Leben in alten Zeiten: Der Quartierer

Ausspeisung mit der Armensuppe. Gemälde von Albert Anker (1831-1910).

Von Gertraud Steiner, aus „Servus in Stadt & Land“ 11-2017.

Er war meist zerlumpt wie ein Bettler. Aber er besaß einen Heimatschein, ein Armutszeugnis oder Dienstbotenbüchl – und damit das Anrecht auf das täglich Brot und ein Dach über dem Kopf.

Das Mittelalter hatte die Armut noch als gottgefällig angesehen. Kein Reicher sollte in den Himmel kommen, der nicht für Arme und Kranke gesorgt hatte. Spitäler, Stiftungen, Bruderhäuser und Bruderschaften wurden geschaffen, um das menschliche Leid zu lindern. Doch Kriege, Naturgewalten, Brände und Hungerjahre ließen das Heer der Besitzlosen und Elenden immer mehr anwachsen.

Mit der Regierungszeit Maria Theresias und ihres Sohnes Joseph II. nahm sich erstmals der Staat der sozialen Frage an. Man wollte die menschenunwürdige Bettelei, wie es hieß, abschaffen und sparte dafür nicht mit Gewalt und Strafen. Arbeitshäuser, Waisenhäuser und Zuchthäuser wurden zu neuen Errungenschaften.

VAGABUNDEN DROHTEN PRÜGEL

Nicht Mitgefühl und Glaube, sondern Vernunft und Sachlichkeit sollten die Armut besiegen. Das Vermögen der frommen Bruderschaften, einer Vorform der Sozialversicherung, wurde vom Staat eingezogen und an die neu gegründeten Armenfonds und Armeninstitute vergeben, die Armenväter und Armenvögte als Vorstand hatten.

In der Regel blieb diese Rolle dem Pfarrer, der nun zusammen mit der Gemeinde darauf schaute, dass vor allem Waisenkinder und arbeitsunfähige Alte ein Obdach und Verpflegung erhielten. Ein notdürftig uniformiertes Wachorgan fungierte als Armenpolizei, die Vagabunden mit Haft, Prügelstrafe und Abschiebung bedrohte.

Seit dem Heimatrechtsgesetz von 1863, das die Armenpflege zu einer Aufgabe der Gemeinden machte, wurde zäh um die Versorgung der Armen gefeilscht.

Einige Fürsorge durften sich Dienstboten erwarten, die auf dem Hof alt oder krank geworden waren. Die Altersrente für Landarbeiter hingegen wurde erst 1957 verwirklicht. Davor bewahrte sie nur die Familie oder das sogenannte „Einlagesystem“ vor der Obdachlosigkeit: Die Gemeinden wiesen den Unversorgten auf Zeit ein Quartier zu, daher der Name Quartierer oder Einleger.

Anspruchsberechtigt waren Arme ausschließlich an ihrem Geburtsort oder nach zehn Jahren Aufenthalt. Zusammen mit der Verpflegung und etwaigen Reparaturen an Schuhen und Kleidung wurden für einen Quartierer 4 Kreuzer pro Tag bezahlt. Die Mittel dafür hob die Gemeinde von den Steuerzahlern ein. Sie legte auch die Anzahl der Versorgungsplätze und die Dauer der Aufenthalte fest.

Vermögende konnten drei und vier Quartierer beherbergen – oder sich freikaufen, wenn sie keinen aufnehmen wollten.

„Quartier meinte dem Wortsinn nach ein Viertel einer Behausung. Öfter war dies wohl nur eine Ecke einer Behausung.“

Pfarrer Anton Sageder, Heimatforscher, zur Armenversorgung im Innviertel.

IM STALL UND AUF STROH

Meist bedeutete „ins Quartier oder auf die Einlage“ zu gehen, einen Schlafplatz auf Stroh oder im Besenkammerl zu bekommen. Selbst ein ausgefülltes Arbeitsleben schützte nicht vor diesem Abstieg.

Der Quartierer wurde als unnützer Esser behandelt, der abseits von den anderen mit schlechterer Kost abgespeist wurde. Wer das nicht ertrug und sein Glück auf der Landstraße suchte, endete oft in der Schubhaft. Seit es den Sozialplan der Einlage gab, stand Bettelei nämlich unter Strafe.

Da hatte man es als Quartierer besser. Manche wurden sogar außergewöhnlich alt, was mit menschlicher Behandlung oder großer Widerstandskraft zu tun hatte. Zumindest für das Biedermeier deuten die Dokumente auf verbreitete Barmherzigkeit.

Der Innviertler Pfarrer Anton Sageder, der auch als Armutsforscher tätig war, fand im Totenbuch seiner Pfarre Anspach für die Zeit von 1812 bis 1840 erstaunlich viele Quartierer im Alter von 70 bis 90 Jahren eingetragen – darunter sogar den Pfarrältesten, der erst mit 96 Jahren „gratis sepultus“, also kostenlos, beerdigt wurde, denn für ein Armenbegräbnis wurden keine Stolgebühren berechnet.

Die Bevölkerung sorgte für ihre Armen mit Sammlungen und Ertrag aus Musiklizenzen bei Hochzeiten und Kirchweihen. Auch Strafgelder, die für übertretene Sperrstunden und das Absingen „unzüchtiger Lieder“ eingehoben wurden, wanderten in die Armenkasse. Mit der Armut überfordert zeigte sich erst das ausgehende 19. Jahrhundert, als mehr und mehr Armenhäuser das Einlagesystem ergänzten. Nach den Hungerjahren des Ersten Weltkriegs zählte allein das Land Oberösterreich 227 Armenhäuser. Dort fanden Kranke, Schwache und Alte ihr Ausgedinge. Es waren vielfach Dienstboten, aber die Zeit verschonte auch Handwerker und Gewerbetreibende nicht, die mit nachlassender Arbeitskraft ins Elend sanken – notdürftig aufgefangen von staatlichen und kirchlichen Institutionen.

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