Die Segnungen des Friedens

sf-stories-79

Von C. C. MacApp (siehe auch C. C. MacApp in der Internet Speculative Fiction Database). Originaltitel: „The Fortunes of Peace“, veröffentlicht in WORLDS OF IF September 1967. Die deutsche Übersetzung von Jörg Peters erschien in „Science Fiction Stories 79“ aus der Reihe „Ullstein 2000“ (1979, Ullstein-Buch Nr. 31008, ISBN 3-548-31008-7). Das Titelbild stammt von diesem Buch; das Bild im Text wurde von Cernunnos eingefügt). Online-Quelle hier.

1

    Der galaktische Sektor, in dem sich der terranische Frachter befand, war offenes und unkontrolliertes Vertragsterritorium. Der Frachter hätte also jedes Recht besessen, sich dort aufzuhalten. Doch er war weitab von seinem Heimatsystem; und weil die Menschheit gerade erst in den Weltraum aufgebrochen war und nur über eine vergleichsweise geringe Streitmacht verfügte, war es nicht weiter verwunderlich, daß er in Schwierigkeiten geriet.

„Taintless“ Wend, ein Erdgeborener, der sich jedoch nicht mehr auf seine Volkszugehörigkeit berufen konnte, beobachtete, wie das Bild des Frachters auf dem Orterschirm wuchs. Er konnte keine Anzeichen von Gewaltanwendung erkennen – offenbar hatte die Besatzung den Frachter im Stich gelassen. Junnabl, an Bord dessen Raumers er sich mehr oder weniger freiwillig aufhielt, war eben ein vielseitiger Pirat. Wend wandte sich zu dem Kyshan um: „Hast du mich deshalb hierher bringen lassen? Du könntest ihn selber steuern. Ich weiß, du kannst meine Sprache ebenso gut lesen, wie du sie sprichst.“

Junnabl grinste, was sich darin äußerte, daß er seine grünlich-schwarze Oberlippe rollte und die gleichfarbenen Mundwinkel herunterzog, so daß mehrere Dutzend scharfer Zähne zum Vorschein kamen. Seine Augen blieben jedoch völlig ausdruckslos. „Ist wahrr. Harrt gelerrnt. Jetzt ist nützlich. Fürr dich habe grroßartige Aufgabe. Du bald wissen.“

Wend zuckte mit den Achseln. Der Kyshan hatte ihn in seiner Gewalt. Er hätte sich nicht so weit an sein Territorium heranwagen dürfen. Sekunden später hörte Wend die Verbindungsfähre zum Frachter am unteren Gangway festmachen.

Wend drehte sich von der Kontrollkonsole zu Junnabl um. „Es sieht hier zwar ganz wie auf einem der üblichen Handelsraumer aus“, meinte er. „Aber die Antriebsaggregate und die übrigen Anlagen sind einfach in zu gutem Zustand. Eine TSF-Mannschaft – und sicher keine schlechte – hat diesen Frachter gewartet. Wo sind die Leute jetzt?“

Junnabl zeigte wieder seine Zähne. „Sind gut aufgehoben. Du kombinierrst schnell. Angenehm, mit klugem Mann zu arbeiten. Du nicht liebst TSF. Stimmt’s?“

„Ich habe die Erde nicht unter den angenehmsten Umständen verlassen. Dennoch, ich bin dort geboren worden.“

Der Kyshan fuhr sich mit überlangen, dürren und grünen Fingern über die mächtige Brust. „Ich nicht so dumm, schwerren Verrat von dirr zu forrderrn. Frachterr warr Verrsteckspiel von TSF. Werrtvolle Ladung nicht an Borrd. Ich finden, dann Mannschaft frrei.“

Wend überdachte blitzschnell die Situation – sicher war die Mannschaft längst schon tot. Aber er ließ sich nichts anmerken und wartete ab.

Junnabl hantierte mit einem seiner langen Finger an seinem Halssprechgerät und sagte dann auf Kyshan: „Bringt die Uniform des terranischen Kommandanten und die übrige Ausrüstung herüber.“ Dann wandte er sich an Wend: „Warr gut verrsteckt. Wirr dirr anpassen Uniform. Plan erraten?“

Wend bemühte sich, nicht beleidigt dreinzublicken. „Na klar. Ich soll den Kommandanten spielen. Wie steht es aber mit den Fingerabdrücken und dem Gesicht?“

Junnabl antwortete ruhig: „Ich bezahle klugen Mann – err sich kümmerrt um Kleinigkeiten. Auf Norrp – du kennst Norrp? Frachterr soll geheime Orrderr abholen. Du besorrgen. Ich bekomme Lagerr, du kleine Yacht zurrück, geb Bündel Geld, wirr Hände schütteln und trrennen? Okay?“

Wend mußte grinsen. Er fragte sich, ob Junnbl wirklich so naiv war, anzunehmen, er würde diesen Worten Glauben schenken. Laut sagte er jedoch: „Ich müßte zuerst einmal ohne Uniform auf Norp landen, um die Lage auszukundschaften.“

Wieder fuhr sich der Kyshan mit seinen Fingern über die Brust. „Okay, starrten soforrt.“

2

Gekleidet wie ein Transportarbeiter, schlenderte Wend in unauffälliger Entfernung an der TSF-Niederlassung vorbei. Das eher kleine Betongebäude lag außerhalb der Stadt, an der Ostseite des Raumlandeplatzes. Von innen drang das Ticken der Fernschreiber zu Wend heraus. Den Eingang bewachte ein mit einem Strahler bewaffneter terranischer Korporal, der sich in den Schatten eines weit ausladenden Baumes zurückgezogen hatte. An der einen Seite des Gebäudes waren vier kleinere Luftkissenfahrzeuge geparkt. TSF hatte auf Norp offenbar wenig zu tun, zumal terranische Raumschiffe nur selten den Planeten ansteuerten.

   Was Wend sich aus der Niederlassung zu besorgen gedachte, war ein mit einem Spezialschloß versehener Aktenkoffer, zu dessen Inhalt laut Junnabl nur etwa fünf TSF-Offiziere Zugang hatten. Und von allen fünf Leuten würde der örtliche Sicherheitsdienst bestimmt Fotos und Fingerabdrücke haben. Daß einer von ihnen, ein Kommandant Waldron, in Junnabls Hände gefallen war, half ihm insofern auch nicht weiter. Denn sich als Kommandant Waldron den Koffer aushändigen zu lassen, erschien ihm zu gewagt. Scheinbar einer Laune folgend, schlenderte Wend zur anderen, belebteren Seite der Straße hinüber, um im Schutz des geschäftigen Betriebs in eine schmale Gasse einzubiegen und dort stehenzubleiben. Während er vorgab, mit dem Reißverschluß seiner Jacke beschäftigt zu sein, achtete er ohne aufzublicken auf einen Norper, der etwas zu hastig an ihm vorbeieilte. Junnabl ließ ihn also beschatten.

Als Wend wieder hinaus auf die Straße trat, versuchte er erst einmal eine Visifonzelle zu finden, die nach allen Seiten hin frei stand, so daß sich niemand anschleichen und mithören konnte. Er hatte bald eine entdeckt und die Tür hinter sich zugezogen. Nachdem er eine Münze in den Apparat geworfen hatte, flimmerte das Adressaten-verzeichnis über den Bildschirm. Wend tastete „Importeure“ ein und überflog die projizierten Namen. Er hielt überrascht bei „Vassun Garka, Inc., Exotische Lebensmittel“ inne. Falls diese Namensgleichheit nicht nur zufällig war… Er warf eine weitere Münze ein, um sich zu vergewissern.

Das freundliche Gesicht eines Norpers erschien auf dem Schirm. Seine Schlitzaugen blitzten kurz auf, bevor er erklärte: „Tut mir leid, Sir. Ich spreche keine terranischen Sprachen.“

Wend sagte auf Kyshan, das er besser als Norp beherrschte: „Nicht erforderlich.“ Er holte eine Plastikkarte hervor, die in der rechten oberen Ecke über einem falschen Namen ein orangenes Dreieck aufwies. Er wartete ab, bis sich die Augen des Angestellten ob der angedeuteten Kreditsumme geweitet hatten, und fügte dann hinzu: „Verschwiegenheit ist erwünscht. Ist bei Ihnen jemand, der den Stern Hane kennt?“

Das Gesicht – dem eines Kyshans ähnlich, nur stärker getönt, weil sich die beiden Volksgruppen auseinanderentwickelt hatten – verfinsterte sich einen Augenblick lang, gewann die Fassung aber schnell wieder und wurde erneut ausdruckslos. „Ich habe nie zuvor von diesem Stern gehört.“

Wend nickte und erwiderte höflich: „Vielleicht ist die Übereinstimmung der Namen tatsächlich nur ein Zufall. Ich hatte einmal mit einem gewissen Loob Garka, ebenfalls im Importgeschäft, zu tun.“

Nach kurzer Pause murmelte der Angestellte ein monotones: „Würden Sie bitte warten? Ich werde mich erkundigen.“ Das Gesicht verschwand.

Minuten verstrichen. Dann erschien ein älterer Norper auf dem Bildschirm. Seine Augen fixierten die Kreditkarte. „Ich kenne weder Sie, Sir, noch einen Loob Garka. Womit kann ich Ihnen dienen?“

„Vielleicht haben Sie doch schon von mir gehört – unter dem Namen ‚Taintless’ Wend.“

Die Miene des Norpers veränderte sich ein wenig.

„Ich werde verfolgt“, erklärte Wend. „Ich würde gern ein Geschäft zum beiderseitigen Vorteil mit Ihnen besprechen, aber ich muß zuerst meinen Beobachtern entkommen, ohne Verdacht zu erregen.“

Der Importeur erwiderte lächelnd: „Sie ehren mich, dabei meine bescheidenen Dienste in Anspruch nehmen zu wollen. Gehen Sie in zehn Minuten zum Leiter der Lufttaxizentrale und fragen Sie ihn so, daß es jeder hören muß, nach einem Taxi zum Tal der Amethystfreuden. Er wird Sie statt dessen einem zuverlässigen Fahrer überantworten, der Sie zur Wiege des Verzeihens bringt. Dort werden wir uns treffen. Ich trage mittlerweile Sorge, daß man Sie nicht verfolgt.“

Obwohl die Wiege des Verzeihens neben manch erlesenen auch einigen weniger feinen Bedürfnissen Rechnung trug, war sie doch verhältnismäßig ruhig und äußerst sauber. Der Empfangsraum war schwach beleuchtet und roch nach einer Mischung aus Lavendel und Sandelholz. Von hier gingen mit Vorhängen abgetrennte Räume nach allen Seiten hin ab. Das tiefe Brummen norpischer Stimmen und eine Garbe roten Lichts drangen aus einem dieser Chambres séparées, als eine aufreizend gekleidete Frau den Vorhang kurz beiseite schob, um in den Empfang zu blicken.

Der Bedienstete, der sogleich auf Wend zugeeilt war, führte ihn durch einen anderen, ebenfalls schwach beleuchteten Raum in ein kleines, einfach eingerichtetes, jedoch helles Zimmer. Der Norper, zu dem Wend schon über Visifon gesprochen hatte, saß, die Beine übereinandergeschlagen, auf einem komfortablen Kissen. Nachdem der Diener den Raum wieder verlassen und die Tür hinter sich zugezogen hatte, blickte der Norper auffordernd zum Türriegel hinüber.

Wend erkannte die Höflichkeit seines Gastgebers in der Aufforderung und tat wie verlangt. Auch daß der Norper ihm ein Kissen anbot, wußte er zu schätzen, weil es eine gewisse Kenntnis seiner Person verriet. Einem fremden Terraner hätte man einen schlichten Stuhl hingestellt.

Auf dem niedrigen Tisch zwischen Gast und Gastgeber standen zwei gewärmte Schalen, von denen eine geröstete Nüsse und die andere eine Art gebackene Garnelen enthielt. Eine kostbare Karaffe war bis zum Rand mit einem tiefgelben Wein gefüllt. Daneben standen zwei Kristallgläser. Wend setzte sich und erwiderte die leichte Verbeugung seines Gastgebers. Dieser blickte zu der Karaffe hinüber, und als Wend die Handflächen zum Zeichen seiner Zustimmung hob, goß er ein. Schließlich, nachdem beide gekostet hatten, sagte der Norper: „Sie ehren mich. Ich bin Vassun Garka, und Loob Garka ist mein Vetter. Was kann ich für Sie tun?“

Wend spießte geschickt eine Garnele auf. „Die Ehre ist ganz auf meiner Seite“, antwortete er. „Sie wissen sicher, daß ich auf einem Kyshanraumer hier ankam.“ Vassun hob seine Handflächen. „Sicherlich. Auf Junnabls.“

„Junnabl“, fuhr Wend fort, „hat mich für einen kleinen Diebstahl angeheuert. Falls es sich bei der Beute um das handelt, was ich vermute, wäre ich nicht abgeneigt, mir einen guten Teil davon abzuzweigen. Andererseits hege ich nicht das Verlangen, mit Junnabl zu teilen und auf seine Versprechungen angewiesen zu sein.“

Vassun schien belustigt. „Halten Sie meine Rasse für verläßlicher?“

Wend grinste. „Es gibt durchaus norpische Piraten, die Junnabl den Rang streitig machen könnten. Aber ich habe vielmehr das Gefühl, daß Ihr Plan mich eher am Leben lassen wird. – Wie geht es übrigens Loob?“

Der Norper pickte eine geröstete Nuß aus der Schale. „Er ist voller Elan und noch weit weg vom Galgen. Sie erwähnten seinen Aufenthaltsort. Ich hoffe doch, Junnabls Pläne liegen nicht in dieser Richtung?“

Wend drehte die Handflächen. „Junnabl sprach noch nicht von einem Ziel und hat wahrscheinlich auch noch keines. Es wäre vielleicht besser gewesen, Hane nicht zu erwähnen.“

„Das ist nicht so schlimm“, entgegnete Vassun. „Der Angestellte ist verschwiegen.“

Wend nahm einen weiteren Schluck von dem hochprozentigen Wein und kam dann auf die geheimen Pläne in dem Dokumentenkoffer zu sprechen: „Ich will versuchen, den Koffer zu vertauschen. Es ist ein riskanter Plan, und ich werde einige Hilfsmittel brauchen, die ich nicht in aller Öffentlichkeit besorgen kann. Ich benötige unter anderem ein speziell anzufertigendes Schloß. Vor allen Dingen aber ist mir daran gelegen, Junnabl zu entkommen. Er hat zwar meine Raumyacht in seiner Gewalt, aber falls das Geschäft bringt, was es verspricht, kann ich mir leicht eine neue kaufen.“

Vassun blickte interessiert auf. „Und was verspricht es?“

„Nun, zufällig weiß ich, daß die TSF vor der Unterzeichnung des Freizonenvertrages fürchtete, hier draußen in eine Auseinandersetzung zu geraten. Sie legte ein geheimes Depot für den Fall an, daß Einheiten vom Nachschub abgeschnitten würden. Der Frachter, den Junnabl kaperte, konnte den Raketen und anderen schweren Waffen offenbar nichts Gleichwertiges entgegensetzen. Andererseits würden Nahrungsmittel und ähnliches den Aufwand nicht wert sein. Ich bin daher der Meinung, daß es um Treibstoff geht. Die TSF benützt ein synthetisches Spaltmaterial, das Ihrem recht ähnlich ist. Und Sie wissen, was das pro Gramm kostet. Ich schätze, der Frachter konnte um die fünfhundert Tonnen aufnehmen, und genauso viel oder sogar mehr wird vorhanden sein.“

„Aha“, meinte Vassun und griff hastig nach seinem Glas. „Ich bin einverstanden. Wie soll geteilt werden?“

„Ein Viertel für mich, eines für Sie, und den Rest laden wir auf den Frachter und schicken ihn zurück zur Erde.“

Vassun zwinkerte mit den Augen. „Ich wußte gar nicht, daß Sie ein so loyaler Patriot sind.“

Wend drehte die Handfläche. „Die Erde könnte den Verlust wohl verschmerzen. Aber wenn wir alles mitnähmen, würde sich die TSF verpflichtet fühlen einzugreifen, zumindest uns in Verruf zu bringen. Bekommt sie jedoch die Hälfte wieder, so wird sie sich ruhig verhalten. Schließlich will man nicht gern zugeben, woher der Treibstoff kommt.“

Vassun überdachte das Gesagte ausgiebig, drehte sein Glas in der Hand und meinte dann: „Sie könnten recht haben. Was aber, wenn sich noch anderes in dem Lager finden läßt? Munition zum Beispiel?“

„Daran bin ich nicht interessiert, und die TSF wird ihr auch nicht unbedingt nachweinen. Sie können sich also frei bedienen. Jetzt möchte ich aber erklären, wie ich an die geheimen Dokumente gelangen will.“ Wend skizzierte kurz seinen Plan und beschrieb im Detail die Dinge, die er zur Ausführung brauchte.

