Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 4)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1, Teil 2, Teil 3 und das Glossar

11) Lysitheas Höhle

Der Braune Zwerg Luhman 16B hatte seine Bewegung am Horizont seines zweiten Planeten umgekehrt und kroch langsam wieder nach Osten. So nahe am Bahnpunkt des geringsten Abstands war die Umlaufbewegung dieser öden kleinen Welt vorübergehend schneller als ihre Umdrehung in 3:2-Spin-Orbit-Resonanz, sodaß die Quasi-Sonne erst nach einer Weile erneut zum Stillstand kommen und ihren Weg nach Westen fortsetzen würde. Die Bewegung des innersten Planeten war deutlich sichtbar, als dieser vor dem riesigen roten Glutball vorbeizog. Bei dieser scheinbaren Größe bestrahlte Luhman 16B den zweiten Planeten trotz der viel geringeren Oberflächentemperatur mit der doppelten Intensität von Sol auf der Erde. An dieser Stelle nahe dem Nordpol war die Temperatur aber dennoch mäßig, und die Gewässer waren erst vor Kurzem aufgetaut. Wenn der Planet in gut fünfzehn Stunden seinen fernsten Bahnpunkt erreichte, wo er dreimal so weit entfernt war, würden sie wieder zuzufrieren beginnen.

Catriona und Ron wanderten von der Stelle, wo sie die Lysithea gelandet hatten, auf das Seeufer zu und genossen die Szenerie. Sie trugen Schutzanzüge, denn die relativ dünne Atmosphäre enthielt Ammoniak und keinen Sauerstoff. Dafür brauchten sie sich um die Strahlung keine Sorgen zu machen, denn Luhman 16B gab wie sein größerer Begleiter keine Röntgenstrahlung ab. Nur die Wärmestrahlung spürten sie an ihrer beleuchteten Seite, als ob sie nahe an einem riesigen Feuer stünden. Der Himmel war fast schwarz, denn das Licht enthielt keine blauen Anteile, die von der Atmosphäre hätten gestreut werden können. Der Braune Zwerg war in einer sehr ruhigen Wetterphase und hatte an seiner Oberfläche fast keine der dunklen Wolken, die irdische Astronomen gleich nach seiner Entdeckung Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts festgestellt hatten. Rechts von ihm sahen sie das „W“ des Sternbildes Cassiopeia, das links durch einen weiteren gelblichen Stern ergänzt war – die sechseinhalb Lichtjahre entfernte Heimatsonne der Menschen. Da sie hier nur dreieinhalb Lichtjahre von Proxima Centauri entfernt waren, bot sich ihnen fast dieselbe Perspektive auf diese Kombination wie von Proxima aus. Die Milchstraße dahinter war bei diesen Lichtverhältnissen unsichtbar.

Auf der Wanderung am Seeufer entlang genossen sie das beschwingte Gefühl, das die nur gut zwei Drittel der Erdnorm betragende Schwerkraft ihnen verschaffte, gaben aber trotzdem acht, daß sie sich in dem steinigen Gelände nicht aufgrund der ungewohnten Bewegungskoordination verletzten. Auf der ersten Landzunge hielten sie an und besprachen die bestmögliche Aufstiegsroute auf den Höhenrücken auf der anderen Seite des Sees, den sie so weit zu besteigen beabsichtigten, wie es problemlos möglich war.

In der zweiten Bucht fanden sie einen großen Steinblock und setzten sich nebeneinander darauf, Rons Arm um Catrionas Schulter gelegt und ihren Arm um seine Taille. Catriona war schwanger. Die Empfängnis hatte während der Kreuzfahrt mit der Carina stattgefunden, und so hatten sie nach der Rückkehr geheiratet und noch zweieinhalb Monate auf der Erde abgewartet, um die Reise zu der Welt, die Ron ihr zeigen wollte, in das zweite Schwangerschaftsdrittel zu legen, wenn die anfänglichen Beschwerden vorbei waren und das Fehlgeburtsrisiko viel geringer war. Dann hatten sie sich in der Ace of Swords in Begleitung der unbemannt nachfolgenden Lysithea nach Luhman 16B auf den Weg gemacht, nicht ohne nach dem Start vom Mars zunächst in Richtung Epsilon Eridani in den Warp zu gehen und erst außerhalb des Solsystems auf den richtigen Kurs einzuschwenken, um eventuelle Feinde auf eine falsche Spur zu bringen. Drei Tage nach dem Aufbruch hatten sie Luhman 16B erreicht und dessen zweiten Planeten angesteuert. Obwohl sie in einem steilen Winkel zur Ekliptik angekommen waren, hatte Ron die beiden Robotjäger und zwei Aufklärungsdrohnen vorausgeschickt, um Kollisionen mit den vielen Kleinkörpern zu vermeiden, wie sie für ein so junges System typisch waren. Über rot beschienene Sand- und Felswüsten und schwarze Seen und Meere waren sie dann zum Hochland am Nordpol geflogen und in der sechs Jahrtausende alten Geheimbasis der Lwaong gelandet, wo die Ace of Swords nun im Untergrund parkte.

Dies war ein Teil des großen Geheimnisses, zu dem Seymour Dorkyn bei seiner Erforschung der Hinterlassenschaften der Lwaong erste Hinweise entdeckt hatte, denen er dann nachgegangen war, bis er es zum Großteil für sich enthüllt hatte. Lange vor dem Beginn des eigentlichen Krieges gegen die Galaktische Zivilisation hatten die Lwaong bereits vorausgesehen, daß es dazu kommen würde, und sie hatten auch geahnt, daß sie ihn wahrscheinlich nicht würden gewinnen können. Aus dem, was sie über andere Konflikte der Galciv an deren Ausdehnungsfronten erfahren hatten, war ihnen auch klar geworden, daß man sie nach einer Niederlage ausrotten oder zumindest stark dezimieren und nur als genetisch manipulierte Untertanenspezies würde weiterexistieren lassen. Deshalb hatten sie ein gigantisches, letztlich vergebliches Geheimprojekt gestartet, das die Gewinnung einer weit entfernten Zufluchtswelt und die Schaffung einer Wurmlochroute dorthin zum Ziel hatte.

Als Ausgangspunkt dieser Wurmlochkette, die aus Portalen für Raumschiffe und für Lebewesen bestand, hatten sie Luhman 16 ausgewählt. Das System bestand aus zwei Braunen Zwergen, für die sich nie jemand interessieren würde, und es lag nahe an Sol, wo sie ohnehin Stützpunkte unterhielten, sodaß die Galciv keinen Verdacht schöpfen würde, wenn sie öfters zur Erde kamen. Damals war die Entfernung zwischen Sol und Luhman 16 noch geringer gewesen, denn das kleine Doppelsystem hatte das irdische Sonnensystem etwa dreißigtausend Jahre vor dieser Zeit in einem Mindestabstand von etwas über fünf Lichtjahren passiert. Auf dem innersten Planeten des größeren der beiden Braunen Zwerge hatten die Lwaong nur eine kleine Untergrundbasis angelegt, denn der zweite Planet des kleineren war für ihre Zwecke am geeignetsten gewesen.

Karrangk – so hatten sie diese Welt genannt – hatte bereits eine feste Kruste, war aber wegen ihres jungen Alters und der Gezeitenwirkung des nahen Zentralkörpers von starkem Vulkanismus geprägt und auch in geringer Tiefe noch sehr heiß. Deshalb konnte der Großteil der für den Betrieb der Wurmlochportale benötigten Energie mittels Geothermalkraftwerken gewonnen werden, und für die unauffällige Abwärmeentsorgung wurde in riesigen Kavernen Wasser als Wärmesenke bereitgehalten und nach Erhitzung langsam über scheinbare Geothermalquellen am Grund von Gewässern ausgestoßen. Bei Aktivierung eines Wurmlochs kam der Großteil der Leistung aus gigantischen Speicheranlagen, die zuvor über längere Zeit aufgeladen worden waren, und Spitzenbedarf bei maximaler Weite des großen Wurmlochs wurde aus Massekonvertern gedeckt. Andere Wurmlochportale entlang der Route befanden sich ebenfalls in Systemen von Braunen, Roten und Weißen Zwergen oder von sonnenlosen Gasplaneten im interstellaren Raum, auf Zwergplaneten, Asteroiden und Monden, und so ging es die ganze Strecke über gut zweitausendeinhundert Lichtjahre. Gesteuert und überwacht von Computern mit künstlicher Intelligenz, teils selbstregenerierend und wo nötig gewartet von verschiedenen Spezialrobotern, funktionierten die Anlagen immer noch. Dorkyn hatte sie etliche Male bis zur fernen Zielwelt durchflogen, nachdem er aus dem Wrack eines Lwaong-Raumschiffs die elektronischen Berechtigungsschlüssel für die gesamte Route geborgen hatte, und Ron war ebenfalls bereits viermal dort gewesen.

Nach einer Weile des gemeinsamen Sitzens stand das Paar wieder auf und wanderte Hand in Hand auf dem hier sandigen Strand um die zweite Bucht herum, bis der Aufstieg auf den Bergrücken ein getrenntes Gehen notwendig machte. Sie fanden sichere Umgehungsmöglichkeiten für die Felswände der beiden Absätze vor dem Gipfel und erreichten die höchste Stelle, von der aus sie in alle Richtungen Aufnahmen von der unirdischen Szenerie machten, einschließlich eines Blickes zurück zur Lysithea. Etwa eine halbe Stunde später machten sie sich auf den Rückweg, und nachdem sie das Schiff erreicht hatten, stiegen sie damit auf und flogen weiter nach Norden zum Wurmlochportal, das inzwischen aktiviert und auf seinen vollen Querschnitt aufgeweitet war. Da die Ace of Swords mit ihrer Spannweite von knapp hundert Metern zu sperrig dafür war, mußten sie ab hier mit der Lysithea weiterreisen, deren Heckflossenspitzen nur dreiundzwanzig Meter von der Schiffsachse entfernt waren.

Das Einflugloch, das normalerweise als Meteoritenkrater getarnt war, stand bereits offen, und durch das Wurmloch waren die Sterne auf der anderen Seite zu sehen. Da die Atmosphäre der nächsten Durchgangswelt mit Ausnahme einer dünnen Hülle aus Helium und Wasserstoff gefroren auf ihrem kilometerdicken Eispanzer lag, erzeugte der Druckunterschied einen Sog, der Karrangks Atmosphäre als brausenden Sturm durch das Wurmloch rasen ließ. Die Lysithea richtete sich mit dem Heck voran genau auf die Mittelachse der Passage aus und flog dann hindurch, geschüttelt von Luftturbulenzen.

Drüben schoß sie in einer Gasfontäne über einer in Eis erstarrten Landschaft hoch, die unter dem diffusen Licht der sternwimmelnden inneren Milchstraße ausgebreitet lag. Dieses Licht war ähnlich hell wie das Licht der Mondsichel auf der Erde, und in diesem Schein war zu sehen, wie die von Karrangk herübergeströmten Atmosphärenbestandteile in einer verwehten Wolke feiner Eiskristalle ausfroren, zunächst die Luftfeuchtigkeit, dann das Kohlendioxid und Ammoniak und zuletzt der Stickstoff. Ein leises, hochfrequentes Prasseln drang von den Kollisionen dieser Teilchen mit der Außenhülle herein, während das Schiff langsamer wurde und in eine ballistische Flugbahn zum gut hundert Kilometer entfernten nächsten Wurmlochportal überging.

Die Welt, über der sie sich nun befanden, war ein Mond eines Gasplaneten, der siebzehn Lichtjahre von Karrangk entfernt abseits aller Sterne durch den tiefen Raum trieb. Offenbar war dieser Mond ein vom Planeten eingefangener ehemaliger Zwergplanet, denn seine Umlaufbahn war stark gegen die planetare Äquatorebene geneigt.

Oder vielleicht war die Orbitalebene so stark gekippt worden, als es zu einer nahen Begegnung mit einem anderen Riesenplaneten gekommen war, die Nachtkönig, wie der Lwaong-Name des düsteren Giganten am treffendsten zu übersetzen war, in ferner Vergangenheit aus seinem Ursprungssystem geworfen haben mochte.

Während das Schiff sich dem Scheitelpunkt seiner Flugbahn näherte, hatten Ron und Catriona sich vor der Aussichtskuppel in einen großen Polsterschalensessel gesetzt, Catriona auf Rons Schoß, seine Hände um ihren Bauch gelegt, und genossen den eindrucksvollen Ausblick, wobei sie nur ab und zu Bemerkungen wechselten. Das Wurmlochportal, dem sie nun entgegenstürzten, war inzwischen aktiviert worden und näherte sich dem maximalen Öffnungszustand, denn seinem Kontrollcomputer war schon von jenem auf Karrangk die Ankunft der Lysithea vorab angekündigt worden. Die nächste Anlage war ebenfalls bereits informiert und fuhr ihre Kraftwerke und Feldgeneratoren hoch, um die Passage zum bestellten Zeitpunkt zu ermöglichen.

Diesmal flog die Lysithea mit dem Bug voran durch das Wurmloch, denn das dünne bißchen Wasserstoff und Helium strömte mit nur geringer Kraft in die nächste Welt, eine luftlose, ausgedörrte Felskugel in engem Umlauf um einen heißeren Braunen Zwerg.

So legten sie Etappe um Etappe zurück, elf Tage lang, durch verschiedenste Welten. Auf manchen davon unternahmen sie kurze Ausflüge, manche Passagen verschliefen sie, und bei einem Teil davon schauten sie kaum mehr hinaus, wenn die Szenerie zu vielem des bisher Gesehenen ähnelte. Den Großteil ihrer wachen Stunden beschäftigten sie sich miteinander: liebten sich, kuschelten miteinander und hörten gemeinsam Musik, redeten miteinander. Oft sang Catriona ihrem Mann Lieder vor und begleitete sich dazu auf ihrer Laute, und zwischendurch las sie in seinem Archiv alter politischer und meta-politischer Texte aus vergangenen Jahrhunderten, woraus sich wieder Gesprächsstoff ergab.

Schließlich erreichten sie das letzte Portal, flogen hindurch und stiegen aus einem Krater in einer Landschaft auf, die auf Luna hätte liegen können. Vor sich sahen sie die Sonne ihres Zielsystems: den 2150 Lichtjahre von Sol entfernt im Sternbild Schwan gelegenen G6-Stern Kepler-11. Bei diesem war bereits im Jahr 2011 entdeckt worden, daß er ein sehr kompaktes Planetensystem aus sechs Begleitern hatte, die alle durch Sterntransits von der Erde aus aufzuspüren waren und deren innere fünf engere Orbits hatten als Merkur, während jener des sechsten nicht viel weiter war. Zur Zeit der Ankunft von Catriona und Ron befanden sie sich gerade alle nahe der Verbindungslinie zwischen ihrer Sonne und dem siebten Planeten, dessen Bahn etwas weiter als jene der Erde und stärker geneigt als die der inneren Welten war, weshalb er von der Erde aus nicht hatte entdeckt werden können. Die Teleskopkameras der Lysithea zeigten auf dem großen Hauptbildschirm ein mit selektiven Lichtempfindlichkeiten aufgenommenes herangezoomtes Bild dieses Schauspiels, auf dem auch Hintergrundsterne sichtbar waren.

Das Ziel der Reise war jedoch keine der sechs Welten vor ihnen, sondern die siebte hinter ihnen, auf deren innerem Mond sich das Wurmlochportal befand, durch das sie gerade gekommen waren. Dieses Portal war von den Lwaong aus taktischen Gründen auf der planetenabgewandten Seite jenes Mondes plaziert worden, sodaß die Lysithea nun abbremsen und wenden mußte, um die Reise abzuschließen.

