Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 3)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1, Teil 2 und das Glossar

8) Im Zeichen der Waage

In den Frontscheiben der Ace of Swords wuchs der kleine Planet von Gliese 570D, in dessen Orbit die Queen of Altavor aus der Ferne geortet worden war. Ronald Brugger hatte den Warpantrieb in einer Entfernung ausgeschaltet, über die seine militärische Sensorenausrüstung das viel größere Passagierschiff gerade noch würde aufspüren können, während dessen zivile Ortungsanlage ihn noch nicht entdecken konnte. Sobald die Queen hinter dem Planeten verschwunden war, hatte er sich diesem im Sublichtwarp-Sprint genähert, so weit es möglich war, und sein Schiff dann mit den MET-Antrieben in eine Übergangsbahn zu einem sehr engen Orbit hineingebremst, der es in geringerer Höhe allmählich an das andere Fahrzeug heranführen sollte. Eine Sensordrohne flog voraus; da sie später mit der Bremsung begonnen hatte und auf eine noch tiefere Umlaufbahn programmiert war, würde sie das Ziel noch vor der Ace of Swords in Sicht bekommen. Aufgrund ihrer Kleinheit und geringen Flughöhe würde sie auch weniger leicht entdeckt werden. Diese Vorsichtsmaßnahmen hatte Ron für den Fall ergriffen, daß Kaundas Leute eine Wachmannschaft an Bord zurückgelassen hatten.

Nikos Lourákis und Alcyone Poledouris befanden sich bei ihm im Kontrollraum; die Lysithea war weiter draußen im System zurückgelassen worden, versteckt hinter einem größeren Asteroiden. Alle drei trugen sie noch ihre Normalkleidung, denn ob sie mit der Ace of Swords direkt an der Queen andocken oder sich ihr mit dem Raumgleiter nähern würden, der mangels Andockschleuse die Verwendung von Raumanzügen erforderte, würde erst entschieden werden, wenn festgestellt war, ob das andere Schiff unbemannt war oder nicht.

An dem Punkt, wo die Übergangsbahn in die gewählte Kreisbahn überging, rollte Ron das Schiff herum, sodaß sie die zerkraterte, in mattem Kupferrot beleuchtete Wölbung des Planeten über ihren Köpfen hinwegrollen sahen. Da sie noch einen deutlichen Geschwindigkeitsüberschuß gegenüber der Orbitalgeschwindigkeit in dieser Höhe hatten, glich er die überschüssige Fliehkraft mit den senkrecht zur Flugbahn wirkenden MET-Antrieben aus. Die restliche Abbremsung würde erst so zeitig erfolgen, daß die Orbitalgeschwindigkeit erreicht war, bevor die Queen of Altavor über dem Horizont erschien. So würde das Aufholen, das ansonsten etwa dreizehn Stunden gedauert hätte, auf eine knappe Stunde verringert werden.

Nach gut einer halben Stunde meldete die Sonde, die auf die gleiche Weise geflogen war, Sichtkontakt. Auf dem übertragenen Telebild erschien das Passagierschiff, das erst kurz zuvor wieder aus dem Planetenschatten hervorgekommen war, zunächst nur als kleiner Lichtfleck. Bald jedoch zeichnete sich seine Form immer deutlicher ab, nur matt erhellt vom rötlichen Widerschein des Planeten. An keiner Seite war ein anderes Schiff angedockt, und da auch die Wärmeabstrahlung nur wenig über dem lag, was aufgrund der Bestrahlung durch den Braunen Zwerg zu erwarten war, schlossen Ron und Nikos, daß es höchstwahrscheinlich verlassen war. Aufgrund dessen beschloß Ron, direkt mit der Ace of Swords anzudocken, anstatt sich mit dem Raumgleiter anzuschleichen. Diese Vorgangsweise würde nicht nur unkomplizierter sein, sondern auch eine unterstützende Begleitung durch Alcyone erleichtern, die keine Erfahrung mit Raumanzügen und mit Außenbordmanövern in der Schwerelosigkeit hatte.

„Acey, berechne eine möglichst schnelle Übergangsbahn von hier zur Queen of Altavor“, sagte Ron. „Eine Minimierung der Infrarotsignatur ist nicht mehr nötig.“

„Schon erledigt“, antwortete das Schiff. „Ausführung ab jetzt?“

„Ja. Wenn wird dort sind, kannst du gleich andocken, sofern ich bis dahin nichts anderes sage.“ Ron spürte und sah, wie das Schiff seine Nase ein Stück zum Planeten über ihnen hindrehte und den MET-Schub verstärkte. Auf dem Navigationsbildschirm erschien auf dem Seitenansichtsdiagramm, das die Bahnen der beiden Schiffe über der Rundung des Planeten zeigte, eine gestreckte grüne Kurve, die den blauen Kreis von Aceys bisheriger Bahn mit dem roten Kreis verband, der die Bahn der Queen darstellte. Das Symbol, das Aceys Position anzeigte, begann diese Linie entlangzukriechen. Die gegenwärtige Abbremsung war so bemessen, daß eine Geschwindigkeitsangleichung an das andere Schiff erreicht sein würde, wenn sie dort ankamen.

„Ich mache euch darauf aufmerksam, daß ich senkrecht zur Längsachse der Queen andocken muß, weil mein Backbordflügel sonst im Weg ist“, meldete sich Acey nochmals zu Wort. „Ich sag’s nur, damit ihr darauf gefaßt seid, daß die Deckrichtung dort drüben um neunzig Grad gegenüber hier verdreht sein wird.“

„Schon in Ordnung, Acey. Da drüben wird die Schwerkraft sowieso abgeschaltet sein.“ Ron stand aus seinem Sitz auf, und die anderen beiden taten es ihm gleich. Nacheinander stiegen sie zum Unterdeck hinunter, um sich im Vorraum zwischen den Kabinen 3, 4 und 5 sowie den vorne gelegenen Sanitärräumen, wo sich die Schleusenluke zum ausfahrbaren Andockrüssel befand, auf die Enterung vorzubereiten. Obwohl sie inzwischen davon ausgingen, daß sie ein leeres Schiff betreten würden, wollten sie das doch bewaffnet tun. Ron würde seinen Carrington Carbine führen, ein fünfundachtzig Zentimeter langes Blastergewehr, dessen zwei übereinander angeordnete Lasereinheiten vierzig Millimeter Strahlaustrittsdurchmesser hatten. An diese Waffe konnten drei Magazine von Rons Standard-Blasterpistole derselben Marke angesteckt werden, eines hinten an der Abstufung vom Mittelgehäuse zum Kolbenrücken, die beiden anderen in schräg nach hinten weisenden Schächten seitlich am Mittelgehäuse. Für diesen Einsatz hatte er eine vergrößerungslose Holo-Optik aufgesetzt. Als Seitenwaffe trug er seinen Standardblaster, während er Nikos die beiden Waffen gegeben hatte, die er Saul Bremer auf Maanenia abgenommen hatte. Alcyone würde ihnen mit Rons Kompaktblaster Rückendeckung geben, mit dem sie bereits vertraut war.

Während sie noch einmal die geplante Vorgehensweise besprachen, sahen sie auf den Bildschirmen beiderseits der Schleusenluke – dem größeren links und dem kleineren rechts, der schräg in die Ecke zur Toilettenwand eingebaut war -, wie der Planet durch die nun langsam einsetzende Drehung des Schiffes um die Hochachse in Sicht kam, die Bildschirme ausfüllte und schließlich unter das Heck verschwand. Die Queen of Altavor, die schon recht nahe sein mußte, bekamen sie dabei noch nicht zu sehen.

* * *

Giulia Rossini lag in ihrer Kabine im Bett, behaglich unter ihre Decke gekuschelt, und hatte nur die Leselichter über ihrem Kopf eingeschaltet. In den drei Tagen, die sie nun schon an Bord unter sich waren, war es einfach herrlich gewesen, wieder im eigenen Quartier zu wohnen, dort ganz normal duschen zu können und im eigenen Bett zu schlafen. Diese Annehmlichkeiten und der Wegfall der Angst vor dem Entdecktwerden hatten sie und Winchell Chang nach der Enttäuschung wegen der Unmöglichkeit, das Schiff zu starten, einigermaßen getröstet, wenngleich die Sorge blieb, daß die Piraten mit Verstärkung zurückkehren könnten, ehe die Reederei das Lösegeld für das Schiff bezahlt hatte.

Nach dem Frühstück, das sie in der Galley-Nische ihres Quartiers zubereitet und allein verzehrt hatte, war sie wieder ins Bett gekrochen, um noch eine Weile gemütlich zu lesen. Später würde sie sich wieder mit Winchell treffen, um ihm Gesellschaft zu leisten und ihn aufzumuntern. Nach dem Abflug der Piraten hatte sie zunehmend bemerkt, daß ihn etwas bedrückte, und schließlich herausgefunden, daß er sich Sorgen um Sayuri Park machte, an der er amouröses Interesse hatte. Solange sie beide sich noch vor ihren unliebsamen Mitbewohnern an Bord hatten verstecken müssen, war Winchells Kummer von ihren vordergründigen Besorgnissen überdeckt worden, aber nun war er voll zum Ausbruch gekommen. Diesen Effekt bemerkte Giulia auch an sich selbst, denn sie wurde seither ebenfalls öfter als vorher von Sorgen um das Schicksal ihrer entführten Freundinnen geplagt. Auch sie konnte Ablenkung durch Gespräche oder gemeinsame Spiele gebrauchen – oder durch Lesen.

Unbeachtet von ihr zog jenseits des langen Fensters neben ihrem Bett die in rotes Licht getauchte Planetenlandschaft vorbei. Giulia war in ein Buch vertieft, das sie antiquarisch erstanden hatte, einen Sammelband alter Science-Fiction-Geschichten aus dem zwanzigsten Jahrhundert, den anscheinend jemand vor langer Zeit privat zusammengestellt und in kleiner Stückzahl hatte drucken und binden lassen. Gedruckte Bücher waren zwar noch immer nicht ganz von elektronischen Lesemöglichkeiten verdrängt worden, aber sie wurden nur noch von einer Minderheit von Buchliebhabern wie Giulia am Leben erhalten. Der Band, den sie in Händen hielt, war auf Deutsch, aber da sie wegen ihres Berufs neben ihrer italienischen Muttersprache und Englisch auch Deutsch und Französisch beherrschte, hatte sie keine Mühe damit. Gerade las sie Die Männer der Station Greywater, eine Kurzgeschichte von George R. R. Martin, die trotz ihres Alters für einen Menschen ihrer Zeit noch nicht allzu antiquiert wirkte. Sie hatte eben die Stelle erreicht, wo das Flugzeug eines Protagonisten von zwei Meter großen Sumpffledermäusen angegriffen wurde, als Chang sie über ihren Bordkommunikator anrief.

„Schnapp‘ dir deine Waffe und komm‘ schnell in die Zentrale!“ sagte er mit nicht zu überhörender Nervosität in der Stimme. „Wir bekommen Besuch von einem Schiff. In weniger als zehn Minuten wird es hier sein.“

„So schnell?! Wie konnten die so nahe herankommen, ehe unsere Ortung sie bemerkt hat?“ Sie sprang aus dem Bett und streifte die Hose ihres dunkelgrünen Pyjamas hinunter.

„Sie sind vor kurzem mit hohem Tempo in geringer Höhe über den Horizont des Planeten gekommen und gleichen ihre Bahn jetzt an unsere an. Die Ortung hat ihre Hitzeabstrahlung registriert und mich hier in meinem Quartier alarmiert, wie ich sie angewiesen hatte. Ich war da aber gerade im Klo, daher konnte ich mir den Kontakt nicht sofort auf dem Bildschirm ansehen. Jetzt laufe ich in die Zentrale; wir treffen uns dort.“

„Ja, bis gleich.“ Giulia zog sich die Hose mit dem Waffengürtel hoch und schloß die Schnalle. Sie nahm sich nicht die Zeit, den Pyjamaoberteil gegen etwas anderes zu vertauschen oder ihre Stiefel anzuziehen, sondern schlüpfte hastig in ihre leichten Bordschuhe und eilte aus der Kabine. Die Besatzungsquartiere lagen bugwärts der Kontrollzentrale, aber nicht weit davon entfernt und auf demselben Deck. Giulias schnelle Fortbewegung wurde sowohl erleichtert als auch erschwert durch die geringe Schwerkraft von einem Drittel der Erdnorm, auf die sie die Gravoanlage zwischen ihren Kabinen und der Zentrale heruntergeregelt hatten, um Energie zu sparen. Außerhalb dieser Zone und auf den anderen Decks verringerte sich die Gravitation innerhalb eines Übergangsbereichs überhaupt auf Null.

Giulia erreichte die Zentrale, wo Winchell kurz vor ihr eingetroffen war und gerade alle benötigten Systeme aktivierte. Der Ortungsbildschirm zeigte die Position des schon sehr nahe herangekommenen anderen Schiffes, und auf einem anderen Bildschirm war es zu sehen, aufgenommen von einer Außenkamera. Mit senkrecht zum Planeten zeigendem Heck kam es näher, noch knapp zweihundert Meter unter ihnen und etwas achteraus, und sein Andockrüssel an der linken Seite des Vorderrumpfs war bereits ausgefahren.

„Eine Orion II!“ sagte Winchell. „Kennst du den Typ?“

„Ja. Es ist fraglich, ob unsere Firma so einen Raumjäger schicken würde, um die Queen hier abzuholen. Außerdem hätten sie sich sehr schnell mit den Piraten einigen müssen, daß jetzt schon jemand hier sein könnte. Andererseits ist es viel zu früh, als daß es eine vom Scoutschiff alarmierte Piratenmannschaft von Pavonia sein könnte. Und wenn sie von einer eventuellen Basis bei einer der drei Zwergsonnen in diesem System hier kämen, wären sie noch am selben Tag wieder hier gewesen. Ich halte es auch für wahrscheinlicher, daß sie mit dem Scoutschiff zurückgekommen wären und nur zusätzliche Leute mitgenommen hätten. Was hältst du davon?“

„Vielleicht mußte das Scoutschiff anschließend irgendwo anders hin, und sie hatten gerade diese Orion zur Hand, wo sie Verstärkung holen waren? Mal sehen, wo das gewesen sein kann… drei Tage hin und zurück…“ Er gab eine Anfrage in den Navigationscomputer ein. „In Frage kämen LHS 3003 und HN Librae, ganz knapp vielleicht auch Wolf 562, aber da müßten sie dort schon sehr schnell reagiert haben. Nur liegt das alles nicht in der Richtung, in die sie von hier weggeflogen sind.“

„Vielleicht wollten sie uns damit nur täuschen und haben später den Kurs geändert?“

„Unwahrscheinlich; sie wußten ja, daß wir ohnehin nicht wegkönnen“, fuhr Winchell fort. „Jedenfalls sieht mir die Art ihrer Annäherung sehr verdächtig nach Überrumpelung aus. Die müssen von der anderen Seite an den Planeten herangeflogen sein und sich dann auf tiefstmöglicher Bahn angeschlichen haben. Erst seit sie in Sichtlinie zu uns gekommen sind, haben sie weiter abgebremst und sind auf unsere Höhe gestiegen. Die stärkere Abwärmesignatur beim Endanflug haben sie offenbar in Kauf genommen, um uns schneller zu erreichen.“

„Ganz ausschließen kann man aber nicht, daß die Orion doch von der Reederei geschickt wurde“, überlegte Giulia. „Vielleicht wollten sie ihre Abholmannschaft gegen einen Hinterhalt der Piraten absichern, was auch eine alternative Erklärung für den heimlichen Anflug wäre. Für wieviele Besatzungsmitglieder sind die Orions eingerichtet?“

„Fünf. Aber sie haben Klappkojen über den normalen, daher könnten es bis zu zehn Leute sein.“

„Verdammt! Es könnte also doch auch eine Angriffstruppe der Piraten sein. Was machen wir jetzt? Es war ja zu befürchten, daß es zu so einer Situation kommt, aber so früh hätte ich nicht damit gerechnet. Jetzt haben wir keinen Plan.“

„Wenn ich die Andockschleusenluke versperrt lasse, kommen sie auf diesem Weg nicht herein“, sagte Chang. „Wir könnten dann zwar trotzdem nicht verhindern, daß sie über irgendeine der Notluftschleusen eindringen, aber da die bei unserem Schiff keine Andockvorrichtungen haben, müßten sie in Raumanzügen kommen. Mit denen wären sie nicht so beweglich, solange sie sie nicht an Bord ausziehen, und wir könnten über die Außenkameras sehen, wieviele es sind und welche Schleuse sie nehmen.“

„Wir bleiben also am besten hier, bis wir wissen, wie sie vorgehen.“

Fünf Minuten später schob sich der Vorderrumpf des Raumjägers neben die Steuerbord-Andockschleuse und klinkte sich mit dem Verbindungsrüssel dort ein. Auf der Schleusenkontrollkonsole wurde der Beginn des Öffnungsvorgangs angezeigt.

„Verdammt, die haben einen Autorisierungscode!“ rief Winchell.

