Spacewreck: Die Wächter von Avalon

Von Cernunnos (Originalveröffentlichung hier). Diese Geschichte ist im selben „TTA-Universum“ angesiedelt wie Stewart Cowleys Buch „Spacewreck“ und eine Fortsetzung von Spacewreck: Kinder der Götter. Die Bilder sind von Edward Blair Wilkins, Eddie Jones und Colin Hay.

Ulf Janssen durchquerte das Raumdock C der Alferi-Raumbasis und strebte seinem Schiff zu, das bereits außerhalb davon abflugbereit angedockt lag. Aus der zum Weltraum hin offenen Konstruktion des Docks konnte er im Hintergrund drei Kreuzer der Terran Defence Authority im aktinischen Licht von Alpha Eridani schweben sehen. Selbst hier, zwölf Milliarden Kilometer von diesem auch als Achernar bekannten blauen Doppelstern entfernt, war sein Glanz nicht viel schwächer als jener von Sol aus der Erdumlaufbahn gesehen.

Er und seine Schiffskameraden hatten seit dem Abenteuer auf Beta Fornacis III einiges erreicht, dachte Janssen. Nachdem der Kapitän und Eigner ihres damaligen Schiffes, der Paquita, auf diesem Planeten zurückgeblieben war und ihnen somit das Schiff überlassen hatte, waren sie zunächst zum Bestimmungsort ihrer illegalen Fracht aus Nuklearsprengmitteln geflogen, um diese abzuliefern und das Transportentgelt zu kassieren.

Auf dem Weg dorthin war es unter der zusammengewürfelten Besatzung zu Streitigkeiten um die Aufteilung dieses Geldes, das ursprünglich ihrem Kapitän gehört hätte, sowie der Eigentumsanteile an der Paquita gekommen. Dieser Konflikt hatte zu Kämpfen an Bord geführt, die erst endeten, nachdem ein Drittel der Mannschaft tot war und die Mehrheitsfraktion unter der Führung des Ersten Offiziers Ranjit Aghdashloo, der auch Ulf Janssen angehörte, gewonnen hatte. Anschließend hatte man sich darauf geeinigt, daß das Frachtentgelt zunächst für die vollständige Reparatur der Paquita verwendet werden und der Rest nach dem Schlüssel an die Männer ausbezahlt werden sollte, wie sich ihre mit dem Kapitän vereinbarten Löhne zueinander verhielten. Das Eigentum am Schiff selbst teilten sich die Überlebenden gleichmäßig untereinander auf.

Da Janssen Erster Pilot der Paquita gewesen und auch ingenieurstechnisch sehr versiert war, hatte er eine relativ hohe Lohneinstufung gehabt und entsprechend stark von dieser Regelung profitiert. Nach mehreren weiteren lukrativen Flügen mit dem wiederhergestellten Schiff hatte er genug Geld beisammen, um sich selbständig machen zu können. Seinen Eigentumsanteil an der Paquita ließ er sich von den anderen Mannschaftsmitgliedern abkaufen, und zusammen mit seinen Ersparnissen aus seiner Zeit als Offizier der Terran Trade Authority, bevor er bei der Behörde in Ungnade gefallen war, reichten seine Mittel für die Anzahlung auf ein eigenes Schiff. Fünf seiner Kameraden – drei davon kannte er bereits aus seiner TTA-Zeit – ließen sich ebenfalls auszahlen und schlossen sich ihm an.

Janssens Wahl fiel auf die Tauris, einen ehemaligen bewaffneten TTA-Transporter der Tharsis-Klasse, von der nur wenige Exemplare gebaut worden waren, weil sich die Handhabung und Wartung dieser leistungsfähigen Raumschiffe als zu anspruchsvoll für die drittklassigen Diversity-Quotenbesatzungen erwiesen hatte, die inzwischen meist für die Transportaufgaben der Terran Trade Authority eingesetzt wurden. Janssen war auf genau so einem Schiff, der Thule, Erster Offizier im Range eines Lieutenant Commander gewesen, eher er ungerechterweise aus der TTA flog, weil er korrupte Machenschaften seines Kommandanten JaDavin Shabraoui und dessen Komplizen aufgedeckt hatte:

Die Thule war auf einer Eiswelt bruchgelandet, nachdem zwei ihrer Fusionstriebwerke im Landeanflug versagt hatten. Kommandant Shabraoui hatte den mitgeführten Austauschsatz für hochbelastete Verschleißteile der Triebwerke schwarz verhökert und den vorgeschriebenen Austausch dieser Teile übergangen, was er mit schonendem Triebwerkseinsatz über das nächste Wartungsintervall auszugleichen hoffte. Wegen der damals herrschenden böigen, stürmischen Turbulenzen waren sie in schnellerem Landeanflug als üblich auf Karelis III hinuntergegangen, und als die Triebwerke zum Abfangen vor dem Aufsetzen auf volle Normalleistung gefahren worden waren, war eines davon ausgefallen. Automatisch waren die beiden benachbarten Antriebe sofort auf Notleistung gegangen, mit der Folge, daß einer davon kurz darauf ebenfalls versagt hatte. Die Gravoaggregate hatten bei dieser Sinkgeschwindigkeit nicht ausgereicht, um den fehlenden Schub auszugleichen und vor dem Bodenkontakt einen Schwebezustand herzustellen, und so hatte die Thule in leichter Schräglage hart mit dem Heck aufgeschlagen und war anschließend – gebremst durch die Gravitoren im Vorschiff – umgekippt.

Nachdem die Besatzung durch ein kleines Scoutschiff gerettet worden war, hatte die TTA versucht, die Ursache des Unglücks zu vertuschen, um einen Korruptionsskandal zu verhindern, nachdem es zuvor schon weitere gegeben hatte. Als Janssen und drei seiner Kameraden – der Zweite Ingenieur Marc Auriol, der Erste Pilot Angus Craig und der Waffensystemoffizier Silvano Tassotti – auf der Wahrheit beharrten, hatte die TTA zunächst Druck auf die vier ausgeübt und sie schließlich aus ihrem Dienst ausgeschlossen. Janssen konnte es zwar nicht beweisen, aber er hatte den Verdacht, daß die Behörde auch durch verdeckte Einflußnahme dafür gesorgt hatte, daß fortan keine reguläre zivile Raumfluggesellschaft ihnen mehr einen Job gab. So war ihnen nichts anderes übriggeblieben, als unter Chalee Sameth auf der Paquita anzuheuern.

Nach seinem Ausscheiden aus der Paquita-Mannschaft hatte Janssen unter Nutzung seiner gewonnenen Erfahrungen die Prüfungen für eine zivile Transportraumer-Kapitänslizenz abgelegt, sodaß er im Unterschied zu seinem Ex-Kapitän Sameth ganz legal Transportdienste anbieten konnte. Dann hatte er die Tauris gekauft, die wie die wenigen anderen erhalten gebliebenen Schiffe der Tharsis-Klasse nach ihrer Ausmusterung aus dem TTA-Dienst zum Abverkauf an zivile Nutzer freigegeben worden war. Zwar ohne Bewaffnung, aber Janssen hatte vor, zum Wrack der aufgegebenen Thule zu fliegen, die immer noch auf der entlegenen Eiswelt Karelis III lag. Deren Waffenanlage, bestehend aus zwei unter Abdeckungen versenkbaren Lasergeschütztürmen mit halbkugeligem Schußfeld beiderseits des Rumpfes samt der dazugehörigen Nebenaggregate und der Feuerleitanlage, wollte er ausbauen und „schwarz“ in die Tauris integrieren. Auch diverse Ersatzteile für die Antriebsanlagen, die Reaktoren und die sonstigen Schiffssysteme konnten dort gewonnen werden. Ein Teil davon würde zusammen mit dem Hauptreaktor und dem Hyperantrieb von seinen ersten Auftraggebern verwendet werden, einer geheimnisvollen Gruppe, die ihm einen Teil des Geldes vorgestreckt hatte, das ihm auf den vollen Kaufpreis der Tauris noch gefehlt hatte, sodaß er für den Rest mit einem kleineren Kredit auskam. Außerdem wußte Janssen aus seiner Zeit bei der TTA und auch aufgrund späterer Recherchen, wo eine weitere verunglückte Einheit der Tharsis-Klasse zu finden sein könnte, nämlich die Thaumasia, die nach einem mysteriösen Zwischenfall aus der Schiffsliste der TTA gelöscht worden war.

Janssens Auftraggeber hatten das erste Schiff eines zweiten Bauloses der Tharsis-Klasse erworben, die Thalia, die wegen der beschlossenen Ausmusterung dieses Typs nicht mehr fertiggestellt worden war. Janssen und seine Mannschaft hatten diesen Leuten mit ihrer Expertise dabei geholfen, dieses Schiff weitgehend fertigzustellen und normalraumflugfähig zu machen, einschließlich Fusionstriebwerken, Hilfsreaktoren und Gravitoren, aber ohne Hyperantrieb und den für dessen Betrieb nötigen Hauptreaktor. Da die Thalia so nur zu interplanetaren Flügen innerhalb eines Sonnensystems fähig war, brauchte sie von der TTA nicht lizenziert zu werden. Im Laderaum eines gecharterten Großfrachters, mit dem ein Teil der Auftraggebergruppe mitfliegen würde, sollte sie ins Karelis-System gebracht und in den freien Weltraum ausgesetzt werden. Der Rest der Gruppe würde als Passagiere mit der Tauris dorthin reisen, die für sie auch einiges andere Material in ihrem Laderaum befördern würde. Beide Schiffe sollten dann auf Karelis III neben der Thule landen, worauf deren Hauptreaktor und Hyperantrieb in die Thalia und ihre Waffensysteme in die Tauris eingebaut werden sollten. Wenn das erledigt war, würde ein weiterer Geldbetrag auf Janssens Konto überwiesen werden, womit er einen Teil seines Kredits tilgen konnte. Anschließend war vorgesehen, zur Thaumasia zu fliegen und zu sehen, ob deren Waffenanlage für die Thalia übernommen werden konnte.

Wofür seine Auftraggeber Waffen an ihrem Schiff haben wollten, wußte Janssen nicht. Sie machten jedenfalls nicht den Eindruck von Piraten, daher zählte für Janssen nur, daß er nach einem erfolgreichen Abschluß auch dieses Auftragsteils genug Geld bekommen würde, um sein eigenes Schiff ganz abzahlen und schuldenfrei sein zu können.

Einen Tag später, nachdem der langsamere Großtransporter bereits abgeflogen war, legte auch die Tauris von der Alferi-Raumbasis ab und nahm, vorbei an Alpha Eridani A, Kurs auf ihr fernes Ziel. Getrieben von den Plasmastrahlen aus ihrem Heck steuerte sie eine der ausgewiesenen Sprungzonen im Achernar-System an, wo sie ihren Hauptreaktor hochfuhr und nach dem Abschalten ihrer Fusionsraketentriebwerke im Hyperraum verschwand.

Während der folgenden drei Wochen im Warpflug lernten die Männer der Tauris und ihre Passagiere einander allmählich näher kennen. Die Schiffe dieses Typs waren für eine größere Besatzung eingerichtet, als jetzt an Bord war, und waren außerdem nicht nur für den Frachttransport, sondern auch für die Beförderung von verschiedenem TTA-Personal vorgesehen gewesen. In einem der Aufenthaltsräume saßen Janssen, Auriol und Craig mit mehreren der Mitreisenden beisammen, als der Zustand der Terranischen Föderation und ihre mögliche zukünftige Entwicklung zur Sprache kam.

„Bei der öffentlichen Darstellung ist sicher viel Propaganda dabei“, sagte der Anführer der Gäste, der sich Eirik nannte. „Es heißt, die Föderation würde einen Radius von mehreren hundert Lichtjahren umfassen, aber das ist in Wirklichkeit bloß der Entfernungsbereich, in dem bisher überhaupt Menschen gereist sind. Der eigentliche Kolonisierungsradius liegt bei etwas mehr als hundert Lichtjahren, und nur wenige Außenposten sind so weit von Sol entfernt. Die meisten liegen näher.“ Er hielt kurz inne und fuhr dann fort: „Den meisten Leuten ist auch heute nicht wirklich bewußt, wie riesig das Weltall ist und wieviele Sterne es allein im Umkreis von hundert Lichtjahren gibt. Sechzig Lichtjahre ist die Entfernung, aus der man Sol oder einen vergleichbaren Stern am Nachthimmel eines Planeten schon nicht mehr mit freiem Auge sieht. In diesem Umkreis gibt es etwa tausendfünfhundert Sterne. Im Umkreis von hundertzwanzig Lichtjahren sind es schon zehn- bis zwölftausend. Da hätte die Föderation seit Beginn der interstellaren Raumfahrt mindestens dreißig Sonnensysteme pro Jahr erforschen müssen, um dieses Raumvolumen bis heute einigermaßen zu kennen. Die Erschließung und Besiedelung hunderter geeigneter Welten, die es darin geben könnte, ist nochmal eine andere Sache. Und mehrere hundert Lichtjahre sind völlig illusorisch.“

„Ja, das stimmt“, meinte Janssen. „Beta Fornacis, wo wir mit der Paquita waren, ist hundertdreiundsiebzig Lichtjahre von der Erde entfernt, und dort war vor uns auch noch nie ein Föderationsschiff.“

Eiriks Frau Annemor schaltete sich ein: „Wir haben uns die Fälle der weit entfernten Kolonien angesehen und herausgefunden, daß sie ausnahmslos von Gruppen gegründet wurden, die sich von der Föderation absetzen und eine eigenständige Existenz begründen wollten. Nur deshalb haben sie diese weiten Raumflüge auf sich genommen, die in der Anfangszeit sogar mehrere Generationen gedauert haben. Und wir haben auch festgestellt, daß es der Föderation bei ihren weitesten Forschungsflügen vorrangig darum geht, solche abgelegenen Kolonien aufzuspüren und wieder in ihr Imperium einzugliedern. Der extremste derartige Fall ist Alwaid, wo vor kurzem das Wrack des Siedlerschiffes Jancis Jo entdeckt wurde. Das muß man sich vorstellen: Dreihundertsechzig Lichtjahre sind die geflogen, mit den primitiven Möglichkeiten des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts, um von dieser korrupten, dirigistischen, bürokratisierten und multikulturellen Föderationszivilisation wegzukommen. Und dann scheitern sie am Ziel an einem Reaktorunfall.“

„Der könnte sehr wohl durch einen vorab eingebauten, vorprogrammierten Fehler verursacht worden sein“, warf Eiriks Stellvertreter Boris ein. „Wir haben uns die technischen Untersuchungsdokumente zu diesem Fall genauer angesehen, und da ist einiges seltsam. Es sieht so aus, als hätten TTA-Agenten schon vor dem Abflug der Jancis Jo sichergestellt, daß dieses Kolonialunternehmen scheitert. Und wir wissen von mehreren weiteren Verdachtsfällen, wo es solche Sabotage gegeben haben könnte. Die Föderation duldet keinen Ethnopartikularismus. Multiethnische Kolonien, die im Föderationsverband bleiben wollen, werden dagegen in Ruhe gelassen.“

„So etwas traue ich denen ohne weiteres zu“, meldete sich Angus Craig zu Wort. „Das öffentliche Bild der Föderation und der TTA beruht auf Selbstglorifizierung. Wenn es um die TTA geht, ist da die Rede vom Kampf für Ordnung und Gerechtigkeit gegen Chaos und Rebellion, von den besonderen Menschen, die es für Polizeiaktionen über Entfernungen von Lichtjahren braucht. Sachen, die ich selber geglaubt habe, als ich zur TTA ging. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Vielleicht nicht so sehr im Vermessungsdienst, wo richtige Forschung im Unbekannten betrieben wird und es nur mit wirklich guten Leuten geht. Aber überall sonst ist es umso schlimmer, im Transportdienst, in der Logistik, der Verwaltung und so weiter. Überall zunehmende Unfähigkeit, Korruption, ethnischer Nepotismus, Klüngelwirtschaft. Und keiner hinterfragt, wie gerecht denn diese Ordnung ist, und ob es nicht berechtigte Gründe gibt, dagegen zu rebellieren.“

Evridiki Synodinos, die Freundin des Lademeisters Alexios Papanikolaou und Sekretärin der Tauris, war inzwischen hinzugekommen und steuerte Beispiele aus der Erfahrung ihres eigenen Umfelds zu der Diskussion bei, die sich in weiterer Folge zu einer gemeinsamen Bekräftigung der Ablehnung der Terranischen Föderation und ihrer Institutionen entwickelte.

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Achtzehn Tage nach diesem Gespräch, dem weitere derartige gefolgt waren, fiel die Tauris plangemäß aus dem Warp, und in den Sichtfernstern waren wieder Sterne zu sehen. Auf dem Hauptbildschirm leuchtete die Sonne Karelis, ein Stern vom Spektraltyp G7, knapp vierzig Lichtjahre jenseits der Hyaden, und der Kursplot zu ihrem dritten Planeten war eingeblendet. Craig gab die Daten für den Anflug ein, während Auriol die Maschinerie beaufsichtigte und Tassotti mit den Ortungseinrichtungen das Sternsystem überwachte.

Karelis III hatte ungefähr die Größe der Venus, aber einen größeren Eisenkern als diese. Vier Monde umliefen den Planeten auf elliptischen Bahnen und heizten dessen Inneres mit ihren Gezeitenkräften auf, was vulkanische Aktivitäten und ein relativ starkes Magnetfeld sowie eine nur geringe Achsneigung zur Folge hatte. Die Ozeane dieser Welt nahmen etwa sechsundsiebzig Prozent ihrer Oberfläche ein, was aber beim Blick aus der Umlaufbahn nicht so erkennbar war, da sie zum Großteil zugefroren und ihre Eisflächen ebenso schneebedeckt waren wie die Inseln und die kleinen Kontinente.

Leben gab es auf dieser Welt fast nur in ihren Ozeanen, was zur Folge hatte, daß der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre mit sechs Prozent sehr niedrig war. Die einzige auffallende Lebensform an Land war eine Spezies bräunlicher Gewächse, die aus einem verkrümmten Stamm und einem Gewirr stützwurzelähnlicher Ranken bestanden und sich mit ihren langen und weitverzweigten Wurzeln tief in den Boden krallten. Nur alle zweieinhalb Erdenjahre trieben sie krautige Zweige mit grünen Blättern aus, wenn ihr Planet seiner Sonne auf seiner exzentrischen Umlaufbahn am nächsten war und knapp hundert Tage lang einen „Sommer“ erlebte. Das völlige Abfallen der Zweige und Blätter verringerte die Windangriffsfläche während der eisigen Winterstürme, die Orkanstärke erreichen konnten. Diese Gewächse kamen nur in den niedrigeren Breiten und vorwiegend dort vor, wo ihre Wurzeln von einer Erwärmung des Grundwassers durch geothermale Quellen profitierten. Minoru Chen, der Biologe auf der Thule während ihrer Unglücksexpedition, hatte ermittelt, daß diese Lebensformen zwischen tausend und zweitausend Erdenjahre alt werden konnten. Kleine tausendfüßlerähnliche Tiere nährten sich in der kurzen Vegetationsperiode von ihren Blättern, während spinnenähnliche Räuber Jagd auf sie machten. Im Winter überdauerten beide Spezies im Boden, wo auch wurmartige Wesen von den Feinwurzeln oder von organischem Abfallmaterial lebten.

Auf dieser Frostwelt ging nun die Tauris mit einem Feuerschweif nieder, geleitet von der gespeicherten Positionsangabe für die Thule in ihrem Navigationscomputer. Endlich kam das Wrack in Sicht. Es lag auf der Seite im Schnee, so wie Janssen und seine Kameraden es von den harten Monaten des Überlebens darin in Erinnerung hatten, nur daß es inzwischen auf einer Seite fast über die gesamte Höhe der Rumpfflanke mit Schnee zugeweht war. In senkrechter Lage wie ein schwebender Turm kam die Tauris herunter und setzte ganz in der Nähe ihres verunglückten Schwesterschiffs auf einer flachen, von Schnee freigewehten Felsformation auf, wobei Craig darauf achtete, daß die Schmalseite ihres Rumpfes der vorherrschenden Windrichtung zugewandt war. Nachdem alles gesichert war, legten die Männer Schutzkleidung an, setzten ihre Sauerstoffmasken auf und stiegen aus, um zum Havaristen hinüberzugehen und ihn zu untersuchen. Janssen, der sich illegal eine Kopie seines Zugangsschlüssels als TTA-Offizier hatte anfertigen lassen, als abzusehen gewesen war, daß man ihn aus der Behörde entfernen würde, entsperrte alle Zugangsschleusen und die Laderaumluke am Heck.

Zur Erleichterung aller stellte sich bald heraus, daß alles, was man hier holen wollte, noch vorhanden war. Während Lademeister Papanikolaou, seine Freundin Evridiki und der Zweite Ingenieur Tomislav Batinić mit den Vorbereitungen für die Gewinnung von Wasserstoff aus dem Schnee der Umgebung begannen, um die Tanks der Tauris wieder aufzufüllen, nahmen die anderen den kleinen Kernspaltungs-Hilfsreaktor im Bug der Thule wieder in Betrieb, um deren Bordsysteme versorgen zu können. Trotz der jahrelangen Liegezeit ließ sich dies ohne Komplikationen bewerkstelligen, da die Reaktoranlage sachgemäß eingemottet worden war. Dann gingen sie daran, Geschützturm 1 samt der Richtanlage und des Zielerfassungsteleskops als Komplettbaugruppe zu demontieren und mit dem mitgebrachten Hebezeug auf eine fahrbare Lastplattform zu verladen. Die bleiche Sonne stand schon tief über den Felsgraten im Westen, als sie damit zur Tauris fuhren und das Lasergeschütz an deren Seite zu der Einbauöffnung hinaufhievten. Nachdem es dort hineingezogen und montiert worden war und man alle Anschlüsse hergestellt hatte, machte Tassotti noch eine kurze Funktionsprobe, fuhr den Turm aus, schwenkte ihn in alle Richtungen und zog ihn dann wieder ein. Die Geschützabdeckung wurde geschlossen, und dann versammelten sich alle zum Abendessen in dem einen Aufenthaltsraum, wo mehrere größere Sichtluken einen Ausblick über die im Abendrot liegende Landschaft ermöglichten. Jenseits einer Ansammlung der bizarren Pseudobäume fiel das Gelände in eine weite Talmulde ab, hinter der sich wie riesige erstarrte Ozeanwellen schneebedeckte Hügelrücken erhoben, teils von Felskuppen gekrönt. Das Licht schwand zusehends, verlor wieder an Farbe, und noch vor dem Ende des Abendessens war es draußen dunkel geworden.

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Zwei Tage später landete die Thalia gleich neben der Tauris. Inzwischen war bereits der zweite Geschützturm und die Energiespeicheranlage für die Waffen eingebaut, und Tassotti hatte die Laser einsatzfertig justiert. Hierfür war eine Anzahl von Kalibrierungsschüssen erforderlich gewesen, zunächst auf Felsformationen in der näheren Umgebung, dann auf immer fernere Geländemerkmale und schließlich auf gerade noch über dem Horizont sichtbare Berggipfel. Anschließend war das Schiff in den Weltraum gestartet und hatte den innersten Mond angesteuert, um auf dessen Oberfläche weitere Kalibrierungsschüsse auf bis zu fünftausend Kilometer Distanz abzugeben. Danach war man wieder bei der Thule gelandet, um den Ausbau des Hauptreaktors und des Hyperantriebs so weit voranzutreiben, daß die Aggregate nach der Ankunft des Empfängerschiffes bereits aus dem Heck des Wracks gehoben und zu ihrem neuen Einbauort verfrachtet werden konnten.

Nachdem die Umrüstung einschließlich der nötigen Justierungsarbeiten vollendet war und die Thalia auch einen kurzen Überprüfungsflug durchgeführt hatte, gingen die beiden Schiffsbesatzungen daran, die Thule weiter zu zerlegen und alle noch brauchbaren Teile davon, einschließlich der Struktur- und Hüllenteile und des Innenausbaus, für den Abtransport durch ein weiteres Schiff vorzubereiten, das laut Mitteilung der Auftraggeber demnächst kommen sollte. Dieses traf weitere zwei Tage später ein – ein großer alter Raumfrachter, kein Hecklander wie die Tharsis-Klasse, sondern ein Flachlander, der in horizontaler Rumpflage aufsetzte. Dies erleichterte das Verladen der Teile der Thule, von der aufgrund ihrer demontagefreundlichen Bauweise schließlich nur noch die beschädigten Teile als trauriger Überrest am Ort der Bruchlandung zurückblieben.

Drei Wochen nach der Landung der Tauris hoben alle drei Schiffe nach einer kurzen Feier nacheinander ab und stiegen in den Abendhimmel, wieder den Sternen entgegen.

Nachdem der Transporter sich verabschiedet hatte und zu einem Ziel abgeflogen war, über das Eirik und seine Leute sich ausschwiegen, hatten die beiden anderen Raumschiffe das erste der Sonnensysteme angesteuert, die als Ort des Verschwindens der Thaumasia in Frage kamen. Nach dem, was Janssen über diesen Fall hatte herausfinden können, hatte die korrupte Besatzung dieses TTA-Schiffes sich zu irgendeinem krummen Geschäft mit Raumpiraten getroffen, und dabei war es zu Streit und Kampf gekommen. Dies hatte einen technischen Zwischenfall zur Folge gehabt, durch den beide Besatzungen umgekommen waren. Nur einige wenige der Piraten hatten sich – strahlenverseucht – mit einem kleinen Begleitschiff retten können, waren aber später gestorben. Janssen hatte die Geschichte von einem der zwielichtigeren Männer an Bord der Paquita gehört, der sie seinerzeit von einem der entkommenen Piraten vor dessen Tod erzählt bekommen hatte. Ein Abgleich mit seinem TTA-internen Wissen über den „Fall Thaumasia“ und weiteren Rechercheergebnissen hatte Janssen bestätigt, daß da etwas dran sein mußte, und die in Frage kommenden Sterne, in deren System das passiert war, hatte er auf sehr wenige, nahe beieinanderliegende eingrenzen können. Alle waren vom Spektraltyp M und lagen im Orionarm der Galaxis, tiefer als Sol zu dessen Mitte hin und im Durchschnitt etwa hundertdreißig Lichtjahre von Sol entfernt.

Nach knapp vier Wochen war das Zielsystem erreicht, und die beiden Schiffe teilten sich auf, um es nach der verschwundenen Thaumasia abzusuchen. Der Erzählung zufolge sollte der Zwischenfall in der Nähe des innersten Planeten stattgefunden haben, daher konnte die Suche auf das innere System beschränkt werden. Drei erfolglose Tage später, nachdem auch die beiden innersten Planeten nach Überresten eines Absturzes gescannt worden waren, trat man den viertägigen Warpsprung zum nächsten Kandidaten an, einer Zwergsonne vom Typ M6.

Dort blieb die Suche zunächst ebenfalls zwei Tage lang ohne Erfolg, aber dann wurde unerwartet nahe am Stern ein winziger Lichtpunkt entdeckt, der sich um diesen bewegte und eine stärkere Infrarotstrahlung abgab, als dem Spektrum des Sterns entsprach. Radarmessungen ergaben Entfernung, Geschwindigkeit und Bahndaten, und nach kurzer Beobachtung wurde auch eine deutliche periodische Helligkeitsveränderung festgestellt. Seltsam war, daß das unbekannte Objekt deutlich größer als ein Schiff der Tharsis-Klasse war und auch eine unregelmäßige, asymmetrische Form zu haben schien. Mit der Tauris in Führung flogen die beiden Schiffe das Gebilde an, das gerade dabei war, hinter der Rundung des Sterns zu verschwinden.

Als der Abstand auf dreißigtausend Kilometer geschrumpft war, wurde durch das Hauptteleskop erkennbar, daß es sich um zwei miteinander verbundene Objekte handelte, die langsam umeinander rotierten. Mit weiterer Annäherung stellte sich heraus, daß es tatsächlich die Thaumasia war, die mit ihrem ausgefahrenen Maglock-Arm und ihrer Transferröhre längsseits mit einer Fregatte der Ranger-Klasse verkuppelt war. Dieser Schiffstyp war der Nachfolgetyp der Quantum-Klasse, der auch die Paquita angehört hatte. Das Schiff, das man hier vor sich hatte, mußte die Resolution sein, die in einem der notdürftig vertuschten Korruptions- und Schlampereifälle der TTA in den Besitz von Piraten gekommen war, die sie seitdem für ihre Zwecke eingesetzt hatten. Die weitere Betrachtung durch das Teleskop zeigte, daß die Außenhülle der Thaumasia zwischen dem mittleren und dem hinteren Schiffsdrittel verformt, aufgebläht und stellenweise sogar aufgerissen war, was darauf hindeutete, daß der dort eingebaute Fusions-Hauptreaktor aus irgendeinem Grund explodiert war.

Mittlerweile war der sonnenächste Bahnpunkt fast erreicht, und die Sensoren hatten ein weiteres, sehr kleines Objekt geortet, das den beiden verbundenen Geisterschiffen in etwa zwei Kilometern Abstand auf seiner Bahn folgte. Auf den Bildschirmen wurde schließlich ein offener kleiner Wartungsscooter von ungewöhnlicher Bauart sichtbar, in dessen vorderem Sitz noch ein toter Raumfahrer in einem Spezialschutzanzug saß, während die Leiche eines zweiten ein paar Meter davon entfernt schwebte, mit Versorgungsleitungen noch mit der havarierten Maschine verbunden.

Warum die beiden Männer sich auf diese Weise aus ihrem Schiff begeben hatten, würde wohl für immer unbekannt bleiben. In der Zentrale der Tauris herrschte Schweigen, während das Schiff dieses grausige Zeugnis einer mysteriösen Katastrophe passierte und zu den beiden stummen Fahrzeugen aufschloß.

Da ein längeres Verweilen so nahe über der Oberfläche der Zwergsonne nicht ratsam war, wurden rasch Vorbereitungen für das Abschleppen des Wracks und seines anscheinend unversehrten Nachbarn getroffen. Die Tauris und die Thalia klammerten sich zunächst mit ihren Außengreifern an je eines der beiden Schiffe, um deren Rotation mittels Schubmanövern zu stoppen. Dann wurden Schlepptrossen befestigt und der Schiffsverbund auf eine Geschwindigkeit beschleunigt, die ihn auf einer noch viel gestreckteren Ellipsenbahn in eine zuträglichere Sonnenentfernung tragen würde. Nach diesem Schubmanöver wurde ausgeklinkt, um mit weiterem Triebwerkseinsatz schneller auf diese Distanz zu beschleunigen und dort auf die beiden toten Schiffe zu warten.

Nach erfolgtem Rendezvous mit ihnen wurden sie mit einer weiteren Schleppaktion auf eine annähernd kreisförmige Bahn gebracht und dann die Untersuchung ihres Inneren mittels Wartungs- und Inspektionsrobotern vorgenommen. Es stellte sich heraus, daß tatsächlich der Hauptreaktor der Thaumasia explodiert war und den benachbarten Fusions-Hilfsreaktor und den Hyperantrieb zerstört hatte. Die Fusionstriebwerke und der Großteil der Gravitoren waren noch intakt. Allerdings war der Habitatbereich der Thaumasia durch Spaltprodukte aus dem Primärkühlkreislauf des kleinen Hochtemperatur-Kernspaltungsreaktors im Bug radioaktiv verseucht, wobei sich nicht feststellen ließ, wie es zu dem Leck gekommen war. Diese Verstrahlung betraf auch die Transferröhre und war sogar noch in der Verbindungsschleuse der Resolution und den unmittelbar daran angrenzenden Räumen schwach feststellbar. Die Fregatte selbst war intakt, wie es auch von außen schon den Anschein gehabt hatte.

