Der Mensch lebt nicht artgerecht

Ein Interview mit Prof. Dr. Franz Wuketits, aus „bild der wissenschaft“ 8-2013. Das Interview führte Nadine Eckert.

Prof. Dr. Franz M. Wuketits:

Der gebürtige Österreicher (*1955) hat an der Universität Wien Philosophie, Zoologie, Paläontologie und Wissenschaftstheorie studiert. Seit 1980 lehrt er dort am Institut für Philosophie. Sein Schwerpunkt ist die Philosophie der Biowissenschaften. Er ist Autor von rund 40 Büchern. In seinem neuen Werk „Zivilisation in der Sackgasse“ plädiert er für eine Entschleunigung der Zivilisation und mehr Eigenverantwortung für den mündigen Bürger.

DER MENSCH LEBT NICHT ARTGERECHT

Tierschützer, Öko-Verbände und Medien – alle fordern eine artgerechte Tierhaltung. Doch wer kümmert sich eigentlich darum, wie Menschen leben?

bdw: Herr Professor Wuketits, was hat uns Menschen aus dem Tritt gebracht?

Franz M. Wuketits: Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich unsere Zivilisation insbesondere im Bereich der Technologie mit atemberaubendem Tempo entwickelt. Die Menschen sind durch diese fatale Beschleunigung überlastet. Berufs- und Alltagsleben verlangen vom Einzelnen oft ein Tempo und eine Flexibilität, die dem Menschen als Art nicht entsprechen. Dazu kommt, dass der Mensch die längste Zeit seiner Entwicklungsgeschichte in relativ kleinen, überschaubaren Gruppen gelebt hat – er ist das geborene Kleingruppenwesen. Unser Verhalten war über Jahrmillionen darauf abgestellt, in Gruppen von maximal 100 Individuen zu leben, in denen jeder jeden kennt. Auf anonyme Massengesellschaften und das Leben in riesigen Städten sind wir nicht vorbereitet.

Wäre denn ein Leben in Kleingruppen heutzutage überhaupt noch möglich?

Wir können unsere Großstädte natürlich nicht auflösen, doch wir können auch innerhalb der Großstädte kleinere Einheiten bilden. Wien ist dafür ein gutes Beispiel: Hier heißt das „Grätzel“ – ein paar Häuserblocks, nicht wesentlich mehr. In meinem Grätzel kenne ich die meisten Leute zwar nicht persönlich, aber ich begegne vielen von ihnen fast täglich: der Kellnerin im kleinen Café um die Ecke, dem Tabakhändler gegenüber, dem Buchhändler zwei Gassen weiter. Im kleinen Café kennt man meine Gewohnheiten, ich wechsle mit der Kellnerin ein paar nette Worte, ein anderer Gast nickt mir freundlich zu, bevor er sich wieder in seine Zeitung vertieft. Das verschafft allen Beteiligten ein gewisses Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit.

Der Mensch gilt als sehr flexibel. Kann er sich nicht an die neuen Entwicklungen anpassen?

Das ist nur begrenzt möglich. Wir gehen heute in der Evolutionsbiologie davon aus, dass sich Organismen im Allgemeinen nicht einfach an ihre Außenwelt anpassen, sondern dass ihre Evolution wesentlich von „inneren Bedingungen“ abhängt – also von Konstruktions- und Funktionsbedingungen. Plakativ gesagt: Lebewesen haben bei ihrer Evolution ein Wörtchen mitzureden, und nicht allein die Umwelt bestimmt, wohin es geht. Organismen sind keine passiven Gebilde, die sich auf Gedeih und Verderb an irgendeine beliebige Umwelt anpassen. Die steigende Zahl an psychischen Erkrankungen spricht eine deutliche Sprache – in den westlichen Ländern ist mehreren Untersuchungen zufolge schon etwa ein Viertel der Bevölkerung davon betroffen. Wie gut sich der Mensch anpassen kann, hängt auch davon ab, wie viel Zeit ihm zur Verfügung steht.

Inwiefern?

Der technologischen Zivilisation weniger Jahrhunderte stehen fünf Millionen Jahre Naturgeschichte gegenüber. Eigentlich ist die uns heute beherrschende Technologie kaum 100 Jahre alt, die modernen Kommunikationstechnologien wie Internet und Handys gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Unser Gehirn aber hat sich – da sind sich Anthropologen, Evolutionsbiologen und Hirnforscher einig – in den letzten 30.000 Jahren nicht mehr nennenswert verändert. Es ist also nicht an die heutige Zeit angepasst, sondern lebt gewissermaßen noch in der Steinzeit.

Wir können aber nicht zurück in die Steinzeit…

Natürlich nicht, aber wir sollten den Steinzeitmenschen in uns besser kennenlernen und unsere Lebenswelt so gestalten, dass wir ihm einigermaßen gerecht werden. Zunächst gilt es, etwas langsamer zu treten. Man muss beispielsweise nicht alle E-Mails binnen einer Stunde beantworten. Man sollte sich Zeit lassen, es muss nicht alles immer schneller geschehen. Wozu denn auch? Diese Entschleunigung kann natürlich nur funktionieren, wenn sich alle auf die Langsamkeit besinnen, insbesondere in der Arbeitswelt. Oft liegt die Lösung von Problemen nicht in der Geschwindigkeit, sondern gerade in der Langsamkeit. Hektik begünstigt Fehler. Und in unserer komplexen Welt mit vielen ebenso komplexen Aufgaben ist umsichtiges Vorgehen besonders wichtig. Ich sage ja nicht, dass wir alle Aufgaben schleppend erledigen sollten. Auch unsere prähistorischen Vorfahren waren oft gezwungen, schnell zu agieren, etwa um eine Beute zu erlegen. Doch sie haben ihr Lebenstempo nicht sinnlos beschleunigt.

Viele Menschen müssen ständig erreichbar sein, weil der Vorgesetzte es verlangt.

Jeder Betrieb ist langfristig auf die Zufriedenheit seiner Mitarbeiter angewiesen. Die moderne Sklavenhaltung in diesen Unternehmen – ich nenne das bewusst so – ist kein Wirtschaftsmodell für die Zukunft. Ein großes Problem der heutigen Zivilisation ist das Kurzzeitdenken. Die Kurzzeitperspektive haben wir von unseren steinzeitlichen Ahnen geerbt. Aber die konnten sich diese Perspektive leisten. Was hätte ihnen denn auch ein Blick in die Zukunft gebracht? Wichtig war, hier und jetzt essbare Früchte zu finden, jagdbares Wild aufzuspüren und sich mit den Rhythmen der Natur zu arrangieren.

Und wie ist es heute?

In der heutigen Wirtschaftswelt folgt man dem gleichen Prinzip: Der Profit muss sofort sichtbar sein. Doch in der komplexen Welt, in die wir uns selbst hineinmanövriert haben, ist diese Neigung fatal. Und was die ständige Erreichbarkeit betrifft: Wer meint, rund um die Uhr zur Verfügung stehen zu müssen, ist selbst schuld. Er macht sich so nicht nur seinem Vorgesetzten gefügig, sondern denkt auch, etwas zu verpassen, wenn er nicht ununterbrochen Nachrichten empfängt oder versendet, auch privat. Noch vor wenigen Jahrzehnten, ohne Mobiltelefone und E-Mails, war das ganz anders – und unser gesellschaftliches Leben hat gut funktioniert.

Sie kritisieren auch die heute vielerorts vorherrschende Regulierungswut.

Ja, denn durch Überregulierung kommt ein System zur Stagnation. Wenn man nicht mehr weiß, was man überhaupt tun kann und darf, dann tritt man auf der Stelle, auch jede Kreativität wird erstickt. Es ist kurios, wovor alles gewarnt wird. In der U-Bahn in Wien hören Sie regelmäßig die Durchsage: „Verehrte Fahrgäste, achten Sie bitte auf den Spalt zwischen Bahnsteig und Waggon.“ Den Spalt sehe ich ja, davor muss mich niemand warnen. Und ist, wie der österreichische Journalist und Kabarettist Guido Tartarotti jüngst sagte, nicht das ganze Leben voller Spalten? Wir müssen lernen, damit umzugehen.

Was könnte sonst passieren?

Diese Strategie, vor allem und jedem zu warnen, entbindet den Einzelnen von der Eigenverantwortung. Weil scheinbar alles reguliert ist, muss er nur die Regeln befolgen, damit ihm nichts passiert. Das führt mittel- bis langfristig zu dem, was wir als Gegenteil von Evolution bezeichnen: Involution, also Stillstand, das Ersticken aller spontanen und kreativen Regungen des Individuums.

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Online-Quelle hier

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