Der Planet, den das Paar nun jenseits des Mondes vor sich sah, war eine etwas blauere Variante der Erde, deren Oberfläche zu knapp achtzig Prozent von Wasser bedeckt war. Der etwas zungenbrecherische Name, den die Lwaong ihm gegeben hatten, bedeutete ungefähr „Zuflucht und neue Hoffnung“, und Dorkyn hatte ihn aus Faszination für die Lwaong in seinen Aufzeichnungen ebenfalls verwendet. Ron nannte ihn jedoch Fand, nach der altirischen Meeresgöttin und Feenkönigin, erstens wegen des großen Meeresanteils und zweitens, weil er im Sternbild Schwan lag und Fand und ihre Schwester Li Ban sich in der Sage um ihre Begegnung mit dem Helden Cú Chulainn in Schwäne verwandelt hatten. Außerdem bedeutete der Name „Träne/Perle der Schönheit“, und auf Deutsch war er ein Wortspiel im Sinn von „ich fand ihn.“

Für die Lwaong war die Wahl eines G6-Sterns als Sonne ihrer neuen Heimat untypisch gewesen, da sie F-Sonnen bevorzugten und Pflanzen von ihrer Welt ein UV-haltigeres Lichtspektrum brauchten. Andererseits hatten sie darauf spekuliert, daß man sie eben deshalb in so einem System nicht suchen würde, selbst falls die Galciv das überhaupt so weit in Richtung des galaktischen Randes hinaus tun sollte. Als Lösung für das UV-Problem hatten sie als Lebensraum für sich die äquatornahen, steiler besonnten Inseln und Kontinente vorgesehen und sie mit Pionierpflanzen von den höheren Breiten ihrer Ursprungswelt Yer‘shiyang besiedelt, die an ein flacher einfallendes, stärker gefiltertes Licht angepaßt waren. Die restlichen Landflächen und die Meere hatten sie mit irdischen Pflanzen begrünt, um die Atmosphäre schneller mit Sauerstoff anzureichern, denn der Planet, der knapp eineinhalb Jahrmilliarden jünger als die Erde war, hatte zu dieser Zeit seine Große Sauerstoffkatastrophe gerade hinter sich gehabt, und der Sauerstoffgehalt seiner Atmosphäre war wieder stark abgesunken. Deshalb hatten sie an Landfauna zur Ergänzung der Ökosysteme nur anspruchsloses Krabbelzeug wie irdische Wirbellose und vergleichbare Wesen von Yer‘shiyang ansiedeln können.

Dieses Habitabilisierungsprojekt hatten die Lwaong nur etwa drei Jahrhunderte lang betreiben können, ehe der unerwartet früh ausgebrochene Krieg gegen die Galaktische Zivilisation fast alle ihre Ressourcen absorbiert und sich nach einem knappen Jahrhundert einem katastrophalen Ende entgegengeneigt hatte. Verzweifelt hatten die Kreise unter den Lwaong, die von dem Zuflucht-Projekt wußten, dieses noch schnell zu einem provisorischen Abschluß zu bringen versucht, obwohl Fands Atmosphäre für sie noch nicht ausreichend atembar war. Zuletzt hatten sich nur wenige von ihnen noch durch die Wurmlochkette retten können, ehe sie durch die Besetzung des Solsystems und aller seiner Nachbarsterne davon abgeschnitten worden waren. Diese kleine Population war dann anscheinend durch neu aufgebrochene alte Rassenkonflikte noch weiter dezimiert worden und schließlich aufgrund von Inzucht ausgestorben.

Die auf Fand geschaffenen Ökosysteme hatten sich danach sechs Jahrtausende lang unbeeinflußt weiterentwickelt. In dem Maß, wie der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre zunahm, entwickelte sich auch eine Ozonschicht, die immer mehr UV-Licht ausfilterte, wodurch die von Yer’shiyang stammenden Pflanzen und die von ihnen abhängigen Tiere zunehmend gegenüber den irdischen Lebensformen benachteiligt waren. Schließlich hatten sich nur noch wenige kleine und kurzlebige Yer’shiyang-Spezies anpassen und in ökologischen Nischen zwischen den irdischen Arten halten können, die nun auch die äquatornahen Landflächen dominierten. In den Binnengewässern gab es nur noch irdisches Leben, und Wasserlebensformen von der Erde hatten sich von den Flußmündungen und Küstengewässern auch über die Meere auszubreiten begonnen, wo das primitive einheimische Leben vor ihrer Konkurrenz und dem gestiegenen Sauerstoffgehalt in größere Tiefen hatte weichen müssen.

Diese Welt mit ihrer nun annähernd erdähnlichen Atmosphäre hatte Seymour Dorkyn vorgefunden, und er hatte damit begonnen, bei seinen einsamen Expeditionen dorthin weitere irdische Tierarten auszusetzen: Vögel, Reptilien, Amphibien und Kleinsäuger, die aber noch keine großen Populationen hatten bilden können. Ehe er dazugekommen war, dieses Artenspektrum noch zu erweitern, war er von Thellias ermordet worden. Welche weiterführenden Pläne er mit dem Planeten gehabt hatte, blieb unbekannt, denn er hatte keine schriftlichen Angaben dazu hinterlassen.

Die Lysithea steuerte zunächst jedoch nicht Fand an, sondern den großen inneren Mond, denn Ron wollte Catriona dort noch etwas zeigen. Da sie für kürzere Ausflüge auf Fand den Raumgleiter nehmen wollten, der normalerweise in Aceys Rumpfschacht seinen Platz hatte und jetzt im Bordhangar im Heck der Lysithea mitgeführt wurde, und sie ihn dabei abwechselnd steuern wollten, nutzte Catriona nun die Gelegenheit, sich vorher unter geringerer Schwerkraft und ohne Atmosphäre damit vertraut zu machen. Nachdem sie sicherheitshalber ihren Raumanzug angelegt hatte, setzte sie sich in den Gleiter, legte den Helm und die Handschuhe auf den Nebensitz und aktivierte die Maschine. Zwischen zwei der Heckflossen des Schiffs, auf derselben Seite, auf der sich auch die stromlinienförmige, über drei Decks reichende Aussichtskuppel befand, öffnete sich das Hangartor, und Catriona schwebte mit dem Heck voran hinaus.

Parallel zum Raumschiff ließ sie sich auf den Mond zufallen, bremste den Sturz dann ab, und nachdem Ron die Lysithea an einer flachen Stelle der Oberfläche gelandet hatte, flog Catriona mit dem Gleiter zuerst in gerader Linie davon weg, ging zu langsamen Schlangenlinien über und hielt dann auf die flachen Hügel am nahen Horizont zu. Mit zunehmender Sicherheit ließ sie die Maschine immer schneller und in wechselnder Höhe über die weich gerundeten Felsbuckel tanzen, blieb dabei aber immer in Sichtweite des Schiffes. Nachdem sie eine weite Runde um dessen Standort geflogen war, kehrte sie zurück und setzte unmittelbar vor der Aussichtskuppel auf. „Machst du ein paar Bilder von mir?“ fragte sie über Funk.

„Klar“, antwortete Ron, der ihr vom Landesteuerstand im unteren Teil der Kuppel aus zugesehen hatte. Er steuerte eine der Außenkameras auf sie ein, zoomte sie in unterschiedlichen Vergrößerungen heran, während sie zu ihm hinaufschaute, und machte Aufnahmen davon. „So, fertig“, sagte er dann, „du kannst jetzt hereinkommen.“

Als der Gleiter verstaut und Catriona wieder bei ihm am Steuerstand war, hob Ron das Schiff ab und flog es in aufrechter Rumpflage über die Hügel und das anschließende flachwellige Gelände, wieder in Richtung der Öffnung, durch die sie aus dem Wurmloch gekommen waren. Auf diesem Kurs kreuzten sie eine flache Senke, die sich wie ein gering eingetieftes Tal durch die Landschaft schlängelte. Sie folgten ihr einige Kilometer weit, bis darin ein gut hundert Meter durchmessendes Loch im Boden sichtbar wurde. Ron bremste ab und ließ das Schiff durch das Loch nach unten sinken.

„Ein Lavatunnel-Skylight“, sagte Catriona, als sie sah, daß sich darunter ein Gewölbe von viel größerem Durchmesser befand, das sich wie eine lange, gewundene Höhle in beide Richtungen erstreckte.

„Willkommen in Lysitheas Höhle“, antwortete Ron. „So hat Dorkyn sie genannt, und damit hängt auch der Name dieses Schiffes zusammen, das er noch nicht besaß, als er die ersten paar Male hierherkam.“ Er steuerte ein Stück in den Tunnel hinein, in die Richtung, aus der sie gekommen waren, und landete dann auf dem Boden, auf dem kein Einsturzschutt lag. Vor ihnen war der Tunnel mit einer durchsichtigen, von Streben durchzogenen Wand abgeschottet, die wie eine Staumauer leicht nach innen gewölbt war. Dahinter waren Büsche und kleine Bäume auf grasbewachsenem Boden zu sehen, und die Szenerie war von einem Licht ausstrahlenden Deckengewölbe erhellt.

„Lysithea war in der griechischen Mythologie die Tochter des Meeresgottes Okeanos und eine Geliebte des Zeus“, erläuterte Ron weiter, als das Schiff stand. „Sie wurde von Zeus schwanger und wollte das vor ihm geheimhalten, daher bat sie eine Pflanze, ein Tier und einen Stein, ihr zu helfen. Nur der Stein war dazu bereit und schloß sie in seinem Inneren ein, bis sie ihr Kind geboren hatte. Dorkyn hat das Schiff, das er bei den Arrinyi nach der Entdeckung von all dem hier in Auftrag gegeben hatte, in Anspielung darauf Lysithea genannt.“

Von der Trennwand her kam ein Fahrzeug mit zylindrischer Kabine und vier großen Rädern auf das Schiff zugerollt und dockte an der Ausstiegsschleuse in dessen ausgefahrener Mittelsäule an. Als die Benützbarkeit dieser Verbindung gemeldet wurde, waren Catriona und Ron bereits dort angekommen und stiegen in das Fahrzeug um, das daraufhin mit ihnen zur Trennwand zurückfuhr und dort am Adapter einer Zugangsschleuse ankoppelte. Gleich daneben parkte ein Raumgleiter mit einer Form wie ein abgeflachtes Ogivalgeschoß, den Catriona als einen Moonbird IV erkannte, und war mit seiner Heckschleuse an einem gleichartigen Zugangsadapter angekoppelt. Er war rot mit einem breiten weißen Querband um den Rumpf.

„Das ist meiner“, sagte Ron, der ihrem Blick gefolgt war. „Den habe ich bei meiner zweiten Fand-Expedition unter Aceys Bauch nach Karrangk geschafft, und dann habe ich ihn durch die Wurmlöcher hierhergeflogen. Seitdem brauchte ich nur durch die Personen-Wurmlöcher zu gehen, wenn ich nach Fand wollte, und mit diesem Vogel konnte ich auf den Planeten hinunter. Das Ding hat keine Schlafkabine, also habe ich mir eben mit einem Schlafsack beholfen. Unsere jetzige Reise wollte ich aber lieber mit unserem fliegenden Hotel machen. Los, gehen wir da hinein.“

Drinnen sah Catriona sich staunend um. Anlagen ähnlicher Art kannte sie zwar aus der menschlichen Zivilisation, auf dem Erdmond und anderswo, aber nicht in diesem Ausmaß, und hier hatte sie so etwas nicht erwartet.

„Das hat Dorkyn doch sicher nicht alles selbst geschaffen?“ fragte sie.

„Nein, die Anlage als solche stammt noch von den Lwaong“, bestätigte Ron, während er seinen Rucksack in einen der drei offenen achträdrigen Wagen legte, die unter einem kleinen Flugdach neben der Schleuse standen. „Deren originales Umweltkontrollsystem muß aber irgendwann nach der Vernichtung ihrer Zivilisation zerstört worden sein, vielleicht bei Kämpfen unter Restpopulationen, die danach hier festsaßen. Dorkyn glaubte, Anzeichen dafür in ihren erhaltenen Aufzeichnungen gefunden zu haben. Jedenfalls hat er dann die Anlagen durch passende irdische Geräte ersetzt und statt der zugrunde gegangenen Vegetation von Yer’shiang irdisches Grünzeug gepflanzt. Natürlich mit Hilfe von Robotern und etlichen Arbeitern, die gar nicht wußten, wo das hier wirklich ist und wie man hierherkommt. Die brachte er eigens mit einem Transporter her, der nur vom Kontrollraum aus Außensicht hatte und den er selber flog.“

Sie fuhren auf einem gepflasterten Weg weiter in den Lavatunnel hinein, der nach Rons Angabe im Mittel etwa fünfhundert Meter breit und knapp dreihundert Meter hoch war. Der Boden war zwischen den natürlich belassenen Felswänden von Gras, Blumen und Kräutern bedeckt und in aufgelockerten, weit auseinander stehenden Gruppen mit Sträuchern und kleinen Bäumen bestanden. In der Mitte dieser idyllischen Parkanlage schlängelte sich ein Bach, der an der Trennwand in einem kleinen Stausee endete, von wo das Wasser abgepumpt und zur zwölf Kilometer entfernten Quelle zurückgefördert wurde. Insekten schwirrten über dem Bodenbewuchs umher, und Vogelzwitschern war zu hören. Über all dem wölbte sich eine Decke, die Licht aussandte und dabei wie ein dünner, sonnendurchschienener Wolkenschleier aussah. Das Licht hatte eine spätnachmittaglich wirkende Farbe und fiel schräg von ihrer linken Seite her ein. Die Luft war angenehm warm.

„Ändert sich der Lichteinfallswinkel im Tagesverlauf?“ fragte Catriona.

„Ja, und natürlich ändert sich auch die Farbe.“ Ron deutete zur rechten Tunnelseite. „Die Morgendämmerung beginnt auf dieser Seite, und während das Licht heller und weißer wird, wandert die Einfallsrichtung über das Gewölbe zur anderen Seite, wo es wieder ins Abendrot übergeht. Nachts simulieren Lichtpunkte den Sternenhimmel, der sich ebenfalls zu drehen scheint. Dorkyn hat den Tag/Nacht-Zyklus auf dreiundzwanzig Stunden und fünfzig Minuten eingestellt; das sollte anscheinend eine Gewöhnung an den noch einmal zwölf Minuten kürzeren Zyklus von Fand ermöglichen. Denen, die er irgendwann hierherholen wollte, wer immer das gewesen wäre.“

„Nachdem dafür wohl ein längerer Aufenthalt als nur ein paar Stunden nötig wäre – die hätten wohl nicht im Freien übernachten sollen, oder?“

„Nein, allein schon, weil es hier in der zweiten Nachthälfte meist zu leichtem Regen kommt. Die Raumhöhe reicht hier nämlich schon für Wolkenbildung und Niederschlag aus. Siehst du da drüben an der Felswand die Löcher?“

„Ja, jetzt, wo du drauf hinweist, bin ich mir sicher, daß es welche sind.“

„Die gibt es hier überall, an beiden Seiten, und es sind die Wohnhöhlen der Lwaong. Ein Teil davon ist ausgebaut, aber die organischen Einrichtungsmaterialien sind verrottet. Andere sind im Rohzustand. Fünf davon hat Dorkyn mit Steinschneiderobotern auf menschliche Maße und Bedürfnisse trimmen und dann ausbauen und einrichten lassen. Ich zeige sie dir später. Das mit der Zeitanpassung war aber nur für diejenigen gedacht, die durch die kleinen Wurmlöcher innerhalb eines Tages von Karrangk hergekommen wären. Wir haben diese Anpassung ja während der Anreise mit zwei Minuten Bordzeitänderung pro Nacht vorgenommen.“

„Da wir deinen Moonbird als Planetenfähre hier haben, können wir zukünftig auch auf diese schnellere Weise herkommen“, meinte Catriona.

„Und diejenigen, die sich uns anschließen werden, ebenfalls.“ Ron hielt an. „Hast du Lust, baden zu gehen?“ Er zeigte nach links vorne zum Bach, der an einem besonders ruhigen Abschnitt durch ein paar große Felsblöcke zu einem kleinen Teich aufgestaut war. „Das Wasser ist nicht kalt.“

„Aber wir haben doch keine Badesachen mit“, wandte Catriona ein.

„So ein Pech. Aber wenigstens habe ich zwei Handtücher und ein großes Badetuch im Rucksack. Und etwas zu essen für nachher.“

Sie lächelte. „Na gut, Mister Denkt-nicht-an-alles-aber-an-das-Allermeiste. Wenn du mich dann abtrocknest…“

„Sehr gerne.“ Ron lenkte den Wagen vom Asphaltweg auf die Wiese und hinunter zum Teich. Dort zogen sie sich aus, gingen ins Wasser und schwammen darin, bis sie das Bedürfnis hatten, wieder an Land zu gehen. Auf einem großen flachen Stein stehend, rubbelte Ron seine Frau wie versprochen trocken, dann trocknete er sich selbst ab, während sie das Badetuch ausbreitete und die Eßsachen auspackte. Nach dem Picknick hatten sie sich wieder aufgewärmt, und sie liebten sich genußvoll in der geringen Schwerkraft, die etwas schwächer war als jene auf Luna. Danach lagen sie entspannt auf dem Badetuch, die zusammengerollten Handtücher als Kopfpolster verwendend.

„Weißt du, woran ich gerade denke?“ fragte Catriona nach einer Weile.

