Wilfred Thesiger bei den Beduinen

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[In dieser Form ursprünglich veröffentlicht von Deep Roots auf „As der Schwerter“. Bildauswahl von Deep Roots.]

Heute bringe ich keine Übersetzung, sondern eine „Abschreibeübung“, nämlich Auszüge aus dem Reisebericht des britischen Kolonialbeamten Wilfred Thesiger, der auf der Suche nach den Brutstätten der Wanderheuschrecken 1948-52 zweimal die gefürchteten „Empty Quarters“, das „Leere Viertel“ der großen arabischen Sandwüste durchquerte. Thesiger ist zwar ein Araberversteher, dessen Werturteile uns teilweise gegen den Strich gehen werden (das müssen wir halt „aushalten“), aber seine Schilderungen bieten uns von „unverdächtiger“ Seite Eindrücke davon, wie anders die Wüstenaraber sind, wie sehr ihre in Jahrtausenden evolutionär geprägten Wesenszüge und Wertmaßstäbe sie in kaum veränderbarer Weise von uns unterscheiden, und zeigen uns, daß man sie auf Gebieten, von denen sie etwas verstehen, bestimmt nicht unterschätzen darf.

Und gegenüber den Zukunftsprognosen, die Thesiger in seinen letzten Absätzen äußert, sieht unsere heutige Wirklichkeit, mehr als ein halbes Jahrhundert später, doch sehr anders, sogar konträr aus. Aber lassen wir ihn nun erzählen:

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 BEI DEN BEDUINEN, von Wilfred Thesiger

Den Brunnen Shisur hatten wir vor acht Tagen verlassen, und unser Wasservorrat war vor 24 Stunden zu Ende gegangen. Wir befanden uns in der Nähe von Bir Hanu, dem „Süßen Brunnen“, als wir an einer Stelle, wo vor einigen Monaten Regen gefallen war, auf Büsche von gelbblühenden Tribulus stießen. Nachdem unsere Kamele eine Zeitlang geweidet hatten, schlug ich vor, wir sollten weiter zum Brunnen ziehen, denn ich hatte Durst. Schließlich brachen Tamtaim, Sultan und Musallim mit mir auf. Die anderen sagten, sie kämen später nach, wenn ihre Kamele satt seien. Am Brunnen angekommen, sattelten wir unsere Kamele ab, tränkten sie und ließen uns dann in der Nähe des Brunnens nieder. Noch hatte keiner von uns getrunken. Ich wollte nicht ungeduldig erscheinen, aber schließlich schlug ich vor, daß wir trinken sollten. Sultan reichte mir eine Schale mit Wasser. Ich bot sie dem alten Tamtaim an, doch der meinte, ich solle nur trinken, er werde auf die anderen warten. Und er fügte hinzu, es sei nicht schicklich, wenn er trinke, ehe sie einträfen, seien sie doch seine Reisegefährten. Ich hatte bereits gelernt, daß ein Bedu seinen Gefährten niemals etwas voraus haben will und daß er daher niemals in ihrer Abwesenheit ißt, aber diese Enthaltsamkeit schien mir übertrieben. Die anderen kamen erst fünf Stunden später. Und ich war schon recht verzweifelt und sehr durstig. Zufälligerweise schmeckte das Wasser, das wunderbar kühl und klar aussah, als sei es mit einer starken Dosis Bittersalz versetzt. Ich nahm einen großen Schluck und spuckte es unwillkürlich wieder aus. Das war meine erste Erfahrung mit dem Wasser von al-Rimal, den Großen Sanden.

Plötzlich ließ der Wachtposten auf dem Hang einen Warnruf ertönen. Wir ergriffen unsere Gewehre, die wir stets zur Hand hatten, und gingen um den Brunnen in Stellung. Die Kamele wurden rasch hinter dem Felsrücken versammelt. In der Ferne konnten wir Reiter näherkommen sehen. Jeder Fremde gilt hier als Feind, solange er nicht seine friedlichen Absichten zu erkennen gibt. Wir feuerten zwei Schüsse in die Luft. Die Reiter kamen unbeirrt näher, schwenkten ihre Kopftücher, und einer von ihnen sprang von seinem Kamel und warf eine Handvoll Sand in die Luft. Wir ließen die Gewehre sinken, und einer sagte: „Es sind Raschid – ich kann Bin Shuwas’ Kamel erkennen.“ Die Bedu erkennen Kamele, noch ehe sie einen Menschen erkennen können.

Die Reiter waren nun ganz nahe gekommen. Die Bait Kathir konnten die einzelnen beim Namen nennen. „Das ist Bin Shuwas.“ „Das ist Mahsin.“ „Das ist al-Auf.“ „Das sind Bin Kabina und Amair und Sa’du und Bin Mautlauq.“ Es waren sieben Raschid. Wir stellten uns in einer Reihe auf, um sie zu empfangen. Dreißig Meter vor uns brachten sie ihre Kamele zum Stehen, ließen sie durch einen Schlag auf den Hals in die Knie gehen, saßen ab und kamen auf uns zu. Mahsin, den ich an seinem Hinkebein erkannte, rief: „Salam Alaikum.“ Und wir antworteten im Chor: „Alaikum al-Salam.“ Dann kamen sie im Gänsemarsch an uns vorüber und begrüßten jeden mit dem dreifachen Nasenkuß, wobei die Nase die des anderen rechts, links und noch einmal rechts berührt, und stellten sich uns gegenüber auf. Tamtaim sagte zu mir: „Frage sie nach Neuigkeiten.“ Ich aber antwortete: „Nein, tu du das. Du bist der Älteste.“ Tamtaim rief: „Was habt ihr Neues zu berichten?“ Mahsin antwortete: „Nur Gutes.“ Wieder fragte Tamtaim: „Ist einer gestorben? Ist einer fortgegangen?“ Sofort kam die Antwort: „Nein! Sag so etwas nicht!“ Frage und Antwort waren so unveränderlich wie die des Wechselgesanges einer Litanei. Ganz gleich, was sich tatsächlich ereignet hatte, sie änderten sich nie. Die Ankömmlinge hätten mit Räubern gekämpft, die Hälfte ihrer Leute verloren und noch immer nicht bestattet haben können, ihre Kamele hätten geraubt, jederlei Unglück, Hunger, Durst oder Krankheit hätte sie getroffen haben können, und doch hätten sie bei dieser ersten offiziellen Begrüßung niemals etwas anderes gesagt als: „Nur Gutes.“ Nun kehrte sie zu ihren Kamelen zurück, nahmen die Sättel ab, banden die Vorderbeine zusammen und ließen die Tiere laufen. Inzwischen hatten wir Teppiche für sie ausgebreitet, und Tamtaim rief Bin Anauf zu, er möge Kaffee bereiten. Als dies geschehen war, stellte Musallim vor jeden der Männer eine Schale mit Datteln, schenkte stehend den Kaffee aus und reichte Mahsin und den anderen in der Reihenfolge ihres Ansehens den Kaffee. Sie tranken, aßen Datteln und bekamen neuen Kaffee. Nun endlich sollten wir ihre Neuigkeiten erfahren.

Das Gesetz der Blutrache

Dann erzählte Bin Mautlauq von dem Überfall, bei dem der junge Sahail getötet worden war. Er und 14 seiner Gefährten waren auf eine kleine Herde Sai’ar-Kamele gestoßen. Ehe der Hirte auf dem schnellsten seiner Kamele floh, hatte er zwei Schüsse abgefeuert, und einer davon hatte Sahail in die Brust getroffen. Bakhit hielt den sterbenden Sohn im Arm, als sie mit sieben Beutekamelen wieder über die Ebene zurückritten. Sahail war am späten Nachmittag verwundet worden, und er lebte noch bis beinahe zum Sonnenuntergang. Er bat um Wasser, das sie nicht hatten. Sie ritten die ganze Nacht hindurch, um den Verfolgern zu entfliehen. Bei Sonnenaufgang kamen sie in ein flaches Tal, in dem ein paar Angehörige der Sai’ar unter einem Baum lagerten. Eine Frau stampfte Butter in einer Tierhaut, ein Knabe und ein Mädchen melkten die Ziegen. Unter dem Baum saßen ein paar kleine Kinder. Der Knabe sah die Reiter als erster und versuchte zu entfliehen, doch sie holten ihn auf einem niederen Felshang ein. Er war etwa 14 Jahre alt, ein wenig jünger als Sahail und unbewaffnet. Als sie ihn umzingelten, steckte er zum Zeichen der Kapitulation seine Daumen in den Mund und bat um Gnade. Keiner antwortete. Bakhit stieg aus dem Sattel, zog seinen Dolch und jagte ihn dem Knaben in die Rippen. Der Knabe brach zu seinen Füßen zusammen und stöhnte: „O mein Vater! O mein Vater!“ Bakhit blieb vor ihm stehen, bis er gestorben war, und stieg wieder in den Sattel. Sein Kummer war durch den Mord, den er gerade begangen hatte, ein wenig gelindert worden. Während Bin Mautlauq erzählte und mit glühenden, geröteten Augen über die Ebene starrte, sah ich die Szene in grauenhafter Deutlichkeit vor mir: die kleine langhaarige Gestalt im weißen Lendentuch zusammengekrümmt auf dem Boden, die immer größer werdende Blutlache, die begierigen Fliegen, das verzweifelte Klagen der dunkelgekleideten Frauen, die verschreckten Kinder, das schrille, unaufhörliche Geschrei eines Säuglings.

Auf dem ganzen Ritt verfolgte mich der Gedanke an das ermordete Kind, während die Araber um mich her sich zu schwätzenden Gruppen zusammenschlossen und wieder auflösten und dabei aufmerksam in die Runde spähten. Wenn die Sai’ar uns überfielen, hatte jeder einzelne meiner Begleiter sein Leben verwirkt. So gnadenlos das uralte Gesetz des Auge-um Auge und Zahn-um-Zahn auch sein mochte, ich war mir doch klar, daß es bei einem Volk, das keiner höheren Autorität unterstand und ein Menschenleben gering achtete, das einzige Mittel war, um schrankenloses Blutvergießen zu verhindern. Denn niemand wird seine ganze Familie oder seinen Stamm leichtfertig einer Blutfehde aussetzen.

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Spuren in der Wüste

Einige Tage später trafen wir auf Spuren. Ich hätte nicht einmal mit Gewißheit sagen können, ob es Kamelspuren waren, denn der Wind hatte sie beinahe gänzlich verweht. Sultan wandte sich an einen graubärtigen Mann, der als Spurensucher bekannt war, und fragte ihn, was für Spuren das seien. Der Mann folgte ihnen eine kurze Strecke. Dann sprang er von seinem Kamel, untersuchte die Spuren an einer Stelle, wo sie über härteren Boden führten, zerkrümelte etwas Kamelkot zwischen den Fingern und kam wieder zu uns zurückgeritten. „Sie stammen von Awamir aus dem Norden. Es sind sechs Mann. Sie haben die Djanaba an der Südküste überfallen und ihnen drei Kamele geraubt. Sie sind von Sahma hierhergekommen und haben in Maghshin Wasser gefaßt. Vor zehn Tagen sind sie hier vorbeigezogen.“ Wir hatten seit 17 Tagen keinen Araber gesehen und sahen auch in den nächsten 27 Tagen niemanden. Bei unserer Rückkehr trafen wir in der Nähe des Djebel Qara einige Bait Kathir, und als wir Neuigkeiten austauschten, erzählten sie uns, daß sechs Awamir die Djanaba überfallen, drei von ihnen getötet und drei ihrer Kamele geraubt hätten. Für uns war nur neu, daß sie drei Djanaba getötet hatten.

Das verschenkte Lendentuch

Am nächsten Morgen suchte Bin Kabina mit einem der Bait Imani unsere Kamele. Als er zurückkam, sah ich, daß er unter seinem Hemd kein Lendentuch mehr trug. Auf meine Frage danach sagte er, er habe es verschenkt. Ich protestierte, er könne durch das bewohnte Land jenseits der Wüste und in Oman nicht ohne Lendentuch reisen, und ich hätte kein zweites, das ich ihm geben könne. Er müsse es zurückerbitten. Ich gab ihm Geld für den Mann, dem er es geschenkt hatte. „Was soll er in der Wüste mit dem Geld machen?“ meinte er. „Er will ein Lendentuch.“ Aber schließlich tat er, wie ich ihn geheißen hatte.

Der großzügige Bettler

Zwei Tage später kam ein alter Mann in unser Lager, der hinkte und selbst für einen Bedu recht abgerissen aussah. Er trug ein zerfetztes altersgraues Lendentuch und hatte ein altes Gewehr in der Hand. In seinem Gürtel staken zwei volle und sechs leere Patronentaschen und ein Dolch in einer zerbrochenen Scheide. Die Raschid liefen ihm zur Begrüßeng entgegen: „Willkommen, Bakhit. Ein langes Leben sei euch beschert, Onkel. Willkommen, hundertmal willkommen.“ Ich war über diese freundliche Begrüßung erstaunt. Der alte Mann ließ sich auf dem Teppich nieder, den man für ihn ausbreitete, und aß die Datteln, die man ihm vorsetzte, während die anderen hastig Feuer machten, um Kaffee zu bereiten. Der Alte hatte wäßrige rote Augen, eine lange Nase und einen grauen Haarschopf. Die Haut hing in Falten über seinen Bauch. Ich hielt ihn für einen ausgekochten Bettler und war überzeugt, daß er etwas erbitten würde. Später am Abend tat er das auch, aber da hatte ich meine Meinung über ihn bereits geändert. Bin Kabina hatte mir nämlich gesagt, daß er zu den Bait Imani gehöre und berühmt sei. Auf meine Frage, was ihn denn so berühmt gemacht habe, antwortete er: „Seine Großzügigkeit.“ Ich sagte: „Ich hätte nicht gedacht, daß er irgend etwas besitzt, mit dem er großzügig sein könnte“, und Bin Kabina sagte: „Jetzt hat er auch nichts mehr. Er hat nicht ein einziges Kamel, nicht einmal eine Frau. Sein Sohn, ein Prachtkerl, wurde vor zwei Jahren von den Dahm getötet. Er war einmal einer der reichsten Männer seines Stammes. Heute besitzt er nur noch ein paar Ziegen.“ Ich fragte: „Was geschah denn mit seinen Kamelen? Sind sie geraubt worden oder an einer Krankheit verendet?“ Und Bin Kabina antwortete: „Nein. Seine Großzügigkeit hat ihn ruiniert. Keiner hat je sein Zelt betreten, ohne daß ein Kamel für ihn geschlachtet wurde. Bei Allah, er ist großzügig.“ Ich konnte den Neid aus seinen Worten heraushören.

Ata Allah – die Gottesgabe

Viele haben über Kamele geschrieben. Ich kenne jenen abgedroschenen Ton humoriger Geringschätzung, der nur die mangelhafte Kenntnis des Autors verrät und beweist, daß er niemals unter den Bedu gelebt hat. „Ata Allah“ (Gottesgabe) nennen die Bedu das Tier, das durch seine Geduld ihre Herzen gewinnt. Ich habe niemals einen Bedu ein Kamel schlagen oder mißhandeln sehen. Das Kamel spielt immer die Hauptrolle, und dies nicht nur, weil das Leben des Bedu vom Wohlergehen seiner Tiere abhängt, sondern weil die Bedu ihre Tiere lieben. Ich habe meine Begleiter sie oft streicheln, küssen und ihnen Koseworte zuflüstern sehen. Auf dem Ritt durch die Gärten von Tarim in Hadramaut waren wir einem Dorfbewohner begegnet, der ein Kamel schlug. Einige der Raschid meiner Begleitung saßen sofort ab und machten dem Mann erregte Vorhaltungen. Und als wir weiterritten, gaben sie ihrer Verachtung für diesen Menschen beredten Ausdruck. Einige Tage später, wir gingen im Abstand von etwa dreißig Metern neben unseren Kamelen durch die Wüste, forderte Sultan einen anderen Bedu auf, er solle doch sein Kamel, das die Wasserschläuche trug, heranrufen. Kamele sind Herdentiere und trennen sich höchst ungern von ihren Gefährten. Kaum aber hatte der Bedu den Namen seines Kamels gerufen, schwenkte es aus der Reihe und kam gelaufen. Ein anderes Kamel war seinem Herrn wie ein Hündchen zugetan. Während der Nacht kam es immer wieder stöhnend herbei, beschnüffelte ihn und lief dann wieder zum Weideplatz zurück. Die Araber finden Kamele schön, und der Anblick eines guten Kamels bereitet ihnen ebensoviel Freude wie einem Engländer der Anblick eines edlen Pferdes. Tatsächlich eignet diesen Tieren eine ungeheure Kraft und viel Anmut. Auch ich kenne kaum einen schöneren Anblick als den von schnell reisenden Arabern auf Vollblutkamelen.

Schweigend lauschten sie den Versen

Sobald wir das Essen beendet hatten, begann die Unterhaltung. Die Bedu verständigen sich stets schreiend, auch wenn sie nur wenige Meter voneinander entfernt sind. So konnte jedermann hören, was die anderen im Lager sagten, und wenn einer an einer Unterhaltung teilnehmen wollte, die an einem anderen Lagerfeuer geführt wurde, konnte er von seinem Platz aus mitreden. Ein Bedu kann ein und dieselbe Geschichte denselben Leuten in kurzen Abständen immer wieder erzählen, und sie werden jedesmal mit Interesse lauschen. Einmal den Mund zu halten, kommt sie unendlich hart an. Doch als einer ein Gedicht zu rezitieren beginnt, breitete sich eine Stille über das Lager, in der man nur das Zerstampfen der Zwergpalmblätter hörte, deren Fasern zu Seilen verflochten werden. Einer nach dem anderen kam herbei, und schweigend standen sie da, wenn sie nicht die Endzeile eines jeden Verses wiederholten.

Die Araber sprechen leicht in Versen, wenn etwas sie bewegt. Ich habe einen jungen Burschen spontan das Weideland, das er gerade entdeckt hatte, in Versen beschreiben hören: So gab er seinen Gefühlen auf natürliche Weise Ausdruck. Aber so sehr sich die Araber der Schönheit ihrer Sprache bewußt sind, so seltsam blind sind sie für die Schönheiten der Natur. Die Farbe des Sandes, ein Sonnenuntergang, der Mond, der sich im Meer spiegelt, all diese Dinge lassen sie kühl, ja sie bemerken sie nicht einmal. Als wir im Vorjahr aus Maghshin zurückgekehrt und nach der öden Wüste von den Gipfeln des Qara-Gebirges aus wieder grüne Bäume und Gras und die Schönheit der Berge vor uns hatten, meinte ich zu einem meiner Begleiter: „Ist das nicht schön?“

Er starrte angestrengt in die Runde und sagte dann verständnislos: „Nein – das sind lausig schlechte Weideplätze!“ Und dennoch haben ihre Stammesbrüder in Hadramaut eine Architektur entwickelt, die schlicht, harmonisch und schön ist. Aber auch diese Architektur ist dem Untergang geweiht, denn der Geschmack der Araber ist leicht zu verderben. In jenen alten Städten entstehen bereits neue abscheuliche Gebäude von geschmacklosem Stilgemisch, die moderne arabische Architekten entworfen haben und deren Anblick meine Gefährten tief beeindruckte. Sie sahen mich an und sagten: „Bei Allah, es sind wunderbare Gebäude.“ Es war sinnlos, etwas darauf zu erwidern.

„Komm, iß mit mir!“

Das Bedürfnis, allein zu sein, wird der Bedu niemals verstehen und immer mit Mißtrauen vermerken. Engländer haben mich häufig gefragt, ob ich mich denn in der Wüste niemals einsam gefühlt habe. In all den Jahren, die ich dort verbracht habe, bin ich wohl immer nur sehr kurze Zeit allein gewesen. Die schlimmste Form der Einsamkeit ist die Verlorenheit inmitten einer Menschenmenge. Ich habe mich in der Schule einsam gefühlt und in europäischen Städten, wo ich niemanden kannte. Aber unter Arabern war ich niemals einsam. In Städten, wo mich niemand kannte, ging ich einfach in einen Basar und begann ein Gespräch mit einem Händler. Er lud mich ein, in seiner Bude Platz zu nehmen und ließ Tee kommen. Andere Leute gesellten sich zu uns. Man fragte mich, wer ich sei, woher ich komme und stellte unzählige andere Fragen, die wir einem Fremden niemals stellen würden. Und dann sagte einer: „Komm, iß mit mir zu Mittag.“ Beim Essen traf ich dann weitere Araber, und einer von ihnen lud mich zum Abendessen ein. Ich habe mich oft traurig gefragt, was sich wohl ein Araber denkt, der England bereist. Ich hoffe, er begreift, daß wir untereinander ebenso unfreundlich sind, wie wir ihm gegenüber unfreundlich erscheinen müssen.

Keine Schönheit, aber viel Noblesse

Es waren die Wüstenaraber, die dem arabischen Menschen seine charakteristischen Merkmale verliehen hatten, nicht die weit zahlreichere Bevölkerung des Jemen mit ihrer uralten Kultur. Es waren die Sitten und Maßstäbe der Wüste, die die Städter und Dörfler übernommen hatten und die von den arabischen Eroberern in Nordafrika und im Mittleren Osten verbreitet und vom Islam in einen großen Teil der Welt getragen worden waren. Die Eigenkultur des Jemen war durch Mohammeds Auftreten im Staub versunken, und die Dialekte des Südens waren damals von der nordarabischen Sprache des Islams verdrängt worden. Als die neue Religion des Islams sich durchgesetzt hatte, hatte der Süden seine Sonderbedeutung verloren, und das Machtzentrum hatte sich nordwärts nach Mekka verschoben. Der Araber nördlich der Rub’ al-Khali hatte weder eine Überlieferung noch eine Kultur hinter sich. Die einzige Architektur, die die Bedu dieser Räume kannten, bestand darin, drei Steine so um eine Feuerstelle zu legen, daß man einen Topf darauf stellen konnte. Sie lebten in schwarzen Zelten in der Wüste und hatten keinen Sinn für Verfeinerung. Die meisten verlangten lediglich das Lebensnotwendige, genug zum Essen und Trinken, um am Leben zu bleiben, Kleider, um die Blöße zu bedecken, einen Unterschlupf, der vor Sonne und Wind schützt, Waffen, ein paar Kochtöpfe, Teppiche, Ziegenschläuche und Sättel. Diesem Leben entsprang viel Noblesse, aber keinerlei Schönheit.

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Noch vor dem Bau der Pyramiden

Während ich so dahinritt, machte ich mir klar, daß nirgendwo in der Welt eine größere Kontinuität zu finden ist als in der arabischen Wüste. Hier mußten semitische Nomaden, die meinen Gefährten ähnlich gesehen hatten, ihre Schaf- und Ziegenherden getrieben haben, noch ehe die Pyramiden erbaut waren oder die große Sintflut jede menschliche Spur im Tal des Euphrat auslöschte. Viele Zivilisationen erblühten und versanken am Rand der Wüste: Da gab es die Sabäer, die Minäer und die Himjaren in Südarabien, da gab es das Ägypten der Pharaonen, da gab es das Reich der Sumerer und Babylon und Assyrien, die Hebräer und die Phönizier, da gab es die Griechen und die Römer, die Perser, das mohammedanische Reich der Araber und schließlich die Türken. Sie alle währten wenige hundert oder tausend Jahre, und dann versanken sie, neue Völker kamen und verschwanden wieder, Religionen entstanden und vergingen, die Menschen änderten sich und paßten sich einer veränderten Welt an, aber in der Wüste lebten die Nomadenstämme weiter, und in dieser riesigen Zeitspanne hatte der Rhythmus ihres Lebens sich kaum gewandelt. Dann aber, innerhalb von 40 Jahren, in weniger als einem Lebensalter, veränderte sich alles.

Leidenschaftliche Liebe zur Poesie

Hier im Süden waren die Bedu noch immer unberührt von den wirtschaftlichen Veränderungen des Nordens, aber mir war klar, daß sie den Folgen nicht mehr lange entgehen konnten. Diese Menschen würden zu schmarotzenden Proletariern werden und im fliegenverseuchten Elend von Barackenstädten im Umkreis der Ölfelder dahinvegetieren. Seine besten Tugenden verdankt der Araber der Wüste: seine tiefe Religiosität, die ihren Ausdruck im Islam gefunden hat; das Zusammengehörigkeitsgefühl, das ihn mit seinem Glaubensbruder verbindet; den Rassestolz, die Großzügigkeit und die Gastlichkeit, die Würde und die Achtung, die er der Würde seiner Mitmenschen entgegenbringt; den Humor, den Mut und die Geduld, die Sprache, die er spricht, und seine leidenschaftliche Liebe zur Poesie. Aber die Tugenden der Araber entfalten sich nur unter härtesten Lebensbedingungen, und sobald diese leichter werden, entarten sie ins Gegenteil. Lawrence nennt das Nomadenleben „die Zirkulation, die den semitischen Körper kraftvoll erhält“, und er schreibt: „Es gibt wenige, ja wohl gar keine nördlichen Semiten, deren Vorfahren nicht in grauer Vorzeit durch die Wüste gezogen sind. Sie alle trugen mehr oder weniger sichtbar das Merkmal des Nomadentums, der unerbittlichsten und strengsten Gesellschaftsform.“

„Ich will den Christen sehen!“

Er starrte mich mit zusammengekniffenen Augen an. Sein Lendentuch war schmutzig und kurz, und in der Hand trug er einen Stock – offenkundig war er zu arm, um einen Dolch zu besitzen. Auf seiner Brust krauste sich graues Haar, um sein ausgemergeltes Gesicht hing gespenstisches Lockengewirr, beim Sprechen wackelte sein einziger Zahn. Er betrachtete mich eine Weile und murmelte dann: „Ich bin gekommen, um den Christen zu sehen.“ Sultan sagte zu mir: „Er ist ein Shahara.“ Ich überlegte mir, was er wohl sähe, als er mich so mit seinen trüben Augen forschend betrachtete, dieser alte Mann, dessen Vorväter in der Genesis aufgeführt sind. Vielleicht sah er verschwommen das Ende voraus. Als wir bergab stiegen, fragte ich meine Begleiter, wer er sei. „Er ist verrückt“, antwortete einer von ihnen und äffte: „Ich bin gekommen, um den Christen zu sehen.“ Die anderen lachten, aber ich fragte mich, ob er nicht vielleicht doch mehr gesehen hatte als die anderen, ob er nicht vielleicht die Bedrohung gespürt hatte, die meine Anwesenheit mit sich brachte – den bevorstehenden Zerfall dieser Gesellschaft und die Zerstörung seines Glaubens. Hier sah es doch sehr danach aus, als sollten die schlimmen Folgen eines plötzlichen Wandels die guten bei weitem überwiegen. Solange ich das Leben der Araber teilte, wollte ich nicht anders leben als sie, und wenn ich sie wieder verließ, sollte sich nichts in ihrem Leben geändert haben. Bekümmert machte ich mir jedoch klar, daß die Landkarten, die man nach meinen Angaben anfertigte, anderen Menschen mit materiellen Zielen helfen würden, ein Volk aufzusuchen und zu verderben, dessen Geist einst die Wüste wie eine Flamme erhellte.

Dem Untergang geweiht

Ich war mir bewußt, daß ich meine letzte Reise im Leeren Viertel gemacht hatte und daß ein Abschnitt meines Lebens zu Ende war. In der Wüste hatte ich gefunden, wonach ich mich gesehnt hatte, und ich wußte, daß ich dies alles nie mehr wiederfinden würde. Aber das war nicht mein einziger Kummer. Ich war mir darüber klar, daß die Bedu, mit denen ich gelebt hatte und gereist war und in deren Gesellschaft ich mich wohl gefühlt hatte, dem Untergang geweiht waren. Manche Menschen sind der Ansicht, es wird den Bedu in Zukunft besser gehen, da sie die Entbehrungen und die Armut der Wüste gegen die Sicherheit einer materialistischen Welt eintauschen werden. Ich teile diese Ansicht nicht. Ich werde nie vergessen, wie oft ich mir diesen analphabetischen Hirten gegenüber armselig vorgekommen bin, weil sie soviel großzügiger, soviel mutiger, ausdauernder, geduldiger und ritterlicher waren als ich. Bei keinem anderen Volk der Erde habe ich je ein ähnliches Gefühl der Minderwertigkeit verspürt.

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