Holunder: Früchte vom Baum der Seelen

Holunder

Von Miriam Wiegele (Illustrationen: Andreas Posselt), aus „Servus in Stadt & Land“, Ausgabe September 2014.

Weiße Schneeflocken-Blüten im Frühjahr, blauschwarze Beeren jetzt, zur Erntezeit. Wie keine andere Heilpflanze verkörpert der Holunder in seinem Wesen Neubeginn und Ende.

Groß ist die Begeisterung der Menschen für den Holunder, wenn er blüht, verbinden wir dies doch mit der Zeit, wo der Frühling alle Pflanzen strahlen lässt. Jetzt leuchten seine schwarzvioletten Früchte von den Sträuchern und erinnern uns mit ihrer Farbe daran, dass bald wieder die dunkle Zeit kommt.

Früher wuchs in jedem Bauernhof ein Hollerstrauch. Der Schwarze Holunder folgte dem Menschen überall hin, als wollte er von ihm adoptiert, gehegt und gepflegt werden. Man könnte ihn in der Sprache der Botaniker als eine anthropochore Pflanze bezeichnen, also (aus dem Altgriechischen abgeleitet) als eine Pflanze, „die mit dem Menschen tanzt“.

Diesen Hofholunder betrachtete man als Sippenbaum, als Baum, in dem die Seelen der Ahnen wohnten und so wie die Frau Holle, die ebenfalls in diesem Baum saß, die Familie vor Unglück und Schaden schützten.

Frau Holle oder Holda nannte man diese Göttin und war der Meinung, dass ihr Name den gleichen Ursprung wie die noch heute gebräuchlichen Worte wie hold oder Huld habe und dass auch der Name des Holunders daher stammt.

Die Sprachwissenschaft bezweifelt dies allerdings. Der Name stammt ihrer Meinung nach von den alten indogermanischen Wortwurzeln für „schwarzer Baum“. Dennoch wurde der Baum in ganz Nordeuropa mit Hochachtung als „Frau Holler“ angesprochen.

Der Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl ist diplomatischerweise der Meinung, dass der schwarze Baum auch der Baum der schwarzen Göttin ist, denn Frau Holle war bei den Kelten die Erdmutter, die Schwarze Göttin.

Die Holle zeigt sich im Lauf des Jahres in zwei Gestalten: als Lichtjungfrau Brigid zu Beginn des Jahres und als Totengöttin Frau Percht im Winter.

Diese zwei Seiten findet man auch beim Holunder, der im Jahreslauf sein Erscheinungsbild eindrucksvoll wechselt. Im Frühjahr zeigt er Blüten, so weiß und filigran wie Schneeflocken, die, wenn sie verblüht sind und zu Boden fallen, wie eine Schneedecke dort liegen. Im Herbst trägt der Holunder fast schwarze Beeren, deren Saft lang anhaltend und dunkel färbt wie Pech.

Die alte Signaturenlehre, die Kunst, von der Paracelsus meinte, dass sie helfe, „das Wesen der Natur im Grunde zu erfassen“, zeigt mit der Farbe Weiß und dem besonderen Duft der Blüten die Signatur des Mondprinzips, die Signatur des Neubeginns.

Ein Märchen voller Symbolkraft

Das Gegenstück des Mondes, der Saturn, zeigt nicht nur in den dunklen Beeren, sondern auch durch das trockene, spröde Holz seine Signatur. Mond und Saturn stehen für Anfang und Ende und zeichnen die Übergänge in die Anderswelt, die ja das Reich der Frau Holle ist. So zeigt uns der Holunder in seinem Wesen diese Gegensätze: Er ist gleichzeitig der Strauch der Geburt und des Todes.

Wohl jeder kennt das Märchen von der Frau Holle. Ihr grünes Reich ist zugleich das Totenreich. Die brave Marie, die auf der Suche nach der Spindel in den Brunnen springt, begibt sich damit in eine Anderswelt, in die auch jene gelangen, die ihren „Lebensfaden“ verloren haben. Marie pflückt dann die reifen roten Äpfel und holt die fertig gebackenen Brote aus dem Ofen.

Symbolisch stehen die Äpfel für die Seelen kurz vor der Wiedergeburt, und der Ofen mit den Brotlaiben ist das Bild des warmen Mutterschoßes, in dem sich die Seelen auf ihre Ankunft auf der Erde vorbereiten. Wenn es dann Zeit ist, wiedergeboren zu werden, schickt Frau Holle die Kinderseelen auf die Erde, da sitzen sie dann, warten darauf, dass die künftige Mutter den Hollerbusch berührt, und singen:

Ringel, ringel, reia,
Sind ma unser dreia,
Sitzen unterm Hollerbusch,
Rufen alle husch, husch, husch.

Der Holler durfte nicht gefällt werden

Der Holunder spielte als Baum der Totengöttin eine große Rolle in keltischen, germanischen und slawischen Kulten. Vielerorts war es Brauch, die Verstorbenen auf Hollerzweige zu betten, oder es wurde ein Kreuz aus Holunder in den Sarg gelegt. In Tirol trug man ein Kreuz aus Holunderholz vor dem Leichenzug und steckte es auf das frische Grab.

Der Holunder sollte als Sippenbaum neben dem Haus wachsen, um den Ahnen nahe zu sein. Daher betrachtete man es als schlechtes Omen, wenn der Holunder verdorrte, es deutete darauf hin, dass bald ein Familienangehöriger sterben konnte.

Der Holunder als Baum der Frau Holle durfte auch nicht gefällt werden. War es unumgänglich, einen wuchernden Holunder zu stutzen, musste man in der Vollmondnacht zur Holunderfrau gehen und sie um Erlaubnis bitten.

Die Kirche hatte natürlich ein mehr als zwiespältiges Verhältnis zur Göttin; so hieß es zum Beispiel, dass die Rinde des Baums voller Schrunden sei, weil der Heiland mit Holunderzweigen gegeißelt wurde. Zum schlechten Ruf des Baums trug auch die Geschichte bei, dass sich angeblich Judas an einem Holunderast erhängte, nachdem er Jesus verraten hatte. Als Erinnerung daran soll der Strauch einen leichenartigen Geruch ausstrahlen. Ein weiterer Nachklang zu dieser Geschichte ist, dass der an den Stämmen wachsende Speisepilz Judasohr heißt. Doch trotz dieses unschönen Namens ist das Judasohr ein interessanter Speisepilz und gilt in der chinesischen Medizin als Heilmittel gegen Bluthochdruck und Thrombosen.

Auch wenn versucht wurde, aus der holden Göttin „Teufels Großmutter“ zu machen und der Holler zum „teuflischen Baum“ wurde, den Glauben an seine Heilkraft konnte man dem Volk nicht nehmen. Auf dem Land war der nahe am Haus wachsende Holunder die wichtigste Heilpflanze. Vom Holunder gibt es einen geflügelten Spruch:

Rinde, Beere, Blatt und Blüte,
Jeder Teil ist Kraft und Güte,
Jeder segensvoll.

Rinde, Beere, Blatt und Blüte

In der Volksmedizin wurden also alle Teile des Holunders genutzt, wie auch in einem Kräuterbuch aus dem 17. Jahrhundert nachzulesen ist:

Die Wurzeln in Wein gesotten und getrunken, treiben die Wassersucht gewaltig aus.
Die Blätter in Wein gesotten, den getrunken, benimmt alle überflüssige Feuchtigkeit und ist den Wassersüchtigen sehr nützlich.
Die Rinde in Wein gesotten, so sie noch grün ist, das getrunken, machen erbrechen. In Salzwasser gesotten, benimmt die Geschwulst der Füße.

Eine derart „heroische“ Arznei ist aus heutiger Sicht nicht mehr zu empfehlen. Ebenso wenig wie der Ratschlag von Albertus Magnus (ca. 1250 n. Chr.), dass die innere Rinde, von oben nach unten geschabt, abführend wirkt, von unten nach oben geschält dagegen zum Erbrechen führt.

Bindfaden-Magie und Geisternamen

Ganz wichtig war in der Volksmedizin auch die Verwendung des Holunders unter Mithilfe von Magie. Die „sympathische Medizin“ beruhte darauf, dass man einer Pflanze, zumeist einem Baum, die Krankheit übertrug. Das konnte mittels eines Bindfadens, den man möglichst in der Nacht bei abnehmendem Mond an einen Hollerast band, ermöglicht werden. Dazu sagte ma folgenden Spruch:

Zweig, ich biege dich,
Fieber, nun lass mich,
Hollerast, hebe dich auf,
Fieber, setz dich drauf.

Ein anderer Spruch aus Tirol lautet:

O Fliederbaum, du lieber,
Mich quält das arge Fieber,
Weil Judas sich an dir erhängt,
Sei jetzt das Fieber dir geschenkt.

Vor allem im Alpenraum wurde der Holunder auch Flieder genannt, was nichts mit dem aus der Türkei stammenden Duftstrauch zu tun hat. Alte Kräutersammler meinten, dies sei ein „Geistername“, da der Holler so sehr verehrt wurde, dass man nicht einmal wagte, seinen wahren Namen auszusprechen. Die Erfahrungen der Volksmedizin zur Wirkung des Holunders konnten übrigens auch von der Wissenschaft bestätigt werden. Holunderblütentee beeinflußt tatsächlich die Wärmeregulationszentren im Stammhirn, wirkt dadurch schweißtreibend und hilft so bei Fieber.

Hollersaft als hochwirksame Medizin

Der aus Hollerbeeren gepresste Saft ist eines der besten pflanzlichen Mittel zur Stärkung der Immunabwehr bei gleichzeitiger antiviraler Wirkung und damit hochwirksam nicht nur bei grippalen Infekten, sondern auch bei der echten Influenza verschiedener Typen. Durch tägliche Gabe von 4 x 15 ml Saft kann die Krankheitsdauer im Schnitt um die Hälfte gesenkt werden. Bei vorbeugender Einnahme bricht die Krankheit meistens gar nicht aus.

Die hervorragende Wirkung der Holunderbeeren gegen Neuralgien wie Ischias oder Trigeminusneuralgie entdeckte der Prager Arzt Berthold Epstein zufällig, als er einem Patienten Portwein zur Kräftigung verordnete. Dabei kam es zu einer erstaunlichen Verbesserung des Leidens. Allerdings stellte sich heraus, dass es sich nicht um Portwein, sondern um mit Hollersaft gefärbten Wein gehandelt hatte. Darauf erprobte Epstein die Wirkung von reinem Holundersaft mit Zusatz von 20 Prozent Alkohol bei Neuralgien mit bestem Erfolg.

Aber Achtung, alle heimischen Holunderarten enthalten in den Samen giftige cyanogene Glykoside, die Blausäure entwickeln können. Beim Schwarzen Holunder reicht es, die Früchte kurz zu kochen. Beim Hirschholunder sollte man die Samen herauspassieren, den Attich (Zwergholunder), an dem alles giftig ist, sollte man besser nur wie früher gegen Ratten und Mäuse nutzen.

Hier noch als Anhang von mir (Lichtschwert) ein paar Fotoimpressionen vom Holunder:

 

Erstaunlich, wie mächtig ein Holunderstamm werden kann!

Erstaunlich, wie mächtig ein Holunderstamm werden kann!

2 Schwarzer Holunder blühend

3 fruehsommer sambucus nigra schwarzer  holunder holunderblueten

4 Holunderblüten

5 Holunderbeeren

*   *   *

Abschließend (und als nachträglichen zweiten Anhang) stelle ich noch das Magazin „Servus in Stadt & Land“ anhand der Septemberausgabe 2014 vor, aus der ich den obigen Artikel habe:

Servus 2014-09 Titelseite

Das sind sehr schön gemachte Publikationen, eigentlich schon großformatige Softcover-Bücher mit 186 Seiten, mit vielen schönen und interessanten Artikeln über Kultur und Brauchtum, Kunsthandwerk und Kulinarik (einschließlich vieler Rezepte), Gartenbau, Touristik, Land & Leute, Geschichte, Sagen und Mythologie; das folgende Bild stammt aus dem Beitrag „Mit der Kraft der Steine“:

Servus 2014-09 Ysperklamm-Steine

Ein weiterer sehr ansprechender Artikel war jener über den Holzkünstler Ernst Adelsberger, der Skulpturen wie diesen Holzknecht…

Servus 2014-09 baumschnitzer 1

…oder diese Heilige Familie mit der Motorsäge aus Baumstämmen schnitzt.

Servus 2014-09 baumschnitzer 2

Die Birnbaum-Madonna im oberösterreichischen Grenzgebiet an der Straße zwischen Waidhofen und Großraming arbeitete Ernst Adelsberger aus einem toten Birnbaum, dem sein Besitzer damit ein Denkmal setzen wollte. „Mit Kind?“, fragte Ernst Adelsberger.  „Ohne“, sagte der Mann. Doch kurz nachdem er zu arbeiten begonnen hatte, stieß der Künstler auf Hohlräume im Baum. Wie auch immer er es sich mit seinem räumlichen Vorstellungsvermögen auszumalen versuchte, eine Madonna allein wäre schief und wie betrunken dagestanden, sagte Adelsberger.

Servus 2014-09 baumschnitzer 3a madonna

Mit Kind aber, dem er noch drei Birnen in die Hand legte, wurde es ein anschauliches Werk mit properen Proportionen und ist mittlerweile eine kleine Wallfahrtsstätte. Noch dazu, wo der Baum plötzlich wieder Äste austreibt. „In fünf Jahren trägt er wieder Mostbirnen“, sagt Ernst Adelsberger zufrieden.

Servus 2014-09 baumschnitzer 3b madonna

Das Servus-Magazin ist ein Produkt des „Red Bull Media House“, einer Firma von Dietrich Mateschitz, also eines wirtschaftlichen Global Players, bei dem ich noch nicht so recht weiß, wie ich ihn NWO-politisch einsortieren soll. In „Servus in Stadt & Land“ bleibt man jedenfalls, soweit ich bisher gesehen habe, von NWO-Inhalten angenehm verschont.

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4 Kommentare

  1. Richard

     /  5. Oktober 2014

    Was für ein schöner Artikel, vielen Dank!

    Unter diesem Artikel, in dem auch der Holunder behandelt wird, habe ich folgenden treffenden Kommentar gefunden:
    http://www.heise.de/tp/artikel/42/42951/1.html
    „Die Entfremdung von der Natur ist in unserer Gesellschaft zur
    Normalität geworden.“

    Antwort
  2. Ratbald

     /  6. Oktober 2014

    Danke für den Artikel!

    Antwort
  3. Ja, dieser Artikel hat mir auch sofort gut gefallen.
    Das Oktoberheft von „Servus in Stadt & Land“ habe ich mir ebenfalls schon gekauft, und darin sind wieder mindestens zwei Artikel, die ich für hier verwenden möchte: einer wieder von Miriam Wiegele über Pilze und ihre Rolle in der Volksheilkunde und (heidnischen) Mythologie und einer über das Einlagern von Obst und Gemüse in Erdkellern.

    In dem Pilze-Artikel heißt es unter anderem, daß man im österreichischen Volksglauben „Schwammazwergerln“ oder „Schwammamanderln“ für die Zuständigen für das Wachstum der Pilze gehalten hat, die vor allem solche Leute viele Pilze finden ließen, bei deren Taufe der Priester irgendetwas falsch gemacht hat, die also ein wenig noch Heiden waren. Die sollten die meisten Pilze finden.
    Und daß man beim Pilzesuchen keine Frauen mitnehmen solle. Denn wenn eine Frau einen Pilz sehe, rufe sie: „Jessas, a Schwamm!“, und beim Namen „Jessas“ sollen die Schwammazwergerln die Pilze sofort wieder in der Erde verschwinden lassen haben.

    Antwort
  4. Ich habe jetzt als Anhang noch eine Kurzvorstellung des Magazins „Servus in Stadt & Land“ anhand der Septemberausgabe 2014 hinzugefügt.

    Der von Dir verlinkte Heise-Artikel ist ebenfalls sehr interessant, Richard!

    Antwort

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