Robert Heinleins Sternenkrieger (1): Kapitel 1

Sternenkrieger Front

Von Robert Anson Heinlein; aus der deutschen Erstausgabe von 1979 (ISBN 3-404-01280-1), übersetzt von Bodo Baumann. Das Original „Starship Troopers“ wurde 1959 veröffentlicht.

Vorwärts, ihr Affen! Wollt ihr ewig leben?
Unbekannter Feldwebel, 1918

Ich bekomme immer das Zittern vor einem Absprung. Selbstverständlich habe ich die Injektionen erhalten und die hypnotische Vorbereitung, und vernünftigerweise kann ich gar keine Angst haben. Der Schiffspsychiater hat meine Gehirnwellen überprüft und mir törichte Fragen im Schlaf gestellt. Und er versichert mir, es wäre keine Angst, es wäre nichts Wichtiges – nur so ein Bibbern, wie es ein ungeduldiges Rennpferd in der Startbox befällt. Dazu kann ich nichts sagen; ich bin nie ein Rennpferd gewesen. Tatsächlich bin ich jedesmal verrückt vor Angst.

Um A-minus-dreißig, nachdem wir uns im Absetzraum der Rodger Young versammelt hatten, inspizierte uns der Zugführer. Er war nur kommissarisch Zugführer, weil Lieutenant Rascak bei unserem letzten Einsatz gefallen war. Eigentlich war er unser Zugfeldwebel, Career Ship’s Sergeant Jelal. Jelly war ein finnisch-türkisches Mischblut aus Iskander in der Nähe von Proxima – ein dunkelhäutiger kleiner Mann, schmächtig wie ein Ladenschwengel, doch ich hatte selbst erlebt, wie er zwei amoklaufende Rekruten, die so groß waren, daß er sich auf die Zehen stellen mußte, beim Schopf packte, ihre Köpfe zusammenschlug wie Kokosnüsse und dann rasch einen Schritt zurückweichen mußte, damit sie ihn nicht unter sich begruben.

Außerdienstlich war er nicht übel – für einen Feldwebel. Man durfte ihn sogar mit „Jelly“ anreden. Natürlich nicht die Rekruten, aber jeder, der mindestens einen Einsatz mitgemacht hatte.

Jetzt war er im Dienst. Jeder von uns hatte seine Kampfausrüstung selbst überprüft (es geht schließlich um euren Kopf, kapiert?), der stellvertretende Zugfeldwebel hatte uns antreten lassen und jeden gründlich überprüft, und jetzt ging Jelly die Reihe entlang mit grimmigem Gesicht und scharfen Augen, denen nichts entging. Er blieb bei meinem Vordermann im ersten Glied stehen, drückte auf den Knopf an seinem Gürtel, der seine physischen Daten preisgab, und befahl: „Wegtreten!“

„Aber, Sergeant, es ist doch nur eine Erkältung. Der Arzt meinte…“

„Aber, Sergeant!“ unterbrach ihn Jelly barsch. „Der Arzt muß nicht springen – und du wirst nicht springen mit erhöhter Temperatur. Glaubst du, ich hätte so kurz vor dem Absprung noch Zeit, mit dir zu streiten? Wegtreten!

Jenkins trat mit rotem Kopf aus dem Glied, und es traf mich ebenfalls hart. Weil es den Lieutenant beim letzten Einsatz erwischt hatte und die Männer um einen Rang aufrückten, um die Lücke zu füllen, war ich jetzt stellvertretender Gruppenführer, zweite Gruppe, und jetzt hatte ich einen Ausfall in meiner Abteilung und keinen Ersatzmann dafür. Das konnte ins Auge gehen: ein Mann kommt vielleicht in eine Klemme, ruft um Hilfe, und es ist keiner da, der ihm beispringen kann.

Jelly musterte sonst keinen mehr aus. Er stellte sich vor die Front, blickte uns an und schüttelte betrübt den Kopf. „Was für eine Horde von Affen!“ klagte er. „Vielleicht könnte man wieder von vorne anfangen, wenn ihr alle ins Gras beißen würdet, und eine Truppe aufbauen, wie der Lieutenant sie sich vorgestellt hatte. Aber wahrscheinlich geht das auch nicht mit den Rekruten, die man heutzutage als Ersatz bekommt.“ Er richtete sich plötzlich auf und rief: „Ich möchte euch Nieten nur daran erinnern, daß jeder von euch der Regierung mehr als eine halbe Million gekostet hat, an Waffen, Ausrüstung, Munition, Geräten und Ausbildung, einschließlich Unterkunft und Mastfutter, mit dem ihr eure Bäuche angefressen habt. Legt noch die dreißig Cents dazu, die ihr wirklich wert seid, und ihr seid eine verdammt teure Investition.“ Er funkelte uns an. „Also bringt das Inventar zurück! Ihr seid entbehrlich, aber das gilt nicht für die Luxusgarderobe, mit der ihr ausgestattet seid. Ich möchte keinen Helden in diesem Haufen haben; das wäre auch dem Lieutenant nicht recht. Ihr habt eine Aufgabe zu erfüllen, ihr springt hinunter, erledigt sie, haltet die Ohren offen für das Rückrufsignal und findet euch sofort wieder vollzählig am Sammelpunkt ein. Habt ihr mich verstanden?“

Er blickte uns durchbohrend an. „Jeder von euch sollte den Einsatzplan kennen. Aber da einige von euch so vernagelt sind, daß die Hypnose nicht durchschlägt, werde ich ihn noch einmal skizzieren. Ihr werdet in zwei Schützenlinien abgesetzt, wobei der Abstand zwischen den beiden Linien auf zweitausend Yards berechnet ist. Nach der Landung erfolgt sofort Peilung auf mich und Peilung und Entfernungsbestimmung auf die Nebenleute in eurer Gruppe, während ihr in Deckung geht. Damit habt ihr schon zehn Sekunden tatenlos verplempert, und deshalb führt ihr sofort einen Vernichtungsschlag gegen alle erreichbaren Ziele aus, bis die Flankenmänner gelandet sind.“ (Damit war ich gemeint – als stellver-
tretender Gruppenführer war ich linker Flügelmann, an der linken Seite ungedeckt. Ich begann zu zittern.)

„Sobald die Flügelmänner aufsetzen, richtet ihr die Linien aus und korrigiert die Abstände! Unterbrecht das Feuer und bringt Ordnung in den Haufen! Zwölf Sekunden. Dann rückt ihr im Wechselsprung vor, die ungeraden Zahlen zuerst und dann die geraden, während die stellvertretenden Gruppenführer das Manöver überwachen und die Umklammerung einleiten.“

Er blickte mich an. „Wenn ihr das vorschriftsmäßig erledigt – was ich bezweifle -, treffen die Flügel der beiden Linien zusammen, wenn das Rückrufsignal ertönt… und dann ist es Zeit, wieder nach Hause zu gehen. Irgendwelche Fragen?“

Da waren keine Fragen, es gab nie welche. „Noch etwas“, fuhr er fort, „das ist nur ein Kommandounternehmen, nicht eine Schlacht. Es ist eine Demonstration der Feuerkraft und Entschlossenheit. Wir haben die Aufgabe, dem Gegner deutlich zu machen, daß wir seine Stadt hätten zerstören können, uns aber zurückhalten. Wir verpassen ihm einen Denkzettel, wenn wir auch die Stadt vor der Vernichtung verschonen. Ihr werdet keine Gefangenen machen. Ihr werdet nur töten, wenn es unbedingt notwendig ist. Doch der Bezirk, den wir uns ausgesucht haben, wird zerstört. Ich möchte keinen von euch wieder mit einer scharfen Bombe zurückkommen sehen. Habt ihr mich verstanden?“ Er blickte auf die Uhr. „Rascaks Rauhnacken haben einen Ruf zu verteidigen. Der Lieutenant sagte zu mir, ehe er abkratzte, ich soll euch ausrichten, daß er euch immer im Auge behält… und daß er erwartet, daß ihr ihm keine Schande macht!“

Jelly blickte zu Sergeant Migliaccio hinüber, dem Führer der ersten Gruppe. „Fünf Minuten für den Pater“, erklärte er. Ein paar Jungs traten aus dem Glied und knieten sich vor Migliaccio nieder. Und es waren durchaus nicht nur Männer, die sich zu seinem Glauben bekannten. Moslems, Christen, Gnostiker, Juden – jeder, der vor einem Absprung noch geistlichen Zuspruch suchte, versammelte sich in seiner Ecke. Früher soll es Armeen gegeben haben, in denen die Geistlichen vom Dienst mit der Waffe befreit waren. Es ist mir unverständlich, wie ein Geistlicher seinen Segen zu etwas geben konnte, was er selbst zu tun nicht bereit war. In der Mobilen Infanterie jedenfalls gibt es keine Ausnahme – jeder springt und jeder kämpft: der Pfarrer und der Koch und der Schreiber des Kompanieführers. Sobald abgesetzt wurde, blieb kein Rauhnacken mehr an Bord zurück, außer Jenkins natürlich, und das war nicht seine Schuld.

Ich ging nicht zum Pfarrer hinüber. Ich hatte immer Angst, jemand könnte bemerken, wie mir die Knie zitterten. Und schließlich konnte mir der Pater auch aus der Entfernung seinen Segen erteilen. Doch er kam zu mir, nachdem die letzten Nachzügler sich wieder von den Knien erhoben, und drückte seinen Helm gegen meinen, um mir ein paar private Worte zu sagen. „Johnnie“, meinte er gelassen, „es ist dein erster Einsatz als Unteroffizier.“

„Sicher.“ Ich war nicht zum Unteroffizier befördert, sondern bekleidete diesen Posten nur kommissarisch wie Jelly, der auch nicht zum Offizier befördert war.

„Nur ein guter Rat, Johnnie. Übernimm dich nicht. Du verstehst dein Handwerk. Tu, was von dir verlangt wird, aber versuche nicht, dir einen Orden zu verdienen.“

„Vielen Dank, Pater, ich werde Ihren Rat beherzigen.“

Er fügte leise noch etwas in einer Sprache hinzu, die ich nicht verstehe, klopfte mir auf die Schulter und eilte zu seiner Abteilung zurück. Jelly rief: „Ach-tung!“ und wir standen alle still.

Zug!

Abteilung!“ riefen Migliaccio und Johnson gleichzeitig.

„Erste und Zweite Abteilung – Backbord und Steuerbord – fertigmachen zum Absetzen!“

Abteilung! An die Kapseln! Vorwärts!

Gruppe!“ – Ich mußte warten, bis Trupp vier und fünf ihre Kapseln bestiegen hatten und stellte mich hinten bei der Absetzkanone an, bis meine Kapsel auf dem Backbordlader auftauchte und ich einsteigen konnte. Ich fragte mich, ob die antiken Helden auch so gezittert hatten, als sie das Trojanische Pferd bestiegen. Oder war ich der Einzige, der davor zitterte? Jelly fertigte jede Kapsel selbst ab und legte mir persönlich die Gurte an. Dabei beugte er sich vor und sagte: „Dreh nicht durch, Johnnie. Es ist auch nicht anders als im Manöver.“

Der Deckel schloß sich über meinem Kopf, und ich war allein. „Auch nicht anders als im Manöver“, sagte er! Ich flog am ganzen Körper.

Dann hörte ich Jellys Stimme über Kopfhörer aus der mittleren Absetzkanone melden: „Brücke! Rascaks Rauhnacken… fertig zum Absetzen!“

„Siebzehn Sekunden, Lieutenant!“ erwiderte die freundliche Altstimme der Schiffskommandantin – und ich ärgerte mich, daß sie Jelly mit ‚Lieutenant’ anredete. Unser Lieutenant war zwar gefallen, und vielleicht würde Jelly sein Patent bekommen – aber wir waren immer noch ‚Rascaks Rauhnacken’.

„Viel Glück, Jungs!“ kam ihre Stimme über den Kopfhörer.

„Vielen Dank, Captain.“

„Alle Gurte fest! Noch fünf Sekunden.“

Ich war verschnürt wie ein Paket – Gurte über dem Bauch, der Stirn und den Schienbeinen. Doch ich zitterte heftiger als zuvor.

Es ist nicht mehr so schlimm, wenn du schon abgesetzt bist. Doch bis dahin sitzt du tatenlos in totaler Finsternis. Eingewickelt wie eine Mumie gegen die Beschleunigungskräfte, kaum in der Lage zu atmen. Und du weißt, daß du in deiner Kapsel nur von Stickstoff umgeben bist, wenn du glaubst, du müßtest deinen Helm öffnen, weil du sonst erstickst, aber du kannst ihn gar nicht öffnen. Und du weißt, daß du auch nicht aus der Kapsel herauskannst, weil sie nämlich in einer Kanone steckt, und wenn das Schiff getroffen wird, ehe du aus der Kanone abgefeuert wirst, hast du nicht einmal mehr Luft für ein Gebet, sondern du wirst stumm sterben, hilflos, unfähig, dich von der Stelle zu rühren. Es ist dieses endlose Warten im Dunkeln, das mein Zittern auslöst – der zermürbende Gedanke, daß sie dich vergessen haben, daß das Schiff als ausgeweidete, tote Masse im Orbit verweilt und du jetzt auch ganz langsam in deiner Kapsel an Luftmangel krepierst. Oder es wird eine Bruch-Umlaufbahn, und du stirbst beim Aufschlag, wenn du nicht schon auf dem Weg nach unten geröstet wirst.

Dann setzte das Bremsprogramm des Schiffes ein, und ich hörte auf zu zittern. Achtfache Erdbeschleunigung, würde ich sagen, oder vielleicht sogar zehnfache. Wenn ein weiblicher Pilot am Steuer sitzt, geht es auch nicht sanfter zu. Du bekommst überall dort Blutergüsse, wo du angegurtet bist. Ja, ja, ich weiß, daß sie sich besser zum Raumschiffpiloten eignen als die Männer. Ihre Reaktionen sind schneller, und sie können mehr G’s aushalten. Sie können schneller in den Orbit gehen und schneller wieder heraus und dadurch die Überlebenschance für jeden verbessern – für uns und für sich selbst. Aber deswegen ist es noch lange kein Vergnügen, wenn plötzlich das zehnfache Körpergewicht gegen die Wirbelsäule drückt.

Aber ich muß zugeben, daß Captain Deladrier etwas von ihrem Fach versteht. Da wurde keine Sekunde gebummelt, sobald das Bremsmanöver der Rodger Young zu Ende ging. Ich hörte, wie sie energisch befahl: „Mittlere Kanone klar – feuern!“ und ich spürte die beiden Rückstöße, als Jelly und sein Zugfeldwebel abgesetzt wurden. Und sofort darauf: „Backbord- und Steuerbordkanonen – automatisches Feuer!“ Jetzt kamen wir an die Reihe.

Bumm! und deine Kapsel springt eine Position weiter nach vorne – bumm! und sie bewegt sich schon wieder vor wie die Patrone im Ladegurt einer altmodischen Schnellfeuerwaffe, die in die Kammer eingeführt wird. Genau das waren wir – lebende Patronen in einem Gurt, nur daß die Rohre der Kanonen, in die man uns einführte, Zwillingsrohre waren, die in einem Raumschiff-Truppentransporter eingebaut wurden, um damit Truppen auf einem Planeten abzusetzen. Die Patronen, mit denen sie geladen wurden, waren Kapseln, gerade groß genug, um einen Infanteristen mit seiner gesamten Ausrüstung aufzunehmen.

Bumm! – Ich war an die Position drei gewöhnt, an ein frühes Absetzen. Jetzt war ich Charlie, der Letzte, Schlußmann der Abteilung von drei Gruppen. Das ist ein zermürbendes Warten, selbst wenn in jeder Sekunde eine Kapsel abgefeuert wird. Ich versuchte mitzuzählen – bumm! (zwölf) bumm! /(dreizehn) bumm! (vierzehn – mit einem merkwürdig hohlen Klang, das mußte die Kapsel sein, mit der eigentlich Jenkins abgesetzt werden sollte) bumm!

Und klick! – jetzt bin ich dran, und meine Kapsel gleitet in die Kammer – dann WHAM! die Explosion trifft mich mit einer Gewalt, daß mir das Bremsmanöver des Captains im Vergleich dazu wie eine sanfte Liebkosung erscheint.

Und dann plötzlich nichts.

Überhaupt nichts. Kein Geräusch, kein Druck, kein Gewicht. Ein Schweben in der Finsternis… freier Fall, vielleicht dreißig Meilen über dem Boden. Über der spürbaren Atmosphäre gewichtloses Fallen hinunter zu einem Planeten, den du noch nie gesehen hast. Aber ich zittere jetzt nicht mehr. Es ist das Warten vor dem Einsatz, das an den Nerven zerrt. Sobald du abgesetzt bist, kann es dir nicht mehr weh tun. Denn wenn jetzt noch etwas schief geht, passiert das so schnell, daß du schon tot bist, ehe du es merkst.

Fast gleichzeitig spürte ich, wie die Kapsel rüttelte und sich drehte, dann wieder zur Ruhe kam, so daß mein Gewicht auf dem Rücken lastete – ein Gewicht, das rasch zunahm, während die Kapsel ihre Endbeschleunigung in der dünneren oberen Atmosphäre erreichte. Schließlich entsprach es dem für diesen Planeten geltenden Wert für meine Körpermasse, 0,87 G, wie man uns gesagt hatte. Ein Pilot, der ein echter Künstler in seinem Fach ist (und der Captain war so ein Künstler), wählt einen Kurs und bremst sein Schiff so ab, daß du fast senkrecht über dem Ort schwebst, wo du aufsetzen sollst, wenn er dich aus dem Rohr geschossen hat. Genau abgestimmt auf die Rotationsgeschwindigkeit des Planeten im Zielgebiet. Die beladenen Kapseln sind schwer. Sie durchstoßen die schwachen Höhenwinde der oberen Atmosphäre ohne große Abdrift. Trotzdem wird ein Zug natürlich nicht so perfekt landen können, wie er abgesetzt wurde, weil er auf dem Weg nach unten den atmosphärischen Einflüssen des Planeten ausgesetzt ist. Ein schlampiger Pilot kann diesen Streueffekt noch verschlimmern und eine Kampfgruppe über ein so großes Gebiet verteilen, daß er weder in der Lage ist, seinen Auftrag zu erfüllen, noch sich beim Rückruf am Sammelpunkt einzufinden. Ein Infanterist kann nur kämpfen, wenn ihn jemand auch zu seiner Kampfzone bringt. Ich würde zugeben, daß die Piloten für die Erfüllung eines Auftrags genauso wichtig sind wie wir.

Das sanfte Eindringen meiner Kapsel in die Atmosphäre verriet mir, daß der Captain uns so perfekt wie nur möglich abgesetzt hatte. Der laterale Vektor war fast null. Das gab mir ein beruhigendes Gefühl. Wir würden nicht nur in einer geschlossenen Formation landen und keine Zeit verschwenden, sondern konnten auch damit rechnen, daß der Pilot, der uns präzise absetzt, auch pünktlich beim Rückruf zur Stelle ist.

Die Außenhaut verbrannte und löste sich ungleichmäßig, denn ich schlug Purzelbäume. Als die letzten Reste der Außenhülle sich abschälten, richtete sich die Kapsel wieder auf. Die Turbulenzbremsen der zweiten Hülle wurden wirksam, und die Gangart wurde rauher… und noch rauher, während sie nach und nach verglühten, die zweite Haut löste sich in Fetzen auf.

Das Abschälen der Außenhaut kann dazu beitragen, daß ein Kapsel-Springer sein Pensionsalter erreichen kann, denn es bremst nicht nur seinen Fall, sondern füllt den Himmel über dem Zielgebiet mit so viel Schrott aus, daß die Radarantennen Reflektionen von Dutzenden von Zielen von jedem Springer, der abgesetzt wird, auffangen. Jede dieser Reflektionen kann ein Soldat sein oder eine Bombe oder etwas anderes Bedrohliches. Jedenfalls kann es bei einem ballistischen Computer einen nervösen Zusammenbruch herbeiführen – und häufig geschieht das auch.

Um die Verwirrung noch zu vergrößern, wirft das Schiff sofort nach dem Absetzen der Truppe eine Serie von Attrappen ab, Blind-Kapseln, die viel schneller fallen, weil sich die Außenhaut nicht abschält. Sie überholen dich, explodieren unter dir, frisieren die Radarbilder, wirken sogar als Transponder, scheren seitlich aus und treiben noch anderen Unfug, um die Verwirrung des Empfangskomitees am Boden zu steigern.

Inzwischen bleibt das Raumschiff auf stabilem Kurs, richtet sich nach dem Peilsignal des Zugführers und kümmert sich nicht um den „Radarlärm“, den es erzeugt. Es verfolgt die Landung und speichert die Daten des Ortes, wo du aufsetzt, für das Rendezvous-Manöver.

Sobald die zweite Außenhaut sich gelöst hatte, öffnete die dritte automatisch meinen ersten Gurt-Bremsschirm. Der hielt nicht lange, und das soll er auch gar nicht. Ein kurzer, harter Bremseffekt mit mehreren G’s, und er riß sich von mir los, während ich weiter nach unten fiel. Der zweite Bremsschirm hielt sich ein bißchen länger, und der dritte begleitete mich eine ganze Weile auf dem Weg nach unten. Es wurde ziemlich warm in der Kapsel, und ich beschäftigte mich in Gedanken bereits mit der Landung.

Die dritte Außenhaut gab ihren Geist auf, als der letzte Schirm sich löste, und jetzt trennten mich nur noch mein Kampfanzug und eine Eierschale aus Plastik von der Atmosphäre. Noch war ich festgezurrt in meiner Kapsel und konnte mich nicht rühren. Aber es war Zeit, mich zu entscheiden, wo und wie ich aufsetzen wollte. Ohne meine Arme zu bewegen (das konnte ich gar nicht) drückte ich auf den Knopf für den Abstandsmesser und las die Daten auf dem Leuchtschirm im Helm vor meiner Stirn ab.

Eine Meile und acht-Zehntel – ein bißchen zu nahe am Boden für meinen Geschmack, wenn man ganz auf sich gestellt ist. Die Innenkapsel hatte ihre konstante Fallgeschwindigkeit erreicht, und der Aufenthalt in der Kapsel brachte mir keinen Vorteil mehr. Die Außentemperatur der Hülle war noch nicht so groß, daß sie sich automatisch öffnen würde. Deshalb bediente ich einen anderen Hebel mit dem linken Daumen und befreite mich von meinem Ei.

Die erste Ladung sprengte die Gurte. Die zweite zerschnitt die Schale in acht Teile – und ich war draußen in der Atmosphäre und konnte sehen! Dafür wurde der Radarschirm-Betrachter, ob Roboter oder lebendes Wesen, um so blinder, denn die acht Teile der aufgesprengten Eierschale waren mit Metall überzogen (abgesehen von dem kleinen Schlitz, durch den ich den Bodenabstand gemessen hatte) und würden die gleichen Reflektionen zur Antenne schicken wie ein Infanterist im Kampfanzug. In der Radarzentrale hatten sie jetzt ihre liebe Not damit, den Schrott, der um mich herumflog, vom Weizenkorn zu trennen, ganz abgesehen von tausenden anderen Partikeln und Schrott-Teilen, die meilenweit über mir, neben mir und unter mir verstreut waren. Es gehört zur Ausbildung eines mobilen Infanteristen, ihnen vorzuführen, was für ein verwirrendes Bild sich dem Beobachter am Radarschirm oder am Okular bei so einem Absprung bietet, denn man kommt sich sonst so schrecklich nackt vor in der Luft vor der Landung. Man gerät leicht in Panik und öffnet entweder der Fallschirm zu früh und hängt in der Luft als lebende Zielscheibe, oder man versäumt es, ihn überhaupt zu öffnen und bricht sich die Knöchel, das Rückgrat und den Schädel.

Deshalb streckte ich mich erst mal, schob die Fühler aus und blickte mich um. Dann rollte ich mich wieder zusammen, tauchte mit dem Kopf nach unten, spreizte Arme und Beine und sah mir das Gelände genauer an. Es war Nacht da unten, wie es geplant war, doch mit den Infrarot-Suchern kann man auch im Dunkeln Einzelheiten erkennen, wenn man mit dem Gerät vertraut ist. Der Fluß, der die Stadt diagonal durchquerte, lag fast lotrecht unter mir und wuchs mir rasch entgegen, ein helles Band zwischen den Ufern, die eine niedrigere Temperatur aufwiesen. Es war mir gleichgültig, auf welchem Ufer ich aufsetzte, solange ich nur nicht mitten im Fluß landete. Das würde meine Einsatzbereitschaft verzögern.

Ich bemerkte einen Blitz auf meiner Höhe rechts neben mir. Ein unfreundlicher Eingeborener auf dem Boden mußte ein Stück von meiner Eierschale abgeschossen haben. Ich löste sofort meinen ersten Fallschirm aus, damit er meinen Fall soweit abbremste, daß ich von seinem Ziel-Radarschirm wieder verschwand, ehe ich in sein Fadenkreuz geriet. Ich wartete mit angespannten Muskeln auf die Bremswirkung, pendelte sie aus und schwebte ungefähr zwanzig Sekunden lang nach unten, ehe ich den Schirm wieder ausklinkte. Ich wollte auch nicht dadurch unangenehm auffallen, daß ich langsamer nach unten fiel als die Schrott-Teile um mich herum.

Meine Taktik zahlte sich offenbar aus; ich wurde nicht abgeschossen.

Ungefähr sechshundert Fuß über dem Boden löste ich den zweiten Fallschirm aus, orientierte mich rasch, daß der Wind mich über den Fluß hinwegtragen und mich in etwa hundert Fuß Höhe über das flache Dach eines Lagerhauses am Flußufer hinwegtreiben würde. Deswegen sprengte ich den Fallschirm wieder ab und landete mit Hilfe der Sprungdüsen meines Anzugs glatt, wenn auch etwas unsanft, auf dem Dach dieses Gebäudes. Noch während ich landete, tastete ich die Umgebung nach Sergeant Jelals Peilsignal ab.

Dabei stellte ich fest, daß ich auf der falschen Seite des Flusses gelandet war. Jellys Stern leuchtete auf dem Kompaßring in meinem Helm an einer Stelle auf, die viel zu weit südlich von seiner verabredeten Position lag – ich war zu weit nach Norden geraten. Ich lief zur Flußseite des Daches, während ich die Richtung und Entfernung zum nächsten Truppführer registrierte, entdeckte, daß er über eine Meile von seiner vorgeschriebenen Position entfernt war, und rief: „Ace! Richte deine Schützenlinie aus.“ Ich warf eine Bombe hinter mich und hüpfte vom Dach über den Fluß. Ace antwortete, wie ich es von ihm erwarten durfte – Ace hätte eigentlich meine Position einnehmen sollen, aber er hatte seinen Trupp nicht aufgeben wollen. Trotzdem nahm er natürlich nicht gerne Befehle von mir entgegen.

Das Lagerhaus flog hinter mir in die Luft, und die Druckwelle erfaßte mich, während ich noch über dem Fluß schwebte, statt, wie es die Vorschrift verlangte, mich in der Deckung der Gebäude am anderen Flußufer zu befinden. Einen Moment lang fielen meine Instrumente aus, und um ein Haar wäre ich selbst ausgefallen. Ich hatte die Bombe mit fünfzehn Sekunden Verzögerung eingestellt… oder hatte ich das vergessen? Ich merkte plötzlich, daß die Nerven mit mir durchgegangen waren, und das ist das Schlimmste, was einem passieren kann, sobald man gelandet ist. „Es ist wie im Manöver“, hatte Jelly mich noch gewarnt, und das war die richtige Einstellung. Nimm dir Zeit und mache es richtig, selbst wenn du dafür eine halbe Sekunde länger brauchst.

Während ich wieder aufsetzte, peilte ich Ace erneut an und forderte ihn zum zweitenmal auf, seine Linie auszurichten. Er gab keine Antwort, aber er war schon dabei, meinem Befehl Folge zu leisten. Ich ließ das durchgehen. Solange er seine Pflicht tat, konnte ich es mir erlauben, sein unfreundliches Verhalten schweigend hinzunehmen. Doch das galt nur für den Einsatz. Wenn wir wieder an Bord waren (und wenn Jelly mich nicht als stellvertretenden Gruppenführer ablöste) mußten wir uns wahrscheinlich eine ruhige Stelle im Schiff suchen, um herauszufinden, wer von uns beiden der Boß war. Er war Berufssoldat im Range eines Korporals, und ich war nur ein Zeitsoldat-Gefreiter, der mit den Aufgaben eines Korporals betraut war. Aber er war mir unterstellt, und deshalb konnte ich es mir nicht leisten, mir seine Mißachtung bieten zu lassen. Nicht auf die Dauer.

Jetzt hatte ich keine Zeit, über dieses Problem nachzudenken. Noch während ich über den Fluß hüpfte, hatte ich ein fettes Ziel entdeckt, und ich wollte es zerstören, ehe mir ein anderer zuvorkam: Eine herrliche Ansammlung eindrucksvoller Gebäude auf einem Hügel, die wahrscheinlich gemeinnützige oder repräsentative Funktionen erfüllten. Tempel vielleicht… oder ein Palast. Sie befanden sich meilenweit außerhalb unseres Operationsgebietes, doch es gehörte zu den Regeln eines Kommandounternehmens, daß man mindestens die Hälfte seiner Munition auf Ziele außerhalb des Operationsgebietes verschießen soll. Das verwirrt den Gegner und läßt ihn im Unklaren, in welche Richtung der Angriffsstoß geführt wird. Dazu kam noch das Gebot, ständig in Bewegung zu bleiben, alles rasch zu erledigen. Ein Stoßtrupp hat immer mit einer Übermacht zu kämpfen. Dagegen hilft nur Schnelligkeit und Überraschung.

Ich lud bereits meinen Raketenwerfer, wobei ich gleichzeitig Aces Peilung überprüfte und ihm zum zweiten Mal befahl, seine Position zu verbessern. Jellys Stimme fiel mir auf der Hauptfrequenz mitten ins Wort: „Zug! Im Wechselsprung, vorwärts!

Mein Boß, Sergeant Johnson, tönte aus dem Kopfhörer: „Im Wechselsprung, ungerade Zahlen, vorwärts!“

Das nahm mir für die nächsten zwanzig Sekunden meine Probleme ab, und deshalb sprang ich auf das nächstbeste Gebäude, hob den Werfer an die Schulter, visierte und bediente den ersten Abzug, damit die Rakete ihr Ziel in Augenschein nehmen konnte. Dann bediente ich den zweiten Abzug, jagte die Rakete aus dem Rohr und sprang zurück auf den Boden. „Zweiter Trupp, gerade Zahlen!“ rief ich in das Mikrophon, zählte in Gedanken und befahl: „Vorwärts!

Gleichzeitig führte ich meinen eigenen Befehl aus, sprang über die vor mir liegende Häuserzeile und überschüttete aus der Luft die Gebäude am Flußufer mit einem Flammenstrahl aus meinem Handwerfer. Die Häuser schienen aus Holz zu sein, und ich hielt es für zweckmäßig, sie in Brand zu setzen. Wenn ich Glück hatte, befanden sich in diesen Schuppen gelagerte Ölprodukte oder sogar Explosivstoffe. Während ich den Flammenwerfer auslöste, spuckte das Gabelgestell auf meiner Schulter zwei kleine Sprengbomben aus, die ein paar hundert Yards von mir entfernt an meiner rechten und linken Flanke einschlugen. Aber ich konnte nicht feststellen, was für eine Trefferwirkung sie hatten, denn im gleichen Moment detonierte meine erste Rakete mit jener unverwechselbaren (wenn Sie das einmal miterlebt haben sollten) gleißenden Helligkeit einer Atomexplosion. Es war natürlich nur eine Zwergbombe, die nicht einmal der Sprengkraft von zwei Kilotonnen herkömmlichen Sprengstoffs entsprach, mit einer Abdämmung und einem Implosionszünder, der auch eine nicht ganz kritische Masse zur Explosion brachte. Aber wer möchte sich schon in der Nachbarschaft einer kosmischen Katastrophe aufhalten? Die Ladung reichte aus, um den ganzen Hügel abzuräumen und alle Bewohner der Stadt in ihre radioaktiven Schutzräume zu jagen. Falls einer von ihnen so dumm war, seine Wohnung zu verlassen, um sich den Feuerzauber anzuschauen, würde er in den nächsten Stunden überhaupt nichts mehr sehen können. Um so besser für mich. Der Atomblitz hatte mich nicht geblendet. Auch würde er nicht dem Augenlicht meiner Kameraden schaden. Unsere Helme waren mit schweren Bleivisieren ausgestattet, und wir trugen abgeschirmte Suchgeräte vor den Augen. Außerdem sind wir so ausgebildet, daß wir rechtzeitig den Kopf einziehen und die Strahlung mit dem Schutzanzug abfangen, falls wir zufällig einmal in die falsche Richtung blicken sollten.

Ich blinzelte nur, öffnete wieder die Augen und starrte einem Einheimischen ins Gesicht, der gerade aus dem Gebäude vor mir kam. Ich sah ihn, und er sah mich, und er wollte etwas heben – eine Waffe vermutlich, als Jelly befahl: „Gerade Zahlen, vorwärts!

Ich hatte keine Zeit, mich lange mit ihm aufzuhalten: Ich war mindestens fünfhundert Yards von der Stelle entfernt, wo ich eigentlich sein sollte. Ich hielt immer noch den Flammenwerfer in der Hand. Ich röstete ihn und sprang dann in das Gebäude, aus dem er gekommen war, als ich zu zählen begann. Ein Flammenwerfer ist eigentlich dafür geschaffen, Brände zu legen, aber es ist auch eine gute Verteidigungswaffe gegen Personen im Nahkampf. Man braucht nicht genau damit zu zielen.

In der Aufregung und dem Eifer, nicht den Anschluß zu verlieren, sprang ich zu hoch und zu weit. Man ist immer versucht, alles aus der Springausrüstung herauszuholen, aber das sollte man lieber bleiben lassen. Denn dann hängt man sekundenlang wie ein großer Zielballon in der Luft. Wenn man springt, soll man ganz knapp über ein Gebäude hinweghuschen und jede Deckung ausnützen, sobald man die Erde berührt. Man soll sich nie länger als eine oder zwei Sekunden an einem Ort aufhalten und dem Gegner nie Gelegenheit geben, sein Ziel aufzunehmen. Ständig in Bewegung sein, nie dort sein, wo der Gegner einen vermutet.

Bei diesem Sprung patzte ich – zuviel Antrieb für einen Satz über eine Häuserzeile, zu wenig für zwei. Ich landete wieder auf einem Dach, aber es war nicht flach und einladend, wie eine Terrasse, auf der ich vielleicht drei Sekunden lang verweilen konnte, um eine zweite Zwerg-Atomrakete loszulassen. Das Dach war ein Dschungel aus Röhren und Streben und gebogenem Eisen – vielleicht eine Fabrik oder irgendein chemisches Werk. Jedenfalls kein Platz zum Landen. Und zu allem Überfluß trieben sich auch noch ein halbes Dutzend Einheimischer auf dem Dach herum. Sie gehören zu einer humanoiden Spezies, sind acht oder neun Fuß groß, erheblich dünner als wir und mit einer höheren Körpertemperatur ausgestattet. Sie tragen keine Kleider und zeichnen sich im Infrarotsucher so hell ab wie Neonröhren. Bei Tageslicht und mit bloßem Auge betrachtet, sehen diese Leute noch komischer aus, aber als Gegner ziehe ich sie allemal den Arachniden vor. Diese Spinnenwesen schlagen mir auf den Magen.

Falls diese Burschen schon seit dreißig Sekunden auf dem Dach standen – als meine Rakete einschlug – konnten sie mich nicht sehen. Aber ich besaß keine Garantie dafür, daß sie blind waren, und ich wollte auch nicht mit ihnen ins Handgemenge kommen. Das gehörte nicht zu meinem Auftrag. Deshalb setzte ich wieder zum Sprung an und verteilte eine Handvoll von Sprengkapseln mit zehn Sekunden Verzögerung, um sie auf Trab zu halten, während ich über dem Dach schwebte. Dann landete ich, sprang sofort wieder los und befahl: „Zweite Gruppe! Gerade Zahlen!… Vorwärts!“ und blieb dabei in Bewegung, um den Anschluß nicht zu verlieren. Bei jedem Sprung hielt ich Ausschau nach einem Ziel, das lohnend genug war für eine Rakete. Ich hatte noch drei Zwerg-Atombomben bei mir, und ich hatte gewiß nicht vor, sie wieder mit nach Hause zu nehmen. Aber es war mir immer wieder eingeschärft worden, daß Atomwaffen nur gegen lohnende Ziele eingesetzt werden durften, und es war erst mein zweiter Einsatz, in dem mir diese Waffe anvertraut wurde.

Im Augenblick versuchte ich, das städtische Wasserwerk aufzuspüren. Ein Atomschlag gegen das Wasserwerk konnte die ganze Stadt unbewohnbar machen und den Gegner dazu zwingen, die Stadt zu evakuieren. Man hätte ihn dabei nicht einmal zur Ader lassen müssen. Das entsprach hundertprozentig dem Auftrag, den wir hier unten zu erfüllen hatten. Wenn ich mich nach der Karte orientierte, die wir uns in der Hypnose eingeprägt hatten, mußte das Wasserwerk ungefähr drei Meilen flußaufwärts von meinem Standpunkt entfernt sein.

Aber ich konnte es nicht sehen. Vielleicht waren meine Sprünge nicht hoch genug dafür. Ich war versucht, die Düsen stärker aufzudrehen, doch ich erinnerte mich an Migliaccios Warnung, nicht den Helden zu spielen. Und ich beherrschte mich. Ich stellte den Gabelwerfer auf der Schulter auf automatische Zündung und ließ ihn bei jeder Landung ein paar kleine Granaten ausspucken. Während der Sprünge setzte ich Gebäude in Flammen, die sich zufällig am Boden befanden. Und ich versuchte dabei immer noch, die Wasserwerke oder irgendein anderes lohnendes Ziel zu entdecken.

Ja, da war etwas in der entsprechenden Schußentfernung – die Wasserwerke oder irgendein anderes großes Gebäude. Also hüpfte ich auf das Dach eines Wolkenkratzers in meiner Nähe, visierte das Gebäude an und schickte die Rakete auf den Weg. Als ich wieder hinuntersprang, hörte ich Jellys Stimme: „Johnnie! Red! Schließt die Lücken an den Flanken!“

Ich gab mein „verstanden“ durch und hörte auch Reds Bestätigung. Dann schaltete ich auf Blinksignal, damit Red mich auch eindeutig identifizieren konnte, maß Entfernung und Richtung zu seinem Blinker und rief aus: „Zweite Gruppe! Einschwenken zum Umfassungsmanöver! Truppführer bestätigen meinen Befehl!“ Der vierte und der fünfte Trupp antworteten: „Wilco!“ Die Stimme von Ace kam über den Kopfhörer: „Wir sind schon dabei – beeil dich!“

Reds Peilung verriet mir, daß die rechte Flanke sich fast unmittelbar vor mir befand und mindestens fünfzehn Meilen von dem Standort entfernt war. Du lieber Himmel! Ace hatte recht. Ich würde mich beeilen müssen, oder ich würde die Lücke zwischen den Flanken nie schließen können. Dabei hatte ich noch ein paar Zentner Bomben und Raketen auf dem Rücken und andere böse Überraschungen, für die ich noch kein Ziel gefunden hatte. Wir waren in einer V-Formation gelandet, Jelly bildete die Spitze des V und Red und ich die Endpunkte der beiden Balken. Nun mußten wir uns zu einem Kreis schließen für das Rendezvous-Manöver, was bedeutete, daß Red und ich einen größeren Weg zurücklegen mußten als die anderen Mitglieder des Kommandotrupps, und dabei hatten wir den gleichen Kampfauftrag zu erfüllen.

Nun brauchten wir wenigstens nicht mehr zu zählen, weil das Vorrücken im Wechselsprung vorbei war. Wir konnten uns ganz darauf konzentrieren, Schnelligkeit zu entwickeln. Es war auch nicht mehr ratsam, sich irgendwo aufzuhalten, auch wenn wir noch so schnell die Stellung wechselten. Wir hatten mit dem enormen Vorteil des Überraschungsmoments begonnen, waren ohne Verluste gelandet, (wenigstens hoffte ich, daß niemand während des Absprungs getroffen worden war) und waren mit geballter Feuerkraft über sie hergefallen, während der Gegner riskierte, seine eigenen Leute zu treffen, wenn er zurückschoß. Falls er überhaupt ein Ziel fand, das er beschießen konnte. (Ich bin kein Planspiel-Experte, aber ich bezweifle, daß er unsere Bewegungen so rechtzeitig zu analysieren vermochte, um vorhersagen zu können, wo wir uns im nächsten Augenblick befanden.)

Trotzdem begann der Gegner sich jetzt zu wehren, ob es sich nun um organisierten Widerstand handelte oder nicht. Ein paarmal schlugen Granaten so dicht neben mir ein, daß mir die Zähne in meinem Panzer klapperten, und dann streifte mich ein Strahl an der Schulter, so daß mir die Haare auf dem Kopf zu Berge standen und ich einen Moment halb gelähmt war. Es war ein Gefühl, als schlüge jemand mit einem Hammer gegen meinen Musikantenknochen, nur hatte ich dieses Gefühl am ganzen Körper. Wenn ich meinem Anzug nicht bereits den Befehl zum Springen gegeben hätte, hätte es mich an dieser Stelle wahrscheinlich erwischt.

In solchen Momenten fragt man sich, warum man eigentlich zum Militär gegangen ist – nur war ich viel zu beschäftigt, mich lange bei dem Gedanken aufzuhalten. Zweimal sprang ich blind über ein Gebäude und landete mitten in einer Gruppe von Einheimischen. Sofort setzte ich wieder vom Boden ab, während ich mit dem Flammenwerfer wild um mich schoß.

Vorangepeitscht von solchen Erlebnissen, schloß ich ungefähr die Hälfte meiner Lücke, eine Strecke von vier Meilen, in Rekordzeit, ohne allerdings viel Schaden anzurichten. Mein Gabelwerfer hatte beim vorletzten Sprung sein Magazin leergeschossen, und als ich auf irgendeinem leeren Hinterhof landete, hielt ich kurz an, die Waffe mit meinen Reserve-Sprenggranaten nachzufüllen, während ich eine Peilung auf Ace richtete. Ich stellte fest, daß mein Abstand vom Trupp an meiner Flanke groß genug war, so daß ich daran denken konnte, meine letzten beiden Atomraketen auf ein geeignetes Ziel abzuschießen. Ich sprang auf das höchste Gebäude in meiner Nähe.

Es war inzwischen so hell geworden, daß man auch mit bloßem Auge sehen konnte. Ich schob den Sucher auf die Stirn hinauf und blickte mich rasch um. Ich hatte keine Zeit, wählerisch zu sein. Ich brauchte nur irgend etwas in unserem Rücken, auf das zu schießen sich lohnte.

Ich entdeckte eine Silhouette am Horizont, in der Richtung ihres Raumhafens – vielleicht das Verwaltungsgebäude mit der Leitstelle oder möglicherweise sogar ein Raumschiff. Fast auf der gleichen Visierlinie, nur halb so weit entfernt, stand etwas Gewaltiges, was ich jedoch mit bloßem Auge nicht näher identifizieren konnte. Die Entfernung bis zum Raumhafen überstieg fast die Reichweite meiner Rakete. Trotzdem ließ ich sie das Ziel aufnehmen und sagte zu ihr: „Los, Baby, streng dich an!“ Dann schickte ich sie auf die Reise, schob die letzte Rakete in den Werfer und schoß sie auf das mächtige Gebilde ab, das zwischen mir und dem Raumhafen in den Himmel ragte.

Als ich von dem Gebäude heruntersprang, bekam es einen Volltreffer. Entweder hatte eine von diesen Bohnenstangen sich (zu Recht) gesagt, daß es sich lohnte, ein Gebäude zu opfern, um einen Mann unserer Truppe zu töten, oder einer meiner eigenen Kollegen lud ziemlich wahllos seine Feuerwerkskörper ab. Jedenfalls wollte ich diesen Ort jetzt nicht mehr mit überhasteten Sprüngen verlassen, sondern beschloß, mich durch die Wände der nächsten Häuser hindurchzuarbeiten. Deshalb riß ich den schweren Flammenwerfer vom Rücken, als ich auf dem Boden aufsetzte, schob den Sucher wieder über die Augen und attackierte die Mauer vor mir mit einer voll aufgedrehten Schneidflamme. Ein Teil der Wand brach zusammen, und ich stürmte in das Haus hinein.

Und dann zog ich mich mindestens ebenso rasch wieder zurück.

Ich hatte keine Ahnung, was ich da angebohrt hatte. Einen Gemeinde-Gottesdienst – eine Massenherberge oder vielleicht sogar das Hauptquartier der Heimatverteidigung. Ich wußte nur, daß ich in einen großen Saal vorgedrungen war, in dem sich mehr einheimische Bohnenstangen aufhielten, als ich in meinem ganzen Leben kennenzulernen wünschte.

Wahrscheinlich war es keine Kirche, denn jemand schoß auf mich, als ich rückwärts wieder durch die Bresche ins Freie ging. Es war nur eine Kugel, die von meinem gepanzerten Anzug abprallte und mich zum Stolpern brachte, ohne mich zu verletzen. Aber sie erinnerte mich daran, daß ich nicht abtreten sollte, ohne ein Souvenir als Erinnerung an meinen Besuch zu hinterlassen. Ich nahm den erstbesten Gegenstand, der an meinem Gürtel hing, und warf ihn in das Gebäude hinein. Ich hörte, wie er mit kreischender Stimme zu plärren anfing. Eine spontane, konstruktive Handlung, lernen wir schon in der Grundausbildung, ist besser als eine stundenlange Überlegung, wie man dieser Situation am besten begegnet wäre.

Der Zufall wollte es, daß ich genau das richtige tat. Es handelte sich um eine Spezialbombe, die an jeden von uns mit der Weisung ausgegeben worden war, sie nur zu verwenden, wo sie ihre Wirkung auch voll entfalten konnte. Das Plärren, das ich hörte, kam aus der Bombe, die in der Sprache der Eingeborenen verkündete (sinngemäß übersetzt): „Ich bin eine Dreißig-Sekunden-Bombe! Ich bin eine Dreißig-Sekunden-Bombe! Neunundzwanzig!… achtundzwanzig!… siebenundzwanzig!-“

Die Bombe war eine Nervensäge. Vielleicht erfüllte sie ihren Zweck. Mir jedenfalls ging sie gründlich auf die Nerven. Ich halte es für humaner, einen Mann zu erschießen. Ich wartete nicht, bis die Heulboje zu Ende zählte. Ich sprang, während ich mich fragte, ob das Gebäude genug Türen und Fenster besaß, daß sie sich alle ins Freie retten konnten, ehe die Bombe hochging.

Im Scheitelpunkt des Sprungs peilte ich Reds Blinker an, und nach der Landung nahm ich Kontakt mit Ace auf. Ich bummelte schon wieder hinter den anderen her und mußte das Tempo beschleunigen.

Doch drei Minuten später hatten wir den Ring geschlossen. Red befand sich keine halbe Meile von mir entfernt an meiner linken Flanke. Er erstattete Jelly Meldung. Wir empfingen Jellys Stimme über den Kopfhörer, als er dem Zug erleichtert mitteilte: „Der Ring ist geschlossen, aber der Richtstrahl steht noch nicht. Rückt langsam vor, und macht euch noch bemerkbar! Heizt ihnen noch ein bißchen ein, aber denkt an eure Flankenmänner – denkt an eure Nebenmänner! Gute Arbeit bis jetzt, aber verderbt sie nicht dadurch, daß ihr eure eigenen Leute gefährdet! Gruppenweise zum Appell!“

Es kam mir auch so vor, als hätten wir sehr gute Arbeit geleistet. Große Teile der Stadt standen in Flammen, und obwohl es schon so hell geworden war, daß man mit bloßem Auge gut sehen konnte, hing der Rauch so dick über den Häusern, daß man mit den Infrarot-Schnüfflern wahrscheinlich besser zurechtkam.

Johnson, unser Gruppenführer, kam über den Kopfhörer. „Zweite Gruppe, abzählen!“

Ich rief: „Trupp vier, fünf und sechs: abzählen und melden!“ Die Vielzahl an Schaltkreisen, die uns in den neu eingebauten Fernmeldeeinrichtungen zur Verfügung standen, trug erheblich zur Beschleunigung unserer Aktionen bei. Jelly konnte sich mit jedem von uns in Verbindung setzen oder mit seinen Gruppenführern. Ein Gruppenführer konnte alle seine Leute zugleich anrufen oder seine Unteroffiziere. Und das Platoon konnte sich doppelt so schnell sammeln als früher, wenn die Sekunden zählten. Ich hörte zu, wie der vierte Trupp seine Leute abrief, während ich die mir noch verbliebene Munition inspizierte und eine Handgranate auf einen Einheimischen schleuderte, der seinen Kopf um die Ecke eines Gebäudes schob. Er zog sich schnell zurück und ich ebenfalls… „Bemerkbar machen“, hatte der Boß befohlen. Der vierte Trupp kam mit dem Abzählen ins Stocken, bis der Truppführer sich daran erinnerte, daß er Jenkins’ Ausfall berücksichtigen mußte. Der fünfte Trupp rasselte seine Zahlen herunter wie Perlen auf dem Rechenschieber. Ich atmete schon auf, als das Abzählen bei Nummer vier in Aces Trupp abriß. Ich rief in das Mikrofon: „Ace, wo ist Dizzy?“

„Halt den Mund“, erwiderte er. „Nummer sechs! Melden!“

„Sechs!“ antwortete Smith.

„Sieben!“

„Sechster Trupp bis auf Flores vollständig“, meldete Ace. „Truppführer sucht nach dem Vermißten.“

„Ein Mann abwesend“, meldete ich an Johnson weiter. „Flores von sechsten Trupp.“

„Vermißt oder gefallen?“

„Ich weiß nicht. Truppführer und stellvertretender Gruppenführer melden sich ab, um Vermißten zu suchen.“

„Johnnie, überlaß Ace das“.

Aber ich hörte ihn nicht mehr, also antwortete ich auch nicht. Ich hörte nur, wie er Jelly Meldung erstattete und wie Jelly fluchte. Sie müssen verstehen, ich wollte keine Medaille gewinnen – es ist die Aufgabe des stellvertretenden Gruppenführers, die Verwundeten zu bergen. Er ist der Mann, der sie einsammelt, der letzte am Sammelpunkt, entbehrlich. Die Gruppenführer haben andere Aufgaben zu erfüllen. Wie Sie inzwischen zweifellos begriffen haben, ist der stellvertretende Gruppenführer nicht unbedingt so lange am Leben wie der Gruppenführer.

In diesem Moment kam ich mir ungewöhnlich überflüssig vor, fast schon abgeschrieben, weil ich den lieblichsten Ton im ganzen Universum hörte, das Signal, auf das die Landung des Bergungsschiffes folgen würde, das unseren Rückruf verkündete. Das Signal ist eine Roboterrakete, die vor dem Bergungsschiff gezündet wird, nur so ein Bolzen, der sich in den Boden gräbt und dann diese wunderbare, willkommene Musik ausstrahlt. Das Bergungsschiff kommt automatisch drei Minuten später auf diesem Peilstrahl herunter, und man muß pünktlich zur Stelle sein, weil der Bus nicht warten kann und es keinen anderen mehr gibt.

Aber man läßt keinen von seinem Haufen zurück, solange noch die Chance besteht, daß er noch am Leben ist – nicht bei Rascaks Rauhnacken. Das gilt für jede Einheit der Mobilen Infanterie. Man versucht, jeden wieder mit nach Hause zu nehmen.

Ich hörte Jellys Befehl: „Kopf hoch, Jungs! Einen Kreis um den Landeplatz schließen und abriegeln! Vorwärts!“

Und ich hörte die liebliche Stimme des Senders: „…zum ewigen Ruhm der Infanterie, glänzt der Name, glänzt der Name von Rodger Young!“ und ich fühlte mich zu dieser Stimme hingezogen, als wirkte sie wie ein Magnet auf meinen Körper.

Statt dessen bewegte ich mich in die andere Richtung auf Aces Peilsender zu, und verpulverte alles, was mir an Bomben, Sprengsätzen und Munitionsballast noch geblieben war. „Ace! Hast du seine Peilung?“

„Ja. Zieh dich zurück, ich kümmere mich um ihn!“

„Ich kann dich jetzt sehen. Wo ist er?“

„Direkt vor mir, ungefähr eine Viertelmeile. Pack dich! Er ist mein Mann!“

Ich antwortete ihm nicht. Ich bewegte mich nur schräg nach links, um ungefähr gleichzeitig mit Ace die Stelle zu erreichen, wo Dizzy sich befinden sollte.

Und ich sah Ace über ihm stehen, ein paar verschmorte Eingeborene vor ihm und noch mehr von ihnen auf der Flucht. Ich landete neben ihm. „Wir müssen ihm aus dem gepanzerten Anzug helfen – das Schiff wird jede Sekunde landen!“

„Er ist zu schwer verletzt!“

Ich blickte nach unten und sah, daß er die Wahrheit sagte – der Panzer hatte tatsächlich ein Loch, aus dem das Blut herausrann. Ich war wie vor den Kopf gedonnert. Wenn man einen Verwundeten bergen will, zieht man ihm den Anzug aus. Dann nimmt man ihn einfach auf die Arme – eine Leichtigkeit für einen Mann in einem mit Düsen angetriebenen Anzug – und hüpft wieder von der Stelle weg. Ein nackter Mann wiegt viel weniger als die Bomben und die Munition, die man verpulvert hat. „Was sollen wir tun?“

„Wir tragen ihn“, entgegnete Ace grimmig. „Du nimmst ihn links am Gürtel.“ Er packte ihn an der rechten Seite, und wir stellten gemeinsam Flores wieder auf die Beine. „Anschließen! Fertig zum Sprung, wenn ich zähle – eins – zwei!

Wir sprangen. Nicht sehr weit, nicht sehr gut. Ein Mann allein hätte ihn unmöglich von der Stelle bewegen können. Der gepanzerte Anzug ist viel zu schwer für einen allein. Aber wenn zwei Männer das Gewicht unter sich verteilen, kann man es schaffen.

Wir sprangen – und wir sprangen, während Ace zählte und das Kommando gab und wir bei jeder Landung Dizzy auffingen und wieder geraderichteten. Seine Instrumente schienen ausgefallen zu sein.

Wir hörten, wie der Sender, der zum Sammeln rief, abschaltete, als das Bergungsschiff auf ihm landete – ich sah es landen… und es war viel zu weit von uns entfernt. Wir hörten den kommissarischen Zugfeldwebel rufen: „Fertigmachen zum Einsteigen!“

Und Jelly rief: „Befehl noch nicht ausführen!“

Wir erreichten endlich den Landeplatz und sahen das Schiff auf seinen Heckflossen stehen, hörten das Heulen der Startsirene – sahen den Zug immer noch auf dem Boden im Sperrkreis um das Schiff, geduckt hinter dem Schild, den sie aufgebaut hatten.

Ich hörte Jelly rufen: „Fertig zum Einsteigen – vorwärts!“ Und wir waren immer noch zu weit weg! Ich konnte sehen, wie sich die Männer des ersten Trupps aus dem Kreis lösten, zum Einstieg rannten, und wie der Sperring enger wurde.

Und einer brach aus dem Kreis aus und kam so rasch auf uns zu, wie das nur mit einem Kommandeursanzug möglich ist. Jelly erreichte uns, als wir noch in der Luft schwebten, packte Flores am Tornistergestell und half uns beim Tragen.

Mit drei Sprüngen waren wir beim Schiff. Alle waren schon an Bord, doch die Luke stand noch offen. Wir hoben Flores hinein und schlossen die Luke, während der Schiffspilot uns anbrüllte, daß er unseretwegen das Rendezvous versäumt habe und wir jetzt alle dran glauben müßten! Jelly achtete nicht auf ihn. Wir setzten Flores ab und legten uns neben ihn. Als der Schub uns packte, sagte Jelly leise zu sich selbst: „Alle Männer an Bord, Lieutenant. Drei Männer verletzt – aber wir sind vollzählig!“

Eins muß ich Captain Deladrier lassen: es gibt keinen besseren Piloten als sie. Ein Rendezvous, Bergungsschiff an Raumschiff im Orbit, ist exakt vorausberechnet. Ich weiß nicht, weshalb und warum, aber das Manöver ist festgelegt, und daran kann man nichts ändern. Das ist unmöglich.

Aber sie schaffte das Unmögliche. Sie sah auf ihrem Schirm, daß das Bergungsschiff versäumt hatte, rechtzeitig zu zünden. Bremste, beschleunigte wieder – stimmte den Kurs auf uns ab, nur nach dem Auge und dem Gefühl, und koppelte an. Ihr blieb nicht die Zeit, das Rendezvous neu zu berechnen. Falls der Allmächtige mal einen Assistenten braucht, um die Sterne auf ihrem Kurs zu halten, weiß ich wo er ihn finden kann.

Flores starb auf dem Weg nach oben.

Weiterlesen bei Kapitel 2.

Les Edwards Starship Troopers

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2 Kommentare

  1. Als ich ein paar Jahre vor der Nachveröffentlichung der vier „Sternenkrieger“-Teile auf „As der Schwerter“ (damals noch als Deep Roots) auf meine Anfrage hin erfuhr, daß die englische Originalversion außer Druck ist, hatte ich angenommen, daß es das Buch auch auf Deutsch nicht mehr geben würde, vermutlich aus politkorrekten Gründen. Daraufhin hatte ich mir vorgenommen, nach und nach eine Word-Abschrift meines alten Taschenbuchexemplars zu erstellen, um es – ähnlich wie der Feuerwehrmann Guy Montag in „Fahrenheit 451“ auf diese Art zumindest zur Verteilung im privaten Kreis der Nachwelt zu erhalten. Ich war bis Kapitel 3 gekommen, ehe ich erfuhr, daß das Buch auch auf Deutsch nach wie vor erhältlich ist (auf Englisch habe ich es inzwischen auch bekommen).

    Diese drei Kapitel hatte ich dann der Reihe nach zum „Anfüttern“ auf „As der Schwerter“ eingestellt, gefolgt von noch einem Artikel, in dem ich weitere Zitate aus dem Buch in Kombination mit meinen Gedanken dazu präsentiert habe.

    Als ich „Sternenkrieger“ in meiner Jugend das erste Mal las, stießen mir einige Dinge darin noch recht sauer auf. Ich bin zwar schon immer antisozialistisch gewesen, war aber doch von der Schule und dem allgemeinen Zeitgeist der damaligen Zeit mit anderen Einstellungen beeinflußt, die ich damals nicht als ebenfalls links erkannte, sondern für „modern“ hielt. Ich erinnere mich daran, daß ich das Buch beim Lesen einmal als „reaktionäres Machwerk“ an die Wand geworfen habe, aber weil es mir rein als SF-Abenteuer doch gefallen hat, habe ich weitergelesen, und im weiteren Laufe meines Lebens bin ich zu der Ansicht gelangt, daß von den in „Sternenkrieger“ vertretenen gesellschaftlich-politischen Thesen vieles doch für eine zukünftige Gesellschaft erwägenswert ist.

    Tatsächlich sind es heute andere Dinge als früher, wo ich Heinleins Meinung nicht teile; z. B. lehne ich das darin beschriebene globalistische Konzept einer multiethnischen „Terranischen Föderation“ ab. Ich bezweifle auch, daß Heinleins Militärkonzept „jeder arbeitet, jeder kämpft“ die Troßorganisation in der Praxis in diesem Ausmaß verringern kann, wie er so optimistisch annimmt. Dennoch: seine „Sternenkrieger“ sind auf jeden Fall lesenswert, wenn man kein linksverbogener Pazifistenwurm ist. Vergleicht nach der Lektüre meines Mehrteilers einmal, was die Gutmenschdeppen in den diversen Online-Bücherforen darüber für Geseier absondern, von wegen „krankes, faschistisches Militaristengehirn“ „an Menschenverachtung nicht mehr zu überbietende Gesellschaft“ und so weiter.

    Daß Frauen die besseren Raumschiffpiloten als Männer wären, wie von Heinlein in diesem Roman angenommen, bezweifle ich sehr. Zu dieser Zeit – noch vor den allerersten bemannten Raumflügen – hatte man auch noch gar nicht wissen können, wie es sich diesbezüglich wirklich verhält.

    Von Robert Heinlein stammt übrigens auch das Akronym „Tanstaafl“ („There ain’t no such thing as a free lunch“), und zwar aus seinem Roman The Moon Is A Harsh Mistress (deutsch: „Revolte auf Luna“), dessen dritter Abschnitt den Titel „TANSTAAFL!“ trägt. Auch in „Das neue Buch Hiob“ („Job: A Comedy of Justice“), Bastei-Lübbe, ISBN 3-404-28132-2, verwendet Heinlein diese Formulierung – hier die entsprechende Stelle (gegen Ende des Buches, fette Hervorhebung von mir):

    Ich hatte zu viel Jack Daniels getrunken und war zu oft geschockt worden. Aber Jerrys so leicht dahergesagte Lästerungen machten mich wütend. „Jehova ist ein gerechter Gott!“ rief ich.

    „Sie haben mit Ihm ja auch noch nie Murmeln gespielt. Alec, Gerechtigkeit ist kein göttliches Konzept, sondern eine menschliche Illusion. Ungerechtigkeit ist die Basis des jüdisch-christlichen Kodex. Das Sündenbock-System. Dieses Sündenbock-System zieht durch das ganze Alte Testament. Seinen Höhepunkt erreicht es dann im Neuen Testament mit dem Märtyrertod des Erlösers. Wie ist es nur vorstellbar, der Gerechtigkeit zu dienen, indem man seine Sünden auf einen andern lädt? Ob es ein Lamm ist, dem im Ritual die Kehle durchgeschnitten wird, oder ob ein Messias ans Kreuz geschlagen wird und für unsere Sünden stirbt. Jemand müßte allen Anhängern Jahwes, Juden und Christen, einmal sagen, daß es so etwas wie eine Gratismahlzeit nicht gibt.“ […that there ain‘t no such thing as a free lunch.]

    Bei diesem Buch handelt es sich nicht um eine Science-Fiction-Geschichte, sondern eher um einen etwas ausgefallenen Fantasy-Roman um Jahwe/Jehova, Jesus und Satan, Odin und Loki. Darin wird der amerikanische Geistliche Alexander Hergensheimer während eines polynesischen Feuergrubenrituals, an dem er im Rahmen einer Kreuzfahrt teilnimmt, in eine Parallelwelt versetzt, in der er an die Stelle eines Alec Graham versetzt wird, der dafür in Hergensheimers Herkunftswelt landet. Im Gegensatz zu Hergensheimers Welt, in der Amerika eine christliche Theokratie mit dem Namen „Nordamerikanische Union“ ist, während Kaiser Wilhelm IV das Deutsche Reich regiert, und in der es statt Flugzeugen nur Luftschiffe gibt, kennt die neue Welt außer Ballonen gar keine Luftfahrt, und statt ein Jahrhundert lang aufgrund seiner traditionellen Neutralität in Frieden zu leben, war Amerika im 20. Jahrhundert in mehrere auswärtige Kriege verwickelt gewesen. In weiterer Folge wird Hergensheimer immer wieder in andere Parallelwelten versetzt (oft in den ungünstigsten Situationen), und nur die Liebe zur dänischen Schiffsstewardess Margrethe, die sein weiteres Schicksal mit ihm teilt, ermöglicht es ihm durchzuhalten, ohne zu verzagen. Nur: Margrethe ist keine Christin, sondern glaubt an Odin und die altnordischen Götter…

    Noch ein Ausschnitt daraus:

    „Muß ein Baby Gottes Güte voraussetzen, wenn sein Kopf an einem Stein zerschmettert wird? Wird es dann direkt zur Hölle fahren und die unendliche Weisheit und Güte des Herrn loben?“

    „Margrethe! Was in aller Welt redest du da?“

    „Ich rede über die Stellen im Alten Testament, in denen Jehova direkte Anweisungen gibt, Babys umzubringen. Manchmal befiehlt er, daß sie getötet werden sollen, indem man ihre Köpfe an Felsen zerschmettert. Das steht in dem Psalm, der anfängt: ‚An den Wassern zu Babel –’ und dann das Wort deines Herrn Jehova in Hosea: ‚und ihre jungen Kinder sollen zerschmettert und ihre schwangeren Weiber zerrissen werden’. Und dann ist da noch die Geschichte von Elisha und dem Bären. Alec, glaubst du wirklich, daß Gott Bären veranlaßt hat, kleine Kinder zu zerreißen, bloß weil sie sich über die Glatze eines alten Mannes lustig gemacht haben?“ Sie wartete.

    Auch ich schwieg. Nach einer Weile sagte sie; „Ist diese Geschichte von den Bärinnen und den zweiundvierzig Kindern das buchstäbliche Wort Gottes?“

    „Gewiß ist es das Wort Gottes! Aber ich gebe nicht vor, es ganz zu verstehen. Margrethe, wenn du detaillierte Informationen über alles haben willst, was Gott getan hat, dann bete zu ihm und bitte um Erleuchtung. Aber bedränge mich deswegen nicht.“

    „Ich wollte dich nicht bedrängen, Alec. Es tut mir leid.“

    „Es braucht dir nicht leid zu tun. Ich habe die Sache mit den Bären nie verstanden, aber ich lasse mich dadurch nicht in meinem Glauben erschüttern. Vielleicht ist es eine Parabel. Übrigens, Liebling, hat nicht dein Vater Odin eine recht blutige Geschichte?“

    „Nicht im gleichen Ausmaß. Jehova hat eine Stadt nach der anderen zerstört; jeder Mann, jede Frau, jedes Kind, bis zum jüngsten Baby, wurde getötet. Odin tötet nur, wenn er gegen Gegner kämpfte, die genauso groß waren wie er. Vater Odin ist nicht allmächtig, und er behauptet auch nicht, er sei allwissend.“

    (Eine Theologie, die das dornenreichste Problem ausklammert – aber wie kann man ihn „Gott“ nennen, wenn er nicht allmächtig ist?)

    Sie sprach weiter: „Alec, meine einzige Liebe, ich will doch nicht deinen Glauben angreifen. Das würde mir nicht gefallen, und das habe ich auch nie beabsichtigt – und ich hoffe, daß so etwas nie wieder vorkommt. Aber du hast mich direkt gefragt, ob ich die Autorität der Heiligen Schrift akzeptiere – womit du deine Bibel meinst. Ich hätte genauso direkt antworten müssen. Das habe ich nicht getan. Der Jehova oder Jahwe des Alten Testaments ist in meinen Augen ein sadistischer, blutdürstiger, menschenmordender Verbrecher. Ich verstehe nicht, wie man ihn mit dem sanften Christus des Neuen Testaments identifizieren kann, auch nicht mit Hilfe einer mystischen Dreifaltigkeit.“

    Wer wissen will, wer „Jerry“ ist, wie die Geschichte sich dorthin entwickelt und wie sie ausgeht, muß das Buch lesen. Leseempfehlung!

    Antwort
  2. Von Richard Dawkins gibt es eine sehr treffende Charakterisierung Jahwes (Quelle hier, gefunden in Tobias Langdons Essay Science and the Suicide-Cult: The Irrationalism of Richard Dawkins):

    „The God of the Old Testament is arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous and proud of it; a petty, unjust, unforgiving control-freak; a vindictive, bloodthirsty ethnic cleanser; a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal, pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully.“

    Meine Übersetzung:

    „Der Gott des Alten Testaments ist wohl der unangenehmste Charakter in der gesamten Fiktion: eifersüchtig und stolz darauf; ein kleinlicher, ungerechter, unversöhnlicher Kontrollfreak; ein rachsüchtiger, blutdürstiger ethnischer Säuberer; ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, kindermörderischer, genozidaler, sohnesmörderischer, verderblicher, größenwahnsinniger, sadomasoschistischer, launisch bösartiger Tyrann.“

    Antwort

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