„Nein. Woran denn?“

„Daran, wie es hier wohl in unseren letzten Lebensjahren aussehen wird; wie unsere Kinder und Enkelkinder dieses Tal unter dem Mond noch erleben werden. Wenn all diese Bäume schon groß sind.“

„Tal unter dem Mond – das gefällt mir. Vielleicht wird das die bleibende Bezeichnung dafür, statt Lysitheas Höhle.“

„Was sind das eigentlich alles für Bäume?“

„Hauptsächlich Obst- und Nußbäume aus wärmeren Klimazonen“, antwortete Ron. „Orangen und andere Zitrusfrüchte, Mangos, Avocados, Cashews, Olivenbäume und etliche andere. Die müßten mal wieder ordentlich gepflegt werden.“

Einige Zeit später standen sie auf, zogen sich an und fuhren wieder zum Weg hinauf, um ihre Fahrt in das „Tal“ hinein fortzusetzen. Die von Dorkyn hergerichteten Höhlenwohnungen lagen etwa fünf Kilometer von der Abschlußwand zum Landeplatz entfernt. Catriona besichtigte sie und fand nur eine davon nach ihrem Geschmack. Da jedoch nach der langen Vernachlässigung ohnehin alle etwas verwahrlost waren, fuhren die beiden anschließend wieder zum Schiff zurück. Dabei bot Ron Catriona an, den Wagen auf dem Rückweg zu lenken, und sie nahm gerne an. Während der Fahrt lümmelte Ron sich in seinem Sitz nach rechts, stützte den Kopf mit dem Arm an der Türkante ab und betrachtete Catriona vor dem Hintergrund der bereits abendlich beleuchteten Ostwand des Lavatunnels. Sie bemerkte es und lächelte ihm zu, dann wandte sie den Blick wieder nach vorn, immer noch mit einem Anflug von Lächeln im Gesicht.

„Ich sehe dir gern beim Fahren zu“, sagte er. „Oder beim Fliegen. Du hast so ein schönes Profil, und wenn du so konzentriert eine Aufgabe ausführst, wirkst du dabei gleich noch attraktiver.“

Sie lächelte verlegen und sah kurz zu ihm hin. „Dir habe ich auch immer gern beim Fliegen zugesehen, schon bei den Trainingsflügen in der Akademie.“

„Wie damals auf dem Nachtflug über Maanenia.“

„Das hast du bemerkt?“

„Ja… und ich habe deine Seitenblicke als sehr angenehm empfunden.“

Während der restlichen Minuten der Fahrt genossen sie schweigend ihre gegenseitige Gesellschaft, dann stiegen sie wieder in den Transferwagen um und ließen sich zur Lysithea bringen. Da es nach ihrem Bordzeitrhythmus erst früher Nachmittag war, beschlossen sie, den Rest des Tages für den Weiterflug nach Fand zu nutzen. Ron gab dem Schiff das Ziel und einige Flugparameter ein, dann hob es ab, flog wieder durch das Einsturzloch und beschleunigte über die Mondlandschaft nach Osten.

Dieser Mond war mit knapp dreitausend Kilometern Durchmesser um ein gutes Zehntel kleiner als der Erdmond, hatte aber eine höhere Dichte, weshalb seine Schwerkraft nur wenig geringer war. Ron hatte ihn in Abwandlung von Cú Chulainns Namen Cuculinn genannt, und dem kleineren äußeren Mond, der nun über dem Osthorizont emporstieg, hatte er den Namen Emea gegeben, nach Cú Chulainns Frau Emer, die von ihrem Mann eine Zeitlang mit Fand betrogen worden war.

Immer schneller raste die Lysithea um Cuculinn herum nach Osten, und keine zwanzig Minuten nach dem Start wurde vor ihnen der Planet sichtbar, eine knappe Viertelmillion Kilometer entfernt. Weitere zwei Stunden später drangen sie über der Nordhalbkugel in die Atmosphäre ein und sanken in steilem Winkel über einer bewaldeten Landmasse nieder. Das war der Kontinent Magmell, den Ron nach Mag Mell benannt hatte, dem Anderswelt-Paradies der irischen Mythologie, in das Cú Chulainn Fand begleitet hatte, um ihr gegen Feinde zu helfen. Das Schiff tauchte zwischen locker verteilten Wolken hinunter, fing den Sinkflug ab und folgte in aufrechter Fluglage einem breiten Fluß, der ein Stück voraus über eine von Felsformationen unterbrochene Kante in eine quer dazu verlaufende breite Schlucht stürzte.

Jenseits dieses Wasserfalls übernahm Ron die Steuerung. Er ließ die Lysithea zur anderen Seite der Schlucht schweben und dirigierte sie zu einer flachen Felsplatte, auf der er den großen Landeteller der ausgefahrenen Mittelsäule aufsetzte. Die umgeklappten dreieckigen Endflächen der Heckflossen preßten sich auf die umgebende steinige Uferbank, die offenbar fest genug war, um das Schiff darauf abzustützen. Dennoch ließ Ron wie immer auf unsicherem Untergrund das Antriebssystem in Bereitschaft, damit die KI mit den Bugantrieben einem eventuellen Kippen entgegenwirken konnte.

Als diese Vorkehrungen abgeschlossen waren, fuhren sie mit der vorbereiteten Ausrüstung in der Mittelsäule nach unten und stiegen aus. Draußen erwartete sie ein eindrucksvoller Anblick: Vor ihnen erstreckte sich eine weite Fläche aus Kieseln, nassem Sand und größeren Steinen bis zu einer Felseninsel, aus der ein Felsturm emporwuchs. Dahinter lag der Fluß, der die Schlucht geschaffen hatte und zu ihrer Rechten aus einer Durchbruchsklamm hervortrat. Nach einer Rechts- und einer Linkskurve strömte er hinter der Felseninsel vorbei, und jenseits davon erhob sich eine Felswand, die dem Flußlauf folgte. Über diese Klippe stürzten die Wassermassen jenes anderen, größeren Flusses, über dem sie angeflogen waren, unterteilt von Felsköpfen, die an mehreren Stellen über die Kante hinausragten. Diese Formationen waren ebenso wie die Felseninsel mit Bäumen bewachsen, die sich ihr Leben auf dem kargen Stein ertrotzten und sich in jede Ritze krallten. Ihr Laub zeigte bereits Ansätze von Herbstfärbung. Über all dem lag das Brausen des fallenden Wassers, und dort, wo sich am Fuß des Falls beide Flüsse vereinigten und mit ihrer Gewalt ein größeres Bett schufen, tanzten Sprühnebelwolken.

Ron und Catriona marschierten zu der Insel hinüber, fanden einen geeigneten Sitzplatz, und Ron machte seine Angelausrüstung bereit. Nicht lange danach hatte er vier Fische gefangen, die irgendeiner Forellenart angehörten. Catriona hatte bei deren Tötung nicht zusehen können, auch wenn sie keine Vegetarierin war, und auch das Ausnehmen überließ sie Ron. Dafür half sie ihm beim Errichten einer Feuerstelle aus Steinen und hatte zuvor schon trockenes Treibholz als Brennmaterial zusammengesucht. Nachdem das Feuer in Gang gekommen war und den richtigen Glutanteil entwickelt hatte, legten sie die mitgebrachten Grillroste über die Steine und brieten darauf die Fische mit Kartoffeln. Anschließend ließen sie sich das Ganze zusammen mit Brotscheiben schmecken, und Ron sagte dabei zu Catriona: „Siehst du, auf diese Art kann man hier schon einen Teil seines Nahrungsbedarfs decken, noch ehe eine Landwirtschaft geschaffen ist. Erdäpfel müßte man auch ohne weiteres anbauen können.“

Catriona nickte mit vollem Mund. „Anderes Gemüse für den Kleinbedarf dürfte auch kein Problem sein“, sagte sie dann. „Das Blockhaus baust aber du, Großer Waldläufer.“

Ron grinste. „Abgemacht.“

Nach dem Essen blieben sie noch eine Weile zufrieden am Fluß sitzen und genossen die Szenerie. Catriona hatte ihre Laute mitgebracht und versuchte, damit und mit ihrem Gesang gegen das Tosen des Wasserfalls anzukommen, gab das aber bald auf. So lagen sie nebeneinander an einen niedrigen Felsbuckel gelehnt und sahen zu den Wolken hoch, die über sie hinwegsegelten. Als diese sich immer mehr verdichteten und auch der Nachmittag schon weit fortgeschritten war, packten sie ihre Sachen zusammen, begaben sich an Bord und hoben ab.

Über der Wolkendecke brachte Ron das Schiff in den Schwebeflug und ließ es in senkrechter Lage mit dem leichten Wind nach Nordosten treiben, mit der Panoramakuppel auf die tief im Westen stehende Sonne ausgerichtet. Dann zogen sie sich aus, setzten sich im Salon mit Blick nach draußen in den großen Polsterschalensessel, Catriona mit dem Rücken zu Ron auf seinem Schoß, und begannen sich zu lieben, begleitet von den Klängen des Donauwalzers. Nach ihrem Höhepunkt blieben sie bis lange nach dem Ausklingen des Donauwalzers und des darauffolgenden To Go Beyond, Part 2 von Enya glücklich und entspannt sitzen, segelten über die Wolken und sahen zu, wie die Sonne tiefer sank und ihr Licht immer gelber wurde.

Schließlich standen sie doch auf und zogen sich an. Das Schiff näherte sich einem Bergrücken, an dem sich die Wolken gerade unterhalb der Waldgrenze stauten. Ron übernahm die Steuerung, flog die Lysithea zur Kuppe des höchsten Berges in der Nähe hinauf und landete sie dort vor einem Bestand knorriger alter Zirbelkiefern, der von der anderen Seite heraufreichte. Das Paar stieg aus und ging ein Stück vom Schiff weg, um sich in die schon herbstlich gelbe Wiese zu setzen und den Sonnenuntergang anzusehen. Durchsichtige Kugeln, wasserstoffgefüllte Samenträger von einer der wenigen yer’shiyangischen Pflanzenarten, die sich hier halten konnten, schwebten wie Seifenblasen im sanften Hangaufwind vorbei. Cuculinn war schon untergegangen, aber Emea stand als Halbmond hoch am Himmel. Ron legte eine Unterlagsmatte auf den Boden, und sie setzten sich nebeneinander darauf.

„Ist das schön hier!“, seufzte Catriona dann. „Schon seltsam: Da sind wir im Herbst zu unserer Reise mit der Carina aufgebrochen, haben danach den Winter auf der Erde erlebt, und jetzt sind wir hier wieder im Frühherbst auf unserer zweiten Hochzeitsreise.“

„Wir werden hier in diesen Wochen auch Sommer und Frühling erleben.“

Sie legte ihre Hand auf Rons Schenkel. „Und wir zwei sind die einzigen Menschen auf dieser ganzen Welt. Hier willst du also dein Projekt der Weißen Wiedergeburt starten…“

„Ja, genau so, wie ich es dir auf der Erde geschildert habe. Jetzt, wo wir wirklich hier sind, stell‘ es dir noch einmal konkret vor: wir beide suchen uns einen schönen Platz, um uns dort niederzulassen und unsere Familie zu gründen. Wir holen Freunde hierher, die dasselbe tun, und die daraus entstehenden Familien bilden Keimzellen zukünftiger Nationen – neue, freie Ableger der Völker, aus denen sie stammen. Wir gründen eine Weiße Allianz, noch während wir bloß eine Runde miteinander befreundeter Familien sind, und einigen uns vorab über die Aufteilung dieser Welt in nationale Territorien. Im Lauf der Jahrzehnte und Generationen gewinnen diese Proto-Nationen immer wieder neue Siedler aus der Föderation dazu, sodaß die Bevölkerung schneller wächst und Inzuchtprobleme vermieden werden. Schließlich wird Fand wirtschaftlich und technisch autark und kann notfalls auch ohne verdeckten Kontakt zur Erdzivilisation überleben und wachsen. In ferner Zukunft sind unsere Nachkommen hoffentlich stark genug, um sich gegen die Galciv zu behaupten, falls die ihren Einfluß dann bis hierher ausdehnt.“

Catriona sah ihn an. „Irgendwie kommt einem diese Welt fast zu schade dafür vor, hier auch Fabriken und Straßen und Städte zu bauen, Wälder zu roden und Felder anzulegen und eine zweite Erde daraus zu machen.“

„Es wird keine zweite Erde werden“, versicherte Ron, „jedenfalls keine, wie die Erde heute leider ist. Wir haben hier eine ganze Welt, auf der wir noch lange einen leichten Fußabdruck hinterlassen werden, und bis das anders werden könnte, werden wir schon die Möglichkeit haben, andere Welten in diesem Raumsektor zu kolonisieren. Die Raumfahrtindustrie wird großteils auf den Monden angesiedelt sein. Wir werden aus dem lernen, was auf der Erde falsch gelaufen ist, und wir Europäer haben schon früher bewiesen, daß wir unsere Zahl begrenzen und die Natur schonen können. Immerhin ist der Umweltschutzgedanke bei uns entstanden. Daß die Erde heute so überbevölkert und versaut ist, liegt an den anderen.“

„Und von diesen anderen sollen sich gar keine hier ansiedeln – auch solche nicht, die mindestens zur Hälfte von Europäern abstammen und nett und tüchtig sind?“

„Nein, auch solche nicht. Sicher, Winchell und Sayuri und Asereba Hinterleitner zum Beispiel sind nett und intelligent, und ich würde es ihnen vergönnen, wenn sie ebenfalls irgendwo eigene Länder hätten, wo sie mit Leuten unter sich sein könnten, die von der Abstammung, Sozialisierung und persönlichen Qualität her ähnlich wie sie sind. Vielleicht wird es solche Staaten irgendwann irgendwo einmal geben. Aber das kann nicht auf Fand sein, und wir können sie erst recht nicht in unsere Völker aufnehmen. Auch wenn sie genetisch und kulturell teilweise europäisch sind und eine europäische Sprache sprechen, haben sie doch auch Bezug zu ihrer anderen Abstammungsseite, und das würde Loyalitätskonflikte mit sich bringen und die Abgrenzung zu anderen Rassen erschweren, wenn sie mit dabei wären. Gemischtrassigen Menschen kann man auch schwer vermitteln, warum einzigartige Rassentypen unvermischt erhalten bleiben sollten. Außerdem wird es schon eine bisher beispiellose Aufgabe sein, ein dauerhaft harmonisches Miteinander all der verschiedenen weißen Völker zu schaffen und den ganzen historischen Ballast hinter uns zu lassen. Wenn da zusätzlich welche dabei wären, die sich noch mehr von uns unterscheiden, als wir uns untereinander, dann würde das noch schwerer werden, und die Geheimhaltung nach außen würde fast sicher irgendwann platzen.“

„Siehst du denn eine Chance, all das auf Dauer geheimzuhalten?“

„Wir müssen es darauf ankommen lassen und bei der Auswahl von Neuzugängen sehr vorsichtig sein. Besser weniger und dafür sicher. Wenn wir diese Chance nicht nutzen, dann werden die Weißen unrettbar verloren sein.“

„Ja, da hast du recht. Hoffen wir das Beste.“

Ron legte seinen Arm um ihre Schulter, und so saßen sie schweigend beisammen. Die Sonne hatte inzwischen den Horizont erreicht, und ihre rötlichen Strahlen fielen so flach ein, daß sie nur noch die obersten Kuppen der Wolken beschienen und sie plastisch hervortreten ließen. Vier Minuten später war sie verschwunden, und einer der inneren Planeten wurde als heller Abendstern sichtbar. Allmählich zeigten sich immer mehr Sterne, und das Licht Emeas begann schwache Schatten zu werfen. Die beiden blieben sitzen, redeten gelegentlich miteinander und tauschten Liebkosungen aus, bis auch der Abendstern untergegangen war und Catriona den Wind als unangenehm kühl zu empfinden begann. Dann standen sie auf und gingen zum Schiff zurück, das als mondlichtglänzender spitzer Turm vor der schwarzen Zirbenfront und dem Sternenhimmel stand.

* * *

Die folgenden sieben Wochen wurden zu den glücklichsten ihres Lebens. Sie bereisten alle Kontinente und die größten Inseln des Planeten und erlebten dabei alle Jahreszeiten, wie Ron es versprochen hatte. Mit dem mitgebrachten offenen Boot unternahmen sie Flußfahrten, ließen sich abwechselnd treiben oder vom Elektro-Außenborder schieben, landeten auf Sandbänken und Inseln und brieten die von Ron geangelten Fische. Am Ende jeder Fahrt wartete immer schon die vorausgeflogene Lysithea, mit der sie über eine Funkrelaisdrohne in Verbindung blieben. Sie wanderten viel, in der ersten Zeit auch auf Bergrouten, während sie sich später auf flacheres Gelände und kürzere Strecken beschränkten, um Catriona zu schonen. Mit der Zeit wurden Badeaufenthalte an warmen Gewässern immer häufiger, und sie genossen dort Strandspaziergänge. Oft benutzten sie den Gleiter für Ausflüge zu Natursehenswürdigkeiten oder zu den wenigen verwitterten Überresten unfertiger Lwaong-Bauten, von denen Ron wußte. Sie liebten sich im Licht der beiden Monde oder im Sonnenschein, an Stränden oder im fleckigen Licht- und Schattenmuster unter Bäumen auf sandigen Flußufern, oder an Bord.

