Regeln für Schriftsteller, Teil 1

Arthur Schopenhauer

Von Greg Johnson, übersetzt von Lucifex. Das Original Rules for Writers erschien am 8. März 2018 auf Counter-Currents Publishing.

Warum ich schreibe, ist sehr einfach: Ich glaube, daß letztendlich Ideen – nicht Ökonomie, nicht Technologie, nicht rohe Gewalt – der entscheidende Faktor in der Geschichte sind, und ich glaube, daß die Geschichte in die falsche Richtung geht. Ich schreibe, weil ich auf diese Weise gesunde Ideen fördere, die der Welt eine Wende geben können.

Ich bin ein Schriftsteller, kein Redner oder Videomacher, einfach weil ich ein besonderes Talent und eine besondere Wertschätzung für das geschriebene Wort habe. Wenn ich andere Geschmäcker und Talente hätte, würde ich andere Dinge tun.

Wie ich schreibe, ist mein Thema hier, aber der einzige Grund, solche Informationen mitzuteilen, ist, daß sie für andere Schriftsteller hilfreich sein könnten. Alles rein Idiosynkratische oder bloß Autobiographische ist weggelassen worden.

  1. Arbeitet hart.

In einem Essay über Edward Gibbons Arbeitsgewohnheiten schreibt V. S. Pritchett: „Früher oder später stellt sich heraus, daß die großen Männer alle gleich sind. Sie hören nie auf zu arbeiten. Sie verlieren nie eine Minute. Es ist sehr deprimierend.“ Ich gebe zu bedenken, daß es nur für diejenigen deprimierend ist, die Größe ohne harte Arbeit anstreben. Aber es hat nie einen großen Mann gegeben, der auch ein fauler Mann ist. Und wenn große Männer wirklich hart arbeiten, dann müssen wir anderen noch härter arbeiten. Ich arbeite im Durchschnitt 12 Stunden pro Tag, jeden Tag.

  1. Arbeitet ohne Ablenkung.

Kreative Arbeit erfordert Konzentration. Lärm und andere Ablenkungen zerstören die Konzentration. Die Biographien vieler Schriftsteller – wie Kant, Goethe und Schopenhauer – dokumentieren ihre ständigen Kämpfe gegen Ablenkungen. Schopenhauers Essay „Ueber Lerm und Geräusch“ beschreibt das Problem brillant:

Ich lege mir die Sache so aus: wie ein großer Diamant, in Stücke zerschnitten, an Werth nur noch eben so vielen kleinen gleich kommt; oder wie ein Heer, wenn es zersprengt, d. h. in kleine Haufen aufgelöst ist, nichts mehr vermag; so vermag auch ein großer Geist nicht mehr, als ein gewöhnlicher, sobald er unterbrochen, gestört, zerstreut, abgelenkt wird; weil seine Ueberlegenheit dadurch bedingt ist, daß er alle seine Kräfte, wie ein Hohlspiegel alle seine Strahlen, auf einen Punkt und Gegenstand koncentrirt; und hieran eben verhindert ihn die lermende Unterbrechung. Darum also sind die eminenten Geister stets jeder Störung, Unterbrechung und Ablenkung, vor Allem aber der gewaltsamen durch Lerm, so höchst abhold gewesen; während die übrigen dergleichen nicht sonderlich anficht.

Mason Currys Buch Daily Rituals: How Artists Work (New York: Knopf, 2016) ist ein höchst unterhaltsames Handbuch darüber, wie kreative Menschen – großteils Schriftsteller und andere Künstler, aber auch manche Wissenschaftler – ihre Zeit organisieren. Es stellt sich heraus, daß die überwiegende Mehrheit der sehr produktiven Schriftsteller Morgenmenschen sind, obwohl der gemeinsame Nenner sowohl der Morgen- als auch der Nachtmenschen der ist, daß sie ihre kreative Arbeit den Stunden vorbehalten, in denen sie am wenigsten wahrscheinlich gestört werden. Manche Schriftsteller ändern ihre Arbeitszeiten, um Ablenkungen zu vermeiden. Ich zum Beispiel war früher ein Nachtmensch, aber in letzter Zeit habe ich herausgefunden, daß das Arbeiten am Morgen weniger ablenkend ist.

Der größte Fluch von Kant, Goethe und Schopenhauer war Lärm. (Kants Haus lag in der Nähe eines Gefängnisses, und er beantragte beim Gefängniswärter tatsächlich, den Insassen das Singen zu verbieten.) Ein Fluch der nichtweißen Einwanderung ist, daß Menschen mit niedrigem IQ dazu neigen, laut und rücksichtslos zu sein. Stellt euch vor, was für großartige Bücher vielleicht nie geschrieben worden wären, wenn Mexikaner mit Laubbläsern und Schwarze, die nie etwas von Kopfhörern gehört haben, im Deutschland des 18. und 19. Jahrhunderts herumgezogen wären.

Nun können Stereoanlagen und geräuschlöschende Kopfhörer unerwünschten Lärm selbst aus dem geschäftigsten großstädtischen Umfeld verbannen. Der Fluch heutiger Schriftsteller ist das Internet, besonders die sozialen Medien, die dazu bestimmt sind, ablenkend und suchterzeugend zu sein und oberflächliche Belohnungen zu liefern – die Befriedigung müßiger Neugier, Shares und Likes, Selbstdoping durch Tugendsignalisieren etc. –, solange man weiterklickt wie eine Ratte in einer Skinner-Box, die einen Hebel betätigt, um Futterkügelchen oder elektrische Stimuli für das Gehirn zu bekommen.

Wenn ihr ein produktiver Autor sein wollt, müßt ihr das Internet, euer Smartphone und die sozialen Medien aus euren kreativen Stunden verbannen.

Schaltet sie einfach ab. Schaltet sie nicht einmal ein, wenn ihr eine Information für ein Projekt nachschlagen müßt, an dem ihr arbeitet. Fügt es einfach eurer Erledigungsliste hinzu und schlagt es außerhalb eurer kreativen Zeit nach, wenn es zulässig ist, wieder online zu gehen. Eure Produktivität wird enorm zunehmen.

Letzten Sommer wurde die Online-Umwelt so hässlich, daß ich versuchte, ganz von den sozialen Medien wegzukommen. Aber ich entdeckte, daß das Aufhören per kaltem Entzug es viel schwieriger machte, mein Geschäft zu betreiben. Soziale Medien sind nützliche Werkzeuge, aber man muß die ganze Zeit aufpassen, andernfalls können sie zu höllischen Zeitverschwendungsmaschinen werden.

  1. Arbeitet zu regelmäßigen Zeiten

Wenn es harte Arbeit ohne soziale Ablenkungen erfordert, ein Schriftsteller zu sein, über wie viele Stunden pro Tag reden wir da? Laut Curry überraschend wenig. Die meisten sehr produktiven Schriftsteller arbeiten nur zwei bis vier Stunden pro Tag kreativ und produzieren zwischen 500 bis 2000 Worte. Das klingt nicht nach viel, aber es summiert sich im Laufe der Zeit.

Ich reserviere mir jeden Morgen drei Stunden ununterbrochener kreativer Zeit. Ich schreibe mit der Hand in ein Journal, entweder an einem Schreibtisch, wo es keinen Computer gibt, oder in meinem Schlafzimmer, aus dem Computer und Telefone verbannt sind. An einem guten Tag kann ich 2000 Worte schreiben, von denen etwa die Hälfte den Bearbeitungsprozeß überlebt. Für gewöhnlich beginne ich mit einem Entwurf, und so wie ich in den Fluß des Projekts komme, wird der Entwurf zu einem Essay.

Diese kreativen Stunden ergeben selten fertige Arbeiten. Der endgültige Entwurf wird auf einem Computer erstellt, und das Ausgestalten des Entwurfs erfordert neue Kreativität, aber aus irgendeinem Grund fällt es mir sehr schwer, einen ersten Entwurf auf einem Computer zu erstellen. Es ist etwas am Schreiben mit einem Stift auf Papier, das meine kreativen Kräfte freisetzt.

Was tue ich also mit den anderen neun Stunden des Arbeitstages? Ich tippe Entwürfe ab, editiere Artikel und Bücher, beantworte Emails, zeichne Interviews auf und bearbeite sie, kommuniziere mit meinen Autoren und Kollegen, bediene Buchbestellungen, moderiere Kommentare und versuche auch, weiterhin zum Lesen zu kommen. Manchmal schicke ich Trevor Lynch ins Kino. Der Tag hat niemals genug Stunden.

  1. Wartet nicht auf eine Inspiration. Wartet nicht darauf, daß euch „danach ist“ zu schreiben. Fangt einfach an.

Der größte Fehler, den die meisten Leute machen, ist, daß sie nicht handeln, bis ihnen „danach ist“. Es ist einfach ein Zeichen von Schwäche und schlechtem Charakter, zu schlußfolgern, daß es „das Richtige ist, X zu tun“, und dann irgendein zusätzliches Motiv zu brauchen – irgendeine Art von „Inspiration“ oder „Gefühl“ – um es tatsächlich zu tun.

Wenn ich mein Journal öffne, habe ich üblicherweise eine gute Vorstellung von dem, was ich schreiben will, aber oft fällt es mir schwer, den richtigen Anfang zu finden. Ich schreibe fünf verschiedene erste Sätze und streiche jeden davon durch. Aber wenn ein Weg nach vorn blockiert ist, finde ich einfach einen anderen. Einer der besten Wege für das Aufwärmen ist, einfach die Arbeit des vorherigen Tages durchzulesen und zu überarbeiten.

Manchmal, wenn ich gar nicht in die Gänge komme, schreibe ich einfach Listen. (Jef Costello macht sich im San-Francisco-Kapitel von Heidegger in Chicago über meine Listen lustig.) Ich plane den Rest meines Lebens. Ich liste die Bücher auf, die ich im Laufe der nächsten zehn Jahre veröffentlichen möchte, dann die Artikel, die ich in diesem Monat schreiben möchte, und schließlich beginnt genau das, woran ich an diesem Tag arbeiten möchte, sich zu formen und zu fließen. Es ist ein bißchen absurd, zugegeben. Um einen Vergleich von Gadamer zu klauen: es ist, als würde ich eine Karte der Vereinigten Staaten zu Rate ziehen, um festzulegen, wo ich eine Blume in meinem Garten pflanze. Aber es funktioniert.

Nichts wird fertig, solange es nicht begonnen wird, und selbst der mechanischste und uninspirierteste Anfang kann zur Schaffung eines schönen Schriftstücks führen. Also fangt einfach an. Die Inspiration, die manche Menschen – für gewöhnlich Nicht-Schriftsteller – im Voraus suchen, kommt mir oft in der Mitte eines Projekts, und für mich kommen die positiven Gefühle, die manche fordern, bevor sie schreiben, erst nachdem ich fertig bin. Tatsächlich sind einige meiner besten Schriften gemacht worden, wenn ich zu krank oder sauer war, um selbst Ablenkung verlockend zu finden. Aber ich schaffe es, mich da herauszuschreiben. Laßt Vernunft und Pflicht eure Motive sein. Spart euch die guten Gefühle als Belohnung für eine gut gemachte Arbeit für den Schluß auf.

Fortsetzung: Regeln für Schriftsteller, Teil 2

Originalübersetzung hier

Hinterlasse einen Kommentar

Ein Kommentar

  1. Hat dies auf Die Morgenzeitung rebloggt.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: