Das Licht der fernen Sterne: George R. R. Martin und sein „Manrealm“-Kosmos

Star Cutter

Eine Präsentation von Lichtschwert als Leseempfehlung für George R. R. Martins Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9) und überhaupt sein Werk, vor allem seine SF-Geschichten und hier wiederum seinen „Manrealm“- oder „Tausend-Welten-Kosmos“, der mich seit meinen Jugendjahren, als ich in die Science Fiction eintauchte, immer fasziniert hat. (Die Bilder stammen nicht aus „Traumlieder I“, sondern wurden von mir – Lichtschwert – eingefügt.)

In „Traumlieder I“ sind neben dreizehn SF-, Fantasy- und Horrorgeschichten von George R. R. Martin auch drei autobiographische Kapitel enthalten („Ein Vierfarb-Fanboy“, „Der schmutzige Profi“ und „Das Licht der fernen Sterne“) in denen sein Werdegang als Autor von seiner Jugend an sowie Bezüge zu den einzelnen Geschichten geschildert werden. Hier ist das letztere davon, in dem das kosmische Fernweh und der „sense of wonder“, der auch in Jef Costellos „Mein Kodex, Fortsetzung“ erwähnt wird, am besten zum Ausdruck kommt:

DAS LICHT DER FERNEN STERNE

Kommen wir zum Wesentlichen. Ich wurde in Bayonne, New Jersey, geboren, wuchs dort auf und kam nie woanders hin… jedenfalls nicht bis zum College.

Bayonne ist eine Halbinsel im Großraum New York, aber als ich dort aufwuchs, war es eine Welt für sich. Eine Industriestadt, beherrscht von Ölraffinerien und ihrem Flottenstützpunkt, ziemlich klein, drei Meilen lang und nur eine breit. Bayonne grenzt im Norden an Jersey City, ansonsten ist es von Wasser umgeben, der Newark Bay im Westen, der New York Bay im Osten, und der schmalen Meerenge, die beide verbindet, dem Kill van Kull im Süden. Große Ozeanfrachter fahren Tag und Nacht auf ihrem Weg von und nach Elizabeth und Port Newark durch den Kill.

Als ich vier Jahre alt war, zog meine Familie in die Neubausiedlung „The Projects“ auf der First Street, direkt vor die dunklen und schmutzigen Wasser des Kill. Jenseits des Kanals funkelten nachts die Lichter von Staten Island – weit weg und irgendwie magisch. Abgesehen von einem Zoobesuch auf Staten Island, alle drei, vier Jahre, überquerten wir den Kill nie.

Staten Island konnte man ganz leicht erreichen. Man musste nur über die Bayonne Bridge fahren, aber wir besaßen kein Auto, und meine Eltern hatten beide keinen Führerschein. Man kam auch mit der Fähre rüber. Die Anlegestelle war nur wenige Blocks von den Projects entfernt, direkt neben Uncle Miltys Kirmespark.

Wenn man bei Ebbe über die ölverschmierten Uferfelsen balancierte und sich um den Zaun herumhangelte, kam man in eine geheime kleine Bucht mit einem Grasrücken, nicht von der Fähre und auch nicht von der Straße aus einzusehen. Ich ging gern dorthin, saß mit einem Schokoriegel im Gras über dem Wasser, las ein paar Comicheftchen und sah den Fähre zu, wie sie zwischen Bayonne und Staten Island hin und her schipperten.

Die Schiffe waren ständig unterwegs. Wenn das eine einlief, war das nächste schon auf dem Weg nach drüben, und man traf sich in der Mitte des Kanals. Die Schiffahrtslinie unterhielt drei Fähren, die Deneb, die Altair und die Vega. Viel von ihrer Magie war der Tatsache geschuldet, dass sie alle nach Sternen benannt waren. Obwohl es zwischen den drei Fähren meines Wissens keinen Unterschied gab, war mir die Altair am liebsten. Vielleicht hatte das etwas mit Alarm im Weltall zu tun.

Nach dem Abendessen war es in unserer Wohnung manchmal eng und laut, auch wenn nur meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich da waren. Wenn Freunde zu Besuch kamen, war die Küche voller Zigarettenrauch, und alle quatschten durcheinander. Manchmal zog ich mich in mein Zimmer zurück und schloss die Tür. Manchmal blieb ich im Wohnzimmer und sah mit meinen Schwestern fern. Manchmal ging ich auch nach draußen.

Auf der anderen Seite der Straße waren Brady’s Dock und ein langer, schmaler Park, der sich entlang des Kill van Kull erstreckte. Dort saß ich oft auf einer Bank und sah die großen Schiffe vorbeifahren, oder ich legte mich auf den Rücken ins Gras und sah zu den Sternen hinauf, die noch viel weiter weg waren als die Lichter von Staten Island. Selbst in den wärmsten, dunstigsten Sommernächten zogen mich die Sterne in ihren Bann. Orion war das erste Sternbild, das ich kennenlernte. Ich starrte auf seine zwei hellen Sterne, Rigel blau und Beteigeuze rot, und fragte mich, ob da oben auch jemand war, der zu mir heruntersah.

Fans schreiben oft von einem „sense of wonder“ und streiten sich darüber, wie er zu definieren sei. Für mich ist der sense of wonder das Gefühl, das mich überkam, als ich im Gras neben dem Kill van Kull lag und über das Licht der fernen Sterne sinnierte. Sie ließen mich immer ganz groß und ganz klein erscheinen. Es machte mich sehr traurig, aber gleichzeitig fühlte ich mich seltsam berührt und auch ein bißchen erhaben.

Die Science Fiction kann mir dieses Gefühl ebenfalls geben.

Meine früheste Berührung mit der SF fand vor dem Fernseher statt. Meine Generation war die erste, die von der Glotze erzogen wurde. Wir hatten vielleicht nicht die Sesamstraße, aber wir hatten unter der Woche Ding Dong School, Hoody Doody am Samstagmorgen und jeden Tag Zeichentrickserien. Bei Andy’s Gang zupfte Froggy der Gremlin seine magische Fiedel. Obwohl ich mir Gene Autry, Roy Rodgers und Hopalong Cassidy ansah, waren Cowboys eher das Ding meines Vaters. Ich zog Ritter vor: Robin Hood und Ivanhoe und Sir Lancelot. Aber an die Weltraumserien kam nichts heran.

Ich muss Captain Video auf dem Dumont-Sendernetzwerk gesehen haben, denn ich habe eine schwache Erinnerung an seinen Gegenspieler Tobor (Robot rückwärts gelesen, natürlich).

An Space Cadet kann ich mich nicht mehr erinnern; was ich von Tom Corbett weiß, stammt aus den Büchern von Carey Rockwell, die ich später gelesen habe. Flash Gordon habe ich auf jeden Fall mitbekommen, die TV-Show, nicht die Kinoserie. In einer Episode besucht Flash einen Planeten, dessen Bewohner am Tag gut sind und bei Nacht böse. Dieses Konzept fand ich so cool, das ich es in einige meiner frühesten Storyversuche einbaute.

Aber sie alle verblassten neben Rocky Jones, Space Ranger, die großartigste SF-Serie der frühen Fünfzigerjahre. Rocky hatte das tollste Raumschiff der Glotze, die schlanke silberfarbene Orbit Jet. Als die Orbit Jet in einer Episode zerstört wurde, war ich kaum noch zu trösten, aber glücklicherweise wurde sie in der nächsten Folge durch die Silver Moon ersetzt, die haargenau gleich aussah. Zur Crew zählten der ulkige Copilot, die affektierte Freundin, der oberlehrerhafte Professor und ein nervender kleiner Junge, aber es war auch Pinto Vortando an Bord. (Und jeder, der meint, Gene Roddenberry hätte irgendetwas Neues ins Fernsehen eingebracht, der sollte sich Rocky Jones ansehen. Hier ist schon alles da, außer Spock, der ohnehin mehr von D. C. Fontana geprägt wurde als von Roddenberry. Harvey Mudd ist Pinto Vortando, nur mit einer tieferen Tonlage.)

Die „Orbit Jet“ auf dem Weg nach Foranax

Die „Orbit Jet“ auf dem Weg nach Foranax

Wenn ich mir Raumfahrer und Außerirdische nicht im Fernsehen ansah, spielte ich mit ihnen zu Hause. Neben den üblichen Cowboys, Rittern und Grünen Armeesoldaten hatte ich auch ein Sammelsurium an Weltraumspielzeug: Strahlenpistolen, Raumschiffe und Hartplastikraumfahrer mit abnehmbaren durchsichtigen Helmen, die man immer verlor. Am besten waren die farbigen Plastikaliens, die es für einen Nickel pro Stück bei Woolworth oder Kresge’s in der Wühlkiste gab. Manche hatten große, geschwollene Gehirne, andere hatten vier Arme, wieder andere waren Spinnen mit Gesichtern oder Schlangen mit Armen und Köpfen. Mein Lieblingsbursche besaß einen winzigen Kopf und eine winzige Brust auf einem riesigen behaarten Unterkörper. Ich gab ihnen allen Namen und machte sie zu einer Bande von Raumpiraten, angeführt von dem bösartigen Marsianer mit dem großen Hirn, den ich Jarn nannte und der nicht annähernd so freundlich war wie Pinto Vortando. Natürlich erträumte ich mir endlose Geschichten ihrer Abenteuer und versuchte sogar, die eine oder andere aufzuschreiben.