Neben diesen körperlichen Aktivitäten erfreuten sie sich auch auf andere Weise ihrer Zweisamkeit. Catriona sang ihrem Gatten Lieder vor und übte auch neue ein. Gemeinsam studierten sie die Geographie Fands und vor allem des Kontinents Magmell und erwogen Möglichkeiten für eine zukünftige nationale Aufteilung und für ihre eigene Wohnsitzwahl. Und sie diskutierten über politische und praktische Belange der neuen weißen Zivilisation, die sie gründen würden.

Catrionas Schwangerschaft verlief in dieser Zeit gut. Die Gefühlsschwankungen des ersten Schwangerschaftsdrittels waren verschwunden, sie hatte keine Beschwerden und fühlte sich ausgeglichen und zufrieden. Ab und zu spürte sie schon die ersten Bewegungen ihrer kleinen Tochter als feines Kribbeln im Bauch, und allmählich wurde ihr Zustand auch äußerlich schon sichtbarer.

Schließlich kam der letzte Tag ihres Aufenthalts, und an dessen Abend flogen sie zum Abschied von Fand noch einmal auf die Bergkuppe, auf der sie am ersten Tag gelandet waren. In der Nacht zuvor hatte es geschneit, und so waren die Wiesenflächen von frischem Weiß bedeckt, aus dem nur die höheren Halme hervorstachen. Wieder breitete sich unter ihnen eine Wolkendecke aus, jenseits der die Sonne in einem feurigen Farbenspiel versank. Catriona und Ron standen vor dem Schiff und sahen zu, bis es dunkel geworden war. Die Stellung der Planeten war inzwischen anders, deshalb gab es keinen Abendstern zu sehen. Dafür stand Cuculinn diesmal als zunehmende Sichel am westlichen Himmel, heller und größer als Luna von der Erde aus, und ein Stück höher auch die kleine Emea. Mit Wehmut nahmen die beiden diesen Anblick in sich auf, dann rissen sie sich endlich davon los, umarmten und küßten einander, gingen an Bord und stiegen in den Abendhimmel empor.

12) Alles auf eine Karte

Am Morgen des achten Tages nach dem Aufbruch von Fand verließen Ron und Catriona wieder mit der Ace of Swords die Basis auf Karrangk. Sie waren bereits vor der letzten Wurmlochpassage in den Raumgleiter umgestiegen und mit diesem durch das Wurmloch und in Aceys Bordhangar gelangt. Während die Lysithea in der Untergrundbasis wartete, um wie üblich mit einigem Sicherheitsabstand nachzufolgen, ehe die Ace of Swords per Warpantrieb aus dem System verschwinden würde, flog das Paar in den Orbit über der Nordpolregion von Karrangk, das sich gerade wieder auf seinen sonnenfernsten Bahnabschnitt zubewegte. Luhman 16B lag schräg links hinter ihnen, und über dem Horizont voraus erhob sich Luhman 16A, dessen gelber Schein diese leblose Welt trotz der Ferne vierzigmal so hell erleuchtete wie der Vollmond die Erde.

Sie beschleunigten aus dem Orbit und auf die Minisonne zu, deren Schwerkraft die durch ihren kleineren Partner bewirkte Raumkrümmng in jener Richtung ein wenig flachbog, wodurch auf diesem Kurs ein früherer Übergang in den Sublichtwarp möglich war. Ron beabsichtigte, in der Nähe der gravitativen Neutralzone zwischen den beiden Braunen Zwergen nach Sol hin abzuschwenken und dann auf Überlichtgeschwindigkeit zu gehen. Die gewählte Flugbahn führte etwas oberhalb der Ekliptik mit ihrer Staub- und Kleinkörperscheibe hinweg; da auch auf dieser Route mit kosmischen Brocken gerechnet werden mußte, flogen die beiden Robotjäger Knight und Queen wieder gemeinsam mit zwei Aufklärungsdrohnen voraus.

Die Wölbung von Karrangk versank unter ihnen und blieb zurück, und etwa sieben Grad links von ihrem Kurs erschien das Scheibchen eines Zwergplaneten, dessen Bahn im Mittel eine knappe halbe Million Kilometer außerhalb jener von Karrangk verlief.

Eine halbe Stunde nach Verlassen des Orbits meldete die Ortungsanlage vier Raumschiffe, die hinter diesem nun gut siebenhunderttausend Kilometer entfernten Körper hervorgekommen waren und ihnen mit neun g Beschleunigung entgegenflogen. Rons Magen zog sich zusammen vor Sorge um Catriona und sein neugefundenes Glück mit ihr; er versuchte jedoch, sich nichts davon anmerken zu lassen.

„Wer kann das sein?“ fragte Catriona.

„Läßt sich noch nicht sagen, aber es wird sicher niemand sein, den wir hier gern treffen würden. Siehst du, was die schon für ein Tempo draufgehabt haben, als sie um den Planetoiden gekommen sind? Die müssen dahinter schon zu beschleunigen begonnen und die Kreisbahn mit radialem Ausgleichsschub gehalten haben. Das heißt, sie haben im Orbit um diesen Brocken auf uns gewartet und unser Auftauchen von irgendwelchen Ortungsdrohnen gemeldet bekommen. Acey, was läßt sich jetzt schon über sie sagen?“

„Das größte Schiff hat nach dem Verhältnis zwischen Energieabstrahlung und Beschleunigung die Masse einer Orion II; die zwei kleineren haben etwa zwölfhundert Tonnen und könnten Raumyachten sein, und das vierte liegt in der Masse dazwischen.“

„Geh auf acht g, Kurs beibehalten. Die Jäger und die Drohnen sollen die Distanz auf dreißigtausend erhöhen und halten.“

Sofort nahm die Beschleunigung zu, und die Sitze streckten sich aus dem Normalzustand zu Andruckliegen, die senkrecht zur Schiffslängsachse ausgerichtet waren und ihre formaktive Morfluidpolsterung stützend um die Körper ihrer Benützer formten. Sechs g konnte die interne Gravoanlage kompensieren, die restlichen zwei waren das Maximum, das die im sechsten Monat schwangere Catriona mehrere Stunden lang sicher vertragen konnte. Ron stellte ein paar überschlägige Berechnungen an.

„Können wir ihnen nicht einfach quer zu unserem jetzigen Kurs davonfliegen?“ fragte Catriona.

„Nein. Mit dem Beschleunigungsüberschuß von einem g könnten sie in den über vier Stunden, die wir in dieser Richtung brauchen würden, um in den Sublichtwarp gehen zu können, selbst direkt von hinten über eine Million Kilometer aufholen. So wie es ist, könnten sie uns den Weg schräg abschneiden, und wir müßten die bisher aufgenommene Bewegung in ihre Richtung kompensieren. Außerdem könnten sie noch Beschleunigungsreserven haben; falls das große Ding eine Orion II ist, kann es bis zu zwölf g schaffen. Wir sind auf acht beschränkt, abgesehen von kurzen Intervallen. Es hilft nichts, wir müssen durch sie durch und dann weiter auf Warpstartdistanz beschleunigen. Dann müssen die, die dann noch von ihnen übrig sind, erst abbremsen, ehe sie uns wieder verfolgen können.“

„Falls wir dann noch übrig sind.“

Ron sagte nichts darauf. Kurze Zeit später wurden sie über Lasercom angerufen, und Ron öffnete die Bildsprechverbindung. Elonard Sampsons grimmiges Gesicht erschien auf dem Bildschirm.

Snake Eyes, Brugger!“ schnauzte er. „Du weißt, was das bedeutet: du verlierst alles. Und ich und meine Begleiter streifen die Genugtuung über dein Unglück und das Ende deines elenden Lebens als Gewinn ein.“

„Du könntest dir auch mal einen neuen Spruch ausdenken, Sampson“, antwortete Ron. „Außerdem spielen wir hier nicht Craps. Deine läppische Würfelsymbolik hat gar nichts zu bedeuten.“

„Werden wir noch sehen. Daß wir vier Schiffe sind, hat jedenfalls etwas zu bedeuten. Wir verdampfen deinen Rosteimer mit allem Rattendreck darin, mit dir und deiner Whitey-Braut. Hat übrigens Spaß gemacht, sie zu vögeln!“

Catriona sah erschrocken zu Ron hinüber. „Glaub‘ ihm nicht!“ rief sie.

„Tu ich nicht. Hey Elonard, wer sind denn die anderen?“

Das Bild wechselte zu einer Außenkamera, die ein bulliges weißes Raumschiff mit dickem Heck und diversen Schwellungen und Wülsten an seiner Außenhülle zeigte.

„Da wäre einmal Yoram Gelbfisz in der Highball seines Bruders Hershel“, erläuterte Sampson. „Was der von dir will, dürfte dir einleuchten.“ Nahe dem Heck des genannten Schiffes teilte sich eine Beule in zwei Hälften, die im Rumpf verschwanden und ein Lasergeschütz freilegten, das von seinem Besitzer wohl illegal installiert worden war und wahrscheinlich einen Zwilling an der anderen Rumpfseite hatte. Nach dieser dramatisch gemeinten Geste des Schiffseigners schaltete Sampson auf eine andere Kamera um, diesmal an seiner Backbordseite, die ein größeres Raumfahrzeug in Lifting-Body-Form zeigte, auf dessen Rumpfoberseite eine Kombi-Waffenstation mit einem Laser und einer Kinetic-Kanone saß. „Das sind Massoud und Yael Lansky mit ihrer Nasreddin“, setzte Sampson seine Präsentation fort. „Vielleicht sagen dir diese Namen nichts mehr, aber sie haben dir und deiner Matratze nicht vergessen, daß sie wegen euch nach Astroel fliehen mußten, nachdem ihre Online-Plattform Slave Slut Source aufgeflogen ist. Ihren Raumer habe übrigens ich ihnen auf dem Schwarzmarkt vermittelt.“ Die Kamera zoomte auf eine weitere Raumyacht jenseits der Nasreddin, einen länglichen Diskus mit abgerundeten Kanten, der gerade einen Laser aus der höchsten Wölbung seiner Oberseite ausfuhr.

„Die 666 da drüben gehört Ralf Merrill, einst Mitglied des Hellfire Club und der Innenkommission der Föderation, wie du vielleicht noch weißt.“ Sampson erschien wieder auf dem Bildschirm und schloß: „Es hätte noch mehr gegeben, die dich und deinen Vogel gern rupfen und braten würden, aber diese drei sind mir am geeignetsten erschienen, und noch mehr würden die Sache nur komplizieren.“

„Eine beeindruckende Schmetterlingssammlung“, antwortete Ron. „Amateure ohne engeren Zusammenhalt in zwei illegal bewaffneten Raumyachten und einem veralteten Kurierschiff aus dem Krieg.“

„Aus jedem Dorf einen Hund“, fügte Acey trocken hinzu und entlockte Ron und Catriona damit ein Schmunzeln. Ehe Sampson noch etwas sagen konnte, wandte Ron sich wieder an ihn: „Warum die anderen dabei sind, ist mir klar, aber was ist dein Motiv? Zuerst hatte ich vermutet, daß deine Begleiter dich als Safari-Führer engagiert hätten. Nach deinen Äußerungen habe ich jetzt aber den Eindruck, daß du der Kopf bei der Sache bist und die anderen nur deine Sidekicks und Verstärkungen sind, vielleicht sogar dein Kanonenfutter, wie ich dich kenne. So eng wird deine Freundschaft zur Winedark-Bande doch nicht gewesen sein?“ Er hoffte, daß die anderen seine Sendungen auffingen, die er mit ausreichendem Öffnungswinkel ausstrahlte.

„Es ist wegen Ndoni“, antwortete Sampson düster. „Sie war die einzige Frau, die mir jemals wirklich etwas bedeutet hat, als Person meine ich, nicht nur als Fickstute und Augenschmaus. Wie viel sie mir bedeutet hat, ist mir erst richtig klar geworden, nachdem du sie getötet hast. Jetzt werde ich dafür dich und die Frau töten, die dir viel bedeutet.“

Ron sah auf das taktische Display. Noch mindestens fünfunddreißig Minuten bis zum Beginn des Kampfes. „Du wirst uns töten?“ fragte er dann. „Nicht: ihr? Das läßt tief blicken, Elonard. Rechnest du damit, der Last Man Standing von euch zu sein, nachdem die anderen für deine Sache draufgegangen sind? Egal, jedenfalls hat Ndoni ihren Tod vielfach verdient, denn sie hat über viele Menschen schlimmeres Leid gebracht.“

Sampson schnaubte. „Was kümmern die mich? Die sind nicht ich, und ich kenne sie nicht einmal. Außer mir und Ndoni sind mir alle scheißegal.“

„Ganz wie du immer warst, Elonard. Du bleibst doch immer, was du bist. Aber beantworte mir eine letzte Frage: wie bist du darauf gekommen, uns gerade hier aufzulauern?“

„Ich habe einen der Wartungstechniker auf der Syrtis-Major-Basis bestochen. Der hat bei deinem Schrotthaufen immer die gesammelten Ansteuerungsbefehle für jedes Element in deinem Warpantrieb aus dem Wartungsprotokollcomputer ausgelesen und mir als Datenpakete übergeben. Ein unterbeschäftigtes Genie bei Galactronix hat mir ein Computerprogramm gebastelt, mit dem ich aus diesen Daten rekonstruieren konnte, wann dein Warpantrieb wie lange, wie schnell und in welcher Richtung geflogen ist. Ich wollte immer wissen, wo du dich herumtreibst, um irgendwelche Regelmäßigkeiten herauszufinden, die ich irgendwann nutzen könnte, um dir zu schaden oder meine Partner vor dir zu warnen. Seit ich dich so überwache, bist du dreimal nach Luhman 16B geflogen, hast dabei jedesmal zuerst einen anderen Abflugkurs vorgetäuscht, und dann hat deine Kiste sich zwei oder drei Monate lang hier nicht weggerührt. Weil ich nur Daten über den Warpbetrieb hatte, konnte ich nicht herausfinden, wohin genau du in diesem System geflogen bist, und ich bin auch nie schlau daraus geworden, was du hier immer treibst. Aber nachdem du Ende des vorigen Jahres wieder einmal für längere Zeit verschwunden und nicht dort aufgetaucht bist, wo dein Abflugkurs hindeutete, habe ich mir gedacht, ich leg‘ mich hier mit ein paar anderen auf die Lauer. Und jetzt sind der Fuchs und die Füchsin tatsächlich aus ihrem Loch gekommen.“

Ron wußte nun genug, und ihm war auch klar, daß Sampson und seine Begleiter auf keinen Fall lebend aus diesem System entkommen durften, denn sie oder irgendwelche anderen Schnüffler würden wiederkommen, und dann bestand Gefahr, daß früher oder später jemand das hier verborgene Geheimnis entdeckte. „Du bist ein Narr, Sampson“, sagte er, „und ihr anderen seid Narren, wenn ihr diesem Soziopathen vertraut. Er wird euch benutzen, und es ist ihm egal, wenn es euch das Leben kostet.“ Er brach die Verbindung ab, in der Hoffnung, mit seinen Bemerkungen ausreichend Mißtrauen bei Sampsons Komplizen erweckt zu haben.

Mittlerweile war schon erkennbar, wo ihr Kurs sich in flachem Winkel mit jenem der Angreifer schneiden würde, und Ron schickte ihnen die vorausfliegenden Robotjäger und Drohnen auf einer Flugbahn entgegen, auf der sie dreißigtausend Kilometer vor diesem Punkt auf sie treffen würden. Dann startete er auch seinen Raumgleiter und die restlichen beiden hinter diesem im Rumpfschacht hängenden Aufklärungsdrohnen und wies die drei Maschinen an, sich der ersten Welle anzuschließen. Während sie sich von ihrem Mutterschiff entfernten, starteten auch von der Snake Eyes deren zwei Robotjäger, aber sonst waren keine unbemannten Flugkörper wahrzunehmen. Ron wußte auch, warum: Sampson führte nie Aufklärungsdrohnen mit, weil sein protziger großer Raumgleiter den gesamten Platz im Rumpfschacht beanspruchte. Seinen eigenen Raumgleiter würde Ron ebenso wie die Drohnen und die Robotjäger opfern müssen, wenn sie eine reelle Chance haben sollten. Er konnte Ersatz beschaffen, wenn sie dies hier überstanden hatten. Falls sie es überstanden. Trotz seines Geredes wegen der Amateure und ihrer Raumyachten war ihm klar, daß es eng werden würde. Mit Acey gegen die Snake allein hatten sie eine etwas bessere Chance als 50:50, und auch wenn die anderen Raumkampflaien waren und relativ schwach bewaffnete Schiffe flogen, so stellten sie doch eine zusätzliche Feuerkraft und zusätzliche Ziele dar, die beschossen werden mußten. Außerdem konnten sie schwarz beschaffte Feuerleit- und Taktikprogramme auf ihren Schiffsgehirnen installiert haben. Wie weit seine Taktik mit den vorausgeschickten Flugkörpern erfolgreich sein würde, konnte jetzt nur unzureichend abgeschätzt werden. All diese Überlegungen behielt er für sich, denn es reichte schon, daß er sich in der halben Stunde bis zum Zusammentreffen schwere Sorgen machen mußte. Diese Nervenbelastung sollte nicht auch noch Catriona plagen.

Diese ahnte aber anscheinend dennoch etwas, nicht zuletzt, weil Ron sich so schweigsam mit Aceys Taktikdisplay befaßte. Sie sah ihn ernst an. „Ron… haben wir eine Chance?“

Er erwiderte ihren Blick. „Ja, wir haben eine. Wie gut sie ist, wird sich erst zeigen.“

Er konnte sie nicht so offensichtlich belügen; dazu war sie zu intelligent und konnte sich trotz ihrer rein zivilen Erfahrung zuviel in militärischen Raumfahrtdingen zusammenreimen. „Es kommt alles darauf an, wie lange unsere Flugkörper die Gegner zwingen können, ihr Feuer auf sie zu konzentrieren, während wir sie bereits beschießen. Wenn einige unserer Maschinen oder Stücke davon sie sogar treffen – umso besser. Aber bei diesen Entfernungen und Relativgeschwindigkeiten können glückliche oder unglückliche Zufälle auch viel ausmachen. Das komplexe Magnetfeld von Luhman 16B zum Beispiel reicht noch weit über die Kampfzone hinaus und kann Teilchenstrahlen in schwer vorhersehbarer Weise streuen und ablenken. Ich setze jetzt eine Relaisdrohne aus, die unsere Lasercom-Verbindung über die Karrangk-Basis zu Lyssie aufrechterhalten wird.“

Er tat es, und die kleine Maschine beschleunigte quer zu ihrem Kurs nach links, damit die Lasercom-Sendungen im Knick um die überlebenden Gegner herum verlaufen und von diesen nicht aufgefangen werden konnten, wenn sie nach dem Kampf rechts hinter der Ace of Swords abbremsten. Als die Verbindung stand, informierte Ron die Lysithea über den Stand der Dinge und ihre wahrscheinlichen weiteren Absichten und wies sie an, mit dem Start mindestens so lange zu warten, bis der Ausgang des Kampfes feststand.

Eine Viertelstunde später kamen die mit Maximalschub herangeflogenen Robotjäger der Snake Eyes in Kampfdistanz zu jenen der Ace of Swords, hinter die sich die Drohnen und der Raumgleiter auf Rons Anweisung um zehntausend Kilometer zurückfallen lassen hatten. Zuerst wurden Laserschüsse ausgetauscht, die zunächst nur eine gegenseitige Aufheizung der Außenhüllen bewirkten, weil die Strahlen auf diese Entfernung nicht auf enge Brennflecken fokussiert werden konnten. Dann kamen auch die Kinetics zum Einsatz, und hier erzielten Rons Jäger die ersten Treffer. Im Gegensatz zu Sampson, der dazu immer zu nachlässig gewesen war, hatte er Knight und Queen Übungskämpfe gegeneinander ausführen lassen und ihre KIs damit auf die Bekämpfung von Gegnern trainiert, die dieselben Leistungsmerkmale und Verhaltensweisen aufwiesen wie sie selbst. Dies verschaffte ihnen eine Überlegenheit, durch die sie jetzt die Oberhand gewannen. Zusätzlich griff bald auch die Ace of Swords mit ihren Lasern und Teilchenstrahlern ein und nahm damit auch die Gelegenheit wahr, die Auswirkungen des Magnetfelds in diesem Raumgebiet auf die Ionenschüsse zu vermessen.

Fünfzig Sekunden nach Kampfbeginn rasten Sampsons Robotjäger durch Rons Flugkörperformation, und auch wenn sie bereits schwer beschädigt waren, beschleunigten sie immer noch und steuerten unter ständigen Ausweichschlenkern auf die Ace of Swords zu, die nun ihrerseits mit Ausweichbewegungen und ruppigen Beschleunigungswechseln begann. Bordjäger dieses Typs waren zähe Biester: sie waren gepanzert, ihr Konverter saß zentral im hinteren Rumpf, und die vielen MET-Antriebselemente waren nach demselben Redundanzprinzip über die Struktur verteilt eingebaut wie die vernetzten Prozessoren und Speicherelemente ihres KI-Gehirns im Inneren ihres Körpers. Als rotglühende Wracks flogen sie heran, das Wasser, das sie für keinen Rückflug mehr brauchen würden, schoß als Verlustkühlmittel aus ihren Heckdüsen, und Ron und Acey blieb keine Minute mehr, um die Gefahr abzuwehren.

Rons Jäger hatten gewendet und schossen entgegen ihrer Flugrichtung den Angreifern hinterher. Acey setzte alle ihre Waffen gegen einen davon ein, der zwar nicht mehr schoß, aber antriebsmäßig noch in besserem Zustand war als sein Zwilling, der Aceys Ausweichbewegungen nicht mehr schnell genug folgen und sie deshalb nicht mehr rammen konnte. Die Maschine erlag der konzentrierten Waffenwirkung nach kurzer Zeit und raste als halb geschmolzener Klumpen vorbei, dem ein Schwarm herausgerissener Trümmer folgte. Ihre Selbstzerstörungsbombe zündete dabei nicht; offenbar war deren Steuerung durch den Beschuß von hinten zerstört worden.

Währenddessen begann jedoch der andere Angreifer mit seiner Kinetic-Kanone zu schießen. Entweder war er zuvor nur überhitzt gewesen, und die Beschußpause während der Wende von Rons Jägern hatte ihn so weit abkühlen lassen, daß er diese Waffe wieder einsetzen konnte, oder er hatte mit der Antriebsschwäche und der Feuereinstellung Harmlosigkeit vorgetäuscht, um unbehelligt näherkommen zu können, während sein Kamerad sich im Abwehrfeuer opferte. Bereits wieder unter den Laserblitzen von Knight und Queen aufglühend, drehte er sich immer mehr quer zu seiner Flugrichtung und ließ eine Salve von Kinetic-Geschossen los. Es knallte mehrmals laut in verschiedenen Teilen des Schiffes, aber nirgends bedrohlich nahe am Besatzungsteil; dann wurde der Robotjäger von konzentrierten Kinetic-Garben seines Gegnerpaares zerrissen.

„Acey, wie schwer bist du beschädigt?“ fragte Ron sofort.

„Nicht kritisch“, antwortete das Schiff. „Strukturschäden an sieben Stellen, sechs MET-Antriebsgruppen ausgefallen. Schubeinbuße nicht relevant, weil ich ohnehin bisher nicht mit voller Leistung geflogen bin. Kleinere Systembaugruppen an drei Stellen zerstört, sieben Treffer im Warpantrieb: vier im Hauptgenerator, einer im rechten Buglappen und zwei im linken Flügelgenerator. Maximales Warptempo auf siebzig Prozent verringert; kritisch ist der Schaden vorne, der die Blasensymmetrie stark beeinträchtigt. Autorep-Maßnahmen eingeleitet, Statusberichte folgen nach Fortgang der Arbeiten.“

„Gut.“ Ron fragte noch den Status seiner Robotjäger ab. Diese hatten leichte Schäden erlitten, ihre Antriebsleistung war um etwa ein Viertel verringert, und die Waffen und die meisten Sensoren funktionierten noch. Die Drohnen und der Gleiter waren unbeschädigt. Unter Wiedereinnahme der vorherigen Positionen zueinander und Korrektur der entstandenen Kursabweichungen setzte die Formation den Flug wie zuvor fort.

Nach einer weiteren Viertelstunde war die Entfernung zwischen dem Flugkörperschwarm und den Gegnern, die inzwischen eine quadratische Formation eingenommen hatten, auf dreißigtausend Kilometer geschrumpft, und Sampson und seine Begleiter begannen mit dem Abwehrfeuer. Dabei wurden sie davon überrascht, daß Knight und Queen bereits seit einer knappen Minute mit ihren Kinetics schossen und die Eisenklümpchen sie ab diesen Sekunden schon trafen, noch ehe sie mit Ausweichmanövern begonnen hatten. Eine weitere Überraschung war, daß die noch sechzigtausend Kilometer entfernte Ace of Swords ebenfalls schon ihre Teilchenkanonen einsetzte. Deren Strahlen wurden zwar auf diese Distanz wegen des Magnetfelds der Minisonne auf etwa fünfzehn Meter Durchmesser gestreut, aber weil beim vorherigen Einsatz dieser Waffen die Strahlablenkung im örtlichen Magnetfeld vermessen worden war, konnte Aceys Feuerleitsektion nun den Zielausgleich genau berechnen und traf den Warpantriebspilz über dem Heck der Snake Eyes mit der ersten Salve. Sampson nahm den Bug seines Schiffes hoch, um sich damit vor dem nächsten Feuerstoß zu schützen, der wahrscheinlich tiefer treffen und ihn mit der Bremsstrahlung der eindringenden Quecksilberionen schädigen würde, dann ließ er sich hinter die Nasreddin zurückfallen und ging hinter ihr in Deckung. Während seine Laser und Kinetics weiterhin die anfliegenden Maschinen beschossen – die Backbordwaffen über die Nasreddin hinweg, die Steuerbordwaffen unter deren Hitzeschild hindurch – konnte er seine Teilchenstrahler in dieser Position nicht einsetzen.

Knight und Queen hielten sich mehr nach links und konzentrierten ihr Feuer auf die Highball und die 666, während die vier Feindschiffe ihre Waffenwirkung auf sie, die Drohnen und den Raumgleiter aufteilen mußten. Ron nahm mit den Teilchenstrahlern und den Lasern die Nasreddin frontal unter Beschuß und ließ seine Kinetic-Kanonen glühendes Eisen in ihre Richtung spucken, um damit auch die Snake Eyes hinter ihr in Deckung zu zwingen. Nach vier Ionensalven, die sie inzwischen deckend trafen, brach die Nasreddin nach links aus, bot Ron damit ihre rechte Seite dar und wurde noch schwerer getroffen. Ihre Beschleunigung hörte auf, und sie trieb seitlich ab, womit Sampson zur Schubwegnahme und Kursanpassung gezwungen wurde, wenn er hinter seinem Schutzschild bleiben wollte. Sekunden danach wurde die Ace of Swords von einer Anzahl schwerer Explosionen erschüttert; anscheinend hatte die Nasreddin zuletzt noch etliche Kinetics in ihre Richtung abgefeuert.

Die vier Drohnen zogen mit Vollschub vor den anderen Maschinen davon, um das Abwehrfeuer von den Robotjägern ablenken, die ständige Zielwechsel vornahmen, so wie es sich bei ihren Manövern ergab. Zwei Drohnen waren auf die Raumyachten angesetzt, die anderen beiden auf die Snake Eyes. Dem Raumgleiter, der bereits am stärksten geschädigt war, wies Ron die Nasreddin als Ziel zu. Alle sieben Flugkörper rasten trotz immer schwererer Schäden unter wilden Ausweichmanövern auf ihre Ziele zu und ließen ihren Treibstoff zur Kühlung und als zusätzliche Rückstoßmasse verdampfen. Eine Drohne meldete Manövrierunfähigkeit und sprengte sich mit ihrer Selbstzerstörungsladung, um mit ihrer Trümmerwolke vielleicht noch Schäden zu bewirken. Noch ehe der Abstand auf zehntausend Kilometer gesunken war, verlor Yoram Gelbfisz die Nerven und manövrierte sich nach Sampsons Vorbild hinter Ralf Merrills 666, die ihrerseits wegzukurven versuchte. Ron feuerte mit den Lasern und Teilchenstrahlern auf die Highball, während seine Kinetics ihr Sperrfeuer an der Nasreddin vorbei in die Richtung der Snake Eyes fortsetzten. Zwei weitere Drohnen explodierten, und Knight wurde von einem Kinetic der Snake Eyes getroffen, das ihn zentral durchschlug und seinen Konverter zerstörte. Antriebslos, nur noch vom intakten Rest seiner Energiespeicher betrieben, drehte er sich auf seiner Flugbahn zur Snake Eyes hin und beschoß sie mit Kinetics, bis ein weiterer Treffer ihn ganz außer Gefecht setzte und zur Selbstzerstörung veranlaßte.

Gleich darauf traf die letzte Drohne die 666 frontal und ließ sie mit ihrer Aufprallenergie von etwa hundert Kilotonnen in einem Feuerball verglühen, dessen Röntgenblitz den drei Kilometer dahinter befindlichen Gelbfisz in seiner Highball endgültig erledigte, nachdem bereits Rons Partikelstrahlen ihn und sein Schiff schwer geschädigt hatten.

Als nächstes Kollisionsopfer wurde die Nasreddin vom Raumgleiter durchschlagen, der mit seiner größeren Masse eine noch stärkere Explosion erzeugte. Deren Röntgenpuls genügte zwar nicht, um Sampson in seinem gepanzerten Kontrollraum außer Gefecht zu setzen, jedoch ließ er alle Kamerachips seines Schiffes ausfallen. In den Sekunden, während diese automatisch ausgetauscht wurden, schoß Queen durch die Plasmawolke der Explosion, die sie vorübergehend vor Sampsons Radar verbarg, ihre feuernde Kinetic-Kanone bereits auf die Snake Eyes ausgerichtet. Ihr Manöverspielraum reichte nicht mehr für direktes Rammen, daher sprengte sie sich an dem Punkt, wo ein Teil ihrer Trümmer das Zielschiff noch erreichen konnte.

Ron und Catriona registrierten eine Anzahl von Einschlägen auf der Snake Eyes und der steuerlos treibenden Highball, die von den explodierten Maschinen stammten und sich durch kleine Blitze verrieten. Von ihren eigenen Lasern waren fünf zerstört, und Aceys linker Teilchenstrahler war ausgefallen. Sie hatten die Beschleunigung mittels Wassereinspritzung in die Düsen auf neun g erhöht und würden den Kursschnittpunkt etwas früher passieren. Sampson verhielt sich seltsam passiv, beschleunigte kaum und schien auch wenig zu manövrieren. Als Ron ihn mit seinem verbliebenen Teilchenstrahler beschoß, zog er sich lahm hinter das Wrack der Highball zurück und erwiderte den Beschuß auf dem Weg dorthin mit seinen eigenen Ionenwaffen, traf dabei jedoch nur einmal Aceys linken Außenflügel, da sein Feuerleitsystem die Ablenkungen durch das Magnetfeld noch zu wenig einkalkulieren konnte.

Knapp vierzig Sekunden später passierten die beiden Schiffe einander in einem Mindestabstand von dreihundert Kilometern und entfernten sich mit vierhundertsiebzig Kilometern pro Sekunde wieder voneinander. Nach der Passage ließ Sampson sein Heck hinter der Highball hervorschauen und setzte seine Heckwaffen – eine bewegliche Kinetic-Kanone und fünf konzentrisch darum angeordnete Laser – gegen Acey ein, die mit ihrer eigenen Heckbatterie antwortete und auf Rons Anweisung vorsorglich mit Ausweichbewegungen begonnen hatte. Trotzdem wurde sie wieder etliche Male getroffen, erwischte aber auch ihre Gegnerin, die aus irgendeinem Grund in ihren Manövern eingeschränkt war und sich wieder hinter dem Wrack verbarg, über dessen breite Heckbasis nur ihre Flügel hinausragten. Kurz darauf war die Entfernung für eine Fortsetzung des Kampfes zu groß geworden.

Die Ace of Swords hatte die Beschleunigung auf sechs g verringert, weil die MET-Antriebsanlage wegen der Kampfschäden nur noch sechseinhalb g schaffte. Sie flog wieder mit der Oberseite voran, sodaß Catriona sich bei einer senkrecht zum Deck wirkenden Schwere von einem g erholen konnte. Eine weitere Überprüfung der Schäden ergab, daß die MET-Anlage in einer Stunde mittels der Selbstreparatureinrichtungen auf sieben g gebracht werden konnte und in drei bis vier Stunden vielleicht wieder zehn hergeben würde. Das Lebenserhaltungssystem war um ein Drittel leistungsvermindert, was aber nicht ins Gewicht fiel, weil sie ohnehin nur zu zweit in einem Schiff waren, das zehn Personen befördern konnte. Daneben gab es noch diverse Schäden, die teils repariert werden und teils bis zum nächsten Werftaufenthalt warten konnten. Das Schlimmste jedoch war, daß der Warpantrieb schwer beschädigt war und selbst nach den mit Bordmitteln möglichen Reparaturen nur für siebenundneunzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit gut sein würde. Dadurch war ein Verlassen des Systems mit der Ace of Swords ausgeschlossen.

„Was machen wir jetzt?“ fragte Catriona. „Können wir an Sampson vorbei mit der Lysithea zusammenkommen?“

„Leider nicht. Er ist jetzt zwischen uns und Karrangk und bremst mit knapp vier g. Wir wissen nicht, warum er so antriebsschwach ist und wieviel davon in relevanter Zeit repariert sein wird. Wenn er merkt, daß wir bremsen, wartet er entweder auf uns, oder er kapiert, daß wir nach Karrangk zurückwollen, und setzt seinen Flug dorthin fort, um uns abzupassen. Mit unserer eingeschränkten Feuerkraft hätten wir zu schlechte Chancen gegen ihn.“

„Und daß die Lysithea selbständig startet und sich irgendwo weiter draußen mit uns trifft, ist wohl auch keine Option?“

„Genau. Außerdem würde Elonard dann noch mehr darauf aufmerksam gemacht, daß es mit Karrangk etwas Besonderes auf sich hat, wenn von dort wieder ein Schiff von uns startet, und er würde diese Erkenntnis in die Außenwelt mitnehmen. Das Teilwissen, das er jetzt hat, ist schon zuviel, um ihn damit davonkommen zu lassen. Aus diesem Grund müssen wir ihn ausschalten, ehe wir dieses System verlassen können. Ich habe dafür auch schon einen Alternativplan.“

„Ich höre.“

„Wir fliegen weiter wie geplant zur gravitativen Neutralzone zwischen den Sonnen, setzen dort aber den Flug in Sublicht zur Hauptsonne fort. Dort bremsen wir in die Umlaufbahn des innersten Planeten und gehen in dessen Schatten in Schwebe. Sampson wird uns bis dahin schon verfolgen. Wenn er nahe genug heran ist, steuern wir die Lwaong-Basis an, von der ich dir erzählt habe. Die ist in der Nähe des Südpols in einem Lavatunnel angelegt, und mit den Autorisierungscodes für die Wurmlochkette können wir uns dort als Berechtigte anmelden. Sampson wird glauben, wir wollten bloß in dem Lavatunnel Zuflucht vor ihm suchen. Wenn er auf uns schießt und wir zurückfeuern, wird die KI der Basis ihn als Feind einstufen und mit ihren getarnten Waffen vernichten. Dann holt Lyssie uns ab, während Acey zur Karrangk-Basis fliegt und dort wartet, bis wir mit Reparaturmaterial zurückkehren.“

„Der Plan gibt mir wieder Hoffnung. Irgendwie erinnert mich der Schluß an die kavalarischen Duellregeln in George R. R. Martins Die Flamme erlischt: mindestens einen Schlag hinnehmen und einen austeilen, dann kann man das Todesquadrat verlassen.“

„Ein guter Vergleich; darauf wäre ich nicht gekommen.“

„Wie heißt dieser Planet eigentlich?“

„Der hat einen Namen, der wieder eine dieser unaussprechlichen lwaongischen Lautkombinationen enthält; ich nenne ihn Feuerwacht, das ist die ungefähre Übersetzung. Jetzt gebe ich Lyssie erstmal die neuen Anweisungen.“

* * *

Elonard Sampson fluchte wieder, als er die Reparaturprognosen und die darauf beruhenden Zeiten für eine anschließende Verfolgungsjagd sah. Sein Schiff hatte beim Kampf mit Bruggers Maschinen und bei der Schiff-Schiff-Begegnung danach eine Anzahl von Schäden erlitten: MET-Antriebe und diverse Subsysteme waren ausgefallen, vor allem steuerbords; einer der Hauptkonverter war zerstört, ebenso sechs Laser, ein Energieverteiler ausgebrannt, Leitungen unterbrochen. Die Warpanlage war an etlichen Stellen getroffen worden und würde auch nach Ausführung der möglichen Reparaturen nur noch die Hälfte der normalen Warpfahrt schaffen. Am gravierendsten war der Treffer eines Bruchstücks der angreifenden Flugkörper, das den rechten Träger des Warpfeld-Hauptgenerators gestreift und dessen lasttragende Außenseite fast ganz durchtrennt hatte. Auch einige der darin verlaufenden Leitungen waren unterbrochen worden. Dieser Schaden hatte Sampson gezwungen, den Schub stark zu verringern und vor allem auf heftige Ausweichmanöver mit ihren Lastwechseln zu verzichten, damit ihm der Antriebspilz nicht ganz wegbrach. Zwar waren darin zwei Konverter und etliche MET-Antriebe eingebaut, aber selbst damit mußte er die Verzögerung bei der jetzt gefundenen günstigsten Belastungsrichtung auf fünf g begrenzen, bis die Reparaturroboter die Trägerflosse provisorisch zusammengeflickt hatten. Danach konnte er wieder mit zwölf g bremsen, und wenn er seinen Raumgleiter aussetzte und zusätzlich Wasser in die Düsen einspritzte, waren dreizehn g möglich, von denen er sieben ertragen mußte. Falls er das eine halbe Stunde lang durchhalten konnte, hätte er bis dahin sein gesamtes Tempo abgebaut und könnte Brugger hinterherbeschleunigen, der bis dahin schon über eine Million Kilometer entfernt und relativ zu ihm fast vierhundert Kilometer pro Sekunde schnell sein würde. Zwei Stunden später wäre der Scheißkerl schon weit genug vom Braunen Zwerg entfernt, um in den Sublichtwarp gehen zu können, und Sampson würde erst zwanzig Minuten danach soweit sein. Dann hätte er kaum noch eine Viertelstunde Zeit, um Brugger zu erwischen, ehe er auf Überlicht ging und unortbar aus dem System verschwand. Verdammt! Er mußte sich weitere Möglichkeiten ausdenken.

Er selbst war aus dem Kampf ebenfalls nicht ganz unbeschadet hervorgegangen. Die erste Ionensalve, die seinen Warpgenerator getroffen hatte, war so knapp über seine Steuerkanzel hinweggegangen, daß dünne Ausläufer davon auch sie erwischt und ein wenig Bremsstrahlung und Teilchenschauer in ihr Inneres geschickt hatten. Von den Teilchenpulsen beim letzten Schußwechsel hatte Sampson ebenfalls ein wenig abbekommen, aber insgesamt war er nur einer Belastung von etwa einem Drittel Gray ausgesetzt gewesen. Sicherheitshalber würde er Medikamente gegen die Auswirkungen nehmen, aber selbst ohne diese würde er keine bleibenden Folgen davontragen, und auf Pavonia konnte er sich untersuchen und behandeln lassen. Nun ja, first things first – als erstes mußte er seinen Gleiter aussetzen und für eine Parkbahn um Luhman 16B programmieren. Er konnte ihn später wieder aufnehmen, wenn er Brugger erledigt hatte.

* * *

Drei Stunden nach dem Gefecht saßen Ron und Catriona im Wohnbereich am Tisch und nahmen ihr Mittagessen ein. Kurz zuvor war das Schiff in den Sublichtwarp gegangen und flog nun mit sechs Prozent der Lichtgeschwindigkeit. Im Laufe der nächsten halben Stunde würde es sich auf fünfundneunzig Prozent steigern, ehe es wegen der weiteren Annäherung an Luhman 16A allmählich wieder auf drei Prozent heruntergehen und den Warpantrieb dann abschalten mußte. Die Snake Eyes hatte zwar mehrmals Spurts eingelegt und dadurch schneller als erwartet aufgeholt, aber es würde noch etwa eine Viertelstunde dauern, bis sie sich so weit von Luhman 16B entfernt hatte, daß ein sicherer Betrieb ihres Warpantriebs gewährleistet war. Im Warpflug konnte Sampson sie nicht mehr einholen, aber Ron war dennoch besorgt, weil der Vorsprung davor auf zwei Millionen Kilometer geschrumpft war und die Verfolgung mit demselben Abstand weitergehen würde, wenn beide Schiffe wieder aus dem Warp waren. Sampson würde dann mit seinem höheren g-Potential länger mit dem Anbremsen von Luhman 16A warten können und gefährlich aufholen. Sie mußten im Warp so lange weiterfliegen, bis die Blase wegen der Raumkrümmung zusammenbrach, und dann noch zwanzig Minuten Schub geben, ehe sie mit dem Bremsen begannen. Dabei würden sie an Cats Belastungsgrenze gehen müssen, damit Sampson nicht vor Erreichen von Feuerwacht auf Schußdistanz herankam.

* * *

Im Kontrollraum der Snake Eyes war Elonard Sampson der Verzweiflung nahe. Sechs Minuten zuvor war er auf Sublicht gegangen, früher als nach den technischen Vorgaben zulässig, aber er hatte es riskiert. Beinahe wäre ihm die Warpblase wieder kollabiert, und die Antriebsregelung hatte sie gerade noch stabilisieren können. Jetzt war die Raumgeometrie um ihn wieder glatter, und er ließ sein Schiff an die Grenze des gerade noch Beherrschbaren gehen. Dennoch schien es ausgeschlossen, daß er Bruggers Vogel rechtzeitig schnappen konnte. In etwa zwölf Minuten würde er weg sein, und alles, was er seit dem Kampf auf sich genommen hatte, wäre dann umsonst gewesen. Dabei hatte es gut begonnen, indem die Trägerreparatur um einige Minuten früher als erwartet beendet gewesen war. Dann hatte er unter Verwendung einer Sauerstoffmaske und einer Infusion eines Medikamentencocktails die Verzögerung bis nahe an den Blackout gesteigert, und das Schiff hatte gemäß seiner Anweisung die g-Werte in einem Bereich gehalten, der noch keine bleibenden Gesundheitsschäden bewirken würde. Während der Aufholjagd hatte es die Beschleunigung in regelmäßigen Abständen so weit verringert, daß sein Bewußtsein wieder etwas klarer wurde, ehe es erneut auf Maximum ging. Erst zehn Minuten vor der geplanten Aktivierung des Warpantriebs war es auf elf g zurückgegangen, und nun litt Sampson unter den Nachwirkungen dieses Gewaltritts und mußte verkraften, daß die Ace of Swords wahrscheinlich dennoch entwischen und Ndoni ungerächt bleiben würde.

Ndoni. Er sprach den Namen halblaut aus, wie eine Beschwörung. Er war von ihr fasziniert gewesen, hatte sie nicht nur sexuell begehrt, sondern auch geliebt, auch wenn sie oft gestritten und sich zerkracht hatten. Morris Wiener in ihrem Beisein als Judenkröte oder Captain Kike zu bezeichnen, war zum Beispiel ein sicheres Mittel gewesen, sie wütend zu machen, und Sampsons Eifersucht war dadurch noch mehr befeuert worden. Ndonis höherer Status im Piratenmilieu und Wieners größerer Reichtum hatten ihm ein Gefühl der Zweitklassigkeit verschafft, und er war deshalb stets bestrebt gewesen, sie zu beeindrucken und Wiener auszustechen. Manchmal hatte er geargwöhnt, daß sie beide ihn mit diesem Eifersuchtsdreieck manipulierten, und dann hatte er diesen Verdacht wieder verdrängt. Er hatte über Mordkomplotte gegen Wiener und Usurpationsversuche in Ndonis Bande nachgedacht, hatte sich ausgemalt, wie sie ihn dann als Alphamann verehren und als Zweite in der Rangordnung zu ihm aufschauen würde. Auch Versuche, von ihr loszukommen, hatte er unternommen. Dann hatte Brugger sie getötet, und all seine Ambitionen waren jetzt Asche. Seither war Sampson davon überzeugt, daß Ndoni die einzige für ihn gewesen wäre, daß sie in Wirklichkeit nur ihn geliebt hatte und die Affäre mit Wiener für sie nur ein Mittel gewesen war, ihn zu testen.

Nur noch zehn Minuten. Maden sollen deine Eier fressen, Brugger. Er begann ein Wagnis in Erwägung zu ziehen, das ihm als einziges Mittel noch zum Erfolg verhelfen konnte. Rasch führte er überschlägige Berechnungen durch und beauftragte dann das Schiffsgehirn mit der Ausarbeitung des Manövers.

* * *

Nach dem Essen hatte Ron sich wieder in seinen Kommandositz begeben, während Catriona die Toilette aufgesucht hatte. Voraus leuchtete das gelbe Scheibchen des Braunen Zwergs, nun schon fast doppelt so groß wie beim Start von Karrangk. Ron dachte daran, daß selbst im Zeitalter der interstellaren Raumfahrt immer noch viele Laien eine falsche Vorstellung von Braunen Zwergen hatten und wegen der Bezeichnung nicht ahnten, daß solche Himmelskörper auch rot und sogar gelb sein konnten. Immerhin war die Oberfläche von Luhman 16A so heiß wie der kühlere Teil einer Kerzenflamme und strahlte dasselbe gelbe Licht aus. Naja, dachte er, wenigstens glaubt niemand mehr an die Hohlwelt oder die Flache Erde

„Ron, die Snake Eyes ist gerade verschwunden“, riß Acey ihn aus seinen Gedanken. „Sie hat kurz zuvor auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und war dann unsichtbar.“

„Ich hab’s ja gesagt, Elonard ist ein Narr,“ brummte Ron. „Hoffentlich taucht er in einem Planeten wieder auf, oder in den Außenschichten von 16A.“ Plötzlich fiel ihm etwas ein. „Verdammt, wenn wir das jetzt wahrnehmen, dann ist das schon vor Minuten passiert! Selbst mit nur wenig Überlicht kann er jeden Moment hier sein!“ Noch während er sprach, knallten die Front- und Seitensichtschirme hoch und deckten die transparenten Kanzelflächen ab, und Acey versetzte die Waffen, Schadenskontrolleinrichtungen und MET-Antriebe in Bereitschaft. „Cat, schnall‘ dich fest“, rief Ron über die Sprechanlage, „und bleib‘ vorerst im Klo! Sampson wird gleich hier sein.“

Sampson? Wie gibt’s das, wenn…“

„Er ist vor Minuten auf Überlicht gesprungen!“

„Der Wahnsinnige! Ich komm‘ rauf.“

„NEIN! Schnall‘ dich auf dem Topf fest, für so eine Situation gibt’s dort die Gurte.“

Sekunden später brach Aceys Warp-Blase nach einem lauten Alarmton zusammen, und ihre Antriebsgeneratoren begannen durch den Energierückschlag stumpfrot zu glühen. Knapp zweieinhalbtausend Kilometer rechts hinter ihnen war die Snake Eyes aus dem Warp gefallen und flog mit einem Überschußtempo von zweihundertachtzig Kilometern pro Sekunde in spitzem Winkel zu ihrem Kurs heran. Ihre Warpgeneratoren leuchteten gelb und heizten sich schnell noch weiter auf, während sie sich auf die Ace of Swords eindrehte, von der sie bereits mit den beweglichen Heckwaffen beschossen wurde. Die erste Teilchenstrahlsalve ging zwischen Aceys rechter Antriebsgondel und dem Rumpf über den Flügel hinweg, von der zweiten fuhr der linke Strahl schräg unter dem Heckpilz hindurch ins Leere, während der rechte, nur noch zehn Zentimeter dick, die Kontrollraumkanzel rechts streifte und Material von einem schmalen Streifen ihrer Außenseite verdampfte. Drei Sekunden danach raste Sampsons Schiff hinter seinem Gegner vorbei und verschwand rasch aus dem Wirkungskegel von dessen Heckwaffen.

Ron hatte während des Knalls von dem Ionentreffer kurz Hitze in seinem Körper verspürt, und gleichzeitig waren Sternschnuppenschauer durch seine Augen geschossen. Der rechte Seitenbildschirm war ausgefallen. Im ersten Schock bekam Ron kaum mit, wie das Feindschiff vorbeischoß und Acey ihm mit ihren verbliebenen Lasern hinterherblitzte, während sie sich auf es eindrehte, um auch ihre anderen Waffen einsetzen zu können. Die Kinetic-Kanonen begannen als Nächstes zu rattern, und dann feuerte auch der rechte Teilchenstrahler. Die Snake Eyes entfernte sich mit immer noch weißgelb glühenden Warpantriebsteilen und verschiedene Dämpfe verströmend, ohne mit ihren Heckwaffen zurückzuschießen. Erst als Acey zwei Minuten später ihr Feuer einstellte, begann Ron sich der Bedeutung der Wahrnehmungen von vorhin voll bewußt zu werden.

