Achte Reise: Ijon Tichy vor der Organisation der Vereinten Planeten

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Von Stanislaw Lem, aus „Sterntagebücher“ (1971); Deutsch von Caesar Rymarowicz. (Das hier verwendete Titelbild wurde von Deep Roots für die Veröffentlichung auf „As der Schwerter“ eingefügt und stammt aus der Episode „Sternn“ des Films „Heavy Metal“.)

 

So war es nun doch geschehen. Ich war Delegierter der Erde bei der Organisation der Vereinten Planeten oder genauer, Kandidat, obwohl auch das nicht zutraf, denn die Vollversammlung sollte nicht meine Kandidatur, sondern die der gesamten Erdbevölkerung beraten.

In meinem ganzen Leben hatte ich nicht solch ein Lampenfieber gehabt. Die ausgetrocknete Zunge schlug wie ein Pflock gegen die Zähne, und als ich aus dem Astrobus stieg und über den roten Teppich ging, wußte ich nicht, ob der so weich unter mir nachgab oder ob es meine Knie waren. Es war mit Ansprachen zu rechnen, und ich hätte nicht ein Wort hervorbringen können, die Kehle war mir wie ausgedorrt. Als ich vor Aufregung nun eine große leuchtende Maschine mit verchromtem Ausschank und kleinen Schlitzen für die Münzen erblickte, warf ich so schnell wie möglich eine hinein und hielt den Becher der Thermosflasche, den ich vorsorglich bei mir führte, unter den Hahn. Das war der erste interplanetare diplomatische Fauxpas der Menschheit auf dem Parkett der Milchstraße, denn der scheinbare Automat für Sodawasser erwies sich als der Stellvertreter des tarrakanischen Delegationsleiters in voller Gala. Zum Glück waren es gerade die Tarrakaner, die unsere Kandidatur auf der Vollversammlung befürworten wollten. Ich erfuhr das jedoch erst später, und so nahm ich den Umstand, daß jener hohe Diplomat mir die Schuhe bespie, für ein böses Zeichen, fälschlicherweise, denn das war nur eine aromatische Ausscheidung seiner Begrüßungsdrüsen.

Ich begriff das, nachdem ich eine informativ-translative Tablette geschluckt hatte, die mir von einem wohlgesinnten Angestellten der OVP gereicht wurde. Sogleich verwandelten sich die klirrenden Laute ringsum in verständliche Worte, und das Rechteck aus Aluminiumkegeln am Ende des Plüschteppichs in eine halbe Ehrenkompanie. Der zu meiner Begrüßung erschienene Tarrakaner, der mich bis dahin an einen sehr großen Striezel erinnert hatte, kam mir auf einmal wie ein alter Bekannter mit einem völlig durchschnittlichen Äußeren vor. Nur das Lampenfieber wich nicht. Ein kleiner Wagen rollte heran, der eigens zum Transport solch zweibeiniger Wesen wie ich konstruiert worden war. Der mich begleitende Tarrakaner zwängte sich unter großen Mühen hinein und sagte, während er an meiner Linken und zugleich an meiner Rechten Platz nahm: „Verehrter Erdenbewohner, ich muß Sie davon in Kenntnis setzen, daß eine geringfügige Komplikation im Ablauf eingetreten ist. Sie hängt damit zusammen, daß der eigentliche Vorsitzende unserer Delegation, der als Experte für Erdfragen am meisten dazu berufen wäre, Ihre Kandidatur auf die Tagesordnung zu bringen, leider gestern abend in die Hauptstadt zurückbeordert wurde und ich ihn vertreten soll. Ist Ihnen das Protokoll bekannt…?“

„Nein… Ich hatte noch keine Gelegenheit, es einzusehen“, stammelte ich, während ich vergebens versuchte, es mir bequem zu machen, aber der Sitz war nicht ausreichend für die Bedürfnisse des menschlichen Körpers eingerichtet. Er war einfach eine Grube von fast einem halben Meter Tiefe, so daß ich bei Schlaglöchern mit den Knien gegen die Stirn stieß.

„Nun, da ist nichts zu machen“, sagte der Tarrakaner. Sein faltiges, in kantigen Formen von metallischem Glanz zurechtgebügeltes Gewand, das ich vorher für einen Ausschank gehalten hatte, gab einen leisen Ton von sich, indes er selbst sich räusperte und in seiner Rede fortfuhr: „Eure Geschichte ist mir bekannt. Was für eine herrliche Sache, die Menschheit! Freilich, alles zu wissen gehört zu meinen Pflichten. Unsere Delegation wird zum Punkt dreiundachtzig der Tagesordnung sprechen und vorschlagen, euch als vollberechtigtes, ordentliches Mitglied der Organisation aufzunehmen… Das Beglaubigungsschreiben haben Sie doch nicht etwa verloren?“ warf er so überraschend ein, daß ich erbebte und heftig verneinte. Ich hielt die Pergamentrolle, die vom Schweiß schon etwas durchweicht war, fest mit meiner Rechten umklammert.

„Gut“, hob er von neuem an, „ich werde also, nicht wahr, eine Rede halten und eure großen Errungenschaften darlegen, dank denen ihr berufen seid, einen Platz in der Sternenliga einzunehmen… Das ist, müssen Sie verstehen, eine altmodische Formalität. Ihr rechnet doch nicht etwa mit oppositionellen Auftritten, wie?“

„Nein… ich glaube kaum“, versetzte ich leichthin.

„Natürlich!“ Woher auch! Also eine Formalität, nicht wahr, dennoch benötige ich gewisse Angaben, Fakten, Einzelheiten, verstehen Sie? Verfügt ihr über die Atomenergie?“

„Selbstverständlich!“ versicherte ich eilfertig.

„Wunderbar. Richtig, das habe ich ja hier. Der Vorsitzende hat mir seine Notizen dagelassen, aber seine Schrift, na ja, also, wie lange verfügt ihr schon über diese Energie?“

„Seit dem 6. August 1945!“

„Ausgezeichnet. Was war das? Die erste Atomkraftstation?“

„Nein“, erwiderte ich; ich spürte, wie ich rot wurde. „Es war die erste Atombombe. Sie zerstörte Hiroshima…“

„Hiroshima! Etwa einen Meteor?“

„Keinen Meteor… Eine Stadt.“

„Eine Stadt…“, sagte er mit einer gewissen Unruhe. „Wie soll man das sagen…“ Er sann eine Weile nach. „Besser, gar nichts sagen“, entschied er plötzlich. „Nun gut, aber gewisse positive Seiten muß ich unbedingt anführen. Bitte nennen Sie etwas, rasch, gleich sind wir da.“

„Äh… äh… die kosmischen Flüge“, begann ich.

„Die verstehen sich von selbst, sonst wären Sie nicht hier“, erklärte er, etwas zu schnippisch, wie ich meinte. „Wofür verwendet ihr den größten Teil eures Nationaleinkommens? Na, bitte erinnern Sie sich, vielleicht irgendwelche gewaltigen Produktionsanlagen, Architektur im kosmischen Maßstab, Startrampen auf Sonnenschwerkraftbasis, wie?“ suggerierte er mir hastig.

„O ja, es wird gebaut, o ja…“ versetzte ich. „Das Nationaleinkommen ist nicht allzu hoch, viel verschlingt die Rüstung…“

„Was rüstet ihr denn aus? Kontinente? Gegen Erdbeben?“

„Nein… Soldaten… Ganze Armeen…“

„Was ist das? Ein Hobby?“

„Kein Hobby… Innere Konflikte“, stammelte ich.