„Ich werde alles in Empfang nehmen, wenn ich in Uniform wieder lande. Sobald ich die Dokumente habe, gebe ich Bescheid, wo Sie Junnabl und mich abfangen können. Ich werde versuchen, mich bis dahin unentbehrlich zu machen. Bevor ich jedoch die Koordinaten des Depotplaneten weiß – ich werde sie mir nämlich noch vor Junnabl ansehen -, kann ich nichts Genaues sagen.“

Vassun überlegte kurz und gab dann sein Einverständnis.

„Also abgemacht“, sagte Wend und erhob sich. „Ich will kein eiliger Gast sein, aber Junnabl ist sicher schon wütend, daß er mich so lange aus den Augen verloren hat. Entschuldigen Sie mich bitte.“

„Natürlich.“ Auch Vassun erhob sich und streckte, den terranischen Brauch nachahmend, die Hand aus. „Nur eine Sache interessiert mich noch, Mr. Wend, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist.“

„Bitte.“

„Wie kamen Sie zu Ihrem Spitznamen?“

„’Taintless’? Das hat noch mit der Verhandlung vor dem Kriegsgericht zu tun. ‚Taintless’ heißt in Ihrer Sprache so viel wie makellos. Mein Zivilverteidiger wurde damals bei seiner abschließenden Rede so davongetragen, daß er den Ausdruck benutzte. Der ganze Saal lachte daraufhin, war es doch die denkbar unpassendste Beschreibung meiner Person. Der Ausdruck aber blieb an mir hängen.“

Vassun lächelte. „Entschuldigen Sie nochmals meine Neugierde.“ Dann wartete er, bis Wend die Tür entriegelt hatte.

 

Junnabl konnte seine Wut kaum meistern: „Hat lange gedauert, Terraner!“

Wend mimte Entrüstung. „Natürlich habe ich etwas mehr getan, als nur einen Blick auf die Niederlassung zu werfen. Ich habe mich in der Stadt umgehört. Nachts gibt es keinen wachhabenden Offizier, sondern nur einen Wächter. Mit dem werde ich leicht fertig. Mein Plan ist perfekt. Ich brauche Waldrons Aktenkoffer und sein Gepäck. Während ich mit einer Fähre lande, bleibst du im Orbit und gibst einen falschen Schiffsnamen an, so daß ich vorgeben kann, mit mündlichem Auftrag bei erstmöglicher Beförderung unterwegs zu sein. Ich habe vor, die Aktenkoffer zu vertauschen.“

Junnabls Gesicht verdüsterte sich, als er antwortete: „Glaube nicht, lassen sich so einfach täuschen.“

„Es gibt Mittel und Wege. Aber ich werde nach der Aktion schnell verschwinden müssen. Halte alles bereit.“

3

Der dienstälteste Leutnant auf Norp sprach viel und gern. „Steht etwas bevor, Commander? Wir haben hier – ich meine, wir hören hier viele Gerüchte, die allerdings nur echt vage Andeutungen machen. Wird der Freizonenvertrag aufgekündigt?“

Wend, der sich selbst den Namen Commander Shea gegeben hatte, antwortete freundlich: „Nein, sicher nicht. Richtige Kämpfe gibt es zur Zeit nur weit draußen im Lenjsektor, und damit haben wir ohnehin nichts zu tun. Ich weiß nur, daß ich hier auf einen Raumer und weitere Order warten soll.“ Wend stellte Waldrons Aktenkoffer auf den Tisch des Offiziers und erwähnte beiläufig: „Wenn Sie das bitte verwahren würden, während ich mir ein Hotelzimmer suche?“

„Selbstverständlich, Commander. Ich werde ihn im Safe einschließen. Falls Sie es wünschen, werden wir die Zimmerreservierung für Sie übernehmen.“

Wend lächelte, „Danke. Ich will mich aber doch selbst umsehen, zumal ich einen kräftigen Durst habe. Mein Gepäck lasse ich später abholen.“ Er rückte die beiden Taschen näher an die Wand und hatte sich bereits zum Ausgang gewandt, als er noch einmal stehenblieb und fragte: „Wird der wachhabende Offizier des Nachtdienstes in der Lage sein, mir meinen Koffer auszuhändigen? Es sind Unterlagen darin, die ich mir ansehen muß.“

Der Leutnant blickte betroffen. „Wir haben nachts keinen wachhabenden Offizier, Sir.“ Er warf einen Blick auf den Safe im hinteren Teil des Büros. „Ich werde dem Wächter die Kombination geben. Er ist zuverlässig.“

Wend nickte. „Danke. Vielleicht sehe ich Sie heute nacht in der Stadt.“

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Norps orangene Sonne war schon untergegangen, als Wend zur Niederlassung zurückkehrte. Er war etwas beunruhigt, was das Kommende anbelangte, aber doch froh, daß der lange Nachmittag hinter ihm lag. Die Lichter im Büro brannten bereits, und nachdem er seine Hände mit einem Taschentuch trockengerieben hatte, trat er ein. Der Wächter war ein Sergeant der Militärpolizei. Das war unangenehm. Aber er stand sofort auf und grüßte zackig.

Wend nickte ihm zu. „Man hat mich nicht davon unterrichtet, daß es hier so heiß ist. Ich hoffe, es wird kälter zur Nacht.“

„In der Tat, Sir, wenn der Wind richtig steht. Haben Sie ein angenehmes Zimmer gefunden?“

„Ja, zu guter Letzt.“ Wend warf einen Blick auf den Safe, bevor er fortfuhr: „Ich habe meinen Aktenkoffer hiergelassen.“

„Selbstverständlich, Sir. Ich werde ihn gleich holen.“

Wend folgte dem Mann so unauffällig wie möglich. Er mußte nahe genug an ihn herankommen, um die kleine Gaspistole, die Vassun Garka ihm besorgt hatte, benutzen zu können. Mit der Hand in der Hosentasche war er jederzeit bereit, die Waffe zu ziehen. Der Sergeant kniete nieder und machte sich am Safeverschluß zu schaffen. Die Zeit, bis die Stahltür offenstand, schien eine Ewigkeit zu währen. Schließlich trat Wend einen Schritt näher, zog, zielte und drückte ab, wobei er sich laut räusperte, um das verräterische Zischen der Pistole zu tarnen. Er mußte jetzt unbedingt die Luft anhalten. Leichter Nebel verteilte sich. Schon hatte der Sergeant Waldrons Aktenkoffer in der Hand und wollte die Safetür zuwerfen, als Wend plötzlich fragte: „Was ist mit meinem Gepäck?“

Der Mann drehte den Kopf. „Ihr –“ Er versuchte etwas zu sagen, blickte dann verdutzt. Wend kam noch näher heran. „Was ist mit Ihnen? Geht es Ihnen nicht gut?“

Der Mann schwankte, mußte sich mit einer Hand am Boden abstützen. Zu spät erschienen Verdacht und Schrecken auf seinem Gesicht. Er versuchte einen ungelenken Griff nach seinem Strahler, überlegte es sich aber noch anders und wollte die Safetür zuschieben. Wend stellte kurz entschlossen seinen Fuß in den Weg und ballte die Fäuste. Aber das Gas wirkte schnell. Der Sergeant stolperte, fiel vornüber und blieb regungslos liegen. Er würde mehrere Stunden schlafen, hatte Vassun Garka versprochen, und mit einem zeitweisen Gedächtnisverlust aufwachen. Wend griff schnell in den Safe, holte den Aktenkoffer heraus, legte statt dessen Waldrons hinein, warf die Stahltür zu und verstellte die Kombination. Dann eilte er zu einem Tisch mit Schreibautomaten.

Der Koffer war vorschriftsmäßig mit einem kleinen Spezialschloß versehen. Wend zog eine Zange – ebenfalls von Vassun besorgt – aus der Hosentasche und brach es auf. Noch einen Blick auf die Tür, dann sah er hinein.

Wend überflog das Wesentliche des Textes ein zweites Mal: „Begeben Sie sich zu den angegebenen Koordinaten. Versichern Sie sich, daß Sie nicht verfolgt werden, bevor Sie den Planeten endgültig ansteuern. Suchen Sie das Gebiet mit einem Metalldetektor ab, um das Depot zu lokalisieren. Etwa zehn Meter Erde und Geröll müssen abgetragen werden.“

Es folgte eine Beschreibung des Planeten: Ein toter, unwirtlicher Körper, weitab von allen bekannten Sonnensystemen gelegen. Wend prägte sich die Angaben genau ein, ging zum Abfallvernichter des Büros hinüber und warf Text, Gaspistole, Zange und das aufgebrochene Schloß hinein.

Er suchte sich TSF-Schreibpapier ohne aufgedruckte Adresse, stellte den Automaten auf Durchschlag und saß einen Moment grübelnd da. Die Entscheidungen mußten schnell getroffen werden. Wollte er Garka die echten Koordinaten des Lagers mitteilen? Die Garkas waren zwar keine Halsabschneider – aber sie konnten durchaus auf den Gedanken kommen, sich die Beute anzueignen und die Abmachungen noch einmal zu überdenken.

Plötzlich wußte Wend, was zu tun war. Er vergewisserte sich mit einem Blick auf die Tür und auf den regungslos daliegenden Wächter neben dem Safe, daß keine Gefahr drohte, und begann, Flüche unterdrückend, mit der Ausfertigung der Schreiben.

Als er geendet hatte, hörte sich der entscheidende Abschnitt der Anweisungen so an: „Vor der Landung müssen Sie sich vollständig zu erkennen geben. Übergeben Sie die beiliegenden Erklärungen dem Garnisonskommandanten.“

Die Koordinaten, die er hinzufügte, führten nicht zu dem Depotplaneten. Er hoffte – das war ein Risiko, das er eingehen mußte -, daß Junnabl sie nicht kannte. Sie gehörten nämlich zu einem nicht gelisteten, wenig bekannten Stern namens Hane.

Den Umschlag adressierte Wend an Garka Importe, legte eine Kopie des gefälschten Textes bei und warf ihn in den Postschlitz.

Dann überprüfte er, ob er alle Spuren beseitigt hatte, eilte zu dem bewußtlosen Wächter und zog ihn zu seinem Arbeitstisch. Dort legte er ihn auf dem Boden zurecht, als ob er bei einem Ohnmachtsanfall vom Stuhl gefallen wäre. Schließlich schob er den falschen Text in den Dokumentenkoffer und brachte das Zweifachschloß an, das Vassun für ihn hatte anfertigen lassen.

Er war kaum mit dem Koffer unter dem Arm wieder ins Freie getreten, als ein Lufttaxi zu ihm herunterschwebte.

 

Junnabl hielt einen flachen Schlüssel prüfend zwischen den Daumen seiner rechten Hand. Er bemühte sich nicht, seine schlechte Laune zu verbergen. „Was ist das?“ Wend warf einen unschuldigen Blick auf das Zweifachschloß. Das ist eine übliche Sicherheitsmaßnahme bei der TSF“, log er. „Ich nehme an, daß der Kommandant der Niederlassung den zweiten Schlüssel besitzt. Ich hatte nicht genug Zeit, auch das zu organisieren.“

Junnabl starrte Wend einen Moment lang gefährlich an. Dann zog er, von Wut gepackt, seinen Strahler und zerfetzte das Schloß, so daß Wend sich ducken mußte, um den Metallsplittern zu entgehen. Der Kyshan riß den Koffer auf und griff gierig nach der darin liegenden dünnen Mappe. Lautlos, jedoch mit Lippenbewegungen, las er, wobei er die Blätter so hielt, daß Wend nicht hineinsehen konnte. Für einen Augenblick verfärbte sich das Gesicht des Piraten tiefschwarz. Er sah zu Wend hinüber, las dann aber weiter. Wend hätte sagen können, wann Junnabl am Ende des Dokumentes angelangt war und wann er wieder von neuem begann, die Koordinaten zu lesen.

Plötzlich versteifte sich die Haltung des Piraten. Seine Pupillen dehnten und verengten sich wieder. Der Blick, den er Wend zuwarf, schien halb abwesend. Bei Gott! durchzuckte es Wend, und die Kehle schnürte sich ihm zu. Er kennt die Koordinaten!

Es dauerte eine Minute, bis Junnabl brummte: „Ich kann dich jetzt noch nicht auszahlen.“

Wend reagierte scheinbar überrascht und verärgert. „Was heißt das? Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt.“

Der Kyshan zeigte seine Zähne. „Es gibt noch einen anderren Teil bei der Abmachung. Etwas bei der Sache ist seltsam. Du kommst mit mirr, aber wirrst Kontrrollrraum nicht mehrr betrreten.“ Er winkte eine Wache herbei.

Wend protestierte ein wenig, ging dann aber doch mit dem brutal wirkenden Kyshan. Gerade bevor er den Raum veließ, hörte er, wie Junnabl ein Orbit-Planet-Gespräch anmeldete – ein Gespräch mit Garka Import, Inc.

Die Reise würde etwas mehr als hundert Stunden dauern, falls Junnabl Hane direkt ansteuerte. Im Augenblick wußte Wend nur, daß das Raumschiff beschleunigte und in kurzer Zeit in den Anderen Raum übergehen würde.

Auch über den Inhalt des Gesprächs zwischen Vassun Garka und Junnabl konnte er lediglich Vermutungen anstellen. Hatte der Norper Andeutungen gemacht?

Nicht daß Junnabl noch weiterer Hilfen bedurfte – die impulsive Entscheidung für Hane war ein schwerer Fehler gewesen. Selbst wenn er vorerst noch einmal davongekommen war, wußte Junnabl nun, daß die Garkas in irgendeiner Weise in die Angelegenheit verwickelt waren. Hane war ein isolierter Stern mit nur einem bewohnbaren Planeten. Junnabl mußte sich wundern, daß es dort eine TSF-Garnison geben sollte. Vielleicht nahm er an, daß die Garkas ein Vertrag mit der TSF band.

Was die ganze Angelegenheit jedoch besonders mißlich gestaltete, war die Tatsache, daß Vassun den Umschlag, den Wend ihm geschickt hatte, erst Stunden nach dem Gespräch erhalten konnte. Auch bestand die Möglichkeit, daß jemand von der Niederlassung die herausgehende Post durchsehen und sich wundern würde, welche Geschäfte Garka Import mit der TSF verbanden.

Und noch etwas bereitete Wend Sorgen: Er erinnerte sich, daß es im Hanegebiet etwas Geheimnisvolles gab. Während seines Aufenthaltes in dem System hatte er seine Yacht immer einem von Loob Garkas Piloten anvertrauen müssen. Auch hatte er von Raumern gehört, denen in Hanes Nähe Fürchterliches zugestoßen sein sollte, und die Garkas mochten gerade in der Stimmung sein, Junnabl etwas Ähnliches widerfahren zu lassen.

4

Wend verbrachte den größten Teil der Reise in dem ihm zugewiesenen Wohnkubus, der ehemals Commander Waldron gehört hatte. Wenn er sich im Schiff bewegte, wurde er stets von mindestens einer Kyshanwache begleitet, und weitere hielten sich stets in seiner Nähe. Man ließ ihm weitgehende Bewegungsfreiheit, machte jedoch klar, daß er nichts berühren durfte. Geduldig wartete er auf eine Gelegenheit, die Wache zu überrumpeln und sich einer Waffe zu bemächtigen. Aber er hatte es nicht mit Amateuren zu tun: Die kräftigen Kyshans bewegten sich trotz ihres untersetzten Wuchses wie Katzen und waren äußerst reaktionsschnell. Auch kannten sie genau den richtigen Abstand, der einen Angriff unmöglich machte. Falls kein Wunder stattfand, mußte er sich also mit dem Blatt zufriedengeben, das er sich selber ausgeteilt hatte.

Der Frachter befand sich mittlerweile im Anderen Raum. Er schoß durch ein energetisches Chaos, dessen Charakter allenfalls ein paar greise Mathematiker beschreiben konnten. Für Wend gab es daher keine Möglichkeit festzustellen, ob es nach Hane ging. Als er Junnabl nach dem Ziel der Reise fragte, geschah dies nur, um Kooperationsbereitschaft zu zeigen. Junnabl blieb stumm.

Wend fragte sich auch, wo sich die Flotte des Piraten befand. Zweifellos würde sie im Ernstfall zur Stelle sein.

Die Zeitschwingungen auf Wends Chronometer lösten einander ab. Wenn Junnabl tatsächlich Hane ansteuerte, konnte es nicht mehr lange dauern.

Es war ungefähr zur erwarteten Zeit, als Wend das typische Singen und die Vibrationen spürte, die immer mit dem Wiedereintritt in den stellaren Raum einhergingen. Die künstliche Schwerkraft im Schiff veränderte sich und schwankte, um den Bremskräften entgegenzuwirken. Als die Anpassung vollzogen war, wurde Wend in seinen Wohnkubus zurückgeführt und ihm verboten, ihn zu verlassen.

Er streckte sich aus und lauschte den Schiffsgeräuschen. Irgendwo wurde gearbeitet – Reparaturen oder Veränderungen am Antriebssystem.

Plötzlich erfolgte ein Stoß: Offenbar hatte ein kleiner Gleiter angelegt. Schwierige Manöver schienen im Gange zu sein, wie sie nötig waren, um Flugbahnen an etwas anzupassen. Handelte es sich um Hanes Umlaufbahn? Wenn ja, wo blieb Loob Garka? Ein weiterer Stoß zeigte an, daß der Gleiter wieder abgelegt hatte. Die Schwerkraft war auf ein Drittel G eingestellt. Wend hörte, wie die Lufterneuerer summten. Ein anderes Geräusch verriet den Generator für das Lebenserhaltungssystem. Der Antrieb war ruhig. Sie befanden sich also in einer Umlaufbahn oder trieben frei. Sie? Seit dem Ablegen des Gleiters hatte er kein Geräusch vernommen, das auf die Gegenwart eines weiteren Wesens an Bord schließen ließ.

Mit einem Satz war Wend auf den Füßen, die Sinne bis zum Äußersten gespannt. Er probierte vorsichtig die Tür und fand sie unverschlossen. Der Gang war leer. Wend eilte zum Hauptantriebsaggregat. Nur eine schwache Notbeleuchtung erhellte den Raum. Er kletterte die Leiter zum Kontrollstand hinauf, hantierte mit den Schaltern und studierte die Anzeigen auf den Kontrollinstrumenten.

Der zentrale Computer war tot. Ebenso der Antrieb und das Funkleitsystem. Wend konnte nun weder fliehen noch Hilfe herbeirufen. Die künstliche Schwerkraft dagegen blieb konstant, und die Bildschirme arbeiteten einwandfrei. Wend schaltete den Hauptschirm ein.

Der funkelnde Stern, der sich langsam über den Bildschirm bewegte, mochte Hane in zwanzig bis dreißig Millionen Kilometer Entfernung sein. Die Bewegung deutete auf eine Drehung des Raumers um seine eigene Querachse hin. Wend tastete zehnfache Vergrößerung ein und programmierte den Bildschirmrechner so, daß er den Stern im Blickfeld hielt.

Der Umriß eines dosenförmigen Gebildes erschien überraschend neben Hane: ein anderes Schiff in nur wenigen Meilen Entfernung. Es trieb offenbar herrenlos dahin. Große Risse und Löcher zeigten sich an den Außenwänden. Als Wend das Schiff genauer betrachtete, fiel ihm plötzlich auf, daß es, wie sein Raumer, um etwas kreiste.

Noch bevor er herausfinden konnte, worum es sich dabei handelte, sah er weitere Raumer – Dutzende -, die offensichtlich ebenfalls unbemannt und zum großen Teil beschädigt, in einer Parkbahn dahinglitten. Der Umlauf vollzog sich phantastisch schnell. Der Wends betrug kaum mehr als fünf Minuten. Den Radius eines Orbitals schätzte er auf vier- bis fünfhundert Kilometer. „Bei Gott“, entfuhr es ihm, „was für eine Anziehungskraft!“

Wend brauchte eine halbe Stunde, um den Körper ausfindig zu machen, der das Zentrum der Anziehung bildete. Und selbst dann sah er den Körper nicht als Scheibe, sondern nur als eine eigenartige örtliche Verzerrung des Lichts ferner Sterne. Irgend etwas, das zu klein war, um sichtbar zu sein, hatte genug Kraft, um eine ganze Flotte von Raumschiffen in seiner Umlaufbahn zu halten.

Waren die Schiffe zufällig hängengeblieben? Wohl kaum. Zu exakt verliefen die Orbitale. Es mußte sich hier um Loob Garkas Abraumhalde handeln, auf der er gekaperte Schiffe versteckte. In der Tat war das Gebiet für diesen Zweck ideal: Die Raumer lagen zu weit von Hane entfernt, um Licht zu reflektieren, jedoch nahe genug, um jederzeit erreichbar zu sein.

Junnabl kannte sich hier offensichtlich aus. Wend erkannte den Wagemut des Kyshans. Er hatte ihn, Wend, dort versteckt, wo ihn Loob zuletzt suchen würde, während er selber zu Verhandlungen mit dem Norper geflogen war. Das bedeutete aber auch, daß Junnabl ihn weder gegenüber Vassun noch gegenüber Loob erwähnen würde. Die beiden hätten sich sonst schon über Kurierraketen von den Abmachungen in Kenntnis gesetzt.

Woraus aber bestand die monströse Schwerkraftquelle? Es konnte sich nur um einen Körper aus hochmolekularer Materie mit einer erstaunlichen Dichte handeln – vielleicht das Gerippe einer erkalteten Sonne. Kein Wunder, daß Hanes Licht nicht reflektiert wurde: Die Gravitation des Körpers war zu stark!

Hane besaß also einen Begleiter – ein geheimnisvolles, dunkles Zwergmonster. Geschichten und Gerüchte über Dinge, die Raumschiffen zugestoßen sein sollten, fielen Wend wieder ein, und er verstand. Vielleicht, überlegte er, gab es sogar eine ganze Gruppe winziger Schwarzer Zwerge in Hanes Umgebung. Denn nur ein ausgedehntes System dieser Charybden erklärte manche Vorfälle.

Gnade Gott einem Raumer, der auf die bereits sichtbaren Planeten des Sterns zufliegt und einem der Dinger zu nahe kommt! Die Anziehungskräfte allein würden ihn auseinanderreißen.

In der Umlaufbahn befand sich Wend jedoch in relativer Sicherheit. Er schickte sich daher an, eine kleine Tour durch das Schiff zu machen, um zu sehen, was ihm noch zur Verfügung stand.

Wends Schiff, ein Frachter mit dem Namen Wargentin, hatte die Form eines niedrigen Zylinders, der ungefähr so hoch wie breit war. Mittschiffs, auf halbem Wege zwischen den abgeflachten Enden und parallel zu ihnen, lag das fünf Meter hohe Hauptdeck, in welchem unter anderem die Maschinen zur Schwerkrafterzeugung untergebracht waren. Die künstliche Anziehungskraft verhielt sich allerdings nicht ganz so wie die natürliche, massen-induzierte. Sie zielte – oder besser: zog – von den Schiffsenden auf das Hauptdeck zu, so daß es in den beiden Hälften des Raumers zu einer entgegengesetzten Polung kam. Diese Polung wirkte in dem sechzig Meter weiter vorn gelegenen Kontrollraum praktisch ebenso stark wie auf dem Hauptdeck selbst. Erst außerhalb des Frachters nahmen die Kräfte entsprechend den wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten mit dem Quadrat der Entfernung ab.

Oberhalb des Hauptdecks gruppierten sich Mannschafts- und Aufenthaltsräume sternförmig um den zentralen Verbindungsschacht. Während die Schwerkraft in diesem Bereich im Allgemeinen auf 1/3 G gehalten wurde, war sie unten gerade stark genug, um Frachtgut in Position zu halten. Manchmal wurde sie sogar ganz abgeschaltet. Maschinen und weniger empfindliche Ausrüstung waren hier untergebracht.

Durch den zentralen Schacht schwebte Wend auf die Schleuse im Hauptdeck zu. Er durchquerte sie sehr langsam, weil die abrupte Änderung in der Richtung der Anziehungskräfte die Reflexe schädigen konnte. Die andere Seite war nur spärlich beleuchtet, und die Anziehung betrug allenfalls 1/20 G.

Eine halbe Stunde später befand sich Wend bereits wieder im Kontrollraum. An Bord hatte er keine bessere Waffe als ein Küchenmesser gefunden. Kleine, aber essentielle Teile des Triebwerkes waren von Junnabls Männern entfernt worden. Das Lebens-erhaltungssystem würde noch lange Zeit arbeiten, der Frachter jedoch mußte bis zur Vervollständigung der Antriebsaggregate in seiner Umlaufbahn bleiben. Zumindest war Wend sich jetzt sicher, daß die Besatzung das Schiff vollzählig verlassen und sich auf die Flotte des Kyshans verteilt hatte.

Er war auch nicht, wie er geglaubt hatte, aller Bewegungsfreiheit beraubt. Zwei Standardraumanzüge waren vorhanden und intakt. Falls er es vorzog, konnte er sich einen davon überstreifen und hinausgehen, um im All zu sterben.

Wend durchmaß fluchend den Raum. „Verflixt, bei all dieser Ausrüstung…“ Er zwang sich schließlich zur Ruhe und überdachte die Lage.

Junnabl konnte nicht von Wends Abmachung mit den Garkas wissen und erwartete daher nicht, daß er Hane wiedererkannte. Sobald er sich jedoch davon überzeugt hatte, daß die Garkas nichts von einer TSF-Garnison wußten, ihn also hingehalten hatten, mußten die Zusammenhänge offensichtlich sein, und er würde racheerfüllt zurückkehren. Selbst wenn Junnabl noch einen Umweg in Kauf nehmen mußte, um etwaige Verfolger zu täuschen, blieb nicht mehr viel Zeit.

Wend wischte sich die Handflächen mit einem Taschentuch ab. Sein Leben bei einem wagemutigen Coup aufs Spiel zu setzen, das war eine Sache – wegen einer Information von Experten grausam gefoltert zu werden, eine ganz andere. Junnabl würde ihn quälen, bis er ihm alles, was er wissen mußte, ins Gesicht schrie.

Er mußte sich schnell mit Loob Garka in Verbindung setzen. Sicherlich gab es an Bord genug Material, so daß er sich einen Behelfssender bauen konnte. Aber dessen maximale Reichweite würde kaum mehr als eine Million Kilometer betragen, und die Übertragung wäre langwierig und unsicher wegen der Kraftfelder.

Was er brauchte, waren Kurierraketen. Er hatte bereits einmal nach ihnen Ausschau gehalten. Auch die zweite Suche blieb ohne Erfolg: Junnabl hatte die Raketen entfernen lassen.

Enttäuscht kehrte Wend zum Kontrollraum zurück und betrachtete den Bildschirm. Wie gut waren seine Chancen, eines der anderen Schiffe im Orbit zu erreichen? Sicherlich nicht besser, als sechs Richtige im Sternenlotto zu bekommen. Nichtsdestoweniger bemühte sich Wend, so gut es ohne Computer ging, die Flugbahnen der näheren Raumer zu berechnen. Einer kam regelmäßig bis auf drei Kilometer an die Wargentin heran. Bei den relativen Geschwindigkeiten der Schiffe zueinander mußte jedoch schon ein freier Sprung über zweihundert Meter als gefährlich angesehen werden.

Andererseits hatte Wend nicht viel zu verlieren. Im schlimmsten Fall würde er im Raumanzug sterben und damit Junnabl ärgern. Er studierte das andere Schiff näher. Es handelte sich um ein lenjisches; ein Frachter, nicht länger, aber schmaler als die Wargentin. Im Bereich der Mannschaftsräume war die Außenumkleidung aufgerissen, ansonsten sah es jedoch funktionstüchtig aus. Wie alle Raumer, einschließlich der Wargentin, drehte es sich um die eigene Achse, um in der Umlaufbahn zu bleiben.

Weil die Chancen, es zu erreichen, ohnehin kaum nennenswert waren, fiel die Frage, ob es dort tatsächlich Kurierraketen gab, nicht weiter ins Gewicht.

Wend änderte den Vergrößerungsfaktor des Bildschirms. Der nächste Raumer, der vorbeiglitt, war ein norpischer Frachter. Er bewegte sich schnell und in großer Entfernung von der Wargentin. Wend schloß diese Alternative aus.

Falls er versuchte, zu dem Lenjraumer zu gelangen, mußte er einige Stangen Brennstoff mitnehmen. Brennstoff ließ niemand an Bord eines geparkten Raumschiffes zurück, und er brauchte Energie für die Beleuchtung und natürlich das Aufladen und Absenden der Kurierraketen. „Zum Teufel, ich denke ja schon, als ob ich bereits drüben säße“, entfuhr es ihm plötzlich.

Er hatte sich entschieden, und es drängte ihn zu handeln. Er eilte zu einem der Anzüge, schleppte ihn zur Schleuse und besorgte aus dem unteren Teil des Frachters drei Kanister mit Brennstäben. Als er die Kanister am Anzug befestigt hatte, beendete die Wargentin gerade den fünften oder sechsten Umlauf und überholte wieder den Lenjraumer.

„Verdammt! Diesmal werde ich es noch nicht schaffen“, knurrte Wend.

Auch bei der nächsten Annäherung war Wend nicht gerüstet. Er setzte sich und bemühte sich, das Vorhaben noch einmal zu überdenken. Ihm wurde klar, daß die Schwerkraft der Wargentin ausgeschaltet sein mußte, um nicht dem ohnehin schwachen Antrieb des Raumanzuges entgegenzuwirken. Auch wäre es vorteilhaft, den Raumer früh zu verlassen, um nicht unkorrigierbar über die Umlaufbahn des Lenjschiffes hinauszuschießen.

Er wollte gerade aufbrechen – da durchfuhr ihn ein Gedanke.

Schwerkraft …

Die geparkten Raumer stießen auf absehbare Zeit nicht zusammen, weil ihre Massen unbedeutend waren. Die Wargentin jedoch verfügte über variable Anziehungskräfte an ihren beiden Enden. Warum sollte sich damit nicht auch ein Schiff einfangen lassen? Gehetzt blickte Wend auf seine Uhr: Neun Stunden waren vergangen, seitdem Junnabl den Frachter verlassen hatte. Wann würde er zurück kommen? Bei der augenblicklichen Entfernung der beiden Frachter voneinander würde die Anziehung nur einen Bruchteil eines G betragen. Hatte er genug Zeit? Würde es überhaupt gelingen?

Wend stellte den Bildschirm auf den Punkt ein, wo er in einer Viertelstunde den Lenjfrachter erwarten konnte. „Ruh dich aus“, sagte er sich, „das wird eine langwierige Angelegenheit.“

Er bestellte sich Brot und Kaffee und aß, während er nervös den Raum durchmaß. Die Wargentin rückte gemächlich zu dem anderen Schiff auf. Schließlich setzte Wend sich nieder und stellte die Schwerkraft auf Maximalleistung von zwei G und ließ sich von dem Druck in den Sessel pressen. Gebannt starrte er auf den Bildschirm, obwohl er wußte, daß bei der ersten Begegnung keine sichtbare Bewegung erfolgen würde. Er hatte sich schon oft in unangenehmen Situationen befunden, bei denen es auf Leben und Tod ging. Nichts aber war ihm so sehr aufgestoßen wie jetzt die aufgezwungene Wartezeit.

Bei der vierten Annäherung zeichneten sich die Umrisse des Lenjraumers bereits deutlich ab, und eine halbe Stunde später war es soweit: Wend schaltete die Schwerkraft aus, stieg in den Raumanzug und ging hinaus ins Nichts.

5

Das Schiff schien sich langsam auf Wend zuzubewegen. Instinktiv paßte er den richtigen Moment ab. „Jetzt!“

Er betätigte den Antrieb des Raumanzugs, spürte den Druck der Stiefelsohlen gegen seine gestreckten Beine und sah, wie sich die Wargentin von ihm entfernte. Zunächst flog er mit nur geringem Schub geradeaus. Unter ihm glitzerte Hane. Über ihm schwebte der fremde Raumer vor dem majestätischen Hintergrund eines unendlichen Sternenmeeres, wuchs stetig und kippte leicht weg, so daß das Heck sich Wend wie die Mündung einer überdimensionierten Kanone entgegenwandte. Schwer und unruhig drang der Atem aus den Kopfhörern. Würde er an dem Schiff vorbeischießen? Wend schaltete den Antrieb aus und drehte sich um. Er war nicht wesentlich von der geplanten Bahn abgekommen. Die Anziehungskraft des Zwergsterns hielt ihn wie an einer Kette. Schließlich befand er sich im Bereich des Raumers und folgte ihm im gleichbleibenden Abstand. Als Hane wieder in Sicht kam, wechselte er auf die andere Seite und näherte sich der rissigen Wunde in der Außenwand bis auf wenige Meter. Dann mußte er den Rückstoß vorsichtiger benutzen, um sich nicht den Anzug an den metallenen Zacken aufzureißen. Er gelangte heil ins Innere. Die Scheinwerfer seines Anzuges formten unwirkliche Schatten. Eine massive Luke, die jedoch zu verbogen war, um geschlossen zu werden, führte in einen weiteren Raum. Noch eine Luke, diesmal unbeschädigt, folgte. Wend glitt hindurch in das Herz des Schiffes, wobei ihn die schweren und trägen Treibstoffkanister nicht wenig behinderten.

Mit sicherem Blick fand Wend sogleich den Einstieg zum Konverterraum. Er las die Bedienungshinweise auf den Konsolen, konnte sie aber nur teilweise entziffern. Die zwei Eingänge für die Treibstoffstangen waren jedoch unverkennbar. Er bewegte sich zu ihnen hinüber, richtete sich auf und schaltete die Standdüsen ein, die ihn am Deckboden festhalten sollten. Schwerfällig machte er sich an den Luken der Eingänge zu schaffen und hängte sie schließlich aus. Dann hakte er einen Kanister ab und drehte ihn so, daß er kopfüber, mit der Öffnung nach unten, vor ihm in der Luft schwebte. Ein kurzer Stoß ließ die Hülle nach oben fahren. Es kostete viel Kraft, die eigentliche Treibstoffstange durch die Luke in die Laderöhre zu schieben. Träge bewegte sich die große Masse herab. Durch seine Handschuhe spürte Wend die Stöße, die die Berührung mit den mechanischen Startelementen hervorrief. Dann beobachtete er gespannt die Armaturen, bis ein grünes Lämpchen aufleuchtete: Die Systeme des Schiffes verfügten jetzt über Energie. Wend schob auch die zweite Stange in die Laderöhre, behielt also nur noch eine zurück, und begab sich zum Kontrollraum.

Wend betätigte verschiedenfarbige Schalter und las die Anzeigen ab: Der Antrieb funktionierte nicht, wie bei einem geparkten Schiff zu erwarten war. Luft war nicht gespeichert – er mußte also in seinem Anzug bleiben. Auch die zentrale Rechenanlage war nicht betriebsbereit, was außerordentlich unangenehm war, weil er nun nicht die Entfernung zu Hane errechnen konnte. Er mußte mehrere Kurierraketen – vorausgesetzt, es gab überhaupt welche an Bord – auf verschiedene Reichweiten programmieren und hoffen, daß zumindest eine ihren Bestimmungsort erreichte.

Er brütete über den fremdartigen Symbolen auf dem Armaturenbrett. „Diese Gruppe von Leuchtanzeigen könnte –“ durchfuhr es ihn plötzlich, und er blickte sich um. Mehrere Türen fielen ihm auf. Er eilte hinüber und riß die nächstliegende auf. Leer – ein Abstellraum für elektronische Ersatzteile. Er versuchte eine andere Tür. Es war die Kabine des Bordfunkers. Er schaltete das Licht an. Ja! Die fünf kleinen Luken neben der Sprechanlage führten zum Abschußturm für Kurierraketen. Zitternd öffnete er eine der Luken – und erkannte wahrhaftig das stumpfe Ende einer Rakete. Er entspannte die Halterung und zog das Objekt heraus. Es war eine etwa dreißig Zentimeter lange und fünf Zentimeter dicke Patrone mit einem Wulst in der Mitte. Dort, im Zentrum der Masse, lag der Antrieb. Während er die Einstellschrauben betrachtete, rechnete er bereits die lenjischen Kaliberas in terranische Meter um. Anschließend untersuchte er die übrigen Luken: Auch sie enthielten Raketen. Er entschied, alle fünf abzusenden und auf Entfernungen zwischen zwanzig und dreißig Millionen Kilometer zu programmieren. Hoffentlich befand sich der bewohnte Planet nicht gerade auf der abgekehrten Seite von Hane…

Nachdem er die Geschosse eingestellt hatte, verschloß er die Luken wieder und überprüfte nochmals die Kontrollanzeigen. Die Raketen mußten sich weiter aufladen. Wie aber wollte er die Nachricht einspeichern? Eine Anschlußbuchse war vorhanden – nur kein Mikrofon. Hastig und ungestüm machte sich Wend auf die Suche. Aber es fand sich keins in dem Raum. Daraufhin durchsuchte er die Taschen seines Raumanzugs und brachte ein Verlängerungskabel hervor. Es paßte jedoch nicht zu der fremden Buchse. Er stapfte zur Hauptkonsole hinüber und suchte auch dort vergeblich nach einem Mikrofon. Zurück in der Kabine, zog er eine Rakete aus ihrer Halterung. Besaß sie vielleicht ein auditives Feld, das er gegen den Sprachvibrator seines Helmes pressen konnte? Nein. Diese Art von Kurieraketen mußte Mitteilungen elektronisch übermittelt bekommen. Wend fluchte und warf die Patrone zurück in die Röhre. Dann mußte sie eben beim Wiedereintritt in den stellaren Raum ihre Trägerwellen aussenden. Loob Garka würde, falls er sie bemerkte, schon die richtigen Schlußfolgerungen ziehen. Er lehnte sich gegen den Türrahmen der Funkkabine und wartete ab, bis Hane auf dem Hauptschirm erschien, um dann den Hebel zu betätigen, der die Geschosse zum Turm schickte.

Überraschend zuckte eine Nadel auf einer orangenen Skala. Wend starrte sie gebannt an – er brauchte die fremdartigen Symbole nicht zu lesen, um die Bedeutung des Ausschlags zu erraten: Ein Schiff war in geringer Entfernung in den stellaren Raum zurückgefallen. Junnabl!

Gespannt wartete Wend, bis Hane in Position gelangt war. Dann drückte er den Abschußhebel voll durch. Natürlich konnte er keinen Stoß spüren, als die vergleichsweise winzigen Raketen das Schiff verließen, aber die fünf Lampen auf dem Armaturenbrett blinkten. Sah man von der Möglichkeit eines totalen Versagens ab, so waren sie jetzt auf Hane gerichtet. Sie würden sich selbständig auf Kurs halten und in den Anderen Raum übergehen, sobald sie die nötige Geschwindigkeit erreicht hatten. Für Wend blieb nur zu hoffen, daß sie die ungeheure Schwerkraft hinter sich überwinden würden.

Er kehrte zum Bildschirm zurück und justierte ihn auf die Wargentin. Junnabls Flaggschiff lag bereits daneben. Der Pirat wußte also – spätestens nach einer eiligen Durchsuchung -, daß er nicht mehr an Bord war. Bei der nächsten Annäherung an den Lenjraumer mußte der Fluchtweg offensichtlich sein.

Natürlich konnte er versuchen, das Schiff zu verlassen und sich im Raum zu verbergen; aber Junnabl verfügte über ein sensibles Radar und würde ihn schnell aufspüren. Er war an Ort und Stelle genauso sicher, konnte also auch hier das Kommen von Junnabls Häschern abwarten.

Zwei Stunden waren vergangen. Die Luft im Anzug roch schweißig. Ein Gleiter mit zwei Gestalten in Raumanzügen näherte sich dem Lenjfrachter.

Wend wartete und spähte von einer Ecke des gezackten Loches zu ihnen hinüber. Die Finger seiner rechten Hand krallten sich um die übriggebliebene Treibstoffstange – der beste, wenn auch etwas unhandliche Knüppel, den er hatte finden können. Die beiden Umrisse lösten sich von dem Gleiter und kamen vorsichtig näher. Wend zog sich in den Winkel zurück, um den suchenden Lichtbündeln zu entgehen. Mit der linken Hand an einen Vorsprung geklammert, bereitete er sich darauf vor, mit der rechten zuzuschlagen.

Zeit verstrich, und die Versuchung war groß. Aber Wend widerstand. Schließlich durchbrach der spitze Strahl eines Scheinwerfers die relative Dunkelheit und wanderte durch den verwüsteten Raum. Langsam, sehr langsam bewegte sich die Treibstoffstange. Die Lampe selber erschien in dem Loch, und einen Augenblick später verdeckte ein Raumanzug das Licht der Sterne. Wend mühte sich schwer mit seiner Schlagwaffe. Unendlich langsam beschrieb sie den Bogen. Er zog noch kraftvoller. Der Lichtstrahl erfaßte sie. Verdutzt hielt die Gestalt inne und versuchte dann, als sie die Bedeutung der zeitlupenhaften Bewegung erkannt hatte, verzweifelt auszuweichen. Die Stange bewegte sich jedoch gnadenlos mit voller Wucht weiter, fegte sie zurück durch die Öffnung und versetzte sie in eine unkontrollierbare Taumelbewegung. Wend schoß sofort hinterher. Lampe und Waffe des Piraten waren jedoch schon unerreichbar davongewirbelt, als er ihn erreichte. Eine kurze Drehung brachte ihn hinter seinen Gegner, so daß er sich von ihm abstoßen konnte. Während der Kyshan sich überschlug, schoß er selber mit den Füßen zuvorderst auf den Frachter zu. Den Bruchteil einer Sekunde später zuckte die tödliche Energie eines Strahlers durch den Raum und verwandelte den Schiffsrumpf unterhalb Wends in ein Meer glühenden Metalls. Geistesgegenwärtig gab er Gegenschub und versuchte hinter die Schiffsmasse zu gelangen. Der Antrieb seines Anzuges war kaum noch unter Kontrolle zu halten. Ein zweiter Strahl verfehlte Wend nur knapp. Dann erreichte er die Deckung. In einem weiteren Manöver entfernte er sich sogleich wieder von dem Raumer, wobei er besonders darauf achtete, nicht in die Richtung des Zwergsterns zu steuern, weil dieser ihn unweigerlich zu sich herabziehen würde. Eine geschickte Drehung erlaubte ihm, die Lage zu überblicken: Der Gleiter wartete in der Nähe auf das Suchkommando, und Junnabls Schiff kam heran. Aus den Kopfhörern drangen üble Kyshanflüche. Ich habe es zumindest versucht. Jedenfalls werden sie mich nicht lebend erwischen. Und Junnabl wird niemals erfahren, wo das Depot sich befindet.

Aber Junnabl – erkannte Wend im gleichen Moment – hatte ganz andere Probleme. Geisterhaft schossen Raketen im schwachen Licht Hanes auf das Schiff des Piraten zu. Verzweifelt bekämpfte er die todbringenden Geschosse mit Abwehrraketen, beschleunigte den Raumer und verschwand, verfolgt von weiteren Raketen, aus dem Orbit und schließlich aus dem stellaren Raum.

Kleinere Raketen bedrängten den Gleiter, der sich wild im Kreise drehte, um zu entkommen. „Oh nein! Nicht rückwärts!“ entfuhr es Wend. Aber der Gleiter trudelte nach dem Verlust seiner Umlaufgeschwindigkeit unaufhaltsam in die Tiefe. Er würde natürlich niemals auftreffen. Die Anziehungskräfte allein…

Wend schaltete das Funkgerät ein und wartete, bis er seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte. „Loob Garka? Hier ist Taintless Wend. Kannst du mich hören?“

Es dauerte einige Minuten, bis die Übermittlung auf seiner Wellenlänge zustande kam. Dann hörte er Loobs Stimme: „Wend? Hier ist Loob Garka. Wir haben dich ausgemacht. Was zum Teufel tust du dort? Versuchst du, eines meiner Schiffe zu kapern?“

Wends Lachen war noch etwas unsicher. „Ich wollte sie nur für dich bewachen. Offensichtlich hat dich eine meiner Kurierraketen aufgeschreckt.“

Loob schien amüsiert. „Du hättest nicht so viele von den kostbaren Dingern verschwenden sollen. Ich habe überall im Hane-System meine Horchposten. Du hast übrigens Glück gehabt, daß es sich um lenjische Raketen handelte. Das allein hat mir ihren Ursprung verraten.“

6

Das Depot war schnell gefunden und geleert worden. Wend saß entspannt mit Loob und dem gerade von Norp eingetroffenen Vassun Garka zusammen. „Was hat Junnabl eigentlich erzählt, als er anrief?“ fragte Wend letzteren.

Vassun zeigte seine Zähne. „Er behauptete, er habe einen Vertrag mit der TSF und solle einen Transport für sie durchführen. Dich hat er nicht erwähnt. Zuerst war ich überrascht, aber der Brief hat alles klargestellt. Was nun diese Garnison anbelangt  -“

„Daß du ihm die Koordinaten von Hane gegeben hast“, unterbrach ihn Loob, „war recht unklug. Ich finde nicht, daß wir noch an unseren Teil der Abmachung gebunden sind.“

„Wir geben dir dein Viertel“, fuhr Vassun fort. „Ansonsten kann ich in Anbetracht der Geschehnisse nicht umhin, Loob zuzustimmen. Gibt es noch einen weiteren als den schon genannten Grund, warum wir die Hälfte des Treibstoffes zur Erde zurücksenden sollen?“

Wend erwiderte so gelassen wie möglich: „Eigentlich nicht. Nur daß der Brief, den ich an dich geschickt habe, nicht der einzige war.“

Vassun überlegte. Fast schien er erfreut. „Aha. Und falls du nicht in der Lage sein solltest, ihn innerhalb einer gewissen Frist abzufangen, wird ihn jemand öffnen. Stimmt’s? Das könnte aber auch ein Bluff sein.“

Loob nahm einen kräftigen Schluck und grinste. „Mir gefällt ein guter Bluff. Und dieser Terraner ist eine wertvolle Bekanntschaft. Ich bin dafür, die Abmachung einzuhalten.“

„Gut“, meinte Wend. „Und dann werdet ihr noch einen zusätzlichen Profit machen, indem ihr mir meinen Anteil zu euren üblichen skandalösen Preisen abkauft. Das Zeug ist mir nicht handlich genug, um damit von Tür zu Tür zu ziehen. Ich werde mir auch eine neue Identität zulegen müssen, weil Junnabl ja immer noch herumläuft und redet.“

Loob blickte diebisch zu Vassun hinüber. „Siehst du?“ Dann wandte er sich an Wend: „Falls ich richtig gehört habe, hast du deine Yacht verloren. Zufällig habe ich ein erstklassiges kleines Schiff zur Hand: einen überholten Spähraumer. Ich kann ihn dir zu einem äußerst günstigen Preis überlassen…“

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