„Acey, wie schlimm ist es?“

„Zu schlimm. Schau.“ Auf dem zentralen Hilfsbildschirm erschienen Darstellungen.

Ron atmete tief ein. „Und Cat?“ fragte er, die Luft wieder auslassend.

„Zu ihr ist nichts hinuntergedrungen.“

„Wenigstens etwas. Jetzt müssen wir für ihr Entkommen planen. Geh einstweilen wieder auf Maximum Warp und setze eine zweite Relaisdrohne aus. Und informiere Lyssie über die neue Situation. Was macht die Snake?“

„Die fliegt antriebslos weiter und ist mit Hitzeabstrahlen beschäftigt.“

Als Catriona kurz darauf in der Niedergangsöffnung erschien, erkannte sie an Rons Blick sofort, daß etwas nicht stimmte. Dann fiel ihr auch die Infusionsnadel in seinem rechten Arm auf. „Ron… was ist los?“

„Dieser Bums am Anfang… das war ein Partikelstreifschuß hier an der Außenseite.“ Er klopfte an die Außenwand zu seiner Rechten.

„Und das heißt…?“

„Bremsstrahlung. Röntgen und Teilchenkaskaden. Ich werd’s nicht überleben. Bis wir auf der Erde sein könnten, wäre es schon zu spät für eine rettende Behandlung. Mit mir ist es aus.“ Seine Stimme war tonlos, und sein Gesicht grau. „Die in den Sitz integrierte Notfallmedikationsanlage kann mich nur noch für fünf bis sechs Stunden handlungsfähig und ohne allzu schlimme Symptome halten, ehe es mir dann noch schlechter geht.“

Catriona war inzwischen ganz heraufgekommen und kraftlos in ihren Sitz gesunken. Sie rang nach Worten. „Ist das sicher?“

„Ja. Acey hat die Strahlendosis gemessen und den weiteren Verlauf aufgrund von Erfahrungswerten prognostiziert. Keine Chance. Du bist zum Glück nicht betroffen, und jetzt müssen wir dafür sorgen, daß wenigstens du überlebst – mit unserem Kind.“

Ihre Augen wurden naß, und ihre Lippen bebten. Als Raumfahrtpraktikerin war sie realistisch genug, um sich nicht an falsche Hoffnungen zu klammern, aber dennoch… „Ich kann’s einfach nicht fassen“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme und schniefte, „unser Glück hat nicht einmal ein Jahr gedauert, und jetzt… ist es aus, für immer aus, einfach so!“ Von Schluchzen geschüttelt stand sie auf und warf sich über ihn, schlang ihre Hände um seine Schultern und weinte bitterlich.

Ron spürte ihr weiches, duftendes Haar an seiner Wange und einen Schmerz in seiner Brust, der nicht nur von den Strahlenschäden kam. Ihre Tränen vermischten sich mit seinen, während sie einander küßten. Eine Weile konnte er selbst nicht sprechen, dann sagte er: „Dafür wird das Glück unseres Kindes hoffentlich viele Jahre dauern, und das Glück der anderen Kinder, die du hoffentlich noch haben wirst. Und aller Kinder, die von ihnen abstammen werden.“ Diese Zukunftsvision half ihm, sich von seinem Kummer abzulenken. „Von dir hängt jetzt alles ab, was wir gemeinsam erreichen wollten. Du muß das jetzt weitertragen.“ Er zog sie in eine sitzende Position quer auf seinem Schoß, legte seinen rechten Arm um ihre Taille, und sie legte ihren Arm um seinen Nacken. „Aber du mußt es nicht allein tragen“, fuhr er fort. „Nimm Kontakt mit Giulia und Gerald und Corwin auf, so wie wir es besprochen haben, und weihe sie ein. Zieh auch Nikos, Alcyone, Corlissa und Madoline hinzu. Sie werden dir wahrscheinlich helfen, und auf jeden Fall werden sie dich und unser Projekt nicht verraten. Setze alle meine Ressourcen dafür ein.“

„Das werde ich. Ich hoffe, daß ich die Kraft habe, um das alles durchzuziehen.“

„Du hast sie, da bin ich mir sicher. Und du hast die richtige Persönlichkeit, um daraus etwas Gutes werden zu lassen. Und die Hilfe von Freunden. Denk immer daran: auch wenn wir nicht hochgestellt und berühmt sind, so sind wir doch wie Gräser, die beim richtigen Wind ihre Samen weit werfen.“

„Das ist eine schöne Metapher. Ich werde sie weitergeben, zusammen mit allem, was du ermöglicht hast.“

„Und damit du das kannst, müssen wir dein Entkommen sicherstellen. Dazu fliegen wir vorerst weiter wie geplant bis querab von Luhman 16A. Dort steigst du in das Rettungsboot und fliegst damit in einer Übergangsbahn hinter Feuerwacht. Der Planet wird dann gerade jenseits der Sonne sein, und dort wartest du im Schatten, ob Sampson dir folgt. Falls er kommt, steuerst du die Basis an und lockst ihn dorthin, damit die Verteidigungsanlage ihn vernichtet. Sei aber dort, bevor er auf dich schießen kann, denn das Boot hält kaum Treffer aus. Ich habe die Autorisierungscodes schon in seinen Computer überspielt, und alles andere, was du noch brauchst. Zum Beispiel eine Dokumentation über die Ereignisse hier, und die Verfügungsberechtigungen über alles, was ich besitze. Wenn Sampson erledigt ist, wird die Lysithea kommen und dich abholen. Dann fliegst du nach Hause.“

„Und du?“

„Ich gehe nach der Abkoppelung in eine Flugbahn über, die so eng wie möglich um die Sonne herumführt, fliege Sampson dann entgegen und ramme ihn, nachdem ich ihn zuletzt mit den verbliebenen Waffen beschossen habe. Wahrscheinlich fliegt er mir sowieso auf der anderen Seite entgegen, um uns frontal abzufangen, und er wird nicht erwarten, daß ich schon so früh herum bin, weil er nicht weiß, daß ich mit den g-Werten keine Rücksicht mehr auf dich nehmen muß.“

Catriona war bei diesen Ausführungen erschrocken. Dann fiel ihr etwas ein. „Oh Ron, jetzt ist es also doch so gekommen wie an diesem Liedende, das ich vermeiden wollte: Wir beide müssen uns scheiden, ja Scheiden, das tut weh. Es ist fast, als hätte ich es beschworen, als ich es damals erwähnte.“

„Sei nicht abergläubisch, Catschy.“ Er zog sie an sich und küßte sie. „Geh‘ jetzt runter und räum‘ alles, was du mitnehmen willst, ins Boot. Ich kotze einstweilen ein bißchen, und dann verbringen wir die restliche Zeit, die uns noch bleibt, miteinander und reden über alles, was uns noch einfällt.“

* * *

Elonard Sampson begann wieder zu hoffen, daß er seine Rache doch noch verwirklichen konnte, nachdem zunächst alles schiefgegangen war. Er wußte immer noch nicht, woran genau es gelegen hatte – ob er bei seinem Überlichtsprung wegen der unkalkulierbaren Raumkrümmungen durch die vielen Körper in dem System so unerwartet nahe an die Ace of Swords herangekommen war, oder ob Letztere zu dem Zeitpunkt langsamer gewesen war, als er angenommen hatte. Jedenfalls war es zu einer Art Auffahrunfall gekommen, bei dem die beiden Warp-Blasen einander destabilisiert hatten und zusammengebrochen waren. Wegen der höheren Leistungsstufe hatte der Energierückschlag die Generatoren seines Warpantriebs viel stärker erhitzt, als es beim anderen Schiff der Fall gewesen war, und er hatte bei dem unerwartet knappen Zusammentreffen nur wenige Schüsse abgeben können und dann das Feuer einstellen müssen, um sein Kühlsystem nicht durch die zusätzliche Abwärme der Waffen zu überlasten. Dennoch hatte er große Mengen Wasser als Verlustkühlung verdampfen lassen müssen, um die gewaltige Hitze aus seinen Antrieben zu bekommen, ehe diese zu schwer geschädigt worden wären. Auch so hatten sie durch die Überhitzung und die zuletzt eingesteckten zusätzlichen Treffer so stark gelitten, daß der Weiterflug nach Pavonia eine sehr langwierige Sache sein würde.

Deshalb hatte er seine Jagd schon für gescheitert gehalten, aber dann hatte sich herausgestellt, daß Brugger nicht auf Überlicht ging, um das System zu verlassen, sondern auf Sublicht zum größeren der beiden Braunen Zwerge weiterflog. Warum er das tat, war rätselhaft, denn die Trefferbeobachtung von dem kurzen Kampf deutete nicht darauf hin, daß Sampson dabei eine so entscheidende Wirkung erzielt hätte. Inzwischen hatte die Ace of Swords ihren Warpantrieb bereits abgeschaltet und flog auf Luhman 16A zu, wobei vorerst unklar war, ob eine Bahnangleichung an den innersten Planeten beabsichtigt war, der sich gerade auf den sonnennächsten Punkt seiner stark elliptischen Bahn zubewegte. Die Warpanlage der Snake Eyes war jetzt ausreichend abgekühlt und im notwendigen Ausmaß repariert, und so nahm Sampson die Verfolgung wieder auf. Um den Rückstand aufzuholen, setzte er einen Kurs, der ihn auf der anderen Seite auf einer retrograden Bahn um die Minisonne führen würde, also von deren Nordpol aus gesehen im Uhrzeigersinn. Falls Brugger den Planeten ansteuerte, würde er ihn dadurch früher erreichen, und falls er auf der anderen Seite doch wieder ins äußere System hinausflog, konnte Sampson diesen Bogen auf gestreckterer Bahn abschneiden und schneller aufholen.

* * *

Die Ace of Swords näherte sich dem Punkt, wo ihre Flugbahn sich von jener des Rettungsbootes würde trennen müssen. Hundertsechzigtausend Kilometer backbord voraus glühte Luhman 16A, gelb und riesig, hundertmal so groß wie Sol von der Erde aus, und etwa vierzig Grad steuerbord voraus zog gerade Feuerwacht herein, seiner Periapsis entgegen. Die vergangenen drei Stunden hatten Catriona und Ron so gut es ging für ihr letztes bittersüßes Beisammensein genutzt. Sie hatten über Zukunftspläne für das Fand-Projekt gesprochen, über gemeinsame Erlebnisse, und einander aus ihrer Kindheit und Jugend erzählt, und Catriona hatte das gesamte Gespräch aufgezeichnet und vom Computer des Rettungsbootes speichern lassen. Sie hatten ihre gemeinsamen Lieblingslieder angehört, und in der halben Stunde Warpflug, als sie noch nicht von zweieinhalb g belastet wurden, hatte Catriona auch auf ihrer Laute gespielt. Das Singen hatte sie nach anfänglichen Versuchen aufgegeben, weil ihre Stimme zu sehr von ihrer Gemütsbewegung beeinträchtigt war. Ron war zwischendurch immer wieder von Übelkeitsanfällen geplagt worden, aber nachdem er gleich zu Anfang sein Mittagessen erbrochen hatte, war es nicht mehr ganz so schlimm, auch dank der Medikation. Nun kam der Moment des Abschieds, und beide waren vom Schmerz überwältigt. Dennoch durfte die Trennung nicht zu lange aufgeschoben werden, wenn Catriona das Bremsmanöver auf dem zweihundertsiebzigtausend Kilometer langen Annäherungsbogen mit einer noch riskierbaren Belastung von zwei bis zweieinhalb g schaffen sollte, denn das Rettungsboot besaß keine interne Gravoanlage. Ron verringerte die Bremsung soweit, daß Catriona unter etwas weniger als einem g in ihr kleines Raumfahrzeug hinuntersteigen konnte.

„So, du mußt jetzt gehen, Liebes“, sagte er dann.

„Ich kann nicht!“ schluchzte sie. „Ich kann dich doch nicht hier allein zurücklassen, während du…“

„Du mußt! Denk‘ daran, was jetzt alles von dir abhängt! Nicht nur dein Leben und das unseres Kindes, sondern auch alles, was aus unserem Projekt werden kann. Die gesamte unvorstellbar lange und immens reiche Zukunft, die wir uns für die weißen Völker ausgemalt haben, wird nur möglich sein, wenn du überlebst, und dafür ist es notwendig, daß wir in den nächsten Minuten abkoppeln. Bitte geh jetzt. Wir können nachher noch eine Weile über Lasercom miteinander reden, während du schon fliegst.“

Sie löste ihre Gurte, erhob sich aus dem Sitz und beugte sich über ihn, um ihn lange und intensiv zu küssen. „Ich werde dich nie vergessen, mein Geliebter.“

„Einerseits wünsche ich mir das. Aber andererseits wünsche ich mir auch, daß du genug Abstand gewinnst, um dir wieder einen Mann zu nehmen und von ihm noch viele weitere Kinder zu haben. Du bist zu gut, um nur einfache Mutter zu sein. Ich möchte, daß von dem, was du bist, möglichst viel in zukünftigen Generationen weiterlebt. Und ich wünsche dir, daß du irgendwann wieder glücklich wirst.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder glücklich zu sein. Aber unser Kind wird mein ganzer Sonnenschein sein.“

„Lebwohl, Catriona, meine schöne Sonnenfrau, meine Lady Sunshine, meine Morgenfee. Ich hätte so gern… noch eine Weile das Glück genossen, das ich mit dir endlich gefunden habe. Aber es hat eben nicht sein sollen… wie so vieles andere.“

„Das hätte ich dir auch gewünscht, Ronald, mein geliebter Mister Moon. Ich wäre so gern mit dir im Mondlicht durch die Winterwälder von Fand gewandert. Jetzt werde ich das allein tun und dabei an dich denken. Und nun muß ich wirklich gehen.“ Ein letzter langer Kuß unter Tränen, dann richtete sie sich auf und ging zum Niedergang. Sie war schon ein paar Stufen hinuntergestiegen, als ihr noch etwas einfiel.

„Wie soll ich unsere Tochter nennen?“ fragte sie.

„Richtig, das haben wir ja immer noch nicht entschieden. Hmmm…“

„Wie heißt eigentlich deine Ex-Chefin, deren Stimme du Acey gegeben hast?“

„Gudrun. Ja, nenne unser Mädchen Gudrun.“

Catriona warf ihm noch eine Kußhand zu, dann verschwand sie im Niedergang. Fast blind vor Tränen, wäre sie beinahe die steile Treppe hinuntergefallen, deshalb wischte sie sich erst die Augen, ehe sie den zweiten Niedergang zum Unterdeck hinunterstieg. Dort öffnete sie die innere Luke zum schrägen Zugangsschacht, kroch in das Rettungsboot hinunter und schnallte sich im linken der beiden Sitze fest. Die Systeme des Fahrzeugs einschließlich des Konverters katte Ron bereits vom Kontrollraum aus ferngestartet, daher ging der Sitz sogleich in die Andruckliegenposition und schmiegte seine formaktive Polsterung stützend um Catrionas Körper. Das Bildschirmpanel fuhr über ihr in ihr Blickfeld, und zwei Bildausschnitte zeigten ihre Hände auf den Kontrollen beiderseits der Liege. Sie aktivierte die Sprechverbindung.

„Ich bin drin und bereit, Ron.“

„Gut. Dann klink‘ dich jetzt aus.“

Sie zögerte. „Es fällt mir so schwer. Es ist so… endgültig.“

Im nächsten Moment hörte sie über sich ein Schnappen und Ploppen und spürte einen leichten Ruck. „Du fliegst schon, Catschy“, hörte sie übers Com. „Ich leite jetzt meine Tangierungskurve ein und ziehe kurzzeitig mehr g’s, um auszuprobieren, wieviel ich vertrage.“ Seine Stimme klang bereits deutlich gepreßt. „Danach können wir wieder miteinander reden, bis du hinter Feuerwacht verschwindest.“

In den folgenden zwanzig Minuten setzten sie ihr Gespräch fort, im verzweifelten Bewußtsein der nahenden endgültigen Trennung bemüht, noch Dinge zu finden, die sie einander unbedingt noch sagen wollten. Ron behielt die Anfluggeschwindigkeit von zweihundertzehn Kilometern pro Sekunde bei und kurvte auf seiner elliptischen Flugbahn immer näher an den gelben Glutball heran, dessen Oberfläche er sich auf weniger als zwanzigtausend Kilometer nähern würde. In diesem am stärksten gekrümmten Bahnabschnitt würde die Fliehkraft um neuneinhalb g stärker sein als die Schwerkraft der Sonne, wovon dreieinhalb unkompensiert blieben, was auch der Höchstwert war, den Ron in seinem Zustand sicher verkraften konnte. Währenddessen blieb Catriona immer weiter hinter ihm zurück und näherte sich ständig bremsend dem Orbit des fünftausend Kilometer großen Planeten, der in ihrem rechten Seitenbildschirm immer größer wurde.

Schließlich war es endgültig soweit. Catriona hatte Feuerwachts Bahn nach außen überquert, und der Planet schob sich als wachsende schwarze Scheibe immer mehr in die Sichtlinie zwischen den beiden Raumfahrzeugen. Sie hatten gerade einen Austausch darüber beendet, was sie aneinander schätzten, und Ron sagte: „Ich glaube, wir müssen jetzt Schluß machen, mein Herz. Wir brauchen gar nicht mehr nach neuen Themen zu suchen.“

„Ja, du hast recht, mein Geliebter. Es gäbe noch zu viel zu sagen, und alles wäre zu wenig. Nur eines noch: Wo immer du jetzt bald sein wirst… so hoffe ich, daß… es dir dort gut geht… und daß wir uns dort irgendwann wieder begegnen.“

„Danke, Catriona. Leb wohl, und viel Glück. Rette unsere Zukunft.“ Die letzten Worte waren bereits von Störgeräuschen überlagert, als der Laserstrahl durch die dünne Dunstschicht aus Material ging, das in der Gluthitze von der Planetenoberfläche verdampft war.

Die Verbindung war unterbrochen. Vor Catrionas Augen verschwamm das Bild der vor ihr anschwellenden schwarzen Kugel, hinter der Ron seinem Schicksal entgegenjagte. Als sie nun endgültig allein war, brach ihre Selbstbeherrschung zusammen, die sie bis dahin mühsam bewahrt hatte. Bitterlich weinend lag sie auf ihrer Andruckliege und ließ die Tränen aus ihren Augenwinkeln auf die Polsterung fließen. Währenddessen verfolgte ihr kleines Schiff unbeirrt seinen programmierten Kurs in den Schattenkegel des Planeten, denn es mußte sich und seine Insassin vor der Hitzeausstrahlung der brodelnden gelben Hölle darunter schützen und hatte einen zu begrenzten Wasservorrat für eine länger dauernde Verlustkühlung. Dabei befolgte es auch die Änderung, die Catriona unterwegs am Flugprogramm vorgenommen hatte: es bremste bei der weiteren Annäherung und während der Durchquerung des Schattens weniger als ursprünglich vorgesehen, sodaß es gerade rechtzeitig auf der anderen Seite wieder hinter dem Planeten hervorkommen würde, daß Catriona den Ausgang des Dramas mitverfolgen konnte. Der Schwenk zum Südpol konnte warten, denn Sampson kam nicht hinter ihr her. Wie ihre laufenden Beobachtungen bis zum Verschwinden hinter der Sonne gezeigt hatten, verfolgte er einen Kurs auf deren anderer Seite und würde Ron einigermaßen frontal entgegenfliegen.

* * *

Knapp zehn Minuten nach Unterbrechung der Verbindung war Ron wieder einigermaßen ruhig. Unmittelbar danach hatte er sein Schiff in einen noch engeren Bogen um die Sonne gezogen, um seinen Kummer mit der Bewußtseinstrübung durch die erhöhte Fliehkraftbelastung etwas zu betäuben. Er war mit der Schiffsunterseite nach außen geflogen, und über ihm hatte sich Luhman 16A als riesige Decke aus dahinjagenden gelbglühenden Wolken gewölbt. Die Hitze war gewaltig, und er spürte sie auch in seinem Kontrollraum, aber durch Verdampfen großer Mengen von Wasser konnte er sie unter Kontrolle halten. Mit dem Dampf, den Acey dadurch verströmte, würde sie vielleicht für einen weiteren der vielen kometenähnlichen Körper gehalten werden, die auf engen Orbits um den Braunen Zwerg zogen und vielleicht Trümmer eines größeren eishaltigen Himmelskörpers waren, der seinem Zentralkörper zu nahe gekommen und zerbrochen war.

Inzwischen hatte er den Bahnpunkt erreicht, ab dem er seinen Orbit tangential verlassen würde, und er hatte das Schiff herumgerollt, um die Zwergsonne wieder einigermaßen unter sich zu haben statt über sich. Er befand sich in einer seltsam losgelösten, melancholischen Stimmung, nun, wo für ihn selbst nichts mehr zu retten war. Aus den Lautsprechern klang das passende Lied dazu:

Nothing’s good, the news is bad
The heat goes on and it drives you mad
Scornful thoughts that fly your way
You should turn away
‘Cause there’s nothing more to say.

You gave the best you had to give
You only have one life to live
You fought so hard, you were a slave
After all you gave
There was nothing left to save.

You’ve got nothing left to lose
No, you’ve got nothing left to lose
Who’d wanna be standing in your shoes?

You read the book, you turn the page
You change your life in a thousand ways
The dawn of reason lights your eyes
With the key you realize
To the kingdom of the wise.

You’ve got nothing left to lose
No, you’ve got nothing left to lose
Who’d wanna be standing in your shoes?

Nothing ventured, nothing gained
No more lingering doubt remained
Nothing sacred or profane
Everything to gain
‘Cause you’ve nothing left.

Alles zu gewinnen, weil du nichts mehr hast… Das war wahr. Jetzt gab es für ihn nur noch eines zu tun, und er konnte es tun, weil er nichts mehr zu verlieren hatte: Den Feind zu vernichten, damit Catriona die Zukunft gewinnen konnte. Es war passend, daß der Anfang des nun einsetzenden schnellen Instrumentalabschnitts von Nothing Left To Lose Anklänge von Snake Eyes hatte, das er von allen Stücken auf The Turn of A Friendly Card immer am wenigsten gemocht hatte, denn inzwischen hatte er Elonard Sampsons Schiff knapp vierzigtausend Kilometer voraus im Visier. Es flog auf geradem Kurs mit der Unterseite voran und bremste mit zehn g; dabei kam es fast genau auf ihn zu. Fast genau auf ihn zu – das bedeutete zusammen mit der Ausrichtung der Rumpfachse senkrecht zur Flugbahn, daß Sampson ihn noch nicht wahrgenommen hatte und auch noch nicht erwartete. Offenbar war Acey vor dem Hintergrund der Sonnenoberfläche für ihn noch nicht auszumachen oder zu schwer von den kometenartigen Objekten zu unterscheiden.

„Dauerfeuer mit den Kinetics auf ihn, Acey“, sagte Ron, und die Rückstöße der Waffen begannen wieder ein Geratter über die Flügelstruktur ins Schiff zu schicken. Diese Geschosse würden seinen Feind überraschend treffen, und er würde seine rechte Teilchenkanone und die intakten Laser erst ab dem Zeitpunkt einsetzen, an dem sie einzuschlagen begannen. Für Ionenschüsse war die Distanz ohnehin noch zu groß, denn so nahe an der Sonne würde deren Magnetfeld eine unmöglich große Streuung bewirken.

Jetzt nur noch vierzig Sekunden. Einschläge blitzten an der Snake Eyes auf. Ron wies Acey an, nun auch den Teilchenstrahler und die Laser bis zur Kollision feuern zu lassen. Er selber gab mit den noch funktionsfähigen MET-Antrieben Vollschub und ließ Wasser in die Konverterdüsen schießen. Das Feindschiff drehte den Bug in seine Richtung, wurde dabei aber laufend getroffen und durch Schäden an den Antrieben in seiner präzisen Ausrichtung behindert. Seine Laser antworteten als erste, dann waren auch die Kinetic-Kanonen durch ihre begrenzt bewegliche Aufhängung in der Lage, ihr Ziel aufzufassen. Geschosse begannen einzuschlagen, während Rons Teilchenstrahlen sich schon auf weniger als den gesamten Zielquerschnitt konzentrierten. Acey schüttelte sich unter den Treffern und schlingerte, hielt aber den Kollisionskurs trotz der Ausweichbewegungen von Sampson, der die Absicht inzwischen erkannt hatte. Es krachte fünfmal extrem laut unten im Rumpf, und das Schiff begann vom Rammkurs abzukommen.

„Dranbleiben, Acey!“ schrie Ron. „Acey?“ Keine Reaktion. Ron übernahm die Steuerung mit Unterstützung eines Hilfscomputers, der die Kursprojektionen im Bildschirm einblendete, und verfolgte weiter sein Ziel, was ihm dadurch erleichtert wurde daß die Snake Eyes kaum noch Ausweichbewegungen machte. Dabei achtete Ron darauf, daß die Flügelebenen der beiden Schiffe um neunzig Grad zueinander verdreht waren, um seinen Gegner selbst in dem Fall zu erwischen, daß die Rümpfe einander verfehlten.

Die linke Warpgondel glühte auf, und Teile flogen davon weg. Egal, jetzt ist’s gleich soweit. Fast schon Sichtweite. Noch ein bißchen durchhalten, und dann

* * *

Catriona sah die langgezogene gleißende Flamme über dem Horizont von Feuerwacht aufleuchten, und ihre Sensoren registrierten den Röntgenblitz. Sie wußte nicht genau, welche Energiemenge da freigesetzt worden war, aber sie mußte einer Nuklearwaffe im Megatonnenbereich entsprechen. Nun würde das, was von Ronald Brugger und seinem Schiff übrig war, vom restlichen Schwung zwischen die Sterne hinausgetragen werden, und vielleicht würde etwas davon in sehr ferner Zukunft wieder Teil irgendeiner anderen Welt und ihrer Lebewesen sein. Was die Sterne mir geliehen, forderten sie jetzt zurück, dachte Catriona in Abwandlung eines Gedichts von Peter Rosegger. Die Überreste von Elonard Sampson dagegen würden als Wolke aus Gas, Staub und Splittern tangential in eine sehr enge Umlaufbahn um Luhman 16A eintreten, entgegen der Rotationsrichtung des Braunen Zwergs, und sich diesem in allmählich enger werdenden Spiralbahnen nähern, bis sie sich mit ihm vereinigten.

Mit einem Gefühl der Leere in sich bremste Catriona die Vorwärtsbewegung ihres Bootes ganz ab und wies dessen KI an, die Lwaong-Basis am Südpol anzusteuern und darin zu landen. Dieser Lavatunnel würde sie und das Kind, das sie im Leib trug, in sich bergen, bis die Lysithea sie holen kam. Dabei fiel ihr ein, daß die Bezeichnung „Lysitheas Höhle“ hier hinsichtlich des mythologischen Hintergrundes viel besser paßte als auf Cuculinns „Tal unter dem Mond.“ Sie wunderte sich über diese müßigen Gedanken angesichts der soeben erlebten Tragödie, sagte sich dann aber, daß das Ganze für sie wohl noch zu unwirklich war, um es fassen zu können. In den einsamen Tagen des Rückflugs zur Erde würde die Trauer erst richtig einsetzen.

Epilog

Acht Monate später stand Catriona Brugger wieder in der Wasserfallschlucht auf Fand, wo sie gemeinsam mit Ron erstmals den Boden ihrer neuen Heimatwelt betreten hatte. Inzwischen war es hier schon Hochsommer, und die Wassermassen rauschten nicht ganz so reichlich herab wie damals, als der Fluß durch frühherbstlichen Regen angeschwollen gewesen war. Vielleicht würde sie diesmal mit ihrer Laute und ihrem Gesang dagegen ankommen. Und wenn nicht… es gab andere Plätze.

Hinter ihr stand die Lysithea auf derselben Felsplatte, auf der Ron sie beim ersten Mal gelandet hatte, und darin schlief ihre kleine Tochter Gudrun. Vor dem Raumschiff warteten ihre Freunde, denen sie auf dem steinigen Strand ein Stück allein vorausgegangen war: Giulia mit ihrem Mann Aldo, Nikos und Alcyone, Corlissa, Madoline und Nadya, Gerald Wolfinger und Corwin MacBain mit mit ihren Gattinnen Hildegard und Fiona.

Nach ihrer Rückkehr zur Erde hatte sie diese Runde organisiert, und ihnen allen war klargeworden, daß auch sie Ziele der Rache jener prominenten Verbrecherkreise werden konnten, zu deren Aufdeckung sie beigetragen hatten. Gerald und Corwin hatten mit Catrionas Einwilligung auch die zuverlässigen Mitglieder ihrer Besatzung eingeweiht und waren gemeinsam mit ihnen mit der Albireo desertiert. Dabei hatten sie Spuren gelegt, die darauf hindeuteten, daß das Schiff einem Hinterhalt von Piraten und mit diesen verbündeten Politverbrechern in einem entlegenen System zum Opfer gefallen und verschwunden war. Ob die Täuschung funktioniert hatte, konnten sie noch nicht feststellen, vordergründig erschien es jedenfalls so. Für den Erhalt der Fregatte würden sie Ersatzteile aus Wracks dieses noch in den letzten Kriegsjahren eingeführten Typs besorgen, und sie kannten eine Anzahl vertrauenswürdiger europäischstämmiger Techniker, die sich der Fand-Gemeinschaft anschließen würden. Auch das aufgegebene Hermes-Kurierschiff, von dem Ron gewußt und für das er die Ersatzteile aus dem Alcyone-Geiseldeal zurückbehalten hatte, war inzwischen reaktiviert und ebenso Teil ihrer kleinen Flotte wie die Bat Durston, die für „offizielle“ Flüge im Föderationsraum verwendet wurde.

Vor ihrem Verschwinden aus der Föderation hatten Gerald und Corwin auch jenen Wartungstechniker von der Syrtis-Major-Basis, der ihren Freund Ron verraten hatte, ausfindig gemacht und entführt. Sie hatten ihm alle Informationen über seine schwarzen Konten abgepreßt, deren Mittel ihrer Sache zugeführt werden sollten, dann waren sie mit ihm nach Luhman 16A geflogen, hatten ihn nackt in einen jener durchsichtigen Beutel gesteckt, die für den Notfalltransport von Personen zwischen Raumschiffen vorgesehen waren, und bei Suborbitaltempo im Tiefflug über der glühenden Wolkenlandschaft des Braunen Zwergs aus einer Luftschleuse der Albireo geworfen.

Mit den Geldmitteln, die Ron hinterlassen hatte und die der kleine Freundeskreis selbst beisteuern konnte, waren Baumaterialien, Saatgut und Ausrüstung für das Kolonisationsprojekt gekauft worden. Alcyones Firma Poledouris Astrotech hatte einen kleinen Raumfrachter zur Verfügung gestellt, der offiziell von ihrem Mann Nikos gewerblich betrieben wurde, bei Bedarf jedoch das Material für die Kolonie nach Karrangk brachte. Der Grundvertrag für das Verhältnis der entstehenden Mini-Nationen zueinander, für die Regelung des Umgangs mit der Außenwelt und die territoriale Aufteilung ihrer neuen Welt war ausgehend von Rons Vorstellungen und Catrionas ergänzenden Ideen entwickelt und zur Zufriedenheit aller abgeschlossen worden, was dadurch erleichtert worden war, daß die Gründungsmitglieder einander persönlich kannten und oft sogar miteinander befreundet waren. Catriona war zuversichtlich, daß das Projekt leben würde.

Sie drehte sich zu den anderen um und winkte ihnen, zu ihr zu kommen. Mit ihnen zusammen würde sie den Schmerz leichter ertragen können, den die Erinnerung an das verlorene Glück mit Ron an diesem Ort in ihr wieder weckte. Sie war entschlossen, dem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten, so viel Sinn wie nur möglich zu geben. Vielleicht würde sie deshalb – auch wenn sie sich das noch nicht vorstellen konnte – eines Tages doch wieder bereit für eine neue Ehe mit weiteren Kindern sein, wie Ron es gewünscht hatte. „Gehen wir noch ein Stück weiter nach vorn in die Sonne“, sagte sie zu den anderen, die sie inzwischen erreicht hatten, „da ist es angenehmer sitzen, wenn ich euch etwas vorsinge.“

* * *

Anhang des Verfassers

Wie bereits erwähnt, hat die Entstehung dieser Geschichte damit begonnen, daß ich irgendwann Anfang der 1980er den amerikanischen Fernsehfilm „Raubvögel“ („Birds of Prey“) von 1973 gesehen habe. Hier kann man ihn in englischer Originalfassung ansehen (Länge 1 Stunde und 13 Minuten):

* * *

Leseempfehlungen zu dieser Geschichte:

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Lavaröhre (Wikipedia)

Lava tube (Wikipedia englisch)

Lunar lava tubes (Wikipedia)

Marsianische Lavaröhren (Wikipedia-Übersetzung)

Über die Sterblichkeit von Jaroslaw Ostrogniew, übersetzt und mit einem Vor- und Nachwort von Dunkler Phönix

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Originalveröffentlichung hier

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