Miguel de Cervantes und Don Quijote: Triumph eines Verlierers

Von Johannes Strempel, aus GEO EPOCHE Nr. 31 „Als Spanien die Welt beherrschte“.

„Ritter von der traurigen Gestalt“ nennt sich Don Quijote selbst. Gemeinsam mit seinem Knappen Sancho Pansa zieht er durch La Mancha. Die Leser lieben ihn als verwirrt-lächerlichen Helden.

1605 veröffentlicht Miguel de Cervantes einen Roman über einen Mann, der ist wie er selbst: adelig und verarmt. „Don Quijote“, realistisch und voll derbem Humor, wird ein Welterfolg und gilt heute als erster Roman der Moderne.

Es ist ein prächtiges Fronleichnamsfest, das die Residenzstadt Valladolid am 10. Juni 1605 feiert. Tags zuvor hat der englische Gesandte einen Friedensvertrag zwischen London und Madrid unterzeichnet. Nun strömen die Bürger ins Zentrum, um die Paraden und Stierkämpfe zu seinen Ehren zu verfolgen.

In einer Pause hält ein Schauspieler auf der Plaza Mayor Einzug, dessen Aufmachung so gar nicht zu den eleganten Toreros passt: ein hagerer Mann mit Plüschhosen und nach oben gezwirbeltem Bart, der einem abgemagerten Klepper die Sporen gibt und von einem rundlichen Knappen begleitet wird. Die Menge jubelt.

Vor gerade einmal fünf Monaten ist die Geschichte des glücklosen „Don Quijote“ in Madrid in kleiner Auflage erschienen, aber längst hat der „Ritter von der traurigen Gestalt“ ein Eigenleben jenseits des Buches begonnen. Bald wird man seiner Silhouette auf allen Karnevalsumzügen Spaniens begegnen, flankiert von der seines Freundes und Dieners Sancho Pansa.

Die Spanier schließen den verwirrten Junker auf Anhieb in ihr Herz. Niemand hat damit vermutlich weniger gerechnet als sein Schöpfer: Miguel de Cervantes Saavedra, ein 57jähriger Exsträfling, Steuereintreiber und Gelegenheitsdichter.

Ehe die Abenteuer Don Quijotes ihn berühmt machen, kämpft Miguel de Cervantes (1547-1616) gegen die Türken, arbeitet als Steuereintreiber und verbringt Jahre in afrikanischer Gefangenschaft.

Denn Armut und Schicksalsschläge sind die Leitmotive seines Lebens. Zwar stammt Cervantes aus einer aristokratischen Familie, aber das heißt nicht viel in einem Land, in dem sich zehn Prozent der Bevölkerung zum Adel rechnen – mehr als irgendwo sonst auf der Welt.

Ganz unten in dieser Hierarchie stehen die hidalgos, die „Söhne von jemand Bedeutendem“. Zu ihnen zählt auch Cervantes – und Don Quijote. König Ferdinand und seine Gattin Isabella haben den Titel im späten 15. Jahrhundert eingeführt, um die Krieger der Reconquista zu ehren. Doch das ist lange her. Inzwischen gibt es kaum noch Heldentaten zu vollbringen, und den Hidalgos bleibt nicht viel mehr vorzuweisen als ihr sorgsam gehüteter Adelsbrief und das steinerne Wappen an der Hausfassade.

Die meisten leben verarmt auf ihren kleinen Ländereien oder in den Städten. Und sie leben im Müßiggang: Denn richtig zu arbeiten ist für einen Hidalgo mit seiner Ehre unvereinbar.

Dieses bis zum Grotesken gesteigerte Ehrgefühl unterscheidet den Hidalgo vom Bauern – sowie das Privileg, keine Steuern zahlen zu müssen (dass es mit Spaniens Macht und Reichtum allmählich bergab geht, liegt nicht zuletzt an den selbstzufriedenen Hidalgos).

Auch der junge Cervantes führt zunächst das richtungslose Leben eines Kleinadeligen. Aus Geldnot zieht die Familie häufig um. Cervantes besucht unregelmäßig die Schule und verfasst ungelenke Sonette.

Als er in einem Duell einen Mann verwundet, setzt er sich 1569 nach Italien ab. Dort wird aus dem Verseschmied ein Soldat: Er kämpft 1571 in der Seeschlacht von Lepanto gegen die Osmanen, wird zweimal in den Oberkörper getroffen, eine dritte Kugel zerschmettert seine Hand.

Als Cervantes vier Jahre später heimkehren will, kapern nordafrikanische Korsaren das Schiff und verschleppen die Besatzung nach Algier. Dort hat sich eine Geiselindustrie etabliert: Gut 25.000 christliche Sklaven warten darauf, dass ihre Familien oder die Kirche sie freikaufen.

