Der Weitschuß mit der Pistole

Von Beat Kneubühl, aus seinem Artikel „Ballistische Fragen aus der Praxis (2)“ in Heft 1-2/1991 des „Internationalen Waffenmagazins“. (In der ersten Hälfte dieses Beitrags ging es um den Weitschuß mit Vorderladerbüchsen; hier habe ich – Cernunnos – nur die zweite Hälfte über den Weitschuß mit der Pistole wiedergegeben.)

Der Weitschuß mit der Pistole

Ein weiteres Problem, das gut in dieses Thema des weiten Schusses paßt, wurde dem Autor von einem Leser unterbreitet, der allerdings die Lösung mit Hilfe des IWM-Ballistik-Programmes selber erarbeitete und in der Zeitschrift „Der Waffenfreund“ 1990 darüber berichtete. Bei der damals zu lösenden Aufgabe sind jedoch einige typische ballistische Aspekte dabei, über die es sich lohnt, aus der Sicht des Ballistikers zu berichten.

In einem Combat-Parcours galt es, eine Scheibe in 160 m Distanz zu treffen, die gegenüber der Schützenstellung 30 m überhöht war; es handelte sich also um einen Weitschuß in geneigtem Gelände. Da der Wettkampf auf 1500 m ü. M. stattfand, ist die Frage nach dem Einfluß der Luftdichte ebenfalls nicht abwegig.

Ein Blick auf die Schußtafel der 9 mm Para (siehe Tabelle 5) zeigt, daß bei der betreffenden Distanz mit einer Flugzeit von ungefähr 0,5 s zu rechnen ist, eine Zeit, die etwa dem 300-m-Schießen mit dem Gewehr entspricht. Der zugehörige Schußwinkel beträgt etwa 8 Promille und bestätigt, daß (noch) mit einer gestreckten Flugbahn gerechnet werden kann. Da das Geschoß in diesem Falle nur kurz den Luftkräften ausgesetzt ist, werden deren Änderungen die Geschoßbahn nur unwesentlich beeinflussen. In der Tat ergibt der Wechsel von 400 auf 1500 m Ortshöhe eine Treffpunktverschiebung von nur 1 cm. Auch die Abtrift infolge eines Querwindes bleibt mit rund 20 cm bei 3 m/s Windgeschwindigkeit durchaus im Rahmen, wenn es sich beim Wettkampf nicht um ein Präzisionsschießen handelt. Auch die berühmte Regel „Bergauf, Berg runter, halt drunter“ kommt bei diesen flachen Flugbahnen noch nicht zum Zuge, so daß das höher gesteckte Ziel keine besonderen Maßnahmen beim Zielen erforderlich macht. Die Nachrechnung zeigt, daß bei der 9 mm Para der Treffpunkt weniger als 1 cm zu hoch liegt.

Schußtafel 9 Para 8g VMRK

Interessant ist dabei der Vergleich mit dem Geschoß der .45 ACP, bei dem wegen der geringeren Mündungsgeschwindigkeit mit einer Flugzeit von 0,67 s zu rechnen ist. Die Scheitelhöhe der Flugbahn nimmt damit von den 34 cm bei der 9 mm Para auf 55 cm bei der .45 ACP zu. Dies bewirkt beim Aufwärtsschießen bereits einen um 5 cm höheren Treffpunkt.

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