Giulia sah erschrocken drein. „Also haben sie daran gedacht, den Code aus unserem System zu klauen – oder sie sind hoffentlich doch von der Reederei geschickt.“ Sie loggte ihre Dienst-Poctronic in das Bordnetz des Sicherheitsdienstes ein und holte sich das Bild der Überwachungskamera vor der Andockschleuse auf das Display. „Schnell zum Hauptkorridor!“ sagte sie dann. „Im letzten Quergang vor dem Schleusenverbindungsraum können wir ihnen auflauern und sie notfalls abschießen, wenn sie um die Ecke kommen. Hier am Display sehe ich, wieviele es sind und was sie anschließend tun. Das gibt uns einen taktischen Vorteil.“ Während sie aus der Zentrale eilten, überdachte Giulia besorgt ihre Möglichkeiten für den Fall eines tatsächlichen bewaffneten Konflikts. Ihr graute es vor einer erneuten Schießerei wie damals gegen Agbaye und seinen Kumpan. Auch wenn sie schon als Mädchen eine Abenteurernatur gewesen war und auch ein gewisses Interesse am Schießen entwickelt hatte, war es ihr bei ihrer Tätigkeit im Sicherheitsdienst weniger um Letzteres gegangen, sondern es hatte sie vielmehr das Detektivische und der Umgang mit Menschen gereizt. Waffentragen und Kampftraining hatte eben auch dazugehört, und nun sah es so aus, als würde es damit noch einmal bitterernst werden.

* * *

Sofort nach der Entsperrung der äußeren Schleusenluke der Queen of Altavor und der Herstellung des Druckausgleichs öffnete Ron die Luke und ging mit Nikos in die Schleusenkammer, während Alcyone noch im Andocktunnel zurückblieb. Beim Betreten der Kammer spürten die Männer einen leichten seitlichen Zug, der sie gegen die linke Schleusenwand taumeln ließ, die ihnen plötzlich als Boden erschien. „Acey, beschleunigt die Queen?“ fragte Ron über Comlink.

„Nein, die rührt sich nicht“, antwortete das Schiff.

„Dann gibt es dort drüben also doch noch ein bißchen Schwerkraft“, folgerte Ron. „Seltsam, daß die Piraten die Gravoanlage anscheinend nicht abgeschaltet haben, als sie das Schiff verließen.“

Vielleicht wollten sie sich einfach die Mühe nicht machen, weil ihnen der unnötige Energieverbrauch egal war?“ vermutete Nikos.

„Oder es sind noch welche von ihnen an Bord. Stellen wir uns sicherheitshalber darauf ein.“ Ron öffnete die innere Schleusenluke, spähte mit dem Gewehr im Anschlag in den weiten, leeren Verbindungsraum dahinter, der quer durch das Schiff bis zur gegenüberliegenden Andockschleuse reichte, und sprang hinein. Drinnen war auch in den toten Winkeln beiderseits der Schleuse niemand. Er winkte Nikos, der ihm mit gezogener Pistole in den Raum folgte und dann Alcyone deutete, sie solle in die Schleusenkammer kommen und dort abwarten.

„Hier ist die Schwerkraft gleich noch ein bißchen höher“, stellte Nikos dann fest. „Etwa ein Fünftel g, schätze ich.“

„Ja“, antwortete Ron, der bereits ein paar Schritte in Richtung Schiffsmitte gegangen war, „und sie wirkt auch ein wenig schräg, merkst du es? Als ob sie nach vorn und zur Mittelachse hin noch zunehmen würde, wo die Kontrollzentrale und die Besatzungsquartiere sind. Das sieht nicht nach achtlos angelassener Gravoanlage aus, sondern nach bewußter Einstellung. Ich sage, da sind noch welche an Bord.“

Nikos war skeptisch. „Ohne angedocktes eigenes Schiff? Wie würden sie dann wegkommen wollen, wenn die erwarteten Abholer der Reederei kommen?“

„Vielleicht haben sie vor, sie zu überfallen und ihr Schiff ebenfalls zu kapern?“

„Damit würden sie sich aber die Vertrauensgrundlage für zukünftige Rückkaufsverhandlungen in anderen Fällen zerstören. Ob ihnen dieser einmalige Extrabonus das wert ist?“

„Vielleicht hast du recht“, räumte Ron ein. „Vielleicht wollen sie aber in Zukunft erbeutete Schiffe einfach unbemannt von deren KI zu den Eigentümern zurückfliegen lassen, sobald das Lösegeld bezahlt ist. Oder sie beabsichtigen das jetzt schon und haben nur eine Wachmannschaft für alle Fälle an Bord gelassen, die dann von dem Schiff abgeholt wird, das die Nachricht vom Rückkauf bringt. So oder so würden sie aber wahrscheinlich eine größere Mannstärke haben als wir. Acey, falls Nikos und mir hier herüben etwas passiert, koppelst du ab, sobald Alcyone wieder an Bord ist, schießt dann die Queen zum Wrack zusammen und fliegst anschließend mit Alcyone zu einem Ort ihrer Wahl.“

„Bestätigt“, meldete das Schiff. „Paßt aber auf euch auf. Mir wäre lieber, ich müßte das nicht tun.“

Ron bekam wieder dieses seltsame Gefühl, wo er sich unwillkürlich fragte, wieviel von der Persönlichkeit seiner Ex-Chefin Aceys KI wirklich aus den Sprachaufzeichnungen angenommen hatte. Er verdrängte es und besprach mit Nikos kurz das weitere Vorgehen, dann rückten die beiden Männer vorsichtig zur Kreuzung mit dem Hauptkorridor vor, der das Schiff auf diesem Deck der Länge nach durchzog. Dabei hielt Nikos sich an der rechten Wand, die Pistole in beidhändiger Bereitschaftshaltung erhoben, um in die Korridoröffnung in der linken Wand zu spähen, während Ron mit dem Gewehr im Anschlag an der linken Wand entlangging und dabei in den nach vorn zum Besatzungsbereich führenden Korridor zielte. Hinter ihnen schwebte eine kleine Drohne, die als Comlink-Relais zum Empfänger im Andocktunnel diente und Acey auch ein Kamerabild von der Situation übermittelte. Unbemerkt folgte ihnen auch Alcyone in den Verbindungsraum, um ihre Magennerven und ihren Gleichgewichtssinn in der etwas stärkeren Schwerkraft wieder zu beruhigen, nachdem ihr der Übergang von der Schwerelosigkeit in die geringe Schwerkraft der Schleuse mit plötzlich um neunzig Grad verdrehtem Unten Übelkeit bereitet hatte. Als Ron schon ein Stück weit in den Korridor schauen konnte, ließ er die Drohne nach vorn schweben, um sie als vorgeschobenes Auge zu nutzen, dessen Kamerabild er auf dem Display seines Kontrollgerätes betrachtete.

* * *

An der Quergangkreuzung im Hauptkorridor warteten Giulia und Winchell, jeder hinter einer Ecke des Quergangs gedeckt, die Waffen in den Händen. In der Kälte war ihr Atemhauch vor ihren Gesichtern sichtbar. Giulia hatte die Ecke an der rechten Gangseite gewählt, von wo aus sie die linke Ecke der Korridormündung sehen konnte, um die die Eindringlinge kommen würden. Ihr gegenüber spähte Winchell immer wieder nervös um seine Ecke. Auf ihrem Poctronic-Display sah sie zwei bewaffnete Männer langsam gefechtsmäßig vorgehen, und sie wunderte sich darüber, daß es so wenige waren. Dann trat hinter den beiden eine ebenfalls bewaffnete Frau aus der Andockschleuse und ging ein Stück weit in den Raum. Giulia kam sie bekannt vor, und so zoomte sie schnell auf ihr Gesicht. Das war doch… konnte sie es sein…? Sie wechselte wieder auf die Gesamtansicht, und da die Männer gerade angehalten hatten, um eine kleine Drohne nach vorn zu steuern, aktivierte sie auch die Audioübertragung und hob den Hörteil der Poctronic an ihr Ohr, um mitzuhören, was die drei vielleicht miteinander redeten.

„Alcyone, was tust du denn hier?“ hörte sie gerade einen der Männer sagen. „Du solltest doch in der Schleuse bleiben!“

„Mir war da drin so schlecht, Schatz“, antwortete die Frau. „Ich habe einfach ein bißchen mehr Schwerkraft gebraucht.“

„Na gut, aber bleib jetzt, wo du bist, bis wir dir etwas anderes sagen.“

Giulia sah wieder auf ihr Display und schaltete auf eine jenseits der Schiffsmitte befindliche Kamera. Angestrengt überlegte sie, während die Drohne ein Stück in den nach achtern führenden Teil des Hauptkorridors schwebte. Anscheinend war die Frau wirklich Alcyone Poledouris, deren Entführungsfall sie und Catriona vor Wochen in den Medien mitverfolgt hatten, und wenn sie hier jetzt frei und bewaffnet war, dann waren die beiden Männer wohl keine Piraten. Außerdem war den dreien niemand mehr gefolgt. Sie beschloß, ein Risiko einzugehen, um die angespannte Situation zu beenden.

Nachdem sie die Sprechverbindung ihrer Poctronic über den Kanal des Sicherheitsdienstes auf die Lautsprecher im Schleusenverbindungsraum gelegt hatte, machte sie gegenüber Winchell eine Geste, die dieser hoffentlich als „alles in Ordnung, ich weiß, was ich tue“ auffassen würde, hob das Gerät wieder ans Ohr und sprach: „Bitte bleiben Sie stehen, wo Sie sind, und verhalten Sie sich ruhig. Wir sehen Sie. Die Frau soll zuerst einmal sagen, wer sie ist.“

„Alcyone Poledouris“, antwortete die Angesprochene nach kurzem Zögern, „und wer sind Sie?“

„Giulia Rossini vom Sicherheitsdienst der Queen of Altavor. Bei mir ist noch der Zweite Pilot Winchell Chang. Wir hatten uns hier im Schiff versteckt, bis die Piraten weg waren. Mit wem habe ich sonst noch die Ehre?“

„Ich bin Ronald Brugger, unabhängiger Piratenjäger, und das ist Nikos Lourákis. Wir kommen im Auftrag Ihrer Reederei. Wieso sind Sie mit dem Schiff eigentlich hiergeblieben?“

Giulia seufzte erleichtert. Nikos Lourákis – das war doch dieser Pilot, der nach der Kaperung der Mira vermißt worden war. „Ganz einfach“, erwiderte sie, „wir könnten ein bißchen Starthilfe gebrauchen.“

9) Fluß der Wiederkehr

Fünfzehn Tage später näherte die Ace of Swords sich wieder Pavonia. An Bord befanden sich Ron, Alcyone, Nikos und Giulia, während Winchell mit der Queen of Altavor in einigem Abstand folgte und zum vereinbarten Zeitpunkt über dem Zielort erscheinen würde.

Nachdem die Konverter der Queen bei Gliese 570D mit Energie von Acey wieder gestartet worden waren, hatten die fünf sich zusammengesetzt und die nunmehr verfolgte Vorgangsweise vereinbart. Ron hatte Giulia und Winchell für ihr Mitmachen je ein weiteres Viertel der Rückholprämie zugesagt, und er hatte allen auch klargemacht, was es für sie bedeuten konnte, wenn sie sich durch die geplante Aktion gegen die Piraten und Sklavinnenkäufer mächtige Feinde schufen. Niemand von ihnen hatte sich davon abhalten lassen, denn es waren nicht nur die fünf Prozent vom Zeitwert eines riesigen Passagierraumers eine hinreichende Verlockung, sondern sie hatten auch jeder ein persönliches Motiv: Nikos und Alcyone wegen allgemeiner Rache am Piratentum, Winchell wegen Sayuri Park und Giulia wegen Catriona, Corlissa und Madoline.

Winchell hatte die Queen dann ins Delta-Pavonis-System geflogen und sich dort im Ortungsschatten des äußersten Planeten mit der Ace of Swords und der Lysithea getroffen. Während die anderen beiden Schiffe unter Kontrolle ihrer KIs hinter dem Planeten versteckt zurückgeblieben waren, hatten die fünf sich mit der Lysithea nach Astroel begeben, wo Ron sich wieder in das Untergrund-Infonetzwerk eingeloggt und Ort und Zeitpunkt der Gefangenenauktion erfahren hatte. Dann hatten sie dort abgewartet, bis es Zeit war, zur Befreiungsaktion aufzubrechen. Mit der Lysithea waren sie den herbeigerufenen anderen Schiffen entgegengeflogen und in diese umgestiegen, und nun flog die Ace of Swords von der Astroel gegenüberliegenden Seite auf Pavonia zu und bremste in eine Atmosphäreneintrittsbahn.

Über der schwach vom Morgendämmerlicht erhellten Osthälfte der Landmasse, auf der sie niedergehen wollten, wurden sie von der Kontrollzentrale des zuständigen Staates angerufen.

„Hier Raumflugkontrolle Irkanon. Seid ihr auch bei der Party am Chaion dabei, Snake?“

Auf einen Wink von Ron übernahm Nikos das Antworten. „Guten Morgen, Irkanon Control“, sagte er. „Snake schläft noch. Ja, wir machen auch mit.“

„Viel Spaß dabei. Wünschte, ich könnte dort sein. Irkanon Control aus.“

„Danke, und noch einen angenehmen Dienstauklang.“

Wie erwartet, wurden sie offenbar wegen des Raumschifftyps für Elonard Sampsons Snake Eyes gehalten, und natürlich war der Kontrollbeamte genauso wie seine Vorgesetzten über die illegalen Vorgänge im Bilde. Ron wußte, daß Irkanons einziges Orbitalwachboot sich gerade in der Wartung befand, was eine andere Art des offiziellen Wegschauens war. Ebenso würden auch die Wachboote aller anderen pavonischen Staaten einschließlich Astroels zur Zeit entweder in der Werft oder auf einem Trainingsflug fern vom Planeten sein oder wegen eines „Softwaredefekts“ am Boden stehen.

Die Gipfel und Kämme der Gebirgskette, die den Kontinent unter ihnen als Wasserscheide von Nord nach Süd durchzog, leuchteten bereits im rötlichen Licht der aufgehenden Sonne, als die Ace of Swords von Osten her an sie heranflog, in geringer Höhe durch einen gewundenen Einschnitt zwischen zwei Bergrücken fegte und auf der anderen Seite in eine halbwüstenhafte Hügellandschaft hinunterglitt. In tiefem Terrainfolgeflug steuerte Ron das Schiff knapp unterschallschnell über steinige Kuppen, sandige Talböden, Dünen und spärliche, struppige Buschwäldchen. Auf dieser Seehöhe, so fern vom westlich gelegenen Meer, wurde das Land nur selten von Regen erreicht.

Allmählich wurde die Landschaft aber doch grüner; entlang von Bächen und kleinen Flüssen zeigten sich Bäume, die Niederungen waren von Bodenvegetation bedeckt, und etwa eine Stunde nach der Überquerung der Gebirgskette flogen sie im Morgenlicht über einem dichten Wald, der von einem Fluß durchzogen wurde. Das war der Chaion, der größte Fluß dieser Gegend, dessen mäandrierendem Lauf sie nun bis zu ihrem Ziel folgen würden: Fern im Westen, jenseits eines weiten, waldigen Tieflandes, war bereits eine küstennahe Bergkette zu sehen, durch die sich der Chaion in einem steil eingeschnittenen Durchbruchstal schlängelte. Jenseits davon, nicht mehr weit vom Mündungsdelta am größten Meer von Pavonia, gab es einen breiten Nebenarm, der nur bei Hochwasser durchströmt wurde, wenn im Spätfrühling der Schnee in den Bergen schmolz oder am Ende des Spätsommers der Monsunregen über dem Land niederging. Die sommerliche Trockenzeit war zwar bereits mit einigen Regenfällen zu Ende gegangen, aber vom Hochwasserstand war der Fluß noch weit entfernt, und so lag der sandige Grund dieses Nebenarmes noch trocken. Dort sollte später an diesem Tag die Auktion stattfinden.

Ron sah auf das Zeitplandiagramm, das auf einem der Nebenbildschirme angezeigt wurde. Noch eine knappe Viertelstunde, dann würde das astroelische Orbitalkontrollschiff wieder über den südwestlichen Horizont kommen. Da man nicht sicher sein konnte, daß es nicht den Luftraum unter sich beobachten und auffällige Flugbewegungen an Kaundas Piraten weitermelden würde, hatte Ron eine Tarnmaßnahme vorgesehen und den Zeitablauf dementsprechend geplant. In weniger als zehn Minuten würden sie die Stelle erreichen, wo nacheinander zwei große Nebenflüsse aus Seitentälern in den Chaion einmündeten, der ab dieser Stelle sicher breit und tief genug für eine Fortsetzung der Annäherung auf andere Weise war.