Science Fiction gab es natürlich auch im Kino. Ich sah Formicula und Kampf der Welten und Der Tag, an dem die Erde stillstand und Metaluna IV antwortet nicht und Endstation Mond. Und Alarm im Weltall, der alle anderen in den Schatten stellte. Hätte ich damals nur geahnt, dass ich im DeWitt Theatre meine erste Dosis Shakespeare durch Dr. Morbius und Robby the Robot verabreicht bekam.

„Alarm im Weltall“ („Forbidden Planet“): Landung des Raumschiffs C-57D auf Altair 4.

„Alarm im Weltall“ („Forbidden Planet“): Landung des Raumschiffs C-57D auf Altair 4.

Die Mehrzahl meiner Bilderheftchen war auch irgendwie Science Fiction. Superman stammte von einem anderen Planeten, oder etwa nicht? Er kam mit einem Raumschiff zur Erde – geht’s noch SF-mäßiger? Der Martian Manhunter kam vom Mars, die Grüne Laterne bekam ihren Ring von einem notgelandeten Alien, und Flash und Atom erlangten ihre Superkräfte im Labor. Die Comics boten auch lupenreine Space Opera. Da gab es den Space Ranger (mein Favorit), Adam Strange (der Favorit von allen anderen), Tommy Tomorrow (niemandes Favorit) und diesen Burschen, der ein Weltraumtaxi auf den Weltraumfreeways fuhr … Da gab es die Atomic Knights, Post-Holocaust-Helden, die über radioaktive Ödländer patrouillierten und dabei auf riesigen mutierten Dalmatinern ritten … und auf etwas höherem Niveau die wundervollen Adaptionen von Krieg der Welten und Die Zeitmaschine in den Illustrierten Klassikern, die mich in das Werk von H. G. Wells einführten.

Aber das war alles nur der Auftakt. Als ich zehn Jahre alt war, schenkte eine Jugendfreundin meiner Mutter, Lucy Antonsson, mir zu Weihnachten ein Buch. Kein Comicheft, sondern ein richtiges Buch, die Hardcover-Ausgabe von Robert A. Heinleins Have Space Suit, Will Travel (Raumjäger).

Robert A Heinlein Have Space Suit Will Travel Emshwiller 1

Ich war zunächst ein wenig misstrauisch, aber mir gefielen Ritter in ihren Rüstungen, und der Titel schien eine Art Weltraumritter zu verheißen. Ich nahm es mit nach Hause und begann zu lesen, über diesen Jungen namens Kip, der in einer Kleinstadt lebte und noch nie irgendwo hingekommen war, genau wie ich. Manche Kritiker haben Citizen of the Galaxy (Bewohner der Milchstraße) als Heinleins bestes Jugendbuch bezeichnet. Citizen of the Galaxy ist ein gutes Buch. Das trifft auch auf Tunnel in the Sky (Tunnel zu den Sternen), Starman Jones (Abenteuer im Sternenreich), Time for the Stars (Von Stern zu Stern) und viele der anderen zu … aber Have Space Suit, Will Travel überragt sie alle. Kip und Peewee, Ace und die Milchbar, der alte Raumanzug (ich konnte ihn förmlich riechen), Mütterchen und die Wurmgesichter, der Marsch über den Mond, die Gerichtsverhandlung in der Kleinen Magellan’schen Wolke mit dem Schicksal der Menschheit auf Messers Schneide. „Das stolzeste menschliche Streben ist es, beim Versuch zu sterben.“ Was konnte da mithalten?

Nichts.

Für einen zehnjährigen Jungen im Jahr 1958 war Have Space Suit, Will Travel Crack mit einem Cover von Ed Emshwiller. Ich musste mehr davon haben.

Innenillustration von Ed Emshwiller aus „Have Space Suit, Will Travel“: Der Marsch von Kip und Peewee über den Mond.

Innenillustration von Ed Emshwiller aus „Have Space Suit, Will Travel“: Der Marsch von Kip und Peewee über den Mond.

 

Cover von Ed Emshwiller für eine Magazinausgabe von „Have Space Suit, Will Travel“: Clifford „Kip“ Russell in seinem Raumanzug „Oscar“ und die kleine Peewee mit ihrer Puppe „Madame Pompadour“.

Cover von Ed Emshwiller für eine Magazinausgabe von „Have Space Suit, Will Travel“: Clifford „Kip“ Russell in seinem Raumanzug „Oscar“ und die kleine Peewee mit ihrer Puppe „Madame Pompadour“.

Ich konnte mir natürlich keine Hardcover leisten. Have Space Suit, Will Travel hatte 2,95 $ gekostet – das stand jedenfalls innen auf dem Schutzumschlag … aber die Taschenbücher in dem Drehständer im Süßwarenladen auf dem Kelly Parkway kosteten nur 35 Cents, so viel wie dreieinhalb Bilderheftchen. Wenn ich nun nicht so viele Comics kaufte und ab und zu mal auf ein Milky Way verzichtete, konnte ich das Geld notfalls zusammenkratzen. Also sparte ich meine Dimes und Nickels, stieg bei ein paar Comicserien aus, die ich nicht ganz so toll fand, spielte weniger Skeeball, mied die Wagen der Eisverkäufer, wenn sie in unsere Straße kamen – und begann Taschenbücher zu kaufen.

Welten taten sich auf, Universen öffneten sich mir. Ich kaufte jeden Heinlein, den ich fand; seine Bücher für „Erwachsene“, wie The Man Who Sold the Moon (Der Mann, der den Mond verkaufte) und Revolt in 2100 (Revolte im Jahr 2100), weil seine Jugendbücher einfach nicht aufzutreiben waren. RAH war der „Großmeister“ der Science Fiction, wie auf den Rückeiten zu lesen stand. Und wenn er der Großmeister war, dann musste er der Beste sein. Auf Jahre hinaus blieb er mein Lieblingsschriftsteller und Have Space Suit, Will Travel mein Lieblingsbuch … bis zu dem Tag, an dem ich Puppet Masters (Weltraummollusken erobern die Erde) las.

Ich scheute auch vor anderen Autoren nicht zurück und stellte fest, dass ich manche fast genauso mochte wie RAH. Ich liebte Andrew North, der sich als die wunderbare Andre Norton entpuppte. Was sind schon Namen? Andrews Plague Ship (Gefährliche Landung) faszinierte mich genauso wie Andres Star Guard (Die Rebellen von Terra). A. E. van Vogt hatte unglaublichen Drive, besonders Slan (Slan), obwohl ich mir bei ihm nie ganz im Klaren war, was wer wem antat und warum. Jerry Sohl zog mich mit One Against Herculum (Rebellion auf Herculum) in seinen Bann und entführte mich auf eine Welt, wo man seine Verbrechen der Polizei melden musste, bevor man sie begangen hatte. Eric Frank Russell schoss an die Spitze meiner Hitliste, als mir Space Willies (Plus X) in die Finger fiel, das lustigste Buch, das ich bis dahin gelesen hatte.

Ich kaufte Bücher von Signet und Gold Medal und all den anderen Verlagen, aber die Ace Doubles waren meine Lieblingsreihe. Zwei ungekürzte Romane, Rücken an Rücken und verkehrt herum gedruckt, mit zwei Titelbildern, und alles zum Preis von einem. Wilson Tucker, Alan Nourse, John Brunner, Robert Silverberg, Poul Anderson – The War of the Wing-Men (Die Rasse der Flügelmenschen) war so gut, dass es die Vorherrschaft von Have Space Suit, Will Travel gefährdete. Damon Knight, Philip K. Dick, Edmond Hamilton und der glorreiche Jack Vance; ich lernte sie alle durch diese handlichen Taschenbücher mit den rotblauen Rücken kennen. Tommy Tomorrow und Rocky Jones waren Mist dagegen. Das hier war das echte Zeug. Ich saugte es in mich auf und kippte noch einen nach.

(Später stieß ich auch auf Robert E. Howard, H. P. Lovecraft und J. R. R. Tolkien, aber ich spare mir diese Entdeckungen für meine anderen Kommentare auf.)

Ich sammelte Science Fiction nach Autoren, aber auch nach ihren unterschiedlichen Gebieten: „Aliens unter uns“, „Wenn das so weitergeht“, Zeitreisen, Alternativwelten, „Nach dem großen Knall“, Utopien und Dystopien. Später, als Schriftsteller, würde ich viele dieser Subgenres wieder aufsuchen, aber es gab einen Typus Science Fiction, den ich über alles liebte, als Leser und später auch als Schriftsteller. Ich wurde in Bayonne geboren und wuchs dort auf und kam nie aus der Stadt heraus, und meine liebsten Bücher und Geschichten waren die, die mich über die Hügel trugen und weit, weit weg, in unbekannte Länder, wo das Licht der fernen Sterne auf mich fiel.

Die sechs Geschichten, die ich für dieses Kapitel [„Das Licht der fernen Sterne“] ausgewählt habe, fallen alle in diese Kategorie. In den Siebzigern und Achtzigern habe ich wirklich eine Menge Science Fiction geschrieben, aber die nachfolgenden zählen zu meinen liebsten. Sie spielen auch alle in einem gemeinsamen Universum, sind Teil der lockeren „Geschichte der Zukunft“, die den Hintergrund eines Großteils meiner SF-Erzählungen stellt.

(„Run to Starlight“ und „A Peripheral Affair“ sind allerdings Teil einer anderen Zeitlinie, die beiden „Star-Ring“-Storys wieder einer anderen, und die „Corpse“-Storys Teil einer dritten. „Fast Friend“ steht für sich allein, wie auch eine ganze Anzahl meiner anderen Erzählungen. Ich habe aber nicht die Absicht, diese Waisenkinder nachträglich in meine „Geschichte der Zukunft“ zu zwängen. So etwa geht immer schief.)

Meine eigentliche „Geschichte der Zukunft“ beginnt mit „Der Held“ und erreichte ihre vollste Ausarbeitung in meinem ersten Roman, „Die Flamme erlischt“. Ich hatte nie einen Namen für sie, jedenfalls keinen griffigen. In „Die Steinstadt“ prägte ich den Begriff „manrealm“ und benutzte ihn als generelle Bezeichnung für die Geschichte, analog zu Larry Nivens „Known Space“. Später kam ich auf „Die tausend Welten“. Das klang besser und hätte mir viel Platz für weitere Planeten verschafft, die ich nach Belieben hätte erfinden können… ganz zu schweigen von den 992 Welten Vorsprung, die ich dann auf John Varley und seine „Acht Welten“ hatte. Aber zu jener Zeit nahm meine Karriere einen anderen Verlauf, und der Name war nicht mehr so wichtig.

„Abschied von Lya“ [auch „Ein Lied für Lya“] ist die älteste der sechs Geschichten in diesem Kapitel. Sie entstand 1973 während meiner VISTA-Zeit, als ich auf der Margate Terrace, im Stadtteil Uptown in Chicago lebte, mir mit einigen Schachfreunden ein Apartment im dritten Stock teilte und für die Cook County Legal Assistance Foundation arbeitete. Ich war auch mitten in der ersten ernsten Beziehung meines Lebens; ich war zwar nicht das erste Mal verliebt, aber sicherlich war es das erste Mal, dass meine Gefühle erwidert wurden. Diese Beziehung wurde zum Dreh- und Angelpunkt für „Lya“; ohne sie wäre ich der sprichwörtliche Blinde gewesen, der einen Sonnenuntergang beschreibt. „Abschied von Lya“ war bis dahin auch meine längste Geschichte, meine erste Novelle. Als ich mit ihr fertig war, wusste ich, dass ich endlich „Am Morgen fällt der Nebel“ und „Die Zweite Stufe der Einsamkeit“ von vor zwei Jahren übertroffen hatte. Das war das Beste, was ich je geschrieben hatte.

Analog war zu meinem Hauptabsatzmarkt geworden, deshalb schickte ich sie an Ben Bova, der sie auf der Stelle kaufte. Terry Carr und Donald A. Wollheim wählten sie beide für ihre konkurrierenden Best of the Year-Anthologien aus, und sie wurde für den Nebula und den Hugo nominiert. Robert Silverberg hatte im selben Jahr auch eine starke Novelle im Rennen, „Born With the Dead“, und am Ende teilten wir uns die Meriten. Silverberg besiegte mich beim Nebula, aber auf dem WeltCon 1975 in Melbourne, Australien, nahm Ben Bova den Hugo für „Abschied von Lya“ in Empfang.

Währenddessen befand ich mich in Chicago im Tiefschlaf. Ein Flug nach Australien hätte mich zur damaligen Zeit finanziell überfordert. Abgesehen davon hatte Silverberg bereits den Nebula und den Locus Poll gewonnen, und ich war mir ganz sicher, er würde drei auf einen Streich einheimsen.

Erst nach Monaten konnte ich Hand an die Rakete legen. Auf seinem Weg nach Hause kam Ben Bova durch Minneapolis und gab sie Gordon R. Dickson, der sie Joe Haldeman überreichte, als sich die beiden das nächste Mal sahen, woraufhin dieser sie nach Iowa City mitnahm und sie mir schließlich auf einem Con in Chicago überreichte. Als ich das nächste Mal mit Gardner Dozois zusammentraf, warf er mich aus dem Hugo Losers Club. Robert Silverberg kündigte seinen Rückzug aus der Science Fiction an. Ich fühlte mich schuldig, weil ich ein großer Fan von dem war, was er zu jener Zeit schrieb … aber nicht so schuldig, dass ich ihm meinen Hugo geschickt hätte, als ich ihn endlich Joe Haldemans Händen entrissen hatte.

Als ich 1974 „Ein Turm aus Asche“ schrieb, hatten sich meine Lebensumstände gravierend verändert. Mein Ersatzdienst bei VISTA war vorbei, und ich organisierte an den Wochenenden Schachturniere, um meine Schreibeinkünfte aufzubessern. Ich hatte mit dem Roman angefangen, der später zu „Die Flamme erlischt“ wurde, das Manuskript aber beiseite gelegt, und es würde zwei Jahre dauern, bevor ich mich wieder dranwagte. Meine große Liebe hatte mich verlassen und war mit einem meiner besten Freunde abgezogen. Diese Wunde war noch frisch und blutete schrecklich, da verliebte ich mich erneut, diesmal in eine Frau, mit der ich so viele Gemeinsamkeiten hatte, dass ich dachte, ich würde sie schon mein ganzes Leben lang kennen. Aber diese Beziehung war fast schon zu Ende, bevor sie begonnen hatte, quasi über Nacht, als sie sich in jemand anders verknallte.

Das Ergebnis war „Ein Turm aus Asche“. Ben Bova kaufte die Story für Analog, publizierte sie jedoch in Analog Annual, einer Originalanthologie vom Taschenbuchverlag Pyramid. Die Idee dahinter war, Taschenbuchleser für das Magazin zu begeistern. Ob das funktionierte oder nicht, kann ich nicht sagen, aber mir wäre es lieber gewesen, wenn meine Geschichte im Magazin Analog veröffentlicht worden wäre. Eine Lektion habe ich am Anfang meiner Karriere gelernt, und sie gilt auch heute noch: Eine Kurzgeschichte gehört in ein Magazin. Wenn jemand außer Ben Bova „Ein Turm aus Asche“ gelesen hat, soll er sich bei mir melden.

[Einschub Lichtschwert: „Ich, ich ich!“]

„Das bleiche Kind mit dem Schwert“ [„Teufel, die Engel heißen“] wurde 1974 geschrieben und 1975 publiziert. Das brachte mir mein zweites Analog-Cover in diesem Jahr ein (ein paar Monate vorher hatte ein fantastisches Cover von Jack Gaughan, „The Storms of Windhaven“, eine Zusammenarbeit von Lisa Tuttle und mir, veredelt), einen echten Kracher von John Schoenherr, den ich besser gekauft hätte.

Jack Gaughan analog The Storms of Windhaven

Die Stählernen Engel waren meine Antwort auf Gordy Dicksons Dorsai, obwohl der Begriff „Stahlengel“ aus einem Song von Kristofferson stammt. Deren Gott, das „bleiche Kind mit dem Schwert“, kam aus einer fernen, dubiosen Vergangenheit. Er war einer der dunklen Götter aus dem Mythos um Dr. Weird, erahnt in „Nur Kinder fürchten sich im Dunkeln“. Der Originaltitel „And Seven Times Never Kill Man“ stammt natürlich aus Kiplings Dschungelbuch.

John Schoenherr analog And Seven Times Never Kill Man

Später haben andere Autoren, allesamt Kipling-Fans, ihrem Missfallen darüber Ausdruck verliehen, dass sie nicht zuerst auf die Idee gekommen waren.

„Das bleiche Kind mit dem Schwert“ wurde für den Hugo als Best Novelette 1974 nominiert. „The Storms of Windhaven“ stand als Best Novella gleich daneben. Auf „BigMac“, dem World-Con 1976 in Kansas City, verloren beide Geschichten innerhalb von Minuten (Erstere gegen Larry Niven, der seinen Hugo fallen ließ, der auch prompt zerbrach. Letztere gegen Roger Zelazny). Am Abend danach, unterstützt von Gardner Dozois und mit einer Magnumflasche Weißwein bewaffnet, die bei einer anderen Party übrig geblieben war, veranstaltete ich die erste Hugo-Losers-Party in meinem Zimmer im Muehlenbach Hotel. Das war die beste Party der Convention, und in den drauffolgenden Jahren wurde das zur Tradition, obwohl kürzlich einige Vögel, die nichts mit Ironie am Hut haben, die Veranstaltung in „Hugo-Nominees-Party“ umtaufen wollten.

„Die Steinstadt“ wurde zuerst in New Voices in Science Fiction publiziert, einer Hardcover-Anthologie, die ich 1977 für MacMillan herausgab, aber die Wurzeln reichten zurück bis zum WorldCon 1973 in Toronto. John W. Campbell jr., der langjährige Herausgeber von Analog und Astounding, war 1971 gestorben, und der Verlag, Condé Nast, hatte zu seinen Ehren einen neuen Preis ausgerufen, mit dem der beste neue Autor der letzten beiden Jahre ausgezeichnet werden sollte. Als der Preis zum ersten Mal vergeben wurde, war ich auf der Nominiertenliste, neben Lisa Tuttle, George Alec Effinger, Ruth Berman und Jerry Pournelle. Der Campbell wurde von den Fans gewählt und auf dem World Con in Toronto vor dem Hugo verliehen. Wenn es auch kein Hugo war, hatte er doch fast genauso viel Bedeutung.

Meine Nominierung überraschte mich, aber ich war glücklich und begeistert, obwohl meine Chancen auf den Gewinn gering waren. De facto waren sie gleich null. Pournelle holte sich den ersten Campbell-Award, aber Effingers zweiter Platz war so knapp, dass die Con-Veranstalter ihn mit einer Plakette trösteten. So etwas habe ich nur einmal erlebt. Wie ich abgeschnitten habe, weiß ich nicht, aber damals galt für mich das alte Klischee: Dabei sein ist alles.

Danach, auf irgendeiner Party, erzählte ich zwei Herausgebern namens Dave, dass es doch eine Anthologie für diesen neuen Preis geben müsse, genau wie für den Hugo und den Nebula. Ich hatte natürlich einen Verkauf im Sinn, damals, 1973. Für mich war das zu dieser Zeit außerordentlich wichtig. Zu meiner grenzenlosen Überraschung stimmten mir beide Herausgeber namens Dave zu, dass es eine tolle Idee sei, aber ich müsse die Anthologie selbst zusammenstellen. „So etwas habe ich noch nie gemacht“, warf ich ein.

„Dann ist es jetzt dein erstes Mal“, erwiderten sie.

Und das war es. Ich brauchte ein Jahr, um New Voices zu verkaufen (an eine Herausgeberin namens Ellen), und zwei weitere, bis ich alle versprochenen Geschichten zusammen hatte. Aus diesem Grund erschien die Anthologie mit den John W. Campbell Award Nominees erst im Jahre 1977.

Mit einem Autor hatte ich aber überhaupt keine Probleme. Da ich einer der Finalisten war, konnte ich eine Geschichte an mich selbst verkaufen.

Es ist zwar ein schönes Gefühl der Freiheit, wenn man weiß, dass der Herausgeber deine Geschichte nicht ablehnen wird, aber es setzt einen auch unter einen gewissen Druck. Man will ja schließlich nicht, dass der Leser denkt, man habe da eine alte Kamelle aus der Schublade gezogen.

„Die Steinstadt“ war die Geschichte, die aus dieser Freiheit und dem Druck erwuchs. Obgleich eine Kernstory meiner Geschichte der Zukunft, ist sie auch ein wenig subversiv. Ich wollte sie mit einem Dressing à la Lovecraft überziehen, eine Prise Kafka dazugeben und unterschwellig darauf hindeuten, dass Vernunft und Kausalität, ja die Naturgesetze selbst zusammenbrechen, wenn man weit genug von zu Hause weg ist. Und doch ist „Die Steinstadt“ diejenige meiner Geschichten, die die Sehnsüchte des kleinen Jungen am besten einfängt, der neben dem Kill van Kull im Sommergras liegt und zum Orion hochstarrt. Wahrscheinlich habe ich in keinem anderen Text die Weite des Weltraums oder diesen flüchtigen „sense of wonder“ besser heraufbeschworen.

1977 kam ein neues Science Fiction Magazin auf den Markt: Cosmos, herausgegeben von David G. Hartwell. David bat mich um eine Story, und dieser Bitte kam ich gern nach. Falls „Bitterblumen“ den Leser frösteln lässt, mag das auch daran liegen, dass es einer der ersten Texte war, die nach meinem Umzug nach Dubuque, Iowa, entstanden: Dort sind die Winter noch viel brutaler als diejenigen, die ich in Chicago überstand. Immer mal wieder lasse ich mich bei meinen Storys von Liedern inspirieren. Auch „Bitterblumen“ gehört dazu (Jeder, der mir sagen kann, welcher Song der Story zugrunde legt, gewinnt … rein gar nichts.) Hartwell fand die Story jedenfalls so gut, dass er sie zur Titelgeschichte der vierten Ausgabe von Cosmos machte. Unglücklicherweise war die vierte Ausgabe von Cosmos auch die letzte Ausgabe von Cosmos. (Ich war nicht schuld daran.)

Jack Gaughan Bitterblooms

Im Frühjahr 1976 war ich nach Dubuque gezogen, um an einem kleinen katholischen College für Mädchen Journalismus zu lehren. Obwohl es mit mir als Autor aufwärtsging, verdiente ich immer noch nicht genug, um vom Schreiben leben zu können. Mit den Schachturnieren war auch nicht mehr viel Staat zu machen. Darüber hinaus hatte ich 1975 geheiratet und musste meine studierende Frau unterstützen. Die Stellung am Clarke College kam daher wie gerufen. Ich würde ja nur zwei oder drei Stunden am Tag Vorlesungen halten, höchstens vier. Daher konnte ich den halben Tag lang meine Geschichten schreiben, oder etwa nicht?

Jeder, der einmal eine Lehrstelle innehatte, lacht sich jetzt kaputt. In Wahrheit muss ein Lehrer viel mehr Zeit aufwenden, als es den Anschein hat. Es stimmt schon, man ist nur wenige Stunden am Tag im Klassenzimmer … aber die Stunden müssen vorbereitet werden, man muss an Konferenzen teilnehmen, Arbeiten benoten, Studenten beraten, Referate korrigieren und vieles mehr.

Als Journalismuslehrer wurde von mir obendrein erwartet, mich um die Schulzeitung, The Courier, zu kümmern. Das machte zwar großen Spaß, brachte mich aber auch in endlose Schwierigkeiten mit den Nonnen, da ich nicht den Zensor spielen wollte.

Schnell wurde mir klar, dass ich während der Schulzeit nicht die Zeit und auch nicht die Energie zum Schreiben hatte. Wenn ich etwas zu Papier bringen wollte, musste ich die langen Sommerferien und die kürzeren zu Weihnachten und Ostern nutzen.

Die Weihnachtsferien im Winter 1978-79 war die produktivste Phase während meiner Jahre am Clarke. In wenigen Wochen stellte ich drei sehr unterschiedliche Storys fertig. „Der Weg von Kreuz und Drachen“ war Science Fiction, „Der Eisdrache“ märchenähnliche Fantasy, und „Sandkönige“ verschmolz einen SF-Hintergrund mit einem Horrorplot. Alle drei Geschichten sind in dieser Retrospektive enthalten. „Sandkönige“ und „Der Eisdrache“ werden in einem späteren Kapitel kommen. [Anm. v. Lichtschwert: sie sind in „Traumlieder II“ drin.]

„Der Weg von Kreuz und Drachen“ ist mit Sicherheit meine katholischste Geschichte. Ich bin zwar römisch-katholisch erzogen worden und besuchte eine katholische Prep School, aber in meinem zweiten Jahr an der Northwestern kehrte ich der Religion den Rücken. Am Clarke jedoch, umgeben von Nonnen und katholischen Mädchen, dachte ich lange darüber nach, was wohl aus der Kirche draußen zwischen den Sternen werden würde.

Ben Bova hatte kurz zuvor Analog verlassen und war bei Omni, einem neuen Magazin im Illustriertenformat, Kurzgeschichtenredakteur geworden. „Der Weg von Kreuz und Drachen“ war mein erster Verkauf an diesen neuen Markt. Die Geschichte wurde für den Hugo und den Nebula nominiert, verlor Letzteren an Edward Bryants „giAnts“, gewann aber Ersteren als Best Short Story 1979 … am selben Abend, als „Sandkönige“ in der Kategorie „Best Novelette“ auf dem Noraescon 2 in Boston das Rennen machte.

Mein zweiter und mein dritter Hugo, und weil Boston ein gutes Stückchen näher lag als Australien, war ich tatsächlich dort und nahm die beiden in Empfang. An diesem Abend marschierte ich mit einer Rakete in jeder Hand und einem breiten Grinsen im Gesicht auf die Hugo-Losers-Party. Gardner Dozois sprühte mir Sahne ins Gesicht. Dann feierte ich die halbe Nacht mit meinen Freunden und ging dann später mit einer schönen Frau aufs Zimmer. (Zu der Zeit war ich schon glücklich geschieden.) Wir liebten uns, während die Sterne durch das Fenster schienen und uns in ihrem Licht badeten.

Solche Nächte sind kaum zu übertreffen.

GRRM in den späten 1970ern (aus dem Sammelband „Die zweite Stufe der Einsamkeit“, Original 1976, dt. 1982)

GRRM in den späten 1970ern (aus dem Sammelband „Die zweite Stufe der Einsamkeit“, Original 1976, dt. 1982)

* * *

Martin_GRRTraumlieder_149347

Inhalt von „Traumlieder I“ (autobiographische Kapitel in Blockschrift, Geschichten aus dem Manrealm- oder Tausend-Welten-Kosmos mit * gekennzeichnet):

EIN VIERFARB-FANBOY

Nur Kinder fürchten sich im Dunkeln
Die Festung
Tod war sein Vermächtnis

DER SCHMUTZIGE PROFI

Der Held*
Die Ausfahrt nach San Breta
Die zweite Stufe der Einsamkeit
Am Morgen fällt der Nebel (Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel)*

DAS LICHT DER FERNEN STERNE

Abschied von Lya*
Ein Turm aus Asche*
Das bleiche Kind mit dem Schwert (Teufel, die Engel heißen)*
Die Steinstadt*
Bitterblumen*
Der Weg von Kreuz und Drachen*

Als Leseprobe und wegen der offenkundigen Bezüge zu GRRMs Sternenträumereien als Junge am Kill van Kull füge ich hier noch den Anfang von „Ein Turm aus Asche“ an:

EIN TURM AUS ASCHE

Mein Turm ist aus Mauersteinen erbaut, kleinen, rußgrauen Mauersteinen, verbunden durch eine schimmernd schwarze Mörtelsubstanz, die meinem unkundigen Auge auf sonderbare Weise wie Obsidian erscheint, obwohl es ganz offensichtlich kein Obsidian sein kann. Er steht an einem Arm der Dürren See, sieben Meter hoch und absackend, der Waldrand ist nur Meter entfernt.

Ich fand den Turm vor fast vier Jahren, als Squirrel und ich Port Jamison mit dem silbrigen Flugwagen verließen, der jetzt ausgebrannt und überwachsen im Unkraut vor meiner Türschwelle liegt. Bis heute weiß ich fast nichts über das Bauwerk, aber ich habe meine Theorien.

Zum einen glaube ich nicht, dass der Turm für Menschen erbaut wurde. Er ist eindeutig älter als Port Jamison, und, wie ich oft denke, als der menschliche Raumflug. Die Mauersteine (die seltsam klein sind, weniger als ein Viertel der Größe normaler Ziegelsteine) sind verbraucht und verwittert und alt, und sie zerbröckeln unter meinen Füßen. Überall ist Staub, und ich weiß, woher er kommt, denn mehr als einmal habe ich von der Brüstung am Dach einen Stein herausgestemmt und ihn beiläufig zu dünnem, schwarzem Pulver zerdrückt. Ich habe ihn in meiner bloßen Faust zerdrückt. Wenn von Osten der Salzwind heranweht, lässt der Turm einen Helmbusch aus Asche flattern.

Im Inneren sind die Mauersteine in besserem Zustand, da Wind und Regen sie nicht so stark angegriffen haben, aber trotzdem ist der Turm alles andere als angenehm. Das Innere ist ein einziger Raum voll Staub und Echos, ohne Fenster; das einzige Licht kommt von der kreisrunden Öffnung in der Dachmitte. Eine Wendeltreppe, aus dem gleichen Mauerwerk wie das übrige, ist Teil der Wand. Sie führt im Kreis herum und immer wieder herum, wie das Gewinde einer Schraube, bis sie Dachhöhe erreicht. Squirrel, der für eine Katze ziemlich klein ist, bewältigt die Treppe mühelos, aber für Menschenfüße ist sie eng und unbequem.

Aber trotzdem steige ich sie hinauf. Jede Nacht komme ich aus den kühlen Wäldern zurück, die Pfeile sind schwarz vom verkrusteten Blut der Traumspinnen, der Beutel ist schwer von ihren Giftsäcken, und ich stelle den Bogen weg und wasche mir die Hände und steige dann zum Dach hinauf, um die letzten Stunden bis zur Morgendämmerung zu verbringen. Auf der anderen Seite der schmalen Salzrinne brennen die Lichter von Port Jamison auf der Insel, und von dort oben ist es nicht die Stadt meiner Erinnerung. Nachts sind die kantigen schwarzen Gebäude in ein romantisches helles Leuchten gehüllt; die Lichter, ganz rauchiges Orangerot und gedämpftes Blau, sprechen von Rätseln und stummem Leid und mehr als ein wenig Einsamkeit, während die Sternenschiffe vor den Sternen steigen und stürzen wie die unermüdlich schwirrenden Glühwürmchen meiner Kindheit auf der Alten Erde.

„Es gibt Geschichten dort drüben“, sagte ich einmal zu Korbec, bevor ich es besser wusste. „Hinter jedem Licht sind Leute, und jede Person hat ein Leben, eine Geschichte. Nur führen sie alle ihr Leben, ohne uns je zu berühren, so daß wir die Geschichten nie erfahren werden.“ Ich glaube, dass ich dann gestikulierte; ich war natürlich ziemlich betrunken.

Korbec antwortete mit einem Lächeln, das seine Zähne entblößte, und einem Kopfschütteln. Er war ein mächtiger, dunkler, schwerer Mann mit einem Bart wie aus verknotetem Draht. Jeden Monat kam er in seinem verbeulten schwarzen Flugwagen aus der Stadt, um mir das, was ich zum Leben brauchte, zu bringen und das Gift abzuholen, das ich gesammelt hatte, und jeden Monat stiegen wir zum Dach hinauf und betranken uns. Ein Lastwagenfahrer, mehr war Korbec nicht; ein Verkäufer verbilligter Träume und gebrauchter Regenbogen. Aber er bildete sich ein, er sei ein Philosoph und Menschenkenner.

„Machen Sie sich nichts vor“, sagte er damals zu mir. „Ihnen entgeht überhaupt nichts. Das Leben ergibt miserable Geschichten, wissen Sie. Richtige Geschichten dagegen, die haben meistens eine Handlung. Sie fangen an und laufen so ein bißchen, und wenn sie aufhören, sind sie vorbei, außer es schreibt einer Fortsetzungen. Im Leben gibt es das nicht, die Leute laufen nur so herum und schwätzen und machen immer weiter. Da hört nie etwas auf.“

„Die Leute sterben“, sagte ich. „Das ist Ende genug, möchte ich meinen.“

Korbec gab ein lautes Geräusch von sich. „Sicher, aber haben Sie schon mal erlebt, dass einer zur rechten Zeit stirbt? Nein, kommt nicht vor. Die einen kippen um, bevor ihr Leben so richtig angefangen hat, die anderen mitten in ihrer besten Zeit. Andere treiben sich noch herum, nachdem alles schon lange vorbei ist.“

Wenn ich oben allein sitze, Squirrel warm auf meinem Schoß, ein Glas Wein neben mir, denke ich oft an Korbecs Worte und an die schwerfällige Art, wie er sie aussprach; seine rauhe Stimme war seltsam sanft. Er ist kein kluger Mann, dieser Korbec, doch in jener Nacht, glaube ich, sagte er etwas Wahres, vielleicht, ohne es selbst zu wissen. Aber der ermattete Realismus, den er mir damals anbot, ist das einzige Gegenmittel, das es gegen die Träume gibt, die von Spinnen gewoben werden.

Aber ich bin nicht Korbec, noch kann ich es sein, und während ich seine Wahrheit erkenne, kann ich sie doch nicht leben.

Am späten Nachmittag war ich im Freien, um Zielschießen zu üben, und trug nichts als meinen Köcher und eine Hose mit abgeschnittenen Beinen, als sie kamen. Es wurde schon dunkel, und ich machte mich locker für meinen nächtlichen Ausflug in den Wald – selbst in dieser frühen Zeit lebte ich schon von der Abend- bis zur Morgendämmerung, wie die Spinnen es tun. Das Gras fühlte sich gut an meinen nackten Sohlen an, der doppelt geschweifte Silberholzbogen in meiner Hand noch besser, und ich schoss treffsicher.

Dann hörte ich sie kommen. Ich blickte über die Schulter zum Ufer und sah den dunkelblauen Flugwagen am östlichen Himmel rasch größer werden. Gerry, natürlich, das erkannte ich am Geräusch; sein Flugwagen gab schon seltsame Laute von sich, seit ich ihn kannte.

Ich drehte ihnen den Rücken zu, spannte ganz ruhig die Sehne und traf ins Schwarze.

Gerry landete im Unkraut vor dem Sockel des Turms, ganz in der Nähe meines Flugwagens. Crystal war bei ihm schlank und ernst, ihr langes goldenes Haar schimmerte rötlich in der Nachmittagssonne. Sie stiegen aus und kamen auf mich zu.

„Stellt euch nicht in die Nähe der Zielscheibe“, sagte ich, während ich den nächsten Pfeil einlegte und den Bogen spannte. „Wie habt ihr mich gefunden?“ Das Schwirren des Pfeils in der Zielscheibe untermalte meine Frage.

Sie machten einen weiten Bogen um meine Schussbahn.

„Du hast einmal erwähnt, du hättest diese Stelle von der Luft aus entdeckt“, sagte Gerry, „und wir wussten, dass du nirgends in Port Jamison warst. Ein Versuch schien sich zu lohnen.“ Er blieb einen Meter vor mir stehen, die Hände auf den Hüften; er sah genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte: groß, schwarzhaarig und in sehr guter körperlicher Verfassung. Crystal trat zu ihm heran und legte eine Hand leicht auf seinen Arm.

Ich ließ den Bogen sinken und drehte mich zu ihnen um.

„Also gut, ihr habt mich gefunden. Warum?“

„Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, Johnny“, sagte Crystal leise. Aber als ich sie ansah, wich sie meinem Blick aus.

Gerry legte den Arm um ihre Hüfte, ganz besitzergreifend, und in mir flammte etwas auf. „Davonlaufen ist noch nie eine Lösung gewesen“, erklärte er mir. Seine Stimme war voll von dem eigenartigen Gemisch aus freundschaftlicher Sorge und herablassender Arroganz, mit dem er mir monatelang begegnet war.

„Ich bin nicht davongelaufen“, sagte ich gepresst. „Verdammt! Ihr hättet auf keinen Fall kommen sollen.“

Crystal sah Gerry tieftraurig an, und es war klar, dass sie plötzlich genau dasselbe dachte. Gerry zog nur die Brauen zusammen. Ich glaube nicht, dass er jemals begriffen hat, warum ich sagte oder tat, was ich sagte oder tat; sooft wir über das Thema sprachen, was nur selten vorkam, erklärte er mir mit vager Verwirrung, was er getan hätte, wenn unsere Rollen vertauscht gewesen wären. Es erschien ihm unendlich seltsam, dass irgend jemand in derselben Lage auch nur auf den Gedanken kommen konnte, etwas anderes zu tun.

Sein Stirnrunzeln berührte mich nicht, aber den Schaden hatte er schon angerichtet. In dem Monat meines selbst gewählten Exils am Turm hatte ich versucht, mit meinen Handlungen und Stimmungen ins Reine zu kommen, und es war alles andere als leicht gewesen. Crystal und ich waren lange Zeit zusammen gewesen – beinahe vier Jahre -, als wir auf Jamisons Welt kamen, auf der Fährte einzigartiger silberner und Obsidian-Artefakte, die wir auf Baldur entdeckt hatten. Ich hatte sie während der ganzen Zeit geliebt und liebte sie immer noch, selbst jetzt, nachdem sie mich wegen Gerry verlassen hatte. Wenn es mir gut ging, schien es mir, dass der Impuls, der mich aus Port Jamison vertrieben hatte, edel und uneigensüchtiger gewesen war. Ich wollte einfach, dass Crys glücklich war, und sie konnte dort mit mir nicht glücklich sein. Meine Wunden waren zu tief, und ich war nicht sonderlich geschickt darin, sie zu verbergen; meine Gegenwart legte den Dämpfer der Schuld auf die neugeborene Freude, die sie mit Gerry gefunden hatte. Und da sie es nicht ertragen konnte, einen radikalen Schnitt vorzunehmen, fühlte ich mich gezwungen, ihn selbst durchzuführen. Für sie beide. Für Crystal.

Das redete ich mir jedenfalls gern ein. Aber es gab Stunden, da schrumpfte das moralische Mäntelchen, dunkle Stunden voller Abscheu vor mir selbst. Waren das die wahren Gründe? Oder zielte ich nur darauf ab, mir in einem Anfall zorniger Unreife selbst wehzutun und sie damit zu bestrafen – wie ein trotziges Kind, das aus Rache mit Selbstmordgedanken spielt?

Ich wusste es nicht. Einen Monat lang war ich zwischen den beiden Meinungen hin und hergependelt, während ich mich bemühte, mich selbst zu verstehen und zu entscheiden, wie es weitergehen sollte. Ich wollte mich für einen Helden halten, entschlossen, dem Glück der Frau, die ich liebte, ein Opfer zu bringen. Aber Gerrys Worte machten deutlich, dass er das ganz und gar nicht so sah.

„Warum musst du immer alles so dramatisieren?“, fragte er mit störrischer Miene. Er war von Anfang an entschlossen gewesen, sehr zivilisiert zu sein, und schien sich fortwährend über mich zu ärgern, weil ich mich nicht zusammenreißen und meine Wunden heilen wollte, damit wir alle Freunde sein konnten. Nichts ärgert mich so sehr wie seine Verärgerung; ich glaubte, dass ich, wenn man alles in Betracht zog, mit der Situation recht gut fertigwurde, und nahm die Unterstellung übel, dass dem nicht so sei.

Aber Gerry hatte den Entschluß gefaßt, mich zu bekehren, und mein vernichtender Blick auf ihn war vergeudet.

„Wir werden hierbleiben und uns offen aussprechen, bis du bereit bist, mit uns nach Port Jamison zurückzufliegen“, erklärte er mit seinem entschiedensten „Jetzt-werde-ich-aber-grimmig“-Ton.

„Lass den Scheiß“, sagte ich, drehte mich abrupt um und riß einen Pfeil aus dem Köcher. Ich legte ihn ein, spannte und ließ los – viel zu schnell. Der Pfeil verfehlte das Ziel um fast einen halbem Meter und bohrte sich in das weiche, dunkle Mauerwerk meines zerfallenden Turms.

„Wo sind wir hier überhaupt?“, fragte Crys und starrte den Turm an, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Möglich, dass das zutraf – dass es des Anblicks meines im Stein steckenden Pfeils bedurfte, um sie auf das uralte Bauwerk aufmerksam zu machen. Aber eher war es wohl ein bewußter Themenwechsel, dazu bestimmt, den Streit zu dämpfen, der sich zwischen Gerry und mir anbahnte.

Ich ließ den Bogen wieder sinken und ging zur Zielscheibe, um die verschossenen Pfeile zu holen.

„Ich bin mir selbst nicht ganz sicher“, sagte ich etwas besänftigt und bemüht, ihr Stichwort aufzunehmen. „Ein Wachturm, glaube ich, nichtmenschlichen Ursprungs. Jamisons Welt ist nie gründlich erforscht worden. Es könnte hier einmal eine intelligente Rasse gegeben haben.“ Ich ging um die Zielscheibe herum zum Turm und riß den letzten Pfeil aus dem bröckelnden Mauerwerk. „Vielleicht gibt es sie immer noch. Wir wissen sehr wenig von den Dingen, die auf dem Festland vorgehen.“

Ein verdammt düsterer Aufenthaltsort, wenn du mich fragst“, warf Gerry ein und besah sich den Turm. „Könnte jeden Augenblick einstürzen, so wie das aussieht.“

Ich lächelte ihn gedankenverloren an. „Der Gedanke ist mir schon gekommen. Aber als ich hier eintraf, war mir das völlig gleichgültig.“

Ich bereute sofort, das gesagt zu haben; Crys zuckte merklich zusammen. Das war die ganze Geschichte meiner letzten Wochen in Port Jamison gewesen. Sosehr ich mich auch anstrengte, ich schien nur zwei Möglichkeiten zu haben: ich konnte lügen oder ihr wehtun. Beides behagte mir nicht, und so war ich hier. Aber sie waren auch da, und die ganze unmögliche Situation hatte sich wieder eingestellt.

Gerry hatte wieder einen Kommentar parat, aber loswerden konnte er ihn nicht. Im nächsten Augenblick kam nämlich Squirrel aus dem Unkraut gesprungen und lief auf Crystal zu.

Sie lächelte ihn an und kniete nieder, und dann war er bei ihr, leckte ihr die Hand und kaute an ihren Fingern. Squirrel war offensichtlich guter Dinge. Das Leben rund um den Turm gefiel ihm. In Port Jamison war sein Leben durch Crystals Ängste, es könnten ihn Gassenfaucher fressen oder Hunde jagen oder Kinder aufhängen, eingeengt gewesen. Hier draußen ließ ich ihn frei laufen, was ihm sehr viel mehr behagte. Das Gebüsch um den Turm war von Peitschenmäusen überlaufen, einheimischen Nagetieren mit unbehaartem Schwanz von der dreifachen Länge des Körpers. Der Schwanz stach ein bisschen, aber das störte Squirrel nicht, obwohl er jedes Mal, wenn er getroffen wurde, eine Schwellung bekam und missmutig reagierte. Es machte ihm Spaß, den ganzen Tag Peitschenmäuse zu jagen. Squirrel hatte sich immer schon für einen großen Jäger gehalten, und eine Schüssel Katzenfutter zu erbeuten, erfordert keine Geschicklichkeit.

Er war noch länger bei mir, als Crystal es gewesen war, aber während unserer gemeinsamen Zeit hatte sie ihn entsprechend lieb gewonnen. Ich argwöhnte oft, dass Crystal noch früher zu Gerry gegangen wäre, hätte sie der Gedanke, Squirrel verlassen zu müssen, nicht so bedrückt. Nicht dass er eine große Schönheit gewesen wäre. Er war ein kleiner, magerer, zerzauster Kater mit Ohren wie ein Fuchs, einem Fell von schmutzig-graubrauner Farbe und einem langen, buschigen Schwanz, der ihm zwei Nummern zu groß war. Der Freund, der ihn mir damals auf Avalon schenkte, hatte mir ernsthaft mitgeteilt, Squirrel sei der illegitime Abkömmling einer genetisch manipulierten Psi-Katze und eines räudigen streunenden Katers. Aber wenn Squirrel die Gedanken seines Besitzers lesen konnte, schenkte er ihnen nicht viel Aufmerksamkeit. Wenn er Zuneigung wollte, tat er Dinge wie schnurstracks an dem Buch hochzuklettern, das ich gerade las, es wegzustoßen und mich ins Kinn zu beißen. Wenn er seine Ruhe haben wollte, war es gefährlicher Leichtsinn, ihn streicheln zu wollen.

Als Crystal vor ihm kniete und ihn streichelte und Squirrel ihre Hand beschnupperte, schien sie wieder ganz die Frau zu sein, mit der ich auf Reisen gewesen, die ich geliebt, mit der ich endlos gesprochen und jede Nacht geschlafen hatte, und plötzlich wurde mir klar, wie sehr sie mir gefehlt hatte. Ich glaube, ich lächelte; ihr Anblick, selbst unter diesen Umständen, schenkte mir immer noch eine von Wolken verdunkelte Freude. Vielleicht ist es albern und dumm und rachsüchtig von mir, die beiden fortschicken zu wollen, dachte ich, nachdem sie von so weit gekommen sind, um mich zu sehen. Crys war Crys geblieben, und Gerry konnte kaum so schlimm sein, wenn sie ihn liebte.

Während ich sie stumm beobachtete, traf ich plötzlich eine Entscheidung. Ich würde ihnen erlauben, hierzubleiben, und wir konnten sehen, was sich ergab.

„Es wird bald dunkel“, hörte ich mich sagen. „Habt ihr Hunger?“

Crys hob den Kopf, während sie Squirrel weiterstreichelte, und lächelte. Gerry nickte.

„Na gut“, sagte ich, ging an ihnen vorbei, blieb unter der Tür stehen, drehte mich um und winkte sie herein. „Willkommen in meiner Ruine.“

Ich drehte die elektrischen Lampen an und kümmerte mich um das Abendessen. Damals waren meine Schränke noch gut gefüllt; ich hatte noch nicht begonnen, vom Wald zu leben. Ich taute drei große Sandraci auf, silberschalige Krustentiere, nach denen die Jamie-Fischer unerbittlich schleppfischten, und servierte sie mit Brot, Käse und Weißwein.

Das Tischgespräch war höflich und behutsam. Wir sprachen über gemeinsame Freunde in Port Jamison, Crystal erzählte mir von einem Brief gemeinsamer Bekannter auf Baldur, den sie bekommen hatte, Gerry ließ sich über Politik und die Bemühungen der Port-Polizei aus, den Handel mit Traumgift zu unterbinden.

„Der Rat fördert die Entwicklung eines Super-Insektizids, das die Traumspinnen ausrotten würde“, berichtete er mir. „Eine Sättigungsberieselung der nahen Küste würde das meiste an Nachschub unterbinden, glaube ich.“

„Gewiss“, sagte ich, vom Wein ein wenig beschwipst und ein bißchen pikiert über Gerrys Dummheit. Wieder einmal hatte ich mich, während ich ihm zuhörte, dabei ertappt, dass ich an Crystals Geschmack zu zweifeln begann. „Ganz egal, welche anderen Auswirkungen das auf das Ökosystem haben könnte, oder?“

Gerry zuckte mit den Achseln. „Festland“, sagte er nur. Er war durch und durch Jamie, und die Bemerkung war zu übersetzen mit „Wen stört’s?“. Die Zufälle der Geschichte hatten bei den Bewohnern von Jamisons Welt eine einzigartig gleichgültige Haltung gegenüber dem einen großen Kontinent ihres Planeten erzeugt. Die meisten der ursprünglichen Siedler waren von Alt-Poseidon gekommen, wo das Meer seit Generationen das Dasein bestimmt hatte. Die reichhaltigen, wimmelnden Meere und friedlichen Archipele ihrer neuen Welt hatten sie weit mehr angezogen als die dunklen Wälder des Festlands. Ihre Kinder wuchsen mit derselben Einstellung heran, mit Ausnahme einer Handvoll, die mit dem Verkauf von Träumen illegale Gewinne machte.

„Tu das nicht einfach mit einem Achselzucken ab“, sagte ich.

„Denk doch realistisch“, erwiderte er. „Das Festland nützt keinem etwas, außer den Spinnen-Leuten. Wem könnte es schaden?“

„Verdammt, Gerry, sieh dir diesen Turm an! Wo kommt er her, sag mir das! Ich sage dir, da draußen in diesen Wäldern könnte es Intelligenz geben. Die Jamies haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, nachzuforschen.“

Crystal nickte über ihrem Weinglas.

„Johnny könnte recht haben“, sagte sie mit einem Blick auf Gerry. „Deshalb bin ich hergekommen, wenn du dich erinnerst. Die Artefakte. In dem Laden auf Baldur hieß es, sie wären von Port Jamison aus verschifft worden. Der Mann konnte sie nicht weiter zurückverfolgen. Und die Kunstfertigkeit – ich gehe seit Jahren mit der Kunst fremder Wesen um, Gerry. Ich kenne die Arbeiten der Fyndii, von Damush, und ich habe alle anderen gesehen. Das war etwas ganz anderes.“

Gerry lächelte nur. „Das beweist gar nichts. Es gibt zum Kern hin andere Rassen, Millionen von ihnen. Die Entfernungen sind zu groß, also hören wir nicht oft von ihnen, außer vielleicht aus dritter Hand, aber es ist nicht ausgeschlossen, dass immer wieder einmal eines ihrer Kunstwerke durchsickert.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich möchte wetten, dass irgendein früher Siedler den Turm errichtet hat. Wer weiß, vielleicht hat es vor Jamison einen anderen Entdecker gegeben, der seinen Fund nie gemeldet hat. Vielleicht hat er das hier gebaut. Aber intelligente Wesen auf dem Festland nehme ich euch nicht ab.“

„Jedenfalls so lange nicht, bis ihr die verdammten Wälder ausräuchert und sie alle herauskommen und ihre Speere schwenken“, sagte ich griesgrämig.

Gerry lachte, und Crystal lächelte mich an. Und plötzlich, ganz plötzlich, erfüllte mich der überwältigende Wunsch, in diesem Streit Sieger zu bleiben. Meine Gedanken besaßen die an den Rändern verschwimmende Klarheit, die nur der Wein verschaffen kann, und es schien alles so logisch zu sein. Ich hatte so eindeutig recht, und hier bot sich mir die Gelegenheit, Gerry als den Provinzler zu entlarven, der er war, und bei Crystal Boden gutzumachen.

Ich beugte mich vor. „Wenn ihr Jamies jemals nachschauen würdet, könntet ihr vielleicht intelligente Wesen finden“, sagte ich. „Ich bin erst einen Monat auf dem Festland und habe schon viel entdeckt. Du hast überhaupt keine Vorstellung von der Schönheit, deren Vernichtung du so munter predigst. Hier draußen gibt es eine ganze Ökologie, eine andere als auf den Inseln, Arten über Arten, von denen man viele vermutlich noch gar nicht kennt. Aber was weißt du davon? Was wisst ihr alle davon?“

Gerry nickte. „Dann zeig es mir doch.“ Er stand plötzlich auf. „Ich bin immer lernbereit, Bowen. Warum nimmst du uns nicht mit und zeigst uns alle Wunder des Festlands?“

Ich glaube, Gerry wollte auch Punkte sammeln. Er rechnete vermutlich nicht damit, dass ich ihn beim Wort nehmen würde, aber es war genau das, was ich mir wünschte. Draußen war es dunkel geworden, und wir hatten uns im Licht meiner Lampen unterhalten. Über uns leuchteten die Sterne durch das Loch in meinem Dach. Der Wald würde jetzt lebendig sein, unheimlich und schön, und ich war plötzlich begierig darauf, dort zu sein, mit dem Bogen in der Hand, in einer Welt, in der ich eine Kraft und ein Freund war und Gerry nur ein tollpatschiger Tourist.

„Crystal?“, fragte ich.

Sie wirkte interessiert. „Könnte Spaß machen. Wenn es ungefährlich ist.“

„Bestimmt“, sagte ich. „Ich nehme meinen Bogen mit.“

* * *

Bei Interesse weiterlesen im Buch! Hier füge ich noch einen Auszug aus dem Glossar von „Die Flamme erlischt“ mit den Erläuterungen der Begriffe an, die auch im oben zitierten Teil von „Ein Turm aus Asche“ vorkommen:

Alt-Erde: Heimatwelt der menschlichen Rasse, früher Hauptplanet des Bundesreiches. Während des Interregnums, als zahlenmäßig starke Teile der bewaffneten Truppen revoltierten, rief Alt-Erde ihr verbliebenes Militär zurück und schloß sich hermetisch vom Rest der Menschheit ab. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, blieb dieses Embargo bis heute in Kraft. Das heutige Leben auf Alt-Erde ist Anlaß für vielerlei Spekulationen und Ausgangspunkt zahlloser Legenden; auf Fakten stößt man jedoch selten. Auch bekannt unter den Namen Erde, Alte Erde, Terra, Heimat.

(Anm. v. Lichtschwert: „Ein Turm aus Asche“ spielt offenbar vor dem Interregnum, das auf das Ende des Doppelkrieges gegen die Hranganer und die Fyndii folgte, da John Bowen auf der Erde geboren wurde und später doch auf andere Welten gelangte.)

Alt-Poseidon: Menschenwelt der dritten Generation. Wurde in der frühen Bundesperiode besiedelt. Ein Planet mit stürmischen Meeren und unsagbaren Reichtümern, der deshalb schon bald zu einem wichtigen Handelszentrum heranwuchs und zum Hauptplaneten des Raumsektors wurde. Kaum ein Jahrhundert nach der Besiedlung begannen die Poseidoniten mit dem Bau eigener Raumschiffe und der Aussaat von Kolonisten. Diese besiedelten mehr als zwanzig andere Welten, Jamisons Welt eingeschlossen.

Avalon: Menschenwelt im Wirrwarr, im ersten Jahrhundert des Bundesreiches von Newholme aus kolonisiert. Als Sektorhauptplanet während des Doppelkrieges verlor Avalon niemals den Sternenflug und spielte durch seine energischen Entdeckungs-, Handels- und Neuausbildungsprogramme eine gewichtige Rolle bei der Beendigung des Interregnums. Danach wurde Avalon zu einem Lehr- und Lernzentrum. Die Akademie des Menschlichen Wissens sowie viele mit ihr verbundene Institute befinden sich auf Avalon. Avalon sit auch ein wichtiges Handelszentrum und besitzt die größte Handelsflotte im Wirrwarr. Kaufleute von Avalon handeln mit Wissen oft genauso wie mit Gütern.

Baldur: Menschliche Kolonie der ersten Generation, die in den ersten Jahren des Sternenfluges direkt von der Erde aus besiedelt wurde. Im Doppelkrieg ein Sektorhauptplanet, jetzt ein wichtiges Handelszentrum.

Fyndii: Fremde Rasse und erste sternenfahrende Intelligenzen, mit denen die Menschheit Kontakt hatte. Die Fyndii waren einer der Gegner des Bundesimperiums im Doppelkrieg. Fyndii scheinen keine Rassenloyalität zu besitzen; ihre Gesellschaften bestehen aus empathisch verbundenen „Horden“, und jede Horde ist der nächsten ein bitterer Rivale. Geistesstumme, die nicht in der Lage sind, sich einem Kollektiv anzuschließen, sind Ausgestoßene ohne Freunde. Die Fyndii beherrschen ungefähr neunzig Welten, die sich fast alle innerhalb des menschlichen Siedlungsbereichs befinden.

Jamisons Welt: Menschenwelt im Wirrwarr, in erster Linie von Alt-Poseidon aus besiedelt. Die Jamies leben auf den üppigen Inseln und Archipeln des Planeten. Der einzige große Kontinent ißt kaum erforscht. Jamisons Welt ist ein regionaler Industrie- und Handelsknotenpunkt sowie ein Handelsrivale von Avalon.
Wirrwarr: Rückübersetzung eines Begriffs aus dem Slang der Wolfmenschen [der Bewohner der Menschenwelt Wolfheim]; heute allgemein im Sprachgebrauch der Außenwelten enthalten. Bezeichnet den Raum zwischen dem Rand und den hochzivilisierten Planeten um Alt-Erde. Das Hranganische Imperium nahm große Teile dieses Raumes ein. In diesem Sektor wurden die schrecklichsten Schlachten des Doppelkrieges ausgetragen, die viele Planeten zerstört und viele Zivilisationen „verwirrt“ zurückließen, wovon sich der Begriff vermutlich ableitet. Erwähnenswerte Menschenwelten im Wirrwarr sind: Avalon, Bastion, Prometheus und Jamisons Welt.

* * *

Für diejenigen, die wissen möchten, welche von GRRMs Geschichten in seinem Manrealm- oder „Thousand Worlds“-Kosmos spielen, habe ich hier eine Zusammenstellung gefunden (mit Permalinks unterlegte Titel habe ich hier auf Nord-Licht nachveröffentlicht):

A Song for Lya (Abschied von Lya / Ein Lied für Lya)
And Seven Times Never Kill Man (Das bleiche Kind mit dem Schwert / Teufel, die Engel heißen)
Bitterblooms (Bitterblumen)
In the House of the Worm
Men of Greywater Station (Die Männer der Station Greywater)
Nightflyers (Nachtgleiter)
Sandkings (Sandkönige)
Starlady
The Glass Flower
The Hero (Der Held)
The Stone City (Die Steinstadt)
This Tower of Ashes (Ein Turm aus Asche)
Warship (mit George Guthridge)
With Morning Comes Mistfall (Mit dem Morgen kommt der Niedergang der Nebel / Am Morgen fällt der Nebel)

Haviland-Tuf-Geschichten:
The Plague Star (Der Seuchenstern)
A Beast for Norn (Bestien für Norn / Eine Bestie für Norn)
Guardians (Wächter)
Call Him Moses (Nennt ihn Moses)
Loaves and Fishes (Brot und Fische)
Manna from Heaven (Manna vom Himmel)
Second Helpings (Die zweite Speisung)

Roman:
Dying of the Light (Die Flamme erlischt)

„Dunkel, dunkel waren die Tunnel „ („Dark, dark were the tunnels“) war zwar in der obigen Auflistung ebenfalls enthalten, aber diese Geschichte kann keinesfalls im „Manrealm“ spielen, weil darin Nachkommen überlebender irdischer Mondkolonisten fünf Jahrhunderte nach einem globalen Atomkrieg auf die immer noch stark verstrahlte Erde kommen, um in den Tunnelsystemen unter den zerstörten Städten nach Überresten ihrer Zivilisation zu suchen, und dort stark mutierte Nachkommen der menschlichen Bewohner vorfinden.

Jedoch habe ich entdeckt, daß „Der Weg von Kreuz und Drachen“, obwohl in der obigen Liste nicht aufgeführt, ebenfalls eine Geschichte aus dem „Manrealm“ ist, nachdem darin mehrere Begriffe aus demselben vorkommen, wie „die tausend Welten“, Alt-Erde, Cathaday, Celias Welt, Erica Stormjones, die Religionsgemeinschaften der Erikaner und der Kinder des Träumers (die Religion der Kimdissi).

* * *

Hier sind nochmal die Sachen die ich weiter oben im Text verlinkt habe, sowie weitere Leseempfehlungen:

Das DuMont-Fernsehnetzwerk von Andrew Hamilton
Von der Virtualität zur Realität: Memoiren eines geläuterten Fernsehsüchtigen von Alex Kurtagić
Wer kontrolliert Hollywood? von Joel Stein
Beyond Westeros: A guide to the fiction of George R. R. Martin
Stewart Cowleys „Spacewreck“-Reihe auf Cernunnos’ Insel, beginnend hier mit Spacewreck: Einführung
Robert Anson Heinlein auf Nord-Licht
Faustischer Wagemut von William L. Pierce
Zu den Sternen von Kevin Alfred Strom

Die Erben der Schildkrötenburg: George R. R. Martin und die Fantasy-Literatur

Hinterlasse einen Kommentar

Ein Kommentar

  1. Ich habe den Beitrag jetzt noch um drei Bilder ergänzt.

    Weil D. C. Fontana von GRRM als die bedeutendere Urheberin der Figur von Mr. Spock beschrieben wird, habe ich nähere Informationen über ihren eigentlichen ethnischen Hintergrund gesucht, bin aber bisher nicht fündig geworden. Falls Leser diesbezüglich Näheres wissen, so mögen sie bitte hier Infos bzw. Links angeben.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: