Fiktive schwarze Helden: Star Trek

Worf_and_Sisko,_Rules_of_Engagement

Von Hunter Wallace, übersetzt von Deep Roots.

Das Original Black Fictional Heroes: Star Trek erschien am 23. Mai 2011 im Occidental Dissent.

 

Ich arbeite mich durch „Hollywood in Blackface“ und sollte meine Rezension bis Ende der Woche fertig haben.

In der Zwischenzeit möchte ich die Aufmerksamkeit kurz auf vier wichtige fiktive Helden lenken, die in dem Buch nicht erwähnt werden: Captain Benjamin Sisko, Lieutenant Commander Geordi La Forge, Commander Tuvok und Emory Erickson aus „Star Trek“.

Das Thema von „Hollywood in Blackface“ ist, daß Schwarze in Fernsehserien und Filmen routinemäßig in Rollen besetzt werden, die keine Entsprechung zur Wirklichkeit haben. Denken Sie an Omar Epps als Neurologe in „Dr. House“ oder Will Smith, der in „Independence Day“ der beste Jägerpilot der Welt ist.

„Star Trek“ hat Schwarze hochgejubelt, seit Captain Kirk 1968 Lieutenant Uhura küßte und damit die Farbengrenze im Fernsehen durchbrach. Hier sind die vier wichtigsten Afroamerikaner im fiktiven „Star Trek“-Universum:

Captain Benjamin Sisko aus „Star Trek: Deep Space Nine“

Captain Benjamin Sisko aus „Star Trek: Deep Space Nine“

1) Captain Benjamin Sisko: In „Star Trek: Deep Space Nine“, das von 1993 bis 1999 gesendet wurde, ist Captain Benjamin Sisko der zentrale Charakter und Kommandant der Raumstation Deep Space Nine, die an ein Wurmloch grenzt, welches in einen anderen Sektor der Milchstraßengalaxie führt.

Ein Imperium feindseliger Außerirdischer, genannt „das Dominion“ lebt auf der anderen Seite des Wurmlochs. Als „Abgesandter der Propheten“ ist Captain Sisko eine göttliche Gestalt für das weiße Volk der Bajoraner, interagiert routinemäßig mit den bajoranischen Göttern und rettet die Menschheit und die gesamte Galaxis vor den bösen Formwandlern und ihren drogensüchtigen reptilischen Soldaten, als diese eine Invasion des Alpha-Quadranten starten.

Lieutenant Commander Geordi LaForge aus „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“

Lieutenant Commander Geordi LaForge aus „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“

2) Lieutenant Commander Geordi LaForge: In „Star Trek: Das nächste Jahrhundert“, das von 1987 bis 1994 gesendet wurde und die Grundlage für vier „Star Trek“-Filme war, ist Lieutenant Commander Geordi LaForge der Chefingenieur des Raumschiffes Enterprise.

In „Star Trek: Der erste Kontakt“ reisen LaForge und die Enterprise-E in der Zeit zurück ins 21. Jahrhundert, um die Borg daran zu hindern, den ersten Warp-Raumflug der Menschheit zu verhindern.

(mehr …)

Der Mikro-Warpantrieb

Adrian Mann

Von John G. Cramer; Original: The Micro-Warp Drive, ursprünglich verfaßt am 15. August 1999 und veröffentlicht in der Februarausgabe 2000 des Analog Science Fiction & Fact Magazine.

Übersetzt von Cernunnos (das Titelbild von Adrian Mann wurde vom Übersetzer als „Symbolbild“ eingefügt).

 

Ein kürzlicher Durchbruch hat das Konzept eines „Warpantriebs“ einen weiteren Schritt auf dem Weg von einer fiktiven Requisite für die Science Fiction zu einem gut fundierten physikalischen Konzept befördert, das vielleicht eines Tages verwirklicht werden könnte. Diese Verbesserung des Alcubierre-Warpantriebs wurde von Chris Van Den Broeck entwickelt, einem Theoretiker über die Allgemeine Relativitätstheorie an der Katholischen Universität von Löwen in Belgien. Er hat scheinbar unüberwindliche Probleme mit dem Entwurf des Alcubierre-Warpantriebs beseitigt. Seine Verbesserung bedient sich topologischer Gymnastik, um das Innere der Warp-Blase groß zu halten, während deren äußere Oberfläche sehr klein gemacht wird. Aber bevor ich Van Den Broecks Arbeit beschreibe, werde ich das Konzept des Alcubierre-Warpantriebs selbst zusammenfassen, das erstmals in meiner Kolumne #81 in der Novemberausgabe 1996 von Analog vorkam.

Bis 1994 war ein „Warpantrieb“ einer der Mythen der Science Fiction, ein gummiwissenschaftliches Konzept, das hauptsächlich verwendet wurde, um Helden von Weltraumopern mit Überlichtgeschwindigkeit von einem Sternsystem zum anderen flitzen zu lassen und dabei die Handlung voranzutreiben. Diejenigen, die mit den Gesetzen der Physik vertraut sind, sahen den Warpantrieb als eine offenkundige Verletzung der Prinzipien der Speziellen Relativitätstheorie, der Energieerhaltung und der Physik, wie wir sie kennen. Er wurde als exzessiver, aber vielleicht notwendiger Gebrauch der literarischen Freiheit von SF-Autoren toleriert.

Der Status des Warp-Antriebs änderte sich 1994 dramatisch, als Dr. Miguel Alcubierre einen Artikel mit dem Titel „The Warp Drive: hyper-fast travel within general relativity“ [„Der Warpantrieb: hyperschnelles Reisen im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie“] im Journal Classical and Quantum Gravity veröffentlichte. Alcubierre ist ein theoretischer Physiker aus Mexiko, der 1994 an der University of Wales arbeitete und sich nun am Albert-Einstein-Institut in Potsdam, Deutschland, befindet. Ebenfalls ein Fan der SF, war er von der SF-Tradition erfüllt und wandte seine Expertise in Physik den Überlegungen darüber zu, wie ein Warpantrieb innerhalb der Einschränkungen der Allgemeinen Relativitätstheorie, unseres gegenwärtigen „Standardmodells“ der Schwerkraft, konstruiert werden könnte. Alcubierre konstruierte eine „Metrik“, eine mathematische Spezifikation der Krümmung der Raumzeit, die all die Eigenschaften eines SF-Warpantriebs einschließlich der Fähigkeit zum überlichtschnellen Flug hatte. Überraschenderweise ist Alcubierres Warpantriebsmetrik eine Lösung von Einsteins Gleichungen zur Allgemeinen Relativitätstheorie und ist völlig mit ihnen konsistent. Dem Warpantrieb der Science Fiction war eine konsistente theoretische und mathematische Grundlage gegeben worden.

Wenn theoretische Physiker die Allgemeine Relativitätstheorie benutzen, besteht ihre normale Prozedur darin, mit irgendeiner Verteilung massiver Objekte zu beginnen und die Metrik zu berechnen, die die Raumzeitkrümmung beschreibt, die solch eine Verteilung produzieren würde. Alcubierre kehrte diese Prozedur um. Ohne sich darum zu sorgen, wie sie geformt werden könnte, konstruierte er eine Metrik, die ein Volumen eines flachen [= ungekrümmten; d. Ü.] Raumes, das vielleicht ein Raumschiff enthält, mit Überlichtgeschwindigkeit transportieren könnte. Dies wurde dadurch erreicht, daß das Volumen von flachem Raum in eine „Blase“ stark gekrümmten Raumes plaziert wird, worauf der Raum vor der Blase vernichtet und neuer Raum dahinter geschaffen wird. Effektiv wird die Warp-Blase durch Schaffung und Vernichtung von Raum vorangetrieben, als ob ein örtlicher Urknall hinter dem Heck des Raumschiffs stattfinden würde, während ein örtlicher „Big Crunch“ davor stattfände.

(mehr …)

Wie die NASA ihren allerersten Warpantrieb bauen könnte

Das obige vulkanische Kommandoschiff weist ein Warptriebwerk ähnlich einem Alcubierre-Antrieb auf.

Das obige vulkanische Kommandoschiff weist ein Warptriebwerk ähnlich einem Alcubierre-Antrieb auf.

Von George Dvorsky; das Original How NASA might build its very first warp drive erschien am 26. November 2012 auf io9.

Übersetzt von Cernunnos.

Vor ein paar Monaten verblüffte der Physiker Harold White die Flugtechnikwelt, als er verkündete, daß er und sein Team bei der NASA mit der Arbeit an der Entwicklung eines überlichtschnellen Warpantriebs begonnen hätte. Sein vorgeschlagener Entwurf, eine geniale neue Vorstellung von einem Alcubierre-Antrieb, könnte schließlich ein einem Triebwerk resultieren, das ein Raumfahrzeug innerhalb von Wochen zum nächsten Stern transportieren kann – und alles, ohne Einsteins Relativitätsgesetz zu verletzen. Wir kontaktierten White bei der NASA und ersuchten ihn zu erklären, wie dieser Warpantrieb des wirklichen Lebens tatsächlich funktionieren könnte.

Der Alcubierre-Antrieb

Die Idee kam White, während er über eine ziemlich bemerkenswerte Gleichung nachdachte, die vom Physiker Miguel Alcubierre formuliert worden war. In seinem Artikel von 1994 mit dem Titel „The Warp Drive: Hyper-Fast Travel Within General Relativity“ [„Der Warpantrieb: Hyperschnelle Reisen im Rahmen der allgemeinen Relativitätstheorie“] schlug Alcubierre einen Mechanismus vor, durch den die Raumzeit sowohl vor als auch hinter einem Raumfahrzeug verzerrt [engl. „warped“] werden könnte.

186idp39rpm13jpg

Michio Kaku nannte Alcubierres Vorstellung einen „Reisepaß zum Universum“. Sie nutzt eine Eigenart des kosmologischen Gesetzes, die die Ausdehnung und Zusammenziehung der Raumzeit zuläßt und hyperschnelle Reisen zwischen interstellaren Zielen ermöglichen könnte. Im Wesentlichen würde man den leeren Raum hinter einem Sternenschiff zur schnellen Ausdehnung veranlassen, was das Fahrzeug in Vorwärtsrichtung schiebt – Passagiere würden es trotz des völligen Fehlens von Beschleunigung als Bewegung wahrnehmen.

White spekuliert, daß solch ein Antrieb in „Geschwindigkeiten“ resultieren könnte, die ein Raumfahrzeug in bloßen zwei Wochen nach Alpha Centauri bringen könnten – obwohl das System 4,3 Lichtjahre entfernt ist.

186idt797vywhpng

Bezüglich der Triebwerksmechanik würde ein sphäroides Objekt zwischen zwei Bereichen der Raumzeit (eine, die sich ausdehnt, und eine, die sich zusammenzieht) plaziert. Eine „Warp-Blase“ würde dann erzeugt, die die Raumzeit um das Objekt herumbewegt und es effektiv neu positioniert – wobei das Endergebnis eine überlichtschnelle Reise ist, ohne daß das Sphäroid (oder Raumfahrzeug) sich gegenüber seinem örtlichen Bezugsrahmen bewegen muß.

„Erinnern Sie sich daran, nichts überschreitet örtlich die Lichtgeschwindigkeit, aber der Raum kann sich mit jeder beliebigen Geschwindigkeit ausdehnen oder zusammenziehen“, sagte White zu io9. „Jedoch ist die Raumzeit sehr steif, daher würde die Erzeugung des Ausdehnungs- und Zusammenziehungseffekts in einer brauchbaren Weise, um interstellare Ziele in sinnvollen Zeiträumen zu erreichen, eine Menge Energie erfordern.“

Und tatsächlich deuteten frühe Einschätzungen, die in der darauffolgenden wissenschaftlichen Literatur veröffentlicht wurden, auf erschreckende Energiemengen hin – im Grunde gleich der Masseenergie des Planeten Jupiter (1.9 × 1027 Kilogramm oder 317 Erdmassen). Als Folge wurde die Idee als viel zu unpraktisch beiseite gewischt. Obwohl die Natur einen Warpantrieb zuließ, sah es so aus, als ob wir nie selbst einen bauen können würden.

„Jedoch“, sagte White, „beruhend auf der Analyse, die ich in den letzten 18 Monaten erstellte, könnte es Hoffnung geben.“ Der Schlüssel, sagt White, könnte in der Veränderung der Geometrie des Warpantriebs selbst liegen.

Ein neuer Entwurf

Im Oktober letzten Jahres bereitete White sich auf eine Rede vor, die er zum Start des 100 Year Starship project in Orlando, Florida, halten sollte. Während er seine Übersicht über die Raumverzerrung zusammenstellte, führte er eine Sensibilitätsanalyse für die Feldgleichungen durch, mehr aus Neugier als wegen irgendwas sonst.

„Meine frühen Ergebnisse deuteten darauf hin, daß ich etwas entdeckt hatte, das die ganze Zeit in der Mathematik enthalten war“, erinnerte er sich. „Ich erkannte plötzlich, daß man, wenn man die Dicke des Rings für die negative Vakuumenergie dicker machen würde – wie der Übergang von einer Gürtelform zu einer Doughnut-Form – und die Warp-Blase oszillieren ließe, die nötige Energie sehr verringern kann – was die Idee vielleicht plausibel machen könnte.“ White hatte die Form von Alcubierres Ring, der die sphäroide Form umgab, von etwas, das ein flacher Halo war, auf etwas angepaßt, das dicker und kurviger war.

186ie03v3y60fjpg

Er stellte die Ergebnisse seines Umdenkens zum Alcubierre-Antrieb ein Jahr später bei der 100 Year Starship Konferenz in Atlanta vor, wo er seine neuen Optimierungsansätze hervorhob – ein neuer Entwurf, der die benötigte Menge an exotischer Materie bedeutend verringern könnte. Und tatsächlich, sagt White, könnte der Warp-Antrieb mit der Energie einer Masse betrieben werden, die noch geringer ist als jene der Raumsonde Voyager 1.

Das ist eine bedeutende Änderung der Kalkulation, um das Mindeste zu sagen. Die Massenverringerung von einem jupitergroßen Planeten zu einem Objekt, das bloße 726 kg [1600 pounds] wiegt, hat Whites Gefühl der Plausibilität völlig umgestellt.

(mehr …)

Der Woodward-Antrieb: Mit „seltsamem Schub“ in die Zukunft?

Von Deep Roots (Eigentext, Übersetzungen und CAD-Grafiken), ursprünglich erschienen Ende 2015 auf „As der Schwerter“, aktualisiert am 14. April 2017.

Dies ist ein für „As der Schwerter“ sehr ungewöhnlicher Beitrag, der thematisch weitab von den Themen liegt, die hier sonst meist behandelt werden. (Es ist auch ein sehr technischer und vor allem sehr langer, LANGER Beitrag.) Und doch paßt er zu unserer allgemeinen Ausrichtung, denn es soll darin ein Raumflugantriebsprinzip samt Konzepten zu seiner praktischen Anwendung vorgestellt werden, das – sollte die zugrundeliegende Physik bestätigt werden und eine technische Umsetzung mit geeignetem Wirkungsgrad und Leistungsgewicht machbar sein – künftigen Generationen der weißen Völker die Erforschung, Erschließung und Inbesitznahme des Sonnensystems in viel wirtschaftlicherer, bequemerer und schnellerer Weise ermöglichen könnte, als es mit chemischen, nuklearen, thermonuklearen oder elektrischen Raketenantrieben machbar wäre.

Hierbei handelt es sich um den Woodward-Antrieb, eine Anwendung des Woodward-Effekts, welcher auf einem der vorhergesagten Mach-Effekte beruht. Zur Erläuterung des theoretischen Hintergrundes und Vorstellung der bisher getätigten praktischen Arbeiten von Dr. James Woodward habe ich nachfolgend meine Übersetzungen eines Artikels von Charles Platt sowie des darin verlinkten Wikipedia-Eintrags eingefügt, woran sich meine eigenen, darauf aufbauenden Überlegungen und Zukunftsvisionen anschließen. Es wäre schön, wenn dieser Beitrag Tüftler und Theoretiker – womöglich künftige Wernher von Brauns und Hermann Oberths – zu eigenen Arbeiten in dieser Richtung anregen würde, auf denen die praktische Umsetzung für echte Raumfahrzeuge einmal aufbauen könnte.

*   *   *

Seltsamer Schub: die unbewiesene Wissenschaft, die unsere Kinder im Weltraum antreiben könnte

Von Charles Platt (Original: Strange thrust: the unproven science that could propel our children into space, erschienen auf boingboing.net)

Seit vielen Jahrzehnten ist es eine Fantasie unter Weltraumenthusiasten gewesen, ein Gerät zu erfinden, das einen Nettoschub in eine Richtung produziert, ohne daß eine Reaktionsmasse nötig wäre. Natürlich ist ein reaktionsloser Weltraumantrieb dieses Typs unmöglich. Oder doch nicht? Von Charles Platt.

Seit ich alt genug war, um Science Fiction zu lesen, wollte ich den Mars besuchen. Sogar der Mond wäre besser als nichts. Leider ist es unwahrscheinlich, daß mich die Raketentechnologie innerhalb meiner Lebenszeit dorthin bringt.

Das Problem ist, daß Raketen ein schlechtes Mittel dafür sind. Selbst wenn sich ihre Sicherheitsbilanz verbessert, sind sie von Natur aus durch das Grundkonzept der Rückstoßmasse begrenzt. Heiße Gase müssen aus dem Heck schießen, damit ein Raumfahrzeug sich vorwärts bewegt, und dies bedingt die Mitführung einer Treibstoffzuladung, die Hunderte Male schwerer ist als die Nutzlast.

Seit H. G. Wells sich in „The First Men in the Moon“ ein schwerkraftabschirmendes Material vorstellte, haben Weltraumenthusiasten über Möglichkeiten fantasiert, um Schub ohne Notwendigkeit einer Reaktionsmasse zu erzielen. Leider scheint das unmöglich zu sein.

Oder doch nicht?

James Woodwards Büro, umgewidmet zu einem Labor zur Untersuchung der Verringerung der trägen Masse. Woodwards Werkbank befindet sich unten links, und die Torsionswaage befindet sich oben rechts.

James Woodwards Büro, umgewidmet zu einem Labor zur Untersuchung der Verringerung der trägen Masse. Woodwards Werkbank befindet sich unten links, und die Torsionswaage befindet sich oben rechts.

Ich persönlich bin nicht mehr so bereit, das Wort „unmöglich“ noch zu verwenden. Im Oktober dieses Jahres beobachtete ich im Labor von Dr. James Woodward an der California State University in Fullerton (oben) ein Experiment in sehr kleinem Maßstab, das überraschend überzeugend war. Anders als all die Schwindeleien um die „freie Energie“, die man online sieht, verletzt Woodwards Apparat keine physikalischen Grundgesetze (er produziert nicht mehr Energie, als er verbraucht, und verletzt nicht Newtons drittes Gesetz). [Anm. d. Ü.: Newtons drittes Gesetz ist das Wechselwirkungs- oder Reaktionsgesetz: „Kräfte treten immer paarweise auf. Übt ein Körper A auf einen anderen Körper B eine Kraft aus (actio), so wirkt eine gleich große, aber entgegen gerichtete Kraft von Körper B auf Körper A (reactio).“] Auch hält Woodward keine Informationen über seine Methoden zurück. Er hat ein bei Springer veröffentlichtes Buch geschrieben, das in schonungslosem Detail erläutert, wie genau seine Anlage funktioniert – unter der Annahme, daß sie tatsächlich funktioniert. Er veröffentlichte seine Theorie in Foundations of Physics Letters, Band 3, Nr. 5, 1990, und es gelang ihm sogar, ein U.S.-Patent zu bekommen – Nummer 5.280.864, erteilt am 25. Januar 1994.

Ich hörte erstmals 1997 von ihm, als ich ihn für das Magazin Wired interviewte. Seine Ergebnisse waren damals vorläufig, und er war vorsichtig damit, irgendwelche Behauptungen zu machen. „Ich habe alle zwei Wochen Paranoia-Anfälle“, sagte er mir, „und dann versuche ich etwas anderes, um zu sehen, ob ich diesen Effekt zum Verschwinden bringen kann.“

Fast zwanzig Jahre später hat sich die Situation verändert. Dr. Heidi Fearn, eine theoretische Physikerin, die sich in Fullerton auf Quantenoptik spezialisiert, hat die Mathematik erarbeitet, von der sie glaubt, daß sie Woodwards experimentellen Beweis rechtfertigen kann. Wikipedia hat jetzt einen umfangreichen Eintrag über den Woodward Effect. [Anm. d. Ü.: Meine Übersetzung dieses Wikipeda-Artikels folgt weiter unten.] Das Space Studies Institute setzt sich für die Sache ein und lädt zu steuerlich absetzbaren Spenden ein.

Falls wirklich ein geringer Schub erzeugt werden kann, indem man Energie einsetzt, aber keine Rückstoßmasse, dann könnte das Prinzip angewandt werden, um Orbitabweichungen von Satelliten zu korrigieren. Falls der Effekt sich als vergrößerbar erweist, würde er eine bedeutende Wende für den menschlichen Raumflug bringen. Natürlich ist das ein großes „falls“; aber ich denke, daß Woodwards Idee mehr verspricht als alle anderen alternativen Antriebssysteme. Sie wäre unendlich attraktiver als Raketenmotoren.

Das Konzept beruht auf der Möglichkeit, die Masse eines Objekts zu verändern. Masse verändern? Wie kann das Sinn ergeben? Die Antwort ist mit der Allgemeinen Relativitätstheorie verbunden.

Masse ist nicht absolut

Wir neigen dazu, uns Masse als eine feststehende Menge vorzustellen, aber das ist nicht notwendigerweise so. Wir wissen bestimmt, daß Masse in Energie umwandelbar ist, wie dies täglich in Kernspaltungsreaktoren geschieht. Die Allgemeine Relativitätstheorie beschreibt auch eine Massenzunahme, die mit der Geschwindigkeit stattfindet, wenngleich der Effekt im Alltagsleben vernachlässigbar ist.

Wichtiger noch, laut dem verstorbenen Ernst Mach (1836 – 1916) hängt die träge Masse von einer Wechselbeziehung mit anderen Objekten im Universum ab.

Mach war ein österreichischer Physiker, dessen Name als Geschwindigkeitsmaß verwendet wird, wie „Mach 1“, die Schallgeschwindigkeit auf Meereshöhe. Er war ein Zeitgenosse von Einstein, dem er ein Gedankenexperiment vorschlug: Was, wenn es nur ein Objekt im Universum gäbe? Mach argumentierte, daß es keine Geschwindigkeit haben könnte, weil man laut der Relativitätstheorie mindestens zwei Objekte braucht, bevor man ihre Geschwindigkeit relativ zueinander messen kann.

Um dieses Gedankenexperiment einen Schritt weiter zu führen: Wenn ein Objekt allein im Universum wäre, und es keine Geschwindigkeit hätte, könnte es keine meßbare Masse haben, weil die Masse mit der Geschwindigkeit variiert.

Mach schlußfolgerte, daß es träge Masse nur gibt, weil das Universum mehrere Objekte enthält. Wenn ein Kreisel rotiert, widersetzt er sich Verschiebungen, weil er mit der Erde, den Sternen und fernen Galaxien wechselwirkt. Falls diese Objekte nicht existieren würden, hätte der Kreisel keine Trägheit.

Einstein war von diesem Konzept fasziniert und nannte es „Machs Prinzip“. Es ist nie widerlegt worden, aber es schien keine Anwendung zu haben, bis James Woodward zur Überzeugung kam, daß Masse sich unter bestimmten Umständen vorübergehend ändern kann.

Der unkonventionelle Professor

Woodward ist ein ungewöhnlicher Charakter. Nun in seinen Siebzigern, reicht sein Interesse am Finden einer Alternative zum raketengetriebenen Raumflug bis in seine Jugend zurück. „Ich erhielt einen Bachelorabschluß in Physik“, erklärt er, „und ging weiter an eine Hochschule für Physik, und an diesem Punkt war es offensichtlich, daß ich nie einen Job als Physikergeselle bekommen würde, wo irgend jemand mich an so etwas arbeiten lassen würde. Daher änderte ich meinen Beruf auf Wissenschaftsgeschichte, in dem ich angestellt sein konnte, während ich meine Ziele in meiner Freizeit verfolgte.“ Anscheinend nahm er an, daß er solo daran arbeiten könnte. „Wenn man nicht an einem Problem arbeitet, löst man es nicht“, sagt er lakonisch.

Er erhielt sein Doktorat in Geschichte an der University of Denver, wo seine These die Gravitation zum Thema hatte. Er bemerkt nachdenklich: „Ich dachte nie, daß es bis 1989 dauern würde, um herauszufinden, daß das einzig Sinnvolle Machs Prinzip war, das besagt, daß Aktion auf Distanz die Art ist, wie die Realität ist.“

Er begann Bauteile und Ausrüstung mit seinem eigenen Geld zu kaufen und richtete allmählich ein Labor in seinem Büro in Fullerton ein. Wenn er kleine Teile brauchte, die es nicht gab, lernte er sie sich selbst zu bauen, mit Hilfe eines freundlichen Maschinisten, der die Universitätswerkstatt leitete. Nach vielen Durchläufen und einer Menge mühsamer Anfertigungsarbeit hat er nun einen Tischdemonstrator, den er für mich laufen ließ, als ich ihn besuchte.

Dr. James Woodward und Dr. Heidi Fearn vor den Datenüberwachungs- und Datenerfassungssystemen.

Dr. James Woodward und Dr. Heidi Fearn vor den Datenüberwachungs- und Datenerfassungssystemen.

Heidi Fearn – die Physikerin, die seine Mathematik überprüfte – erhielt ihren Doktorgrad in Physik an der Essex University in England und unterrichtet seit 1991 Physik in Fullerton, wo sie Woodward seit mehr als zwanzig Jahren gekannt hat. (Die beiden sind oben zu sehen.) Sie interessierte sich nicht ernsthaft für seine Arbeit, bis sie entdeckte, daß Stapel seiner Ausrüstung unerwartet in ihr internes Büro übersiedelt worden waren, während sie in Urlaub war. Da sie um Woodwards Projekt nun nicht herumkam, begann sie die Experimente zu beobachten. „Ich sah, daß es nicht nur experimenteller Lärm war“, erinnert sie sich. „Es war ein sehr deutlicher Effekt, bei jedem Durchlauf. Es war ein riesiges Signal, relativ gesprochen. Man kann solch ein Signal nicht von nichts bekommen. Etwas geschah offenkundig, und es war nichts, das ich sehr leicht erklären konnte.“

Fearn hat immer noch einen britischen North-Country-Akzent und kommt als sehr praktische, pragmatische Persönlichkeit rüber – überhaupt nicht der Typ, von dem man erwartet, daß es ihn zu unkonventioneller Wissenschaft hinzieht. Tatsächlich war sie skeptisch bezüglich Woodwards Ideen und war überrascht, als sie an der theoretischen Grundlage nichts Falsches fand.

Sie wurde, wie sie es ausdrückt, „zu neunundneunzig Prozent überzeugt“, und begann informell an dem Projekt mitzuarbeiten, während sie immer noch an der Universität Physik unterrichtet. Sie kaufte mit ihrem eigenen Geld etwas Testausrüstung, zusammen mit Modellierungssoftware, die sie für die Konstruktion des nächsten Prototyps verwenden möchte. „Zur Zeit bin ich eine Theoretikerin, aber ich ertappe mich dabei, wie ich Versuch und Irrtum anwende“, sagt sie. „Ich fühle mich damit nicht wohl. Jim hat mehr als zwanzig Jahre lang herumgebastelt. Ich möchte dorthin kommen, wo ich etwas Optimales vorschlagen kann.“

Ihr Ziel ist, den Effekt um eine Größenordnung hochzuskalieren.

Die Methode

Und wie genau funktioniert das? Die Idee ist, ein kleines Objekt zu beschleunigen, während man seine Energie verändert. Wenn zum Beispiel das kleine Objekt ein Kondensator ist, der mit relativ hoher Frequenz vibriert, und die elektrische Ladung darin mit dem Doppelten dieser Frequenz fluktuiert, sollte die Masse des Kondensators ebenfalls fluktuieren. Als Woodward mir 1997 davon erzählte, fragte ich ihn, warum solch ein leicht zu beweisendes Phänomen nie von irgend jemand anderem bemerkt worden ist. „Vielleicht weil die Leute normalerweise nicht herumgehen und Kondensatoren abwiegen“, sagte er.

Im Prinzip könnte man das selbst ausprobieren, indem man einen Stereoverstärker verwendet, um einen Lautsprecher zu betreiben, der für den Zweck umgewidmet wurde, einen Kondensator mit, sagen wir, 20 kHz vibrieren zu lassen, während man gleichzeitig den Kondensator mit 40 kHz auflädt und entlädt. Dies wäre solch ein einfaches Experiment, daß man es um vielleicht 50 Dollar aufbauen könnte, aber die Herausforderung wäre die Messung der kleinen Masseveränderungen, die auftreten sollen. Man hätte auch ein großes Problem mit der Ausschließung äußerer Faktoren wie elektromagnetische Felder, Vibrationen, Luftströmungen, Temperaturveränderungen und vieles mehr.

Ein Stapel piezoelektrischer Scheiben, der in einem von Woodwards Experimenten verwendet wird. Der Raster im Hintergrund hat eine Teilung von 1/10“ (2,54 mm).

Ein Stapel piezoelektrischer Scheiben, der in einem von Woodwards Experimenten verwendet wird. Der Raster im Hintergrund hat eine Teilung von 1/10“ (2,54 mm).

Zur Bewältigung dieser Probleme verwendete Woodward eine Vakuumkammer, in die er piezoelektrische Elemente mit einem Durchmesser von etwa 3/4“ (ca. 19 mm) plazierte, die sich biegen, wenn sie elektrischem Strom ausgesetzt werden. Zwischen den Elementen befinden sich Metallscheiben, und die Kondensatorkapazität zwischen den Scheiben verändert sich, während sie vibrieren. Die resultierende Kraft ist winzig, aber er ist davon überzeugt, daß sie meßbar ist. Eines seiner Schubgeräte ist oben abgebildet.

Die Anwendung

Warum sollte dies einen Raumflugantrieb ermöglichen? Hier ist ein weiteres Gedankenexperiment: Wenn zwei Kisten auf Rädern durch eine Stange verbunden sind und eine der Kisten einen Motor enthält, der eine Kurbel dreht, welche die Stange hin- und her zieht und stößt, dann werden die Kisten sich voneinander weg und wieder aufeinander zu bewegen. Wenn sie gleich viel wiegen, dann wird das Stoßen und Ziehen die Kisten in gleichem Maß bewegen, und sie werden nirgendwohin kommen. Diese Abfolge wird hier gezeigt:

(mehr …)

Spacewreck: Opfer von Arachnidia

Original: „Killer Planets: Victims of Arachnidia“; Übersetzung: Cernunnos (Bild von Tony Roberts). Dies ist Teil 8 meiner Übersetzungsreihe Spacewreck aus dem Buch SPACEWRECK: Ghostships and Derelicts of Space (1979, ISBN 0600 329909) von Stewart Cowley, einer Sammlung kürzerer illustrierter, nicht zusammenhängender Geschichten vor dem Hintergrund einer fiktiven Geschichte der Expansion des Menschen in die Galaxis. Zuvor hier veröffentlicht:

Spacewreck: Einführung

Todesschiff von Alkahera

Das Wrack der Jancis Jo

Die Kriegswelt Alshain

Kinder der Götter

Ein tödliches Eden

Der Friedhof von Beta Pavonis

*   *   *

Manchmal stößt selbst die bestvorbereitete Expedition auf Probleme, auf die ihre Mitglieder keine Antwort haben und die sie zu überwältigen drohen. Beim gegenwärtigen System der Erforschung und Besiedelung ist kein Außenposten so abgelegen, daß er nicht in der Lage ist, die Ressourcen der Föderation zur Hilfe oder Rettung anzurufen. Leider hatten die frühen Kolonisten keine solche Rückgriffsmöglichkeit. Zu oft führte ihr Eroberer- und Abenteuergeist sie weit über den Kontakt zu ihren Mitmenschen hinaus, und von vielen hörte man nie wieder etwas. Manche dieser Gruppen gedeihen vielleicht noch auf fernen und aus anderen Gründen unbekannten Welten, wo ihre Isolation vom Rest der Menschheit es ermöglicht hat, daß ihre Entwicklung auf einem Weg weitergeht, der frei von irgendeinem körperschaftlichen Einfluß weitergeht. Es ist vorstellbar, sogar wahrscheinlich, daß zukünftige Forschungen Welten wiederentdecken, wo menschliche Siedler überlebt und sich in solch einer Weise entwickelt haben, daß sie für ihre Mitmenschen nicht wiederzuerkennen sind. Andere sind zweifellos gescheitert, angesichts von Bedrohungen, gegen die sie keine Verteidigung hatten. Ein tragisches Beispiel dafür wurde im einsamen Einplanetensystem Epsilon Hydrae gefunden, eines Zwergsterns vom Spektraltyp G0, der 136 Lichtjahre von der Erde entfernt liegt.

Jede Welt, die eine atembare Atmosphäre besitzt, ist für die Terran Trade Authority von vorrangigem Interesse, und da diese einsame Welt eine erdähnliche Lufthülle hatte, wurde ein Erkundungsschiff entsandt, sobald die Entdeckung gemacht worden war. Dessen Bericht war nicht ermutigend, da Wasser knapp zu sein schien und die aride Oberfläche wenig Vegetation aufwies. Was es an struppigen Gewächsen überhaupt gab, war an den Polen konzentriert, und obwohl es einen recht hohen Bedeckungsgrad durch Wolken gab, war die Niederschlagsrate auf dem Großteil des Globus extrem niedrig. Es gab wenig Variation zwischen Nacht und Tag, da die geringe Lichtmenge von der kleinen Sonne, die die Wolkenbänke durchdrang, schwach war. Jedoch deutete eine vorläufige Untersuchung darauf hin, daß der felsige Planet, obwohl ihm ein Reiz als mögliche Kolonialwelt fehlte, einigen Wert für den Bergbau haben könnte, und ein spezialisiertes Forschungsteam wurde ausgesandt, um eine Oberflächenstudie durchzuführen.

Die Geologen hatten mehr als drei unbequeme Monate mit dem Sammeln von Proben und der Kartierung der Planetenoberfläche verbracht, bevor sie ihre Aufmerksamkeit einer der vielen gebirgigen Regionen des Planeten zuwandten. Während eines der frühen Märsche in diesem Terrain stießen sie auf ein Gebiet, das eine Anzahl großer spinnwebartiger Strukturen enthielt. Sie bestanden aus einem immens starken Material, das sich der Analyse widersetzte, und stellenweise waren sie so dicht, daß sie unmöglich zu passieren waren. Sie schienen in bestimmten Bereichen mit freiem Boden darum herum konzentriert zu sein. Nachdem es mehrere dieser bemerkenswerten Phänomene umgangen hatte, sah das Team ein weiteres vor sich. Sie wollten ungern einen weiteren Umweg machen und wollten schon denselben Weg zurückgehen, als einem der Gruppe eine ungewöhnliche Felsstruktur im Herzen der Netzmasse auffiel. Während das Terrain immer zerklüftet und kantig gewesen war, war dieser Felsvorsprung glatter und hob sich von dem steinernen Wirrwarr ab, das ihn umgab. Sie beschlossen, so nahe wie möglich heranzugehen, um eine Holovid-Aufzeichnung zu machen, bevor sie zur Basis zurückkehrten, und kletterten über die Felsen darauf zu. Je näher sie kamen, desto unnatürlicher sah das Objekt aus, bis sie plötzlich erkannten, daß es keine Felsformation war.

(mehr …)

Der gläserne Wächter

A C Clarke Der gläserne Wächter

Im verlöschenden Nachglühen der Schöpfung kam etwas von den Sternen, schwebte durch unser Sonnensystem und hinterließ ein Zeugnis seiner Reise.

Von Arthur Charles Clarke, aus „Das Beste aus Reader’s Digest“ Oktober 1988 (Original: „The Sentinel“, 1951; aus dieser Kurzgeschichte entstand die Idee zu „2001 – Odyssee im Weltraum“). Die etwas gekürzte deutsche Fassung aus „Reader’s Digest“ wurde von mir (Lichtschwert) durch eigene Übersetzungen nach dem Originaltext (PDF, 6 Seiten) ergänzt. (Der damalige Erkenntnisstand über die Natur der Mondmeere und ihre Entstehung war noch ein anderer, als wir ihn heute haben.)

 

Wenn Sie das nächste Mal den Vollmond hoch droben am Südhimmel sehen, betrachten Sie genau die rechte Seite der Scheibe. Stellen Sie sich jetzt ein aufgelegtes Zifferblatt vor, dann können Sie etwa bei zwei Uhr einen dunklen, ovalen Fleck erkennen; jeder mit normaler Sehkraft kann ihn recht leicht finden. Das ist die große Ebene, eine der schönsten auf dem Mond. Sie heißt Mare Crisium – das Krisenmeer. Es hat einen Durchmesser von 420 Kilometern, ist fast vollständig von einer herrlichen Gebirgskette umgeben und war noch vollkommen unerforscht, als wir im Spätsommer 1996 dorthin kamen.

Unsere Expedition war eine große. Wir hatten zwei schwere Frachter, die unsere Vorräte und Ausrüstung von der lunaren Hauptbasis im Mare Serenitatis, achthundert Kilometer entfernt, eingeflogen hatten. Es gab auch drei kleine Raketen, die für den Kurzstreckentransport über Bereiche bestimmt waren, die unsere Oberflächenfahrzeuge nicht überqueren konnten. Zum Glück ist der Großteil des Mare Crisium sehr flach. Es gibt keine der großen Spalten, die anderswo so häufig und so gefährlich sind, und sehr wenige Krater oder Berge irgendwelcher Größe. Soweit wir sagen konnten, würden unsere starken Raupentraktoren keine Schwierigkeit damit haben, uns überall hinzubringen, wo wir hinwollten.

Ich war ein Geologe – oder Selenologe, wenn Sie pedantisch sein wollen -, der die Gruppe leitete, die den südlichen Abschnitt der Ebene untersuchen sollte. Wir hatten ein paar hundert Meilen davon in einer Woche durchquert und waren die Ausläufer der Berge entlang des Ufers von etwas entlanggefahren, das einst das uralte Meer war, vor etwa tausend Millionen Jahren. Als das Leben auf der Erde begann, starb es hier bereits. Die Wasser wichen über die Flanken jener gewaltigen Klippen zurück und zogen sich in das leere Herz des Mondes zurück. Über dem Land, das wir durchquerten, war der gezeitenlose Ozean einst achthundert Meter tief gewesen, und nun war die einzige Spur von Feuchtigkeit der Rauhreif, den man manchmal in Höhlen finden konnte, in die das sengende Sonnenlicht nie vordrang.

Wir hatten unsere Reise früh im langen Morgengrauen des Mondes begonnen; nach Erdzeitrechnung blieb uns noch beinahe eine Woche, bis es wieder Nacht wurde. Etwa sechsmal am Tag verließen wir das Fahrzeug in behelmten Raumanzügen, um nach interessanten Mineralien Ausschau zu halten, oder um Markierungen zur Anleitung zukünftiger Reisender anzubringen. Es war ereignislose Routine. Es ist nichts Riskantes oder auch nur besonders Aufregendes an der Erforschung des Mondes. Wir konnten bequem einen Monat lang in unseren druckgeregelten Traktoren leben, und falls wir auf Schwierigkeiten stießen, konnten wir immer um Hilfe funken und abwarten, bis eines der Raumschiffe zu unserer Rettung kam.

Ich sagte gerade, daß es nichts Aufregendes an der Erforschung des Mondes gibt, aber das ist natürlich nicht wahr. Wir konnten uns an jenen unglaublichen Bergen nicht satt sehen, die viel zerklüfteter und scharfkantiger waren als die sanften Erhebungen auf der Erde. Wenn wir um ein Vorgebirge oder Kap jenes verschwundenen Meeres herumfuhren, wußten wir nie, welche prachtvollen Ausblicke sich uns offenbaren würden. Die gesamte südliche Krümmung des Mare Crisium ist ein riesiges Delta, wo eine Anzahl von Flüssen einst ihren Weg in den Ozean fanden, vielleicht gespeist von den Sturzregen, die die Berge in dem kurzen vulkanischen Zeitalter gepeitscht haben mußten, als der Mond jung war. Jedes dieser uralten Täler war eine Einladung, die uns dazu herausforderte, in die unbekannten Hochländer dahinter zu klettern. Aber wir hatten immer noch über hundertsechzig Kilometer zurückzulegen und konnten nur sehnsüchtig die Höhen betrachten, die andere erklimmen mußten.

Wir orientierten uns an Bord des Traktors weiterhin an der Erdzeit, und exakt um 22 Uhr wurde die letzte Nachricht an die 800 Kilometer entfernte Zentrale gefunkt. Draußen glühten immer noch die Berge im fast senkrecht einfallenden Sonnenlicht, aber für uns war es Nacht, bis wir acht Stunden später wieder erwachten. Dann pflegte einer von uns das Frühstück zuzubereiten, es gab viel Gesumm von elektrischen Rasierapparaten, und jemand schaltete das Kurzwellenradio von der Erde ein. Tatsächlich war es, wenn der Geruch von Bratwürsten die Kabine zu füllen begann, manchmal schwer zu glauben, daß wir nicht zurück auf unserer eigenen Welt waren – alles war so normal und gemütlich, abgesehen vom Gefühl des verringerten Gewichts und der unnatürlichen Langsamkeit, mit der Gegenstände fielen.

Ich war mit dem Frühstück an der Reihe, das in einer als Kombüse dienenden Ecke der Hauptkabine zubereitet wurde. Ich mich nach all den Jahren recht lebhaft an diesen Moment erinnern, denn das Radio hatte gerade eine meiner Lieblingsmelodien gespielt, jene alte walisische Weise „David of the White Rock“. Unser Fahrer war schon im Raumanzug draußen, um unsere Raupenketten zu überprüfen. Mein Assistent Louis Garnett befand sich vorne im Kontrollraum und machte im Logbuch einige verspätete Eintragungen über den Vortag.

Während ich neben der Bratpfanne stand und wie irgendeine terrestrische Hausfrau darauf wartete, daß die Würstchen gar wurden, ließ ich meinen Blick müßig über die Bergwände wandern, die den gesamten südlichen Horizont bedeckten und im Osten und Westen hinter der Krümmung des Mondes außer Sicht verschwanden. Sie schienen nur eineinhalb bis drei Kilometer vom Traktor entfernt zu sein, aber ich wußte, daß die nächsten über dreißig Kilometer entfernt waren. Auf dem Mond gibt es natürlich keinen entfernungsbedingten Verlust an Details – nichts von der fast unwahrnehmbaren Dunstigkeit, die alle weit entfernten Dinge auf der Erde weicher macht und manchmal umgestaltet.

Diese Berge waren dreitausend Meter hoch, und sie erhoben sich steil aus der Ebene, als ob irgendeine Eruption im Untergrund sie vor Zeitaltern durch die geschmolzene Kruste himmelwärts gestoßen hätte. Die Basis selbst der nächsten war durch die stark gekrümmte Oberfläche der Ebene dem Blick verborgen, denn der Mond ist eine sehr kleine Welt, und von meinem Standort war der Horizont nur drei Kilometer entfernt.

Ich hob meinen Blick zu den Gipfeln, die kein Mensch je erklettert hatte, die Gipfel, die vor dem Aufkommen des irdischen Lebens gesehen hatten, wie die zurückweichenden Ozeane mürrisch in ihre Gräber sanken und die Hoffnung und die Morgenverheißung einer Welt mit sich nahmen. Gleißendes Sonnenlicht fiel auf die Felsen, doch über ihnen, an einem Himmel, der schwärzer war als jede irdische Winternacht, leuchteten gleichmäßig die Sterne.

Ich wandte meinen Blick ab, als ich hoch oben auf dem Kamm eines großen Vorgebirges, das etwa fünfzig Kilometer im Westen in das Meer vorstieß, ein metallisches Glitzern bemerkte. Es war ein dimensionsloser Punkt, als hätte eine dieser grausamen Bergspitzen einen Stern aufgespießt, und ich stellte mir vor, daß das Sonnenlicht von einer glatten Felsoberfläche reflektiert würde. Solche Dinge waren nicht ungewöhnlich. Wenn der Mond in seinem zweiten Viertel ist, können Beobachter auf der Erde manchmal die großen Bergketten im Oceanus Procellarum in einem blauweißen Irisieren brennen sehen, wenn das Sonnenlicht auf ihren Hängen blitzt und wieder von Welt zu Welt springt. Aber ich war neugierig, welche Art von Fels dort oben so hell strahlen konnte, und ich kletterte in die Beobachtungskuppel und richtete unser Zehnzentimeterteleskop westwärts auf das Licht.

Was ich sah, spannte mich nur noch mehr auf die Folter. Klar und scharf im Sichtfeld, schienen die Berggipfel kaum einen Kilometer entfernt, aber was immer das Sonnenlicht einfing – es war zu klein, als daß ich es erkennen konnte. Doch es schien eine schwer definierbare Symmetrie zu haben, und der Gipfel, auf dem es ruhte, war merkwürdig abgeflacht. Lange starrte ich auf das glitzernde Rätsel und strengte meine Augen an, bis mir der Geruch nach Verbranntem aus der Kombüse verriet, daß die Frühstückswürstchen die 400.000 Kilometer weite Reise umsonst gemacht hatten.

(mehr …)

Lösung „N“ für Flandern (und Brüssel) in Europa

„Dies ist keine Nation“

„Dies ist keine Nation“

Von Matthias Storme, übersetzt von Deep Roots.

Das Original Solution “N” For Flanders (And Brussels) In Europe erschien am 23. November 2010 im „Brussels Journal“

Da die Divergenzen zwischen den flämischen (niederländischsprachigen) und den wallonischen und franco-brüsselianischen Politikern so groß geworden sind, daß es nahezu unmöglich ist, eine Bundesregierung zu bilden, sind die Gegner eines separaten Staates Flandern in ihren Argumenten aggressiver geworden; manche davon laufen eindeutig auf eine Art von Erpressung hinaus oder bestehen aus Angstmacherei. Eines der Argumente, die in letzter Zeit regelmäßig gegen Befürworter einer flämischen Sezession angeführt wurden, ist die These, daß Flandern, wenn es sich vom Bundeskönigreich Belgien abspaltet, automatisch aus der Europäischen Union draußen wäre; wenn Flandern die Vorteile genießen wollte, ein Teil dieser Union zu sein, müßte es um Aufnahme als neuer Mitgliedsstaat ansuchen, und französischsprachige Politiker und ihre Verbündeten könnten drakonische Bedingungen stellen.

Darf ich diese Politiker als erstes daran erinnern, daß diese These unterstellt, daß das, was von Belgien übrigbleibt (ex hypothesi die Wallonie und wahrscheinlich Brüssel) automatisch als solches ein Mitgliedsstaat der EU bleiben würde, daß sie aber zu vergessen scheinen, daß derjenige, der den Staat erbt, auch seine Schulden erbt. Der Überrest Belgiens, der vorgibt, Belgien zu sein, wäre für die vollen Schulden Belgiens haftbar. Manche Anwälte treffen in dieser Hinsicht in der Tat eine sehr fragwürdige Unterscheidung zwischen einer Sezession vom Bundesstaat einerseits und einer Auflösung dieses Staates andererseits (dies ist besonders in dem Fall fragwürdig, wo der sich abspaltende Teil die Mehrheit des Landes bildet, wie es Flandern tut). Ich werde mich hier für den Moment nicht näher mit diesem spezifischen Punkt befassen, da es eine weitere interessante Möglichkeit für Flandern gibt, dieser Erpressung die Schneide zu nehmen, eine Lösung „N“ (angesichts des verbreiteten Gebrauchs des Ausdrucks „Plan B“ für den Fall, wo keine Übereinkunft über eine Reform des belgischen Bundesstaates erreicht werden konnte).

Karte der Niederlande mit Flandern

Karte der Niederlande mit Flandern

Die (rechtliche) Basis dieser Lösung „N“ ist in Artikel 355 Paragraph 3 des Vertrags über das Funktionieren der Europäischen Union zu finden, kombiniert mit dem „Statuut voor het Koninkrijk der Nederlanden“ (Charta für das Königreich der Niederlande). (1) Diese Charta wurde am 28. Oktober 1954 geschaffen, mehrere Male ergänzt, und wird in europäischen Verträgen anerkannt.

(mehr …)

Die Bretonen: Ein Volk entdeckt sich

Die biniou-kohz, der bretonische Dudelsack.

Die biniou-kohz, der bretonische Dudelsack.

Jahrhundertelang unterdrückt, bereichern Sprache, Lieder und Tänze der Bretagne jetzt die Kultur ganz Frankreichs.

Von Virginie Henry, aus „Das Beste von Reader’s Digest“ März 1977 (Titelbild von Lichtschwert eingefügt)

Als ich im letzten Frühjahr durch das Departement Côtes-du-Nord fuhr, kam ich eines Abends in die aus vier Häusern bestehende Siedlung Lannegant im Südwesten. In einem Garten unterhalb einer alten Kapelle aus Granitstein tanzten etwa 200 Männer und Frauen. Sie wiegten sich im Rhythmus eines bretonischen Liedes, einer Sprache, die ich nicht kannte, obwohl ich in der Bretagne geboren bin.

Ich sagte zu einer älteren Frau, wie beweglich sie sei. „An dañs a zalh an den en e zav!“ (Das Tanzen erhält einen jung!) antwortete sie.

Ich hatte in der Bretagne meine Jugend verbracht, aber nie hatte ich dergleichen erlebt. Die bretonische Kultur beschränkte sich damals auf ein paar Folkloregruppen, die ihre bestickten Trachten für die Touristen anlegten. Das fest-noz (Nachtfest) in Lannegant dagegen war der unverfälschte Ausdruck einer starken Bewegung, die die Bretagne im letzten Jahrhundert erfaßt hat.

Keine Woche vergeht ohne vier bis fünf solcher Veranstaltungen. Hier begegnen die Bretonen ihrer Kultur wieder: der überlieferten Sprache, der Dichtung und dem Gesang; ihrer auf Bombardon und Dudelsack gespielten Musik; den Tänzen aus längst vergangenen Zeiten.

Heute wissen alle Franzosen, daß die Bretagne sich verändert hat. Plastikbomben, die die Mauern der Finanzämter zerreißen oder einen Fernsehsender zerstören, erinnern sie daran. Doch solche Aktionen sind das Werk einer kleinen Minderheit bretonischer Terroristen. Die Bewegung für die Renaissance der bretonischen Kultur vollzieht sich weniger auffällig, aber sie berührt alle gesellschaftlichen Ebenen.

Für die meisten Franzosen beginnt die Geschichte der Bretagne erst im 15. Jahrhundert; damals brachte die Herzogin Anne de Bretagne ihre Provinz als Mitgift in die Ehe mit König Karl VIII. ein und verknüpfte damit die Geschichte der Bretagne mit denen Frankreichs. Doch die 34.000 Quadratmeter große Halbinsel, einst durch dichte Wälder vom übrigen Kontinent abgeschnitten, war bereits im 5. und 6. Jahrhundert von Kelten des britischen Inselreichs besiedelt. Das Bretonische ist auch kein Dialekt des Französischen, sondern eine mit dem Gälischen in Irland, Schottland und Wales verwandte Sprache.

Nach der Eingliederung der Bretagne 1532 griffen die französischen Könige scharf durch, um die bretonische Sprache auszurotten. Jahrhundertelang blieb diese Politik unverändert. Noch im April 1972 erklärte der damalige Staatspräsident Georges Pompidou: „In einem Frankreich, das sich dem Ziel verschrieben hat, Europa seinen Stempel aufzudrücken, ist kein Platz für regionale Sprachen und Kulturen.“

(mehr …)

Caribbean Project 12: Der jüdische Exodus nach Barbados

Ursprünglich 1654 erbaut, nahm die Nidhe-Israel-Synagoge jüdische Flüchtlinge aus Niederländisch-Brasilien auf.

Ursprünglich 1654 erbaut, nahm die Nidhe-Israel-Synagoge jüdische Flüchtlinge aus Niederländisch-Brasilien auf.

Von Hunter Wallace, übersetzt von Deep Roots. Das Original Caribbean Project: The Jewish Exodus To Barbados erschien am 31. August 2012 im Rahmen von Hunter Wallaces Artikelserie „Caribbean Project“ auf Occidental Dissent.

Zuletzt aus dieser Reihe hier erschienen: Caribbean Project 11: Erforschung der niederländischen Karibik

Das bedeutsamste Ereignis beim Kickstart der auf Rasse beruhenden Plantagensklaverei und der Schaffung von Sklavengesellschaften in Britisch- und Französisch-Westindien – woraus später das kulturelle Modell für die Sklaverei im Unteren Süden wurde – war die Ankunft jüdischer Flüchtlinge aus Brasilien auf Barbados.

Diese Geschichte über die Ankunft des internationalen Juden in Barbados wird auch in David Brion Davis’ Inhuman Bondage: The Rise and Fall of Slavery in the New World erwähnt:

Um 1640 erkannten Pflanzer, daß Barbados dringend eine neue Feldfrucht brauchte; Tabak und sogar Baumwolle brachte wenig Profit. Wie wir gesehen haben, hatte Brasilien ein buchstäbliches Monopol auf die Zuckerproduktion für Europa aufrechterhalten, aber Krieg und Rebellion störten ernsthaft sowohl die portugiesischen als auch die niederländischen Anstrengungen, die wachsende Nachfrage zu befriedigen, bis 1654, als die Portugiesen schließlich die Niederländer vertrieben. Obwohl Boden und Klima von Barbados ideal für den Anbau von Zucker waren, hatten die Engländer keine Erfahrung bei der Produktion solch eines Gutes. Barbadische Pflanzer erlernten die Techniken von Holländern, auch wenn die genaue Geschichte unklar ist. Etwas Zuckerrohr wurde aus dem niederländischen Pernambuco herbeigeschafft, während ein paar englische Barbadians es ebenfalls besucht hatten, und laut einem Bericht brachte ein Pflanzer namens James Drax, der einen anglo-holländischen Hintergrund hatte, ein Modell einer Zuckerfabrik aus Holland nach Barbados.

Wie auch immer der Transfer bewerkstelligt wurde, Barbadians produzierten ab 1643 Zucker für Europa, und innerhalb von sieben Jahren gab es einen Wertzuwachs von Plantagenland auf das Zehnfache. Niederländische Händler hatten eine fortdauernde Partnerschaft mit den Engländern in Barbados, agierten als Zwischenhändler und boten in Holland die besten Raffinerien in Europa. Als niederländische Exilanten aus Brasilien in der Karibik eintrafen, brachten sie zusätzliche Fertigkeiten, Erfahrung und Kapital für die Zuckerproduktion mit. Der Exodus von 1654 aus Brasilien umfaßte auch Tausende sephardischer Juden, die in Niederländisch-Brasilien relative Religionsfreiheit wie in Holland selbst genossen hatten. Viele dieser Juden siedelten sich in neuen niederländischen Kolonien wie Curaçao und Surinam an. Um 1680 gab es sogar vierundfünfzig jüdische Haushalte in Bridgetown, dem einzigen wirklichen städtischen Zentrum auf Barbados mit einer Bevölkerung von fast dreitausend. Als großteils städtische Kaufleute wurden diese Juden, anders als ihre Brüder in Surinam, niemals Mitglieder der reichen Pflanzerelite.

Anmerkung: Wir haben bereits gesehen, daß Juden eine Mehrheit der „Niederländer“ in Surinam ausmachten. Davis legt in den Fußnoten dar, daß Surinam die einzige Kolonie in der Neuen Welt war, wo bedeutende Zahlen von Juden zu Sklavenhaltern wurden.

Er merkt auch an, daß diese „Neuen Christen” die portugiesische Rückeroberung Brasiliens zu finanzieren halfen. Zuvor hatte es Tausende sephardische Juden in Brasilien gegeben, wo sie eine Schlüsselrolle dabei spielten, der modernen Plantagensklaverei den Weg zu bereiten.

Statt unsere Zeit auf „Schwarze Konföderierte“ zu verschwenden, wird Occidental Dissent unseren jüdischen Freunden in der Blogosphäre weiterhin bei der Wiederentdeckung ihres Erbes in der Sklaverei helfen, in der Hoffnung, dass mehr Schwarze davon erfahren werden.

Aktualisierung: Das Schiff, das 1619 in Virginia eintraf und die ersten afrikanischen Sklaven brachte, ist immer als „niederländisches” Schiff bezeichnet worden, aufgrund dessen, daß John Rolfe es „a Dutch man of War” [holländisches Kriegsschiff] nannte.

Occidental Dissent hatte recht, argwöhnisch zu sein wegen der „niederländischen” Natur dieses Schiffes, im Lichte der Tatsache, daß so viele verschiedene Völker – insbesondere sephardische Juden – im Sklavenhandel in der Karibik und in Südamerika unter der niederländischen Flagge operierten.

Übrigens ist dies in Brasilien, Curaçao, St. Eustatius und Surinam eine unbestreitbare historische Tatsache (wir werden das mit Stadionscheinwerfern beleuchten), keine „jüdische Verschwörungstheorie“, aber danke für eure Hilfe.

Nachwort von Deep Roots:

Dies ist nun der letzte der von mir übersetzten Teile aus Hunter Wallaces Reihe „Caribbean Project“; wer mehr davon lesen möchte, dem seien die unter dem Link ganz oben zu findenden Originalbeiträge auf „Occidental Dissent“ empfohlen.

Angeregt wurde ich zu dieser Übersetzungsserie durch Tanstaafls Artikel Guck’ mal, noch ein Jude!, weil mich die darin enthaltenen Ausführungen über die sephardischen Krypto-Juden in Lateinamerika, wo sie z. B. allein in Brasilien zwischen 10 und 25 % der Bevölkerung ausmachen sollen, sofort wieder an die in einigen Beiträgen der „Caribbean“-Serie erwähnten „niederländischen“ und brasilianischen Sepharden in der Karibik erinnert haben.

Caribbean Project 11: Erforschung der niederländischen Karibik

Sint Eustatius Hafen

St. Eustatius: Blick auf die Sklavenstraße vom Hafen hinauf zum Dorf über dem Hafen und der Bar.

Von Hunter Wallace, übersetzt von Deep Roots. Das Original Caribbean Project: Exploring The Dutch Caribbean erschien am 29. August 2012 im Rahmen von Hunter Wallaces Artikelserie „Caribbean Project“ auf Occidental Dissent.

Zuletzt hier aus dieser Reihe erschienen: Caribbean Project 10: Juden, Sklaverei und die niederländische Karibik

St. Eustatius:

Ich habe die Recherchen über die niederländische Karibik fortgesetzt und ein paar weitere interessante Dinge gelernt:

1) Es waren die Niederländer, die 1619 die ersten schwarzen Sklaven nach Jamestown brachten. Ich wusste das bereits, aber ich frage mich dabei, wer denn diese „niederländischen“ Sklavenhändler waren, die die Sklaverei in Virginia einführten.

2) Im Jahr 1667 traten die Niederländer Neu-Amsterdam (nun als New York bekannt) im Vertrag von Breda an die Briten ab, um Surinam im nördlichen Südamerika zu behalten. Ich wußte das nicht, aber es ergibt Sinn im Lichte dessen, daß die karibischen Kolonien, nicht die nordamerikanischen Kolonien, früher das Epizentrum des europäischen Kolonialismus in der Neuen Welt waren.

Am Ende des Siebenjährigen Krieges traten die Franzosen Kanada an die Briten ab, um Guadeloupe und Martinique zu behalten. Während der Amerikanischen Revolution überließen die Briten Philadelphia den Patrioten, um in das von den Franzosen gehaltene St. Lucia einzumarschieren.

3) Curaçao, Aruba und Bonaire – die drei niederländischen Inseln in der Südkaribik vor der Küste Venezuelas – haben ein arides Klima und waren nie auf Rasse beruhende Plantagengesellschaften nach dem Schema von Barbados oder Saint-Domingue.

Von diesen war das jüdisch dominierte Curaçao der größte Umschlaghafen für den Sklavenhandel des 17. Jahrhunderts in der Karibik, und die Sklaven, die auf der Insel arbeiteten, bauten großteils Nahrung für den Strom afrikanischer Sklaven an, der sich auf dem Weg zu Auslandsmärkten in Spanisch-Amerika und in Französisch- und Britisch-Westindien durch Curaçao ergoß.

Aruba und Bonaire waren abhängige Gebiete von Curaçao – auf dem ersteren ernteten ein paar Sklaven Färberholz und arbeiteten auf einer gescheiterten Maisplantage, und auf dem letzteren bauten Sklaven Salz für den Export auf andere karibische Inseln ab, aber es waren beides marginale Inseln in der weiteren karibischen Plantagenwelt.

4) Das jüdisch dominierte Surinam im nördlichen Südamerika war eine vollentwickelte, auf Rasse beruhende Plantagengesellschaft nach dem Schema von Saint Domingue. Es hatte auch den Ruf, eine der brutalsten Sklavengesellschaften in der Neuen Welt zu sein.

5) Auf den nördlichen Inseln über dem Winde [Leeward Islands] besetzten die Niederländer gemeinsam mit den Franzosen St. Martin, und sie kontrollierten auch St. Eustatius und die kleine Insel Saba.

Es scheint ein paar Zuckerplantagen auf Saba gegeben zu haben, die Sklaven einsetzten. Auf St. Martin gab es ebenfalls Zuckerplantagen. Keine dieser Inseln war aber groß genug, um in der regionalen Zuckerindustrie eine größere Rolle zu spielen.

6) St. Eustatius war das Curaçao der Inseln über dem Winde: ein großer regionaler Sklavenumschlagplatz, der illegal die Bedürfnisse der Zuckerplantagen in Britisch- und Französisch-Westindien bediente.

Laut Andrew Jackson O’Shaughnessys An Empire Divided: The American Revolution and the British Caribbean scheinen hier auch eine Menge sephardischer Juden aktiv gewesen zu sein, die als Händler arbeiteten und St. Eustatius als Stützpunkt für die Teilnahme am Sklavenhandel benutzten.

Während der Amerikanischen Revolution verkauften die Juden auf St. Eustatius eine Menge Waffen an die Yankees, und die Insel wurde 1781 von den Briten unter Admiral Sir George Brydges Rodney besetzt, der zu einem Helden wurde, nachdem er die französische Flotte 1782 in der Schlacht bei den Iles Saintes besiegte, die Jamaika rettete.

Rodney ist wegen seiner Handlungen auf St. Eustatius des „Antisemitismus“ beschuldigt worden und wurde bis zum Ende seines Lebens von jüdischen Gerichtsverfahren verfolgt:

Die britische Regierung war erzürnt über dieses „Nest von Spionen und Schurken, die den Handel mit den Franzosen und Amerikanern fortsetzten – nicht eigentlich eine Kolonie [sondern ein] … Nest von Gesetzlosen, oder bestenfalls Abenteurern aus jedem Staat … [die] Proviant, Kleidung und alle nautischen und Kriegsgüter … an die Rebellen und Feinde Großbritanniens [verkauften].“ Die Briten glaubten, daß die Franzosen und Amerikaner „den Krieg in diesem Viertel der Welt“ nur fortsetzen konnten wegen „des Nachschubs, den sie von St. Eustatius erhalten hatten.“ …

Die Eroberung von St. Eustatius war „ein Tag der Trostlosigkeit für die Gemeinde als Ganzes & insbesondere für die Juden.“ Die Juden teilten mit den anderen den „Verlust ihrer Handelsware, ihrer Wechsel, ihrer Häuser, Kleidung [und] Proviant“, aber sie allein erlitten die Trennung von Familien und die Verbannung ihrer Männer, denen man nicht einmal das Ziel ihres Exils mitteilte. Sie „baten, flehten [und] protestierten gegen ein so hartes Urteil, aber vergeblich.“ Sie durften im Gegensatz zu den Amerikanern, Niederländern und Franzosen ihre persönliche Habe nicht behalten. Diejenigen, bei denen man herausfand, daß sie kleine Geldbeträge zurückbehielten, wurden zur Bestrafung abgesondert. Die 101 erwachsenen männlichen Juden wurden unter Bewachung versammelt, und es wurde ihnen das Futter ihrer Taschen aufgerissen und ihre „Kleidung auf der Suche nach verborgenem Geld in Stücke gerissen“, bevor dreißig von ihnen „eilig von der Insel geschafft wurden, ohne alles, um die kalte Wohltätigkeit von Antigua und St. Kitts zu erbitten.“ Der Rest wurde drei Tage lang im Haus der Stadtwaage eingesperrt; sie wurden gerade rechtzeitig freigelassen, um die Versteigerung ihres Besitzes mitzuerleben.

Die Juden auf St. Eustatius wurden von Admiral Rodney im Jahr 1781 dezimiert, gerade als der Sklavenhandel in Britisch- und Französisch-Westindien davor stand, seinen historischen Höhepunkt zu erreichen.

7) 1783 schafften die Niederländer die Sklaverei in ihren karibischen und südamerikanischen Kolonien endlich ab.

http://www.youtube.com/watch?v=Mea8v4ZRhyE

Nächster und letzter Teil:

Caribbean Project 12: Der jüdische Exodus nach Barbados