Unter ihnen raste der grüne Teppich aus Baumwipfeln hindurch, und immer wieder glänzte zwischen den Bäumen die Wasserfläche des Flusses herauf, wenn sie eine seiner Schleifen abschnitten. Und dann kam die Einmündungsstelle in Sicht. Das Schiff bremste stark ab, und Ron lenkte es über die Mitte des Flusses. Von rechts mündete nun der erste Nebenfluß ein, und links vorne waren schon die Sandbänke an der zweiten Mündung zu sehen. Die Geschwindigkeit sank bis dorthin auf Null. Auf einem Statusbildschirm wurde angezeigt, wie das Schiff den Hilfskonverter abschaltete, mit dessen Energie es bisher geflogen war, und alles verschloß, was nicht dem Wasser oder Schmutz ausgesetzt sein durfte – Waffenmündungen, Konverterauslässe und alles andere. Nun zahlte es sich aus, daß der Typ Orion II auch ein Bodenangriffsschiff war, das unter allen möglichen widrigen Umweltbedingungen auf Planeten einsetzbar sein mußte – in Staubstürmen ebenso wie im Schneetreiben oder in tropischem Sturzregen. Ron hatte sein Schiff im Krieg unter all diesen Verhältnissen schon geflogen.

„So, ich bin dicht“, meldete Acey dann. „Wir können baden gehen, Ron.“

„Sehr schön.“ Ron verringerte die Höhe und hielt auf die Stelle zu, wo im Bereich der zweiten Flußeinmündung ausreichend viel freier Raum zwischen den weit über das Wasser ausladenden Ästen und Baumkronen war, daß er sein über hundert Meter langes und fast ebenso breites Schiff dazwischen hinuntermanövrieren und auf die Wasseroberfläche setzen konnte. Die Ace of Swords tauchte bis zur Unterkante der Lufteinlässe in das Wasser ein, ehe sie genug Auftrieb zum Schwimmen hatte, und der schwere Warpantrieb über dem Heck drückte sie hinten noch tiefer hinein. Von den noch heißen Teilen erhitztes Wasser gab Dampfschwaden in die kühle Morgenluft ab, und Wellen schwappten über die Oberseiten der Außenflügel, wo nur noch die oberen Hälften der Warpantriebs-Seitengondeln als graugrüne Buckel über das Wasser ragten. Dann öffnete Ron das Kanzeldach und ließ das Schiff mittels der MET-Antriebe langsame Fahrt vorwärts machen. Ein Blick auf das Zeitplandiagramm zeigte ihm, daß das Orbitalkontrollschiff in zwei Minuten über den Bergen im Südwesten erscheinen würde. Hier auf dem Fluß waren sie dessen direkter Sicht entzogen, und da sie nur mit geringer Leistung aus den Energiespeichern fuhren und die Abwärme vom Flußwasser weggekühlt wurde, würde es auch keine auffällige Hitzesignatur orten können. Mit dieser Schleichfahrt würden sie nicht nur der Wahrnehmung durch die Astroelis auch bei deren weiteren Umläufen in den kommenden Stunden entgehen, sondern auch von den Piraten und deren Kunden nicht entdeckt werden, die wahrscheinlich ebenfalls erst in der nächsten Zeit einfliegen würden.

Auf diesem Streckenabschnitt hatte der Fluß fast die Dimensionen der Donau in der Wachau, die Ron aus seiner Jugendzeit kannte. Nur war hier die Umgebung völlig anders: Statt von Weinbergen und den bewaldeten Hügeln des Dunkelsteiner Waldes wurde der Chaion von gewaltigen Baumriesen in Sequoia-Dimensionen eingefaßt, die an seinen Ufern wuchsen und mit ihren schräg über das Wasser hinausragenden Stämmen und ihren weit ausladenden Ästen und Kronen dem freien Lichtraum über dem Fluß zustrebten. Auf diese Weise war ein gigantischer Tunnel aus Holz, Blättern und Epiphytenranken entstanden, der nur in der Mitte einen meist weniger als hundert Meter breiten, unregelmäßigen Streifen Himmel freiließ. An den sandigen Ufern war bei diesem mäßigen Wasserstand zu sehen, wie von den dicken Stammansätzen der Bäume mächtige Stützwurzeln abzweigten, die sich durch das träge dahinströmende Wasser in den Grund bohrten und eine Menge Treibholz festhielten. Zwischen den Bäumen wuchsen verschiedene Röhrichtpflanzen, die oft eine gewisse Ähnlichkeit mit Bambus hatten, und dahinter setzte sich der Wald mit aufrechter wachsenden Baumarten fort, von denen viele ebenfalls so groß wie irdische Mammutbäume waren. Über den sonnenbeschienenen Flecken in dem unregelmäßigen Licht- und Schattenmuster auf dem Wasser tanzten Schwärme insektoider Kreaturen, nach denen hin und wieder ein Wasserwesen sprang, und über all dem lag ein leises Fließgeräusch, das von allen Seiten kam und nur schwer von den Geräuschen des durchs Wasser gleitenden Schiffes zu unterscheiden war.

Als sie so schweigend dahinfuhren, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, dachte Ron wieder an Catriona. Während des Aufenthalts in Saltport hatte er im Underground-Net auch die Aufnahmen gesehen, mit denen auf dem interstellaren Sklavenmarkt für sie geworben wurde, darunter auch jene von ihrer außergewöhnlichen, wenn auch letztlich vergeblichen Flucht, die ihr inzwischen den Spitznamen Wild Cat eingebracht hatte. Er hatte ihren Mut und ihre Entschlossenheit bewundert, ihr Durchhaltevermögen unter diesen widrigen Umständen, und er hatte sich fest vorgenommen, sie allen Gefahren und Schwierigkeiten zum Trotz zu befreien. Sie verdiente nichts Geringeres.

Er sah zu Giulia hinüber, die links neben ihm saß und den am Ufer vorbeiziehenden Wald betrachtete. Der Wind, der unter dem angehobenen Kanzeldach hereinstrich, spielte mit ihrem kurzen Haar und ließ es um ihr Gesicht tanzen. Sie ordnete es mit einer Hand, und als sie dabei bemerkte, daß Ron sie ansah, lächelte sie ihm zu, und er lächelte zurück. In der Zeit, seit sie sich kannten, hatte sich zwischen ihnen eine Freundschaft entwickelt, die auch über das rein Platonische hinausgehende Untertöne enthielt, aber Giulia, die erkannt hatte, daß dies der Mann aus Catrionas Andeutungen über eine unerfüllte Romanze war und daß er ebenfalls noch viel für ihre Freundin empfand, hatte sich mit weitergehenden Annäherungen zurückgehalten, und Ron war das ganz recht so.

So vergingen zweieinhalb Stunden, in denen sich nichts Besonderes ereignete, abgesehen von gelegentlich notwendigen Ausweichmanövern, wo umgestürzte Bäume im Fluß lagen oder Sandbänke die Wassertiefe verringerten. Dann war es Zeit, das Dach zu schließen und in den Wohn- und Eßraum hinunterzugehen, um ein vorgezogenes Mittagessen einzunehmen. Während der Mahlzeit drehten die Gespräche sich nur um Belangloses, da alles vorerst Wichtige schon gesagt war und alle sich von der merklichen Anspannung vor dem bevorstehenden Kampfeinsatz ablenken wollten, für den sie bereits in ihre Tarnanzüge gekleidet waren. Ron fiel auf, daß Alcyone kaum etwas aß, und auch Giulia schien nur mäßigen Appetit zu haben.

Als sie fertig waren, stiegen sie wieder in den Kontrollraum hinauf, wo sie sahen, daß sie sich bereits in dem Durchbruchstal durch die Küstenvorberge befanden. Steile Waldschluchthänge umgaben sie, und an den Kurvenaußenseiten des hier merklich schneller strömenden Flusses erhoben sich hohe Felswände, die Ron an das Donaudurchbruchstal zwischen Weltenburg und Kelheim erinnerten, nur daß die Wände hier viel höher waren und der Fluß breiter.

An der Einmündung eines von rechts zufließenden Baches bogen sie in dessen kleines Nebental ab und hielten an. Während Acey gegen die schwache Strömung Station hielt, stiegen sie durch den Zugangstunnel zum Raumgleiter hinab, in dem bereits ihre Ausrüstung verstaut war, und setzten sich hinein.

„Wir sind drin, Acey“, sagte Ron dann. „Du kannst abheben.“

Sie spürten die leichte Beschleunigung, als das Schiff sich aus dem Wasser hob, und dann öffnete sich unter ihnen die Luke der Hangarbucht. Ron klinkte den Gleiter aus, fing ihn über der Wasseroberfläche ab und manövrierte ihn unter dem Raumschiff weg, das sich über ihnen bereits wieder zum Fluß hinzudrehen begann und die Luke schloß.

„So, schick‘ mich!“ sagte Acey dann über Lasercom.

„Ja, fahr‘ los“, antwortete Ron, „wir sehen uns nachher.“ Die Ace of Swords schwebte auf den Chaion hinaus, senkte sich wieder ins Wasser und fuhr weiter flußabwärts, um die letzten Kilometer des Durchbruchstales hinter sich zu bringen. Währenddessen steuerte Ron den Gleiter tief über dem Bach, beschirmt von überhängenden Bäumen, in das Nebental hinein, bis sich die Möglichkeit ergab, durch eine steile Rinne nach links hinaufzufliegen und über einen kleinen Sattel auf die andere Bergseite zu wechseln, wo der Karte zufolge bald ein anderer Bach beginnen sollte. Ron fand ihn und folgte ihm in der gleichen Weise wie zuvor dem anderen: im Schleichflug unter dem Blätterdach der Bäume, die ihn säumten. Dabei mußte er meistens nervenaufreibend langsam und vorsichtig fliegen und immer wieder schräg überhängenden Bäumen, niedrigen Ästen und großen Felsblöcken ausweichen.

Allmählich wurde das Gefälle flacher, und der Bach wurde zu einem ruhigen Tieflandflüßchen, das sich durch den hier höher wachsenden Dschungel wand und schließlich in einen Altarm des Chaion mündete. Diesem folgte Ron nach links, bis er an einem verlandeten Stück endete, wo nur niedrige Sumpfpflanzen wuchsen. An deren Übergang zum Wald landete er unter dem Sichtschutz hoher Bäume, wo die vier ausstiegen und ein Tarnnetz über den Gleiter breiteten. Dann nahmen sie ihre Ausrüstung auf und machten sich auf den Weg zum Auktionsplatz.

* * *

Mit einem flauen Gefühl im Magen kniete Catriona vor der Piratenmannschaft und deren wartenden Kunden auf dem warmen Sand und bewegte ihre Hände in den engen Metallfesseln, um die Blutzirkulation in Gang zu halten. Als einziger unter den Gefangenen hatte man ihr die Hände hinter dem Rücken gefesselt und die Metallschellen ihrer Füße eng aneinandergekoppelt, währed einer der Thennun, auf deren Stammesterritorium die Auktion stattfand, hinter ihr stand und die an ihre Handfesseln gehakte Kette hielt. Dagegen waren Madolines Hände nur vorne gefesselt, und die von Corlissa waren momentan frei. Beide waren jedoch an Metallpflöcken angekettet.

Catriona hob den Kopf und ließ den Blick über das Gelände des Auktionsplatzes schweifen. Schräg links vor ihr, am gegenüberliegenden Waldrand, der das andere Ufer dieses ausgetrockneten Flußarmes markierte, lag die Gold Bug wie eine Kreuzung aus grüngoldenem Rieseninsekt und gestrandetem Wal und wies mit dem Bug zum oberen Ende des breiten Sandstreifens, wo sich der Auwald zum im Sonnenlicht funkelnden Wasser des Flusses öffnete. Die beiden Lasergeschütztürme an ihren Flanken waren ebenso wie die Kinetic-Kanone auf ihrem Rumpfrücken abwehrbereit zum Himmel gerichtet, wobei jede Waffe in eine etwas andere Richtung zeigte. Ein Stück hinter ihrem Heck, direkt gegenüber von Catriona, stand Hershel Gelbfisz‘ kompaktes weißes Raumschiff Highball aufrecht auf dem Sandgrund, und von dort nach rechts hin waren die anderen Raumyachten und Suborbitalraumgleiter der Kaufinteressenten vor dem Waldrand aufgereiht geparkt. Direkt vor ihr war ein Metallrohr mit einer Öse am oberen Ende in den Sand gerammt, und jenseits davon waren viele Stühle in zwei bogenförmigen Reihen aufgestellt. Auf Catrionas Seite wurden die zum Verkauf angebotenen Frauen präsentiert, alle ebenfalls nackt bis auf die bunten Lendentücher und die metallenen Schmuckelemente und Brustgeschirre. Vor ihnen und über das ganze offene Gelände verteilt bewegte sich die Meute der Käufer, die allen Menschenrassen und deren Mischungen entstammten und in verschiedensten Stilen gekleidet waren. Die meisten waren Männer, aber es befanden sich auch einige Frauen darunter. Sie besichtigten das Angebot, unterhielten sich dabei mit Kaundas Leuten, und etliche von ihnen hatten selbst Sklavinnen mitgebracht, die sie bei den Piraten gegen neue in Zahlung geben oder an andere Kaufinteressenten weiterveräußern wollten. Jeder von ihnen trug eine Seitenwaffe und war von mindestens einem bewaffneten Leibwächter begleitet.

In den vergangenen vier Wochen hatten Catriona und ihre Freundinnen Einblicke in die moderne Sex-Sklaverei bekommen, die sie zutiefst schockiert hatten, und Morris Wiener hatte mit der Rolle seines Volkes darin geprahlt. Staaten wie Astroel auf Pavonia und anderen Welten, die von Kriminalität profitierten und sie deshalb heimlich duldeten, boten skrupellosen reichen Männern die Möglichkeit, Frauen dort fast ohne Gefahr behördlicher Einmischung als Sklavinnen halten und handeln zu können, während dies auf der Erde verborgener und mit größerem Risiko betrieben werden mußte. Die Reichsten dieser Verbrecher besaßen Privatinseln auf Pavonia oder flogen mit ihren Raumyachten zu gesetzlosen, unbewohnten Welten, um dort Sexparties mit ihren Sklavinnen zu veranstalten, zu denen sie auch nicht so reiche Leute aus der politischen und medialen Elite einluden.

Catriona hätte am liebsten die Erinnerungen an die Fälle aus ihrem Gedächtnis verdrängt, wo sie selber solche Umtriebe miterlebt hatte. Auf Winedark hatte sie die Bekanntschaft von Vertretern des New Bohemian Club gemacht, die Gäste von Kaunda und Wiener gewesen waren und sich dort zu einer einwöchigen Sadosex-Party getroffen hatten. Die Frauen von der Queen of Altavor waren dabei zwar nur als Bedienung und als Tänzerinnen verwendet worden, und sie waren bei den grausamsten und perversesten Aktivitäten, die irgendwo in der Wildnis der unheimlichen schwarzen Wälder stattgefunden hatten, nicht dabeigewesen, aber was sie mitbekommen hatten, war schlimm genug. Aus verschiedenen Äußerungen hatten sie geschlossen, daß die Gäste Prominente aus Politik, Wirtschaft und Medien waren, und Catriona meinte, einige davon trotz Maskierung erkannt zu haben. Sie vermutete auch, daß Wiener und Kaunda bei solchem Treiben heimlich Aufnahmen von ihren Gästen machten, um sie im Bedarfsfall damit erpressen zu können, zum Beispiel um staatliches Vorgehen gegen sie zu verhindern.

Catrionas Gedanken wurden durch die Ankunft eines weiteren Schiffes unterbrochen, des letzten, das für diese Veranstaltung noch erwartet wurde, wie sie aus einer Äußerung von Kaunda zu ihren Bewachern erfahren hatte. Es kam über dem stehenden Wasser im unteren Teil des Flußnebenarmes herangeschwebt und setzte am fernen Ende der Reihe parkender Raumfahrzeuge auf, wo zum Altwasser hin gerade noch ausreichend Platz dafür war. Nun würde die Versteigerung bald beginnen, und Catriona wußte, daß sie als erste drankommen sollte.

* * *

Ron näherte sich mit seiner kleinen Gruppe vorsichtig dem Waldrand am rechten Ufer des ausgetrockneten Nebenarmes und ging dort in Stellung, wo er mit der Sensordrohne, die er zur Aufspürung eventueller feindlicher Wachtposten zwischen den Bäumen hatte vorausschweben lassen, Catriona gefunden hatte. Sie alle trugen Schutzhelme mit integrierter Funk/Gehörschützerkombination und Visieren, die die gängigen Laserfrequenzen ausfilterten und die Augen auch vor Splittern und hochgeschleuderten Fremdkörpern schützen würden. Dazu führten sie wieder dieselben Waffen wie bei der Enterung der Queen of Altavor.

Nachdem er sich mittels der Sensordrohne vergewissert hatte, daß innerhalb des Waldrandes keine Wächter postiert waren, ließ Ron die kleine Maschine in einer Höhe, in der sie von zufällig nach oben schauenden Feinden nicht ausgemacht werden konnte, über den Nebenarm fliegen und zwischen den Bäumen auf der gegenüberliegenden Seite Beobachtungsposition beziehen. Mittels einer weiteren Drohne, die direkt über ihm in geringer Höhe über den Wipfeln schwebte, hielt er per Lasercom Verbindung zu ihr und zu einer dritten Drohne, die über dem jenseitigen Ufer des Hauptstroms flog und den Kontakt zu Acey und zu Winchell in der Queen herstellte. Acey hatte gerade gemeldet, daß sie schon aus dem Wasser aufgestiegen war und die Robotjäger losgeschickt hatte, und Winchell war nicht mehr weit vom Atmosphäreneintritt entfernt. Kurz zuvor war noch ein Gästeschiff gelandet, und nun strebten bereits die meisten Anwesenden der Anordnung von Stühlen zu, wo die Auktion stattfinden würde. Ndoni Kaunda war bereits dort, und Ron stellte mit Erleichterung fest, daß ihre beiden Xhankh-Leibwächter nicht bei ihr waren. Offenbar war deren Tötung durch Catriona wirklich real gewesen und keine per CGI erzeugte dramatische Einlage in dem Video von ihrer Flucht. Das war ein großer Vorteil, denn Ron hatte ihre Spezies bereits als furchterregende Kämpfer kennengelernt, als er und seine Kameraden im Krieg während eines Bodenkampfes von ihnen beinahe in ihrer Stellung überrannt worden waren.

Catrionas Herzschlag beschleunigte sich, als ihre Bewacher sie auf Kaundas Befehl hin auf die Füße zerrten. Man nahm ihr die Fußfesseln ab und führte sie zu der Metallsäule, wo ihre Handfesseln voneinander gelöst und vorne wieder zusammengehakt wurden. Dann wurde sie mit dem Rücken an das Metallrohr gestellt und ihre über den Kopf erhobenen Hände an der Öse festgebunden. Ndoni Kaunda nahm ihr das gelbe Lendentuch ab und wandte sich an die Interessenten, die auf den Stühlen vor ihr Platz genommen hatten:

„Liebe Gäste, wir kommen jetzt ohne weitere Umschweife zu unserem ersten Verkaufsposten: Catriona Gerling, bekanntgeworden als Wild Cat sowie als Darstellerin der Jolene Rogers in River of Stars, River of no return. Ihre persönlichen Daten kennen Sie aus unserer Ausschreibung; hier nur kurz die wichtigsten Angaben zur Wiederholung: sie ist achtundzwanzig Jahre alt, hundertdreiundsiebzig Zentimeter groß und wiegt vierundsechzig Kilogramm. Sie stammt aus Österreich, spricht neben Deutsch auch Englisch, Italienisch und Französisch und ist eine ausgebildete Raumpilotin. Außerdem kann sie singen und musizieren. Was sie bei uns an erotischen Showdarbietungen gelernt hat, werden die meisten von Ihnen bei unseren Vorführungen oder in den Videos gesehen haben. Ihren Ausrufungspreis bestimmt das höchste bisher eingegangene Vorab-Angebot von unserem Freund Hershel hier: Sechzigtausend Credits. Wer bietet mehr?“

Catriona war verblüfft, als sie hörte, daß sie nun einen Geldwert repräsentierte, der einem kleinen Raumgleiter entsprach. Sie bezweifelte, daß jemand noch mehr bieten würde als Gelbfisz, aber nach einer kurzen Nachdenkpause hob links von ihr ein nahöstlich aussehender Mann in arabischer Kleidung die Hand und sagte: „Zweiundsechzigtausend.“

„Oho, es wird spannend“, bemerkte Kaunda dazu und ließ ihren Blick über den Bogen der Interessenten schweifen. „Höre ich noch mehr?“

Während die Anwesenden einander ansahen, betrachtete Catriona den Fremden, der mindestens für die nächsten Jahre ihres Lebens ihr Herr sein würde, falls nicht doch ein anderer mehr bot. Da bemerkte sie, daß sich hinter ihm die Waffentürme der Gold Bug zu bewegen begannen und sich auf ein gemeinsames Ziel ausrichteten, das sich irgendwo rechts über ihr am Himmel befinden mußte. Kaunda stutzte und hielt sich die Hand an ihr rechtes Ohr, wo sie einen kleinen Kommunikator angeklemmt trug, und dann kam auch unter den anderen Anwesenden Unruhe auf. Catriona schaute wie Kaunda nach rechts oben und sah ein winzig wirkendes, längliches Objekt heruntersinken. Kurz verschwand es beinahe hinter einem dünnen Wolkenschleier, woran sie erkannte, wie hoch oben es noch sein mußte – und wie groß es war. Rasch kam es näher, und Catriona meinte, es als die Queen of Altavor zu erkennen. Nun registrierte sie auch wieder, was Kaunda in ihren Armbandsender sprach: „Wenn es in den nächsten zehn Sekunden nicht antwortet, schießt es ab!“

Plötzlich war die Luft von ohrenbetäubendem Lärm erfüllt, und die Ereignisse spielten sich schneller ab, als die menschliche Aufmerksamkeit ihnen gleichzeitig folgen konnte. Geschosse schlugen in den linken Laserturm der Gold Bug ein, und wahrscheinlich auch in jenen auf der anderen Seite. Manche schlugen durch, wenn sie keine massiven Einbauteile trafen; dann fuhr jedes Mal ein weißglühender Blitz nach rechts aus dem Turm und dahinter in den Boden, wo er eine Sandfontäne aufwarf. In das Stakkato dieser schwereren Treffer mischte sich das schnellere Knattern kleinerer Einschläge, und von beiden Waldrändern wurden die Überschallknalle der Geschosse als Echos zurückgeworfen. Gleichzeitig begann das Kinetic-Geschütz oben auf dem Rumpf der Gold Bug zu glühen und Funkenwolken auszustoßen, während es sich wie ihre Laserwaffen der Quelle des von links kommenden Beschusses zuwandte und dabei steckenblieb.

Vor Catriona sprangen die Leute erschrocken auf, und nun hörte sie auch am Waldrand hinter ihr eine schnelle, unregelmäßige Serie von Explosionen, während das Trommelfeuer auf die Lasertürme aufhörte. Vor ihr zerplatzten Menschenköpfe mit lautem Knall, und grelle Feuerfontänen wie von überstarken Blastertreffern zuckten aus Körpern. Panik und chaotisches Geschrei brach aus. Sie schaute nach links zur Lücke im Auwald und sah dort ein Kampfraumschiff vom Typ Orion II tief über dem Fluß schweben, den Bug auf den Schauplatz des Gemetzels gerichtet. Im ersten Moment dachte sie erschrocken an Sampson und seine Snake Eyes, dann fiel ihr ein, daß dieser so etwas kaum tun würde, und in ihr kam Hoffnung auf.

Immer noch starben rings um sie die Piraten, ihre Gäste und deren Leibwächter in schneller, scheinbar chaotischer Reihenfolge, und nun fielen ihr auch die beiden Robotjäger auf, die am oberen Ende des Nebenarmes zwischen den Bäumen erschienen waren und mit ihren Lasern ebenso wie ihr Mutterschiff unter den Kriminellen wüteten. Ndoni Kaunda ging an ihrer rechten Seite in Deckung und benutzte sie als Schutzschild. Catriona rempelte sie mit ihrer Hüfte an, um ihr rechtes Bein hinter Kaundas linkes einhaken zu können, dann fegte sie ihr mit einem Ruck den Fuß weg, wobei sie sich an ihre festgebundenen Hände hängte und mit kräftigem Bauchmuskeleinsatz nachhalf. Kaunda wurde halb nach rechts herumgewirbelt und fiel nach hinten. Catriona hörte sie ächzen, als sie hart in den Sand plumpste.

Ron war mit seinen Freunden bis ganz an den Waldrand vorgerückt, als Acey und die Robotjäger mit dem Beschuß begonnen hatten, sodaß sie nun die offene Sandfläche überblicken konnten. Jeder von Aceys zehn Lasern feuerte unabhängig von den anderen auf die Auktionsteilnehmer, während die Robotjäger langsam herangeschwebt kamen und neben ihren Lasern auch ihre leichten Kinetics einsetzten. Mit seinem Carrington Carbine erschoß Ron die Gegner, die für die drei Maschinen nicht erreichbar waren oder von ihren KIs nicht sicher als Feinde identifiziert wurden, während Giulia zu seiner Linken verhinderte, daß jemand in den Wald entkam, und Nikos zu seiner Rechten dasselbe tat. Alcyone sicherte sie dabei nach hinten und hielt sich bereit, um notfalls nach vorn Verstärkung zu geben.

Als Kaunda nach Catrionas Fußfeger aus der Deckung kippte, erwartete Ron im ersten Moment, sie sogleich durch einen Laserblitz von einer der Maschinen sterben zu sehen. Dann fiel ihm ein, daß er die KIs angewiesen hatte, nicht auf Frauen zu schießen, um jedes Risiko auszuschließen, daß eine der Gefangenen getroffen wurde. Vorhandene weibliche Feinde sollten durch sein Bodenteam bekämpft werden, daher nahm er die auf dem Rücken mit dem Kopf zu ihm liegende Piratenführerin in seine Zieloptik und drückte ab. In diesem Moment begann sie sich herumzuwälzen und nach ihrem Blaster zu greifen, und so verfehlte der Strahl ihren Kopf und drang durch die rechte Schlüsselbeingrube tief in ihren Körper ein, ohne sie sofort zu töten. Sie schrie und krümmte sich zusammen, und noch ehe Ron sie mit einem weiteren Schuß erledigen konnte, wurde ihr Rumpf von mehreren Kinetic-Geschossen eines Robotjägers durchlöchert, dessen KI sie offenbar wegen Rons erstem Schuß als Feind eingestuft hatte.

Jenseits von Catriona bemerkte Ron eine kleine Gruppe von Männern, die sich hinter dem Heck der Gold Bug aufhielten und dort gegen den Beschuß durch die angreifenden Maschinen gedeckt waren. Zwei davon versuchten in das danebenstehende weiße Raumschiff zu flüchten. Ron schoß sie nieder, und als er die Waffe auf die restlichen vier richtete, löste sich daraus einer, den er durch die Zieloptik als Morris Wiener erkannte, und rannte auf eine Luke zu, die sich gerade zwischen den unteren Konverterdüsen der Gold Bug öffnete. Er feuerte auf ihn, brannte ihm aber offenbar nur einen Streifschuß über das rechte Schulterblatt, denn er sah nur eine kleine Rauchwolke und ein Zucken des Mannes, ehe dieser im Schiff verschwand. Die Luke schloß sich wieder und sperrte die restlichen drei Männer aus, die zu spät erkannt hatten, daß ihr Unterführer ohne sie fliehen wollte. Verzweifelt schlugen sie gegen die Luke, bis sie durch die Schüsse von Ron, Giulia und Nikos fielen.

Kurz darauf war zu hören, wie ein Konverter der Gold Bug ansprang, und dann ein zweiter. Das Raumschiff hob ab, drehte nach rechts und sprengte währenddessen die beiden zerstörten Lasertürme ab. Dann beschleunigte es, immer noch steigend, über den Wald hinweg nach Westen. Sie hörten noch, wie sein dritter Konverter startete, und sahen Feuerstrahlen aus den Düsen der ersten beiden schießen, dann war es verschwunden.

„Acey, wie sieht’s aus?“ fragte Ron. „Sind noch Feinde aktiv?“

„Nein, die sind alle tot. Soll ich das Schiff verfolgen?“

„Warte noch, ich muß zuerst etwas klären.“ Er lief über die Sandfläche zu Catriona hin und fragte sie: „Cat, sind noch Gefangene in dem Schiff?“

Noch erschüttert von dem Blutbad, strahlte sie dennoch in freudigem Erkennen. „Nein, es sind alle herausgebracht worden.“

„Gut. Acey – zerstöre das Schiff! Laß die Robotjäger vorerst hier. Winchell, du kannst jetzt landen.“ Er trat noch näher an Catriona heran und legte die Hände auf ihre Hüften. Sie sah lächelnd zu ihm auf und sagte: „So, jetzt ist aber etwas fällig.“ Er küßte sie.

„Das hat aber lange gedauert“, sagte sie danach.

„Zu lange. Sechs Jahre.“ Er griff an die Schließen ihrer Metallschellen und öffnete sie. Aufseufzend nahm sie die Hände herunter und rieb sich die Handgelenke, dann umarmte sie ihn und küßte ihn noch einmal lange und intensiv. Als der gewaltige Schatten der Queen of Altavor über sie fiel, lösten sie sich voneinander und sahen sich um. Überall auf dem weiten Sandareal lagen Leichen verstreut, unüberschaubar viele, vielleicht über hundert. Dabei hatte der ganze Überfall nicht einmal eine Minute gedauert. Im Schatten des Schiffs hatten Nikos, Giulia und Alcyone bereits begonnen, den anderen Frauen die Fesseln zu lösen, und jede davon schloß sich dieser Tätigkeit an, sobald sie selber frei war. Ron hob Catrionas Lendentuch auf, das Kaunda nach ihrer Entblößung achtlos hatte fallengelassen, und gab es ihr. Sie bedankte sich und band es um, dann gingen sie zu den anderen.

„Die Armreifen und die Ohrringe stehen dir gut“, meinte Ron.

„Die behalte ich als Andenken an diesen Tag.“

Langsam schob sich die Queen of Altavor, die vom oberen Ende des Nebenarmes hereingekommen war, so weit über den Platz, bis ihr breit ausladender hinterer Teil sich über dem Bereich befand, wo die Gold Bug gewesen war, und ihr Heck nicht mehr über das Wasser des Chaion hinausragte. Um mit dem Schiff niedergehen zu können, mußte Winchell es auf der Steuerbordseite ganz an die Bäume drücken, damit es sich auf der anderen Seite nicht auf die geparkten Raumfahrzeuge setzte. Vorsichtig ließ er es heruntersinken, begleitet vom Geräusch brechender und am Rumpf schabender Äste, bis die ausgefahrene Passagierrampe den Sand berührte.

Am Fuß der Rampe sammelten sich die Frauen, die inzwischen alle befreit waren, und die Gruppe von der Ace of Swords. Wenig später kam Winchell Chang herunter und begrüßte seine Vorgesetzte Catriona mit einiger Verlegenheit wegen deren Blöße, dann schloß er Sayuri Park in die Arme. Die Frauen gingen an Bord; diejenigen, die dort Quartiere hatten, wollten sich etwas von ihren Sachen zum Anziehen holen und den anderen etwas Passendes borgen. Rons Gruppe eilte jedoch zur Steuerzentrale des Schiffes, das von seiner KI in Position schwebend gehalten wurde, denn sie wollten von dort aus Kontakt zur Ace of Swords aufnehmen. Catriona betätigte die vertrauten Kontrollen und stellte mit Rons Unterstützung die Verbindung zu Acey her, deren Außenkameraaufnahmen auf die großen Sichtschirme der Zentrale übertragen wurden, sodaß es aussah, als würden sie selbst an der Jagd auf Morris Wiener teilnehmen.

Acey hatte die Gold Bug bereits eingeholt, und die beiden Schiffe verließen gerade die Mesosphäre. Wiener hatte alle Massekonverter der Gold Bug aktiviert, ließ sie aber sicher nur mit Teillast laufen, weil die MET-Antriebe des Schiffes die für den Betrieb der Warpanlage ausgelegte Gesamtleistung gar nicht aufnehmen konnten. Stattdessen ging es ihm offenbar darum, alle Konverter als Raketenbooster zu nutzen, indem er dem Wasser für die Aggregate, die nur für die Zerstrahlung von Protonen und Sauerstoffatomen abgestimmt waren, Fremdmaterialien beimischte. Deren andere Elemente wurden nur unvollständig zerstrahlt, und ihre Spaltprodukte schossen aus den Düsen und erzeugten Rückstoß. Aceys Spektralmessungen zeigten an, daß hinter den Konverterkammern zusätzlich noch Wasser in den Plasmastrom eingespritzt wurde und dort verdampfte. Diese masseverschwenderische Betriebsweise erhöhte zwar den Schub noch mehr und machte einen umgebauten Militärtransporter wie die Gold Bug jedem zivilen Schiff überlegen, aber es genügte nicht, um einer Orion II zu entkommen.

Es war unklar, was Wiener mit seiner Flucht zu erreichen hoffte, die nur ein verzweifeltes Hinauszögern des Unvermeidlichen sein konnte. Wie Acey berichtete, war er gleich nach dem Start noch senkrecht in den Weltraum aufgestiegen und hatte dabei die zerschmolzene Kinetic-Kanone abgeworfen und beide Beiboote gestartet, um die Masse zu verringern. Die Beiboote hatte er außerdem auf Rammkurs gegen seine Verfolgerin geschickt, die sie jedoch schnell abgeschossen hatte. Als klar geworden war, daß er nicht mehr rechtzeitig auf Warpstartdistanz zum Planeten gelangen konnte, hatte er eine flachere, nach Westen führende Flugbahn gewählt und auch noch die Warpfeldgeneratoren abgesprengt. Zusätzlich hatte er Wasser aus den Tanks abzulassen begonnen, das sich hinter ihm mit den Düsenstrahlen zu einem Kometenschweif aus Dampf und feinen Eiskristallen vereinigte. Nun sah es so aus, als wollte er nach Kheldrech fliegen, einem Inselstaat im westlichen Meer, der ähnlich wie Irkanon von einer korrupten, von der modernen Erde stammenden Elite und einer Mehrheit von Eingeborenenstämmen bewohnt wurde. Auch diese Absicht war jedoch aussichtslos, denn die Ace of Swords begann nun aus allen ihren Waffen zu schießen.

Durch die Induktionshitze weißglühend rasten die Kinetic-Geschosse aus den Rohren und zeichneten Leuchtspuren zum fliehenden Schiff. Die beiden Teilchenstrahlkanonen feuerten in rasend schneller Folge nanosekundenkurze Pulse fast lichtschneller, neutralisierter Quecksilberionen, die die extrem dünne Restatmosphäre entlang ihrer Schußbahnen aufleuchten ließen. Nur die Laser, die wie zuvor beim Bodenangriff mit aktivierter Frequenzverdoppelung ultraviolett strahlten, erzeugten erst auf dem Ziel sichtbare Lichteffekte. Alle Waffen fokussierten ihre Wirkung auf zwei tellergroße Bereiche, wo sie das Material aufglühen ließen und Funkenschwärme absprengten.

Sofort nach den ersten Treffern begann die Gold Bug mit unregelmäßigen Taumelbewegungen, die großteils Ausweichversuche waren, aber auch durch den Ausfall einzelner MET-Antriebselemente und anderer Komponenten bewirkt sein mochten. Acey folgte diesen Bewegungen mit ihren Waffen und manövrierte dabei in einem kegelförmigen Bereich hinter ihrem Ziel umher, um es mehr von der Seite und von oben zu treffen und dessen Dampfschweif sowie Splittern auszuweichen. Kaum fünfzehn Sekunden nach Beginn des Beschusses flogen mehrere große Verkleidungsteile am Heck der Gold Bug weg, und eine ihrer Konverterdüsen erlosch. Sie brach nach rechts aus und wurde in die Flanke getrofffen. Plötzlich bremste sie fast ebenso stark, wie sie zuvor beschleunigt hatte, und manövrierte sich der Ace of Swords in den Weg, die nicht mehr schnell genug bremsen konnte und nach oben über ihr Ziel ausweichen mußte.

Gleich darauf beschleunigte die Gold Bug wieder, und ihre Flugbahn krümmte sich nun wieder zum Planeten hin, auf die Atmosphäre zu. Ron fragte sich, ob das eine verrückte Verzweiflungshandlung von Wiener sein konnte oder von irgendeiner Fehlfunktion der Schiffs-KI verursacht wurde – oder ob jetzt ein Selbstzerstörungsprogramm begonnen hatte, das von Kaunda installiert worden war und sich Wieners Kontrolle entzog. Acey hatte sich wieder auf das Ziel ausgerichtet und verfolgte es ständig schießend, bis sich das erste Plasmaleuchten des Wiedereintritts zu zeigen begann. Kurz darauf zerbrach das Schiff, und eine leuchtende Dampfwolke blieb hinter einem Schwarm von Trümmern zurück, die sich wie eine glühende Schrotgarbe auffächerten und dabei ständig in noch kleinere Stücke zersplitterten, bis fast alle verglüht waren.

„Auftrag ausgeführt“, meldete Acey überflüssigerweise.Hab‘ ich bei diesem Einsatz nicht gut funktioniert? Ich funktionier‘ immer!“

„Ja, das tust du“, antwortete Ron. „Warte im Orbit, bis wir mit der Queen zu dir hinaufkommen. Beim nächsten Umlauf treffen wir uns. Lyssie soll sich ihre Annäherung so einteilen, daß sie bis dahin bei uns ist und einstweilen als Com-Relais dienen kann. Wir haben hier noch ein paar Sachen zu erledigen.“

Er hatte vor, mit den Kameras der Robotjäger und der Sensordrohnen Aufnahmen von allen toten Gegnern zu machen, um deren Identität zu belegen. Winchell hatte gleich nach Beginn der Befreiungsaktion kurze Meldungen samt der Aufzeichung des Gesprächs mit Irkanon Control an die Föderationsbotschaft auf Eleazar sowie an vier unabhängige Journalisten übermittelt, die sich gerade in Saltport aufhielten. Später hatte er denselben Empfängern noch ein paar ausgewählte Videoausschnitte vom Angriff geschickt, und den Föderationsbehörden zusätzlich noch Bremers Zugangsdaten zum Underground-Net, die noch bis Monatsende gültig sein würden. Inzwischen waren schon Antworten eingetroffen: die vier Reporter hatten einen kleinen Suborbitalraumgleiter gechartert und würden in etwas mehr als einer Dreivertelstunde zur Stelle sein, und wenig später würde ein Patrouillenboot der Föderation landen. Zwar war Irkanon ein souveräner Staat, aber es gab in der Föderationsregierung neben jenen Kräften, die aus eigennützigen Gründen an der Duldung derartiger Offshore-Mafianester interessiert waren, auch solche, die deren Souveränität gern zurückstutzen wollten, um sie irgendwann in den Föderationsverband einbeziehen zu können. Die Aufdeckung schwerwiegender Verbrechen gegen so viele Föderationsbürgerinnen auf Irkanons Territorium samt dem Verdacht auf heimliche Begünstigung durch die örtlichen Behörden gab diesen Kräften einen willkommenen Vorwand für eine kleine Machtprojektion. Wenn das Patrouillenboot und das Reporterteam erst einmal hier waren, würden sie bei den Toten und in deren Raumfahrzeugen eine Menge Beweise für diese und noch viele andere Verbrechen finden, in die auch andere außer den da draußen Getöteten verwickelt waren, und die befreiten Frauen würden sie später mit ihren Aussagen ergänzen. Gewissen Kreisen in der hohen Föderationsprominenz stand ein Gewitter an unangenehmen Konsequenzen ins Haus, von dem sie noch nichts ahnten. Ron empfand tiefe Genugtuung darüber.

„Schade ist nur, daß wir die Gold Bug nicht intakt kapern konnten“, sagte er. „Aus ihren Computern hätten wir erfahren können, wo Winedarks Sonne liegt.“

„Macht nichts“, sagte Catriona, die sich neben ihm mit Anfragen an die astrographische Datenbank beschäftigt hatte. „Das habe ich gerade herausgefunden: Es ist Innes‘ Stern alias Gliese 422.“

„Was? Woher weißt du das?“

„Und Kaundas Basis muß irgendwo um den neunzigsten Breitengrad Ost zwischen fünfzehn und zwanzig Grad Nord liegen.“ Sie lächelte schelmisch und erläuterte ihm und dem danebenstehenden Nikos ihre Beobachtungen auf Winedark und die Überlegungen und Datenabgleiche, die sie auf deren Grundlage durchgeführt hatte. „Der Planet Yemayá ist sogar schon im frühen einundzwanzigsten Jahrhundert von der Erde aus entdeckt worden“, schloß sie. „Offiziell heißt er Gliese 422 b. Aber ich glaube, Kaundas Namensgebung wird sich durchsetzen.“

„Das ist großartig!“ freute sich Ron und küßte sie. „Jetzt habe ich doch noch Verwendung für eine Vorbereitung, die ich vor dieser Mission getroffen habe. Hast du Lust, eine Fregatte der Föderationsflotte zu besuchen?“

„Ja, habe ich“, antwortete Catriona. „Aber jetzt habe ich Lust auf eine Dusche, und dann werde ich mir endlich etwas anziehen.“

Ron sah sie ernst an. „Wenn du fertig bist, würde ich dich gern zu einem persönlichen Gespräch in der Steuerbord-Aussichtsgalerie treffen. Bis dahin fliegen wir wahrscheinlich schon.“

„Ich werde da sein.“

* * *

Als Catriona zu ihm kam, hatte das Schiff tatsächlich schon abgehoben und beschleunigte in schnellem Steigflug nach Westen. Weit draußen vor dem Panoramafenster zog einer der beiden Robotjäger mit, die die Queen als Absicherung für den Fall eskortierten, daß Irkanons Raumpatrouille plötzlich einfiel, daß ihr Wachboot doch einsatzbereit war. Tief unten glänzten die breit auseinandergefächerten Mündungsarme des Chaion in der Nachmittagssonne, und nach vorne hin war schon das Meer sichtbar.

„So, da bin ich“, begrüßte sie ihn. „Ach, tut das gut, wieder die eigenen Sachen zu tragen!“ Sie strich sich über den satinschimmernden dunkelblauen Elastikoverall, in dessen Halsausschnitt sie ein blausilbern gemustertes Tuch trug. Irgendwie kommt es mir immer noch unwirklich vor, daß ich jetzt wieder frei bin.“ Erwartungsvoll sah sie Ron an, der sich neben ihr in seinem verschwitzten, dreckigen Tarnanzug ein bißchen schäbig und nicht dem Anlaß entsprechend gekleidet fühlte.

„Catriona“, begann er. „heute möchte ich dir endlich sagen, warum ich damals vor sechs Jahren nicht so richtig auf dein erkennbares Interesse an mir eingegangen bin, obwohl du mir sehr gut gefallen hast, wie du wohl gemerkt haben wirst.“

„Ja, den Eindruck hatte ich wirklich, und das hat mich verunsichert, weil du dann nicht näher auf mich zugegangen bist. Ich dachte, vielleicht bilde ich mir das nur ein, oder er findet mich zwar hübsch, aber jung und dumm, oder er traut sich nicht an mich ran wegen der feministischen Antibelästigungsrichtlinien an der Raumpilotenakademie…“

„Siehst du, Catriona, du wärst damals schon meine Traumfrau gewesen: so schön und lieb und durchaus auch klug und vernünftig. Sicher, du warst in mancher Weise noch recht unwissend, zum Beispiel, was politisch rechts und links bedeutet. Aber du hast auf mich dennoch einen sehr intelligenten und vernünftigen Eindruck gemacht, auch mit deiner kritischen Einstellung zu den sozialen Medien, das hat mich bei einem so jungen Menschen sehr beeindruckt. Es hat dich zusätzlich aus der Masse herausgehoben. Und da war noch dein Lächeln, dein liebes, strahlendes Lächeln. Weißt du, Cat, wenn du morgens mit diesem Lächeln und einem ‚Guten Morgen!‘ in die Akademie gekommen bist, dann war das wie ein vorweggenommener Sonnenaufgang, oder ein zweiter Sonnenaufgang, wenn die Sonne schon oben war. Ich habe dich deswegen bei mir Sonnenfrau genannt, oder Lady Sunshine. Ich wäre der Mister Moon dazu gewesen, wegen meiner Vorliebe für winterliche Mondscheinwanderungen.“

Ihr Blick wurde ganz weich. „Aber wieso…“

„Ich dachte mir: diese liebe, gescheite junge Schönheit soll Kinder haben, und du hattest diesen gut verdienenden Freund, der dir die Voraussetzungen dafür hätte bieten können. Und wo war ich da? Ich hatte drei Jahre nach dem Krieg noch immer keinen ordentlichen Lebensunterhalt. Die Raumflotte wollte mich nicht mehr, bei den zivilen Raumfahrtlinien bin ich nicht untergekommen, und so habe ich mich mit schlechten Gelegenheitsjobs durchschlagen müssen. Der Trainerjob bei der Akademie war auch nur vertretungsweise und schlecht bezahlt. Ich war damals schon dreiundvierzig und hatte kaum noch Hoffnung, jemals wieder einen ordentlichen und sicheren Arbeitsplatz zu bekommen. Wenn du solo gewesen wärst, hätte ich es wohl trotzdem mit dir versucht, aber so wäre es unverantwortlich von mir gewesen, diese Verbindung auseinanderzubringen, aus der eine gutsituierte Familie mit Kindern von dir hätte werden können.“

„Oh Ron, aus dieser anderen Beziehung habe ich damals ohnehin rauswollen, und sie ist dann auch zerbrochen.“

„Ja, das habe ich später von Alice erfahren. Bei dieser Bergwanderung mit Fred ein halbes Jahr nach der Akademie habe ich auch vermutet, daß du die als Gelegenheit zum Anbandeln nutzen wolltest, und ich dachte mir: wenn sie sowieso von ihm weg will, dann ist es nicht meine Schuld, wenn die Beziehung mit ihm auseinandergeht, und wenn es mit uns beiden doch nicht klappt, dann kann es für sie bei ihrer Jugend immer noch andere Chancen geben. Aber dann hast du über eure Beziehung gesprochen und gesagt: ‚Mein Freund ist älter als ich, ruhiger und erwachsener im Kopf als ich – und das brauch‘ ich!‘ Da habe ich gedacht: Schade, wenn sie so positiv von ihrem Freund spricht, dann will sie doch nicht von ihm weg. Und so habe ich wieder nicht die Initiative ergriffen.“

„Mein lieber Ron, das hast du aber ganz falsch aufgefaßt.“

„Das ist mir inzwischen klargeworden. Ich habe es damals schon vermutet, als ich dir meine neuen Kontaktdaten geschickt habe und du nur geantwortet hast: Ok danke, ohne Liebe Grüße, Cat oder wenigstens lg. Das hat schon sehr verschnupft gewirkt, und erst später ist mir der Gedanke gekommen, daß du mir mit dieser Aussage über deinen Freund nur zu verstehen geben wolltest, daß du sehr wohl einen deutlich älteren Mann als Partner haben willst. Habe ich da richtig vermutet?“

„Ja. Und ich war nach dieser Wanderung wirklich sehr enttäuscht von dir.“

„Deshalb hatte ich in den Jahren danach, als wir den Kontakt zueinander verloren hatten, so ziemlich angenommen, daß du mich abgeschrieben hättest. Ich glaube, daß das so ein Männerding ist, verlorenen Chancen bei Frauen hinterherzutrauern, während Frauen das nicht tun. Einmal aus ihrem Gesichtsfeld raus, einmal einen Shit-Test vermurkst, und sie haben einen abgehakt.“

„Das ist meistens auch so. Aber bei dir… da war es für mich doch etwas anderes. Ich habe immer wieder an dich gedacht, auch auf Winedark.“

„Ich habe gehofft, daß es so sein könnte. Oder eigentlich habe ich mich von dieser Hoffnung nie ganz losreißen können, in den harten, einsamen Jahren danach. Andererseits hatte ich mich in dieser Zeit auch zu sehr in meine jetzige Tätigkeit vergraben, um mich zu einem Versuch des Neuanfangs aufzuraffen.“

Sie legte ihre Hände auf seine Taille. „Ach herrje, Ron, was machen wir zwei da eigentlich vor diesem Fenster? Voll de Laberfilm, würden die Türkenjungs aus meiner Schulzeit sagen. Willst du nun, daß wir es doch miteinander versuchen?“

„Ja, Catriona. Unbedingt. Jetzt kann ich dir auch endlich materiell etwas bieten, und ich bin bereit, aus der Piratenjägerei auszusteigen.“ Er faßte sie an den Schultern, und dann umarmten und küßten sie einander. Draußen zog tief unter ihnen die sonnenbeschienene Wolkenlandschaft vorbei. Ron fiel gerade noch ein, ein vereinbartes Signal auf dem Armbandkommunikator an seinem rechten Handgelenk zu drücken. Ein ruhiges Musikstück begann die Aussichtsgalerie zu erfüllen.

Catriona löste sich ein wenig von ihm. „To Go Beyond, Part 2“, sagte sie angenehm berührt. „Ich wußte gar nicht, daß du Enya auch kennst.“

„Das ist eben eine Gemeinsamkeit zwischen uns beiden, die uns schon damals in der Akademie aufgefallen ist“, erwiderte Ron und küßte sie nochmals, „unsere Vorliebe für alte Musik aus dem zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert.“

10) Nornenfäden

Am Abend desselben Tages näherten sie sich mit der Lysithea Hydrion, dem vierten Planeten von Beta Hydri. Nach dem Abflug von Pavonia waren die meisten der befreiten Frauen bei der Föderationsbotschaft auf dem Mond Eleazar abgesetzt worden und hatten dort ihre Heimreise über das Personen-Wurmlochportal nach Epsilon Indi begonnen. Winchell Chang war danach in Begleitung von Sayuri Park mit der Queen of Altavor per Warp nach Epsilon Indi aufgebrochen, da das Schiff für die astroelische Wurmlochverbindung dorthin zu groß war, und weil die Ace of Swords dieses Wurmloch wegen ihrer Spannweite ebenfalls nicht passieren konnte, hatte Ron sie unbemannt als Eskorte mitgeschickt. Er selbst war mit der Lysithea durch das andere Wurmloch nach Beta Hydri geflogen, um sich möglichst rasch mit seinem ehemaligen Staffelkameraden Gerald Wolfinger zu treffen, der nach dem Krieg in der Raumflotte verblieben war und sich jetzt mit der von ihm kommandierten Fregatte Albireo in diesem System aufhielt. Begleitet wurde er von Catriona, Nikos und Alcyone sowie von Giulia, Madoline, Corlissa und Nadya Woronina.

Aus dem Wurmlochportal auf Hydrions innerem Mond Petrion kommend, fielen sie auf den Planeten zu und bremsten in eine Umlaufbahn. Gemeinsam hielten sie sich im Hauptsalon der Raumyacht auf und betrachteten durch die große Aussichtskuppel die wasserreiche, aber fast vegetationslose Welt, die sich vor ihnen immer größer wölbte. Hydrion war von Eis bedeckt gewesen, ehe die Lwaong dort ihr unvollendet gebliebenes Habitabilisierungsprojekt begonnen hatten. Große Krater kennzeichneten die Stellen, wo sich Kuppelstädte und Anlagen der Lwaong befunden hatten, bevor sie von der Galaktischen Zivilisation vernichtet worden waren. Sechs Jahrtausende später profitierten nun menschliche Kolonisten unter der Hoheit der Solaren Föderation von der seither durch Meeresplankton bewirkten Sauerstoffanreicherung der relativ dünnen Atmosphäre und bereiteten die großangelegte Begrünung der leblosen Landflächen vor. Durch die Lage an der Centaurus-Achse und die Wurmlochverbindung nach Pavonia würde Hydrion bald zu einer aufstrebenden Welt werden.

Ron hatte Wolfinger gleich nach dem Austritt aus dem Wurmloch über Lasercom kontaktiert, um das Rendezvous zu vereinbaren und ihn über den Schlag gegen Kaunda zu informieren. Er freute sich schon auf das Wiedersehen mit seinem Kriegskameraden, der inzwischen Senior Commander und verheirateter zweifacher Familienvater war, während der um fünf Jahre ältere Ron den Krieg im Rang eines Commanders beendet hatte. Nachdem Ron sein neu übernommenes Schiff Ace of Swords genannt hatte, war es Wolfingers Idee gewesen, allen anderen Orions ihrer neu aufgestellten Staffel Ace-Namen aus dem Tarot zu geben, und er hatte für seine den Namen Ace of Spades gewählt. Sein Copilot Corwin MacBain hatte dann vorgeschlagen, ihre Staffel „Aces“ zu nennen, und alle außer Elonard Sampson waren dafür gewesen. Zusammen hatten sie den ganzen Rest des Krieges durchgestanden, und alle Überlebenden der Einheit außer Sampson und seiner Besatzung waren auch danach noch in zumindest sporadischem Kontakt geblieben.

Die Albireo wurde nun mit bloßem Auge als Lichtpunkt über dem Horizont sichtbar. Während der weiteren Annäherung bis zur völligen Bahnangleichung wurde immer mehr von ihr erkennbar, bis sie vor dem Beginn des Andockmanövers das Sichtfeld ganz ausfüllte. Obwohl sie bei weitem nicht zu den größten Typen der Flotte zählte, war sie doch ein stattliches Schiff: mit hundertzehn Metern länger als die Ace of Swords, zwanzig Meter Rumpfdicke und sechstausend Tonnen Masse. Die sechs Warpantriebswülste schmiegten sich eng an den zigarrenförmigen, an beiden Enden abgerundeten Rumpf, drei größere um das Heck und drei kleinere um den Bug. Zwei große Lasergeschütztürme waren beiderseits der Schiffsmitte angeordnet, und zwischen den Antriebswülsten befanden sich insgesamt sechs bewegliche Kinetic-Kanonen. Von ihren Lenkwaffen und den Teilchenstrahlern war äußerlich nichts zu sehen, aber Ron wußte, daß sie da waren.

Für das Andockmanöver drehte die Lysithea sich mit der Aussichtskuppel von der Fregatte weg, da ihre Andockvorrichtung aus Sicherheitsgründen um hundertzwanzig Grad zur Kuppel verdreht oberhalb der Heckflossenansätze angeordnet war. Ehe Ron und seine Begleiter den Salon verließen, sahen sie noch, wie in der neuen Blickrichtung Hydrions zweiter Mond in Sicht kam, der kurz davor stand, hinter dem Planetenhorizont zu verschwinden. Dieser Himmelskörper unterschied sich von seinem felsigen inneren Nachbarn durch seine Eiskruste, der er nicht nur seine hellere Farbe, sondern auch seinen Namen Glazion verdankte. Die Piloten in der Gruppe wußten, daß sich dort nur eine Basis der Föderationsflotte befand, von der auch die Albireo gekommen war.

Während sie in der kleinen Aufzugskabine eng aneinandergedrückt zum Schleusenvorraum hinauffuhren, spürten sie, wie das Schiff seine Drehbewegungen abbremste und dann mit einem schwachen, weichen Stoß an seinem Gegenüber ankoppelte. Oben angekommen, sahen sie vor sich den Rumpf der Fregatte, der fast die gesamte Sichtschirmfläche ausfüllte, die die Schleusenluke wie ein raumhohes Fenster umgab. Da sie wegen der Heckflossen der Lysithea nicht mit paralleler Rumpfausrichtung, sondern quer zum anderen Schiff an dessen Mitte angedockt hatten, zeigten die seitlichen wandhohen Sichtschirme des Schleusenvorraums dessen vordere und hintere Antriebswülste mit je einer Kinetic-Kanone dazwischen, während die Lasertürme an den Rumpfflanken hinter der Wölbung des grauen Schiffskörpers verborgen waren.

Beim Passieren der Verbindungsröhre wurde Alcyone wegen der kurzzeitigen Schwerelosigkeit und der Richtungsänderung der Schwere wieder ein wenig schlecht, während der Rest der Gruppe kaum davon beeinträchtigt wurde. Drüben begrüßte sie ein junger Offizier, der sich als Leutnant Ranner vorstellte und sie dann im Lastenaufzug zur Offiziersmesse brachte, die sich im hinteren oder unteren Drittel der Albireo befand.

In dem schlicht, aber ästhetisch und gemütlich ausgestatteten ovalen Raum wurden sie von Wolfinger begrüßt, einem stattlichen Mann, der mit seinen zwei Metern Größe Ron um einen knappen halben Kopf überragte. Nachdem er ihnen den mittelgroßen, drahtigen Offizier, der bei ihm in der Messe war, als seinen Stellvertreter Commander Corwin MacBain vorgestellt hatte, entließ er Leutnant Ranner und schlug als erstes vor, daß die weitere Unterhaltung auf Deutsch geführt würde, da alle Anwesenden diese Sprache beherrschten, wie er von Ron erfahren habe. Dann wandte er sich an seinen Kriegskameraden: „Hallo Ron! Wie geht’s Acey und den Kindern?“

„Danke, bestens. Die warpen gerade nach Epsilon Indi und kommen dann zur Erde nach, zu der wir fliegen werden, wenn wir hier fertig sind.“

Catriona schaute verdutzt von einem zum anderen. „Kinder?“ fragte sie.

„Er meint Knight und Queen, die Robotjäger“, klärte Ron sie auf. „Er verpaßt mir gern Seitenhiebe, weil ich seiner Meinung nach zu sehr mit meinem Schiff verheiratet bin, statt mir endlich eine Frau zu suchen. Gerald, dies ist diejenige, die ich die ganze Zeit doch noch zu finden hoffte – Catriona Gerling.“

„Das freut mich ganz besonders“, antwortete Wolfinger und reichte ihr lächelnd die Hand. „Für euch beide.“

Nachdem Catriona auch MacBains Hand geschüttelt hatte, stellte Ron sich hinter sie, streichelte ihre Arme von den Schultern bis zu den Ellbogen und sagte: „Einer ihrer vielen Vorzüge ist, daß sie aus reinem Catrionium besteht – der kostbarsten Substanz im Universum. Außerdem verdanken wir ihr die Informationen, wegen denen wir heute zu euch gekommen sind.“ Danach stellte er den beiden auch die anderen sechs vor, und sie nahmen auf die Aufforderung ihres Gastgebers hin am runden Tisch Platz.

„Nun, was sind das für Informationen?“ fragte Wolfinger dann.

Ron sah ihn bedeutsam an. „Wir wissen jetzt, um welche Sonne Winedark kreist.“

„Und welche ist es?“

Catriona tauschte einen Blick mit Ron und sagte dann: „Es ist Innes‘ Stern. Die Basis der Piraten muß ungefähr auf neunzig Grad Ost im Bereich zwischen dem fünfzehnten und zwanzigsten nördlichen Breitengrad liegen.“ Sie legte nochmals dar, wie sie zu ihren Erkenntnissen gekommen war, und fügte dann hinzu: „Als Kaunda mit uns nach Hannibal aufbrach, ist ein Teil ihrer Bande auf Winedark zurückgeblieben, und kurz zuvor ist ein anderes ihrer Schiffe gelandet. Es war die Rede davon, daß zwei Wochen später wieder eine Gästegruppe erwartet wurde, das wäre morgen oder übermorgen.“

„Deshalb wäre ein rascher Zugriff von höchster Wichtigkeit“, meinte Ron. „Ihr habt doch immer noch die Möglichkeit, freie Patrouillen ohne Rücksprache mit höheren Stellen zu unternehmen, oder?“

„Ja, das für die Centaurus-Achse zuständige Flottenkommando läßt uns dafür freie Hand“, antwortete Wolfinger. „Es gibt einfach zu viele korrupte Elemente in der Flotte, die Informationen an Piraten weitergeben. Deshalb hat Admiral Jansrud beim OKR durchgesetzt, daß wir diese Freiheit weiterhin haben. Unsere Besatzung ist zuverlässig, fast alle europäischstämmig; die wurden von uns beiden handverlesen.“

MacBain sah von seinem Handcomputer auf, mit dem er sich gerade beschäftigt hatte. „Wenn du den Start noch für heute befiehlst und wir bis 66 Centauri die Centaurus-Achse nehmen, können wir in sechs Tagen auf Winedark sein und sie schnappen.“ Das ‚u‘ in ‚du‘ klang mehr wie ‚ü‘, wie es für seinen westschottischen Akzent typisch war.

Nun meldete sich Giulia zu Wort. „Es ist auch damit zu rechnen, daß nach und nach weitere von Kaundas Schiffen dort eintreffen. Am Überfall auf die Queen of Altavor waren fünf Schiffe beteiligt, und selbst wenn nicht alle davon Kaunda gehört haben sollten, wird noch das eine oder andere zur Basis zurückkehren. Zum Beispiel das Scoutschiff der Gruppe, die die Queen nach Gliese 570D gebracht hat. Wenn die mit Verstärkung dorthin kommen und die Queen nicht vorfinden, werden sie wahrscheinlich nach Winedark fliegen und in ungefähr drei Wochen dort sein.“

„Da könnte uns ja ein großer Fang gelingen“, sagte Wolfinger, der allen aufmerksam zugehört hatte. „Wahrscheinlich können wir dabei auch genügend Informationen und Beweismaterial sicherstellen, um damit weitere Piraten, deren Komplizen, Gäste und Kunden auffliegen zu lassen.“

„Ganz bestimmt“, bestätigte Catriona. „Ich glaube, daß Kaunda und Wiener Aufnahmen von den Verbrechen ihrer Gäste gesammelt und ihre Identität dokumentiert haben, um sie damit erpressen zu können.“

„Das wird ein Spaß“, grinste Wolfinger und wurde dann wieder nachdenklich. „Aber ich frage mich, ob wir diese Operation mit unserem einen Schiff bewältigen können, vor allem personell. Wir müßten ja auch jedes erbeutete Schiff samt den Gefangenen mit einem Prisenkommando zu einem Flottenstützpunkt schicken, während wir weiteren Piratenmannschaften auflauern.“

„Dafür fällt mir gerade eine mögliche Lösung ein“, sagte Catriona. „Haben Sie hier auf der Basis noch Orion-II-Raumjäger? Und könnten Sie einen davon kurzfristig zur Unterstützung für diese Mission anfordern?“

„Ja, wir haben derzeit drei davon hier“, antwortete Wolfinger. „Warum soll es gerade eine Orion sein? Und was schlagen Sie für eine Verwendung vor?“

„Elonard Sampson, der mit Kaundas Bande kooperierte, hat sich in der Nähe der Winedark-Basis einen Landeplatz mit einem Aufnahmegestell bauen lassen, um dort seine Snake Eyes aufbocken zu können.“

„Elonard der Elende“, knurrte MacBain und fügte hinzu: „Auf Deutsch ist das eine passende Alliteration; auf Englisch haben wir ihn Elonard the Woe genannt. Das sieht ihm ähnlich. Entschuldigen Sie die Unterbrechung; ich kann mir aber schon denken, worauf Sie hinauswollen.“

„Dort könnten Sie die Orion nach der Eroberung der Basis plazieren, während die Albireo irgendwo im Verborgenen wartet und eine Zugriffstruppe Neuankömmlingen in der Basis auflauert. Die hätte mit der Orion eine nahegelegene Fluchtmöglichkeit, falls etwas schiefgeht, und von Ron weiß ich auch, daß in Orions bis zu zehn Personen einquartiert werden können. Ankommende Piraten würden glauben, daß es Sampsons Schiff ist. Eine Verstärkung für Raumkämpfe wäre so ein Jäger auch.

Wolfinger nickte zustimmend. „Das gefällt mir. Ich glaube, ich kann eine der Orions bekommen. Corwin, wen schlägst du dafür vor?“

MacBain überlegte nicht lange. „Kekkonen mit der Ace of Hearts. Das war mein Schiff im Krieg“, fügte er für die anderen hinzu. „Garcias Schiff ist in der Werft; der könnte mit seinen Männern als Zweitmannschaft mitfliegen.“

„Das wäre auch meine Wahl gewesen, aber ich wollte erst deine Meinung hören. Also gut, dann legen wir los. Sag‘ Richard, er soll nach dem Mittagessen alles vorbereiten lassen, daß wir noch heute aufbrechen können. Er soll auf Glazion Base alles bestellen, was wir für die maximale Aufstockung aller Vorräte brauchen; wir fliegen dorthin, wenn wir uns von der Lysithea getrennt haben. Melde uns bei der Leitstelle zu einer langen freien Patrouille ab; falls sie meine Bestätigung brauchen, rede ich später selber mit ihnen. Kekkonen und Garcia sollen sich zu einer gemeinsamen Teilnahme mit uns abmelden und die Ace of Hearts für einen Start noch heute vorbereiten.“

„Der Flug zur Basis läßt sich noch früher einrichten“, warf Ron ein. „Ich wollte sowieso nochmal kurz mit Nikos in die Lysithea gehen, um ein paar Sachen zu holen, und da kann ich das Schiff über den DatCom-Anschluß so mit eurer Steuerung verbinden, daß es alle eure Manöver unter eigenem Antrieb mitmacht, während es angedockt ist. So können wir jetzt schon in eine Transferbahn zu einem Orbit um Glazion starten, und wenn wir euch dann verlassen, braucht ihr nur noch auf der Basis zu landen.“

„Gute Idee – so machen wir’s“ entschied Wolfinger. „Corwin, wenn du gehst, schicke auch Corporal Kempski her, um die Bestellungen unserer Gäste für das Essen aufzunehmen. Ron, während du weg bist, werde ich mich von den Damen über alles informieren lassen, was sie über die Basis auf Winedark wissen.“

MacBain ging, um mit dem Zweiten Offizier alle Vorbereitungen für das geplante Unternehmen in die Wege zu leiten, und Ron erhob sich und sagte: „Da wird das Köpferollen unter den Föderationseliten, das wir mit unserer Aktion am Chaion ausgelöst haben, also bald noch viel größere Ausmaße annehmen. Die Folgen lassen sich noch gar nicht absehen. Das erinnert mich an einen Satz in einem uralten Fantasyroman, wo ein nordischer Gott sagt: ‚Die Nornen spinnen in diesen Tagen viele Fäden zu Ende.‘“

Catriona sah ihn an und sagte lächelnd: „Wer weiß, welche neuen sie beginnen, und welche sie miteinander verknüpfen werden?“

Ron legte ihr einen Arm um die Schulter und küßte sie. „Ja, wer weiß? Hoffen wir das Beste.“ Gleich darauf kam Corporal Kempski herein und präsentierte den Menüplan für die Mahlzeit, die für die Gruppe von der Lysithea wegen deren anderer Bordzeit das Abendessen sein würde. Nachdem sie mit den Bestellungen wieder gegangen war, begab Ron sich mit Nikos an Bord seines Schiffes, um einige Sachen für den geselligen Ausklang des Treffens zu holen. Dazu gehörten nicht nur alkoholische Spezialitäten aus Österreich, sondern auch einige Musikinstrumente: Catrionas Laute, Giulias Mandoline, Corlissas Querflöte und Madolines Geige.

Bei ihrer Rückkehr trafen sie mit MacBain zusammen und gingen mit ihm in die Messe, wo Wolfinger gerade mit den Frauen sprach. MacBain setzte sich zu ihm, und gemeinsam befragten die beiden Offiziere Catriona und die anderen, die auf Winedark gewesen waren, über die Anlage der Piratenbasis, deren Umgebung und die Aktivitätsmuster von Kaundas Bande. Obwohl das Gespräch mit Einverständnis der Befragten aufgezeichnet wurde, machten sie sich zwischendurch immer wieder Notizen zu Punkten, zu denen ihnen etwas eingefallen war.

Als die Speisen serviert wurden, war diese Besprechung bereits beendet und in eine Unterhaltung über andere Themen übergegangen, und wie sie zuvor an der langsamen Drehbewegung des Schiffes und der anschließenden geringen Erhöhung der Schwere gemerkt hatten, beschleunigte die Albireo zu dieser Zeit bereits in eine Übergangsbahn zum äußeren Mond. Während des Essens fanden nur isolierte Einzelgespräche zwischen jeweils zwei oder drei Personen statt, aber als abgeräumt worden war und die Getränke auf dem Tisch standen, nahm die ganze Runde die gemeinsame Diskussion wieder auf, die sich vor der Mahlzeit politischen Themen wie dem Zustand der Föderation und ihren Beziehungen zur Galciv zugewandt hatte.

Den Anstoß dazu hatte Catriona gegeben. „Früher, als ich noch jung war…“ begann sie, worauf sie von Ron, Wolfinger und MacBain mit Gelächter unterbrochen wurde.

„Wieso lacht ihr?“ fragte sie irritiert.

„Na schau dich doch an“, antwortete Ron. „Das blühende Leben, erst achtundzwanzig, und sagt: früher, als ich noch jung war… Aber sprich weiter, was wolltest du sagen?“

„Früher, als ich noch jünger war“ fuhr sie fort, „habe ich noch an die Propaganda des Systems geglaubt und all die Probleme nicht erkannt. Erst mit dem Eintritt ins Berufsleben ist mir immer klarer geworden, welche nachteiligen Auswirkungen eine multiethnische Zusammensetzung einer Gesellschaft hat und wie schlecht die Lage für… Menschen wie uns schon ist.“

Giulia nickte und sagte: „Vor allem im Vergleich mit früheren Verhältnissen vor der Großen Migration, über die man verläßliche Informationen erst zusammensuchen muß.“ Sie wiederholte, was sie bei dem Gespräch in Mel’arrin den anderen erzählt hatte, und sie und ihre Freundinnen brachten ihre Beobachtungen auf Arrin und die dort ausgetauschten Erkenntnisse zur Sprache. Nikos, der ebenfalls schon Erfahrungen mit Arrin und dessen Multispezies-Vielfalt gemacht hatte, sagte, daß es sich bei den Fremdpopulationen dort um teils recht primitive Wesen handelte, die vom Wohlstand und von der funktionierenden Zivilisation Arrins angelockt wurden, welche aber durch den Partikularismus der einzelnen Speziesgruppen, die dadurch bedingte Korruption und das geringe gesellschaftliche Vertrauen immer mehr untergraben werde. Wolfinger und MacBain, die mit der Albireo schon Welten der Sontharr besucht hatten, erzählten, daß es dort ganz ähnlich war, und Alcyone berichtete von ihren Erfahrungen, die sie als angehende Juniorchefin mit Korruption und Inkompetenz in der Wirtschaft und im Umgang mit der Föderationsbürokratie gemacht hatte.

Ron steuerte eigene Eindrücke und Erkenntnisse bei und schilderte seine Vermutung, daß das Ganze in fataler Weise System haben könnte: daß Arrin ein Beispielsfall einer Hochzivilisation sei, wo die Durchschnittsintelligenz ihrer ursprünglichen Trägerrasse zunächst durch Vermischung mit primitiveren einheimischen Rassen nach unten nivelliert wurde, worauf nach dem Beginn der interstellaren Ära zum Ausgleich dieses Defizits Fremdwesen mit noch ausreichender Intelligenz als Arbeitskräfte nach Arrin geholt wurden. „Dafür wurde eine ähnliche Gesellschaftsorthodoxie der Antidiskriminierung, des Antirassismus und Antispeziesismus entwickelt wie bei uns“, schloß er, „und das haben dann andere, primitivere Wesen ausgenützt, die auch einen Lebensstandard genießen wollten, zu dessen Schaffung sie selbst nicht fähig waren, und die man dann schlecht ausschließen konnte, wenn sie nach Arrin übersiedeln wollten.“

„Das ist interessant“, warf MacBain ein, „denn eine ganz ähnliche Gesellschaftsorthodoxie gibt es auch bei den Sontharr.“

„Vielleicht hat das alles so ähnlich auf irgendeiner Welt tief im Zentrum der heutigen Galciv angefangen“, spann Ron seine Überlegungen weiter, „und diese Ausgangswelt hat dann ebenfalls Fachkräfte aus anderen intelligenten Spezies an sich gezogen, als ihr Leistungsniveau durch Rassenvermischung und Multikulturalismus abzusinken drohte. Dabei konnte auch sie nicht vermeiden, parallel dazu von primitiveren Spezies überlaufen zu werden, und als die Ursprungswelt durch Vielfalt hoffnungslos versaut war, sind ihre Eliten auf andere, noch gesündere Welten in der Nachbarschaft ausgewichen, die sie in ihren Zivilisationsverbund kooptiert hatten. Und als auch die zervielfältigt waren, haben sie das Spiel mit weiter entfernten Welten fortgesetzt und dabei einen Kosmopolitismus der interstellaren Art entwickelt. Das könnte die wahre Entstehungsgeschichte der Galaktischen Zivilisation sein: ein lose verbundenes Gebilde, das über die Jahrtausende gewachsen ist und immer neue, noch gesunde Zivilisationen einbeziehen mußte, während es im Inneren verfault ist wie eine uralte hohle Eiche. Und deshalb brauchten sie auch uns Menschen: als neuen Teil der nach außen wachsenden, noch lebendigen Schale, während die Fäulnis sich von innen her ebenfalls ausdehnt, bis sie auch uns erreicht.“

Catriona war begeistert. „Das könnte auch erklären, warum wir über die Verhältnisse im Inneren der Galvic, ihre Ausdehnung und Geschichte so im Unklaren gelassen werden“, meinte sie. „Weil ihre Eliten nicht wollen, daß wir von diesem inneren Verfaulen wissen, und deshalb wird all das mit widersprüchlichen Legenden und Mythen vernebelt; weißt du noch, Giulia, wie wir uns auf der Queen darüber unterhalten haben?“

Ja“, antwortete die Angesprochene, „und es wäre auch eine Erklärung dafür, warum sie in der Wissenschaft und Technik nicht noch weiter sind.“

„Faszinierend“, warf Wolfinger ein. „Das muß ja für die Juden ein hochinteressanter Ausbreitungsraum sein. All die Vielfalt dort! Und ihr Verhalten in der Geschichte der Erde ist dort völlig unbekannt. Da müssen sie sich ja Chancen ohne Ende sehen.“

Ron sah ihn an und sagte: „Wahrscheinlich nehmen sie das so wahr, aber ich frage mich, ob sie nicht irgendwann in der Zukunft erfahren werden, daß – frei nach dem Havamal – dem Fiesen ein Fieserer lebt.“ Er hielt kurz inne und fuhr dann fort: „Ich vermute nämlich auch, daß vielleicht in den meisten intelligenten Spezies, die auf irgendeinem Planeten entstehen, sich ein Volk ähnlich wie die Juden auf der Erde in eine ökologische Nische als innerartlicher Parasit entwickelt, der seinen Wirt kontrolliert, und daß diese Parasitengruppe immer die intelligenteste, kreativste und zivilisationsfähigste Rasse dieser Spezies befällt, sie zunächst als Erfüllungsmacht für die globale Herrschaft der von ihnen manipulierten Zivilisation einspannt und dann durch Vermischung mit den primitiveren Rassen und durch sonstige Zersetzung zugrunde richtet. Anschließend gibt es einen Wirtswechsel zu einer anderen Rasse, wie es die Juden im einundzwanzigsten Jahrhundert zu den Asiaten hin getan haben, und wenn die Zivilisation dieser Welt die Sterne erreicht, ehe sie zugrunde geht, können die Parasiten dieses Spiel auf interstellarer Ebene fortsetzen. Ich denke, das könnte bei der Ursprungsspezies der Galciv so gewesen sein. Vielleicht sind die Alten auf Arrin solche Judeo-Aliens, oder sie sind ein von diesen kooptiertes Lakaienvolk, das nach außen hin eine derartige Rolle spielt. Und da frage ich mich: wie würden diese Judeo-Aliens und die irdischen Juden bei einem Kontakt aufeinander reagieren? Würden sie sich verbünden und eine Machtteilung anstreben, oder würden sie sich gegenseitig zu unterwerfen und für ihre Zwecke einzuspannen versuchen, oder würde es einen erbitterten Verdrängungskampf zwischen ihnen geben?“

„Ich glaube, sie würden sich bekämpfen“, sagte Wolfinger. „Vielleicht würde es zuerst eine Phase der scheinbaren Kooperation geben, bei der beide Seiten sich belauern und auf die Möglichkeit hinarbeiten, die anderen aufs Kreuz zu legen. Aber sie würden wissen, daß sie einander nicht trauen können, deshalb würde die erste Seite, die eine Chance dazu sieht, die andere sofort vernichten.“

„Das denke ich auch“, bestätigte Ron. „Falls hinter der Galciv tatsächlich Judeo-Aliens stecken, so hätten sie zwar den Vorteil, daß sie wahrscheinlich viel mehr Erfahrung mit der Übernahme anderer Zivilisationen und dem Umgang mit den dortigen ‚Judeoiden‘ hätten, aber die irdischen Juden hätten den Vorteil, daß sie uns Nichtjuden samt den bei uns funktionierenden Manipulationsmethoden besser kennen. Diese Methoden dürften bei jeder Spezies verschieden sein, und deshalb wäre es für die Galvic-Judeoiden eine naheliegende Strategie, ihre eigene Existenz zu verschleiern. Sie würden den irdischen Juden bloß die vermeintliche Chance vor die Nase halten, sich in einen wundersamen interstellaren Raum der Vielfalt ausbreiten zu können, und sie würden sie beobachten, von ihnen lernen und ihre Schwächen und Feinde auskundschaften, ehe sie sie vernichten.“

Und,“ fragte Nikos, „was denkst du: würden ‚unsere‘ Juden darauf reinfallen, oder ahnen sie schon Ähnliches wie du?“

„Schwer zu sagen“, antwortete Ron. „Bei meinen Ermittlungen für die Piratenjägerei war ich öfters auf Astroel und habe astroelische Medien studiert, und da scheint es eine zweigeteilte Wahrnehmung zu geben. Die Globo-Juden in der Diaspora, die ja stärker vermischt sind, sind anscheinend ahnungslos, aber ich habe den Eindruck, daß manche der rassepuristischeren Astroelis, die überwiegend aschkenasischer und sephardischer Abstammung sind, sich vor irgendetwas in der Galciv fürchten und dafür sind, die Globo-Juden in die Falle laufen zu lassen, falls es dort eine gibt. Dann wären sie vorgewarnt. Es wäre interessant zu wissen, wie ähnliche Fälle in der Galciv-Geschichte abgelaufen sind. Ich fürchte, wenn es zu so einem Verdrängungskampf kommt, wird der mit vielen Stellvertretern und schweren Kollateralschäden geführt werden.“

Wolfinger lehnte sich vor. „Interessant ist auch das Gedankenspiel, daß es ‚überlebende‘ Spezies geben könnte, also Kulturen, die bereits einen parasitären Befall überstanden haben und jetzt auf interstellarer Reise sind, vielleicht irgendwo anders an der Ausdehnungsfront der Galciv. Die spannende Frage ist: wie werden sie mit einer ‚befallenen‘ Spezies umgehen? Sofortige Auslöschung zur Eindämmung der Kontamination, oder selektiver Kampf gegen das parasitäre kollektive ‚Gehirn‘ der befallenen Spezies?“

An dieser Stelle meldete sich Catriona als Sprecherin der anwesenden Frauen zu Wort, denen diese Wendung des Gesprächs bereits Unbehagen zu bereiten begonnen hatte, und erinnerte daran, daß im Anschluß an das Essen ein Beisammensein mit Gesang und Musik geplant war, für das man sich noch etwas Zeit nehmen sollte, bevor man sich voneinander verabschieden mußte. Die anderen Frauen bekräftigten das, und die Männer gaben nach. Wolfinger holte noch schnell seine Gitarre aus seinem Quartier, der Tisch wurde in der Höhe abgesenkt, die Damen nahmen ihre Instrumente, und dann wurde es noch ein schöner Liederabend, bei dem eine Reihe deutscher, englischer, französischer und italienischer Lieder gesungen wurde.

Als der Zeitpunkt für die Rückkehr in die Lysithea nahe war, erklärte Catriona, sie wolle nun das Abschiedslied singen, bei dem die letzten beiden Zeilen jeder Strophe von den anderen als Refrain mitgesungen werden könnten. Von hinten von Ron umarmt, auf dessen Schoß sie saß, rückte sie ihre Laute zurecht und begann:

Es dunkelt schon in der Heide,
Nach Hause laßt uns gehn
Wir haben das Korn geschnitten
Mit unserem blanken Schwert.

Giulia, Ron und Wolfinger, die das Lied kannten, fielen beim Refrain ein:

Wir haben das Korn geschnitten
Mit unserem blanken Schwert.

Ich hört‘ die Sichel rauschen,
Sie rauschte durch das Korn;
Ich hört‘ mein Feinslieb klagen,
Sie hätt‘ ihr Lieb verlor’n.

Nun sangen auch die anderen mit:

Ich hört‘ mein Feinslieb klagen,
Sie hätt‘ ihr Lieb verlor’n.

Hast du dein‘ Lieb verloren,
so hab‘ ich noch das mein‘
So wollen wir beide mit’nander
Uns winden ein Kränzelein.
So wollen wir beide mit’nander
Uns winden ein Kränzelein.

Ein Kränzelein von Rosen,
Ein Sträußelein von Klee,
Zu Frankfurt an der Brücke,
Da liegt ein tiefer Schnee.
Zu Frankfurt an der Brücke,
Da liegt ein tiefer Schnee.

Der Schnee, der ist zerschmolzen.
Das Wasser läuft dahin;
Kommst du mir aus den Augen,
Kommst mir nicht aus dem Sinn.
Kommst du mir aus den Augen,
Kommst mir nicht aus dem Sinn.

In meines Vaters Garten,
Da stehn zwei Bäumelein;
Das eine, das trägt Muskaten,
Das andere Braunnägelein.
Das eine, das trägt Muskaten,
Das andere Braunnägelein.

Muskaten, die sind süße,
Braunnägelein sind schön;
Wie ist’s nun mit uns beiden,
woll’n wir nicht mit’nander geh‘n?

Die anderen griffen den abgewandelten Kehrreim auf und sangen:

Wie ist’s nun mit euch beiden,
wollt ihr nicht mit’nander geh‘n?

Catriona ließ die Laute sinken und sagte lächelnd: „Den Schluß habe ich verändert. Im Original heißt es: ‚Wir beide müssen uns scheiden, ja, scheiden, das tut weh‘, aber das paßt ja nicht auf uns zwei. Außerdem habe ich eine abergläubische Scheu davor, es so zu singen.“

Ron küßte sie von hinten. „Das war wohl nur eine rhetorische Frage: woll’n wir nicht mit’nander geh’n, oder? Das haben wir doch schon geklärt.“

„Ja, aber ich wollte mit diesem Lied nochmals zu einer Bekräftigung vor den anderen anregen.“

Ron küßte sie wieder und sah dann in die Runde. „Also, hiermit allem Volke kund und zu wissen: Catriona und ich sind seit heute ein Paar.“

Die anderen applaudierten, und dann erhoben sich alle und verabschiedeten sich voneinander. Begleitet von einem Fähnrich begab Rons Gruppe sich mit dem Aufzug zum Schleusenraum und wechselte in die Lysithea über. Ron wies das Schiff an, sich von der Albireo zu lösen und auf einen Kurs zu gehen, der um Glazion herum auf schnellstem Weg zu Petrion führen würde, wo der vorbereitete Flugplan durch das dortige Wurmloch nach Epsilon Indi und von dort über die Centaurus-Achse nach Luna automatisch ausgeführt werden sollte. Als sie im Hauptsalon angelangt waren, sahen sie noch durch die Aussichtskuppel, wie die Fregatte sich auf der Abstiegsbahn zu ihrer Basis von ihnen entfernte. Dann sagten sie einander gute Nacht und begaben sich in ihre Quartiere. Ron und Catriona blieben noch kurz im Salon, während die anderen mit dem Lift ein Deck nach unten fuhren, und als der Aufzug wieder frei war, ließen sie sich von ihm ein Deck höher zur Eignerkabine tragen, wo sie ihre erste gemeinsame Nacht verbringen würden.

* * *

Als sie am nächsten Morgen erwachten, lag Luna bereits hinter ihnen, und das Schiff befand sich auf einer Übergangsbahn zum Erdorbit. Sie kuschelten sich noch eine Weile aneinander, dann duschten sie und fuhren in den Salon hinunter, wo außer Nikos und Alcyone schon alle zum Frühstück versammelt waren.

Während sie aßen, sah Ron auf seinem Handcomputer durch, was in den irdischen Medien bereits an Nachrichten über die Aktion am Chaion und eventuelle Konsequenzen gebracht wurde. Es stellte sich heraus, daß die Sache großes Aufsehen erregt hatte, und die Videoclips von dem Überfall zählten zur Zeit zu den am häufigsten angeklickten im Netz. Nun erfuhr er auch, wie viele Tote es dabei gegeben hatte: 117, plus Morris Wiener. Es hatten auch schon etliche Verhaftungen stattgefunden, und im Zuge dessen war eine Anzahl gefangener Frauen befreit und zusätzliches Belastungsmaterial sichergestellt worden. Die Mainstream-Medien waren zwar bemüht, die ethnischen Identitäten der toten Piraten und Sklavinnenkäufer nicht zu erwähnen, aber es ließ sich dennoch nicht vermeiden, daß der Öffentlichkeit die Häufigkeit jüdischer Namen auffiel, und manche unabhängige Netzmedien wiesen nur allzu gern darauf hin. Ron ließ auch Bildsuchanfragen laufen, und beim Suchbegriff „Gelbfisz“ stieß er auf ein Bild, bei dem er kurz auflachte. Er zeigte es Catriona: „Schau dir das an!“

Sie sah hin, prustete und konnte gerade noch rechtzeitig ihren Kaffee absetzen, ehe sie sich daran verschluckt hätte. „Was ist denn das?“ fragte sie.

„Das ist eine Abwandlung des Logos von Metro-Goldwyn-Mayer, einer Filmgesellschaft, die im frühen zwanzigsten Jahrhundert von einem Samuel Goldwyn mitbegründet worden ist, der davor Samuel Goldfish hieß und unter dem Namen Schmuel Gelbfisz geboren wurde. Vielleicht war das ein Vorfahr von deinem Gelbfisz?“

Sie zog eine Grimasse.

„Jedenfalls erfährt dieses Bild gerade virale Verbreitung“, erklärte Ron weiter.Mal sehen… es wurde Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts von einer deutschen Bloggerin erstellt, die sich Osimandia nannte und es für einen Kommentar zu einem von ihr übersetzten Artikel mit dem Titel Zionismus zwischen den Weltkriegen verwendet hatte. Das hat sie dazu geschrieben:“ Er zeigte es ihr, und sie las:

„Ich fand es etwas unpassend, das in einen ernsthaften Artikel einzufügen, aber an dem Gelbfischhintergrund des Metro-Goldwyn-Meyer-Löwen MUSSTE ich mich einfach abarbeiten.

„Gelbfischhintergrund – das ist gut!“ Sie gab ihm das Gerät zurück.

„Dieser Zionismus-Artikel wird jetzt wahrscheinlich ebenfalls von vielen gelesen werden“, mutmaßte Ron. „Gut, aber erstaunlich, daß solche Sachen nach dieser langen Zeit immer noch im Netz herumgeistern.“ Er legte den Handcomputer weg. „Aber jetzt ist’s erst einmal genug damit. Jetzt genießen wir zusammen unser Frühstück, und danach ist immer noch Zeit, um sich weiter mit den aktuellen Entwicklungen zu befassen.“

„Ganz meine Rede“, sagte sie lächelnd.

* * *

Die folgenden Wochen waren sehr ereignisreich und auch anstrengend für Rons Einsatzteam wie auch für alle befreiten Frauen. Aussagen mußten gegenüber den Ermittlungsbehörden und bei ersten Gerichtsverhandlungen gemacht werden, wofür Alcyone und ihre Familie Spitzenanwälte engagierten und bezahlten. Für die Tötung der vielen Auktionsteilnehmer am Chaion konnten Ron und sein Team trotz anfänglicher Versuche von Hinterbliebenen nicht belangt werden, weil lizenzierte Piratenjäger hierzu gesetzlich berechtigt waren und Mitwirkende als eine Art Hilfspolizisten dazu autorisieren konnten; außerdem hatte die Sache in der Jurisdiktion des unabhängigen Staates Irkanon stattgefunden. Die Raumflotte geriet unter Kritik, weil jemandem wie Elonard Sampson ein Kampfschiff in die Hand gegeben worden war, das er dann für Piratenakte mißbraucht hatte. Ein Flottensprecher brachte als Rechtfertigung vor, daß man die KI-Schiffsgehirne als ausreichende Absicherung angesehen hatte, aber davon überrascht worden war, wie sehr deren Quasi-Persönlichkeit in Ausnahmefällen durch den Umgang mit Besatzungen von problematischem Charakter korrumpiert werden konnte.

Je mehr über die Affäre und ihre Hintergründe ans Licht kam, desto stärker gerieten die Regierungen von Irkanon und Astroel unter Druck, wobei Letztere mit Antisemitismusvorwürfen zu mauern versuchte, aber nur begrenzten Erfolg damit hatte. Kritische Aussagen aus früheren Zeiten erfuhren neue Verbreitung, wie jene des jüdischen Autors Mark Oppenheimer, der anläßlich der Affäre um den Filmmogul Harvey Weinstein von 2017 im jüdischen Magazin Tablet geschrieben hatte: „Harvey ist traurigerweise eine zutiefst jüdische Art von Perversem.“ Im Zuge dessen zeigten sich auch Spannungen zwischen Astroels nationalem Judentum und dem internationalen Judentum, das um die Erhaltung seiner zahlenmäßigen Präsenz in der Diaspora bemüht war und dem es nicht recht war, wenn zu viele Juden nach Pavonia oder in die außerweltlichen Kolonien Astroels übersiedelten, auch wenn es an dessen Existenz als souveräner jüdischer Hauptquartiersstaat, wo Goyim-Behörden nichts zu sagen hatten, interessiert war.

Hatten sich viele Prominente aller Art nach dem Bekanntwerden der Untaten ihrer getöteten und verhafteten Standesgenossen noch beeilt, sich von diesen zu distanzieren und sie zu verurteilen, so stellte sich bei vielen davon bald heraus, daß auch sie in ähnliche Verbrechen verwickelt waren. Noch weitere Kreise zog die Affäre, nachdem die ersten beiden von der Albireo-Einsatzgruppe gekaperten Raumschiffe unter Prisenkommandos auf der Erde eintrafen. Eines davon war ein Piratenschiff, das andere die Raumyacht eines hochrangigen Politikers der Föderationsregierung, der als Mitglied des Hellfire Club mit mehreren prominenten Freunden auf Winedark zu Gast gewesen war. Die Schiffe brachten reichlich Beweismaterial mit, und wie Catriona vermutet hatte, stellte sich heraus, daß Kaunda und Wiener tatsächlich Aufnahmen von den Verbrechen aller ihrer bisherigen Gäste gemacht hatten. Die Grausamkeit und Perversität der schlimmsten dieser Taten war so schockierend, daß sie der Öffentlichkeit nur andeutungsweise zugemutet wurden. Wie Ron aus privat übermittelten Nachrichten seiner Freunde Gerald und Corwin erfuhr, war das, was sie auf Winedark an Überresten und Aufzeichnungen satanistischer Praktiken gesehen hatten, für sie und ihre Männer kaum zu ertragen.

Weiterführende Ermittlungen enthüllten, daß Wiener Kontakte zu astroelischen Regierungsstellen sowie zu hochrangigen politischen Kreisen im Diaspora-Judentum gehabt und beide Seiten mit Material zur Erpressung von Prominenten und Führungskräften in Politik, Justiz, Polizei, Militär, Wirtschaft und Medien versorgt hatte. So wie es aussah, war Wiener der eigentliche Drahtzieher der Winedark-Piratenbande gewesen und hatte die charismatische, von krimineller Energie erfüllte Ndoni Kaunda vordergründig die Chefin des Unternehmens sein lassen, das für sie und ihre Männer der Bereicherung diente, während es in Wirklichkeit von vornherein als Instrument zur Korrumpierung nichtjüdischer Eliten und deren Lenkung durch Erpressung aufgezogen worden war.

Diese Entwicklungen erschütterten das Establishment der Föderation in beispiellosem Ausmaß. Da sie von Rons Team und der Albireo-Einsatzgruppe überraschend angestoßen worden waren und die Leute der zweiten und dritten Reihe im Staatsapparat und im Medienwesen sich von der Dominosteinlawine an der Spitze Aufstiegschancen erhofften, waren sie auch kaum einzudämmen, solange das Aufdeckungsgewitter sich nicht selbst erschöpft hatte. Jede neue Verhaftung erbrachte Beweismaterial und belastende Aussagen gegen weitere Täter, bis das gesamte Netzwerk aufgeflogen und entweder verhaftet oder nach Astroel geflohen war oder Selbstmord begangen hatte. In manchen Fällen deuteten die Umstände darauf hin, daß Belastete von Komplizen als gefährliche Mitwisser ermordet worden waren, bevor sie gegen sie hätten aussagen können.

Auch auf interstellarer Ebene hatte die Affäre gravierende Auswirkungen. Daß so breite Kreise der Eliten unter den Menschen so schlimme Verbrechen gegen ihre eigenen Artgenossen begangen hatten, war eine schwere Blamage für die Föderation vor den anderen Spezies der Galaktischen Zivilisation, und diese Schande trug noch weiter zur Entfremdung und zum Mißtrauen der Föderationsbürger gegenüber „denen da oben“ bei. Zur Ablenkung und als moralischen Gegenangriff brachten die irdischen Mainstream-Medien große Berichtserien und Dokumentationen, in denen unter Berufung auf „informierte Quellen in Politik, Wirtschaft und Geheimdiensten“ das Ausmaß der Korruption und der Kriminalität einschließlich Alien-spezifischer Kriminalitätsformen bei den Arrinyi und Sontharr und bei entfernter lebenden Spezies aufgezeigt wurde. Dies bewirkte in der irdischen Öffentlichkeit eine ernüchterte Sicht auf die interstellaren Beziehungen und die Galaktische Zivilisation, die die Stimmung ins Negative kippen ließ. Am isolationistischen Rand des Meinungsspektrums kamen sogar Forderungen nach einem „Humanxit“ auf.

Während all dem gab es auch erfreuliche Entwicklungen für Ron und seine Freunde, vor allem finanzieller Art. Die Rückholprämie für die Queen of Altavor wurde ausbezahlt und vereinbarungsgemäß aufgeteilt. Ron verkaufte die Videoaufzeichungen von der Befreiungsaktion und der Zerstörung der Gold Bug plus Aufnahmen vom Anflug und der Flußfahrt mit der Ace of Swords an die bestzahlenden Medien. Er kassierte auch die Vernichtungsprämie für die Gold Bug, die speziellen Kopfprämien für Kaunda und Wiener und die Standardprämien für jeden anderen getöteten Piraten. Von den Kopfprämien gab er je zehn Prozent an Giulia, Nikos und Winchell ab; Alcyone hatte unter Verweis auf ihren Reichtum und ihre geringe Rolle dankend abgelehnt. Alle gaben gegen Honorar Medieninterviews. Catriona bekam wie alle anderen Entführten ihre mit den abgepreßten Zugangscodes geplünderten Ersparnisse aus den beschlagnahmten Vermögen der Täter zurück und wurde per Gerichtsverfügung großzügig aus dem Nachlaß von Hershel Gelbfisz für ihre Leiden entschädigt. Dessen Vermögen erfuhr dann eine beträchtliche weitere Verminderung durch die Entschädigungszahlungen an all die Frauen, die sich nach Bekanntwerden dieser Affäre plötzlich an frühere sexuelle Übergriffe durch Gelbfisz während dessen Filmproduzentenzeit erinnerten.

Schließlich konnten Ron und Catriona sich doch von dem ganzen Rummel freimachen und sich auf eine fünfwöchige interstellare Kreuzfahrt begeben. Das Schiff, mit dem sie reisten, hieß Carina und sah wie die verrückte Vision eines Seeschiffkonstrukteurs von einem Passagierraumer aus. Es besaß keinen Warpantrieb und war nur insofern ein Sternenschiff, als es für interstellare Reisen durch alle Wurmlöcher bestimmt war, die es von seiner Größe her passieren konnte. Seine Decks verliefen in Längsrichtung, und seine Außenhülle war von großzügig angelegten Sichtfensterflächen geprägt, durch die man aus Wandelgängen, Panoramarestaurants und Passagierkabinen einen freien Blick nach außen hatte. Um möglichst viel von der Außenfläche solcherart für den Passagierbereich nutzen zu können, war die Technik großteils im Schiffsinneren konzentriert, einschließlich der MET-Antriebe, deren Schub normalerweise senkrecht zur Deckebene wirkte. Die Carina war dafür gebaut, nicht nur auf festem Boden zu landen, sondern auch im Wasser schwimmen zu können, in dem sie dann bis zur halben Rumpfhöhe versank und den Passagieren interessante Ausblicke in exotische Unterwasserwelten bot.

Ron und Catriona hatten eine Rundreise gebucht, auf der sie die meisten damit erreichbaren Welten entlang der Centaurus-Achse bis tief in den Arrinyi-Raum besuchen würden. Eine halbe Stunde nach dem Start aus dem herbstlichen Ontariosee in der Panamerikanischen Union, deren Flagge den Bug des Schiffes zierte, schwebten sie antriebslos über dem wolkenbedeckten arktischen Ozean auf einer Bahn, die sie über den Nordpol zum Rendezvous mit einer von Japan gestarteten Zubringerfähre führen würde.

Sie saßen an einem Tisch im Oberdeck des backbordseitig vorspringenden Panoramarestaurants Colchis und genossen den Ausblick, während die Musikanlage ein ruhiges Instrumentalstück spielte. Ron nippte an seinem Astrocino und sah Catriona an, die ihm mit verträumtem Blick gegenübersaß, das Kinn auf ihre Fäuste gestützt. Sie trug ein kurzärmeliges schwarzes Kleid und ein großes, weißes Halstuch mit blau-goldenem Randdessin und sah hinreißend aus. „Eine Situation wie diese habe ich mir immer wieder in verschiedenen Versionen vorgestellt“, sagteRon, „und doch ist es mir immer utopisch erschienen, daß es jemals tatsächlich soweit sein könnte.“ Er hielt inne und fuhr dann mit belegter Stimme fort: „Daß ich jetzt mit dir zusammen bin, ist mir nachträglich doch all die leeren Jahre wert.“

„Ich wünschte, es hätte früher beginnen können“, antwortete sie. „Wer weiß, was dann alles anders gekommen wäre? Aber es sollte wohl so sein.“ Sie wandte den Blick nach draußen, wo die Sonne schnell dem Horizont entgegensank. „Jetzt holen wir alles nach und nutzen unsere Zeit so gut wie möglich für eine schöne Zweisamkeit.“

„Meines Lebens schönster Traum – durchreist mit mir den Weltenraum.“

„Ach du Reimelschmied und Sprücheklopfer. Schau, wie schön die Sonne untergeht.“ Sie schauten an den Flanken der Carina entlang, die bereits in rötliches Licht getaucht waren, während die Sonne den Horizont berührte und als schmale rote Sichel aufglühen ließ, die um die halbe Erde reichte. Das Musikstück klang aus, und Catriona setzte sich auf. Sie schien auf etwas gewartet zu haben.

„Ron“, sagte sie, „ich habe gründlich über das nachgedacht, was du mir über deinen Zukunftstraum erzählt hast…“

„Und… willst du ihn mit mir teilen?“

„Ja, mein lieber Ronald. Sehr gerne.“

„Wenn wir von dieser Reise zurück sind, regeln wir nur noch das unbedingt Nötige und fliegen dann los.“

Catrionas Gesicht glühte rot im schwindenden Sonnenlicht. „Sunset and other beginnings…“ sagte sie lächelnd, als die ersten Takte eines neuen Stückes begannen, und er lächelte zurück, das Lied erkennend. Schweigend und einander in die Augen sehend hörten sie es an, während das Sonnenlicht verlosch und im Restaurant die Lichter angingen.

Hey Mister Dreamseller
Where have you been
Tell me have you dreams I can see
I came along just to bring you a song
Can you spare one dream for me?

You won’t have met me
So soon you’ll forget
So don’t mind me tugging at your sleeve
I’m asking you if I could fix a rendezvous
For your dreams are all I believe.

Meet me on the corner
When the lights are coming on
And I’ll be there,
I promise I’ll be there
Down the empty streets we‘ll disappear
Into the darkness you have dreams enough to spare.

Lay down your bundles
Of rags and reminders
And spread your ware on the ground
Well I got time if you deal in rhyme
I’m just hanging around.

Meet me on the corner
When the lights are coming on
And I’ll be there,
I promise I’ll be there
Down the empty streets we‘ll disappear
Into the darkness you have dreams enough to spare.

Hey Mister Dreamseller
Where have you been
Tell me have you dreams I can see
I’m asking you if I could fix a rendezvous
For your dreams are all I believe.

Hey Mister Dreamseller
Where have you been
Tell me have you dreams I can see
I came along just to sing you a song
Can you spare one dream for me?

„Das haben sie doch sicher nicht zufällig gerade jetzt gespielt“, sagte Ron danach, „hast du es bestellt?“

„Natürlich war ich das… das war meine Gegengabe für diesen romantischen Start unserer Beziehung damals auf der Queen.“

* * *

Fortsetzung und Schluß: Teil 4

* * *

Originalveröffentlichung hier

Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: