Der Weg von Kreuz und Drachen

The Way of Cross and Dragon - Gospel St Judas

Von George R. R. Martin, enthalten u. a. in GRRMs Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9). Original: „The Way of Cross and Dragon“, 1979.

„Häresie“, erklärte er mir. In dem Schwimmbecken, in dem er lag, schwappte das brackige Wasser hin und her.

„Noch eine?“ entgegnete ich voller Überdruss. „Heutzutage sind es ihrer so viele.“

Mein Lordkomtur war von dieser Bemerkung nicht angetan. Unwirsch veränderte er seine Lage und brachte das Wasser erneut in Bewegung. Es stieg über den Beckenrand und ergoss sich über die Fliesen des Empfangszimmers. Wieder einmal wurden meine Stiefel nass. Ich nahm es mit philosophischer Gelassenheit. Ich trug die schlechtesten Stiefel, die ich besaß, da mir klar gewesen war, dass nasse Füße zu den unausweichlichen Folgen eines Besuchs bei Torgathon Nine-Klariis Tûn gehörten, dem Ältesten des Volkes von ka-Thane und zugleich Erzbischof von Vess, Heiligstem Vater der Vier Gelübde, Groß-Inquisitor des Kampfordens der Ritter Jesu Christi und Berater Seiner Heiligkeit, Papst Daryn XXI. von Neu-Rom.

„Und gibt es auch so viele Häresien wie Sterne am Himmel, Pater, so ist doch jede einzelne nicht weniger gefährlich“, erklärte der Erzbischof feierlich. „Als Ritter Christi ist es unsere vornehmste Aufgabe, sie allesamt zu bekämpfen. Und ich muss hinzufügen, dass diese jüngste Häresie besonders abscheulich ist.“

„Sehr wohl, mein Lordkomtur“, erwiderte ich. „Ich hatte nicht die Absicht, sie auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich bitte um Vergebung. Die Mission auf Finnegan war überaus anstrengend. Ich hatte mir vorgenommen, Sie zu ersuchen, mich für einige Zeit von meinen Pflichten zu entbinden. Ich brauche Ruhe, Zeit zum Nachdenken und zum Ausspannen.“

„Ruhe?“ Erneut bewegte sich der Erzbischof in seinem Wasserbecken, und obwohl es nur eine leichte Verlagerung seiner gewaltigen Körpermasse war, reichte sie aus, um eine weitere Flutwelle über den Fußboden zu senden. Seine pupillenlosen schwarzen Augen blickten mich verständnislos an. „Nein, Pater, ich fürchte, das ist gänzlich unmöglich. Ihre Fähigkeiten und Erfahrungen sind für diese Mission unerlässlich.“ Dann schien sein Bass etwas weicher zu werden. „Ich hatte noch nicht die Zeit, Ihre Berichte über Finnegan durchzugehen“, sagte er. „Wie lief die Arbeit?“

„Schlecht“, berichtete ich ihm, „wenn ich letzten Endes auch glaube, dass wir obsiegen werden. Die Kirche ist stark auf Finnegan. Als unsere Versuche zur Aussöhnung zurückgewiesen wurden, legte ich einige Maßnahmen in die richtigen Hände, und wir konnten die Zeitung und den Rundfunk der Häretiker schließen. Unsere Freunde haben überdies dafür gesorgt, dass die rechtlichen Schritte der Gegner zu nichts führten.“

„Das ist doch nicht schlecht“, meinte der Erzbischof. „Sie haben einen beachtlichen Sieg für den Herrn und die Kirche errungen.“

„Es kam zu Ausschreitungen, mein Lordkomtur“, fuhr ich fort. „Über hundert Häretiker und ein Dutzend unserer eigenen Leute wurden getötet. Ich fürchte, es wird zu weiteren Gewalttätigkeiten kommen, ehe die Sache ausgestanden ist. Unsere Priester werden angegriffen, sobald sie die Stadt betreten, in der die Häresie Wurzeln geschlagen hat. Die Anführer der Häretiker riskieren ihr Leben, wenn sie sich aus der Stadt herauswagen. Ich hatte gehofft, derartige Hassausbrüche, ein solches Blutvergießen, vermeiden zu können.“

„Löblich, doch nicht realistisch“, sagte Erzbischof Torgathon. Er blinzelte mich wieder an, und mir fiel ein, dass bei Leuten seiner Rasse Blinzeln ein Zeichen von Ungeduld ist. „Manchmal muss das Blut von Märtyrern und das von Häretikern vergossen werden. Was spielt es für eine Rolle, wenn jemand sein Leben hingibt, solange seine Seele gerettet ist?“

„In der Tat“, pflichtete ich ihm bei. Trotz seiner Ungeduld würde Torgathon seinen Vortrag vermutlich noch stundenlang fortsetzen, wenn ich ihm die Möglichkeit dazu ließe. Das Empfangszimmer war allerdings für menschliche Bequemlichkeit nicht eingerichtet, weshalb ich nicht länger als unbedingt nötig verweilen wollte. Die Wände waren feucht und moderig, die Luft war heiß, und es stank nach ranziger Butter, ein für die ka-Thane charakteristischer Geruch. Mein Kragen scheuerte mir den Hals wund, ich schwitzte unter der Soutane, meine Füße waren pitschnass, und der Magen begann mir zu knurren.

Also drängte ich zielstrebig auf die anstehenden Geschäfte hin. „Sie sagten, diese jüngste Häresie sei ungewöhnlich abscheulich, mein Lordkomtur?“

„So ist es“, erklärte er.

„Wo hat sie begonnen?“

„Auf Arion, einer etwa drei Wochen von Vess entfernten Welt. Eine ganz und gar menschliche Welt. Ich begreife einfach nicht, warum ihr Menschen so einfach zu korrumpieren seid. Wenn ein ka-Thane den Glauben erst einmal gefunden hat, dann gibt er ihn nur in den seltensten Fällen wieder auf.“

„Das ist bekannt“, erwiderte ich höflich. Ich vermied es zu erwähnen, dass die Zahl der ka-Thane, die den Glauben gefunden hatten, verschwindend gering war. Denn die ka-Thane waren ein langsames, schwerfälliges Volk, und die überwiegende Mehrheit seiner zahllosen Millionen zeigte keinerlei Interesse daran, anders als in der herkömmlichen Weise zu lernen oder sich einem anderen Glaubensbekenntnis als ihrer eigenen uralten Religion anzuschließen. Torgathon Nine-Klariis Tûn war eine Ausnahme. Vor beinahe zwei Jahrhunderten, als Papst Vidas L. dekretiert hatte, Nicht-Menschen dürften als Geistliche dienen, war er unter den ersten Konvertiten gewesen. Zog man seine enorme Lebensspanne und die eiserne Sicherheit seines Glaubens in Betracht, dann war es kein Wunder, dass er einen solchen Aufstieg genommen hatte, obgleich ihm weniger als tausend seiner Rasse in die Kirche gefolgt waren. Er hatte mindestens noch hundert Jahre zu leben. Ohne Zweifel würde er eines Tages Torgathon Kardinal Tûn sein, sollte es ihm gelingen, genügend Häresien zu zermalmen. So sind die Zeiten nun einmal.

„Wir haben auf Arion kaum Einfluss“, sagte der Erzbischof. Beim Sprechen bewegte er die Arme – vier gewichtige Keulen aus gesprenkeltem grüngrauem Fleisch quirlten durchs Wasser, und bei jedem Wort bebten die schmutzigweißen Wimpern rings um sein Atemloch. „Ein paar Priester, ein paar Kirchen, einige Gläubige, doch keine Macht, die der Rede wert wäre. Die Häretiker sind uns dort zahlenmäßig schon überlegen. Ich verlasse mich auf Ihre Intelligenz, Ihre Geschicklichkeit. Machen Sie aus diesem Unglück eine Möglichkeit. Die Häresie ist so augenfällig, dass Sie sie leicht widerlegen können. Vielleicht finden einige der Irregeleiteten auf den rechten Weg zurück.“

„Bestimmt“, sagte ich. „Und die Art der Häresie? Was muss ich widerlegen?“ Es ist ein trauriges Zeichen für meinen eigenen verworrenen Glauben, wenn ich hinzufüge, dass es mir im Grunde egal war. Ich habe mich schon mit zu vielen Häresien auseinandersetzen müssen. Ihre Glaubensüberzeugungen und Fragestellungen hallen in meinem Kopf wider und stören nachts meine Träume. Wie kann ich mir meines Glaubens sicher sein? Dasselbe Edikt, durch das Torgathon für den geistlichen Stand zugelassen wurde, hatte ein halbes Dutzend Welten dazu veranlasst, den Bischof von Neu-Rom abzulehnen, und diejenigen, die diesen Weg gegangen waren, hätten vermutlich eine besonders abscheuliche Häresie in dem massigen und bis auf einen römischen Kragen nackten Fremdling gesehen, der sich vor mir im Wasser wälzte und die Autorität der Kirche in vier großen, mit Schwimmhäuten versehenen Händen hielt. Das Christentum ist die großartigste menschliche Religion, doch das bedeutet wenig. Die Nicht-Christen sind uns zahlenmäßig im Verhältnis fünf zu eins überlegen, und es gibt weit über siebenhundert christliche Sekten, von denen einige beinahe so groß sind wie die Einzig Wahre Interstellare Katholische Kirche der Erde und der tausend Welten. Selbst Daryn XXI., mächtig, wie es ist, ist nur einer von sieben, die den Titel Papst für sich beanspruchen. Mein Glaube war einst stark gewesen, doch habe ich mich zu lange unter Häretikern und Ungläubigen bewegt, und nicht einmal meine Gebete können die Zweifel jetzt noch vertreiben. Daher verspürte ich auch kein Grauen, lediglich intellektuelles Interesse, als der Erzbischof mir die Art der Häresie auf Arion mitteilte.

„Sie haben“, sagte er, „aus Judas Ischariot einen Heiligen gemacht.“

. . .

Als Vorgesetzter bei den Rittern der Inquisition befehlige ich ein Raumschiff, welches Wahrheit Christi zu nennen ich das Vergnügen habe. Ehe mir das Gefährt zugewiesen wurde, hieß es St. Thomas, nach dem Apostel, doch fand ich, dass ein für seine Zweifel bekannter Heiliger kein angemessener Schutzpatron für ein Raumschiff war, das im Kampf gegen die Häresie eingesetzt wurde. Ich habe auf der Wahrheit keinerlei Aufgaben; ihre Mannschaft besteht aus sechs Brüdern und Schwestern vom Orden des heiligen Christophorus dem Weitgereisten, und ihr Kapitän ist eine junge Frau, die ich einem Kaufmann abgeworben habe.

Ich war daher in der Lage, mich während der dreiwöchigen Reise von Vess nach Arion ganz dem Studium der häretischen Bibel zu widmen, von der mir der Verwaltungsassistent des Erzbischofs ein Exemplar ausgehändigt hatte. Der dicke, schwere und schön aufgemachte Band war in dunkles Leder gebunden und mit Goldschnitt versehen. Er enthielt zahlreiche hervorragende, farbige und holografisch erhöhte Illustrationen. Eine bemerkenswerte Arbeit, eindeutig von jemandem ausgeführt, der die leider beinahe vergessene Kunst der Buchgestaltung schätzte. Die abgebildeten Gemälde – ich nahm an, dass die Originale im Haus des heiligen Judas auf Arion hingen – waren meisterhaft, wenngleich blasphemisch und konnten es als Kunstwerke mit denen Tammerwens und RoHallidays aufnehmen, die die Große Kathedrale des heiligen Johannes in Neu-Rom schmücken.

Das Buch trug eine Imprimatur, aus der hervorging, dass es von Lukyan Judasson, dem ersten Gelehrten des Ordens des heiligen Judas Ischariot, genehmigt worden war.

Es hieß Der Weg von Kreuz und Drachen.

Ich las es, während die Wahrheit Christi durch die Sterne glitt, und machte mir anfangs ausgiebig Notizen, um die Häresie, die ich bekämpfen sollte, besser zu verstehen; später jedoch war ich gefesselt von der seltsamen, verschlungenen und grotesken Geschichte, die es erzählte. Seine Sprache war voller Leidenschaft, Kraft und Poesie.

So geschah es, dass ich zum ersten Mal der bemerkenswerten Gestalt des heiligen Judas Ischariot begegnete, eines schwierigen, ehrgeizigen, widersprüchlichen, doch insgesamt außerordentlichen Menschen.

Er war als Sohn einer Hure am selben Tag wie der Erlöser in Bethlehem in dem sagenumwobenen Stadtstaat Babylon geboren worden und verbrachte seine Kindheit auf den Straßen und in Gossen, bot seinen Körper feil, wenn es nötig war, und betätigte sich, als er älter wurde, als Zuhälter. Als Jugendlicher fing er an, mit den dunklen Künsten zu experimentieren, und noch ehe er zwanzig Jahre alt war, war er ein geschickter Schwarzkünstler. Zu jener Zeit wurde er Judas der Drachenbändiger, der erste und einzige Mensch, der der furchteinflößendsten von Gottes Kreaturen, der großen geflügelten Feuerechse von Alt-Erde, seinen Willen aufzwingen konnte. Das Buch gab ein großartiges Gemälde von Judas wieder, wie er in einer riesigen düsteren Höhle mit feuersprühenden Augen eine glühende Peitsche schwingt, um einen sich aufbäumenden grün-goldenen Drachen in Schach zu halten. Unter seinem Arm sieht man einen Korb mit leicht geöffnetem Deckel, aus dem die mit winzigen Schuppen versehenen Köpfe von drei Drachenjungen hervorblicken. Ein viertes Drachenbaby krabbelt ihm am Ärmel hinauf. Diese Szene spielte sich im ersten Kapitel seines Lebens ab.

Im zweiten Kapitel war er Judas der Eroberer, Judas der Drachenkönig, Judas von Babylon, der große Usurpator. Auf dem größten seiner Drachen reitend, eine eiserne Krone auf dem Haupt und ein Schwert in der Hand, machte er Babylon zur Hauptstadt des größten Weltreichs, das die Alte Welt erlebt hat, ein Königreich, das sich von Spanien bis Indien erstreckte. Er herrschte von einem Drachenthron inmitten der Hängenden Gärten aus, die er hatte anlegen lassen, und dort saß er auch, als er über Jesus von Nazareth richtete, jenen aufrührerischen Propheten, der blutend und in Ketten vor ihn gezerrt worden war. Judas war kein geduldiger Mann, und er ließ Christus noch mehr bluten, ehe er mit ihm fertig war. Und als dieser seine Fragen nicht beantworten wollte, ließ er ihn voller Verachtung wieder auf die Straße werfen. Doch vorher befahl er seinen Wachen, Christus die Beine abzuhauen. „Heiler“, sagte er, „heile dich selbst.“

Dann kam die Reue, die Vision in der Nacht, und Judas Ischariot gab seine Krone, seine dunklen Künste und seine Reichtümer auf, um dem Mann zu folgen, den er zum Krüppel gemacht hatte. Gehasst und verhöhnt von jenen, die von ihm tyrannisiert worden waren, wurde Judas zu den Beinen des Herrn, und ein Jahr lang trug er Jesus auf dem Rücken in die entferntesten Gegenden des Königreichs, welches er einst regiert hatte. Als Jesus sich schließlich selbst heilte, ging Judas an seiner Seite, und von jener Zeit an war er sein getreuer Freund und Berater, der erste und vorderste der zwölf. Schließlich machte Jesus dem Judas das Geschenk der Zungen, rief die Drachen, die Judas einst weggeschickt hatte, zurück und segnete sie und schickte seinen Jünger auf eine einsame Mission über die Meere, „um mein Wort dort zu verbreiten, wohin ich nicht gehen kann“.

Es kam der Tag, da die Sonne dunkel wurde am Mittag und die Erde bebte, und Judas schwang seinen Drachen auf plumpen Flügeln herum und flog über die rasende See zurück. Doch als er in der Stadt Jerusalem ankam, fand er Christus tot am Kreuz vor.

In jenem Augenblick wankte sein Glaube, und in den nächsten drei Tagen fegte der große Zorn von Judas wie ein Sturmwind über Alt-Erde. Seine Drachen rissen den Tempel in Jerusalem nieder, vertrieben die Einwohner aus der Stadt und zerschlugen die Machtzentren in Rom und Babylon. Und als er dahinterkam, wie jener mit Namen Simon, genannt Petrus, den Herrn dreimal verraten hatte, erwürgte er ihn eigenhändig und warf seinen Leichnam den Drachen vor. Dann sandte er die Drachen aus, damit sie in der ganzen Welt Feuer anzündeten, Scheiterhaufen für Jesus von Nazareth.

Und Jesus auferstand am dritten Tage, und Judas weinte, doch konnten seine Tränen den Zorn Christi nicht besänftigen, hatte er doch durch sein Rasen gegen alle Lehren des Herrn verstoßen.

Jesus rief die Drachen zurück, und sie kamen zu ihm, und überall erloschen die Feuer. Und aus ihren Bäuchen rief er Petrus hervor und setzte ihn wieder zusammen und gab ihm Herrschaft über die Kirche.

Und dann starben die Drachen und mit ihnen sämtliche Drachen überall, denn sie waren lebendige Siegel der Macht und Weisheit von Judas Ischariot gewesen, der schwer gesündigt hatte. Und Christus nahm von Judas die Gabe der Zungen und die Kraft zu heilen, die er ihm gegeben hatte, und da jener wie ein Blinder gehandelt hatte, entzog er ihm sogar das Augenlicht (im Buch war ein hübsches Bild vom blinden Judas abgebildet, wie er sich weinend über die Kadaver seiner Drachen beugt). Und dann sagte er Judas, die Menschen würden sich an ihn für unendliche Zeiten nur als an den Verräter erinnern und seinen Namen verfluchen, und alles, was er gewesen war und getan hatte, würde vergessen werden.

Doch weil Judas ihn so sehr geliebt hatte, erwies Christus ihm noch eine Gefälligkeit: Er schenkte ihm ein langes Leben, damit er Gelegenheit hätte, zu reisen und über seine Sünden nachzudenken, um endlich doch noch Vergebung zu erlangen und dann erst zu sterben.

Und das war der Beginn des letzten Kapitels im Leben des Judas Ischariot, eines in der Tat sehr langen Kapitels. Der einst Drachenkönig, einst der Freund Christi gewesen war, war nun zum blinden Wanderer geworden, zum Außenseiter und ohne Freunde, der die kalten Wege der Erde wanderte, der lebte, da alle Städte, Menschen und Dinge, die er gekannt hatte, tot waren. Und Petrus, der erste Papst und in Ewigkeit sein Feind, verbreitete in der Stadt und dem Erdkreis die Mär, Judas hätte seinen Herrn für dreißig Silberlinge verraten, bis dieser es nicht einmal mehr wagte, unter seinem richtigen Namen aufzutreten. Eine Zeitlang nannte er sich einfach Wanderer Ju’ und bediente sich in der Folge noch vieler anderer Namen.

Er lebte mehr als tausend Jahre, wurde Prediger, Heiler und Tierfreund, wurde gejagt und beschuldigt, als die Kirche, die Petrus gegründet hatte, anschwoll und korrupt wurde. Doch er hatte viel Zeit, und am Ende wurde er weise und fand seinen Frieden. Und schließlich kam Jesus an sein lange hinausgezögertes Sterbebett, und sie versöhnten sich, und wieder weinte Judas. Und bevor er starb, versprach der Herr ihm, dass einige sich mit seiner Einwilligung erinnern würden, wer und was Judas gewesen war, und dass sich die Kunde davon im Laufe der Jahrhunderte verbreiten würde, bis endlich Petrus’ Lüge aufgehoben und vergessen sein würde.

Derart war das Leben des heiligen Judas Ischariot, wie es in Der Weg von Kreuz und Drachen berichtet wurde. Das Buch enthielt auch seine Lehren sowie die apokryphen Bücher, die er angeblich geschrieben hatte.

Als ich es durchgelesen hatte, lieh ich es Arla-k-Bau, dem Kapitän der Wahrheit Christi. Arla war eine hagere, pragmatische Frau ohne bestimmten Glauben, doch schätzte ich ihre Ansichten. Die anderen Besatzungsmitglieder, die guten Schwestern und Brüder vom Orden des heiligen Christophorus, hätten lediglich den religiösen Schrecken des Erzbischofs nachgeplappert.

„Interessant“, fand Arla, als sie mir das Buch zurückgab.

Ich musste lachen. „Ist das alles?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Eine hübsche Geschichte. Leichter zu lesen als eure Bibel, Damien, außerdem auch dramatischer.“

„Stimmt“, gab ich zu. „Aber absurd. Ein unglaubliches Durcheinander von Doktrinen, Apokryphen, Mythologien und Aberglauben. Unterhaltsam, ja, sicher. Einfallsreich, sogar gewagt. Aber lächerlich, finden Sie nicht? Wie soll man an Drachen glauben? An einen Christus ohne Beine? An Petrus, der wieder zusammengesetzt wird, nachdem ihn vier Monstren verspeist haben.“

Arlas Lächeln war spöttisch. „Ist das etwa blödsinniger als Wasser, das sich in Wein verwandelt, als Christus, der auf den Wassern schreitet, oder als ein Mann, der im Bauch eines Fisches lebt?“ Arla-k-Bau machte es Spaß, mir Kontra zu geben. Es hatte einen Skandal gegeben, als ich eine Ungläubige zum Kapitän meines Raumschiffs erwählte, aber sie war in ihrem Beruf sehr tüchtig, und ich hatte sie gern um mich, weil ich meinen Verstand an ihr wetzen konnte. Sie war ein kluger Kopf, diese Arla, und das schätzte ich mehr als blinden Gehorsam. Vielleicht war das eine Sünde.

„Das ist etwas anderes“, erwiderte ich.

„Tatsächlich?“ schnappte sie zurück. Ihr Blick ging durch meine Masken hindurch. „Ach, Damien, geben Sie es doch zu. Das Buch hat Ihnen ganz gut gefallen.“

Ich räusperte mich. „Es hat mein Interesse geweckt“, erkannte ich an. Ich musste mich rechtfertigen. „Sie kennen ja die Sachen, mit denen ich mich gewöhnlich abgeben muss. Haarspaltereien über theologische Fragen, die irgendwie alle aus der Proportion geraten sind, unverfrorene politische Schachzüge, die nur den einen Zweck haben, einen ehrgeizigen planetaren Bischof als neuen Papst einzusetzen oder Neu-Rom oder Vess diese oder jene Konzession abzuringen. Der Krieg ist endlos, doch die Schlachten sind stumpfsinnig und schmutzig. Sie erschöpfen mich, geistig, emotional, physisch. Hinterher fühle ich mich ausgesogen und schuldig.“ Ich tippte auf den Ledereinband des Buchs. „Dies hier ist anders. Die Häresie muss natürlich ausgemerzt werden, aber ich gebe zu, dass ich es kaum erwarten kann, diesen Lukyan Judasson kennenzulernen.“

„Die Aufmachung ist auch hübsch“, befand Arla und blätterte in Der Weg von Kreuz und Drachen. Sie hielt inne, um sich einen besonders ins Auge fallenden Stich genauer anzusehen, Judas, wie er über seine Drachen weint, glaube ich. Ich musste lächeln, weil sie davon genauso angetan war wie ich. Dann runzelte ich die Stirn.

Das war der erste Fingerzeig für die Schwierigkeiten, die vor mir lagen.

So geschah es, dass die Wahrheit Christi zu der Porzellanstadt Ammadon auf der Welt Arion gelangte, wo der Orden vom heiligen Judas Ischariot beheimatet war.

Arion war eine nette, freundliche Welt, die seit dreihundert Jahren bewohnt war. Die Bevölkerungszahl lag unter neun Millionen, von denen Ammadon, die einzige wirkliche Stadt, zwei beherbergte. Der technologische Standard hatte eine mittlere Stufe erreicht, war allerdings in der Hauptsache importiert. Es gab wenig Industrie auf Arion und kaum Erfindergeist, außer vielleicht auf künstlerischem Gebiet. Denn die Künste waren hier ziemlich wichtig, sie blühten und gediehen. Religiöse Freiheit war ein wesentlicher Grundsatz der Gesellschaft, doch war Arion eigentlich auch keine besonders religiöse Welt, und die Mehrheit der Bevölkerung lebte ein herzlich säkulares Leben. Die populärste Religion war der Ästhetizismus, den man im Grunde kaum als Religion ansehen kann. Daneben gab es Taoisten, Erikaner, Altchristen und Kinder des Träumers – außer einem Dutzend untergeordneter Sekten.

Und schließlich gab es neun Kirchen des Einen Wahren Interstellaren Katholischen Glaubens. Früher waren es zwölf gewesen.

In den anderen drei wurde inzwischen dem sich auf Arion am raschesten ausbreitenden Glauben gehuldigt, dem Orden des heiligen Judas Ischariot, der außerdem noch ein Dutzend neu erbauter Kirchen besaß.

Der Bischof von Arion war ein dunkler, strenger Mann mit kurz geschnittenem schwarzem Haar, der durchaus nicht glücklich war, mich zu sehen. „Damien Her Varis!“ rief er einigermaßen verwundert aus, als ich ihn in seiner Residenz aufsuchte. „Wir haben natürlich von Ihnen gehört, aber ich hätte mir nicht träumen lassen, Sie einmal persönlich kennenzulernen oder gar als Gast zu begrüßen. Wir sind hier nur eine kleine Schar…“

„Die immer kleiner wird“, unterbrach ich ihn. „Eine Angelegenheit, die meinen Lordkomtur, Bischof Torgathon, ziemlich besorgt stimmt. Offenbar macht es Ihnen weniger aus, Exzellenz, da Sie es nicht einmal für nötig befunden haben, uns über die Aktivitäten dieser Sekte der Judasanbeter zu unterrichten.“

Der Bischof schnitt bei dieser Zurechtweisung ein verärgertes Gesicht, schluckte seinen Zorn aber rasch hinunter. Selbst für einen Bischof gab es Gründe, sich vor einem Ritter der Inquisition in Acht zu nehmen. „Natürlich machen wir uns Sorgen“, erwiderte er. „Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um die Häresie zu bekämpfen. Wenn Sie uns diesbezüglich beraten könnten, würde ich Ihnen mit größter Freude zuhören.“

„Ich bin Inquisitor des militanten Ordens der Ritter Jesu Christi“, sagte ich grob. „Ich gebe keine Ratschläge, Exzellenz, ich handle. Zu diesem Behufe wurde ich nach Arion entsandt, und ich beabsichtige, meinen Auftrag auszuführen. Erzählen Sie mir doch, was Sie über die Häresie und den Ersten Gelehrten, diesen Lukyan Judasson, wissen.“

„Selbstverständlich, Pater Damien“, begann der Bischof. Er machte einem Diener ein Zeichen, der uns daraufhin ein Tablett mit Wein und Käse brachte, und ging daran, die kurze, aber explosive Geschichte des Judaskults zusammenzufassen.

Ich hörte ihm zu, währenddessen die Fingernägel am karmesinroten Aufschlag meiner Jacke polierend, bis der schwarze Lack makellos glänzte, und unterbrach ihn von Zeit zu Zeit mit einer Frage. Noch ehe er seinen Bericht halb beendet hatte, war ich entschlossen, Lukyan persönlich aufzusuchen. Das schien mir am besten zu sein.

Außerdem hatte ich es die ganze Zeit gewollt.

. . .

Ich nahm an, dass es wichtig war, wie man auf Arion auftrat, und erachtete es als notwendig, Lukyan durch meine Erscheinung und meinen Posten zu beeindrucken. Ich zog die besten Stiefel an, die ich besaß, geschmeidige Handarbeit aus römischem Leder, wie sie Torgathons Empfangszimmer noch nicht gesehen hatte, und einen streng geschnittenen schwarzen Anzug mit burgunderfarbenen Aufschlägen und steifem Kragen. Am Hals trug ich ein großartiges Kruzifix aus purem Gold, die Kragennadel war ein dazu passendes Schwert, das Symbol der Ritter der Inquisition. Bruder Denis lackierte mir sorgfältig die Fingernägel, schwarz wie Ebenholz, dunkelte mir auch die Augen nach und legte mir einen feinen weißen Puder aufs Gesicht. Als ich in den Spiegel sah, bekam ich vor mir selbst einen Schreck. Ich lächelte, aber nur kurz. Lächeln zerstört die Wirkung.

Ich ging zu Fuß zum Haus des heiligen Judas Ischariot. Ammadon war von breiten, großzügig angelegten goldenen Straßen durchzogen, die scharlachrote Bäume säumten, Flüsterwind genannt, deren lange, auf den Boden reichende Zweige in der Tat der sanften Brise zuzuflüstern schienen. Bei mir war Schwester Judith, eine kleine, selbst in der kapuzenförmigen Tracht des Ordens vom heiligen Christophorus schmächtig wirkende Frau. Sie hatte ein sanftes, freundliches Gesicht und große, junge und unschuldig aussehende Augen. Für mich war sie sehr nützlich. Schon viermal hatte sie Angreifer auf mich getötet.

Das Haus war ein weitläufiger und stattlicher Neubau. Es erhob sich inmitten von Gärten voller kleiner leuchtender Blumen und goldfarbener Rasenflächen. Das ganze Grundstück war von einer hohen Mauer umgeben. Sowohl diese Mauer als auch die Außenwände des Gebäudes waren von Wandgemälden bedeckt. Einige davon kannte ich aus Der Weg von Kreuz und Drachen, und ich blieb kurz stehen, um sie zu bewundern, ehe ich das Haupttor durchschritt. Niemand versuchte, uns aufzuhalten. Es gab keine Wachen, nicht einmal einen Pförtner. Im Inneren gingen Männer und Frauen zwischen den Blumen spazieren oder saßen müßig auf Bänken unter Silberbäumen und Flüsterwinden.

Schwester Judith und ich blieben kurz stehen und wandten uns dann dem Haus zu.

Wir hatten eben die ersten Stufen genommen, als uns aus dem Haus ein Mann entgegenkam. Er blieb im Eingang stehen und wartete. Er war blond und beleibt und trug einen großen, drahtigen Bart, der ein zögerndes Lächeln einrahmte. Er hatte ein loses Gewand an, das ihm bis auf die Sandalen seiner Füße reichte und mit Drachen bestickt war, die die Silhouette eines Mannes mit einem Kreuz trugen.

Als ich oben angekommen war, verbeugte er sich vor mir. „Pater Damien Her Varis von den Rittern der Inquisition“, sagte er. Sein Lächeln wurde breiter. „Ich begrüße Sie im Namen Jesu und im Namen des heiligen Judas. Ich bin Lukyan.“

Ich nahm mir vor herauszufinden, welcher der Untergebenen des Bischofs den Judaskult mit Informationen belieferte, bewahrte jedoch die Haltung. Ich bin schon seit langer, langer Zeit Ritter der Inquisition. „Pater Lukyan Mo“, sagte ich und ergriff seine Hand, „ich habe Fragen an Sie.“ Ich lächelte nicht.
Er lächelte. „Das dachte ich mir“, erwiderte er.

Lukyans Büro war geräumig, doch spartanisch eingerichtet. Häretiker weisen häufig eine Schlichtheit auf, die den Dienern der Wahren Kirche offenbar gänzlich abhanden gekommen ist. Eine Schwäche hatte er allerdings.

Die Wand hinter seinem Schreibtisch/Altar wurde von einem Gemälde beherrscht, in das ich mich bereits verliebt hatte: der blinde Judas, wie er über seine Drachen weint.

Lukyan setzte sich ächzend hin und bedeutete mir, mich doch ebenfalls zu setzen. Schwester Judith hatten wir im Vorzimmer gelassen. „Ich bleibe lieber stehen, Pater Lukyan“, sagte ich, weil ich mir davon einen Vorteil versprach.
„Einfach Lukyan“, erwiderte er. „Oder Luke, wenn Sie wollen. Für Titel haben wir hier keine Verwendung.“

„Sie sind Pater Lukyan Mo, hier auf Arion geboren, ausgebildet im Seminar von Cathaday, ehemals Priester der Einzig Wahren Interstellaren Katholischen Kirche der Erde und der Tausend Welten“, sagte ich. „Ich werde Sie so anreden, wie es Ihrer Stellung zukommt, Pater. Und ich erwarte, dass Sie es genauso halten. Haben wir uns verstanden?“

„Aber gewiss doch“, erklärte er liebenswürdig.

„Ich bin ermächtigt, Ihnen das Recht abzusprechen, die Sakramente zu spenden, und Sie wegen der Häresie, die Sie formuliert haben, zu exkommunizieren. Auf einigen Welten hätte ich sogar Ihren Tod anordnen können.“

„Aber nicht auf Arion“, warf er rasch ein. „Wir sind hier sehr tolerant. Außerdem sind wir Ihnen zahlenmäßig überlegen.“ Er lächelte. „Und was den Rest betrifft, so müssen Sie wissen, dass ich die Sakramente sowieso nicht oft spende. Eigentlich schon seit Jahren nicht mehr. Ich bin jetzt erster Gelehrter, Lehrer, Denker. Ich weise anderen den Weg, ich helfe ihnen, den Glauben zu finden. Wenn es Sie glücklich macht, Pater Damien, dann exkommunizieren Sie mich getrost. Glück ist es ja, wonach wir alle streben.“

„Sie haben den Glauben also aufgegeben, Pater Lukyan?“, fragte ich. Ich legte ihm meine Ausgabe von Der Weg von Kreuz und Drachen auf den Tisch. „Aber wie ich sehe, haben Sie einen neuen gefunden.“ Jetzt lächelte ich, allerdings sehr eisig, sehr bedrohlich, sehr spöttisch. „Nach einem noch lächerlicheren Glaubensbekenntnis werde ich wohl lange suchen müssen. Ich gehe davon aus, dass Sie mir jetzt erzählen werden, Sie hätten mit Gott geredet, er hätte Sie mit dieser neuen Offenbarung betraut, auf dass Sie den guten Namen des heiligen Judas, den er ja nun einmal hat, reinigen können?“

Jetzt wurde Lukyans Lächeln wirklich sehr breit.

„Aber nicht doch“, sagte er. „Ich habe mir alles ausgedacht.“

Das verschlug mir die Sprache. „Wie bitte?“

„Ich habe mir alles ausgedacht“, wiederholte er. Voller Stolz wog er das Buch in der Hand. „Selbstverständlich habe ich dafür viele Quellen angezapft, besonders die Bibel, aber ich halte Kreuz und Drachen zum größten Teil für mein eigenes Werk. Es ist recht gut, finden Sie nicht auch? Natürlich konnte ich es – Stolz hin, Stolz her – nicht mit meinem eigenen Namen versehen, habe ihm aber mein Imprimatur gegeben.“

Einen Moment lang war ich sprachlos. Dann verzog ich das Gesicht. „Ich hatte erwartet, einen fantasievollen Verrückten anzutreffen, einen armen, von sich selbst in die Irre geleiteten Dummkopf, der davon überzeugt ist, mit Gott geredet zu haben. Mit Fanatikern von der Sorte hatte ich es schon öfter zu tun. Stattdessen finde ich einen fröhlichen Zyniker vor, der sich zum eigenen Nutzen eine Religion ausgedacht hat. Ich glaube, der Fanatiker ist mir lieber. Sie kann man ja schon nicht einmal mehr verachten, Pater Lukyan. Sie werden für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren.“

„Das bezweifle ich“, erwiderte er. „Außerdem sehen Sie mich falsch, Pater Damien. Ich bin weder ein Zyniker noch profitiere ich von meinem lieben heiligen Judas. Bestimmt nicht. Als Priester Ihrer Kirche habe ich ein bequemeres Leben geführt. Ich tue dies, weil es meine Berufung ist.“

Ich musste mich hinsetzen. „Sie verwirren mich“, sagte ich. „Erklären Sie mir das.“

„Ich sage Ihnen jetzt die Wahrheit“, hob er an. Er sprach ganz eigenartig, beinahe winselnd. „Ich bin ein Lügner“, fuhr er fort.

„Sie wollen mich bloß mit kindischen Paradoxa verwirren“, warf ich scharf ein.

„Nein, nein“, meinte er lächelnd. „Ein Lügner. Sozusagen groß geschrieben. Das ist eine Organisation, Pater Damien. Eine Religion, wenn Sie so wollen. Ein großer und mächtiger Glaube. Und ich bin der geringste Vertreter davon.“

„Eine solche Kirche kenne ich nicht“, sagte ich.

„Natürlich nicht, das glaube ich Ihnen gern. Sie ist geheim. Sie muss geheim sein. Das ist Ihnen unbegreiflich, nicht wahr? Die Leute mögen es nicht, wenn man sie belügt…“

„Ich möchte auch nicht belogen werden“, unterbrach ich ihn.

Lukyan zog ein beleidigtes Gesicht. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich die Wahrheit sagen würde, oder? Wenn ein Lügner das sagt, dann können Sie ihm glauben. Wie könnten wir einander sonst vertrauen?“

„Es gibt viele wie Sie“, sagte ich. Ich begann zu glauben, dass Lukyan doch verrückt war, genauso fanatisch wie alle Häretiker, wenn auch auf kompliziertere Weise. Es handelte sich hier offenbar um eine Häresie innerhalb der Häresie, aber mir war klar, welches meine Pflicht war, nämlich die Wahrheit herauszufinden und die Dinge zurechtzurücken.

„Wir sind viele“, sagte Lukyan lächelnd. „Es würde Sie überraschen, Pater Damien, wirklich, es würde Sie überraschen. Doch es gibt ein paar Dinge, die möchte ich Ihnen lieber nicht erzählen.“

„Dann erzählen Sie mir das, was Sie erzählen können.“

„Mit Vergnügen“, sagte Lukyan Judasson. „Für uns Lügner gibt es, wie für alle anderen Religionen, ein paar Wahrheiten, an die wir glauben. Glaube ist immer nötig. Es gibt Dinge, die man nicht beweisen kann. Wir glauben, dass das Leben wert ist, gelebt zu werden. Das ist ein Glaubenssatz. Der Sinn des Lebens besteht darin, dem Tod zu widerstehen, vielleicht sogar der Entropie die Stirn zu bieten.“

„Weiter“, sagte ich und wurde entgegen meiner Absicht immer interessierter.

„Wir glauben weiter, dass Glück ein Gut ist, nach dem man streben sollte.“

„Die Kirche hat nichts gegen das Glück“, warf ich trocken ein.

„Da habe ich meine Zweifel“, meinte Lukyan. „Aber wir wollen uns nicht streiten. Welche Haltung die Kirche zum Glück auch haben mag, sie predigt den Glauben an ein Leben nach dem Tode, an ein höchstes Wesen und an einen komplizierten Moralkodex.“

„Stimmt.“

„Die Lügner glauben nicht an ein Leben nach dem Tode, und sie glauben an keinen Gott. Wir sehen das Universum, wie es wirklich ist, Pater Damien, und die nackte Wahrheit ist, es ist grausam. Wir, die wir an das Leben glauben und es hoch schätzen, müssen sterben. Danach wird nichts sein außer ewiger Leere, Dunkelheit, Nicht-Existenz. Unser Leben hat keinen Sinn gehabt, keine Poesie, keine Bedeutung. Dasselbe gilt für unseren Tod. Wenn wir weg sind, dauert es nicht lange, und das Universum hat uns vergessen, schon nach kurzer Zeit wird es den Anschein haben, als hätten wir niemals gelebt. Schließlich wird die Entropie alles verschlingen, und alle unsere schwächlichen Bemühungen können gegen dieses schreckliche Ende nichts ausrichten. Es wird vorbei sein. Es wird nie gewesen sein. Es hat nie eine Rolle gespielt. Selbst das Universum ist dem Untergang geweiht, ist vergänglich, und es ist ihm völlig egal.“

Ich rutschte auf meinem Stuhl zurück, und ein Schauer lief mir über den Rücken, während ich den düsteren Worten des armen Lukyan lauschte. Ich ertappte mich dabei, wie ich an meinem Kruzifix nestelte. „Eine trübe Philosophie“, sagte ich, „und falsch ist sie obendrein. Ich habe eine derart beängstigende Vision auch schon gehabt. Ich glaube, irgendwann hatten wir sie alle einmal. Aber so ist es nicht, Pater. Vor solchem Nihilismus bewahrt mich mein Glaube. Der Glaube ist ein Schutzschild gegen die Verzweiflung.“

„Oh, das weiß ich, mein Freund, mein Ritter der Inquisition“, sagte Lukyan. „Ich freue mich, dass wir uns so gut verstehen. Sie sind schon beinahe einer von uns.“

Ich runzelte die Stirn.

„Sie haben ins Schwarze getroffen“, fuhr er fort. „Die Wahrheiten, die großen Wahrheiten – und auch die meisten weniger großen – sind für den überwiegenden Teil der Menschheit unerträglich. Wir finden unseren Schutzschild im Glauben. In Ihrem Glauben, in meinem, in jedem. Nichts spielt eine Rolle, solange wir glauben, wirklich und wahrhaftig glauben, egal, an welche Lüge wir uns auch klammern.“

Er zupfte an den ausgefransten Spitzen seines blonden Barts. „Wissen Sie, die Psychologen haben uns immer eingeredet, die Glücklichen seien die Gläubigen. Man mag an Christus, an Buddha oder Erica Stormjones glauben, an die Wiedergeburt oder die Unsterblichkeit oder an die Natur, an die Macht der Liebe oder an die Grundsätze einer politischen Partei, es läuft immer auf dasselbe hinaus. Man glaubt, also ist man glücklich. Die die Wahrheit gesehen haben, sind diejenigen, die verzweifeln und sich umbringen. Die Wahrheit ist so gewaltig, der Glaube so gering, so dürftig, so von Irrtümern und Widersprüchen durchlöchert. Wir blicken hinter ihre Fassade und durchschauen sie, und dann spüren wir das Gewicht der Dunkelheit auf uns und können nicht mehr glücklich sein.“

Ich bin nicht schwer von Begriff. Ich wusste längst, worauf Lukyan Judasson hinauswollte. „Ihr Lügner erfindet also einen Glauben.“

Er lächelte. „Alle möglichen Glauben. Nicht nur religiöse. Stellen Sie sich das mal vor. Wir wissen, was für ein grausames Instrument die Wahrheit ist. Wir ziehen die Schönheit der Wahrheit tausendmal vor. Wir erfinden Schönheit, Glaubensrichtungen, politische Bewegungen, hohe Ideale, den Glauben an Liebe und Kameradschaft. Das sind alles Lügen. Wir erzählen diese und andere Lügen, zahllose andere. Wir verschönern die Geschichte, den Mythos, die Religion, wir machen alles schöner, besser und leichter zu glauben. Unsere Lügen sind nicht vollkommen, natürlich nicht. Die Wahrheiten sind zu groß. Aber vielleicht stoßen wir eines Tages auf die eine große Lüge, für die die ganze Menschheit Verwendung hat. Bis dahin müssen wir uns eben mit tausend kleinen Lügen begnügen.“

„Ich fürchte, ihr Lügner lasst mich ziemlich kalt“, sagte ich mit kühler, gelassener Inbrunst. „Mein ganzes Leben war ein einziges Streben nach Wahrheit.“

Lukyan hatte Nachsicht. „Pater Damien Her Varis, Ritter der Inquisition. Ich kenne Sie besser. Sie sind auch ein Lügner. Sie leisten gute Arbeit. Sie reisen von Welt zu Welt und vernichten die Dummen, die Rebellen, die Fragenden, die das Gefüge der gewaltigen Lüge, der Sie dienen, zum Einsturz bringen könnten.“

„Wenn die Lüge, der ich diene, so bewundernswert ist“, sagte ich, „warum haben Sie sich dann von ihr getrennt?“

„Eine Religion muss zu einer Kultur und zu ihrer Gesellschaft passen, mit ihr zusammenarbeiten, nicht gegen sie. Wenn es Reibungen, Widersprüche gibt, dann bricht die Lüge in sich zusammen, der Glaube wankt. Ihre Kirche, Pater, ist für viele Welten gut, doch nicht für Arion. Hier ist das Leben freundlich, Ihr Glaube aber ist streng. Wir lieben hier die Schönheit, und Ihr Glaube bietet davon zu wenig. Also haben wir ihn verbessert. Wir haben uns lange mit dieser Welt beschäftigt. Wir kennen ihr psychologisches Profil. Der heilige Judas wird hier Erfolg haben. Er bietet Dramatik und Farbe und viel Schönheit, die ästhetische Seite ist bewunderungswürdig. Seine Tragödie endet glücklich. Auf Arion schwärmt man für solche Geschichten. Die Drachen sind eine nette Beigabe. Ich finde, Ihre Kirche sollte einen Weg suchen, Drachen in ihre Lehre einzubauen. Es sind herrliche Geschöpfe.“

„Mythische“, sagte ich.

„Kaum“, erwiderte er. „Schauen Sie doch mal hin.“ Er grinste mich an. „Sehen Sie, es läuft wirklich alles auf den Glauben hinaus. Wissen Sie denn, was vor dreitausend Jahren tatsächlich geschah? Sie haben Ihren Judas, ich habe meinen. Beide haben wir Bücher. Ist Ihres richtig? Können Sie das wirklich glauben? Ich habe vorerst lediglich Zugang zum ersten Kreis des Ordens der Lügner. Daher kenne ich nicht alle Geheimnisse, doch ich weiß, dass unser Orden sehr alt ist. Es würde mich nicht überraschen, wenn die Evangelien von Männern geschrieben wurden, die mir sehr ähnlich waren. Vielleicht hat es nie einen Judas gegeben. Vielleicht auch nie einen Christus.“

„Ich glaube fest daran, dass es sie nie gegeben hat“, sagte ich.

„In diesem Gebäude gibt es hundert Leute, die tief und sehr real an den heiligen Judas und den Weg von Kreuz und Drachen glauben“, erwiderte Lukyan. „Der Glaube ist eine sehr gute Sache. Wussten Sie, dass die Selbstmordrate auf Arion um fast ein Drittel zurückgegangen ist, seit es den Orden des heiligen Judas gibt?“

Ich erinnere mich, wie ich langsam vom Stuhl aufstand. „Sie sind genauso fanatisch wie alle Häretiker, die ich kennengelernt hate, Lukyan Judasson“, sagte ich zu ihm. „Sie tun mir leid, weil Sie Ihren Glauben verloren haben.“
Lukyan erhob sich ebenfalls. „Bedauern Sie sich selbst, Damien Her Varis“, erwiderte er. „Ich habe einen neuen Glauben und einen neuen Lebenszweck gefunden und bin ein glücklicher Mensch. Sie, mein lieber Freund, quälen sich und fühlen sich elend.“

Das ist eine Lüge!“ Ich fürchte, ich habe das laut herausgeschrien.

„Kommen Sie mit“, sagte Lukyan. Er berührte ein Brett an der Wand, und das große Gemälde von Judas, der über seine Drachen weint, glitt in die Höhe. Dahinter war eine abwärts führende Treppe.

Im Keller stand ein großer Glasbottich mit blassgrüner Flüssigkeit, und darin schwamm ein Etwas – ein Etwas, das stark einem uralten Embryo glich, zugleich bejahrt und infantil, nackt, mit riesigem Kopf und winzigem verkrümmtem Körper.

Schläuche verbanden seine Arme und Beine und Genitalien mit einer Maschinerie, die es offenbar am Leben erhielt. Als Lukyan das Licht anknipste, öffnete es die Augen, große, dunkle Augen, die mir in die Seele schauten.

„Das ist mein Kollege“, erklärte Lukyan und tätschelte den Bottich. „Johannes Azure Kreuz, ein Lügner des vierten Kreises.“

„Und ein Telepath“, sagte ich mit tödlicher Sicherheit. Ich hatte Pogrome gegen Telepathen angeführt, Kinder zumeist, auf anderen Welten. Die Kirche lehrt, dass psionische Kräfte eine Falle des Teufels sind. In der Bibel ist von ihnen nicht die Rede. Ich hatte bei den Tötungen nie ein gutes Gewissen.

„In dem Moment, als Sie das Grundstück betraten, hat Johannes Sie durchschaut“, sagte Lukyan, „und mir seine Beobachtungen übermittelt. Nur wenige von uns wissen, dass er hier ist. Er hilft uns sehr erfolgreich beim Lügen. Er weiß genau, wann ein Glaube wahrhaftig und wann nur vorgetäuscht ist. Ich habe ein Implantat in der Schädeldecke. Johannes kann jederzeit mit mir sprechen. Er war es, der mich seinerzeit für die Lügner gewonnen hat. Er wusste, dass mein Glaube hohl war. Er spürte die Tiefe meiner Verzweiflung.“

Dann sprach das Etwas im Bottich. Seine metallische Stimme kam aus einem Lautsprecher im Sockel der Maschine, die es ernährte. „Und ich spüre auch deine Verzweiflung, Damien Her Varis, hohler Priester. Du hast zu viele Fragen gestellt, Inquisitor, du bist krank am Herzen und müde und glaubst nicht. Komm zu uns, Damien. Seit langer, langer Zeit schon bist du ein Lügner.“

Einen Moment lang zögerte ich. Ich blickte tief in mich hinein und fragte mich, was es war, woran ich glaubte. Ich suchte nach meinem Glauben, nach dem Feuer, das mich einst in Schwung gehalten hatte, nach der Sicherheit in den Lehren der Kirche, nach der Gegenwart Christi in mir. Ich fand nichts davon, nichts. Mein Inneres war leer, ausgebrannt, voller Fragen und Schmerz. Doch als ich Johannes Azure Kreuz und dem lächelnden Lukyan Judasson eben antworten wollte, da fand ich etwas anderes, etwas, an das ich wirklich glaubte, an das ich immer geglaubt hatte.

Die Wahrheit.

Ich glaubte an die Wahrheit, auch wenn sie schmerzte.

„Er ist verloren für uns“, sagte der Telepath mit dem höhnischen Namen Kreuz.

Lukyan schwand das Lächeln aus dem Gesicht. „Wirklich? Ich hatte gehofft, Sie würden sich uns anschließen, Damien. Sie machten auf mich den Eindruck, als seien Sie reif dafür.“

Auf einmal hatte ich Angst und wäre am liebsten die Treppe hinauf zu Schwester Judith gelaufen. Lukyan hatte mir eine ganze Menge erzählt, und jetzt hatte ich ihr Angebot zurückgewiesen.

Der Telepath spürte meine Angst. „Du kannst uns nichts tun, Damien“, sagte er. „Geh in Frieden. Lukyan hat dir gar nichts erzählt.“

Lukyan runzelte die Stirn. „Ich habe ihm eine ganze Menge erzählt, Johannes.“

„Sicher. Aber kann er denn den Worten eines Lügners, wie du einer bist, trauen?“ Der kleine missgestaltete Mund des Etwas im Bottich verzog sich zu einem Lächeln, seine großen Augen schlossen sich. Lukyan Judasson seufzte und führte mich die Treppe hinauf.

. . .

Erst ein paar Jahre später wurde mir klar, dass Johannes Azure Kreuz der Lügner und Lukyan das Opfer seiner Lüge war. Ich konnte ihnen etwas tun. Ich tat es.

Es war beinahe leicht. Der Bischof hatte in der Regierung und in den Medien Freunde. Mit Geld an der richtigen Stelle machte ich mir auch ein paar Freunde. Dann enthüllte ich, dass Kreuz dort im Keller saß, und beschuldigte ihn, seine psionischen Kräfte benutzt zu haben, um an Lukyans Anhängern eine Gehirnwäsche vorzunehmen. Meine Freunde gingen auf die Beschuldigungen ein. Die Polizei machte eine Haussuchung, nahm den Telepathen Kreuz in Haft und stellte ihn vor Gericht.

Er war natürlich unschuldig. Meine Anklage war Unsinn; menschliche Telepathen können Gedanken aus nächster Nähe lesen, selten mehr. Aber es gibt sie nicht oft, und daher sind sie gefürchtet, und Kreuz war abstoßend genug, so daß man ihn ohne Mühe zum Opfer des Aberglaubens machen konnte. Am Ende wurde er freigesprochen und verließ die Stadt Ammadon, wenn nicht gar Arion in unbekannte Regionen.

Es war nie meine Absicht gewesen, ihn zu überführen. Die Anklage genügte. In der Lüge, die er zusammen mit Lukyan aufgebaut hatte, begannen sich Risse zu zeigen. Der Glaube ist schwierig zu erringen und leicht zu verlieren. Schon der leiseste Zweifel kann dazu führen, selbst das stärkste Fundament zu zerrütten.

Der Bischof und ich arbeiteten Hand in Hand, um weitere Zweifel zu säen. Das war nicht so einfach, wie ich geglaubt hatte. Die Lügner hatten gute Arbeit geleistet. Ammadon besaß, wie die meisten zivilisierten Städte, einen großen Vorrat an Wissen, ein Computersystem, das Schulen, Universitäten und Bibliotheken miteinander verband und seine geballte Weisheit jedem zugänglich machte, der sie benötigte.

Und als ich das überprüfte, fand ich bald heraus, dass die Geschichte Roms und Babylons geschickt verändert worden war, und dass es für Judas Ischariot drei Stichworte gab – eins für den Erobererkönig von Babylon. Außerdem wurde sein Name im Zusammenhang mit den Hängenden Gärten erwähnt, und es gibt eine Eintragung für den sogenannten Kodex Judae.

Und die Bibliothek von Ammadon behauptete, die Drachen wären auf de Alten Erde etwa um die Zeit Christi ausgestorben.

Wir merzten schließlich alle diese Lügen aus, wischten sie aus dem Gedächtnis der Computer, obgleich wir Autoritäten auf einem halben Dutzend nichtchristlicher Welten zitieren mussten, ehe die Bibliothekare und Akademiker einsahen, dass die Unterschiede mehr als nur eine Frage der religiösen Präferenz waren.

Inzwischen war der Orden des heiligen Judas im grellen Licht der Öffentlichkeit verwelkt. Lukyan Judasson war hager und zornig geworden, und mindestens die Hälfte seiner Kirchen waren geschlossen.

Natürlich starb die Häresie nie vollständig aus. Es gibt immer solche, die glauben, egal was. Und so liest man auf Arion in der Porzellanstadt Ammadon unter murmelnden Flüsterwinden bis auf den heutigen Tag Der Weg von Kreuz und Drachen.

Arla-k-Bau und die Wahrheit Christi brachten mich ein Jahr nach meiner Abreise nach Vess zurück, und Erzbischof Torgathon genehmigte mir endlich den Urlaub, um den ich gebeten hatte, ehe er mich erneut aussandte, um weitere Häresien zu bekämpfen. Ich hatte also meinen Sieg, die Kirche machte weiter wie bisher, und der Orden des heiligen Judas Ischariot war gründlich zerschlagen. Der Telepath Johannes Azure Kreuz hatte sich geirrt, glaubte ich damals. Er hatte die Macht eines Ritters der Inquisition sträflich unterschätzt.

Später fielen mir allerdings seine Worte wieder ein.

Du kannst uns nichts tun, Damien.

Uns?

Dem Orden des heiligen Judas? Oder den Lügnern?

Ich glaube, er log bewusst, obgleich ihm klar war, dass ich den Weg von Kreuz und Drachen zerstören würde, und obgleich ihm außerdem klar war, dass ich die Lügner nicht greifen konnte, dass ich es nicht einmal wagen würde, sie zu erwähnen. Wie hätte ich auch? Wer hätte mir geglaubt? Eine gewaltige, die Sterne umspannende Verschwörung, so alt wie die Geschichte? Es riecht nach Wahnsinn, und ich hatte überhaupt keinen Beweis.

Der Telepath log zugunsten von Lukyan, damit er mich gehen lassen würde. Dessen bin ich mir heute sicher. Kreuz riskierte viel, um mich zu umgarnen. Als ihm das nicht gelang, war er bereit, Lukyan Judasson und seine Lüge zu opfern, Schachfiguren in einem größeren Spiel.

So reiste ich ab und nahm die Erkenntnis mit, keinen Glauben mehr zu haben, bis auf den an die Wahrheit – eine Wahrheit, die ich in meiner Kirche nicht mehr finden konnte.

In dem Jahr, in dem ich lesend und studierend auf Vess, Cathaday und auf Celias Welt Urlaub machte, wurde ich mir dessen sicher. Am Ende stand ich wieder einmal in meinen allerschlechtesten Stiefeln im Empfangszimmer von Torgathon Nine-Klariis Tûn. „Mein Lordkomtur“, sagte ich zu ihm, „ich kann keine weiteren Aufträge mehr übernehmen. Ich bitte darum, aus dem aktiven Dienst ausscheiden zu dürfen.“

„Weshalb?“ knurrte der Erzbischof und spritzte wild um sich.

„Ich habe den Glauben verloren“, erwiderte ich schlicht.

Er blickte mich lange aufmerksam an und blinzelte mit seinen pupillenlosen Augen. Endlich sagte er: „Ihr Glaube geht nur Sie und Ihren Beichtvater etwas an. Mich interessieren lediglich Ihre Ergebnisse. Sie haben gute Arbeit geleistet, Damien. Sie dürfen sich nicht zur Ruhe setzen, und ich erlaube Ihnen nicht, zu resignieren.“

Die Wahrheit wird uns freisetzen.

Aber Freiheit ist kalt und leer und beängstigend, und Lügen können oft warm und schön sein.

Letztes Jahr hat die Kirche mir ein neues Raumschiff zur Verfügung gestellt. Ich habe es Drache getauft.

* * *

Leseempfehlungen:

Die unsichtbare Ideologie von Jef Costello
Christentum und europäische Identität von Greg Johnson

Das Licht der fernen Sterne: George R. R. Martin und sein „Manrealm“-Kosmos
Die Erben der Schildkrötenburg: George R. R. Martin und die Fantasy-Literatur

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2 Kommentare

  1. Gerhard Hess

     /  7. Mai 2015

    LAND DER LÜGEN

    LAND DER LÜGEN

    Mut, nur Mut, trotz all der Lügen,

    die uns Deutsche heut’ umschwirren,

    ihr sollt euch den Lügen fügen,

    euch im Lügennetz verwirren.

    Wo man hinschaut, Lügensümpfe,

    flache Pfützen und Moraste,

    drüber stelzen rote Strümpfe,

    mit der Presse-Lügen-Quaste.

    Es wird gepinselt und geschrien,

    um die Wahrheit klein zu halten,

    Lug-Lizenzen sind geliehen,

    von dem Landesfeind, dem alten.

    Siegers Weisung zu erfüllen,

    trommeln sie Befreiungs-Thesen;

    rote Teufel sind am brüllen,

    schwingen ihre Kehraus-Besen.

    Ausgekehrt wird bis zum Rande,

    jedes Restchen deutscher Würde,

    nie gab’s das im deutschen Lande,

    solche schwere Lügen-Bürde.

    „Freiheit, Freiheit“ wird gesungen,

    und die Wahrheit keucht in Ketten,

    glauben tun’s nur dumme Jungen,

    die durch Lügen-Medien jetten.

    Tausend Dinge sind verboten:

    Zahlen, Zeichen, Malereien,

    Ehrung deutscher Helden-Toten,

    Filme, Bücher und Parteien.

    Lange rote Schnäbel schnappen,

    in den Sümpfen ihre Beute.

    Werdet unbequeme Happen,

    wehrt euch endlich, liebe Leute !

    _____

    Antwort
  2. In Das Licht der fernen Sterne schreibt George R. R. Martin über diese Geschichte:

    „Der Weg von Kreuz und Drachen“ ist mit Sicherheit meine katholischste Geschichte. Ich bin zwar römisch-katholisch erzogen worden und besuchte eine katholische Prep School, aber in meinem zweiten Jahr an der Northwestern kehrte ich der Religion den Rücken. Am Clarke jedoch, umgeben von Nonnen und katholischen Mädchen, dachte ich lange darüber nach, was wohl aus der Kirche draußen zwischen den Sternen werden würde.

    Und im englischen Wikipedia-Artikel über ihn wird er mit dieser Aussage über seine religiöse Einstellung zitiert (Übersetzung von mir):

    „Ich nehme an, daß ich ein nichtpraktizierender Katholik bin. Sie würden mich als Atheisten oder Agnostiker betrachten. Ich finde Religion und Spiritualität faszinierend. Ich würde gern glauben, daß das nicht alles ist und daß es da noch etwas gibt, aber ich kann meinen rationalen Teil nicht davon überzeugen, daß das irgendeinen Sinn ergibt.“

    („I suppose I’m a lapsed Catholic. You would consider me an atheist or agnostic. I find religion and spirituality fascinating. I would like to believe this isn’t the end and there’s something more, but I can’t convince the rational part of me that makes any sense whatsoever.“)

    Antwort

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