Die grünen Hügel der Erde

Von Robert Anson Heinlein; das Original „The Green Hills of Earth“ wurde am 8. Februar 1947 erstmals in der „Saturday Evening Post“ veröffentlicht.
Die englische Originalfassung dieser Kurzgeschichte (10 Seiten), so wie sie 1963 im „Reader of Fantasy & Science Fiction“ der Saturday Evening Post veröffentlicht wurde kann man hier online lesen: The Green Hills of Earth. Das virtuelle Buch kann man durch Draufklicken größer heranzoomen und kann dann Seite für Seite umblättern. „The Green Hills of Earth“ beginnt gleich nach der Inhaltsangabe; die einzelnen Seiten können auch als JPEGs heruntergeladen werden.  Übersetzung: Lichtschwert.

Green Hills of Earth 51gr

Dies ist die Geschichte von Rhysling, dem blinden Sänger der Raumflugrouten – aber nicht die offizielle Version. Sie haben seine Worte in der Schule gesungen:

I pray for one last landing
On the globe that gave me birth;
Let me rest my eyes on the fleecy skies
And the cool, green hills of Earth.

Oder vielleicht haben Sie es auf Französisch oder Deutsch gesungen. Oder vielleicht war es Esperanto, während Terras Regenbogenbanner über Ihrem Kopf flatterte.

Die Sprache zählt nicht – es war sicherlich eine Erdensprache. Niemand hat Green Hills jemals in die lispelnde venusische Sprache übersetzt; kein Marsianer krächzte und flüsterte sie in den trockenen Korridoren. Dies gehört uns. Wir von der Erde haben alles exportiert, von Gruselfilmen aus Hollywood bis zu synthetischen radioaktiven Materialien, aber dies gehört allein Terra, und ihren Söhnen und Töchtern, wo immer sie sein mögen.

Wir alle haben Geschichten über Rhysling gehört. Sie waren vielleicht sogar einer der vielen, die ein Diplom mit der wissenschaftlichen Beurteilung seiner veröffentlichten Werke angestrebt haben – Songs of the Spaceways; The Grand Canal, and other Poems; High and Far und Up Ship!

Dennoch kann man, obwohl Sie seine Lieder gesungen und seine Verse gelesen haben, innerhalb und außerhalb der Schule, Ihr ganzes Leben lang, mit mindestens ausgeglichenen Chancen darauf wetten – sofern Sie nicht selbst ein Raumfahrer sind – daß Sie von den meisten von Rhyslings unveröffentlichten Liedern nie auch nur gehört haben, solche Sachen wie Since the Pusher Met My Cousin; That Red-Headed Venusberg Gal; Keep Your Pants On, Skipper oder A Space Suit Built For Two. Noch können wir sie in einem Familienmagazin zitieren.

Rhyslings Ruf wurde durch einen achtsamen literarischen Nachlaßverwalter und von dem glücklichen Zufall geschützt, daß er nie interviewt wurde. Songs of the Spaceways erschien in der Woche, in der er starb; als es ein Bestseller wurde, wurden die Reklamegeschichten über ihn aus dem zusammengestückelt, was die Leute von ihm in Erinnerung hatten, plus die sehr bunten Informationsblätter seiner Verleger. Das resultierende traditionelle Bild von Rhysling ist ungefähr so authentisch wie George Washingtons Beil oder König Alfreds Kuchen.

In Wahrheit hätten Sie ihn nicht in Ihrem Wohnzimmer haben wollen; er war nicht gesellschaftsfähig. Er hatte ein dauerndes Sonnenjucken, das er ständig kratzte, was nichts zu seiner vernachlässigbaren Schönheit beitrug.

Van der Voorts Porträt von ihm für die Harriman-Centennial-Ausgabe seiner Werke zeigt eine Gestalt von hoher Tragik, einen ernsten Mund, blicklose Augen, die durch eine schwarze Seidenbinde verborgen waren. Er war nie ernst! Sein Mund war immer offen, singend, grinsend, trinkend oder essend. Die Binde war irgendein Fetzen, für gewöhnlich schmutzig. Nachdem er sein Augenlicht verloren hatte, achtete er immer weniger auf sein Äußeres.

„Noisy“ Rhysling war ein Düsenmann zweiter Klasse, mit Augen so gut wie Ihre, als er für eine Rundtour auf der R. S. Goshawk zu den Jupiter-Asteroiden unterschrieb. Die Besatzung unterzeichnete in jenen Tagen Verzichtserklärungen für alles; ein Gesellschafter von Lloyd’s hätte einem ins Gesicht gelacht bei der Vorstellung, einen Raumfahrer zu versichern. Von dem Gesetz über Vorsichtsmaßnahmen im Weltraum hatte man noch nie gehört, und die Firma war nur für die Löhne verantwortlich, falls und wenn. Die Hälfte der Schiffe, die weiter flogen als nach Luna City, kam nie zurück. Den Raumfahrern war es egal; sie unterschrieben vorzugsweise auf Beteiligungsbasis, und jeder von ihnen hätte mit Ihnen gewettet, daß er vom hundertsten Stockwerk des Harriman-Turms springen und sicher landen könne, wenn man ihm drei zu zwei geboten und ihm Gummiabsätze für die Landung gewährt hätte.

Düsenmänner waren die Unbekümmertsten in dem Haufen und die Fiesesten. Verglichen mit ihnen waren die Kapitäne, die Radarleute und die Astrogatoren (es gab in jenen Tagen keine Stewards) sanftmütige Vegetarier. Düsenmänner wußten zuviel. Die anderen vertrauten auf das Geschick des Kapitäns, sie sicher herunterzubringen; Düsenmänner wußten, daß Können nutzlos war gegen die blinden und launenhaften Teufel, die in ihren Raketenmotoren angekettet waren.

Die Goshawk war das erste von Harrimans Schiffen, die von chemischem Treibstoff auf Atommeiler umgestellt wurden – oder vielmehr das erste, das nicht explodierte. Rhysling kannte sie gut; sie war eine alte Badewanne, die die Route von Luna City über die Raumstation Supra New York nach Leyport und zurück befuhr, bevor sie für den tiefen Raum umgebaut wurde. Er hatte die Luna-Route in ihr bedient und war auf der ersten Tiefraumreise mit dabeigewesen, nach Drywater auf dem Mars – und zurück, zu jedermanns Überraschung.

Er hätte um die Zeit, wo der für den Jupiter-Trip unterschrieb, zum Chefingenieur gemacht worden sein sollen, aber nach dem Pioniertrip nach Drywater war er gefeuert, auf die schwarze Liste gesetzt und in Luna City auf den Boden verbannt worden, weil er die Zeit mit dem Schreiben eines Chors und mehrerer Verse verbracht hatte, während er seine Anzeigen hätte beobachten sollen. Das Lied war das berüchtigte The Skipper is a Father to His Crew, mit dem extrem nicht druckfähigen Couplet am Schluß.

Die schwarze Liste störte ihn nicht. Er gewann ein Akkordeon von einem chinesischen Barkeeper in Luna City, indem er beim One-Thumb schummelte, und danach hielt er sich über Wasser, indem er für Getränke und Trinkgeld für Minenarbeiter sang, bis der schnelle Verschleiß an Raumfahrern den Firmenagenten dort zwang, ihm eine weitere Chance zu geben. Er hielt sich für ein Jahr oder zwei auf der Luna-Route sauber, kehrte in den tiefen Raum zurück, half dabei, Venusberg seinen ursprünglichen besoffenen Ruf zu verschaffen, spazierte an den Ufern des Großen Kanals, als eine zweite Kolonie bei der alten marsianischen Hauptstadt gegründet wurde, und erfror sich seine Zehen und Ohren auf dem zweiten Flug zum Titan.

Die Dinge gingen in jenen Tagen schnell. Sobald der Atomantrieb akzeptiert war, wurde die Zahl der Schiffe, die vom Luna-Terra-System aufbrachen, nur durch die Verfügbarkeit von Besatzungen begrenzt. Düsenmänner waren rar; die Abschirmung wurde auf ein Minimum reduziert, um Gewicht zu sparen, und wenigen verheirateten Männern lag daran, einen möglichen Kontakt mit Radioaktivität zu riskieren. Rhysling wollte kein Vater sein, daher standen ihm in den goldenen Tagen des Claimabsteckungsbooms immer Jobs offen. Er kreuzte hin und her durch das System, sang die Knittelverse, die in seinem Kopf hochkochten, und spielte auf seinem Akkordeon.

Der Kommandant der Goshawk kannte ihn; Kapitän Hicks war auf Rhyslings erster Reise in ihr Astrogator gewesen. „Willkommen zu Hause, Noisy,“ hatte Hicks ihn begrüßt. „Bist du nüchtern, oder soll ich das Buch für dich unterschreiben?“
„Von dem Käfersaft, den sie hier verkaufen, kann man nicht betrunken werden, Skipper.“ Er unterschrieb und ging nach unten, sein Akkordeon schleppend.
Zehn Minuten später war er zurück. „Captain“, stellte er düster fest, „diese Düse Nummer zwei ist nicht in Ordnung. Die Kadmiumdämpfer sind verzerrt.“
„Warum sagst du das mir? Sag es dem Chefingenieur.“
„Hab’ ich, aber er sagt, sie werden’s tun. Er irrt sich.“
Der Kapitän deutete auf das Buch. „Streich deinen Namen und hau ab. Wir heben in dreißig Minuten ab.“
Rhysling sah ihn an, zuckte mit den Schultern und ging wieder nach unten.

