Das „Schwarzbuch des Kommunismus“ über den Holodomor in der Ukraine

Lasar Kaganowitsch, jüdischer Volkskommissar der Sowjetunion und einer der Hauptbetreiber des Holodomor (Bild nicht aus dem „Schwarzbuch“).

Lasar Kaganowitsch, jüdischer Volkskommissar der Sowjetunion und einer der Hauptbetreiber des Holodomor (Bild nicht aus dem „Schwarzbuch“).

Aus „Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror“ von Stéphane Courtois und Co-Autoren, deutsche Ausgabe 1999, ISBN 3-492,-04176-0; hier zitierter Abschnitt: „Die Große Hungersnot“, S. 178 – 188. Die Bilder im Text stammen aus dem Buch.

Die Große Hungersnot

Zu den „weißen Flecken“ der sowjetischen Geschichte zählte lange Zeit die große Hungersnot von 1932/33, die nach heute allgemein anerkannten Quellen mehr als sechs Millionen Opfer forderte.222 Diese Katastrophe ist jedoch nicht vergleichbar mit den anderen Hungersnöten, die das zaristische Rußland in regelmäßigen Abständen heimsuchten. Denn sie war eine direkte Folge des neuen „militär-feudalistischen“ Wirtschaftssystems der Bauernschaft – so der Ausdruck des bolschewistischen Funktionärs und Stalingegners Nikolai Bucharin -, das während der Zwangskollektivierung aufgebaut worden war, und verdeutlichte auf tragische Weise den ungeheuren sozialen Rückschritt, der mit dem Angriff der sowjetischen Macht auf die Bauern Ende der zwanziger Jahre einherging.

Im Gegensatz zur Hungersnot von 1921/22, welche die sowjetischen Behörden nicht zuletzt durch ihre Appelle an die internationalen Hilfsorganisationen zugegeben hatten, war die von 1932/33 vom Regime immer geleugnet, und die wenigen Stimmen, die im Ausland die Aufmerksamkeit auf diese Tragödie lenkten, mit starker Propaganda übertönt worden. Aufgebauschte „Berichte“ haben dabei noch beträchtlich geholfen, so etwa der des französischen Abgeordneten Édouard Herriot, des Führers der Radikalen, der im Sommer 1933 auf einer Reise in die Ukraine von den vielen Gemüsegärten der Kolchosen schwärmte, alle „wunderbar bewässert und gepflegt“, und von den „wirklich bewundernswerten Ernten“. Daraus folgerte er mit unumstößlicher Überzeugung: „Ich habe die Ukraine durchquert und kann nur bestätigen, daß ich sie wie einen Garten mit vollem Ertrag erlebt habe.“223 Diese Verblendung ist zum einen auf die gigantische Inszenieerung der GPU zurückzuführen, die für die ausländischen Gäste eine Reiseroute voller Musterkolchosen und vorbildlicher Kindergärten ausgearbeitet hatte. Für diese Verblendung gab es aber auch politische Gründe: besonders die damalige französische Regierung war mit Blick auf das mit der Machtübernahme Adolf Hitlers bedrohlicher gewordene Deutschland darauf bedacht, den sich abzeichnenden Annäherungsprozeß mit der Sowjetunion nicht zu stören.

Eine Folge des Bürgerkrieges und der bolschewistischen Agrarpolitik: An der Wolga wütet eine schreckliche Hungersnot, die zwischen 1921 und 1922 fünf Millionen Menschen das Leben kostet – die ersten Opfer sind die Kinder.

Eine Folge des Bürgerkrieges und der bolschewistischen Agrarpolitik: An der Wolga wütet eine schreckliche Hungersnot, die zwischen 1921 und 1922 fünf Millionen Menschen das Leben kostet – die ersten Opfer sind die Kinder.

Trotzdem hatten vor allem in Deutschland und Italien eine ganze Reihe maßgeblicher Politiker erstaunlich genaue Kenntnisse von der Hungersnot der Jahre 1932 und 1933. Die kürzlich von dem italienischen Historiker Andrea Graziosi224 entdeckten und veröffentlichten Berichte der in Charkow, Odessa und Noworossisk diensttuenden italienischen Diplomaten bewiesen, daß Mussolini, der diese Texte sorgfältig las, über die Situation genau im Bilde war, auch wenn er es für seine antikommunistische Propaganda nicht ausnützte. Im Gegenteil, im Sommer 1933 kam es zunächst zum Abschluß eines italienisch-sowjetischen Handelsvertrags, dem später noch ein Freundschafts- und Nichtangriffspakt folgte. Geleugnet oder der Staatsräson geopfert, setzte sich die Wahrheit über die Hungersnot, obwohl sie in einigen auflagenschwachen Publikationen von im Ausland sitzenden ukrainischen Organisationen zur Sprache gekommen war, erst ab der zweiten Hälfte der achtziger Jahre allmählich durch, als Folge einer Reihe von veröffentlichten Arbeiten und Forschungsberichten sowohl von westlichen Historikern als auch von Forschern der ehemaligen Sowjetunion.

Die große Hungersnot von 1932/33 ist sicherlich nur mit Blick auf das seit der Zwangskollektivierung veränderte Verhältnis zwischen dem Sowjetstaat und der Bauernschaft zu verstehen. In den kollektivierten Gegenden war die Rolle der Kolchosen strategischer Art. Sie sollten dem Staat feste Agrarlieferungen garantieren. Dadurch kam es zu immer größeren Beschneidungen des „kollektiven“ Ernteertrags. In jedem Herbst führte die Steuereinzugskampagne zu einem regelrechten Machtkampf zwischen dem Staat und einer Bauernschaft, die verzweifelt versuchte, einen Teil der Ernte für sich zu behalten. Es ging um Entscheidendes: für den Staat um die Einnahmen, für die Bauern ums Überleben. Je fruchtbarer eine Gegend war, desto mehr mußte sie abgeben. 1930 zog der Staat in der Ukraine 30 % des Ernteertrags ein, in den reichen Ebenen des Kubangebiets und im nördlichen Kaukasus 38 % und in Kasachstan 33 %. 1931 war die Ernte deutlich schlechter ausgefallen, trotzdem kletterten die Anteile in denselben Gebieten auf 41,5 %, 47 % und 39,5 %. Steuererhebungen in diesen Ausmaßen mußten zwangsläufig den Produktionskreislauf stören. Zum Vergleich: In den Zeiten des NEP brachten die Bauern lediglich 15 bis 20 % ihrer Ernte in den Handel, 12 bis 15 % wurden als Saatgut zurückgelegt, und 25 bis 30 % bekam das Vieh. Der Rest war für den eigenen Verbrauch bestimmt. Zwischen den Bauern, die jedes Mittel versuchten, um einen Teil der Ernte behalten zu können, und den lokalen Behörden, die gezwungen waren, den immer irrealistischeren Steuerplan um jeden Preis einzuhalten – 1932 lag der Steuerplan 32 % über dem von 1931 – war der Konflikt unausweichlich.225

1930-31: Bauern wehren sich gegen die Kollektivierung. Sie widersetzen sich einer Beschlagnahmung ihrer Ernten durch die Roten Garden und fliehen anschließend in die Wälder. Die Truppen der GPU schrecken nicht davor zurück, das Gebiet in Brand zu setzen.

1930-31: Bauern wehren sich gegen die Kollektivierung. Sie widersetzen sich einer Beschlagnahmung ihrer Ernten durch die Roten Garden und fliehen anschließend in die Wälder. Die Truppen der GPU schrecken nicht davor zurück, das Gebiet in Brand zu setzen.

1932 lief die Steuereinzugskampagne nur langsam an. Sobald die neue Ernte gedroschen wurde, versuchten die Kolchosebauern einen Teil der Ernte zu verstecken oder bei Nacht zu „stehlen“. Es bildete sich eine regelrechte „Front des passiven Widerstandes“, unterstützt durch das stillschweigende und gegenseitige Einvernehmen zwischen dem Kolchosebauern und dem Brigadeführer, zwischen dem Brigadeführer und dem Steuerbeamten, zwischen dem Steuerbeamten und dem Kolchoseleiter, der selbst Bauer war und erst kurz zuvor befördert worden war, zwischen dem Leiter und dem Parteisekretär des Ortsverbandes. Um „das Korn zu holen“, mußten die Zentralbehörden neue „Stoßbrigaden“ schicken, die in den Städten aus Komsomol-Mitgliedern und Kommunisten zusammengestellt wurden.

Im folgenden ein Bericht über das regelrechte Kriegsklima auf dem Lande. Er stammt von einem Schulungsleiter des Zentralexekutivkomitees, der in ein Distrikt des Getreideanbaugebiets an der unteren Wolga geschickt wurde, und ist an dessen Vorgesetzte gerichtet:

Jedermann führt Verhaftungen und Untersuchungen durch: die Mitglieder des Dorfsowjets, alle möglichen Abgesandten, die Mitglieder der Stoßbrigaden und irgendwelche übereifrigen Komsomols. In diesem Jahr haben 12 % der Bauern dieses Distrikts vor dem Gericht gestanden, ohne Berücksichtigung der deportierten Kulaken, der zu Geldstrafen verurteilten Bauern usw. Nach den Schätzungen des ehemaligen Generalstaatsanwalts dieses Distrikts waren im letzten Jahr 15 % der erwachsenen Bevölkerung in irgendeiner Form Opfer von Repressionen. Wenn man außerdem bedenkt, daß im letzten Monat an die 800 Bauern aus den Kolchosen ausgeschlossen wurden, bekommt man eine Ahnung von den Ausmaßen der Repression in diesem Distrikt. […] Abgesehen von den Fällen, in denen eine Repression der Massen wirklich gerechtfertigt ist, muß man sagen, daß die Wirksamkeit der repressiven Maßnahmen ständig abnimmt, denn sobald sie ein gewisses Maß überschreiten, sind sie schwer umzusetzen. […] Alle Gefängnisse sind brechend voll. Im Gefängnis von Balachewo sitzen schon fünfmal so viele Leute, wir ursprünglich für das Gefängnis vorgesehen, und in Elan sitzen 610 Leute in dem kleinen Distriktgefängnis. Im Laufe des letzten Monats hat das Gefängnis von Balachewo 78 Verurteilte an Elan „abgegeben“, 48 von ihnen waren noch keine zehn Jahre alt; 21 wurden sofort freigelassen. […] Um mit dieser wunderbaren Methode, der einzigen, die man hier kennt – der Methode der Gewalt -, zu einem Ende zu kommen, noch ein paar kurze Worte zu den Einzelbauern, bei denen man alles tut, um sie vom Säen und Bepflanzen abzuhalten.

Folgendes Beispiel zeigt deutlich, wie sehr die Einzelbauern terrorisiert werden: In Mortsy hat ein Einzelbauer, der den Plan zu 100 % erfüllt hatte, den Genossen Fomitschew, den Vorsitzenden des Exekutivkomitees dieses Distrikts, aufgesucht und ihn darum gebeten, für seine Deportierung in den Norden zu sorgen, denn wie dem auch sein, so erklärte er, „unter diesen Bedingungen kann man nicht leben.“ Ebenso bezeichnend ist die von 16 Einzelbauern des Dorfsowjets von Alexandrow unterzeichnete Petition, in welcher sie darum bitten, daß man sie aus ihrer Region wegdeportiert! […] Kurz: Die einzige Form der „Arbeit der Massen“ ist der „Sturm“: Man „stürmt“ auf das Saatgut los, auf die Banken, auf die Zuchtbetriebe, auf die Arbeit usw. Nichts geschieht hier ohne „Sturm“. […] Nachts wird belagert, von 9 oder 10 Uhr abends bis in den Morgengrauen. Und der „Sturm“ läuft dann folgendermaßen ab: die „Stoßbrigade“ tagt in einer Holzhütte und läßt der Reihe nach alle Personen kommen, die irgendeine Verpflichtung oder irgendeinen Plan nicht erfüllt haben und „überredet“ sie mit verschiedenen Mitteln, ihre Verpflichtungen einzuhalten. Man „belagert“ jeden, der auf der Liste steht, und dann beginnt alles wieder von vorne, die ganze Nacht.226

Eine entscheidende Waffe aus dem Arsenal der Strafmaßnahmen, die stärkste im Krieg zwischen dem Regime und der Bauernschaft, war das am 7. August 1932 verabschiedete berühmt-berüchtigte Gesetz, das für „jeden Diebstahl oder jede Verschwendung sozialistischen Eigentums“ eine zehnjährige Lagerhaft oder die Todesstrafe vorsah. Im Volksmund lief dieses Gesetz unter dem Namen „Ährengesetz“, denn die meisten nach diesem Gesetz Verurteilten hatten einige Weizen- oder Roggenähren auf den Feldern der Kolchosebauern gestohlen. Vom August 1932 bis Dezember 1933 wurden mehr als 125.000 Menschen nach diesem Gesetz verurteilt, davon 5400 zum Tode.227

Trotz dieser drakonischen Maßnahmen kam nicht genügend Korn herein. Mitte Oktober 1932 war der Steuereinzugsplan für die wichtigsten Getreideanbaugebiete des Landes erst zu 15 bis 20 % erfüllt. Deshalb beschloß das Politbüro am 22. Oktober 1932, zur „Beschleunigung des Steuereinzugs“ zwei außerordentliche Kommissionen in die Ukraine und den nördlichen Kaukasus zu schicken; die eine stand unter der Leitung von Wjatscheslaw Molotow, die andere unter der von Lasar Kaganowitsch.228 Am 2. November kam die Kommission von Lasar Kaganowitsch, zu der auch Genrich Jagoda zählte, nach Rostow am Don. Sofort wurde eine Versammlung aller Distriktparteisekretäre des nördlichen Kaukasus einberufen, die folgende Entscheidung traf: „Wegen des äußerst kläglichen Scheiterns des Getreideeinzugsplans sind die Ortsgruppen der Partei gezwungen, mit der von den konterrevolutionären Kulakengruppen organisierten Sabotage aufzuräumen und den Widerstand der die Sabotage anführenden Dorfkommunisten und Kolchoseleiter zu brechen.“ Für einige Distrikte, die „auf der schwarzen Liste“ stehen (so der offizielle Ausdruck!), wurden folgende Maßnahmen beschlossen: Einzug aller Ladenartikel, völliger Handelsstopp, sofortige Fälligkeit aller laufenden Kredite, zusätzliche Besteuerung, Festnahme aller „Saboteure“, aller „fremden Elemente“ und „Konterrevolutionäre“ in einem Schnellverfahren unter der Leitung der GPU. Falls die Sabotage fortgesetzt wird, ist die ganze Bevölkerung zu deportieren.

Allein im November 1932, dem ersten Monat des „Kampfes gegen die Sabotage“, wurden 5000 Dorfkommunisten, die man gegenüber der „Sabotage“ der Steuereinzugskampagne „in krimineller Weise nachsichtig“ fand, und 15.000 Kolchosebauern im nördlichen Kaukasus festgenommen. Die Region war wegen ihrer Getreideproduktion von größter Bedeutung. Im Dezember begann man mit den Massendeportationen. Betroffen waren nicht mehr allein die Kulaken, sondern ganze Dörfer, besonders die der Stanitsy-Kosaken, die schon 1920 ähnliche Maßnahmen erlebt hatten.229 Die Zahl der Sondersiedler stieg schnell an: Für 1932 meldete die Gulag-Verwaltung die Ankunft von 71.236 Deportierten, und für 1933 wurde ein Zustrom von 268.091 neuen Sondersiedlern registriert.230

In der Ukraine traf die Kommission Molotow ähnliche Maßnahmen: Auch hier wurden die Distrikte, die den Steuerplan nicht erfüllt hatten, mit all den zuvor beschriebenen Konsequenzen auf die schwarze Liste gesetzt: Säuberung der Ortsgruppen der Partei und Massenverhaftungen, und zwar nicht nur bei den Kolchosebauern, sondern auch bei den Leitern der Kolchosen, die im Verdacht standen, „die Produktion geschmälert“ zu haben. Bald wurden diese Maßnahmen auf andere Getreideanbaugebiete ausgedehnt.

Konnte der Staat mit diesen Maßnahmen den Krieg gegen die Bauern gewinnen? Die Antwort, die uns der italienische Konsul von Novorossisk in seinem mit sehr viel Weitblick geschriebenen Bericht gibt, ist nein:

„Der schwerbewaffnete, mächtige Sowjetapparat sieht sich nämlich außerstande, in einer oder mehreren ordnungsgemäßen Schlachten den Sieg davonzutragen; der Feind tritt nicht in seiner Masse in Erscheinung, sondern in einer zerstreuten Form, und so erschöpft man sich in endlosen kleinen Gefechten: hier wurde ein Feld nicht gejätet, und da einige Doppelzentner Weizen versteckt. Von den Traktoren ganz zu schweigen: der eine ist nicht einsatzfähig, ein zweiter wurde mutwillig zerstört, ein dritter wird nicht bei der Arbeit eingesetzt, sondern fährt irgendwo herum… Und schließlich kommt heraus, daß eine Lagerhalle geplündert wurde, daß die Buchhaltung im kleinen oder im großen schlecht geführt oder gefälscht wurde, daß die Kolchoseleiter aus Angst oder in böser Absicht in ihren Berichten nicht die Wahrheit gesagt haben… Und so fort, ohne Ende und immer wieder von Neuem in diesem riesigen Gebiet! […] Die Suche nach dem Feind ist von Haus zu Haus durchzuführen, von Dorf zu Dorf. In einem durchlöcherten Eimer Wasser zu transportieren, käme auf das Gleiche hinaus!“231

Deshalb gab es für den Sieg über „den Feind“ nur eine Lösung: ihn auszuhungern.

Die ersten Berichte über die Gefahr einer „kritischen Versorgungslage“ für den Winter 1932/33 erreichten Moskau bereits im Sommer 1932. Im August 1932 meldete Molotow dem Politbüro, daß „selbst in den Distrikten, in denen die Ernte ausgezeichnet gewesen war, in der Tat eine Hungersnot drohe.“ Trotzdem schlug er vor, am Steuereinzugsplan um jeden Preis festzuhalten. Im selben August informierte Issajew, der Vorsitzende des Rates der Volkskommissariate von Kasachstan, Stalin über das Ausmaß der Hungersnot in dieser Republik, wo die mit der Kollektivierung erzwungene Seßhaftigkeit die traditionelle Nomadenwirtschaft völlig aus dem Gleis gebracht habe. Selbst überzeugte Stalinisten wie Stanislas Kossior, Erster Parteisekretär der Ukraine, oder Michail Chatajewitsch, Erster Parteisekretär der Region Dnjepropetrowsk, forderten Stalin und Molotow auf, den Steuereinzugsplan zu reduzieren. „Damit in Zukunft die Produktion entsprechend dem Bedarf des proletarischen Staates wachsen kann“, schrieb Chatajewitsch im November 1932 an Molotow, „müssen wir die Mindestbedürfnisse der Kolchosebauern berücksichtigen, denn ohne sie wird es niemanden mehr geben, der sät und für die Produktion garantiert.“

„Ihr Standpunkt ist völlig unkorrekt und unbolschewistisch“, antwortete Molotow. „Wir, die Bolschewiki, können die Bedürfnisse des Staates – Bedürfnisse, die durch die Entscheidungen der Partei genau festgelegt sind -, nicht an die zehnte, ja nicht einmal an die zweite Stelle setzen.“232

Wenige Tage später schickte das Politbüro den Lokalbehörden ein Rundschreiben mit dem Befehl, allen Kolchosen, die ihren Plan noch nicht erfüllt haben, sofort „das ganze Korn, das sie besitzen, auch das, was angeblich für die Saat reserviert ist“, abzunehmen!

Unter Drohungen, ja sogar unter Folter, wurden die Landwirte gezwungen, ihre gesamten mageren Vorräte abzuliefern und hatten weder die Mittel noch die Möglichkeit, sich irgend etwas zu kaufen. So waren Millionen von Bauern aus den reichsten Agrargebieten der Sowjetunion dem Hunger ausgesetzt und hatten keine andere Möglichkeit, als in die Städte zu ziehen. Deshalb führte die Regierung am 27. Dezember 1932 den Inlandspaß und die Zwangsregistrierung für alle Stadtbewohner ein. Die Absicht war, die Landflucht zu begrenzen, „das soziale Schmarotzertum auszumerzen“ und „die kulakische Unterwanderung der Städte zu bekämpfen“. Im Blick auf die Massenflucht der um ihr Überleben kämpfenden Bauern gab die Regierung am 22. Januar 1933 ein Rundschreiben heraus, das für Millionen Hungernde den sicheren Tod bedeutete. Das von Stalin und Molotow unterzeichnete Schreiben befahl den Lokalbehörden und insbesondere der GPU, „die Massenabwanderung der ukrainischen und nordkaukasischen Bauern in die Städte“ zu verbieten. „Die konterrevolutionären Elemente sind zu verhaften, und die übrigen Flüchtlinge in ihre Wohnorte zurückzubringen.“ Das Rundschreiben hatte folgende Erklärung für die Lage: „Das Zentralkomitee und die Regierung haben Beweise dafür, daß die Massenflucht der Bauern von den Gegnern der Sowjetmacht, den Konterrevolutionären und den polnischen Agenten, organisiert worden ist. Ihr Ziel ist eine Propaganda gegen das Kolchosesystem im besonderen und die Sowjetmacht im allgemeinen.“233

In allen von der Hungersnot betroffenen Gebieten wurde der Verkauf von Bahnfahrkarten sofort eingestellt; von den Sondereinheiten der GPU errichtete Kontrollsperren sollten die Bauern daran hindern, ihre Distrikte zu verlassen. Anfang März 1933 meldete ein Bericht der politischen Polizei, daß im Rahmen der Operationen gegen die Abwanderung der Bauern in die Städte innerhalb eines Monats 219.460 Personen aufgegriffen worden seien. 186.588 von ihnen seien „in ihre Heimatregion zurückgebracht“, die anderen festgenommen und verurteilt worden. Aber über den Zustand der aus den Städten Vertriebenen schweigt der Bericht.

Hierzu ein Augenzeugenbericht des italienischen Konsuls von Charkow, das mitten in den von der Hungersnot betroffenen Regionen liegt:

„Seit einer Woche wurde ein Dienst organisiert, um die ausgesetzten Kinder einzusammeln. Denn neben den Bauern, die in die Städte strömen, weil sie auf dem Lande keine Möglichkeit mehr zum Überleben haben, gibt es auch Kinder, die hierhergebracht und dann von den Eltern, die zum Sterben in ihre Dörfer zurückkehren, in der Hoffnung ausgesetzt werden, daß irgend jemand in der Stadt sich ihrer Nachkommenschaft annimmt. Seit einer Woche hat man dvorniki (Conciergen) organisiert, die in weißen Blusen durch die Stadt patrouillieren und die Kinder zum nächstgelegenen Polizeiposten bringen. […] Gegen Mitternacht bringt man sie in Lastwagen zum Güterbahnhof von Severo Donetz. Auch die in den Bahnhöfen und Zügen aufgelesenen Kinder und die tagsüber in der Stadt aufgegriffenen Bauernfamilien und älteren Einzelpersonen werden dort zusammengetrieben. Das Sanitätspersonal ist mit der „Selektion“ beauftragt. Diejenigen, die noch nicht aufgedunsen sind und eine Chance zum Überleben haben, kommen in die Barackenlager von Holodnaja Gora, wo ein Volk von 8000 Seelen, meistens Kinder, auf den Strohlagern der Lagerhallen mit dem Tode kämpft. […]
Die Aufgedunsenen werden mit Güterzügen aufs Land hinausgefahren und 50 bis 60 Kilometer hinter der Stadt ausgesetzt, wo sie sterben, ohne daß man sie sieht. […] Sofort nach der Ankunft an den Stellen, an denen entladen wird, werden große Gruben ausgehoben, und die Toten aus den Waggons herausgeholt.“234

Auf dem Lande erreichte die Sterblichkeitsrate im Frühjahr 1933 ihren Höhepunkt. Zum Hunger kam der Typhus; in Ortschaften, in denen ursprünglich mehrere Tausend Menschen lebten, zählte man nur ein paar Dutzend Überlebende. In den Berichten der GPU werden Fälle von Kannibalismus erwähnt. Auch die in Charkow sitzenden italienischen Diplomaten schreiben davon:

„Jede Nacht werden in Charkow 250 Leichen eingesammelt, Verhungerte oder Typhustote. Wie man feststellte, hatten viele von ihnen keine Leber mehr: Sie schien durch einen großen Schnitt in das Fleisch herausgerissen worden zu sein. Die Polizei stieß schließlich auf einige mysteriöse „Amputierer“, die zugaben, mit diesem Fleisch die Füllung der pirojki (kleine Pasteten) zubereitet zu haben. Die pirojki hatten sie anschließend auf dem Markt verkauft.“235

Im April 1933 machte der Schriftsteller Michail Schocholow in einer Ortschaft des Kubangebiets Station. Von dort schrieb er zwei Briefe an Stalin, in denen er in allen Einzelheiten berichtete, wie die lokalen Behörden unter Anwendung von Foltermethoden den Kolchosebauern ihre Vorräte abgepreßt und sie so dem Hunger ausgesetzt haben. Er forderte den Ersten Parteisekretär auf, eine Hilfssendung mit Lebensmitteln zu organisieren:

Auszug aus dem Brief von Michail Schocholow, Autor des Romans „Der stille Don“, vom 4. April 1933 an Stalin

Genosse Stalin!

Der Distrikt Weschenski hat, wie viele andere Distrikte im nördlichen Kaukasus, den Lieferplan für das Getreide nicht wegen irgendeiner „Kulakensabotage“, sondern wegen der schlechten Lokalpolitik der Partei nicht erfüllt…

Im letzten Dezember hat das Regionalkomitee der Partei zur „Beschleunigung“ des Steuereinzugs den Genossen Owtschinnikow als „Bevollmächtigten“ geschickt. Dieser hat folgende Maßnahmen getroffen.

1. Beschlagnahmung des gesamten verfügbaren Getreides, einschließlich des „Vorschusses“, den die Kolchoseleitung den Kolchosebauern zum Aussäen der nächsten Ernte gegeben hatte.
2. Aufteilung der von jeder Kolchose dem Staat noch geschuldeten Lieferung auf die einzelnen Familien.

Was haben diese Maßnahmen bewirkt? Als man mit den Beschlagnahmungen anfing, versteckten sich die Bauern und vergruben das Korn. Und nun ein Wort zu den Zahlen, die diese Beschlagnahmungen erzielten. „Gefundenes“ Getreide: 5930 Doppelzentner… Und hier einige Methoden, mit denen man zu jenen 593 Tonnen kam, die teilweise seit 1918 vergraben waren.
Die Kältemethode … Man zieht den Kolchosebauer aus und setzt ihn splitternackt in einer Scheune „der Kälte“ aus. Oft setzte man die Kolchosebauern in ganzen Brigaden „der Kälte“ aus.
Die Hitzemethode. Man übergießt die Füße und die Rockzipfel der Kolchosebäuerinnen mit Kerosin und zündet beides an. Dann löscht man alles wieder und beginnt von vorne.
In der Kolchose Napolowski zwang ein gewisser Plotkin, „Bevollmächtigter“ des Distriktkomitees, die verhörten Kolchosebauern, sich auf einen glühendheißen Ofen zu legen, und sperrte sie hinterher zum „Abkühlen“ nackt in eine Scheune…
In der Kolchose Lebjatschenski stellte man die Kolchosebauern an einer Mauer auf und simulierte eine Hinrichtung…

Ich könnte die Liste mit Beispielen solcher Art endlos fortsetzen. Es sind keine einzelnen Fehlgriffe, sondern gängige Methoden beim Einzug des Korns…
Wenn Ihnen mein Brief der Aufmerksamkeit des Zentralkomitees wert scheint, so schickt wahre Kommunisten hierher, die den Mut haben, alle diejenigen, die dem Aufbau der Kolchosen in diesem Distrikt einen tödlichen Schlag versetzt haben, zu entlarven… Sie sind unsere einzige Hoffnung.

Ihr Michail Schocholow

(Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation 45/1/827/7.22)

In seiner Antwort an den Schriftsteller macht Stalin aus seiner Position keinen Hehl: die Bauern würden lediglich dafür bestraft, daß sie „gestreikt und sabotiert“ haben, daß sie „einen Zermürbungskrieg gegen die Sowjetmacht, einen Kampf auf Leben und Tod geführt“ haben.236

Stalins Antwort an M. Schocholow vom 6. Mai 1933:

Lieber Genosse Schocholow,

ich habe Ihre beiden Briefe erhalten. Die Hilfe, um die Sie gebeten haben, wird gewährt. Ich habe den Genossen Schkiriatow geschickt, um die Angelegenheiten, von denen Sie sprechen, aufzuklären. Ich bitte Sie, ihm dabei zu helfen. Aber das ist noch nicht alles, was ich Ihnen sagen will, Genosse Schocholow. Ihre beiden Briefe zeichnen nämlich ein Bild, das ich als nicht objektiv bezeichnen möchte, und dazu will ich Ihnen ein paar Worte schreiben.

Ich habe mich für Ihre Briefe bedankt. Sie decken eine leichte Erkrankung unseres Apparates auf und zeigen, daß einige unserer Parteifunktionäre zwar der Sache dienen, d. h. unsere Feinde entwaffnen wollen, dabei aber unsere Freunde angreifen und sogar regelrecht sadistisch werden können. Aber das bedeutet nicht, daß ich in ALLEM mit Ihnen einverstanden bin. Sie sehen einen Aspekt der Dinge, und den sehen Sie durchaus richtig. Aber es ist nur ein Aspekt der Dinge. Damit an sich in der Politik nicht irrt – denn bei Ihren Briefen handelt es sich nicht um Literatur, sondern um reine Politik -, muß man auch den anderen Aspekt der Realität sehen können. Und der andere Aspekt ist die Tatsache, daß die geschätzten Bauern Ihres Distrikts – und nicht nur diese – gestreikt und sabotiert haben und auch bereit waren, die Arbeiter und die Rote Armee ohne Brot zu lassen! Die Tatsache, daß es eine stillschweigende und offensichtlich friedliche Sabotage (ohne Blutvergießen) war – ändert nichts an der grundsätzlichen Angelegenheit, nämlich daß Ihre geschätzten Bauern einen Zermürbungskrieg gegen die Sowjetmacht geführt haben. Einen Kampf auf Leben und Tod, lieber Genosse Schocholow!

Selbstverständlich können diese Besonderheiten die Übertretungen, die sich unsere Funktionäre Ihrer Schilderung nach erlaubt haben, nicht rechtfertigen. Und die Verantwortlichen werden für Ihr Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden. Aber es liegt klar auf der Hand, daß unsere geschätzten Bauern keine Unschuldslämmer sind, wie man beim Lesen Ihrer Briefe glauben könnte.

Also, halten Sie sich gut. Ich drücke Ihnen die Hand. Ihr J. Stalin.

(Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation 3/61/549/194)

1933 verhungerten Millionen von Bauern, doch die Regierung setzte ihre Exportpolitik fort: Im gleichen Jahr wurden 18 Millionen Doppelzentner Weizen „für den Bedarf der Industrie“ an das Ausland geliefert.

An Hand der Einwohnerverzeichnisse und der Unterlagen aus den beiden Volkszählungen von 1937 und 1939, die bis vor wenigen Jahren nicht zugänglich waren, kann man das Ausmaß der Hungersnot von 1933 ungefähr abschätzen. Geographisch umfaßte die „Hungerzone“ die gesamte Ukraine, einen Teil des Schwarzerdegebiets, die fruchtbaren Ebenen des Dons, des Kubans und des nördlichen Kaukasus und einen Großteil von Kasachstan.

Mehr als 40 Millionen Menschen hatten unter der Hungersnot oder der unzureichenden Versorgungslage zu leiden. In den am stärksten betroffenen Gegenden, wie etwa den Agrargebieten um Charkow, lag die Sterblichkeitsrate zwischen Januar und Juni 1933 um das Zehnfache über dem Durchschnitt: im Juni 1933 100.000 Todesfälle in der Region Charkow, im Vergleich zu 9000 im Juni 1932. Hinzu kommt, daß zahlreiche Todesfälle nicht registriert worden sind. Die ländlichen Gegenden waren natürlich stärker betroffen als die Städte, doch auch letztere blieben nicht verschont. Charkow verlor innerhalb eines Jahres mehr als 120.000 Einwohner, Krasnodar 40.000 und Stawropol 20.000.

Zur Kollektivierung des Bodens – der „große Angriff gegen den Bauernstand“ – setzt Stalin die „Waffe des Hungers“ ein – vor allem gegen die Ukraine. Seine Politik kostet schätzungsweise sechs Millionen Menschen das Leben. Der alltägliche Tod läßt Passanten in Charkow 1933 schließlich gleichgültig. Wegen häufiger Fälle von Kannibalismus druckt die Regierung ein Plakat: „Sein Kind zu verspeisen ist ein Akt der Barbarei!“.

Zur Kollektivierung des Bodens – der „große Angriff gegen den Bauernstand“ – setzt Stalin die „Waffe des Hungers“ ein – vor allem gegen die Ukraine. Seine Politik kostet schätzungsweise sechs Millionen Menschen das Leben. Der alltägliche Tod läßt Passanten in Charkow 1933 schließlich gleichgültig. Wegen häufiger Fälle von Kannibalismus druckt die Regierung ein Plakat: „Sein Kind zu verspeisen ist ein Akt der Barbarei!“.

Auch außerhalb der „Hungerzone“ waren die Verluste in der Bevölkerung, die zum Teil auf die unzureichende Versorgungslage zurückzuführen sind, nicht zu unterschätzen. In den Agrargebieten der Region Moskau stieg die Sterblichkeitsrate zwischen Januar und Juni 1933 um 50 %. In der Stadt Iwanowo, die 1932 Schauplatz mehrerer Hungeraufstände war, stieg die Sterblichkeitsrate in der ersten Hälfte von 1933 um 35 %. 1933 kam es im gesamten Land zu einem Übermaß von mehr als sechs Millionen Toten. Da der allergrößte Teil dieses Übermaßes auf die Hungersnot zurückzuführen ist, kann man mit Recht davon ausgehen, daß diese Tragödie ungefähr sechs Millionen Opfer gekostet hat. Die ukrainische Bauernschaft zahlte mit vier Millionen Toten den höchsten Preis. In Kasachstan eine Million Tote; dort waren vor allem die Nomaden betroffen, die man mit der Kollektivierung ihres ganzen Viehbestands beraubt und zur Seßhaftigkeit gezwungen hatte. Im nördlichen Kaukasus und in den Schwarzerdegebieten, eine Million Tote…237]

Fünf Jahre vor dem Großen Terror, der in erster Linie die Intelligenzija der Wirtschaft und der Partei treffen wird, wirkt die große Hungersnot von 1932/33 wie die entscheidende Phase beim Aufbau eines Repressionssystems, das den augenblicklichen Gegebenheiten entsprechend versuchsweise gegen die eine oder andere soziale Gruppe zum Einsatz kommt. In dem 1929 von der Staatspartei eröffneten zweiten Akt des Krieges gegen die Bauern stellt die große Hungersnot den Höhe punkt dar. Mit ihrem Spektrum an Gewaltverbrechen, Foltermethoden und Morden an ganzen Völkerschaften bedeutet sie einen schweren Rückschritt, sowohl in politischer als auch in sozialer Hinsicht. Die Zahl der lokalen Tyrannen und Despoten, die zu allem bereit sind, um den Bauern die letzten Vorräte abzupressen, vervielfacht sich, Barbarei macht sich breit. Die gewaltsamen Ausschreitungen werden zur gängigen Praxis, Epidemien und Kannibalismus treten wieder auf, und ausgesetzte Kinder und Briganten gehören zu den alltäglichen Bildern. Man richtet „Todesbaracken“ ein, und die Bauern erleben eine neue Form von Knechtschaft unter der Knute der Staatspartei. Der Schriftsteller Sergo Ordschonikidse bewies sehr viel Weitblick, als er im Januar 1934 an Sergej Kirow schrieb:

„Unsere Führungskräfte haben die Situation von 1932/33 ausgehalten und überstanden, sie sind gehärtet wie Stahl. Ich denke, mit ihnen wird man einen Staat bauen können, wie ihn die Geschichte noch nicht gesehen hat.“

Manche ukrainische Publizisten und Historiker sehen heute in dieser Hungersnot „einen Völkermord an den Ukrainern“.238 Ist diese Sichtweise berechtigt? Die ukrainische Bauernschaft war ohne Zweifel das Hauptopfer der Hungersnot von 1932/33. Diesem „Angriff“ gingen bereits 1929 mehrere Offensiven gegen die ukrainische Intelligenzija voraus, der man „nationalistische Sonderwege“ vorwarf. Ab 1932 richteten sich diese Angriffe auch gegen einen Teil der ukrainischen Kommunisten. Mit gutem Recht kann man mit Andrej Sacharow von „Stalins Ukrainophobie“ sprechen. Gerechterweise ist jedoch darauf hinzuweisen, daß Kasachstan und die Kosakengebiete am Kuban und Don – wenn man die Größenverhältnisse berücksichtigt – genauso stark von der Hungersnot betroffen waren. In Kasachstan hatten die Zwangskollektivierung und die mit Gewalt durchgesetzte Seßhaftigkeit bereits 1930 bei den Nomaden zu katastrophalen Folgen geführt: innerhalb von zwei Jahren gingen 80 % des Viehbestandes verloren. Ihres Besitzes enteignet und der Hungersnot ausgesetzt, wanderten zwei Millionen Kasachen aus, ungefähr eine halbe Million nach Zentralasien und etwa anderthalb Millionen nach China.

In vielen Regionen wie der Ukraine, den Kosakenländern oder sogar einigen Distrikten des Schwarzerdegebiets war die Hungersnot sicherlich die letzte Episode der in den Jahren 1918/22 begonnenen Auseinandersetzung zwischen dem bolschewistischen Staat und der Bauernschaft. Die Gebiete des erbitterten Widerstandes gegen die Beschlagnahmungen von 1918/21 sind auffallend identisch mit denen gegen die Zwangskollektivierung von 1929/30 und der Hungersnot. Von den 14.000 Aufständen und Bauernrevolten, welche die GPU für 1930 registriert hat, fanden 85 % in den von der Hungersnot von 1932/33 „bestraften“ Gebieten statt. Es waren die reichsten und ergiebigsten Agrarregionen, diejenigen, die dem Staat am meisten zu geben und bei dem unter dem Begriff Zwangskollektivierung eingeführten Zwangsabgabesystem für die Agrarprodukte am meisten zu verlieren hatten, die von der Hungersnot von 1932/33 am stärksten betroffen waren.

Anmerkungen:

222: A. Blum, Naitre, vivre et mourir en URSS 1917-1991, Paris 1994, S. 99.

223: F. Kupferman, Au pays des Soviets. Le voyage français in Union soviétique 1917-1939, Paris 1979, S. 88.

224: A. Graziosi, „Lettres de Kharkov. La famine en Ukraine et dans le Caucase du Nord, à travers les rapports des diplomates italiens 1932-1934“ in Cahiers du Monde russe et soviétique Bd. XXX/1-2 (Januar – Juni 1989, S. 5-106).

225: M. Lewin, La Formation du système soviétique, Paris 1987, S. 206-237.

226: GARF 1235/2/1521/71-78; Werth/Moullec, a. a. O., S. 152-155.

227: GARF 3316/2/1254/4-7.

228: Iwnitski, a. a. O., S. 192 f.

229: Iwnitski, a. a. O., S. 198-206.

230: Zemskow, a. a. O., S. 4f.

231: Graziosi, „Lettres“, a. a. O., S. 51.

232: Iwnitski, a. a. O., S. 198f.

233: Ebd. S. 204.

234: Graziosi, „Lettres“, a. a. O., S. 59f.

235: Ebd. S. 79; R. Conquest, Sanglantes moissons, Paris 1995, S. 267-296.

236: A.P.F.R. (Archiv des Präsidenten der russischen Föderation) 45/1/827/7-22.

237: N. Aralowetz, „Poteri naselenia v 30-ye gody“ (Die Bevölkerungsverluste in den dreißiger Jahren); in Otecestvennaia Istoria 1995/1, S. 135-145;
N. Ossokina, „Jertvy goloda 1933. Skol’ko ix?“ (Die Zahl der Opfer der Hungersnot von 1933. Wieviele?), in Otecestvennaia Istoria 1995/5, S. 18-26;
V. Tsaplin, „Statistika jertv stalisnisma“ (Statistik der Opfer des Stalinismus), in Voprosy Istorii 1989/4, S. 175-181.

238: S. Merl, „Golod 1932-1933 – genotsid Ukraontsew dlia osustcestvlenia politiki russifikatsii?“ (Die Hungersnot von 1932/33 – ein Völkermord zur Russifizierung der Ukraine?), in Otecestvennaia Istoria 1995/1, S. 49-61.

* * * * * * *

Siehe auch:

Die Feinde zerschmettern wie ein Hammer – die jüdische Sowjetunion von Juri Lina
Nationalisten, Juden und die ukrainische Krise: Etwas historische Perspektive von Andrew Joyce

Hört die Signale: Zwangskollektivierung, Kulakenvernichtung, Holodomor aus „Hört die Signale“ von Hugo Portisch

 

* * *

Und noch etwas zu ein paar der im Artikel genannten Namen:

Lasar Kaganowitsch: im englischen Wiki steht über ihn unter „Categories“: Ukrainian Jews, Jewish atheists, Jewish Socialists, Soviet Jews, während im deutschen Wiki nur die Kategorie „Russe“ angegeben ist; im Biografieteil steht jedoch, daß er der Sohn jüdischer Eltern war..
Genrich Jagoda: auch er ist im englischen Wiki unter Russian Jews und Jewish People executed by the Soviet Union einsortiert, und im deutschen Wiki steht immerhin auch „Jagoda war der Sohn eines jüdischen Druckers aus dem russischen Teilungsgebiet der polnischen Adelsrepublik“.
Wjatscheslaw Molotow ist anscheinend laut Wiki „keiner“

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