis für die endgültige Expedition zum Boroq-Thaddoi. Anders ging es nicht.

Er würde diese Sache allein durchführen, ohne Hilfe, so daß ihn niemand betrügen konnte. Soviel hatte er gelernt. Andere würde er benutzen, sich aber nicht auf sie verlassen. Sie machten nur die Pläne klügerer Männer kaputt. Wenn man gewinnen wollte, mußte man allein spielen und sich nur auf sich selbst verlassen.

Als er sich entschieden hatte, machte er sich sofort an die Frage der Methode. Und als der Tag zu Ende ging, hatte er alles erledigt. Es war tatsächlich ganz einfach. Da Alladale eine Bedrohung darstellte, mußte er ausgeschaltet werden – und zwar würde er ihm am besten persönlich gegenübertreten, offen, Auge in Auge. Er würde den Barden als Lügner und Verschwörer hinstellen und ihn auf der Stelle niederhauen, ehe er sich verantworten konnte. Genau das hätte Gariv auch getan. Würde jemand Einspruch erheben, so wäre dieser Einspruch der Beweis dafür, daß er an der Verschwörung beteiligt war. Soviel von dem Barden.

Der Sieg war immer noch möglich. Er mußte nur schnell und entschieden handeln; ein Augenblick des Zögerns, und alles war verloren. Doch warum sollte er zögern? Er war ein k’Turalp’Pa unter Skoraten – ein Langauge unter Blinden nach einer alten Redensart der Onhla.

Als die Sonne den Horizont berührte, erhob sich Jorry, um an die Arbeit zu gehen. Noch eins war zu tun: Er mußte einen Palastbediensteten finden, der die Stelle wußte, wo Nikkolope am nächsten Tage ihre Gäste auswählen würde. Hatte er diesen bestochen, und die an der betreffenden Stelle diensttuenden Polizisten, so war sein Zutritt zum Palast gesichert. Mehr brauchte er nicht.

3. Die Wahl

Erst spät, nach Anbruch der langen Skorat-Nacht, kam Jorry als letzter zur Renegade zurück. Er berichtete Del und Grax von den Ereignissen des Tages und von den Plänen, die er daraufhin gemacht hatte. Die beiden Sternfahrer hörten die Neuigkeit ohne Begeisterung. Für sich selber hatten sie keine Angst – zwei Männer, die ein verlassenes Raumschiff entern und ihre Prise über Hunderte von Lichtjahren hinweg auf festen Boden bringen, kann man nicht als ängstlich bezeichnen -, doch sie machten sich Sorgen um die Sicherheit ihres Gefährten. Ihrer Ansicht nach verließ er sich zu sehr auf den Zufall.

„Es geht nicht anders“, erwiderte er auf ihre Bedenken. „Nikkolope wählt ihre Gäste selbst aus. Da ist nichts zu machen.“

Bedrückt schüttelte Del den Kopf. „Und wenn Grax und ich nicht gewählt werden – was dann? Dann bist du da drinnen allein.“

„Und was ist, wenn du nicht gewählt wirst?“ fragte Grax und deutete auf Jorry. „Dann findet die Hochzeit statt, und du bist draußen und kannst nichts machen.“

„Wenn es so kommt, muß ich mir einen anderen Plan ausdenken, Grax. Aber ich meine, wir werden ausgesucht. Wir warten an der richtigen Stelle, und ich habe die Aufseher bestochen, damit sich keiner an uns vorbeischiebt.“

„Immerhin, es wird ein ziemliches Gedränge geben.“

Lächelnd hob Jorry die Hand. „Ich bin noch nicht zu Ende, Freund. Ich habe auch Nikkolopes Sänftenträger bestochen, damit sie so nahe wie möglich bei uns anhalten.“

„Das ist ein guter Zug“, gab Grax anerkennend zu.

„Denk daran, Nikkolope wird dicht bei uns niedergesetzt. Wir werden unter den ersten sein, die sie erblickt – ein Mann, der bestimmt ihre Neugier erregen wird, weil er ihrem verstorbenen Gatten ähnlich sieht“, sagte Jorry und klopfte sich auf die Brust; dann deutete er auf Del und Grax, „und zwei Anderwelter, die die Kunde von ihrer Schönheit, ihrem Edelmut und ihrer Größe von Stern zu Stern verbreiten können. Nun?“ Er hielt inne, kratzte sich die Brust und grinste breit. „Bei den Flammenden Ringen, Freunde, ich glaube fast, ich habe mein letztes Geld für Bestechungen ausgegeben, die überflüssig sind. Sie wird überhaupt nicht anders können, als uns alle Drei zu wählen.“

„Freut mich, daß du so zuversichtlich bist. Ich habe allerdings meine Zweifel.“

„Ich bin sehr zuversichtlich, Del. Das Recht ist auf meiner Seite“, sagte Jorry mit tugendhafter Miene. „Ich bin gekommen, um zu beanspruchen, was rechtmäßig mein ist, und nichts wird mich daran hindern.“

„Wenn es jemand versucht, werden wir tun, was wir können“, versicherte Grax.

Jorry übernahm freiwillig die erste Wache. Als die beiden schlafen gingen, sagten sie: „Gute Wache, Gariv.“ Der Name gefiel ihm durchaus. Es war inzwischen soweit gekommen, daß er fast an seine eigenen Worte glaubte. Der Thron von Thak kam ihm von Rechts wegen zu – vorausgesetzt, daß er ihn bekommen konnte. Das Recht war tatsächlich auf seiner Seite – wenn man „Recht“ nach Art der k’Turalp’Pa definiert.

Da die Renegade sehr weit außerhalb der Stadt gelandet war, sah Jorry kaum eine Notwendigkeit, besonders scharf aufzupassen, Er verbrachte die ganze Wache damit, seine Pläne für den nächsten Tag nochmals zu überprüfen. Wenn die Dinge erst einmal ihren Lauf genommen hatten, war keine Zeit mehr zum Überlegen. Dann mußte er gewissermaßen automatisch handeln. Ein einziges Schwanken nur, und alles war verloren. Als Grax ihn ablöste, war er davon überzeugt, daß alles aufs beste vorbereitet war. Weiteres Nachdenken hielt er für unnötig, und so ging er in die Koje und schlief traumlos bis kurz vor Sonnenaufgang.

Am frühen Morgen standen Jorry, Del und Grax beim Tor der Neun Könige in der Menschenmenge. Hier würde die Auswahl stattfinden, hatte Jorrys Informant ihm versichert. Und die ganze aufgeregte und erwartungsvolle Atmosphäre deutete darauf, daß viele andere ebenfalls meinten, dies sei die richtige Stelle.

Bald nach ihrem Eintreffen ging ein Flüstern durch die Menge und schwoll alsbald zu brausenden Rufen an: Nikkolope befand sich auf dem Wege zu eben diesem Tor. Die Garde der Königin machte bereits Gebrauch von ihren Schlagstöcken, um die Menge zurückzuhalten. Jorry ließ sich nach vorn drängen, und als er nahe bei einem Gardisten stand, gab er das verabredete Signal. Ohne ein Erkennungszeichen zu geben, machte der Gardist mit scharfen Stößen seines langen Stockes rechts und links von Jorry Raum, so daß dieser in eine Lücke zwischen zwei Gardisten schlüpfen konnte. Die Rufe wurden lauter und gingen zum Teil in Schmerzensschreie über, oder sogar in wütende Beschimpfungen. Doch die Hoch- und Freudenrufe für Nikkolope und ihren erwählten Prinzgemahl waren so laut, daß alles andere darin unterging.

Nun wurde das königliche Paar sichtbar, das Seite an Seite, in schwellende Kissen gelehnt, in einer von zwölf livrierten Dienern getragenen Doppelsänfte saß; und Jorry konnte einen ersten Blick auf die Frau werfen, die er für sich fordern wollte. Nikkolope war noch schöner, als er sie sich vorgestellt hatte: eine zur Vollkommenheit gereifte Abwandlung des jugendfrischen Weibes auf Garivs Lebendem Bild an seinem Halse. Sie war wie ein hohes, herrliches Marmorbild. Ihre Gewänder waren hellfarbig und von prachtvollem Material. Auf dem Haupte trug sie eine juwelenbesetzte Krone, und kostbare Armreifen klirrten und klangen bei jedem Winken ihrer Hände. Durch die bunte Pracht ihres Kopfschmuckes erinnerte sie an eine Barbarenfürstin; doch ihr Antlitz verriet Würde und Verfeinerung. Jorry fand sie faszinierend und mußte seine Blicke gewaltsam von ihr losreißen, um seinen Rivalen zu studieren.

Prinz Sounitan war ein muskulöser Bursche, jünger als die Königin, und von reinem Gesichtsschnitt. Das Volk nannte ihn hübsch und fand seine etwas finstere, selbstbewußte Miene attraktiv; doch Jorry fand, er sei ein ebenso aufgeblasener Tölpel wie die meisten Skoraten der Kriegerkaste, ob jung oder alt. Er haßte ihn auf den ersten Blick. Sounitan beugte seinen sehnigen Arm, freute sich am Spiel seiner Muskeln, starrte träge auf die Menge und sonnte sich ganz offenbar in den Kundgebungen der Treue und Ergebenheit. Jorry runzelte die Stirn. Dieser eitle Bengel hatte neben einer Frau wie Nikkolope nichts zu suchen. Man erwies dem Lande einen Dienst, wenn man ihn beseitigte.

Jorry wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Königin von Thak zu. Die königliche Sänfte hielt fast direkt vor ihm, und Nikkolope verkündete laut, daß sie nunmehr die Repräsentanten des Volkes aus der versammelten Menge auswählen würde. Ein mächtiger Ausbruch von Hochrufen folgte auf ihre Worte und dauerte an, als sie graziös aus der Sänfte stieg und, von ihrer Leibgarde umgeben, unter das Volk trat. Aufmerksam sah sie sich um. Aus einiger Entfernung erblickte sie Jorry; eine Sekunde lang trafen sich ihre Augen, dann schritt sie weiter. Sie gab kein Zeichen des Wiedererkennens, doch er hatte das fragende Flackern in ihren Augen gesehen und ihr kurzes Zögern bemerkt. Eine Welle echter Bewunderung für diese Frau überkam ihn. Ihre Haltung, ihre Selbstbeherrschung waren großartig. Keine andere Frau, auch kein Mann hätte einen solchen Schock so unbewegt hinnehmen können.

Er beobachtete, wie sie sich ihm näherte. Sie blieb stehen und richtete eine Frage an einen beflissenen Bürger; mitten in seiner Antwort wandte sie sich ab und ließ ihn mit offenem Mund stehen. Dann wechselte sie Scherzreden mit einem jungen Paar, lachte freundlich und liebenswürdig zu den Worten des Mädchens und bedeutet den Garden, diese beiden seien auserwählt. Ein neuer Ausbruch von Hochrufen folgte darauf, und Nikkolope schritt weiter, langsam und lächelnd – sie schien das Ritual zu genießen. Endlich stand sie vor Jorry, blickt ihm stumm ins Auge und fragte dann, wie er heiße. In aller Höflichkeit und Ehrfurcht nannte er ihr einen falschen Namen.

„Das ist kein Skorat-Name, und doch siehst du wie einer von uns aus. Bist du von Thak?“ fragte sie.

„Jawohl, Majestät, doch ich bin lange fern gewesen. Erst kürzlich bin ich heimgekehrt.“

Sie sah ihm fest und herausfordernd ins Auge. „Es ist nicht gut, wenn man zu lange fort ist. Hast du eine Frau? Und hat sie auf dich gewartet?“

„Manche halten mein Weib für so schön wie die Königin von Thak. Und ich glaube, sie hat gewartet, obwohl –“

„Weiter!“ befahl Nikkolope.

„Nun, Majestät, in meiner Abwesenheit hat ein eitler, dummer Junge ihr den Hof gemacht. Ich kann ihm das nicht verdenken; doch ich habe die Absicht, den Burschen zu bestrafen. Die Ehre erfordert es.“

„Hast du mit ihr darüber gesprochen?“

„Noch nicht, Majestät. Aber ich werde es tun, bevor der Tag zu Ende ist.“

Sie betrachtete ihn genau, und er hielt ihrem Blick ohne Wanken stand. Endlich wandte sie sich dem Gardisten zu und sagte: „Solches Vertrauen verdient seinen Lohn. Ich erwähle ihn.“ Ohne einen weiteren Blick schritt sie weiter.

Er stellte sich hinter den Gardisten, wo schon das erwählte junge Paar stand. Die Menge schrie wiederum Hoch, als er das Medaillon, das Gunstzeichen der Königin, entgegennahm und es sich um den Hals hing, doch er hörte es kaum.

Er sah auch die beiden Sternfahrer nicht, doch das war ihm gleich. Er hoffte sogar, sie würden nicht erwählt werden. Jetzt war er wirklich auf sich selbst gestellt. Kein Haufen feiger, patzender Verräter konnte diesmal seine Pläne vereiteln. Auf dem ganzen Skorat konnte ihn jetzt nur noch Nikkolope aufhalten, und sie schien sich über seine wahre Identität nicht sicher zu sein. Ihr Wortwechsel vor der Menge war zu subtil gewesen, als daß diese Tölpel von Skoraten ihm hätten folgen können. Die Entscheidung mußte nahe sein.

4. Die Heimkehr

Tradition, Brauchtum, zahllose von der Zeit geheiligte Zeremonien hatten auf der Welt der Skoraten eine starke bindende Kraft, und niemand beachtete die alten Sitten und Gebräuche strenger als die herrschenden Familien von Thak. Für sie war es einfach eine Schande, geboren zu werden, ins mündige Alter zu treten, in den Kampf zu ziehen, zu heiraten, alt zu werden oder zu sterben, ohne daß jeder dieser bedeutenden Tage von öffentlichen Riten markiert wurde. Bauern, Hirten und Anderweltler mochten damit zufrieden sein, still von der Geburt zum Tode zu schreiten, aber ein edler Krieger nicht. Für einen Angehörigen dieser Klasse war jeder Schritt von der Wiege bis zur letzten Ruhestätte von seinem eigenen ausführlichen Ritual begleitet, und je höher der Rang, je wichtiger der Anlaß, desto großartiger das Ritual.

Eine königliche Hochzeit war ein seltenes Ereignis von großer Bedeutung, und die daran geknüpften Zeremonien umfaßten einen Zeitraum, der einem vollen galaktischen Monat entsprach. Auf einer kriegerischen Welt wie dem Skorat, wo neunzehn Königsstädte und Hunderte von kleinen Fürstentümern in ständigen Feindseligkeiten lebten, wären solche öffentlichen Lustbarkeiten unmöglich gewesen ohne die erste und strengste aller Skorat-Traditionen: eine Königshochzeit, eine Krönung, der Besuch eines Barden bewirkten automatisch Burgfrieden. Ihn zu verletzen bedeutete Tod.

Eine reichhaltige Sammlung von Skorat-Legenden handelte von Konflikten aus Anlaß dieses Gesetzes. Ein Gast konnte beschuldigen, wen er wollte, sogar seinen Gastgeber aufs übelste verleumden, und war trotzdem sicher vor Gewaltmaßnahmen, solange die Feiern dauerten. Keine Waffe durfte gegen ihn erhoben werden. Sein Gastgeber hatte die Ehrenpflicht, ihn zu schützen. Verständlicherweise gab es nach Beendigung jeder solchen Zeremonie einen Ausbruch allgemeiner Feindseligkeiten. Doch während der Festtage selbst herrschte unverbrüchlicher Friede.

Für diese Gelegenheit, den ersten Tag der Feiern zur Vermählung der Königin Nikkolope mit dem Prinzgemahl Sounitan, war die große Halle des Palastes als Refektorium hergerichtet. An einem Ende der Säulenhalle standen auf einem Podium die beiden Thronsessel. Nikkolope saß auf dem höheren, Prinz Sounitan zu ihrer Linken. Hinter ihnen schloß ein Wandschirm aus geschnitztem und bemaltem Holzwerk, durch den die Diener kamen und gingen, die Halle ab.

Trotz ihrer Vorliebe für Zeremoniell hatten die Skoraten für lange Reden und Verzögerungen nichts übrig. Zu Jorrys großer Überraschung begann das Festmahl beinahe unmittelbar nachdem die auserwählten Gäste in die Halle gekommen waren. Die Edlen wurden zu ihren Plätzen an den äußeren Wänden geleitet, während das gewöhnliche Volk nach Belieben in der Mitte Platz nahm. Jorry hatte sich kaum am Mitteltisch niedergelassen, nahe beim Thron und direkt gegenüber von Sounitan, da füllte ihm auch schon ein Diener den Becher mit Wein, und ein zweiter setzte ihm einen Teller mit dampfenden Fleischstücken vor. Ohne Trinkspruch oder Tischrede, ohne Gruß- oder Dankesworte an die Gastgeber machten sich die Gäste über ihr Mahl her. Aufblickend sah Jorry, daß Sounitan bereits seinen Becher geleert hatte und Nikkolope den ersten Gang kostete.

Jorry trank mäßig, doch er speiste so herzhaft wie die anderen Gäste. Nach skoratischem Brauch klopfte er auf Tischplatte und Sessellehnen, um den Musikanten seinen Beifall kundzutun, weinte bei traurigen und johlte bei lustigen Liedern, lobte Temperament und Grazie der Tänzer; und dabei behielt er ständig Nikkolope im Auge und wartete darauf, daß eine Veränderung ihrer Miene ihm den richtigen Augenblick ankündigen würde. Mehrmals trafen sich ihre Blicke, doch nie verriet sie ihre Gefühle, und Jorrys Bewunderung für sie erhöhte sich noch.

Schließlich war es nicht die Königin, die Jorry zum Handeln veranlaßte, sondern der Barde; und das geschah ganz unerwartet. Jorry war der Mann in Nikkolopes bunter Livree, der unter den Edlen umherging, bereits aufgefallen; er hatte ihn für einen minderen Höfling gehalten und ihn nicht weiter beachtet. Doch als Jorrys Nachbar zur Linken ihn in die Seite stieß und sagte: „Das ist Alladale, der Barde der Königin. Meinst du, er wird für uns singen?“, da straffte er sich.

Das war also jener Alladale, der Nikkolope von Garivs Tod berichtet hatte. Ob er nun aus eigenem Wissen oder einfach nur die Worte gesprochen hatte, die sie zu hören erwartete – oder vielleicht zu hören wünschte -, der Mann war gefährlich. Wenn er wirklich der Mann war, von dem Gariv gesprochen hatte, dann kannte er ihn gut genug, um zu bemerken, daß Jorry ihm ähnlich sah; kannte er Gariv nicht persönlich, so mußte er irgendwelche eigenen Pläne verfolgen und war nicht weniger gefährlich. In diesem Gewirr von Konspirationen gab es nur eins: als Erster handeln. Sounitan und dann Alladale erledigen und erklären, er sei Gariv, der heimgekehrte König von Thak. Die Zeit war gekommen.

„Hört mich an!“ rief Jorry mit lauter Stimme. „Ich habe wichtige Nachrichten für unsere geliebte Königin!“

Sofort verstummten die Gespräche. Gespannte Stille breitete sich um ihn aus, so wie lautlose Ringe von dem Stein ausgehen, den man in ein stilles Wasser wirft. Lautes Gelächter einer Gruppe von Edlen an einem fernen Tisch erstarb augenblicklich. Er sah, daß Garden sich ihm näherten, und blickte zu Nikkolope hin. Sie hob die Hand, und die Garden blieben stehen.

„Du magst sprechen, Fremder. Sage uns deine Neuigkeiten!“ befahl sie.

Ihre Stimme war fest, aber kalt. Sie tönte bis in jede Ecke des Saales. Jorry befeuchtete seine Lippen, atmete tief und stürzte sich in dieses Abenteuer, alles auf diese eine Karte, auf diese kühne Täuschung setzend. „Der wahre König des Skorat lebt!“ verkündete er mit dröhnender Stimme und hob den Arm zum Königsgruß. „Gariv ist von den Toten zurückgekehrt, um sein Königreich zu fordern – und seine Königin!“

Um ihn wallten Stimmen auf, doch er stand unbewegt, die Augen auf Nikkolope gerichtet, die so kühl und beherrscht dasaß, wie das junge Mädchen auf dem Lebenden Bild. Blitzartig durchzuckte Jorry die Erkenntnis, daß sie der Täuschung nicht erlegen war – von Anfang an nicht. Keinen Augenblick hatte sie geglaubt, daß er Gariv war – doch das war ihm gleich. Konnte er Sounitan ausschalten, so würde sie ihn akzeptieren; wenn nicht, so hatte er den Tod verdient, in welcher Gestalt auch immer er kommen mochte. Nikkolope ließ den Eindringling seine Karte ausspielen, seelenruhig abwartend, ob es ein Trumpf sein würde. Keinem von beiden würde sie helfen, bis er gesiegt hatte.

Welch eine Frau für einen k’Turalp’Pa! dachte Jorry begeistert – keine in der Galaxis kam ihr gleich!

Als der Aufruhr erstorben war, den seine Worte verursacht hatten, sagte Nikkolope: „Ist Gariv zurückgekehrt, so möge er selbst für sich sprechen. Wo ist er?“ Ihr Ton war so herausfordernd wie bei dem Wortwechsel anläßlich seiner Wahl zum Gast. Sie sieht alles, sie weiß alles. Ich muß sie gewinnen! dachte Jorry.

„Hier ist er! Ich bin Gariv!“ rief er machtvoll.

Sounitan sprang auf und streckte empört die Hand aus. „Du lügst! Du bist ein Schwindler!“

„Und du ein Thronräuber!“ gab Jorry zurück und drohte dem Prinzen mit der Faust.

Verächtlich lächelnd, ließ sich Sounitan in den Thronsessel zurücksinken. „Garden! Faßt diesen Bettler, bringt ihn zum Tor und pfählt ihn!“ befahl er.

Zwei Garden mit kurzen Speeren näherten sich bedrohlich. Dieser Bruch der Sitte ließ die Gäste erstarren. Gelassen, ohne einzugreifen, sah Nikkolope zu, wie die beiden Rivalen ihre Sache auskämpften.

Jorry hätte die beiden Palastwachen leicht mit seinen Messern erledigen können. Doch das hätte Gariv nicht getan, und er war nun Gariv. Er packte einen schweren Krug, der auf dem Tisch stand. Dem Stoß des ersten Gardisten wich er durch einen Schritt zur Seite aus und schmetterte ihm den Krug mit einem mächtigen Rundhieb an die Schläfe. Jorrys ganzes Körpergewicht saß hinter dem Schwung des Schlages, und der Mann fiel taumelnd gegen seinen Kameraden. Jorry ergriff den zu Boden gefallenen Speer, rannte dem Zweiten das stumpfe Ende in den Leib, sprang über den zusammengekrümmt Daliegenden hinweg und stand plötzlich in Kampfhaltung auf dem Tisch.

„Tod dem Thronräuber! Gariv ist wieder da!“ brüllte er und schleuderte den Speer mit aller Kraft auf Sounitan.

In Sekundenschnelle war alles vorbei. Noch war der Speer in der Luft, da sprang Sounitan auf, katzengleich, mit einer Schnelligkeit und einem Elan, der gegen seine sonst so lässige Art völlig überraschend wirkte. Mit einer einzigen fließenden Bewegung fing er die Waffe aus der Luft, drehte sie um, bog den Arm zurück und schleuderte den Speer auf den Angreifer.

Jorry spürte den harten Aufschlag an der Brust, den raschen Schmerz der eindringenden Spitze, die durch seine Rippen fuhr und am Rücken wieder herauskam. Er packte den Schaft, riß die Augen weit auf und öffnete den Mund – er wollte noch etwas sagen. Doch er brachte kein Wort heraus. Er wußte: alles war vorbei, alles, er starb jetzt, alle seine Pläne waren zunichte, kein anderer hatte Schuld daran, nur er, seine Fehler, sein Irrtum. Kein ungeschickter Thanist hatte diesmal alles kaputtgemacht, kein dummer, eitler König hatte ihm den Preis entrissen; er hatte sein Bestes versucht und hatte verloren, alles verloren, für immer verloren.

Der Saal verschwamm vor seinen Augen. Noch sah er Nikkolopes unbewegtes Gesicht, den triumphierenden Sounitan an ihrer Seite. Er merkte, wie er zurückfiel, und dann fühlte er nichts mehr.

Der unangenehme Zwischenfall war vorüber. Mit kurzen Worten beruhigte Nikkolope ihre Gäste, das Gespräch lebte wieder auf, die Musikanten spielten ein lustiges Lied, das Festmahl ging weiter. Jorrys Leichnam wurde weggeschafft, vors Tor geschleift und blieb dort liegen wie ein Haufen Abfall. Nach Herzenslust aßen und tranken die Gäste, und spät in der Nacht kam der letzte schwankend aus dem Palast.

Für Nikkolope und ihre Garden war der Tag mit dem Mahle noch nicht beendet. Sie zog sich in ihre Privatgemächer zurück und befahl den Kommandanten der Palastwache zu sich. Noch vor diesem erschien Sounitan. Seit Beginn des Festes waren sie zum erstenmal allein miteinander, und sie empfing ihn kühl.

„Das Volk wird viel zu reden haben“, begann Sounitan mit herausgedrückter Brust. „Lange Zeit wird vergehen, bis jemand wieder die Majestät von Thak infragestellt.“

„Wenn du so gut denken könntest wie Speere werfen, Sounitan, dann würdest du einen sehr ordentlichen König abgeben.“

„Was soll das heißen?“

„Das heißt, daß du ein Hanswurst bist“, erwiderte Nikkolope gelassen. „Gewiß, du bist ein hübscher, starker Hanswurst, und ich zweifle nicht daran, daß du mich ehrlich liebst; aber deine Dummheit macht dich gefährlich.“

Er starrte sie an, stotterte, wollte etwas sagen, aber sie gebot ihm mit einer Handbewegung Schweigen und fuhr fort: „Du hast heute das Gastrecht des Palastes von Thak gebrochen. Ist es dir nicht in den Sinn gekommen, daß deine treuen Gefolgsleute, daß die Edlen des Skorat dabei waren, als du deine Kriegskünste demonstrieren mußtest?“ Auf sein betretenes Schweigen fuhr sie fort: „Wie ich sehe, hast du nicht daran gedacht. Und kannst du mir verraten, wie wir sie davon überzeugen können, daß sie selbst hier im Palast während der weiteren Zeremonien sicher sind? Sie haben gesehen, wie du einen Gast getötet hast. Sie könnten sich fragen, wer von ihnen der Nächste sein wird.“

„Was sollte ich denn machen? Er hat doch angegriffen. Ich habe nur den Speer zurückgeworfen, den er warf.“

„Schon, daß du der Garde befohlen hast, ihn festzunehmen und zu töten, Sounitan, könnte man als einen Angriff auffassen, gegen den er sich wehrte, wie jeder Mann sich wehren würde.“

„Er hat mich beschuldigt – hat behauptet, Gariv zu sein.“

„Ich habe es gehört“, antwortete Nikkolope etwas gereizt.

Sounitan, dem bei ihren Worten immer unbehaglicher zumute wurde, platzte schließlich heraus: „Aber wir wissen doch, daß Gariv tot ist! Dieser Kerl war ein Hochstapler! Oder er wurde vielleicht hergeschickt, um unsere Heirat zu verzögern, weil man hofft, damit deine Regierung zu schwächen.“

Nikkolope sah ihn schweigend an und erwiderte dann mit einer Stimme, die ihn eiskalt durchfuhr: „Meine Heirat hat nicht den geringsten Einfluß auf meine Regierung. Sei dir darüber klar, Sounitan, und mach dir keine Illusionen.“

Ernüchtert stotterte er: „Ich meinte nur – vielleicht sollte er Verwirrung stiften – Unruhe unterm Volk –“

„Möglich. Umso mehr ein Grund, ihn lebend gefangenzunehmen, anstatt ihn gedankenlos zu töten. Außerdem haben wir nur das Wort des Barden, daß Gariv tot ist.“

„Aber würde Alladale wagen, uns zu belügen?“

Nikkolope gähnte. „Vielleicht. Alle Männer lügen.“

Das Eintreffen des Gardehauptmannes beendete das Gespräch. Die Königin wandte sich ihm zu. Gespannte Erwartung lag auf ihren feingeschnittenen Zügen. „Was ist mit Alladale?“ fragte sie.

„Er ist nicht zu finden, Eure Majestäten“, meldete der Hauptmann; sein Blick glitt von Nikkolope zum Prinzgemahl, und dann wieder zur Königin.

Majestäten?“ rief Nikkolope schnell und zornig, sprang auf und schlug dem Hauptmann die beringte Hand ins Gesicht, daß er taumelte. „Majestäten, ausgerechnet! Wisse, Gardist – und auch du, Prinz! –, daß Thak nur einen Herrscher hat – mich! Ich teile meine Herrschaft mit keinem!“

„Jawohl, Majestät. Jawohl, natürlich“, sagte der vor ihrem Zorn erzitternde Hauptmann und traute sich nicht einmal, die Hand zu heben, um das Blut von seiner Wange zu wischen. „Ich sprach unbedacht. Wolle Eure Majestät mir verzeihen.“

Nikkolope nahm wieder Platz, sah ihn starr an und sagte schließlich: „Dir ist verziehen. Doch der Nächste, der so unbedacht spricht, wird es tief bereuen. Jetzt zum Dienstlichen – was für Spuren gibt es vom Barden Alladale?“

„Keine, Majestät. Er ist spurlos verschwunden.“

„Er war mit dem Betrüger im Bunde. Ich hatte gleich so einen Verdacht, als er hier unter dem Namen eines Toten auftauchte“, grollte Sounitan.

„Du hast gar keinen Verdacht gehabt“, sagte Nikkolope sachlich. „Du hast den Barden nicht leiden können, weil ich ihm Gunst erwiesen habe. Ich glaube kaum, daß er etwas damit zu tun hat.“

Zweifelnd zog Sounitan die Brauen zusammen. „Hältst du so einen Zufall für möglich?“

„Vorläufig glaube ich überhaupt nichts. Ich will den Barden. Wir wollen seine eigene Geschichte hören – die ganze!“ Dann wandte sie sich dem Gardehauptmann zu und entließ ihn mit dem Befehl: „Schaff ihn herbei.“

Als der Hauptmann gegangen war, winkte sie Sounitan, ebenfalls zu gehen. Er protestierte, doch sie bedeutete ihm mit scharfen Worten, sie allein zu lassen, wandte ihm den Rücken zu und starrte aus dem schmalen Fenster. Auf seinen Abschiedsgruß erwiderte sie nur: „Ich werde dich zu gegebener Zeit rufen lassen.“

Nikkolope war tief beunruhigt, und der Gedanke, daß sie durch ihr Handeln nur ihre innere Unruhe zu erkennen gab, machte ihr noch mehr zu schaffen. Das Auftauchen eines Betrügers gerade zu einem solchen Zeitpunkt war ein grausamer Streich des Schicksals, und die Frage, was dahintersteckte, beunruhigte sie ebenso sehr wie die eventuellen Rückwirkungen. Wie alle Skoraten glaubte sie an Omen, doch sie war klug und erfahren genug, um zu wissen, daß ein Omen so oder so ausgelegt werden kann. Der Name des für tot gehaltenen Gariv war bei ihrer Wiederverheiratung aufgeklungen. Warum? Konnte dieser Eindringling Gariv gewesen sein? Nach so langer Zeit – Er sah ganz wie Gariv aus, das stimmte; und sogar sein Benehmen – aber das könnte ein geschickter Schwindler nachahmen. Selbst dann hätte er vielleicht einen besseren Gemahl als Sounitan abgegeben. Hochstapler oder nicht – er hatte Mut gehabt und hatte gut geplant. Sounitans schnelle Reaktion war nicht vorauszusehen gewesen; bis zu diesem Tage hätte sie selbst ihm so etwas nicht zugetraut.

Eine Zeitlang dachte sie darüber nach, ob Sounitan noch andere und vielleicht noch gefährlichere Talente besitzen mochte, von denen niemand etwas wußte. Er machte nicht den Eindruck eines Intriganten, soviel war sicher – doch das mochte nur umso mehr Grund sein, ihn zu fürchten. Was er heute getan hatte, würde man ihm möglicherweise nachsehen – er hatte den Speer nicht eigentlich geworfen, sondern ihn nur dem Angreifer zurückgesandt -, doch es konnte ebensogut als Bruch des Burgfriedens betrachtet werden. Dann wäre Sounitan erledigt. Vielleicht mußte man sich darauf einstellen.

Seufzend wandte sie sich vom Fenster ab. Der Prinz war ein Dummkopf, vielleicht ein gefährlicher Dummkopf, aber sie mochte ihn gern. Vor langer Zeit war Gariv ganz ähnlich gewesen, damals, als er um das Recht auf ihre Hand kämpfte.

Das leise Klopfzeichen an ihrer Tür schreckte sie auf, obwohl sie darauf gewartet hatte. Als der Gardeposten ängstlich die Tür öffnete, wartete sie seine Meldung nicht ab, sondern gab ihm ein Zeichen, den Besucher einzulassen.

Ein hochgewachsener, schlanker, weißhaariger Mann trat ein. Rasch und etwas hinkend durchquerte er den Raum, warf sich ungezwungen und vertraut, wie ein Gleichrangiger, auf die Liege und streckte seine langen Beine aus. Sein scharfes, gutgeschnittenes Gesicht hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit den sanfteren Zügen Nikkolopes.

Der Besucher seufzte erschöpft, drückte ihr grüßend die Hand und schüttelte den Kopf.

„Nun? Hat er die Narbe?“ fragte sie.

„Eine Narbe hat er. Doch das beweist nichts.“

„Nichts? Die Narbe auf seiner Brust und mein Bild an seinem Hals beweisen nichts?“

Der Mann hob die Hand und ließ sie wieder fallen. „Eine Narbe kann man zurichten, meine Liebe. Und ein Lebendes Bild kann man kopieren. Vergiß nicht, dieser Hochstapler spielte um einen Thron und eine Königin.“

„Du sagst immer noch Hochstapler. Sogar nachdem du die Narbe auf seiner Brust gesehen hast“, gab sie zu bedenken.

„Ich habe Gariv fünf Almtriebe lang gut gekannt, noch bevor du ihn gesehen hast. Ich würde ihn wiedererkennen; und ich sage dir, dieser Mann, der heute starb, war nicht Gariv.“

Mit unsicherer Miene wandte sie sich ihm zu. „Wie kannst du nach so langer Zeit sicher sein, Vater? Selbst ich bin mir nicht sicher.“

„Er hat sich verraten, meine Liebe. Ich habe die Gardisten gesprochen, die ihn hinausgeschleift haben. Sie haben seine letzten Worte gehört –“

„Sag sie mir!“

„Er nannte sich einen Täuscher. Zweimal hat er das Wort ausgesprochen. Ist das nicht ein Beweis, daß er ein Schwindler war?“

Sie dachte ein Weilchen über diese Neuigkeit nach und blieb dann vor ihrem Vater stehen. „Täuscher? Nennen nicht die Quespodonen ihr Über-Wesen so? Er könnte doch –“

Scharf blickte ihr Vater zu ihr auf und sprach mit leise verächtlichem Unterton: „Er war kein Quespodon, das ist völlig klar. Er war ein Skorate, oder von einer nahe verwandten Rasse. Niemand verwechselt einen Quespodonen mit einem Skoraten, meine Liebe.“

Nikkolope setzte sich neben ihn und legte den Kopf an seine Schulter. „Er war einer von uns. Ich weiß das, Vater.“

„Nun also. Würde Gariv im Sterben etwas von einem Quespodon-Gott murmeln?“

Sie setzte sich auf, nickte und stand auf. „Natürlich nicht“, sagte sie mit fester Stimme. „Ich danke dir, Vater. Du hast mich überzeugt.“

Er stand ebenfalls auf und umarmte sie; dann verließ er leicht hinkend, doch rasch und lautlos den Raum. Nikkolope, wieder allein, überdachte die Ereignisse des Tages. Dieser Hochstapler hatte mit seinem kurzen Auftritt in Thak eine Menge Unruhe verursacht.

Und er war ein Hochstapler, versicherte sie sich nochmals. Seine Worte am Tor bedeuteten gar nichts. Er war ein Betrüger.

Doch eins beunruhigte sie immer noch. Als der Betrüger sich beim Mahl als Gariv ausgab, hatte er das mit den Worten getan, er beanspruche sein Königreich und seine Königin. So würde Gariv gesprochen haben. Ein Betrüger hätte in Gegenwart der Königin die Königin zuerst genannt, nicht zuletzt. Dessen war sie ganz sicher. Nur Gariv – Aber er war tot, und es war sinnlos, über ihn nachzudenken.

Nach einem Zeichen suchend, blickte sie aus dem Fenster. Hoch oben standen die Sterne in ihren kalten Strukturbildern, unberührt, fühllos, abgeschieden. Kein Zeichen kam.

Fortsetzung:
Epilog: Die Seraph II

 

 

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Ein Kommentar

  1. „Jorry dachte an ein Gespräch beim Kaminfeuer, das vor langer Zeit stattgefunden hatte; damals hatte er sich über das Bedürfnis nach Ruhe lustig gemacht und die verlacht, die davon träumten.“

    Tatsächlich war das ein Lagerfeuer in „Erster Teil: Zur Zitadelle“

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