Es ist ein langer Flug hinauf zu den jovianischen Planetoiden; eine Klapperkiste der Hawk-Klasse mußte drei Wachen lang feuern, ehe sie in den freien Flug überging. Rhysling hatte die zweite Wache. Die Dämpfung wurde damals per Hand vorgenommen, mit einem Multiplikations-Nonius und einer Gefahrenanzeige. Als die Anzeige rot zeigte, versuchte er zu korrigieren – ohne Glück.

Düsenmänner warten nicht; deshalb sind sie Düsenmänner. Er knallte die Notabdeckung auf und fischte mit den Zangen nach dem heißen Zeug. Die Lichter gingen aus, er machte weiter. Ein Düsenmann muß seinen Reaktorraum so kennen wie Ihre Zunge das Innere Ihres Mundes.

Er riskierte einen schnellen Blick über die Oberkante der bleiernen Abweisplatte, als die Lichter ausgingen. Das blaue radioaktive Glühen half ihm nichts; er riß seinen Kopf zurück und fischte weiter nach Tastgefühl. Als er fertig war, rief er über die Sprechverbindung: „Düse Nummer zwei aus. Und macht mir verdammt nochmal etwas Licht hier unten!“

Es gab Licht – den Notstromkreis – aber nicht für ihn. Das blaue radioaktive Glühen war das Letzte, worauf seine Sehnerven jemals reagierten.

As Time and Space come bending back to shape this star-specked scene,
The tranquil tears of tragic joy still spread their silver sheen;
Along the Grand Canal still soar the fragile Towers of Truth;
Their fairy grace defends this place of Beauty, calm and couth.
Bone-tired the race that raised the Towers, forgotten are their lores;
Long gone the gods who shed the tears that lap these crystal shores.
Slow beats the time-worn heart of Mars beneath this icy sky;
The thin air whispers voicelessly that all who live must die –
Yet still the lacy Spires of Truth sing Beauty’s madrigal
And she herself will ever dwell along the Grand Canal! (1)

(1) Aus „The Grand Canal“, mit Erlaubnis von Lux Transcriptions, Ltd., London und Luna City.

Auf dem Rückflug setzten sie Rhysling in Drywater auf dem Mars ab; die Jungs ließen den Hut herumgehen, und der Skipper warf einen halben Monatslohn hinein. Das war alles – finis -, nur ein weiterer Weltraumpenner, der nicht das Glück hatte hin zu sein, als ihn sein Glück verließ. Er verkroch sich einen Monat lang oder so bei den Prospektoren und Archäologen in How-Far?, und er hätte wahrscheinlich für immer bleiben können im Austausch für seine Lieder und sein Akkordeonspiel. Aber Raumfahrer sterben, wenn sie an einem Ort bleiben; er fuhr per Anhalter auf einem Raupenfahrzeug wieder nach Drywater und von dort nach Marsopolis.

Die Hauptstadt befand sich in ihrem fortgeschrittenen Boom; die Verarbeitungsanlagen säumten den Großen Kanal an beiden Seiten und trübten das uralte Gewässer mit dem Schmutz ihrer Abflüsse. Dies war bevor der Dreiplanetenvertrag die Störung kultureller Relikte für kommerzielle Zwecke verbot; die Hälfte der schlanken, feenhaften Türme war abgerissen worden, und andere wurden entstellt, um sie zu unter Druck gesetzten Gebäuden für Erdenmenschen zu adaptieren.

Nun hatte Rhysling nie irgendwelche dieser Veränderungen gesehen, und niemand beschrieb sie ihm; als er Marsopolis „wiedersah“, stellte er es sich so vor, wie es gewesen war, bevor es für die Wirtschaft rationalisiert worden war. Sein Gedächtnis war gut. Er stand an der Uferesplanade, wo die alte Größe des Mars es sich bequem gemacht hatte, und sah seine Schönheit sich vor seinen geblendeten Augen ausbreiten – eine eisblaue Wasserfläche, unbewegt von Gezeiten, unberührt von einer Brise und gelassen die scharfen, hellen Sterne des Marshimmels reflektierend, und jenseits des Wassers die filigranen Strebepfeiler und fliegenden Türme einer Architektur, die zu zart für unseren rumpelnden, schweren Planeten ist. Das Ergebnis war Grand Canal.

Die subtile Veränderung seiner Orientierung, die es ihm ermöglichte, Schönheit in Marsopolis zu sehen, wo es keine Schönheit gab, begann sich nun auf sein gesamtes Leben auszuwirken. Alle Frauen wurden für ihn schön. Er erkannte sie an ihren Stimmen und paßte ihre Erscheinung dem Klang an. Man muß wirklich mies gesinnt sein, um zu einem blinden Mann anders als mit sanfter Freundlichkeit zu sprechen; Zankteufel, die ihren Ehemännern keinen Frieden gegeben hatten, ließen ihre Stimmen für Rhysling süßer klingen.

Es bevölkerte seine Welt mit schönen Frauen und vornehmen Männern. Dark Star Passing, Berenice’s Hair, Death Song of a Wood’s Colt und seine anderen Liebeslieder von den Wanderern, den frauenlosen Männern des Weltraums, waren das direkte Ergebnis dessen, daß seine Vorstellungen von schäbigen Wahrheiten unbefleckt blieben. Es milderte seine Haltung, veränderte seine Knittelverse hin zu Lyrik und manchmal sogar zu Poesie.

Er hatte jetzt reichlich Zeit zum Nachdenken, Zeit, um all die lieblichen Worte genauso hinzukriegen und an einer Strophe herumzubasteln, bis sie in seinem Kopf richtig klang. Der monotone Beat von Jet Song –

When the field is clear, the reports all seen,
When the lock sighs shut, when the lights wink green,
When the check-off’s done, when it’s time to pray,
When the captain nods, when she blasts away –
Hear the jets!
Hear them snarl at your back
When you’re stretched on the rack;
Feel your ribs clamp your chest,
Feel your neck grind it’s rest.
Feel the pain in your ship,
Feel her strain in their grip.
Feel her rise! Feel her drive!
Straining steel, come alive,
On her jets!

– kam ihm nicht, während er selbst ein Düsenmann war, sondern später, während er per Anhalter vom Mars zur Venus flog und eine Wache mit einem alten Schiffskameraden absaß.

In Venusberg sang er in den Bars seine neuen Lieder und einige seiner alten. Jemand pflegte einen Hut für ihn herumgehen zu lassen, und dieser kam mit dem Doppelten oder Dreifachen des üblichen Betrags für einen Barden zurück, als Anerkennung für den tapferen Geist hinter den verbundenen Augen.

Es war ein leichtes Leben. Jeder Raumhafen war sein Zuhause, und jedes Schiff sein privates Transportmittel. Kein Skipper wagte es, die Mitnahme der zusätzlichen Masse des blinden Rhysling und seiner Quetschkiste zu verweigern; er pendelte von Venusberg über Leyport nach Drywater bis New Shanghai, oder wieder zurück, wie ihn die Laune überkam.

Er näherte sich der Erde nie weiter als bis zur Raumstation Supra New York. Selbst als er den Vertrag für Songs of the Spaceways unterzeichnete, tat er das in einem Linienschiff der Kabinenklasse, irgendwo zwischen Luna City und Ganymed. Horowitz, der ursprüngliche Verleger, war zu seinen zweiten Flitterwochen an Bord und hörte Rhsyling bei einer Schiffsparty singen. Horowitz verstand eine Menge vom Verlagsgewerbe, als er es hörte; der gesamte Inhalt von Songs wurde im Kommunikationsraum des Schiffes direkt auf Band gesungen, bevor er Rhysling aus seiner Sichtweite entließ. Die nächsten drei Bände wurden in Venusberg aus Rhysling rausgequetscht, wohin Horowitz einen Agenten geschickt hatte, um ihn besoffen zu halten, bis er alles gesungen hatte, woran er sich erinnern konnte.

Up Ship! ist nicht sicher durchgängig authentischer Rhysling. Vieles davon ist von Rhysling, kein Zweifel, und Jet Song ist fraglos von ihm, aber die meisten der Verse wurden nach seinem Tod gesammelt, von Leuten, die ihn während seiner Wanderungen gekannt hatten.

The Green Hills of Earth wuchs über zwanzig Jahre. Die früheste Form, von der wir wissen, wurde komponiert, bevor Rhysling geblendet wurde, während eines Saufgelages mit einigen der arbeitsverpflichteten Männer auf der Venus. Die Verse befaßten sich großteils mit den Dingen, die die Arbeiter auf der Erde zu tun vorhatten, falls und wenn es ihnen jemals gelang, ihre Prämien zu bezahlen und wieder nach Hause gehen zu dürfen. Manche der Strophen waren vulgär, manche nicht, aber der Refrain war erkennbar jener von Green Hills.

Wir wissen genau, wo die endgültige Form von Green Hills herkam, und wann.

Da war ein Schiff in Venus Ellis Isle, das den direkten Sprung von dort nach Great Lakes in Illinois machen sollte. Es war die alte Falcon, die jüngste der Hawk-Klasse und das erste Schiff, auf das die neue Geschäftspolitik des Harriman Trust für einen Expressdienst gegen Zusatzgebühr zwischen Erdenstädten und jeder Kolonie mit flugplanmäßigen Zwischenstops angewandt wurde.

Rhysling beschloß, mit ihr zurück zur Erde zu fliegen. Vielleicht war ihm sein eigenes Lied unter die Haut gegangen – oder vielleicht sehnte er sich einfach danach, das Ozark-Plateau noch einmal zu besuchen, wo er geboren war.

Die Firma erlaubte keine Gratismitflieger mehr. Rhysling wußte das, aber es fiel ihm nie ein, daß die Regelung für ihn gelten könnte. Er wurde alt, für einen Raumfahrer, und einfach ein wenig seiner Privilegien bewußt. Nicht senil – er wußte einfach, daß er eines der Wahrzeichen im Weltraum war, zusammen mit dem Halley’schen Kometen, den Ringen und Brewster’s Ridge. Er marschierte durch die Besatzungsluke, ging nach unten und machte es sich in der ersten freien Beschleunigungsliege gemütlich.

Der Kapitän fand ihn dort, als er in letzter Minute noch einen Rundgang durch sein Schiff machte. „Was tun Sie hier?“ verlangte er zu wissen.

„Ich schleppe mich wieder zur Erde zurück, Captain.“ Rhysling brauchte keine Augen, um die vier Streifen des Skippers zu sehen.

„Das können Sie in diesem Schiff nicht tun: Sie kennen die Regeln. Bewegen Sie die Beine und verschwinden Sie hier raus. Wir heben gleich ab.“ Der Kapitän war jung; er war nach Rhyslings aktiver Zeit hochgekommen, aber Rhysling kannte den Typ – fünf Jahre Harriman Hall mit nur Kadettenübungsflügen anstatt solider Tiefraumerfahrung. Die beiden Männer hatten vom Hintergrund oder der Geisteshaltung her keine Berührung; der Weltraum änderte sich.

„Also Captain, Sie würden doch einem alten Mann nicht die Heimreise mißgönnen.“

Der Offizier zögerte – mehrere aus der Besatzung waren stehengeblieben, um zuzuhören. „Ich kann es nicht tun. ‚Gesetz über Vorsichtsmaßnahmen im Weltraum, Klausel sechs: Niemand soll in den Weltraum fliegen außer als lizenziertes Mitglied der Besatzung eines zugelassenen Schiffes oder als zahlender Passagier eines solchen Schiffes, nach den Vorschriften, wie sie gemäß diesem Gesetz erlassen werden.’ Hoch mit Ihnen und raus.“

Rhysling räkelte sich zurück, die Hände unter seinem Kopf. „Falls ich weg muß, will ich verdammt sein, wenn ich gehe. Tragen Sie mich.“

Der Kapitän biß sich auf die Lippe und sagte: „Bootsmann! Lassen Sie diesen Mann entfernen.“

Der Polizist des Schiffes heftete seinen Blick auf die Streben über ihm. „Kann ich gerade jetzt nicht, Captain. Ich habe mir die Schulter verstaucht.“ Die anderen Besatzungsmitglieder, einen Moment zuvor noch anwesend, waren im Anstrich der Schotten verschwunden.

„Nun, holen Sie eine Arbeitsgruppe!“

„Aye aye, Sir.“ Er ging ebenfalls weg.

Rhysling sprach wieder. „Jetzt schauen Sie, Skipper – ersparen wir uns Unmut deswegen. Sie haben ein Schlupfloch für meine Beförderung, wenn Sie wollen – die Klausel über ‚Raumfahrer in Not’.“

„Raumfahrer in Not, von wegen! Sie sind kein Raumfahrer in Not, Sie sind ein Weltraum-Rechtsanwalt. Ich weiß, wer Sie sind; Sie vagabundieren seit fünfzehn Jahren im System herum. Nun, das werden Sie in meinem Schiff nicht tun. Diese Klausel war dafür bestimmt, Männern beizustehen, die ihre Schiffe verpaßt hatten, nicht um einen Mann gratis im ganzen Weltraum herumziehen zu lassen.“

„Also nun, Captain, können Sie genau sagen, daß ich nicht mein Schiff verpaßt habe? Ich bin seit meinem letzten Trip als eingetragenes Besatzungsmitglied nie mehr zu Hause gewesen. Das Gesetz sagt, daß ich eine Rückreise haben kann.“

„Aber das war vor Jahren. Sie haben Ihre Chance verbraucht.“

„Habe ich das? Die Klausel sagt kein Wort darüber, wie bald ein Mann seine Rückreise unternehmen muß; sie sagt nur, daß sie ihm zusteht. Schlagen Sie nach, Skipper. Falls ich mich irre, gehe ich nicht nur auf meinen beiden Beinen hinaus, sondern werde vor Ihrer Besatzung bescheiden um Entschuldigung bitten. Gehen Sie – schlagen Sie es nach. Seien Sie kein Spielverderber.“

Rhysling konnte das Starren des Mannes fühlen, aber er drehte sich um und stapfte aus dem Abteil. Rhysling wußte, daß er seine Blindheit benutzt hatte, um den Kapitän in eine unmögliche Position zu versetzen, aber das machte Rhysling nicht verlegen – er genoß es vielmehr.

Zehn Minuten später ertönte die Sirene, er hörte über Lautsprecher die Befehle für die Einnahme der Stationen. Als das sanfte Seufzen der Luftschleusen und die leichte Druckänderung in seinen Ohren ihn wissen ließen, daß das Abheben unmittelbar bevorstand, stand er auf und schlurfte in den Reaktorraum hinunter, da er den Düsen nahe sein wollte, wenn sie losfeuerten. Er brauchte in keinem Schiff der Hawk-Klasse jemanden, der ihn führte.

Der Ärger begann während der ersten Wache. Rhysling hatte im Inspekteurssessel herumgelungert, an den Tasten seines Akkordeons gefummelt und eine neue Version von Green Hills ausprobiert.

Let me breathe unrationed air again
Where there’s no lack or dearth

Und etwas, irgendwas, irgendwas mit „Earth“. Es kam nicht richtig raus. Er versuchte es nochmals.

Let the sweet fresh breezes heal me
As they rove around the girth
Of our lovely mother planet,
Of the cool, green hills of Earth.

Das war besser, dachte er. „Wie gefällt dir das, Archie?“ fragte er über dem gedämpften Brüllen.

„Ziemlich gut. Spiel das ganze Ding.“ Archie Macdougal, Chef-Düsenmann, war ein alter Freund, sowohl im Weltraum als auch in Bars; er war vor vielen Jahren und vor Millionen Meilen ein Lehrling unter Rhysling gewesen.

Rhysling gehorchte und sagte dann: „Ihr jungen Leute habt es leicht. Alles automatisch. Als ich ihr den Schwanz verdreht habe, mußte man wach bleiben.“

„Man muß immer noch wach bleiben.“

Sie verfielen ins Fachsimpeln, und Macdougal zeigte ihm die neue, direkt reagierende Dämpfungsanlage, die die manuelle Kontrolle mittels Nonius ersetzt hatte, welche Rhysling benutzt hatte. Rhysling betastete die Kontrollen und stellte Fragen, bis er mit der neuen Installation vertraut war. Er hatte die Einbildung, immer noch ein Düsenmann zu sein, und daß seine gegenwärtige Beschäftigung als Troubadour einfach eine Notlösung während eines der Wirbel mit der Firma war, in die jeder Mann geraten konnte.

„Ich sehe, daß du immer noch die alten Handdämpfungsplatten installiert lassen hast“, bemerkte er, während seine beweglichen Finger über die Ausrüstung flitzten.

„Alles außer den Verbindungsgliedern. Ich habe sie entfernt, weil sie die Zifferblätter verdecken.“

„Du hättest sie montiert lassen sollen. Du könntest sie vielleicht brauchen.“

„Oh, ich weiß nicht. Ich denke –“

Rhysling fand nie heraus, was Macdougal dachte, denn es geschah in diesem Moment, daß der Ärger losbrach. Macdougal bekam es voll ab, einen Ausbruch von Radioaktivität, der ihn dort verbrannte, wo er stand.

Rhysling spürte, was geschehen war. Automatische Reflexe aus alter Gewohnheit kamen heraus. Er knallte die Abdeckung zu und ließ gleichzeitig den Alarm im Kontrollraum ertönen. Dann erinnerte er sich der entfernten Verbindungsglieder. Er mußte herumtasten, bis er sie fand, während er sich so niedrig wie möglich zu halten versuchte, um maximal von den Abweisplatten zu profitieren. Ihn kümmerte nichts als das Auffinden der Verbindungsglieder. Der Raum war für ihn so hell, wie es irgendein Ort nur sein konnte; er kannte jede Stelle, jede Kontrolle, genauso wie er die Tasten seines Akkordeons kannte.

„Reaktorraum! Reaktorraum! Was bedeutet der Alarm?“

„Bleibt draußen!“ schrie Rhysling. „Hier ist es ‚heiß’.“ Er konnte es auf seinem Gesicht und in seinen Knochen spüren, wie Sonnenschein in der Wüste. Die Verbindungsglieder brachte er an, nachdem er denjenigen verflucht hatte, wer auch immer den Schraubenschlüssel, den er brauchte, nicht aufs Gestell gesteckt hatte. Dann fuhr er fort mit dem Versuch, das Problem per Hand zu verringern. Es war eine lange und kitzlige Aufgabe. Bald entschied er, daß die Düse raus mußte, mit Meiler und allem.

Als erstes erstattete er Bericht. „Kontrolle!“

„Kontrolle, aye aye“

„Werfe Düse drei raus – Notfall.“

„Ist da Macdougal?“

„Macdougal ist tot. Hier ist Rhysling, auf Wache. Bereithalten für Aufzeichnung.“

Es kam keine Antwort; der Skipper war vielleicht verblüfft, aber er konnte in einem Notfall im Reaktorraum nicht eingreifen. Er mußte an das Schiff denken, und die Passagiere und die Besatzung. Die Türen mußten geschlossen bleiben.

Der Kapitän muß noch überraschter gewesen sein über das, was Rhysling zur Aufzeichnung sandte. Es lautete:

We rot in the molds of Venus,
We retch at her tainted breath.
Foul are her flooded jungles,
Crawling with unclean death.

Rhysling fuhr fort, indem er während der Arbeit das Sonnensystem auflistete, „harsh bright soil of Luna“, „Saturn’s rainbow rings“, „the frozen night of Titan“, während er die Düse öffnete und sie sauber fischte. Er schloß mit einem alternativen Refrain:

We’ve tried each spinning space mote
And reckoned its true worth:
Take us back again to the homes of men
On the cool, green hills of Earth.

Dann, beinahe geistesabwesend, erinnerte er sich daran, seinen revidierten ersten Vers anzuhängen:

The arching sky is calling
Spacemen back to their trade.
All hands! Stand by! Free falling!
And the lights below us fade.
Out ride the sons of Terra,
Far drives the thundering jet,
Up leaps the race of Earthmen
Out, far, and onward yet –

Das Schiff war nun sicher und bereit, zaghaft auf einer Düse nach Hause zu humpeln. Was ihn selbst betraf, so war Rhysling sich nicht sicher. Dieser „Sonnenbrand“ schien ziemlich scharf zu sein, dachte er. Er konnte den hellen, rosigen Nebel nicht sehen, in dem er arbeitete, aber er wußte, daß er da war. Er machte weiter damit, die Luft durch das Außenventil durchzuspülen, was er mehrmals wiederholte, um das Radioaktivitätsniveau auf etwas abfallen zu lassen, das ein Mann in geeigneter Rüstung ertragen konnte. Während er das tat, sandte er einen weiteren Refrain, das letzte bißchen authentischer Rhysling, das es jemals geben konnte:

We pray for one last landing
On the globe that gave us birth;
Let us rest our eyes on the fleecy skies
And the cool, green hills of Earth.

* * *

Hier ist noch einmal der Link zum Original:

The Green Hills of Earth

Und hier die Titelseite des „Reader of Fantasy & Science Ficton“ der Saturday Evening Post:

GreenHillsOfEarthByRobertA.Heinlein1947_0000

Gestoßen bin ich auf das Ganze in diesem Kommentar von Deep Roots.

Und hier ist noch eine Illustration von Frank Kelly Freas zu „The Green Hills of Earth“:

Frank Kelly Freas The Green Hills of Earth

Die ist zwar vom inhaltlichen Bezug zur Geschichte her etwas frei gestaltet (in der kommt nie jemand vor, der ein Gewehr trägt) aber dennoch sehr schön und atmosphärisch ansprechend, daher habe ich sie hier angefügt.

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2 Kommentare

  1. Bemerkenswerte Parallelen zu dem, was im Lied „The Green Hills of Earth“ zum Ausdruck kommt, habe ich im Buch „Was macht der Astronaut, wenn er mal muss? Eine etwas andere Geschichte der Raumfahrt“ von Mary Roach (ISBN 978 3 499 62790 3) gefunden.

    Im Kapitel „Leben in einer Schachtel“ schildert die Autorin ihren Besuch im Moskauer Institut für Biomedizinische Probleme (IBMP), Rußlands wichtigster Forschungseinrichtung für Weltraummedizin, wo sie auch mit den ehemaligen Kosmonauten Juri Romanenko und Alexander Laveikin (der nun das Moskauer Memorial Museum für Kosmonautik leitet) sprach.

    Das Folgende ist ein Zitat aus dem Buch, beginnend mit der Stelle, wo Mary Roach mit Romanenko, Laveikin und der Übersetzerin Lena in Laveikins Büro geht, um eines der Lieder anzuhören, die Romanenko im Weltraum geschrieben hat:

    Laveikin hebt sein Glas. „Auf…“ Er sucht nach den englischen Worten. „Eine schöne psychologische Situation!“

    Wir stoßen an und leeren unsere Gläser. Laveikin füllt sie wieder. Romanenkos Lied wird gespielt, und Lena übersetzt:

    „Tut mir leid, Erde, wir sagen dir auf Wiedersehen … Unser Schiff steigt hinauf … Doch die Zeit wird kommen, wenn wir in die blaue Dämmerung stürzen wie ein Morgenstern.“ Und der Refrain: „Ich werde ins Gras fallen und meine Lungen mit Luft füllen. Ich werde Wasser aus dem Fluß trinken …“ Es ist eine eingängige Pop-Melodie, und ich wippe auf meinem Stuhl, bis mir auffällt, dass der Text Lena traurig macht. „Ich werde den Boden küssen, ich werde meine Freunde umarmen…“ Lena wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, als das Lied endet.

    Niemand kann voraussehen, wie sehr er die Natur vermissen wird, bevor sie ihm entzogen ist. Ich habe von U-Boot-Besatzungen gelesen, die sich im Sonar-Raum aufhalten, um den Walgesängen und den Kolonien klappernder Shrimps zu lauschen. U-Boot-Kapitäne vergeben „Periskop-Freiheit“ – die Chance, nach Wolken, Vögeln und Küstenlinien auszuschauen und sich buchstäblich vor Augen zu führen, dass die Welt der Natur noch existiert. Ich traf einmal einen Mann, der mir davon erzählte, wie er einen Winter auf der Südpol-Forschungsstation verbracht hat. Nach der Landung im neuseeländischen Christchurch spazierte er mit seinen Kameraden ein paar Tage lang nur umher und bestaunte voller Ehrfurcht Blumen und Bäume. Einmal erblickte einer von ihnen eine Frau, die einen Kinderwagen schob. „Ein Baby!“ schrie er, und sie alle rannten über die Straße, um es anzuschauen. Die Frau wendete den Kinderwagen und rannte davon.

    Als öde, unnatürliche Umgebung ist der Weltraum ungeschlagen. Astronauten, die vorher keinerlei Interesse am Gärtnern hatten, verbringen Stunden damit, sich um experimentelle Gewächshäuser zu kümmern. „Sie sind unsere Liebe“, sagte der Kosmonaut Wiktor Wolkow über die kleinen Flachspflanzen, mit denen sie die Enge der ersten sowjetischen Raumstation Saljut 1 teilten. Im Orbit kann man zumindest aus dem Fenster schauen und die Natur unter sich sehen. Auf einer Marsmission wird es vor dem Fenster nichts mehr zu sehen geben, sobald die Erde aus dem Blickfeld der Astronauten verschwunden ist. „Man wird in permanentes Sonnenlicht getaucht sein, also wird man noch nicht einmal die Sterne sehen“; erklärte mir der Astronaut Andy Thomas. „Alles, was man sehen wird, ist Schwärze.“

    Menschen gehören nicht ins Weltall. Alles an uns ist dem Leben auf der Erde angepaßt. Schwerelosigkeit ist eine aufregende Erfahrung, aber es dauert nicht lange, bis die Schwebenden anfangen, vom Gehen zu träumen. Laveikin hatte uns gesagt: „Erst im All versteht man, welch unglaubliches Glück es ist, einfach zu gehen. Auf der Erde zu gehen.“

    * * *

    Ende des Buchzitates. Bezüglich der Sterne auf einem Flug zum Mars könnte ich mir schon vorstellen, daß man diese aus einem an der sonnenabgewandten Seite des Raumfahrzeugs liegenden Fenster sehen müßte, falls dessen Scheiben nicht zu stark als Sonnenschutz getönt sind. Dennoch ist zu erwarten, daß ein Marsflug unter den in näherer Zukunft verwirklichbaren Bedingungen mit großen psychologischen Belastungen verbunden sein wird.

    Antwort
  2. Ich habe hier nachträglich noch eine Illustration von Frank Kelly Freas zu „The Green Hills of Earth“ angehängt, die ich heute gefunden habe.

    Antwort

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