„Das ist keine Empfehlung“, sagte er mit sichtlichem Unbehagen. „Aber Sie sind doch nicht schnurstracks aus einer Höhle hierhergekommen! Eure Gelehrten müßten doch längst berechnet haben, daß eine planetarische Zusammenarbeit stets nutzbringender ist als ein Kampf um Beute und um Hegemonie!“

„Sie haben es, sie haben es, aber es gibt Ursachen… historischer Natur zum Beispiel.“

„Lassen wir das!“ sagte er. „Ich habe euch doch hier nicht als Angeklagte zu verteidigen, sondern euch zu empfehlen, eure Verdienste aufzuzählen und eure Tugenden. Verstehen Sie mich?“

„Ich verstehe.“

Meine Zunge war so steif, als wäre sie eingefroren, der Kragen des Frackhemdes würgte, der Brustlatz wurde weich vom Schweiß, der in Strömen floß, ich blieb mit dem Beglaubigungsschreiben an den Orden hängen und riß den obersten Bogen ein. Der Tarrakaner, in Gedanken schon mit anderen Dingen beschäftigt, wurde ungeduldig; er versetzte in herrisch-verächtlichem Ton, jedoch mit unerwarteter Ruhe und Sanftmut (ein ausgefuchster Diplomat!): „Dann werde ich lieber von eurer Kultur sprechen. Von euren großen Errungenschaften auf diesem Gebiet. Ihr besitzt doch eine Kultur?“

„O ja, wir haben eine! Wunderbar!“ versicherte ich.

„Das ist gut. Kunst?“

„O ja! Musik, Poesie, Architektur…“

„Also doch Architektur!“ rief er. Vortrefflich. Das muß ich mir notieren. Explosive Mittel?“

„Wieso explosive?“

„Na, schöpferische Explosionen, gesteuerte, zur Klimaregelung, zum Verschieben von Kontinenten, von Flußbetten – habt ihr das?“

„Vorläufig nur Bomben…“ sagte ich und fügte flüsternd hinzu: „Aber unterschiedliche, Napalmbomben, Phosphorbomben, sogar mit Giftgas…“

„Das meinte ich nicht“, sagte er trocken. „Ich werde mich schon lieber an das geistige Leben halten. Woran glaubt ihr?“

Dieser Tarrakaner, der uns empfehlen sollte, war, wie ich bereits bemerkt hatte, kein Experte in irdischen Fragen, und der Gedanke, daß ein Wesen von derartiger Ignoranz in Kürze durch seinen Auftritt über unser Sein oder Nichtsein im Forum der ganzen Milchstraße entscheiden sollte, benahm mir, offen gesagt, den Atem. Was für ein Pech, sagte ich mir, daß sie ausgerechnet den richtigen, den einen Erdexperten abberufen haben!

„Wir glauben an die allgemeine Brüderlichkeit, an den Vorrang von Frieden und Zusammenarbeit gegenüber Krieg und Hass, wir glauben, daß der Mensch das Maß aller Dinge sein muß…“

Er legte seine schwere Lehnte auf mein Knie. „Warum der Mensch?“ sagte er. „Übrigens ist das nicht so wichtig. Aber Ihre Aufzählung ist negativ: kein Krieg, kein Hass… Um der Milchstraße willen, habt ihr denn keine positiven Ideale?“

Mir wurde heiß. „Wir glauben an den Fortschritt, an ein besseres Morgen, an die Macht der Wissenschaft…“

„Endlich etwas!“ rief er aus. „Jawohl, die Wissenschaft… Das ist gut, das kann ich gebrauchen. Für welche Wissenschaften gebt ihr denn am meisten aus?“

„Für die Physik“, erwiderte ich. „Für die Atomenergieforschung.“

„Nun weiß ich Bescheid. Wissen Sie was? Sie brauchen nur zu schweigen. Ich werde mich schon der Sache annehmen und die Rede halten. Bitte überlassen Sie alles mir. Nur Mut!“ In diesem Augenblick hielt unser Gefährt vor einem Gebäude.

Mir drehte sich alles im Kopf. Ich wurde durch kristallene Gänge geführt, unsichtbare Schranken glitten mit melodischem Seufzen auseinander, dann raste ich hinunter, hinauf, wieder hinunter, der Tarrakaner stand neben mir, riesenhaft, schweigend, in welliges Metall gehüllt. Plötzlich erstarrte alles, ein glasiger Ballon blähte sich vor mir auf und platzte. Ich stand auf dem Boden des Sitzungssaals der Generalversammlung. Das Amphitheater verbreiterte sich trichterförmig, lief nach oben in Kreisen von Rundbänken, untadelig, geradezu silbrig weiß. Die Silhouetten der Delegierten, durch die Entfernung stark verkleinert, betupften das Weiß der spiralenförmig übereinanderhängenden Bänke mit Smaragdgrün, Gold und Purpur und funkelten mit Myriaden geheimnisvoller Pünktchen. Ich verstand es noch nicht, auf Anhieb die Augen von den Orden, die Glieder von ihren künstlichen Verlängerungen zu unterscheiden, ich sah nur, daß sie sich lebhaft bewegten, einander Aktenstöße über die schneeweißen Pulte zuschoben, irgendwelche schwarz glänzende Täfelchen, die aus Anthrazit zu sein schienen. Mir gegenüber, vielleicht fünfzig Schritt entfernt, ruhte auf einer Erhöhung, von den Mauern elektronischer Maschinen flankiert, der Vorsitzende, umgeben von einem Wald von Mikrophonen. Durch die Luft schwirrten Gesprächsfetzen in tausend Sprachen auf einmal, vom tiefsten Baß bis hinauf zu Tönen, hoch wie Vogelgezwitscher. Mit einem Gefühl, als öffne sich der Boden unter mir, zupfte ich meinen Frack zurecht. Ein durchdringender, nicht enden wollender Laut ertönte: Der Vorsitzende hatte eine Maschine in Gang gesetzt, die mit einem Hammer auf eine Tafel aus purem Gold schlug; das metallische Zittern bohrte sich in die Ohren. Der Tarrakaner, der mich überragte, zeigte mir die richtige Bank. Schon floß die Stimme des Vorsitzenden aus unsichtbaren Lautsprechern, ich indes suchte, bevor ich hinter dem rechteckigen Schild mit der Bezeichnung des Heimatplaneten Platz nahm, wenigstens nach einer verwandten Seele, nach einem menschenähnlichen Wesen. Mein Blick glitt die Bänke hinauf und hinunter – vergebens. Riesige, in warmen Tönen prangende Knollen, Wicklungen wie aus Johannisbeergelee, fleischige, sich auf die Pulte stützende Stengel, Gesichter von der Farbe gut gewürzter Pasteten oder hell glänzend wie überbackener Apfelreis. Flechten, Lehnten, Greifarme, die das Schicksal der nahen und fernen Gestirne lenkten, glitten wie ein Film im Zeitlupentempo an mir vorüber, in ihnen war nichts Ungeheuerliches, sie erweckten entgegen der häufig auf der Erde geäußerten Annahme keinen Abscheu, so als hätte ich es hier nicht mit Sternungeheuern zu tun gehabt, sondern mit Wesen, die unter dem Meißel abstrakter Bildhauer oder auch aus den Händen irgendwelcher Visionäre der Gastronomie hervorgegangen waren.

„Punkt zweiundachtzig“, zischte mir der Tarrakaner ins Ohr und setzte sich. Ich tat das Gleiche. Ich hob den Hörer, der auf dem Pult lag, ans Ohr und vernahm:

„Die Vorrichtungen, die gemäß dem von dieser Hohen Versammlung ratifizierten Vertrag und entsprechend den genauen Regelungen dieses Vertrages durch das Altairische Gemeinwesen an die Sechservereinigung von Fomalhaut geliefert wurden, weisen, wie das Protokoll des Sonderunterausschusses der OVP feststellte, Eigenschaften auf, die nicht das Ergebnis geringfügiger Abweichungen von der technologischen Rezeptur, welche von den hohen vertragschließenden Seiten gutgeheißen wurde, sein können. Obschon, wie das Altairische Gemeinwesen mit Recht behauptete, die von ihm produzierten Strahlungsabsäer und Planetoreduktoren die Fähigkeit zur Reproduktion haben sollten, was – wie die Zahlungsvereinbarung der beiden hohen vertragschließenden Seiten vorsieht – die Entstehung einer maschinellen Nachkommenschaft gewährleistet, so sollte sich dennoch diese Potenz gemäß der für die gesamte Vereinigung verbindlichen Ingenieursethik manifestieren – in der Form einer singulären Knospung – und sich nicht aus der Ausrüstung der erwähnten Vorrichtungen mit Programmen von gegensätzlichen Zeichen ergeben, was leider erfolgt ist. Eine solche Duplizität der Programme führte zur Entstehung von sexuellen Antagonismen im Bereich der energetischen Hauptsysteme von Fomalhaut und im Gefolge zu Szenen, die gegen die öffentliche Moral verstießen und auch der klagenden Seite erhebliche materielle Verluste brachten. Statt sich der Arbeit zu widmen, für die sie bestimmt waren, verbrachten die gelieferten Aggregate einen Teil ihrer Schichten mit der Zuchtwahl, wobei ihr ständiges auf einen rekreativen Akt gerichtetes Umherrennen mit den Steckern zur Verletzung der Panundischen Statuten und zu einer Maschinenüberproduktion führte. Dabei ist die verklagte Seite für beide bedauerliche Erscheinungen verantwortlich. Wir erklären also die Verschuldung Altairiens für annulliert.“

Ich hatte derartige Kopfschmerzen, daß ich den Hörer weglegte. Was, zum Kuckuck, gingen mich die Verstöße der Maschinen gegen die öffentliche Moral an, was Altairien, Fomalhaut und der ganze Rest! Ich hatte genug von der OVP, noch bevor ich ihr Mitglied geworden war. Mir war übel. Warum hatte ich nur auf Professor Tarantoga gehört? Wozu brauchte ich die schreckliche Würde, derentwegen ich mich hier für fremde Sünden in Grund und Boden schämen mußte? Sollte ich nicht vielmehr…

Ein unsichtbarer Strom durchfuhr mich: Auf der gewaltigen Tafel flammte die Zahl 83 auf. Ich spürte einen energischen Knuff. Das war mein Tarrakaner, der sich aufgerafft hatte und mich hinter sich herzog. Die Jupiterscheinwerfer, die unter dem Gewölbe des Saales schwammen, richteten eine Sturmflut blauen Lichts auf uns. Von allen Seiten mit einer Helligkeit übergossen, die mich förmlich zu durchleuchten schien, umklammerte ich halb abwesend die nun völlig durchweichte Rolle des Beglaubigungsschreibens und vernahm an meiner Seite den Tarrakaner, der ungezwungen und mit großer Beredsamkeit sprach; sein machtvoller Baß dröhnte durch das ganze Amphitheater, aber der Inhalt seiner Rede erreichte mich nur in Fetzen, wie im Sturm der Meeresschaum, der einen über den Wellenbrecher gebeugten Wagehals bespritzt.

„…die vortreffliche Erdue… (er konnte nicht einmal den Namen meiner Heimat richtig aussprechen!) … herrliche Menschheit…ein hervorragender Vertreter ist hier anwesend…elegante, sympathische Säuger…Atomenergie, befreit mit hoher Meisterschaft und vielem Geschick vermittels ihrer oberen Gliedmaßen…tief verwurzelter Glaube an Planzymolie, obwohl nicht frei von Amphibrunten… (ganz offensichtlich verwechselte er uns mit anderen) …der Sache der Einheit der Sternvölker ergeben …in der Hoffnung, daß ihre Aufnahme in den Kreis… die Periode der geschlechtliche gesellschaftlichen Existenz abschließend… obwohl recht einsam an ihrer galaktischen Peripherie… sind sie mutig und selbständig gewachsen, sind sie würdig…“

Bisher trotz allem ganz brauchbar, durchfuhr es mich. Er lobt uns, sieht gar nicht so schlecht aus… Doch was war das?

„Gewiß, sie sind paarig! Ihren steifen Unterbau… Man muß begreifen… In dieser hohen Versammlung haben auch Ausnahmen von der Norm und der Regel das Recht auf Repräsentation… keine Verirrung schändet… schwere Bedingungen, die sie geformt haben… Wasserhaftigkeit, selbst gesalzene, kann nicht, sollte kein Hindernis sein… mit unserer Hilfe werden sie sich von ihrem schreck… ihrem gegenwärtigen Aussehen befreien, über das die Hohe Versammlung mit der ihr eigenen Großzügigkeit zur Tagesordnung übergehen möge… Deshalb stelle ich im Namen der tarrakanischen Delegation und des Bundes der Betelgeuzesterne hiermit den Antrag, die Menschheit vom Planeten Urde in die Reihen der OVP aufzunehmen und somit auch dem hier anwesenden Uerdebewohner die vollen Rechte eines bei der Organisation der Vereinten Planeten akkreditierten Delegierten zu gewähren. Ich habe gesprochen.“

Mächtiger Lärm erscholl, unterbrochen von rätselhaften Pfiffen. Händeklatschen gab es nicht. Da Hände fehlten, konnte es das auch nicht geben. Der Lärm und das Sprachengewirr hörten auf, als der Gong ertönte, die Stimme des Vorsitzenden war zu vernehmen: „Beabsichtigt eine der Hohen Delegationen das Wort in der Frage der Aufnahme der Menschheit vom Planeten Erdue zu ergreifen?“

Der strahlende Tarrakaner, der offenbar mit sich überaus zufrieden war, zog mich auf die Bank. Ich setzte mich und brummte undeutlich ein paar Dankesworte an seine Adresse, als zwei grüne Strahlen von verschiedenen Stellen des Amphitheaters hochschossen.

„Ich erteile dem Vertreter Thubans das Wort!“ sagte der Vorsitzende. Etwas erhob sich.

„Hoher Rat!“ Ich vernahm eine ferne, durchdringende Stimme, ähnlich dem Geräusch beim Schneiden von Blech, doch bald achtete ich nicht mehr auf das Timbre. „Wir haben hier aus dem Munde des Polpitors Voretex eine warme Empfehlung des Geschlechts eines fernen Planeten vernommen, der bisher den Anwesenden unbekannt war. Ich möchte mein Bedauern ausdrücken, daß wir durch das unverhoffte Fernbleiben des Sulpitors Extrevor von dieser Sitzung der Möglichkeit beraubt sind, uns mit der Geschichte, mit den Sitten und Gebräuchen sowie mit der Natur dieses Geschlechts bekannt zu machen, dessen Mitgliedschaft in der OVP Tarrakanien so sehr befürwortet. Obwohl ich kein Fachmann auf dem Gebiet der kosmischen Terratologie bin, möchte ich doch in dem Maße, wie es mir meine bescheidenen Kräfte erlauben, das ergänzen, was wir gerade zu hören das Vergnügen hatten. Zunächst darf ich nur so obenhin und beiläufig vermerken, daß der heimische Planet der Menschheit nicht Erdue, Urde oder Uerde heißt, wie das, nicht aus Unkenntnis versteht sich, sondern lediglich, wovon ich zutiefst überzeugt bin, aus seinem rednerischen Elan und Schwung heraus mein vortrefflicher Vorredner gesagt hat. Das ist eine unwesentliche Einzelheit, gewiß. Jedoch auch jener Terminus ‚Menschheit’, dessen er sich bediente, ist der Sprache des Erdengeschlechts entnommen – Erde, so nämlich lautet die Bezeichnung jenes fernen provinziellen Planeten. Unsere Wissenschaften bezeichnen die Erdenbewohner etwas anders. Ich erlaube mir, in der Hoffnung, die Hohe Versammlung nicht zu langweilen, die vollständige Bezeichnung und Klassifizierung der Art, deren Mitgliedschaft in der OVP wir erwägen, zu zitieren, wobei ich mich eines ausgezeichneten Werkes von Spezialisten bediene, und zwar der Galaktischen Terratologie von Grammpluss und Gzeems.“

Der Vertreter Thubans schlug auf seinem Pult ein gewaltiges Buch auf – die Stelle war besonders gekennzeichnet – und begann zu lesen:

„Entsprechend der gültigen Systematik umfaßt der Typ Aberrantia (Abseitige) die in der Galaxis anomalen Formen. Der Typ unterteilt sich in die Untertypen Debilitales (Blödiane) sowie Antisapientinales (Vernunftwidrige). Zu letzterem Untertyp gehören die Gruppen Canaliacaea (Scheußler) und Nekroludentia (Leichenspieler). Bei den Leichenspielern unterscheiden wir wiederum die Gattung Patricidiaceae (Vatermörder), Matriphagideae (Mutterfresser) und Lasciviaceae (Ekelgeiler oder kurz: Geiler). Die Ekelgeiler, bereits völlig entartete Formen, klassifizieren wir, indem wir sie in Cretininae (Stumpfmäuler, z. B. Cadaverium mordans, Leichenbiß-Narrkopf) und Horrorissimae (Ungeheuer, mit dem klassischen Vertreter in Gestalt des Trübsinnhabachters, Idiontus erectus gzeemi) teilen. Einige der Ungeheuer bilden eigene Pseudokulturen; hierher gehören solche Arten wie Anophilus belligerens, der Hinterlieb-Schlachter, der sich selbst Genius Pulcherrimus mundanus nennt, oder wie jenes eigenartige, am ganzen Leib kahle Exemplar, das von Grammpluss im dunkelsten Winkel unserer Galaxis beobachtet wurde – Monstroteratus furiosus (Gräßel-Wüterich), der sich selbst Homo sapiens nennt.“

Im Saal erhob sich ein gewaltiger Lärm. Der Vorsitzende setzte die Maschine mit dem Hammer in Gang.

„Nicht unterkriegen lassen!“ zischte der Tarrakaner mir zu. Ich sah ihn nicht, wegen des starken Scheins der Jupiterlampen, vielleicht auch, weil mir der Schweiß den Blick trübte. Eine schwache Hoffnung kam in mir auf, denn jemand verlangte in einer formalen Frage das Wort. Nachdem er sich den Versammelten als Mitglied der Delegation des Wassermanns und zugleich als Astrozoologe vorgestellt hatte, begann er mit dem Thubaner ein Streitgespräch. Leider nur insofern, als er – ein Anhänger der Schule Professor Hagranaps’ – die dargestellte Klassifizierung für ungenau hielt. Er unterschied nämlich – seinem Meister folgend, eine besondere Ordnung Degeneratores, zu der die Vielfraße und die Wenigschlucker, die Leichenkneifer und die Totenkoser gehörten. Die Bezeichnung „Monstroteratus“ hielt er, auf den Menschen angewandt, für falsch; man solle sich lieber der Nomenklatur der Wassermannschule bedienen, die konsequent den Terminus Künstel-Schrecker (Artefactum abhorrens) benutze. Nach einem kurzen Meinungsaustausch fuhr der Thubaner in seiner Ansprache fort:

„Der ehrbare Vertreter Tarrakaniens, der uns die Kandidatur des sogenannten vernunftbegabten Menschen oder – um exakter zu sein, des Wüterich-Schreckers, eines typischen Vertreters der Leichenspieler, empfahl, hat in seiner Rekommandation nicht das Wort ‚Eiweiß’ erwähnt, das er für unanständig hält. Gewiß weckt es Assoziationen, über die mich auszulassen der Anstand verbietet. Freilich, der Besitz SELBST eines solchen körperlichen Bauelements schändet nicht.“ (Rufe: „Hört! Hört!“) „Nicht um das Eiweiß geht es. Auch nicht darum, daß man sich, obwohl ein rasender Leichenspieler, mit der Bezeichnung vernunftbegabter Mensch bedenkt. Das ist schließlich eine Schwäche, die man begreifen, obschon nicht verzeihen kann, eine Schwäche, die von Eigenliebe diktiert ist. Nicht darum geht es, hohe Ratschaft!“

Meine Aufmerksamkeit ließ immer wieder nach, sie schwand wie das Bewußtsein eines in Ohnmacht Fallenden – nur Fetzen erreichten mich.

„Selbst die Fleischfresserei ist niemandes Schuld, da sie sich im Gefolge einer natürlichen Evolution ergab. Immerhin sind die Unterschiede, die den sogenannten Menschen von seinen tierischen Verwandten trennen, nahezu gleich Null. Ähnlich, wie eine an Wuchs HÖHERE Person nicht annehmen darf, daß diese Überlegenheit ihr das Recht gibt, die an Wuchs NIEDRIGEREN zu fressen, so darf auch der mit etwas HÖHEREM Verstand Begabte nicht morden und fressen, und wenn er das schon tun muß“ (Rufe: „Er muß nicht! Soll er Spinat essen!“) „ – wenn er, sage ich, das MUSS auf Grund einer tragischen erblichen Belastung, dann sollte er die blutigen Opfer in Angst, im Geheimen, in seinen Erdlöchern und in den dunkelsten Winkeln der Höhlen verschlingen, gequält von Gewissensbissen und von Verzweiflung und in der Hoffnung, daß es ihm einst gelingen werde, sich von der Last dieser unaufhörlichen Morde zu befreien. Leider verhält sich Gräßel-Wüterich nicht so. Er entehrt die sterblichen Reste, er würgt sie und kugelt sie, er spielt mit ihnen, und erst später verschlingt er sie bei öffentlichen Fütterungen, inmitten von herumhüpfenden Weibchen seiner Art, weil das seinen Appetit auf die Verstorbenen steigert, aber die Notwendigkeit, diesem Zustand abzuhelfen, der nachgerade zur gesamten Milchstraße schreit, kommt ihm nicht einmal in seinen halbflüssigen Kopf. Im Gegenteil, er hat sich höhere Rechtfertigungen geschaffen, die zwischen seinem Magen, dieser Gruft ungezählter Opfer, und der Unendlichkeit gelagert sind und ihn befähigen, mit erhobener Stirn zu morden. Nur soviel, um der Hohen Versammlung nicht die Zeit zu rauben, zur Beschäftigung und zu den Bräuchen des sogenannten vernunftbegabten Menschen. Unter seinen Vorfahren schien einer gewisse Hoffnungen aufkommen zu lassen. Das war die Gattung Homo neandertalensis. Es lohnt, sich mit ihm zu befassen. Dem heutigen Menschen ähnlich, hatte er ein größeres Schädelvolumen und somit auch ein größeres Hirn. Ein Pilzsammler, zur Meditation neigend, verliebt in die Künste, sanft, phlegmatisch, verdiente er zweifellos, daß seine Mitgliedschaft in dieser Hohen Organisation heute erwogen würde. Leider weilt er nicht mehr unter den Lebenden. Möchte nicht der Delegierte der Erde, den als Gast zu begrüßen wir hier die Ehre haben, uns sagen, was aus dem so kulturbeflissenen sympathischen Neandertaler geworden ist? Er schweigt, somit werde ich für ihn antworten: Er wurde restlos ausgerottet, weggewischt von der Oberfläche der Erde durch den sogenannten Homo sapiens. Die Niedertracht des Brudermordes genügte noch nicht, denn die irdischen Wissenschaftler gingen daran, das vernichtete Opfer anzuschwärzen, indem sie sich selbst und nicht ihm – dem Großhirnigen – den größeren Verstand zuschrieben. Nun weilt unter uns, in diesem ehrwürdigen Saal, in diesen erhabenen Wänden, der Repräsentant der Leichenfresser, einfallsreich, wenn es um mörderische Freuden geht, ein sinnreicher Architekt von Vernichtungsmitteln, dessen Äußeres zugleich Lachen und Schaudern hervorruft, das wir kaum unterdrücken können, ja, dort auf der bisher unbefleckten weißen Bank, sehen wir ein Wesen, das nicht einmal den Mut eines konsequenten Verbrechers besitzt, denn es versieht die mit den Spuren seiner Morde gekennzeichnete Karriere ununterbrochen mit der Schönheit falscher Namen, deren schreckliche, wahrhaftige Bedeutung jeder objektive Erforscher der Sternenrassen zu entschlüsseln vermag. So, Hohe Ratschaft…“

Eigentlich drangen aus dieser zweistündigen Rede nur Bruchstücke zu mir, aber die genügten vollauf. Der Thubaner malte das Bild von Ungeheuern, die sich im Blute wälzen, und er tat das ohne Eile, indem er systematisch immer neue, auf dem Pult eigens zurechtgelegte Bücher, Annalen, Chroniken aufschlug und die bereits benutzten auf den Boden schleuderte, als werde er plötzlich von Abscheu gegen sie gepackt, als klebten selbst die Blätter, die uns beschrieben, von dem Blut der Opfer zusammen. Nun ging er zu unserer zivilisierten Geschichte über: er erzählte von Massakern, Pogromen, Kriegen, Kreuzzügen, Massenmorden, er stellte auf Tafeln und mit einem Epidiaskop die Technologien der Verbrechen und die altertümlichen und mittelalterlichen Torturen dar, und als er zur Gegenwart überging, rollten ihm sechzehn Diener auf Handwagen, die sich unter der Last bogen, Stöße neuen Faktenmaterials heran. Andere Bedienstete, die Sanitäter der OVP, leisteten unterdessen aus kleinen Hubschraubern den Scharen ermatteter Zuhörer dieses Referats Erste Hilfe, wobei sie nur mich ausließen, in der einfältigen Annahme, die Sintflut blutiger Informationen über die irdische Kultur schade mir nicht im geringsten. Und doch begann ich etwa in der Mitte dieser Ansprache, wie an der Grenze eines Wahns, mich vor mir selbst zu fürchten, als sei ich in der Menge der Maskarone und sonstiger sonderbarer Wesen, die mich umgaben, das einzige Ungeheuer. Ich dachte schon, diese schreckliche Anklagerede werde nie mehr enden, da fielen die Worte: „Und nun mag die Hohe Versammlung zur Abstimmung über den Antrag der tarrakanischen Delegation schreiten!“

Der Saal erstarrte in tödlichem Schweigen, bis sich plötzlich neben mir etwas regte. Das war der Tarrakaner, der aufgestanden war, um wenigstens einige der Vorwürfe zu entkräftigen. Der Unselige! Er stürzte mich vollends ins Unglück, als er der Versammlung zu versichern suchte, daß die Menschheit die Neandertaler als ehrwürdige Ahnen betrachte, die ganz von selbst umgekommen seien. Der Thubaner nagelte sogleich meinen Verteidiger mit einer treffenden, unmittelbar an mich gerichteten Frage fest: Ob es denn auf der Erde als ein Lob oder als ein beleidigendes Epitheton angesehen werde, wenn man jemanden einen Neandertaler nenne.

Ich dachte, nun sei alles zu Ende, für immer verloren, glaubte, mich sogleich zurück zur Erde begeben zu müssen, wie ein Hund, den man in die Hütte jagt, weil man ihm einen erwürgten Vogel aus den Zähnen gerissen hat. Da hörte ich in dem schwachen Gemurmel des Saals den Vorsitzenden, der sich zum Mikrofon neigte, sagen: „Ich erteile dem Vertreter der eridanischen Delegation das Wort.“

Der Eridaner war klein, silbrigweiß und prall wie ein Nebelballen, der von einem schrägen Strahl der winterlichen Sonne getroffen wird. „Ich möchte fragen“, sagte er, „wer denn die Aufnahmegebühr der Erdbewohner bezahlen wird. Sie selbst? Immerhin ist sie nicht unbeträchtlich – eine Billion Tonnen Platin ist eine Last, der nicht jeder gewachsen ist.“

Das Amphitheater füllte sich mit ärgerlichem Stimmengewirr.

„Die Frage wird erst akut, wenn der Antrag der tarrakanischen Delegation angenommen ist!“ sagte nach einigem Zögern der Vorsitzende.

„Mit Verlaub, Euer Galaktizität!“ erwiderte der Eridaner. „Ich wage es, anderer Meinung zu sein, und möchte deshalb die Frage, die ich gestellt habe, mit einigen Bemerkungen stützen, die meines Erachtens sehr wesentlich sind. Ich habe hier, zunächst, das Werk eines ausgezeichneten doradischen Planetographen, des Hyperdoktors Wragras, ich zitiere daraus: ‚…Planeten, denen das Leben nicht spontan entstehen kann, zeichnen sich durch folgende Merkmale aus: a) durch katastrophale Änderungen des Klimas in rasch wechselndem Rhythmus (dem sogenannten Zyklus Winter-Frühling-Sommer-Herbst) sowie durch noch bedrohlichere Änderungen in längeren Zeitabschnitten (den Eiszeiten); b) durch das Vorhandensein großer Monde; ihre Gezeitenflüsse haben ebenfalls lebenstötenden Charakter; c) durch die häufig auftretende Fleckigkeit des Zentralgestirns, des Muttersterns; die Flecke sind die Quelle einer lebenstötenden Strahlung; d) durch ein Übergewicht der Wasseroberfläche über die Fläche der Kontinente; e) durch die Beständigkeit der Polvereisung; f) durch das Auftreten von Niederschlägen in flüssigem und festen Aggregatzustand…’ Wie man daraus ersieht…“

„Ich bitte ums Wort in einer formalen Frage!“ fuhr mein Tarrakaner hoch, von neuer Hoffnung belebt. „Ich möchte wissen, ob die Delegation Eridans für unseren Antrag oder gegen ihn stimmen wird.“

„Wir werden für den Antrag stimmen, mit einem Zusatzantrag jedoch, den ich der Hohen Versammlung vorlegen werde“, antwortete der Eridaner und kehrte zu seinem Thema zurück. „Ehrenwerte Ratschaft! Auf der 918. Sitzung der Vollversammlung hatten wir den Antrag auf Mitgliedschaft der Rasse der hinterköpfigen Ekelgeiler behandelt, die sich als ‚ewig Vollkommene’ vorstellten, obschon sie körperlich so unbeständig waren, daß sich die Zusammensetzung der Delegation der Ekelgeiler während dieser Zeit fünfzehnmal änderte, obwohl die Sitzung nicht länger als achthundert Jahre dauerte. Diese Unglückseligen verwickelten sich in Widersprüche, als es dazu kam, den Lebenslauf der Rasse zu schildern, indem sie der Hohen Versammlung in ebenso unverbindlicher wie feierlicher Weise versicherten, sie habe ein gewisser Vollkommener Schöpfer nach eigenem Vorbild geschaffen, weshalb sie denn auch unter anderem im Geiste unsterblich seien. Da es sich aus anderem Grund herausstellte, daß ihr Planet den bionegativen Bedingungen des Hyperdoktors Wragras entsprach, bildete die Vollversammlung eine besondere Untersuchungskommission. Die stellte fest, daß die inkriminierte vernunftwidrige Rasse nicht infolge einer Laune der Natur, sondern auf Grund eines bedauernswerten, durch dritte Personen hervorgerufenen Zufalls entstanden war.“

(„Was redet er! Aufhören! Lüge! Nimm die Lehnte weg, du Ekelgeiler!“ hallten die Rufe immer stürmischer durch den Saal.)

„Die Untersuchungen der Kommission“, fuhr der Eridaner fort, „führten dazu, daß auf der nächsten Sitzung der OVP eine Ergänzung zu Punkt zwei der Charta der Vereinten Planeten angenommen wurde; diese Ergänzung lautet wie folgt“ (hier entfaltete er ein klafterlanges Pergament und hob zu lesen an): „’Im folgenden wird ein kategorisches Verbot für alle lebenszeugenden Aktionen auf sämtlichen Planeten des Typs Wragras A, B, C, D sowie E erlassen. Gleichzeitig wird den Leitungen von Forschungsexpeditionen und den Kommandanten von Raumschiffen, die auf solchen Planeten landen, die Pflicht auferlegt, das obige Verbot strengstens zu befolgen. Es umfaßt nicht nur absichtliche lebenszeugende Praktiken, wie das Aussäen von Moosen, Bakterien und Ähnlichem, sondern auch das unabsichtliche Einleiten von Bioevolutionen infolge Unachtsamkeit oder Zerstreutheit. Diese antikonzeptionelle Prophylaxe ist durch den besten Willen und das beste Wissen der OVP diktiert, der folgende Fakten bekannt sind: Ersten – die natürliche Feindseligkeit des Milieus, in das die von außen mitgebrachten Urkeime des Lebens gepflanzt werden, bewirkt, daß im Verlaufe seiner weiteren Evolution Abseitigkeiten und Invaliditäten entstehen, denen man im Rahmen einer natürlichen Biogenese nie begegnet. Zweitens – unter den genannten Umständen entstehen nicht nur körperlich gebrechliche Gattungen, sondern auch solche, die mit den schwersten Formen geistiger Entartung belastet sind; wenn nun unter ähnlichen Bedingungen auch nur halbwegs vernünftige Wesen keimen, und das kommt zuweilen vor, so ist ihr Schicksal erfüllt von geistigen Qualen. Sobald sie nämlich die erste Bewußtseinsstufe erreicht haben, beginnen sie, in der Umgebung nach den Ursachen ihrer eigenen Entstehung zu forschen, und da sie diese dort nicht finden können, geraten sie auf die Irrwege von Glaubenslehren, geschaffen aus Verwirrung und Verzweiflung. Da ihnen der normale Verlauf der Entwicklungsprozesse im Kosmos fremd ist, halten sie ihre Körperlichkeit, wie mißgestaltet sie auch sein möge, und ihre Denkart für typisch, normal und im ganzen Weltall verbreitet. Dieserhalb und in tiefer Sorge um das Wohl und die Lebenswürde im allgemeinen und der vernünftigen Wesen im Besonderen, beschließt die Generalversammlung der OVP, daß derjenige, der gegen den hiermit festgelegten antikonzeptionellen Paragraphen der OVP verstößt, Sanktionen und Strafen gemäß dem Interplanetaren Rechtskodex zu gewärtigen hat’“.

Der Eridaner legte die Charta der OVP beiseite und nahm den gewichtigen Band des Kodex zur Hand, den ihm die Helfer zwischen die Taster des Geärms gelegt hatten, schlug das gewaltige Buch an der richtigen Stelle auf und begann klangvoll zu lesen:

„Band zwei des Interplanetaren Strafrechts, Absatz achtzig, betitelt ‚Über planetarische Unzucht’:

‚- Paragraph 212: Wer einen natürlich unfruchtbaren Planeten befruchtet, wird mit hundert bis fünfzehnhundert Jahren Verstirnung bestraft, unbeschadet der zivilen Verantwortlichkeit für die moralischen und materiellen Verluste des Geschädigten.’

‚- Paragraph 213: Wer im Sinne des Paragraphen 212 schuldig wird und dabei erheblichen bösen Willen dokumentiert, indem er Manipulationen unzüchtigen Charakters mit Vorbedacht ausführt, deren Ergebnis eine Evolution von besonders entarteten Lebensformen sein soll, die allgemeinen Ekel oder allgemeines Entsetzen hervorrufen, wird mit fünfzehnhundert Jahren Verstirnung bestraft.’

‚- Paragraph 214: Wer einen unfruchtbaren Planeten aus Nachlässigkeit, Zerstreutheit oder auch durch Nichtverwendung geeigneter antikonzeptioneller Mittel befruchtet, wird mit einer Strafe bis zu vierhundert Jahren Verstirnung bestraft; handelt er mit verminderter Kenntnis der Folgen seiner Tat, kann die Strafe auf hundert Jahre herabgesetzt werden.’

Ich erwähne nicht die Strafen“, fügte der Eridaner hinzu, „die für ein Eingreifen in Evolutionsprozesse in statu nascendi angesetzt sind, denn das gehört nicht zu unserem Thema. Ich betone dagegen, daß der Kodex eine materielle Verantwortung der Täter gegenüber den Opfern planetarer Unzucht vorsieht. Die einschlägigen Abschnitte des Zivilkodex möchte ich nicht vorlesen, um die Mitglieder der Versammlung nicht zu langweilen. Ich füge lediglich hinzu, daß in dem Katalog der Körper, die als definitiv unfruchtbar im Sinn sowohl des Hyperdoktors Wragras als auch der Charta der Vereinigten Planeten sowie des interplanetaren Strafrechts gelten, auf Seite 2618, achte Zeile von unten, die folgenden Himmelskörper figurieren: Uerdue, Uersde, Erde und Ersdue…“

Mir sackte der Kiefer herunter, die Beglaubigungsschreiben glitten mir aus der Hand, mir wurde schwarz vor Augen. („Achtung!“ wurde im Saal gerufen. „Hört nur! Wen klagt er da an? Fort mit ihm! Er lebe hoch!“) Was mich betraf, so versuchte ich mich so gut wie möglich unter dem Pult zu verkriechen.

„Hohe Ratschaft!“ donnerte der Vertreter Eridans, wobei er die Bände des Interplanetaren Kodex auf den Fußboden des Amphitheaters schleuderte (offenbar war das in der OVP beliebter Rednertrick). „Nie genug über Dinge, die den Vergewaltigern der Charta der Vereinten Planeten zur Schande gereichen! Nie genug der Brandmarkung unverantwortlicher Elemente, die unter nichtswürdigen Bedingungen Leben erwecken! Da kommen Wesen zu uns, die weder das Abscheuliche ihrer Existenz noch deren Ursachen kennen. Da klopfen sie an die ehrwürdigen Türen dieser geschätzten Versammlung, und was können wir ihnen antworten, allen diesen Geilern, Ungeheuern, Gräßlern, Mutteressern, Leichenkosern, Tumben, die ratlos ihre Quasihände zusammenschlagen und sich kaum noch auf ihren Quasibeinen halten können, wenn sie erfahren, daß sie zum Pseudotyp ‚Artefacta’ gehören, daß ihr Schöpfer irgendein Raumschiffmatrose war, der auf die Felsen eines toten Planeten einen Eimer fermentierten Spülichts ausgoß und spaßeshalber jenen kläglichen Uranfängen des Lebens Eigenschaften verlieh, die sie später zum Gespött der gesamten Milchstraße werden ließen! Wie sollen sich denn die Unglückseligen verteidigen, wenn irgendein Cato ihnen ihre schändliche Eiweißlinksseitigkeit vorhält!“ Im Saal siedete es, vergebens klopfte die Maschine pausenlos mit dem Hammer, es dröhnte rundum: „Schande! Hinweg! Sanktionen! Wen meint er? Seht, der Erdenbewohner löst sich schon auf, der Gräßel tropft am ganzen Leib!“

In der Tat mir rann der Schweiß in Strömen. Der Eridaner, dessen Stentorstimme den Lärm übertönte, rief: „Ich werde nun ein paar abschließende Fragen an die ehrenwerte tarrakanische Delegation richten. Stimmt es etwa nicht, daß seinerzeit auf dem damals toten Planeten Erde ein Schiff unter eurer Flagge gelandet ist, dem infolge eines Schadens an den Kühlschränken ein Teil der Vorräte verdorben war? Stimmt es etwa nicht, daß sich in jenem Raumschiff zwei Nichtstuer befanden, die später wegen ihrer schamlosen Machenschaften mit Geißlern aus allen Registern gestrichen wurden, und daß diese beiden Schurken, diese Milchstraßenräuber Gerr und Hott hießen? Stimmt es etwa nicht, daß Gerr und Hott in trunkenem Zustand beschlossen, sich nicht mit einer gewöhnlichen Verunreinigung des wehrlosen öden Planeten zufriedenzugeben, sondern in verbrecherischer und strafwürdiger Weise eine biologische Evolution zu arrangieren, wie sie die Welt bis dahin nicht gesehen hatte? Stimmt es etwa nicht, daß diese beiden Tarrakaner vorsätzlich, mit einem Höchstmaß an bösem Willen eine METHODE ersannen, aus der Erde eine Brutstätte von Sonderlingen im Maßstab der gesamten Milchstraße, einen kosmischen Zirkus, ein Panoptikum, ein Raritätenkabinett zu schaffen, dessen lebende Ausstellungsstücke zum Gespött der fernsten Nebelflecke werden sollten? Stimmt es etwa nicht, daß diese beiden Lästerer, bar jeden Gefühls, des Anstands und der ethischen Gebote, auf die Felsen der toten Erde sechs Fässer ranzig gewordenen Gelatinekleisters und zwei Kanister verdorbener Albuminpaste ausschütteten – daß sie zu dieser Schmiere fermentierte Ribose, Pentose und Lärulose dazuschütteten und, als genügten diese Scheußlichkeiten noch nicht, sie mit drei Gießkannen voll gegorener Aminosäuren begossen, wonach sie den entstandenen Brei mit einer Kohlenschaufel, die nach links verbogen war, und einem Feuerhaken, der nach der gleichen Seite gekrümmt war, umrührten und kneteten, wodurch alle Eiweiße sämtlicher künftiger Lebewesen der Erde linksseitig wurden? Stimmt es etwa nicht, daß Hott, der damals an einem starken Schnupfen litt, von dem trunkenen Gerr angestiftet, in vorsätzlicher Weise in den plasmatischen Teig hineinnieste und ihn mit boshaften Viren ansteckte, wobei er krächzte, daß er dadurch den ‚Geist der Sakramente’ in die unglückselige evolutive Hefe habe einströmen lassen? Stimmt es etwa nicht, daß jene Linksseitigkeit und jene Böswilligkeit danach in die Körper der irdischen Organismen eingegangen und bis heute darin verblieben sind, worunter jetzt die unschuldigen Vertreter der Rasse Artefactum abhorrens, die sich lediglich aus einfältiger Naivität mit der Bezeichnung ‚Homo sapiens’ bedacht haben, leiden müssen? Stimmt es darum etwa nicht, daß die Tarrakaner für die Erdbewohner nicht nur die Aufnahmegebühr in Höhe von einer Billion Tonnen Erz, sondern auch den unseligen Opfern der planetarischen Unzucht KOSMISCHE ALIMENTE zahlen sollten?“

Nach diesen Worten des Eridaners brach im Amphitheater ein Pandämonium aus. Ich duckte mich, denn durch die Luft flogen von und nach allen Seiten Taschen mit Akten, Bände des Kodex des Interplanetaren Rechts und auch handgreifliche Beweise in Gestalt stark verrosteter Kannen, Fässer und Feuerhaken, die Gott weiß woher zur Stelle waren; vielleicht hatten die arglistigen Eridaner, die sich mit den Tarrakanern überworfen hatten, sich seit grauer Vorzeit mit archäologischen Arbeiten auf der Erde befaßt und Beweise ihrer Schuld gesucht, die sorgfältig an Bord der fliegenden Untertassen gesammelt wurden. Mir fiel es schwer, über diese Frage nachzugrübeln, denn ringsum bebte alles, es wimmelte nur so von Tastarmen und Lehnten. Mein Tarrakaner war äußerst erregt, er sprang auf, brüllte etwas, was in dem allgemeinen Getöse unterging, ich indes kam mir vor wie auf dem Boden des Klamauks, und der letzte Gedanke, der mir im Kopf umging, war die Frage jenes vorsätzlichen Niesens, von dem wir unseren Anfang genommen hatten.

Plötzlich packte mich jemand schmerzhaft an den Haaren, daß ich aufstöhnte. Das war der Tarrakaner, der zu demonstrieren versuchte, wie ordentlich ausgeführt ich durch die irdische Evolution doch sei und wie wenig ich verdiente, den Namen irgendeines Wesens zu tragen, das nur lose zusammengeklebt sei aus verfaulten Abfällen. Er drosch mir ein ums andere Mal mit seiner gewaltigen, schweren Lehnte auf den Kopf… Und ich, der ich mich fühlte, als habe mein letztes Stündlein geschlagen, machte immer schwächere Versuche, mich zu befreien, verlor den Atem, schlug noch ein paarmal in der Agonie mit den Füßen aus – und sank zurück in die Kissen. Noch nicht bei vollem Bewußtsein, fuhr ich auf: Ich saß im Bett, betastete den Hals, den Kopf, die Brust – und überzeugte mich auf diese Weise, daß alles, was ich erlebt hatte, nur ein Alptraum gewesen war. Ich atmete erleichtert auf, dann begannen mich jedoch gewisse Zweifel zu quälen. Ich sagte mir: Träume sind Schäume, aber das half nichts. Schließlich fuhr ich, um die trüben Gedanken zu verscheuchen, zu meiner Tante auf den Mond. Immerhin kann ich schwerlich eine achtminütige Reise mit dem Planetobus, der vor meinem Haus hält, als die achte Sternreise bezeichnet werden – eher schon verdient diese Bezeichnung die im Traum erlebte Expedition, bei der ich für die Menschheit so viel zu leiden hatte.

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Ein Kommentar

  1. Deep Roots

     /  9. September 2016

    In dieser Geschichte verabreicht Stanislaw Lem schon eine kräftige Dosis „Culture of Critique“, deren Hintergrund mir erst klar ist, seit ich um seine wahre ethnische Zugehörigkeit weiß. Judeophile werden jetzt vielleicht einwenden, daß es ihm hier nur darum gegangen wäre aufzuzeigen, daß Attraktivität und Abscheulichkeit zwischen Spezies eben relativ ist. In der Tat werden außerirdische Wesen uns oft ebenso seltsam oder sogar abstoßend finden, wie wir unsererseits sie sehen, und eine solche Absicht wäre plausibel gewesen, wenn es um eine Begegnung mit nur einer Fremdspezies gegangen wäre.

    Ein Beispiel für eine solche Geschichte ist die wirklich kurze Kurzgeschichte „Sentry“ von Fredric Brown, die ich hier in voller „Länge“ wiedergebe (Übersetzung von mir):

    Der Wachtposten

    Er war naß und verdreckt und hungrig; ihm war kalt, und er war fünfzigtausend Lichtjahre von zu Hause entfernt. Eine seltsame blaue Sonne spendete Licht, und die Schwerkraft, doppelt so stark wie die, an die er gewöhnt war, machte jede Bewegung schwierig.

    Aber in Zehntausenden von Jahren hatte sich dieser Teil des Krieges nicht geändert. Die Fliegerjungs waren fein raus mit ihren schnittigen Raumschiffen und ihren hochentwickelten Waffen. Wenn es hart auf hart kam, war es aber immer noch der Fußsoldat, die Infanterie, die das Gelände einnehmen und halten mußte, Meter um blutigen Meter. Wie dieser verdammte Planet eines Sterns, von dem er nie zuvor gehört hatte, bevor sie ihn dort abgesetzt hatten. Und jetzt war es heiliger Boden, weil die Fremden ebenfalls hier waren. Die Fremden, die einzige andere intelligente Rasse in der Galaxis… grausame, häßliche und abstoßende Monster.

    Der Kontakt mit ihnen war nahe dem Zentrum der Galaxis hergestellt worden, nach der langsamen, schwierigen Kolonisierung von einem Dutzend tausend Planeten; und es war Krieg vom ersten Anblick an gewesen; sie hatten geschossen, ohne auch nur zu versuchen, zu verhandeln oder Frieden zu schließen.

    Nun wurde es ausgekämpft, Planet um bitteren Planeten.

    Er war naß und dreckig und hungrig und fror, und der Tag war erfüllt von starkem Wind, der ihm in den Augen weh tat. Aber die Fremden versuchten einzusickern, und jeder Wachtposten war lebenswichtig.

    Er blieb wachsam, die Waffe bereit. Fünfzigtausend Lichtjahre von zu Hause entfernt, auf einer fremdartigen Welt kämpfend, und er fragte sich, ob er es jemals erleben würde, die Heimat wiederzusehen.

    Und dann sah er einen von ihnen auf sich zurobben. Er legte an und feuerte. Der Fremde gab diesen seltsamen, schrecklichen Laut von sich, wie sie es alle tun, und lag dann still.

    Er schauderte bei dem Laut und beim Anblick des Fremden, der dort lag. Nach einer Weile sollte man sich an sie gewöhnen können, aber er war dazu nie in der Lage gewesen. Solch abstoßende Kreaturen waren sie, mit nur zwei Armen und zwei Beinen und dieser gräßlich weißen, schuppenlosen Haut.

    Fredric Brown, 1954

    In seiner „Achten Reise” zur Vollversammlung der OVP bekommt Tichy es jedoch mit einer unüberschaubaren Menagerie außerirdischer Spezies zu tun, die allesamt nur die Menschen (und ein paar andere Sonderfälle) abartig und abstoßend finden, einander jedoch nicht. Außerdem werden die Menschen auch moralisch als völlig außerhalb der in der Galaxis üblichen Norm präsentiert, als ob es wahrscheinlich wäre, daß auch nur mehr als die Hälfte aller intelligenten Spezies eine Geschichte ohne Kriege vorweisen kann oder rein vegetarisch lebt (jaja, ich weiß, die „Sterntagebücher“ sind Satire und nur in dem Sinne „Science“ Fiction, als der Held mit einem Raumfahrzeug zu den Schauplätzen de Handlung gelangt).

    Und was macht unser Held Ijon Tichy, die Identifikationsfigur der Leser, die in den allermeisten Fällen a) keine Juden und b) weiß sein werden? Ihm fallen nicht nur keine positiven Dinge ein, die er vor solch einem Gremium kosmischer Zivilisationen über die Menschheit sagen kann, er reagiert nicht nur nicht empört darauf, daß die gesamte Geschichte der Menschheit als eine einzige breite Blutspur durch die Jahrtausende präsentiert wird, für die man sich nur schämen kann, sondern er schämt sich tatsächlich dafür in Grund und Boden, als ob diese einseitige Verurteilung nur allzu gerechtfertigt wäre. Alles ist da: Atombomben, die Kreuzzüge (aber keine Rede vom Dschihad), die mittelalterlichen Torturen (wobei der westliche Leser ausschließlich an das europäische Mittelalter denken wird), Massenmorde und Pogrome, der Holocaust (mit dem Neandertaler als stellvertretendem Opfer), und sogar die Holocaustleugnung (durch den tarrakanischen Delegationsleiter).

    Der jüdische Hang zu Tikkun Olam kommt ebenfalls zum Vorschein: Schöpferische Explosionen zum Verschieben von Kontinenten und Flußbetten sowie zur Klimaregelung werden als erstrebenswert dargestellt, und dabei fällt mir gleich wieder ein, daß genau solche gigantomanischen Projekte auch in der bolschewistischen Sowjetunion angedacht, aber mangels Mitteln nie verwirklicht wurden; unter anderem sollten große sibirische Ströme wie die Lena nach Süden umgeleitet werden, um die Trockengebiete Zentralasiens zu bewässern.

    Diese Mischung aus „Culture of Critique“ und „Tikkun Olam“ kommt auch in mindestens zwei weiteren Geschichten um Ijon Tichy vor:

    – in der „Achtzehnten Reise“, wo Professor Tarantoga entdeckt, daß das gesamte Universum nur aufgrund einer quantenphysikalischen Fluktuation im allergrößten Maßstab entstanden ist und somit quasi nur auf „kosmischem Kredit“ existiert und jederzeit wieder in die Nichtexistenz verschwinden kann. Ein Positron soll an den Anfang der Zeit zurückgeschossen werden, um die Existenz des Kosmos zu „legitimieren“, und wo man schon mal dabei ist, wollen Tichy und Tarantoga diesem Positron genau die Eigenschaften mitgeben, die die Anfangsbedingungen dafür schaffen sollen, daß sich das Universum in besserer Weise entwickelt, als es tatsächlich der Fall war;

    – in der „Zwanzigsten Reise“ wird Tichy per „Chronozykel“ (einer Art Zeitfahrzeug in Hexenbesen-Format) ins 27. Jahrhundert geholt, um dem Institut für Temporistik dabei zu helfen, die Erd- und Menschheitsgeschichte nachträglich auszubessern.

    In beiden Fällen werden die noblen Vorhaben von unfähigen bis böswilligen Mitarbeitern vermasselt und sabotiert, wodurch die Welt genau so wird, wie wir sie eben kennen. All das ist recht humorvoll geschrieben und amüsant zu lesen, aber über diesen Hintergrund der mehr oder weniger unbewußt hineingeratenen „Metapolitik“ sollte man doch Bescheid wissen.

    Interessant, fürwahr, wie einem solche versteckten „Ostereier” erst auffallen, wenn man auf gewisse Hintergründe aufmerksam geworden ist. Die „Sterntagebücher” kenne ich wie Lems andere Bücher schon seit meiner späten Jugend, aber früher habe ich solche Stellen einfach als gerechtigkeitsorientierte Appelle an die Moral aufgefaßt, ohne mir mehr dabei zu denken. Da drängen sich Parallelen zu dem auf, was wir in den „Star Dreck”-Beiträgen über Hollywood geschrieben haben.

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