US-Dokumente enthüllen: „Atoms for Peace“ – eine Waffe im Kalten Krieg

Die Explosion der amerikanischen Wasserstoffbombe auf dem Bikini-Atoll im März 1953 war Teil der atomaren Aufrüstungstests. Um die kritische Weltmeinung über solche Tests zu kompensieren, startete Präsident Eisenhower das Propagandaprogramm „friedliche Atomkraft“.

Von Michael Eckert, aus „bild der wissenschaft“ Mai 1987

Das US-Programm „Atome für den Frieden“ aus den fünfziger Jahren erweist sich als eine strategische Variante des kalten Krieges: Nach Ablauf der Sperrfrist von 30 Jahren gab das US-Außenministerium jetzt Akten für die Historiker frei, die ein neues Licht auf die amerikanische Atom-Politik fallen lassen. Die vorerst einsehbaren 800 Seiten Akten sind lediglich eine Auswahl; sie widerlegen jedoch die Ansicht von den allein friedlichen Absichten der US-Amerikaner.

Im Jahre 1955 schien die Welt der Kernenergie noch in Ordnung. Damals wurde mit dem amerikanischen Programm „Atoms for Peace“ (Atome für den Frieden) die internationale zivile Nutzung der Kernenergie vorangetrieben; mit amerikanischen Forschungsreaktoren hielt in der Bundesrepublik Deutschland wie in vielen anderen Ländern die Nukleartechnologie ihren Einzug.

Nukleare Habenichtse wie Bonn gelangten mit bilateralen Atomabkommen an Brennelemente und kerntechnisches Know-how aus den USA. Die Atompolitik des amerikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower übte entscheidende Einflüsse auf die nationalen Atomprogramme in Europa aus. 1957 schlossen sich sechs europäische Staaten – darunter auch die Bundesrepublik Deutschland – zusammen, um in der europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) die zivile Nutzung der Kernenergie voranzutreiben.

Über Lizenzverträge mit US-Firmen wurden deutsche Reaktorhersteller in die Lage versetzt, am nuklearen Boom teilzuhaben. Aus einer Vielzahl von Reaktorkonzepten überlebte schließlich als erfolgreichster Reaktortyp jener Leichtwasser-Reaktor, der in den USA Mitte der fünfziger Jahre mit der Atoms-for-Peace-Kampagne propagiert worden war.

Das Atom-U-Boot Nautilus lief am 21. Januar 1954 als erstes Schiff mit Atomantrieb vom Stapel. Wegen der kompakteren Bauweise benutzte man einen Leichtwasserreaktor. Dieser Typ wurde aus militärischen Gründen gefördert und ist heute bei den zivilen Kernreaktoren weltweit verbreitet.

Noch viel weniger als die Folgen der Atoms-for-Peace-Politik wurden bislang ihre Ursachen und Motive untersucht.

War dieses Programm Bestandteil einer vorausschauenden Energiepolitik, motiviert durch Prognosen, die angesichts knapper und damit teurer werdender klassischer Energieträger der Kernenergie eine baldige Wirtschaftlichkeit bescheinigten?

Oder war „Atomkraft für den Frieden“ Ausdruck jener Atom-Euphorie Mitte der fünfziger Jahre, als – nach dem Bombenabwurf über Hiroshima – die Möglichkeit, die Kernkraft friedlich zu nutzen, einen besonderen Reiz ausübte?

Eine andere Möglichkeit wäre, daß die Betonung auf dem Wort „Frieden“ lag und die Atoms-for-Peace-Rede Eisenhowers als nukleare Abrüstungsinitiative gewertet werden kann. Anzunehmen wäre dies nach dem Wortlaut der Rede und nach den Äußerungen, die vor kurzem nochmals verschiedene Festredner zur 30-Jahr-Feier des Programms machten.

Aus einer Analyse des Atoms-for-Peace-Projekts wird jedoch deutlich, daß weder energiepolitische Motive, oder ein „Hiroshima-Komplex“, noch ein ernsthaftes Abrüstungsbedürfnis eine wesentliche Rolle spielten. Der Initiative Atoms-for-Peace ging es nicht vorrangig um eine friedliche Kernenergienutzung.

Das Programm war eine Waffe im kalten Krieg.

Die „Welt der Kernenergie“ von 1955 war nämlich keineswegs in Ordnung. Dies wäre auch den Zeitgenossen klargeworden, hätten sie die Hintergründe dieses Projekts gekannt, so, wie sie sich heute dem Historiker aus einer amtlichen Dokumentation des US-Außenministeriums darstellen (Foreign Relations of the United States, 1984).

Die „Entwicklung praktischer Kernkraft“, wie sie zu Beginn des Jahres 1953 von der US-Atomenergiebehörde (AEC, Atomic Energy Commission) vorgeschlagen und mit einem neuen Atomenergiegesetz ermöglicht werden sollte, wurde wesentlich durch die US-Außenpolitik bestimmt.

Sowohl die Sowjetunion als auch der ehemalige Nuklearpartner der USA, Großbritannien, hatten inzwischen den Status eigenständiger Atommächte erreicht. Die restriktive Atomgesetzgebung von 1946 (McMahon Act) war mithin nicht mehr in der Lage, das Monopol der USA auf Dauer zu sichern. Der Vorsitzende der AEC, Gordon Dean, wies darauf hin, „daß wenig oder nichts über irgendwelche Programme (zur praktischen Kernkraft) in der Sowjetunion bekannt sei, daß jedoch sehr starke Anregungen in dieser Richtung im Vereinigten Königreich und in Kanada sowie in geringerem Ausmaß auch in anderen kleineren Ländern unternommen würden.“

Außenminister John Foster Dulles erwiderte der Atomenergiebehörde, „daß es sehr schlecht aussähe, wenn die USA hinter den anderen herhinkten … Die USA sollten in diesem sehr wichtigen Projekt die Führungsrolle übernehmen.“

Es gab eine Reihe weiterer Faktoren, die eine Öffnung des Nuklearsektors für die Privatwirtschaft begünstigten. Um in den fünfziger Jahren die nukleare Aufrüstung zu forcieren (Wasserstoffbomben-Programm; Entwicklung kleiner, taktischer Atomwaffen; Bau neuer Plutonium-Produktionsreaktoren; U-Boot-Reaktorprogramm; Erweiterung der nuklearen Infrastruktur mit Forschungs- und Materialprüfreaktoren), sollte die Industrie stärker aktiv werden, als dies nach dem Atomgesetz von 1946 möglich war.

Von privatwirtschaftlichen Nuklearaktivitäten – nach dem McMahon Act durfte die Industrie nur nach Weisung der AEC tätig werden – versprach man sich eine Steigerung der Produktivität und Effizienz. Die führenden industriellen Reaktorhersteller der USA waren als Partner der AEC und ihrer nuklearen Forschungs- und Produktionseinrichtungen in Argonne, Oak Ridge oder Hanford vor allem mit Reaktoren für U-Boot-Antrieb und Plutonium-Herstellung für die Atombomben-Produktion beschäftigt.

Im Nationalen Sicherheitsrat hatte Dean keinen Zweifel daran gelassen, „daß aus dem Blickwinkel friedlicher Verwendungsmöglichkeiten die Anlagen von Oak Ridge, Hanford und anderen Reaktoren als vergeudet (wasted) bezeichnet werden müßten … Um die angewachsene Menge an Spaltmaterial für friedliche Zwecke zu nutzen, würden wir sicherlich nicht Anlagen von dieser Art errichten, wie sie in dem gegenwärtigen Expansionsprogramm vorgesehen sind. Wir brauchen uns nicht selbst zu beschummeln (we must not kid ourselves), daß diese Produktion friedlichen Zwecken dient…“

Die Vorschläge der AEC für eine neue Atomgesetzgebung wurden vor allem vom State Department gefördert; dort sah man die „Entwicklung der praktischen Kernkraft“ als politische Trumpfkarte im kalten Krieg. Sie galt als „handfestes Argument, um die oft wiederholten Vorwürfe der Sowjetunion zurückzuweisen, wonach die Vereinigten Staaten nur an den zerstörerischen Aspekten der Atomenergie interessiert seien, während die Sowjetunion die Entwicklung für friedliche Zwecke verfolgte.“

„Falls ein anderes Land“, so das Außenministerium weiter, „insbesondere die Sowjetunion, nützliche Atomkraft (useful atomic power) zuerst entwickelt, wäre dies ein größerer psychologischer Rückschlag im kalten Krieg für die Vereinigten Staaten …. Es könnte auch möglich sein, eine solche Karte dazu zu benutzen, um unsere Verbündeten fester an uns zu binden und auch, um gewisse Länder, die bislang neutral sind, zu einem positiveren kooperativen Verhalten zu veranlassen.“

Eine solche Öffnung der Kernenergie paßte noch zu einer ganz anders gearteten „Offenlegung“, mit der sich um dieselbe Zeit Militärstrategen und Innen- wie Außenpolitiker abmühten. Die gegenseitige nukleare Hochrüstung der Supermächte bedeutete für die USA, daß – zum ersten Mal in ihrer Geschichte – im Kriegsfall nicht nur die Territorien verbündeter Staaten, sondern auch das eigene Land mit seinen bislang unbedrohten Großstädten der Vernichtung schutzlos preisgegeben sein würde – unabhängig davon, um wieviele Atomwaffen die eigene Streitmacht die der Sowjetunion übertraf.

Mit diesem „enoughness“-Problem (enough = genug) und den daraus hervorgehenden Anforderungen für strategische, atompolitische und innenpolitische (Katastrophenschutz-) Maßnahmen war noch unter der Truman-Regierung ein Expertenausschuß beauftragt worden. Als ersten Schritt empfahlen die Experten eine Aufklärung der amerikanischen Öffentlichkeit über die „Größe und Gestalt der wachsenden Zerstörungskraft der Atomwaffen“.

Da dies bislang strengster Geheimhaltung unterlag, würde „nur einer Stimme, die von oben in der Regierung kommt, die volle Autorität zukommen.“ Diese „Candor“-Empfehlung (candor = Offenheit) vom Januar 1953 gehörte zu den dringlichen Angelegenheiten, denen der neue US-Präsident Eisenhower mit seiner Regierung in den ersten Monaten nach der Amtsübernahme gegenüberstand.

Eisenhower gab dem „Candor“-Plan zwar eine hohe Priorität, schreckte jedoch davor zurück, seiner Bevölkerung die neuen Realitäten in Form einer „Blut-und-Tränen-Rede“ zu überbringen: Es schlage ihm „doch wohl niemand vor, daß er mit einer Art Horror-Geschichte vor die Leute trete“, entsetzte er sich und deutete an, „daß der Gegenstand der atomaren Bedrohung in eine Rede eingepaßt werden sollte, die Atombomben und atomare Kriegsführung in einem größeren Rahmen (larger umbrella) erscheinen ließ.“

Bei einer Diskussion im Nationalen Sicherheitsrat am 16. März 1953 wurde angeregt, „ob die friedliche Anwendung der Atomenergie nicht als Gegengift bei der Enthüllung der Fakten über die Wasserstoff-Bombe benutzt werden könnte.“ Damit zeichnete sich bereits ab, womit dieser größere Rahmen ausgefüllt und der Schrecken der atomaren Kriegsführung kompensiert werden sollte.

Populärwissenschaftliche Comics der Energie-Industrie, die in der Bevölkerung euphorisch für die friedliche Nutzung der Kernenergie warben…

…wurden vom Verteidigungsministerium gefördert. Nur wenige wußten, daß sie eine Propagandawaffe um das atomare Wettrüsten im kalten Krieg waren.

Eisenhower beauftragte seinen Sonderassistenten C. D. Jackson, dem „Candor“-Memorandum den gewünschten positiven Anstrich zu geben. Am 30. Juli 1953 machte Lewis Strauss, der Gordon Dean kurz zuvor als Vorsitzender der Atomenergiebehörde (AEC) abgelöst hatte, den Vorschlag, für das beabsichtigte Vorhaben nicht länger die Bezeichnung „Candor“ zu verwenden: „Wenn man sage: ‚Jetzt wollen wir offen sein‘, so beinhaltet dies, daß bis jetzt betrogen worden ist.“

Wenig später regte Vizepräsident Richard Nixon an, „ob es nicht möglich wäre, die vorgeschlagene Haltung der USA zu diesem Gegenstand so herauszuputzen, daß es zumindest nach ‚neuer Story‘ aussieht …“

Der entscheidende Schritt, mit welchem das „Candor“- zum „Atoms-for-Peace“-Projekt umgestaltet werden sollte, kam von Eisenhower selbst. Am 10. September 1953 sandte sein Sonderassistent für Fragen der Nationalen Sicherheit, Robert Cutler, ein mit „top secret“ versehenes Schreiben an Strauss und Jackson, in dem zu lesen stand:

„Heute morgen … regte der Präsident an, Sie sollten einmal über den folgenden Vorschlag nachdenken, auf den seines Wissens noch niemand gekommen ist: Angenommen, die USA und die Sowjets würden jeder an die UN für friedliche Zwecke X Kilogramm spaltbares Material übergeben. Die Menge X könnte so festgesetzt werden, daß wir sie aus unserem Vorrat leicht erübrigen können, daß er für die Sowjets jedoch nur schwierig zu erreichen wäre.“

Diesen letzten Satz ließ Lewis Strauss bezeichnenderweise in seiner Autobiographie unerwähnt, obwohl er den Brief Cutlers als Samenkorn für das Atoms-for-Peace-Programm ansonsten wörtlich zitierte.

Nach einer Woche antwortete Strauss, daß er „in Übereinstimmung mit Jackson“ zu dem Schluß gekommen sei: „Der Vorschlag ist neu und könnte für Propagandazwecke von Wert sein. Als praktischer Schritt ist er von zweifelhaftem Wert, und zwar aus folgenden Gründen:

  • Unser Geheimdienst … ist über den Größenunterschied zwischen unseren und den sowjetischen Vorräten an spaltbarem Material nicht sicher genug informiert, und wir wissen auch nichts über ihre gegenwärtigen Produktionsraten und das Ausmaß bei der Entwicklung ihrer Rohstoffe…
  • Einer unserer Hauptvorteile ist unser Vorrat an spaltbarem Material, wogegen vermutlich einer der Hauptvorteile bei den Sowjets in ihrer offensichtlich raschen Expansion begründet liegt. Unter dieser Voraussetzung könnte sich der Vorschlag eher zu ihrem als zu unserem Vorteil auswirken.
  • Seit Beginn der thermonuklearen Entwicklung … hat sich die relative Bedeutung eines Vorrats von spaltbarem Material verringert; denn Spaltstoff wird dabei nur noch als Zünder benutzt, während ganz andere Substanzen, nicht spaltbare, die thermonukleare Explosion bewirken.“

Nun begann in dem kleinen Kreis der atompolitischen Experten und Präsidentenberater eine emsige Aktivität. Eisenhowers Vorschlag gab nicht nur dem bisherigen „Candor“-Problem, sondern auch der „Entwicklung der praktischen Kernkraft“ eine ganz neue Dimension. Das Etikett „friedlich“ ließ die beiden Projekte als eine einzige, gemeinsame Initiative erscheinen, geleitet von dem Streben nach nuklearer Abrüstung.

Strauss, der noch kurz vorher die Gründe genannt hatte, warum er den Eisenhowerschen „Atomic pool“-Vorschlag nicht als praktikablen Schritt, wohl aber für Propagandazwecke brauchbar fand, trat als der wesentliche Architekt jener „Atoms-for-Peace“-Rede in Erscheinung, mit der Eisenhower am 8. Dezember 1953 auf einer UN-Vollversammlung den weltweiten Einstieg in die Kernenergie proklamierte.

Die Rede begann mit dem ursprünglichen „Candor“-Anliegen, der atomaren Bedrohung. Daran knüpfte Eisenhower die Zuversicht, daß die beiden Supermächte nun nicht haltmachten wie „zwei Atomkolosse, böswillig dazu verurteilt, einander auf alle Ewigkeit über eine zitternde Welt hinweg anzustarren.“

Dann kam die Wendung zum Positiven: „Es genügt nicht, diese Waffe aus der Hand des Soldaten zu nehmen. Sie muß in die Hände derer gelegt werden, die es verstehen, sie ihrer militärischen Formen zu entkleiden und in Werkzeuge des Friedens zu verwandeln … Ich unterbreite daher folgenden Vorschlag: Die hauptsächlich betroffenen Regierungen sollen in dem durch die elementare Klugheit gebotenen Ausmaß jetzt damit beginnen und darin fortfahren, aus ihren Vorräten von normalem Uran und spaltbaren Materialien gemeinsame Beiträge für eine internationale Atomenergiebehörde zu leisten. Wir würden erwarten, daß eine derartige Behörde unter der Ägide der Vereinten Nationen errichtet wird … Die wichtige Aufgabe dieser Atomenergiebehörde wäre die Ausarbeitung von Methoden zur Verteilung dieses spaltbaren Materials für die friedfertigen Vorhaben der Menschheit … Die an diesem Vorhaben beteiligten Länder würden damit einen Teil ihrer Stärke der Aufgabe widmen, den Nöten der Menschheit und nicht deren Verängstigung zu dienen…“

Während Atoms-for-Peace, wie die Rede genannt wurde, dem Wortlaut nach als nukleare Abrüstungsinitiative erschien, gaben die atompolitischen und militärstrategischen Planer im US-Außen- und Verteidigungsministerium der Nuklearrüstung mehr Gewicht als je zuvor.

Mit einer als „new look“ bezeichneten Doktrin sollten zunehmend Atomwaffen im westlichen Bündnis eingeführt werden, um dadurch konventionelle Streitkräfte zu ersetzen und für eventuell nötige Truppenbewegungen größere Flexibilität zu erreichen.

Auch die um dieselbe Zeit entwickelte Strategie der „massiven Vergeltung“, die vor allem auf die Initiative von Außenminister Dulles zurückging, betonte den Gebrauch von Atomwaffen. In den diplomatischen Verhandlungen mit der Sowjetunion kam es zu keinerlei Abrüstungsvereinbarungen.

Bei einer Besprechung im Weißen Haus hatte Dulles „zum wiederholten Mal“ betont, „daß wir durch diese Diskussionen (mit der Sowjetunion) die uns freundlichen Nationen zu der Auffassung bringen sollten, daß der Streit über die atomare Rüstungskontrolle nicht eine bilaterale Meinungsverschiedenheit zwischen den USA und der UdSSR ist, sondern vielmehr eine Kluft zwischen der UdSSR und dem Rest der freien Welt.“

Nach knapp einem Jahr ergebnisloser Verhandlungen – die Quellen sind nicht ausreichend, um diesen diplomatischen Schauplatz des kalten Krieges angemessen zu dokumentieren – verschwand der internationale „atomic pool“, in dem die USA von Anfang an keinen „praktikablen Schritt“ zur Abrüstung gesehen hatten, auch aus der internen Diskussion.

„Nachdem die UdSSR einen Mangel an Interesse an diesem Vorschlag bekundet hat, haben wir das Pool-Konzept ausrangiert.“ Mit dieser Äußerung machte Gerhard Smith, der atompolitische Experte des Außenministeriums am 1. November 1954 die Sowjetunion für das „Scheitern“ der Verhandlungen verantwortlich.

Die Atoms-for-Peace-Propaganda beschränkte sich jedoch nicht auf diplomatische und rhetorische Auftritte. Schon am Tag nach Eisenhowers UN-Rede adressierte dessen Sonderassistent Jackson an einen mit der Koordinierung der Atoms-for-Peace-Operationen befaßten Ausschuß ein Memorandum über die „Folge-Auswertung der Präsidentenrede vor der UN“. Darin drängte er: „Da die Vorschläge des Präsidenten eine direkte Herausforderung für die Friedens-Propaganda darstellen, bei der die Sowjets beinahe ein Monopol haben, ist es von äußerster Wichtigkeit, ein integriertes, nationales Programm aufzustellen mit dem Zweck, ein Klima der Weltmeinung zu erreichen, in dem die vom Präsidenten gemachten Vorschläge angenommen und befolgt werden können.“

Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern des Außenministeriums, der US-Information Agency (USIA), des Koordinierungsausschusses, der AEC und der Bundeszivilschutz-Behörde (Federal Civil Defense Administration) sollte „sowohl für die heimische wie die internationale öffentliche Meinung“ entsprechend Propaganda treiben. Ein Tätigkeitsbericht dieser Arbeitsgruppe vom 10. März 1954 beschreibt den Umfang dieser „Folge-Auswertung“:

Neben der weltweiten Verbreitung der Rede sowie der Produktion und Verteilung ergänzender Broschüren und Filme („praktisch jede AEC-Abteilung und -Einrichtung wurde einbezogen, um notwendiges Material für andere Stellen, hauptsächlich die USIA, bereitzustellen“) wurden auch Ausstellungen vorbereitet. Von einem Pressedienst wurden „der freien Welt täglich die jüngsten Entwicklungen auf dem Gebiet der friedlichen Atomtechnik“ mitgeteilt.

„Die ‚Stimme Amerikas‘ verkündet in sachlicher Berichterstattung diese entscheidenden Entwicklungen den gefangenen Völkern hinter dem Eisernen Vorhang und der Bambuswand … über 266 US-Firmen priesen die Rede in ihrer internationalen Korrespondenz, für 300 internationale Journalisten wurde ein Atomindustrie-Forum arrangiert … über verschiedene UN-Stellen wurden Filme und Nachrichten verbreitet, noch nie wurde in den letzten Jahren eine UN-Rede mit so großem UN-Filmaufwand bedacht.“

Während die nationale und internationale Propaganda-Maschinerie auf Hochtouren lief, zeigten die USA bei der militärischen Verwendung der Nukleartechnologie weniger Zurückhaltung denn je zuvor. Zwischen April 1952 und Mai 1954 führten die USA vier Atom(spaltungs)- und Wasserstoffbomben-Testserien durch. Die letzte dieser Testreihen fand zwischen dem 28. Februar und 5. Mai 1954 unter der Bezeichnung „Castle“ auf dem Eniwetok-Atoll statt.

Zweck dieser Tests war die Perfektionierung der Wasserstoff-Bombe. Als nach einer Testexplosion die Mannschaft eines japanischen Fischerboots durch radioaktiven Niederschlag schwer geschädigt wurde – einer starb an den Folgen der Strahlenkrankheit – und eine erste große Protestwelle gegen eine Fortführung der Atombombe-Tests die amerikanische Öffentlichkeit aufzurühren begann, hatte dies in den amerikanischen Regierungskreisen nur die Folge, daß Propagandavor- und -nachteile der Atompolitik noch sorgfältiger als zuvor gegeneinander abgewogen wurden.

Der Fortgang des Atoms-for-Peace-Projekts wurde nicht beeinträchtigt, im Gegenteil: „Ein Weitermachen ist insbesondere nützlich, um die verschiedenen Äußerungen über ‚massive Vergeltung‘, die Auswirkung des Fallouts der thermonuklearen Tests im Pazifik auf die Weltmeinung, sowie die Unsicherheit der Lage in Indochina zu kompensieren“, empfahl am 17. Mai 1954 der Direktor der US-Dienststelle für UN-Politik und Sicherheitsfragen Wainhouse.

Nach der negativen Publicity als Folge der Atomtests wurden „substantielle“ Schritte der USA für die Atoms-for-Peace-Planer immer dringlicher: Es „sollte maximaler psychologischer Vorteil aus den Schritten der USA im Atomenergie-Bereich gewonnen werden. Minister Dulles meinte, die Bedeutung für das Erscheinungsbild der USA vor der Welt als friedvoller Staat könne kaum überschätzt werden. Die Propaganda, uns wegen unserer atomaren Kapazitäten als Kriegstreiber hinzustellen, hat unermeßlichen Schaden angerichtet.“

Diesen protokollierten Sätzen von einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats vom 12. August 1954 wurde schon am darauffolgenden Tag mit einem Bericht Nachdruck verliehen, in dem neben dem Vorschlag einer Internationalen Atomenergiebehörde auch erstmals alle anderen Maßnahmen des Atoms-for-Peace-Programms konkretisiert wurden, die in den folgenden Jahren den internationalen Atom-Boom bestimmen sollten.

Darunter zählte insbesondere die Bereitstellung einer „vernünftigen Menge von U-235 (radioaktives Uran-Isotop), das nicht Waffenqualität besitzt“, zum Betrieb von Forschungsreaktoren, ein Hilfsprogramm zum Bau von kleinen Reaktoren „für ausgewählte Länder“ sowie Kurse zur Reaktorausbildung für ausländische Wissenschaftler. Bei allen Lieferungen von Kernbrennstoffen „sollten die USA sich das Recht vorbehalten, das Spaltmaterial nach dem Gebrauch in den ausländischen Reaktoren zurückzubekommen…“

Wenig später bat der amerikanische UN-Vertreter Lodge Präsident Eisenhower um grünes Licht für eine Ankündigung vor der UN, welche Menge von Spaltmaterial die USA dem Atoms-for-Peace-Programm zur Verfügung stellen würden: „…was all das mit Leben erfüllt, fehlt noch. Da wäre die Feststellung durch die USA, daß sie eine bestimmte Menge Spaltmaterial beiseite legt, um dieses Programm anlaufen zu lassen. Die vor einigen Wochen genannte Zahl war 100 Kilogramm (U-235) – genug, um damit 30 – 40 Experimentierreaktoren zu aktivieren … (Atoms for Peace) sollte diesen ‚Schuß in den Arm‘ bekommen, eine festgesetzte Menge an Spaltmaterial, sagen wir 100 Kilogramm.“

Forschungsreaktoren und das zu ihrem Betrieb nötige angereicherte Uran-235 (6 kg pro Empfängerland) stellten die handfesten, technologischen Atoms-for-Peace-Gaben dar, deren Transfer in bilateralen „6 kg“- oder „Standard-Abkommen“ reglementiert wurde. Vertragspartnern, die das „6-kg-Abkommen“ ausgeschöpft hatten, wurde in „Leistungsreaktor-Abkommen“ weiteres angereichertes Uran in Aussicht gestellt.

Damit war das Programm wesentlich mehr als nur Propaganda. Es schuf eine entscheidende Voraussetzung für den späteren Siegeszug des Leichtwasser-Reaktors, dessen Brennstoffversorgung im Unterschied zu den verschiedenen Natururan-Reaktortypen die aufwendige, aber in den Vereinigten Staaten vor allem für den Bombenbau und für U-Boot-Reaktoren ausgebaute Uran-Anreicherungstechnologie voraussetzte. Solange ein Empfängerstaat nicht über diese Technologie verfügte, besaßen die USA mit den „Atoms-for-Peace“-Abkommen eine wirkungsvolle Kontrolle über die Nuklear-Entwicklung ihrer Vertragspartner.

Die Ursprünge des Leichtwasser-Reaktortyps, der ausschließlich als weltweit „erfolgreichster“ Kraftwerksreaktor durchgesetzt wurde, sind für sich genommen bezeichnend für den Kontext, in dem der Anfang der friedlichen Kernenergie-Entwicklung gestanden hat.

Er war ursprünglich als Teil als Teil des militärischen Nuklearprogramms der USA für den U-Boot-Antrieb entwickelt worden: Die durch angereichertes Uran mögliche kompaktere Bauweise machte Leichtwasser-Reaktoren für diesen Zweck geeigneter als solche mit Natururan.

Als nächste Entwicklungsstufe sollte der Leichtwasser-Reaktor als Flugzeugträger-Antrieb verwendet werden: Auf einer Sitzung des nationalen Sicherheitsrats im Mai 1953 maßen die Teilnehmer dem Projekt jedoch nicht die nötige Priorität zu.

Daraufhin hatte Strauss den Vorschlag gemacht, das „Großer-Schiffsreaktor-Programm getrennt von seinen militärischen Aspekten weiterzuführen“. Damit könne „die Lücke bei der friedlichen Nutzung der Atomenergie geschlossen werden … Die AEC hätte ein Pilotkraftwerk zur Erprobung der Kernenergie im Sinn.“

So formuliert, paßte der „Große Schiffsreaktor“ in die beginnende Atoms-for-Peace-Planung. Man beschloß, den Schiffsreaktor als Prototyp eines stromerzeugenden Kraftwerksreaktors an Land aufzustellen. Eisenhower leitete die Zeremonie zur Grundsteinlegung am 6. September 1954, um den von Anfang an beabsichtigten Demonstrationscharakter dieses Bauvorhabens als Atoms-for-Peace-Schlager mit der erwünschten Publizität auszustatten.

Ein weiterer Atoms-for-Peace-Programmpunkt betraf die Veranstaltung einer internationalen wissenschaftlichen Konferenz, die unter der Ägide der UN stattfinden sollte. Auch dabei legte man auf Seiten der US-Regierung Wert darauf, daß „die Kontrolle über den Konferenzverlauf durch uns oder uns nahestehende Regierungen wirksam gewährleistet“ wurde.

Nach Ansicht von Außenminister Dulles sollte die von politischen Fragen unbelastete „wirklich internationale Konferenz“ und „die Tatsache, daß der Vorschlag dazu von uns kam“, als „Beweis für unsere positive und bestimmte Führungsrolle“ dienen.

Für die Entstehung einer weltweiten Atomeuphorie Mitte der fünfziger Jahre war nach den ersten Maßnahmen zur Verbreitung der Eisenhower-Rede vom 8. Dezember 1953 jene internationale Wissenschaftlerkonferenz die Hauptursache, die unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen schließlich im August 1955 in Genf stattfand und als spektakulärer Auftakt eine Reihe weiterer „Genfer Atomkonferenzen“ einleitete.

Laura Fermis Buch über diese Konferenz („Atome für die Welt“) gibt einen anschaulichen Eindruck von der Stimmung vieler Kongreßbesucher, die von anfänglicher Skepsis und Neugier durch die schier überwältigenden Angebote an Vorträgen und Ausstellungen in Begeisterung und Euphorie angesichts so vieler Neuheiten umschlug. Das Buch und die Autorin waren Bestandteil der „Atoms-for-Peace“-Propaganda: Strauss hatte deswegen Laura Fermi zur „Historikerin der Konferenz“ erhoben.

Die mit dem Atoms-for-Peace-Projekt erzeugte Atom-Euphorie und vor allem die konkreten Uran- und Forschungsreaktorlieferungen leiteten seinerzeit einen Kernenergie-Boom in weltweitem Maßstab ein. Mehr als 40 Staaten nutzten das Angebot und vollzogen ihren Einstieg in das Atomzeitalter mit Atoms-for-Peace, darunter nicht nur Industrienationen wie die Bundesrepublik Deutschland.

„Watts for Hottentots“ – spotteten einige Zeitgenossen in den Vereinigten Staaten, die in dem Programm eine fehlgeleitete Selbstlosigkeit zu erkennen glaubten.

Eine breite Untersuchung der Folgen dieses „Altruismus“ für die Beziehungen der USA zu ihren bilateralen und multilateralen Vertragspartnern steht noch aus. Sie dürfte vor allem zeigen, daß Atoms-for-Peace als integraler Bestandteil amerikanischer Außenpolitik ein Mittel wurde, um – wie geplant – in der Politik der jeweiligen Partnerstaaten mit handfesten „Gaben“ und Bedingungen US-Interessen durchzusetzen.

Eine B-57B beobachtet den Nuklearwaffentest „Operation Redwing“ auf dem Bikini-Atoll am 12. Juli 1958. (Bild nicht aus dem obigen „bdw“-Artikel)

Siehe auch: Wie Israel sich die Atombombe erschwindelte von C. F. Robinson

Online-Quelle hier

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