Die Leichen der beiden Besatzungen fand man großteils über das Innere der Thaumasia verstreut; ein kleinerer Teil – offenbar alle der Piratenmannschaft angehörend – war an Bord der Resolution gestorben. Trotz ihrer völligen Ausdörrung durch die jahrelange Hitze von mehreren Hundert Celsiusgraden in den schließlich luftleeren Schiffen war an ihnen immer noch erkennbar, daß sie an etlichen verschiedenen Ursachen gestorben waren. Drei Männer waren zur Unkenntlichkeit verkohlt worden, als nach der Reaktorexplosion Plasma in das Abteil durchgeschlagen hatte, in dem sie sich befunden hatten. Viele waren durch Schüsse aus Blastern getötet worden, die immer noch zwischen den Toten lagen. Wieder andere hatten mechanische Verletzungen erlitten, und die Opfer der Strahlenkrankheit waren an den festgebrannten Krusten erkennbar, die ihr Erbrochenes hinterlassen hatte. Alle wurden in den Weltraum entsorgt, ehe man sich weiter mit den Schiffen befaßte.

Die Habitat-Elektrik der Resolution wurde provisorisch aus dem Bordnetz der Thalia versorgt, und nachdem die beiden Besatzungen sich darauf geeinigt hatten, daß das Schiff den Auftraggebern als Finanziers dieser Expedition gehören sollte, wurde ein Teil ihrer Gruppe von den TTA-erfahrenen Männern um Janssen in ihre Handhabung eingewiesen. Alle ihre Systeme wurden überprüft und betriebsbereit gemacht, die Tauris und die Thalia gaben eine ausreichende Menge Wasserstoff an ihre völlig leeren Tanks ab, und dann flog die Fregatte mit ihrer neuen Kernmannschaft zum dritten Planeten des Systems, einer kalten, düsteren Supererde, auf deren kleinem, innersten Mond man spektroskopisch Wassereisvorkommen festgestellt hatte. Dort sollten ihre Tanks vollständig aufgefüllt werden. Währenddessen demontierten die anderen Männer die intakt gebliebenen Waffenanlagen der Thaumasia und bauten sie in die Thalia ein. Dabei untersuchten sie auch, was von dem Wrack sonst noch verwendbar wäre. Eiriks Gruppe hatte besonderes Interesse an jenen Teilen, die den bei der Thule durch die Bruchlandung beschädigten entsprachen, welche als unbrauchbar zurückgelassen worden waren. Die Idee war, aus dem brauchbaren Material beider Schiffe ein weiteres zusammenzubauen, das unbewaffnet und ohne Hyperantrieb eingesetzt werden sollte, solange keine entsprechenden Aggregate verfügbar waren. Zumindest für die Waffenanlage hoffte man, später einmal Ersatz schaffen zu können. Eirik hatte schon eine Namensidee für dieses Fahrzeug: Nuada, nach einem König aus der heidnisch-irischen Mythologie, der in einer Schlacht einen Arm verloren hatte, welcher ihm später durch einen aus Silber ersetzt worden sein sollte.

Anschließend trafen beide Schiffe sich auf dem eishaltigen Mond mit der Resolution, die bereits fertig aufgetankt war und kurz darauf zu demselben geheimgehaltenen Ziel abflog, zu dem auch der Frachter mit dem von der Thule geborgenen Material entschwunden war. Die Inneneinrichtung der Fregatte war zwar durch die Hitzeeinwirkung in der engen Umlaufbahn um den Zwergstern stark in Mitleidenschaft gezogen worden, teilweise verformt und verfärbt bis verschmort und würde am Ziel durch eine komplette Neuausstattung ersetzt werden müssen, aber für diesen einen Flug würde ihre Mannschaft es schon noch damit aushalten.

Als die Tauris und die Thalia ihre Wasserstoff- und Frischwassertanks gefüllt hatten und die Überweisung der für die vollständige Auftragserfüllung vereinbarten Restzahlung per Hyperfunk veranlaßt und bestätigt worden war, stiegen beide Schiffe in einen engen Orbit um den Eismond auf und koppelten sich mittels Transferröhre aneinander. Eirik hatte einen neuen Vorschlag zu machen und dafür Janssen und seine gesamte Besatzung zu einer Besprechung mit ihm, Boris und Annemor in der Messe der Tauris eingeladen.

„In den dreizehn Wochen dieser Unternehmung haben wir uns nicht nur miteinander immer mehr angefreundet“, begann Eirik, „sondern meine Leute und ich haben uns auch ein Bild von euren Ansichten und Idealen, euren politischen Vorstellungen und Lebenswünschen gemacht, um entscheiden zu können, ob das, was ich euch jetzt vorschlagen werde, für euch überhaupt interessant sein könnte – und ob wir es riskieren können, euch in die Existenz dieser Möglichkeit einzuweihen.“ Er sah die Tauris-Leute nacheinander bedeutsam an. „Würde es euch gefallen, euch auf einer geheimen, von der Föderation unabhängigen Kolonialwelt anzusiedeln? Bürger einer von vierundvierzig souveränen Nationen zu werden, die dort vor zwei Jahrhunderten von verschiedenen europäischstämmigen Volksgruppen gegründet worden sind?“

Die sieben sahen Eirik verblüfft an, und nach kurzem Nachdenken sagte Janssen: „Ja, das würde mich schon interessieren. Natürlich müßten wir mehr über diese Welt und ihre Staaten wissen: wie die Lebensbedingungen dort sind, wie lange die Reise vom Föderationsraum dorthin dauert, wie die politischen und rechtlichen Verhältnisse aussehen… und wieso interessiert ihr euch gerade für uns?“ Seine Kameraden gaben zustimmende Bemerkungen von sich.

„Zuerst einmal zur Frage: warum ihr?“, ging Eirik auf Janssens Einwürfe ein. „Ihr seid alle qualifizierte Raumfahrer europäischer Abstammung. Ihr lehnt die Föderation ab, und die Mehrzahl von euch hat persönlich schlechte Erfahrungen mit der TTA gemacht. Ulf besitzt eine Raumkapitänslizenz und ein modernes, schnelles Transportschiff mit verdeckter Bewaffnung und einer regulären TTA-Registrierung, und ihr könnt uns mit eurem Knowhow den Betrieb eines gleichartigen Schiffes beibringen. Wir besitzen zwar eine Anzahl von Raumschiffen, aber die sind großteils älteres Material, das wir auf unauffällige Weise aus der Föderation besorgen konnten. Unsere gesamte Weltbevölkerung beträgt derzeit gut zwölf Millionen; das ermöglicht zwar schon eine gewisse autarke Industriebasis, aber die Kapazitäten für den Bau von Sternenschiffen sind erst im Aufbau.“ Er überlegte kurz und fuhr dann fort: „Um zu den Gründen zurückzukommen, warum wir euch für uns gewinnen wollen: ihr seid Föderationsbürger, habt aber keine besonderen persönlichen Bindungen in der Föderation mehr. Ihr könnt für uns Direktbesorgungen in der Föderation machen und sie entweder in unbeobachteten Systemen an unsere unlizenzierten Transporter übergeben oder direkt zu unserer Welt bringen. Bisher haben wir nur ganz wenige Schiffe, mit denen das möglich ist. Großteils beauftragen unsere Agenten in der Föderation unlizenzierte Schiffe wie Ihre ehemalige Paquita mit dem Schwarztransport des Materials zu geheimen Übergabeorten, wo sie dann von unseren Schiffen übernommen werden. Vor allem beim Transport sensibler, wichtiger Güter oder für die vertrauliche Personenbeförderung würden wir uns aber lieber auf loyale eigene Raumschiffbesatzungen verlassen. Und mit einem Schiff wie der Tauris könntet ihr auch wertvolle bewaffnete Geleiteinsätze für uns fliegen. Dazu später mehr; jetzt wird Annemor“ – er deutete auf seine Frau – „euch zunächst einmal Grundinformationen über unsere Welt Avalonia geben.“

Die hochgewachsene Blondine erhob sich, aktivierte per Fernbedienung einen bereits hinter den Tauris-Leuten aufgebauten Projektor, der Bilder und Videos neben ihr auf eine freie Wandfläche strahlte (eine Sicherheitsmaßnahme, um keine digitalen Spuren in der Bordelektronik der Tauris zu hinterlassen, falls deren Besatzung doch nicht zu Avaloniern werden wollte), und begann mit ihrem Vortrag, den sie mit Bildfolgen, Animationen und kurzen Videos ergänzte.

Avalonias Sonne Coll, ein Stern vom Spektraltyp G3, lag knapp vierhundert Lichtjahre von Sol entfernt, was mit schnelleren Raumschiffen eine Flugzeit von etwa neunzig Tagen vom Rand des inneren Föderationsraums aus bedeutete. Der Planet hatte einen Äquatordurchmesser von 12.974 Kilometern, eine Oberflächenschwerkraft von knapp zwei Prozent über Erdnorm, und seine Rotationsachse war um 17° zur Ekliptik geneigt. Avalonia besaß sieben Monde, deren größter einen Durchmesser von knapp viertausend Kilometern, aber nur etwa die Masse Lunas hatte. Die Ozeane bedeckten 84 % der Oberfläche dieser Welt, und der Sauerstoffanteil ihrer Atmosphäre, deren Dichte ungefähr der Erdnorm entsprach, lag bei gut 16 %, was auf Meereshöhe einen ähnlichen Sauerstoffpartialdruck wie auf der Erde in zweitausend Metern Seehöhe bedeutete.

Der von Menschen besiedelte Hauptkontinent Avalon lag zwischen 28° und 47° nördlicher Breite, hatte eine Nord-Süd-Ausdehnung von etwa zweitausendzweihundert Kilometern, war in Ost-West-Richtung gut siebentausend Kilometer lang und umfaßte eine Landfläche von rund elf Millionen Quadratkilometern, etwas mehr als Europa bis zum Ural. Der Kontinent verlief leicht schräg von Nordwest nach Südost und lag im Einflußbereich westlicher Winde. Daneben gab es fünf weitere Kontinente (zwei davon in Äquatornähe, drei in größerer Äquatorferne als Avalon und großteils von Meereis umschlossen) plus eine große Anzahl von Inseln. Avalonia, das von seiner Sonne etwas weniger Strahlungsenergie erhielt als Terra von Sol, war eine relativ kühle Welt, deren ozeanische Packeisgrenze im Norden und Süden zwischen dem fünfundvierzigsten und sechzigsten Breitengrad variierte. An den kältesten Stellen ihrer Polargebiete bildeten sich im Winter Trockeneisablagerungen aus ausgefrorenem Kohlendioxid.

Es war auch eine junge Welt, die bis vor rund elf Millionen Jahren noch ein „globaler Schneeball“ mit beinahe vollständig zugefrorenen Ozeanen gewesen war. Dann hatten mysteriöse Außerirdische, die nicht viel mehr als ein viele Kilometer langes Netzwerk aus Tunneln und Schächten im Untergrund des äquatornächsten Kontinents Cuadora hinterlassen hatten, in einem anscheinend gescheiterten Kolonisationsversuch die wenigen eisfreien Meeresflächen mit Phytoplankton von ihrer Welt besät und in großem Maßstab Methan aus unterseeischen Methanhydratablagerungen freigesetzt, um eine Erwärmung der Welt per Treibhauseffekt einzuleiten. Auch hatten sie Süßwasserpflanzen und kleine Süßwassertiere von ihrer Welt auf dem Grund der Binnengewässer von Cuadora angesiedelt, wo sie vor der damals noch starken Ultraviolettstrahlung geschützt waren. Diese Lebensformen hatten in den folgenden Jahrmillionen, während Avalonia durch die Ausweitung der offenen Meeresflächen immer wärmer wurde und der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre gestiegen war, allmählich amphibische und schließlich primitive landbewohnende Arten hervorgebracht, die Cuadora besiedelt hatten.

Dann waren vor gut siebentausend Jahren Außerirdische von einer anderen Spezies mit gigantischen Kolonisationsschiffen auf Avalonia gelandet, von denen zwölf immer noch als stumme Zeugen ihrer Anwesenheit in einer langen Doppelreihe auf Avalon standen. Sie hatten metallene Bauwerke über den Schachteingängen ihrer Vorgänger errichtet, anscheinend als Basen für deren Erforschung, und erneut Methanfreisetzung aus Methanhydrat betrieben. Allen Anzeichen nach waren sie nicht lange auf Avalonia geblieben, da kaum Spuren von Bauwerken außer jenen auf Cuadora entdeckt worden waren, als ob sie die ganze Zeit in ihren Raumschiffen gewohnt hätten. Da Avalon zu dieser Zeit noch ganzjährig schneebedeckt und in den Bergen vergletschert gewesen war, hatten sich auch keine eventuell von ihnen mitgebrachten Pflanzen und von diesen lebende Tiere dort ausbreiten können. Ob diese Wesen ausgestorben oder von Feinden ausgelöscht worden waren oder den Planeten aus irgendeinem Grund einfach wieder verlassen hatten, blieb nach wie vor unbekannt. Eine von ihnen hinterlassene scheibenförmige Raumstation, die seit damals auf allmählich enger werdender Umlaufbahn wie ein Geisterschiff um Avalon kreiste, war allerdings beschädigt, was von einem Teil der avalonischen Wissenschaftler als Hinweis auf Konflikt gedeutet wurde.

Die metallenen Bauwerke, die von der zweiten Welle nichtmenschlicher Besucher über den jahrmillionenalten Schachteingängen auf Cuadora errichtet worden waren und von den menschlichen Siedlern als Forschungsstützpunkte weiterbenutzt wurden.

In der Mitte des 23. Jahrhunderts war dann eine aus fünfzig Passagierschiffen und hundertfünf Frachtern bestehende Flotte menschlicher Kolonisten ins Coll-System eingeflogen, nachdem ein Erkundungsschiff ihrer geheimen Ethnoseparatistenbewegung Avalonia als ideale neue Heimat entdeckt hatte. Diese Flotte, deren schon etwas ältere Schiffe unauffällig einzeln von der Erde und einer Anzahl von Koloniewelten der Föderation gestartet waren, um sich in einem unbewohnten Sonnensystem zum gemeinsamen Weiterflug zu sammeln, hatte eine erste Welle von rund fünftausend Siedlern auf den Kontinent Avalon gebracht, den sie sich anschließend in vierundvierzig nationale Territorien aufgeteilt hatten. Dort gründeten diese sämtlich von verschiedenen europäischen Völkern abstammenden Leute die Keimzellen ihrer zukünftigen souveränen Ethnostaaten, die in den seither vergangenen zwei Jahrhunderten durch starke natürliche Vermehrung und ständigen weiteren verdeckten Zuzug neuer Siedler auf Volksgrößen von jeweils zwischen zweihunderttausend und dreihunderttausend Menschen pro Nation angewachsen waren.

Avalon war inzwischen in seinen niedrigeren Höhenlagen von Feldern, Wäldern, Streuobstwiesen und Graslandschaften bedeckt, zwischen denen Ortschaften und kleine Städte eingestreut lagen. In seinen Binnengewässern, die noch wenige Jahrtausende zuvor dauerhaft zugefroren gewesen waren, gab es nun ausschließlich irdische Lebensformen. Avalonische Biologen hatten Varianten irdischer Zooplankton-Arten gezüchtet, die sich von dem außerirdischen Phytoplankton in den Ozeanen ernähren konnten, welches wie irdische Pflanzen mit Chlorophyll Photosynthese betrieb und Kohlenhydrate herstellte. Von diesem tierischen Mikroplankton lebten größere Zooplankton-Formen, die wiederum die Nahrungsgrundlage für eine von der Erde importierte Fischfauna bildeten. Auf den vorerst noch unbewohnt bleibenden Kontinenten – außer Cuadora – und Inseln, deren territoriale Aufteilung die avalonischen Staaten einvernehmlich untereinander geregelt hatten, wurde ebenfalls bereits eine Besiedelung durch irdische Lebensformen vorbereitet.

Politisch waren alle avalonischen Staaten in variierenden Formen demokratischer Systeme organisiert, die aufgrund ihrer ethnischen Homogenität und zusätzlich begünstigt durch die geringen Volkszahlen gut funktionierten. Meist war es so, daß es eine Grundstimme für jeden unbescholtenen Erwachsenen gab und man sich zusätzlich, wie bereits in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts im Roman „Starship Troopers“ eines Robert Heinlein angeregt worden war, eine Stimme sowie das Recht auf Ausübung eines Regierungsamtes durch Ableistung von freiwilligem Wehrdienst hinzuerwerben konnte.

„Die Entscheidung für diese Staatsform kam nicht nur deshalb zustande, weil die Koloniegründer sie sich so gewünscht hatten“, erklärte Annemor, „sondern auch, um unsere Nationen für weitere Siedler attraktiv zu machen und diesen ein Vertrauen in unsere Regierungen zu ermöglichen. Um nur loyale Leute zu gewinnen und die Wahrscheinlichkeit feindlicher Unterwanderung möglichst gering zu halten, sind wir bei der Rekrutierung neuer Kolonisten immer weitgehend nach dem Prinzip ‚Freunde werben Freunde‘ vorgegangen. Das heißt, daß auf Avalonia heimisch gewordene Menschen Föderationswelten besuchen und dort vertrauenswürdige Angehörige oder Freunde im persönlichen Kontakt als Neusiedler anwerben. Da sie zu diesen ein persönliches Naheverhältnis haben, werden sie ihnen die Verhältnisse bei uns wahrheitsgemäß schildern, und wenn sie ihnen dann sagen würden: ‚Wenn ihr zu uns kommt, habt ihr nichts zu sagen und müßt euch einer autoritären Obrigkeit fügen, die ihr nicht kennt‘, dann werden sie kaum jemanden von einer Übersiedlung überzeugen können.“

Sie erläuterte dann noch kurz das Währungssystem der Nationen auf Avalonia, das nach einem Prinzip funktionierte, welches sich erstmals bereits im achtzehnten Jahrhundert in den frisch unabhängig gewordenen Vereinigten Staaten von Amerika in Form der Colonial Scrips bewährt hatte: es wurde Geld von einer staatlichen Währungsbehörde zinsfrei und im richtigen Verhältnis zu den Erfordernissen von Handel und Industrie ausgegeben, und dieses System funktionierte genauso problemlos wie sein Vorbild sieben Jahrhunderte zuvor.

Nachdem Annemor den Projektor ausgeschaltet und sich wieder hingesetzt hatte, entwickelte sich eine Gesprächsrunde, bei der etliche Einzelfragen der Tauris-Besatzung von dem avalonischen Trio beantwortet wurden. Unter anderem erhielten Janssen und seine Kameraden für den Fall einer Ansiedlung in einem avalonischen Staat zugesichert, daß sie sich großzügig bemessene Wohngrundstücke würden als Einbürgerungsprämie aussuchen können. Dies entsprach gesetzlichen Bestimmungen, mit denen für unabhängig tätige Raumfahrer, die ja jederzeit in den Föderationsraum fliegen konnten, eine zusätzliche Bindung an ihre neue Heimat geschaffen werden sollte. Die Besprechung endete schließlich mit einem gemeinsamen Abendessen, nach dem sich die Anwerbekandidaten zu einer Beratungs- und Bedenkzeit bis zum folgenden Tag zurückzogen.

Am nächsten Morgen traf man sich wieder in der Messe, und Janssen gab bekannt, daß er und seine Mannschaft sich vollzählig zu einer Ansiedelung auf Avalonia entschlossen hatten, jeder in einem Staat, der seiner ethnischen Herkunft entsprach. Nachdem diese Entscheidung mit der Unterzeichnung einer Anzahl von Dokumenten und in einer anschließenden kurzen Angelobungsfeier besiegelt worden war, mit der die Tauris-Leute sich auch zum Antritt ihres einjährigen Grundwehrdienstes mit anschließendem, ebenfalls einjährigen freiwilligen Zusatzwehrdienst verpflichteten, kündigte Eirik an, daß Boris ihnen nun ihren nächsten Auftrag erläutern würde, den sie bereits im Rahmen dieses Wehrdienstes ausführen sollten. Dabei würde die Tauris, die Janssens Eigentum blieb, vom gemeinsamen Verteidigungsrat der avalonischen Nationen gechartert und ihre Besatzung mit dem Grundwehrdienstsold entlohnt werden. Janssen selbst würde den Rang eines Kapitänleutnants der Raumstreitkräfte von Sternheim, dem deutschen Staat auf Avalonia, erhalten.

Boris teilte ihnen mit, daß sie gemeinsam mit der Thalia ein großes Transportschiff nach Avalonia eskortieren würden. Dabei handelte es sich um das ehemalige Kolonisationsschiff Auriga der TTA, das als Passagierschiff an eine zivile Raumfluggesellschaft hätte abverkauft werden sollen. Stattdessen war es auf dem Überführungsflug zu dem Raumhafen, wo der Verkauf hätte stattfinden sollen, von der kleinen Überführungsbesatzung „abgezweigt“ worden, die man als Neusiedler rekrutiert und dem Kommando mehrerer eingeschleuster avalonischer Agenten unterstellt hatte.

Dieses Raumschiff wurde nun vom Verteidigungsrat für Sammeltransporte neuer Kolonisten mitsamt ihrem Übersiedlungsgut und diversem anderem Material nach Avalonia verwendet. Hierzu traf es sich jedesmal in abgelegenen Sonnensystemen mit einer Anzahl nicht lizenzierter Zubringerschiffe, von denen die Menschen und Güter übernommen wurden, ehe es in mehreren Etappen seine neue Heimatwelt anflog. Da man den teils zwielichtigen Besatzungen dieser illegal tätigen Zubringerschiffe, den sogenannten „Jackern“, nicht recht traute und bei einer so wertvollen Beute wie der Auriga mit der Möglichkeit rechnete, daß jemand den Ort und die Zeit eines Treffs an Piraten weitergab, wollte man diese Flüge in Zukunft mit bewaffneten Geleitschiffen sichern. Gegenwärtig befand die Auriga sich wieder auf einer Abholtour durch den inneren Föderationsraum, und der letzte Treff mit Zubringern vor ihrem Heimflug sollte in vier Wochen im Procyon-System erfolgen. Nachdem alle verbleibenden Details abgeklärt waren, lösten die Tauris und die Thalia sich voneinander, starteten ihre Schubantriebe und beschleunigten aus dem System des roten Zwergsterns hinaus, fast senkrecht zur Bahnebene seiner Planeten. Als der Schwerkraftgradient des Planeten, den sie verlassen hatten, ausreichend flach geworden war, gingen sie mit Kurs zu Procyon in den Warp.

Nach einem ereignislosen Flug erschienen die beiden Schiffe nahe dem weißen Zwergstern Procyon B. Der Hauptstern dieses Systems, eine weißlichgelbe F5-Sonne, strahlte in gut zwei Milliarden Kilometer Entfernung backbord voraus, und dreißig Grad oberhalb davon, über dem linsenförmig verdickten Zentralbereich der Galaxis, leuchtete ein weiterer gelblicher Stern. – Sol –, dachte Janssen, – nur elfeinhalb Lichtjahre entfernt. Wie lange ist es her, daß wir unserer Heimatsonne zuletzt so nahe waren? – Er konzentrierte sich wieder auf die Instrumente und studierte die Ortungsanzeigen für die achtere Raumhemisphäre, während Tassotti am Waffenleitstand aufmerksam jene für die vordere beobachtete. Bald war klar, daß noch kein anderes Schiff anwesend war.

Neunzehn Stunden später erschien die Auriga im System, nahe genug, daß in etwas mehr als einer Stunde das Rendezvous mit ihren wartenden Eskorten erfolgen würde. Janssen beobachtete sie auf dem Anzeigebildschirm des Hauptteleskops, als sie während der Annäherung immer größer wurde. Es war ein gewaltiges Fahrzeug; Janssen kannte den Typ. Am vorderen Ende des länglichen Überlicht-Antriebsteils, der den Hyperantrieb, den Hauptreaktor und einen Teil der Fusionsraketentriebwerke sowie den Großteil des Treibstoffs enthielt, befand sich der abkoppelbare runde Habitatabschnitt, mit dem auf Planeten gelandet wurde, während der Hinterrumpf in der Umlaufbahn verblieb. An vielen Stellen zeigten Reihen erleuchteter Sichtluken die Lage der dreiundzwanzig Decks an. Als die drei Schiffe sich einander auf etwa dreißig Kilometer genähert hatten, ließen sie sich antriebslos treiben und warteten auf das Eintreffen der fünf Zubringerschiffe. Diese erschienen im Verlauf der folgenden zwanzig Stunden relativ pünktlich jeweils im Abstand von etwa drei Stunden, dockten vorne an der Auriga an, um ihre Passagiere umsteigen zu lassen und Fracht umzuladen, koppelten dann wieder ab, entfernten sich zu festgelegten Sprungzonen und verschwanden. Während dieser ganzen Zeit wechselten sich in den beiden Geleitschiffen immer jeweils zwei Männer mit der Wache an der Flugsteuerung und den Waffenkontrollen ab und hielten sich bereit für den Fall, daß ein feindliches Fahrzeug auftauchte. Doch es blieb bis zum Schluß ruhig.

Der runde Vorderrumpf der Auriga mit den erleuchteten Passagierdecks.

Als schließlich das letzte der Jacker-Schiffe verschwunden war, machten die Auriga und ihre Begleiter sich bereit für den Abflug zu ihrer letzten Zwischenstation vor dem Aufbruch zur langen Schlußetappe ins Coll-System. Es sollte zum nahegelegenen roten Zwergstern YZ Canis Minoris gehen, wo die Tanks noch einmal ganz mit Wasserstoff aufgefüllt werden sollten. Hierfür wollte man auf einer der Polkappen eines knapp marsgroßen Planeten in diesem System landen, dessen Schwerkraft schwach genug war, daß die Auriga auf ihm mitsamt ihrem Hinterrumpf niedergehen und wieder von dort starten konnte. Die drei Schiffe entfernten sich weit genug voneinander, daß ihre Warpfelder keine störenden Einflüsse aufeinander ausüben würden, fuhren dann ihre Hauptreaktoren hoch und begaben sich auf den kurzen Sprung zum Nachbarstern.

Neun Tage später trafen sie dort ein. Als der Abstand zum Zielplaneten auf weniger als zweihunderttausend Kilometer geschrumpft war, drehte die Auriga sich um neunzig Grad zur Flugbahn, sodaß ihre senkrecht zu ihrer Längsachse eingebauten Fusionstriebwerke auf die voraus schwebende kleine Welt wiesen, zündete die Antriebe und begann mit der Abbremsung der Differentialgeschwindigkeit. Ihre beiden Begleiter, die aufgrund ihres günstigeren Schub-Masse-Verhältnisses viel stärker abbremsen konnten, hatten stattdessen gleich nach dem Wiedereintritt in den Normalraum sogar noch kurz auf YZ Canis Minoris IV zu beschleunigt und befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits dreißigtausend Kilometer vor ihr im antriebslosen Flug.

Da die drei Schiffe fast senkrecht zur Planetenbahnenebene in das Zwergsternsystem eingedrungen waren, näherten sie sich ihrer Zielwelt von deren Nordpolseite her, in einem Winkel von nur zwanzig Grad zu ihrer Rotationsachse. Da auf der Nordhalbkugel gerade der Winter einsetzte und die Wassereiskappen um den Nordpol immer mehr von ausfrierendem Kohlendioxidschnee zugedeckt wurden, bestand der Plan darin, um den Planeten herumzufliegen und am Rand seiner Südpolkappe zu landen, wo durch den beginnenden Frühsommer die Trockeneisablagerungen durch Sublimation in Gasform übergingen und die darunterliegenden Wassereisschichten freigaben.

Ulf Janssen, der als TTA-erfahrener Offizier den taktischen Oberbefehl über den kleinen Schiffsverband hatte, wollte die Aufenthaltszeit bis zum Weiterflug möglichst kurz halten, um die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, daß währenddessen von eventuellen Spionen an Bord der Zubringerschiffe informierte Feinde im System erschienen. Deshalb ließ er während der antriebslosen Annäherungsphase das kleine Beiboot der Tauris ausschleusen, das als unbemannter Instrumententräger vorausfliegen und einen geeigneten Landeplatz ausfindig machen sollte, da wegen der wechselnden Wetterentwicklung schwer vorauszusagen war, wo gerade am meisten Eis bei landungsgünstiger Topographie bloßlag. Dadurch sollten die Tauris und die Thalia praktisch ohne Verzug landen und mit dem Füllen ihrer Wasserstofftanks beginnen können, sodaß sie so früh wie möglich wieder in den Orbit aufsteigen konnten, um die Auriga zu decken, die ihren Treibstoffvorrat deutlich später ergänzt haben würde.

Fünfundwanzig Minuten nach dem Beginn des Bremsmanövers der Auriga zündete das Beiboot sein Triebwerk, um den Planeten anzubremsen, und sieben Minuten später taten das auch die Tauris und die Thalia. Eine Stunde danach trat das Beiboot mit seiner Bauchseite voran in die äußeren Atmosphärenschichten ein, um seine Geschwindigkeit mittels Aerobremsung weiter zu verringern. Als seine Tangentenbahn es wieder über die Atmosphäre hinaustrug und es nicht mehr von leuchtendem Plasma eingehüllt wurde, kam die Lasercomverbindung zwischen ihm und der Tauris wieder zustande. Es drehte sein Triebwerk wieder in Flugrichtung und setzte seine Abbremsung fort.

Plötzlich wurde es auf der üblichen zivilen Standardfunkfrequenz für Schiff-zu-Schiff-Kontaktaufnahme angerufen: „Unbekanntes Schiff! Identifizieren Sie sich über Lasercom, gehen Sie auf Landekurs zum Südpol und senden Sie nicht über Radio, oder wir schießen Sie ab!“

In der Zentrale der Tauris, wohin diese Nachricht mittels Lasercom weitergeleitet worden war, sah man sich überrascht an. Tassotti, der die Datentelemetrie aus dem Beiboot kontrollierte, meldete Sekunden später: „Zwei Kontakte! Tausendfünfhundert Kilometer voraus antriebslos auf orbitalem Gegenkurs in hundertfünfzig Kilometer Höhe, etwa zwanzig Kilometer Querabstand voneinander. Schiffe zwischen Korvetten- und Fregattengröße, Typ nicht erkennbar.“

Auf dem Überhorizont-Lagebildschirm, der das Telekamerabild des Beibootes zeigte, erschienen zwei Lichtpunkte, umgeben von Kreissymbolen, neben denen Angaben zu Geschwindigkeit, Kursvektor und Entfernung eingeblendet waren. Der linke Kontakt war mit „1“ markiert, der rechte mit „2“.

„Piraten?“ fragte Eirik.

„Ziemlich sicher“, antwortete Janssen. „TTA-Einheiten würden nicht mit dem sofortigen Abschuß drohen.“

„Verdammt!“ warf Boris ein. „Die müssen wirklich von einem der Jacker Hinweise über die Treffs bei Procyon B bekommen haben. Das haben wir jetzt einmal zu oft dort gemacht, und sie müssen spätestens nach dem vorigen Mal irgendeine Meßsonde in diesem System hinterlassen haben, die unseren Warpsprung angemessen und die Daten aufgezeichnet hat. Wahrscheinlich auch schon beim vorletzten Mal, sodaß sie jetzt wissen, daß wir nach dem Treff immer hierherfliegen. Und da sie sich denken konnten, was wir hier wollen, war es für sie relativ leicht, uns hier zum richtigen Zeitpunkt aufzulauern. Die werden wohl auf der Oberfläche gewartet haben, und nachdem sie unseren Hyperraumaustritt angemessen hatten, sind sie uns auf dem Weg entgegengeflogen, den wir wegen der Kürze nehmen würden.“

„Aber sie haben nicht damit gerechnet, daß wir das Beiboot vorausschicken“, sagte Janssen. „Ziemlich sicher rechnen sie auch nicht damit, daß unsere beiden Schiffe schon so nahe dahinter sind – und daß wir bewaffnet sind. In den nächsten sechs Minuten sind wir für sie noch hinter dem Horizont.“ Er setzte seine bereits begonnenen taktischen Überlegungen kurz fort und gab dann seine Anweisungen: „Angus und Thalia! Querabstand unserer Schiffe auf achtzig Kilometer vergrößern; Flugbahn so ändern, daß wir die Gegner zwei Kilometer tiefer als sie passieren. Sobald sie über den Horizont kommen, halten wir unsere Hecks ständig auf sie gerichtet, winkeln die Triebwerke so nach innen an, daß ein möglichst eng gebündelter gemeinsamer Plasmastrahl entsteht, und geben Vollschub – maximaler Massedurchsatz bei minimaler Temperatur. Rotieren um Längsachse, daß ein Laserturm zum Planeten zeigt, und einer von ihm weg. Silvano und Thalia – Laser ausfahren und bereitmachen!“

Die Angesprochenen bestätigten, und während die Schiffe die befohlenen Manöver einleiteten, fügte Janssen als Erklärung für die Gäste hinzu: „Sichtbares Licht wird von Plasma absorbiert. Wenn wir unsere Triebwerke, die ja ringförmig um das Heck gruppiert sind, leicht nach innen anwinkeln, vereinigen sich ihre Strahlen zu einem langen Plasmaschweif, und wenn wir diesen auf die Gegner richten, müssen ihre Laserstrahlen ihn der Länge nach durchdringen und werden dabei zumindest teilweise absorbiert und gestreut. Die Gegner können das aber nicht nachmachen, weil sie dann aufeinander zu beschleunigen würden. In der Entfernung, wo der Plasmaschweif sich so weit ausgedehnt hat, daß er in die Schußlinie unserer eigenen Laser gerät, ist er aber schon so weit verdünnt, daß er sie nur wenig beeinträchtigt.“

Inzwischen hatten die Piraten ihren Anruf an das Beiboot bereits zweimal wiederholt, und Janssen gab seiner Besatzung und jener der Thalia bekannt, daß er es nun auf Rammkurs zu Gegner 2 steuern würde. Er schaltete von Autopilot auf Fernsteuerung um, ließ das kleine Fahrzeug herumschwenken und mit Überlastschub auf eines der beiden Schiffe zu beschleunigen. Dabei versetzte er es in schnelle Rotation um seine Längsachse, sodaß die Energie auftreffender Laserstrahlen sich über größere Flächen verteilen würde, und programmierte dem Autopiloten zufallsgesteuerte kleine Taumelbewegungen um den Abfangkurs herum ein, die den Gegnern das Ausrichten ihrer Strahlen erschweren sollten.

Diese begannen das Boot auch Sekunden nach dem Kurswechsel zu treffen. Das von ihm übertragene Bild erlosch nach einem grellgrünen Aufleuchten des Bildschirms, als seine Telekamera geblendet wurde, und während die Angaben zu den Gegnern weiter eingeblendet blieben, wurden sie eine Sekunde später bereits vom Bild der Weitwinkelkamera unterlegt, die aber ebenfalls kurz darauf zerstört war. Nun flog das Boot nur noch nach seinem Radar und seinen Infrarotsensoren, während seine Oberfläche immer heißer wurde und die Hitze nach innen weitergab. Janssen wies das Lebenserhaltungssystem an, zusätzlichen Sauerstoff in die Kabine strömen zu lassen, deren Innendruck dadurch immer mehr anstieg. Nach und nach begannen Bordsysteme auszufallen. Schließlich platzte einer der beiden Wasserstofftanks und ließ das Boot so heftig durch den Raum wirbeln, daß ein kontrollierter Weiterflug unmöglich war.

In diesem Moment löste Janssen die Selbstzerstörungssequenz aus, für die er das Boot für den Fall einer Verwendung als improvisierte Kamikazedrohne vorbereitet hatte: In der Wandung der Reaktionskammer des auf Überlast laufenden Triebwerks ließen acht kugelförmig um den Fusionskern angeordnete Ventile flüssigen Wasserstoff einströmen, worauf die Eindämmfelder abgeschaltet wurden. Der folgende Plasmaschlag zerriß die Reaktionskammer und die Wasserstoffzuleitungen, übertrug sich nach vorne und zerstörte die Zwischenwand zum Besatzungsabteil, worauf sich die sauerstoffreiche, überhitzte und unter mehreren Bar Druck stehende Kabinenluft mit dem Wasserstoff im Antriebsabteil vermischte und das Fahrzeug in der resultierenden Explosion auseinandersprengte.

Während Pirat Zwei sich noch aus der Bahn der heranrasenden Trümmerwolke zu manövrieren versuchte und beide Feindschiffe die gefährlicheren Stücke mit ihren Lasern beschossen, um deren Flugbahnen mittels Verdampfungsablation ihrer Oberflächen zu ändern, kamen bereits die Tauris und die Thalia über den Horizont und eröffneten sofort ein gutgezieltes Laserfeuer, das durch die bereits vorab genau bekannten Positionen ihrer Gegner möglich war. Letztere mußten erst noch etwas von der enormen Abwärme ihrer Laser abstrahlen, die bei dem vorherigen Beschuß des Beiboots angefallen war, ehe sie ihre Waffen wieder einsetzen konnten.

Die Besatzungen der beiden avalonischen Schiffe spürten den starken Beschleunigungsdruck ihrer Antriebe, als diese auf Vollschub gebracht und auf die Gegner gerichtet wurden. Währenddessen hielten ihre Laser einen Dauerbeschuß aufrecht, bei dem die beiden Türme jedes Schiffes abwechselnd im Millisekundentakt fokussierte Blitze auf denselben zehn Zentimeter durchmessenden Fleck auf einem der beiden Feindschiffe abfeuerten. Diese konnten nicht um ihre Längsachsen rotieren, wie es das Beiboot zuvor getan hatte, da sie sonst ihre eigenen Waffen aus der Schußlinie gedreht hätten. Als dann ihr Gegenbeschuß kam, erhitzte dieser großteils nur die Plasma-Schubstrahlen, die er längs durchdringen mußte, aber was von der Energie zu den Hecks der Tauris und der Thalia durchdrang, heizte deren Schubdüsen und Außenhüllen doch allmählich immer mehr auf.

Während die Entfernung zwischen den beiden kämpfenden Formationen rasch geringer wurde, boten die beiden Piratenschiffe sich immer mehr in schräger Seitenansicht dar. Unregelmäßigkeiten im stumpfroten Glühen der Radiatoren von Zwei deuteten darauf hin, daß dort Trümmerstücke des Beiboots getroffen hatten, was zur Folge hatte, daß dieses Schiff weniger von der Abhitze seiner Laser loswerden konnte und deshalb die Intensität seiner Waffenwirkung verringern mußte. Schon zeigten stoßweise Austritte weiteren Kühlmediums an, daß die Laserschüsse der Tauris dort zusätzliche Schäden bewirkt hatten, sodaß Tassotti nun einen Zielwechsel auf den Rumpf vornahm. Auch dort registrierten die Spektrometer bald immer wieder Emissionen verschiedener Gase und verdampfter Materialien, die darauf schließen ließen, daß tiefere Schäden und sogar Durchschüsse ins Rumpfinnere erzielt worden waren.

Währenddessen stiegen die Temperaturen an der heckseitigen Rumpfhülle und in den Triebwerken der Tauris immer weiter an; zwar noch nicht in bedrohlicher Weise, aber die Thalia, deren Gegner in seiner Waffenleistung noch weniger beeinträchtigt war, meldete bereits eine Annäherung an kritische Temperaturen. Zweieinhalb Minuten nach Beginn des Gefechts platzte jedoch ein Wassertank unter der Außenhülle von Pirat Zwei, riß die Rumpfseite auf und schuf eine Bresche, durch die die bereits auf einen Brennfleck von sechs Zentimeter Durchmesser fokussierten Laser der Tauris tiefer ins Innere wirken konnten. Sekunden später erfolgte dort ein gleißender Blitz – anscheinend von einem explodierten Hilfsreaktor -, worauf glühendheißer Wasserdampf aus dem Loch schoß, offenbar von Wasserstoffbränden im Rumpf. Das getroffene Schiff geriet in unkontrolliertes Taumeln, seine Triebwerke erloschen und sein Laserfeuer hörte auf. Sofort richtete Tassotti seine Waffen auf den anderen Gegner, der nun bereits fast genau von der Seite sichtbar war, ein länglicher Zylinder mit stumpf abgerundetem Bug. Kurz bevor Tassotti seine Feuerrate wegen Überhitzung des Laserkühlsystems hätte verringern müssen, erfolgte eine heftige Explosion im Vorderrumpf des Feindschiffes, das danach als totes Wrack auf seiner Umlaufbahn weitertrieb, sich um seine Querachse überschlagend. Anscheinend war seine gesamte Besatzung getötet und sein Kontrollsystem zerstört worden.

Tauris und Thalia, die sich bis zu diesem Zeitpunkt durch den zunehmend quer zur Flugrichtung erfolgten Schub bereits fast sechshundert Kilometer voneinander entfernt hatten, näherten sich einander wieder an und führten technische Überprüfungen durch, die schließlich Schadensfreiheit ergaben. Währenddessen setzten sie ihren Flug über die Südhalbkugel fort, machten einen geeigneten Landeplatz am Rand der Eiskappe ausfindig und übermittelten ihn zur Auriga, die ihren Anflugweg so geändert hatte, daß sie in eine höhere Umlaufbahn eintrat und über dem Horizont in Kommunikationssichtlinie war. Vierzig Minuten nach dem Kampf passierten sie ihre ausgeschalteten Gegner auf der anderen Seite des Planeten wieder und beschossen sie nochmals, um sicherzustellen, daß sie tot waren und blieben. Eine Stunde danach setzten sie nach fast eineinhalb Planetenumrundungen nahe der Auriga auf, die bereits auf Felsuntergrund unmittelbar am Eisrand gelandet war.

*     *     *

Zweiundneunzig Tage nach der Landung auf YZ Canis Minoris IV flammte die Sonne Coll auf dem zentralen Frontbildschirm der Tauris auf, und rechts davon war bereits die schmale Sichel von Avalonia erkennbar, umgeben von den kleineren Sicheln der sieben Monde. Während der Schiffsverband sich seinem Ziel näherte, wuchs in Janssen und seinen Kameraden die erwartungsvolle Neugier auf ihre neue Heimat – und auf die mysteriösen außerirdischen Schiffe, die dort seit sieben Jahrtausenden vergeblich auf Besuch von ihrer Ursprungswelt warteten. Eirik hatte ihnen erzählt, daß ein möglicher Zusammenhang zwischen den auf verschiedenen Welten hinterlassenen Raumschiffswracks außerirdischer Kolonisten vermutet wurde, die dort vor langer Zeit gescheitert waren und denen anscheinend keine Artgenossen mehr gefolgt waren, als ob ihre Herkunftszivilisationen durch irgend etwas vernichtet worden wären: auf Avalonia (zweimal!), auf Delta Gruis und auf Beta Fornacis. Auffallend war auch, daß alle diese Welten von der Erde aus gesehen auf derselben Himmelsseite lagen. Es gab auf diese Umstände gestützte Spekulationen, daß es irgendwo in dieser Richtung, in noch größerer Entfernung, irgendetwas gab, das in langen Zeitabständen immer wieder hochentwickelte Zivilisationen bedrohte, zum Aussenden von Kolonisten zwecks Erschließung von Ausweichwelten veranlaßte und schließlich deren Untergang herbeiführte.

In die zwölf riesigen Kolonisationsschiffe auf dem Kontinent Avalon hatte man bisher noch nicht eindringen können: Trotz ihres Alters waren zumindest Teile ihrer Systeme immer noch funktionsfähig, und mit seismischen Untersuchungen und Bodenradarmessungen war festgestellt worden, daß sie mittels Geothermalenergie gespeist wurden, für deren Gewinnung direkt unter ihnen tiefe Schächte in die Planetenkruste getrieben worden waren. Von ihren breiten Bugkuppeln wurden ständig Radarwellen in verschiedenen Frequenzen in den Himmel gesandt, und es war wahrscheinlich, daß die Schiffe ihre Umgebung auch noch mittels anderer Sensoren wahrnahmen. Auf Menschen hatten sie bisher zwar noch nicht merklich reagiert, aber man wußte aus Versuchen, bei denen man Meteoroiden auf Absturzbahnen in ihre Richtung gebracht hatte, daß sie solche Bedrohungen mit Laserblitzen zu zerstören imstande waren. Nach solchen Aktivitäten flimmerte die Luft über den Schiffen jedesmal stärker als sonst von der Abwärme ihrer Systeme, und da man nicht wissen konnte, wie hoch die maximal mögliche Leistung war, wieviel Energie im Inneren der mysteriösen Giganten gespeichert war und wozu sie sonst noch fähig sein mochten, wollte man es lieber nicht riskieren, gewaltsam in sie einzudringen und deswegen von ihren Computergehirnen als feindlich eingestuft und bekämpft zu werden.

Deshalb war man auch bei der Erforschung der scheibenförmigen Raumstation, die von derselben Zivilisation im Orbit um Avalonia zurückgeblieben war, sehr vorsichtig gewesen. Diese hatte zwar zur Zeit ihrer Entdeckung nur einen winzigen Energieumsatz aufgewiesen, der wahrscheinlich auf sehr begrenzter Solarenergiegewinnung beruhte, aber man hatte festgestellt, daß sie bei jedem Überflug der Kolosse auf dem Boden kurze Funkbotschaften mit diesen austauschte, sodaß auch hier brachiale Methoden nicht ratsam waren. Jedoch wies der Rand der Station auf einer Seite Beschädigungen unbekannter Ursache auf, und durch diese Breschen hatten Forschungsteams in die dahinterliegenden Abteile gelangen können. Über dort vorhandene Leitungen waren Teile der Stationssysteme mit Energie aus mitgebrachten Quellen versorgt worden, und durch behutsames Experimentieren mit den Öffnungsmechanismen der Luken zu den angrenzenden Bereichen und durch vorsichtiges Abmontieren von Abdeckungen zu Wartungsschächten, Leitungskanälen und Lüftungsrohren hatte man Zugang zu weiteren Abteilungen gewonnen. Mit solchen Methoden war mittlerweile der Großteil des Habitatbereichs, der leeren Lagerräume und der weniger wichtigen technischen Abteile für die menschliche Erforschung erschlossen worden. Auch die zentrale Andockbucht für Raumschiffe konnte man nun nutzen. Weitere Bereiche, in denen das Stationskraftwerk liegen mußte und wo auch eventuelle Waffen und Antriebsanlagen vermutet wurden, hatten sich jedoch bisher einer Öffnung widersetzt.

Diesem Objekt näherte sich nun die Tauris, während die Tharsis und die Auriga bereits zur Landung auf dem Planeten ansetzten. Die neunhundert Meter durchmessende Scheibe rotierte mit eineinhalb Umdrehungen pro Minute, was auf dem äußersten Habitatring eine Ersatzschwere von 1 g erzeugte. Zur Mitte hin verringerte sich diese Schwere immer mehr, und auf dem innersten Habitatring waren es nur noch 0,27 g.

Reihen von Lichtern zeigten die Sichtluken an, hinter denen Wissenschaftler und Techniker Forschungen betrieben. Mit den Monden Artus, Nimue und Morgaine im Hintergrund manövrierte die Tauris sich an das riesige Rad heran, das sie winzig erscheinen ließ, und wartete auf die kleine Orbitalfähre, die ihre Besatzung zu einer geführten Besichtigungstour durch die Raumstation abholen sollte.

Dieses Raumfahrzeug flog mit ihnen in die dunkle, runde Öffnung in der Mitte der Scheibe und näherte sich deren rotierender Außenwand, die eine ringförmige Landebahn bildete, auf der es mit ausgefahrenem Radfahrwerk aufsetzte, um sich durch Abbremsen der Räder auf die Umdrehung der Station mitnehmen zu lassen. Dann rollte es an eine Andockschleuse heran, durch die es seine Passagiere in das Innere der Station entließ.

Auf diesem Ring herrschte eine sehr geringe Schwere von einem Sechstel g wie auf der Oberfläche des Erdmondes, aber als die Besucher mit einem Aufzug auf den nächstäußeren Ring hinunterfuhren, nahm die Schwere bereits spürbar zu. Für Janssen und seine Kameraden war es faszinierend, diese uralte Konstruktion unbekannter nichtmenschlicher Wesen zu besichtigen, die mit den trapezförmigen Querschnitten ihrer Korridore und den strengen geometrischen Formen ihrer inneren Gestaltung den Eindruck einer fremdartigen Psyche ihrer Erbauer vermittelte. Über deren Aussehen war so gut wie nichts bekannt: man konnte nur aus der Höhe der Durchgänge erschließen, daß sie deutlich größer als Menschen gewesen waren; die wenigen Sitz- oder Liegemöbel deuteten einen sehr fremdartigen Körperbau an, und die dort vorhandenen Kontrolleinrichtungen ließen darauf schließen, daß sie vier Greifgliedmaßen besessen hatten. Das Spektrum der Innenbeleuchtung und die Normaltemperatureinstellung für die Innenräume wiesen darauf hin, daß sie von einer kühlen Welt eines F-Typ-Sterns kamen.

Nach einer zweistündigen Besichtigungstour ließen die Tauris-Leute sich wieder zu ihrem Schiff zurückbringen und bereiteten dessen Landung in der Nähe der fremden Raumschiffe vor. Als das Westende von Avalon über die Rundung des Planeten erschien, zündete Craig die Triebwerke, um in eine Abstiegsbahn zu bremsen. Die Hitzeschilde schoben sich über die Sichtluken, als das Schiff die äußerste Atmosphärenschicht erreichte, und als sie sich wieder öffneten, kamen am Horizont vor ihnen bereits die ersten beiden außerirdischen Schiffsgiganten in Sicht. Hinter ihnen zeigte sich gleich darauf das nächste Paar, und das übernächste. Wie eine Doppelreihe dicker, fremdartiger Riesentürme zogen sie unter ihnen vorbei, und Angus Craig achtete darauf, den Mindestabstand zu ihnen einzuhalten, der ihm aus Sicherheitsgründen empfohlen worden war. Es war ein seltsamer Gegensatz zwischen diesen uralten, wie vergessene Wächter dastehenden Relikten einer nichtmenschlichen Zivilisation und der stellenweise von Rauhreif oder dünnem Schnee bedeckten Hügellandschaft, auf der sie standen, denn diese wirkte mit ihrer Parzellierung durch Heckenreihen und beschienen von den fünf Monden, die gerade am Himmel standen, irgendwie heimelig.

Inzwischen war die Horizontalgeschwindigkeit bereits vollständig abgebremst, und Craig ließ die Tauris senkrecht niedersinken, zunächst noch auf der Feuersäule zweier Fusionstriebwerke zusätzlich zu den Gravos, dann nur noch getragen von letzteren. Sachte setzte das Schiff auf einer ebenen Wiese auf, senkte sich mit ersterbendem Heulen der Gravoaggregate in seine Landestützen und stand dann still. Alle Menschen an Bord fuhren mit dem Aufzug nach unten in den Schleusenraum und traten dann über die Personenrampe ins Licht der Monde hinaus.

Aus der Perspektive ihres Standortes und bei den gegebenen Lichtverhältnissen war der Eindruck der vor ihnen aufragenden Schiffe überwältigend. Sie betrachteten den ihnen am nächsten stehenden Titanen, sahen über seine von den Jahrtausenden verfärbten Flanken bis zu den breiten Rundungen hinauf, die seinen oberen Abschluß bildeten, und ließen den Anblick auf sich einwirken. Was hatte seine Erbauer hierhergeführt, und was hatte ihr Verschwinden verursacht? Welche Geheimnisse und Möglichkeiten mochten wohl im Inneren verborgen sein? Würden die Menschen dieser Welt sie einmal enträtseln und Gebrauch davon machen können?

Aus der Luft ertönte ein Rabenschrei. Janssen wandte seinen Blick diesem so heimatlich-irdischen Geräusch zu, sah den Vogel durch sein Gesichtsfeld gleiten und schaute dann weiter nach oben zu Avalonias viertausend Kilometer großem Hauptmond Artus, der sich dem Zenit näherte. Sechzig Grad weiter östlich stand der hellere seiner beiden kleinen Trojanermonde tief am Himmel, eine silbrig strahlende Murmel aus Eis. – Guinevere – dachte er, – wie passend, wo doch die walisische Urform dieses Namens ‚weiße Fee‘ bedeutet. – In der Westhälfte des Himmels zog der andere Trojanermond Lancelot gerade jenseits von Morgaine vorbei, und Elaine, der innerste Mond, der wegen seines geringen Abstandes trotz seiner Kleinheit etwas größer erschien als Luna von der Erde aus, stand bereits tief im Westen. Er hatte das Gefühl, endlich etwas gefunden zu haben, das ihm so lange gefehlt hatte, ohne daß ihm genau klar gewesen war, was das war, und er vermutete, daß es seinen Kameraden ähnlich ging.

„Meinen Glückwunsch, Ulf“, wandte sich Eirik an ihn und streckte ihm lächelnd die Hand hin, „ich glaube, ihr seid jetzt wirklich angekommen, wie man auf Deutsch sagt.“

Janssen erwiderte das Lächeln und schlug dankend ein. Ja, sie waren angekommen.

*     *     *

Bisher hier erschienene „Spacewreck“-Originalgeschichten von Stewart Cowley:

Spacewreck: Einführung

Todesschiff von Alkahera

Das Wrack der Jancis Jo

Die Kriegswelt Alshain

Kinder der Götter (die Vorgeschichte zu Cernunnos‘ eigenen hier vorliegenden)

Ein tödliches Eden

Der Friedhof von Beta Pavonis (worin ebenfalls Jacker vorkommen)

Opfer von Arachnidia

Spacewreck: Killerplaneten – Salamander City

Siehe auch diesen Kommentar von Cernunnos zu „Spacewreck: Einführung“ sowie:

Die Geschichte des Geldes, Teil 1

Robert Heinleins Sternenkrieger

Zähmung der Eliten von Trainspotter

Die Weiße Allianz von Dunkler Phönix

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