Nach acht Monaten erhalten Cervantes‘ Angehörige einen Brief, in dem er von seiner Gefangenschaft berichtet, doch können sie das geforderte Lösegeld nicht aufbringen. So bleibt er weiterhin gefangen, wagt in den nächsten fünf Jahren mehrere Fluchtversuche, wird stets verraten und gefasst, in Ketten gelegt, oft gefoltert.

Im September 1580, Cervantes sitzt schon gefesselt auf der Ruderbank einer Sklavengaleere mit dem Ziel Konstantinopel, übergibt ein Mönch des Trinitarierordens den Entführern die geforderte Summe von 500 Escudos.

Zurück in Spanien, hofft Cervantes als verdienter Kriegsveteran auf eine Stellung am Hof. Vergebens. Er bewirbt sich um Posten in den Kolonien, erhält aber nur Absagen. Er versucht sich als Stückeschreiber am Theater – der Erfolg bleibt aus. Schließlich requiriert er im Auftrag der Armada Öl und Getreide bei andalusischen Bauern, treibt später auch Steuern ein.

Die Arbeit ist mühsam, unerfreulich und schlecht bezahlt. Doch auf seinen Reisen über die staubigen Landstraßen der Provinz, bei seinen Aufenthalten in armseligen Herbergen und Schenken sammelt er jene Eindrücke, die den Roman „Der sinnreiche Junker Don Quijote de la Mancha“ später so lebendig machen werden.

Zunächst hat Cervantes möglicherweise nur eine kurze Novelle im Sinn, eine Satire über einen verarmten, wirrköpfigen Hidalgo, der zu viele Ritterromane gelesen hat und sich nun selbst für einen Ritter hält. Eine einfache Bauernmagd wird ihm zur angebeteten Prinzessin Dulcinea, Gasthäuser werden zu Burgen, Schafherden zu Armeen. In der berühmtesten Szene galoppiert er mit gesenkter Lanze auf eine Gruppe Windmühlen zu, die ihm als feindliche Riesen erscheinen.

Doch der Stoff gibt viel mehr her als eine bloße Satire. Cervantes gelingt der erste Roman der Moderne. Denn er beschreibt keine idealisierte höfische Welt, keine edlen Helden, keine keuschen Fräulein, sondern den Alltag, den er selbst erlebt: pöbelnde Zecher, Bauern auf dem Feld, Schäfer – und einen durch eine rauhe Wirklichkeit irrenden Träumer. Die Dialoge klingen realistischer und lebendiger als alles, was je zuvor geschrieben worden ist.

Die Leser schätzen den derben Humor des Buchs. Quijote hat auf mehr als 600 Seiten einiges zu erleiden – unaufhörlich wird er verprügelt, belogen und gedemütigt. Ein Knappe haut ihm ein halbes Ohr ab, Schafhirten schlagen ihm fast alle Zähne aus, seine angeblichen Freunde sperren ihn zu ihrer Belustigung in einen Käfig. Das trifft in Zeiten von Inquisition und Verbrennung vermeintlicher Ketzer offenbar den Geschmack des Publikums, das seinen Alltag in diesen rohen Szenen wiedererkennt.

Für die Zeitgenossen ist Don Quijote nur ein Hampelmann, die Karikatur eines Ritters, über die sich herrlich spotten lässt. Erst den deutschen Romantikern des späten 18. Jahrhunderts erschließt sich die Tiefe der Figur. Denn mit dem traurigen Junker aus La Mancha hat Cervantes, vielleicht ohne es selbst zu merken, einen unsterblichen und individuellen Charakter geschaffen, einen wahren Helden in der Kleidung eines Narren, voll Würde, Edelmut und Sanftheit.

An der Armut seines Autors ändert der Erfolg des „Don Quijote“ aber nur wenig, seine Verleger und die Verkäufer von Raubdrucken streichen den größten Teil des Geldes ein. Cervantes muss in den letzten sieben Jahren seines Lebens aus Geldnot sechsmal umziehen. Und er ist krank: immer müde, immer hungrig, dabei klapperdürr und melancholisch.

Dennoch arbeitet der Autor jetzt, da er endlich ein Publikum gefunden hat, ohne Unterbrechung weiter. Er verfasst einige Theaterstücke und veröffentlicht mehrere Novellen. Doch keines seiner Werke wird so viel gelesen wie der „Don Quijote“, dessen zweiter Teil 1615 erscheint.

„Lebt wohl, ihr Scherze“, schreibt Cervantes schließlich in der Vorrede zu seinem letzten Buch, „lebt wohl, ihr Späße! Lebt wohl, ihr heiteren Freunde, denn ich sterbe.“ In der Nacht darauf fällt er in ein Koma und stirbt am 23. April 1616 mit 68 Jahren, wahrscheinlich an Diabetes.

„Don Quijote“ erscheint in den folgenden knapp 400 Jahren in 2300 Auflagen und wird in mehr als 70 Sprachen übersetzt, eine größere Verbreitung findet nur die Bibel. Seiner Witwe aber bleibt der Verleger bis zuletzt Geld schuldig.

Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: