Verteidigungsschießen: Konfrontationen auf extrem kurze Entfernungen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffen-Magazin“ 6/7-1997. Online-Quelle hier.

Konfrontationen auf extrem kurze Entfernungen stellen eine besondere Herausforderung beim Einsatz der Gebrauchswaffe dar. Dem muß durch entsprechende Techniken Rechnung getragen werden. Die Möglichkeit, körperliche Angriffe abwehren zu können, die eigene Waffe dem gegnerischen Zugriff zu entziehen, der Umgang mit extrem kurzen Reaktionszeiten und die optimale Nutzung von Deckungen sind dafür entscheidend.

Schußwechsel auf extrem kurze Entfernungen gehören zu den gefährlichsten Situationen, die in einer bewaffneten Konfrontation auftreten können. Unter extrem kurzen Entfernungen versteht man Distanzen, die dadurch gekennzeichnet sind, daß die Beteiligten sich entweder bereits berühren können oder es einem der Kontrahenten möglich ist, einen solchen Abstand durch einen einzigen Schritt herzustellen.

In solchen Situationen besteht vor allem die Gefahr, daß es zur unmittelbaren körperlichen Auseinandersetzung kommt, deren Ausgang kaum vorhersehbar ist. Haben die Kontrahenten erst einmal Körperkontakt hergestellt, kann es leicht passieren, daß sich aus einer ergriffenen und festgehaltenen Waffe ein Schuß löst, der in seiner Richtung schwer beeinflußt werden kann. Außerdem besteht immer die Gefahr, daß einem die eigene Waffe vom Gegner entrissen und man dann selbst mit ihr bedroht wird.

Andere Problembereiche dieses Konfrontationstyps liegen daran, daß die verbleibenden Reaktionszeiten extrem kurz werden und daß man auf Grund des geringen Abstands zum Gegner häufig keine Gelegenheit mehr hat, einen Standardanschlag mit der Waffe einzunehmen. In ernstzunehmenden Combatkursen wird daher die Grundregel, solche Situationen zu vermeiden, und die Vorgehensweisen, wie man das tut, zum taktischen Standardrepertoire gehören. Häufig ist eine solche Regel zwar anders formuliert, wie z. B. „Maximiere die Entfernung zum Gegner und minimiere deine sichtbare Treff-Fläche“, im Grunde sagt ein solcher Verhaltensgrundsatz nichts anderes als „vermeide Konfrontationen auf extrem kurze Entfernungen.“

Im IWM-Spezialheft „Verteidigungsschießen II“ haben wir diese Problematik an verschiedenen Stellen unter den taktischen Grundprinzipien behandelt. Die Wahl der Bewegungslinie bei der weiten Kurventechnik, eine zweckmäßige Deckungswahl vor der eigentlichen Konfrontation oder die Maßnahmen zur Verhinderung der Unterschreitung der kritischen Entfernung durch den Gegner sind Beispiele dafür.

Wenn man diese Regeln konsequent anwendet, wird man in vielen Fällen das Eintreten einer Situation, in der man sich plötzlich mit einem Gegner auf eine Entfernung von ein bis zwei Metern konfrontiert sieht, vermeiden können. Aber es gibt auch Situationen, in denen man es nicht vermeiden kann.

Dabei sollen hier die Situationen, in denen man von einem Angriff auf kurze Entfernung überrascht wird, nicht im Mittelpunkt stehen, da diese Problematik schon an anderer Stelle behandelt wurde. Selbst wenn man die Waffe bereits gezogen hat und sich in einer laufenden Konfrontation befindet, kann man es doch nicht immer vermeiden, daß zumindest die Gefahr besteht, daß man mit dem Gegner auf Tuchfühlung gerät. Vor allem beim Vorgehen innerhalb von Gebäuden oder unter anderen räumlich beengten Verhältnissen muß man sich oft Hindernissen, Ecken, Türen und anderen Objekten annähern, hinter denen sich ein Gegner verbergen und dann überraschend auftauchen kann. In solchen Situationen kommt es darauf an, Techniken und Taktiken anzuwenden, die das eigene Risiko möglichst gering halten.

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Verteidigungsschießen: Mischladungen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffen-Magazin“ 1-2 1997. Online-Quelle hier

In manchen Fällen ist es zweckmäßig, ein Magazin oder eine Trommel nicht mit einer einzigen Munitionssorte zu bestücken, sondern mehrere unterschiedliche Patronensorten zu laden. Diese Mischladungen haben gegenüber einer homogenen Bestückung Vorteile und Nachteile. In welchen Fällen Mischladungen sinnvoll sind, hängt stark davon ab, wie weit man sich auf einen bestimmten Konfrontationstyp einstellen kann.

Eine ideale Patrone, die allen Anforderungen des Verteidigungsschießens gerecht wird, gibt es nicht. Dies würde im Übrigen auch der Quadratur des Kreises entsprechen, denn die Forderungen, die eine Laborierung für Verteidigungszwecke erfüllen muß, sind zu unterschiedlich und schließen sich zum Teil gegenseitig aus. Schließlich erwartet man von einer idealen Patrone, daß sie den Gegner schnell außer Gefecht setzt, bei Durch- oder Fehlschüssen das Hinterland wenig gefährdet, eine geringe Neigung zur Bildung von Abprallern hat, aber Deckungen mühelos durchschlägt. Übersetzt man diese taktischen Ansprüche in ballistische Anforderungen, so wird schnell deutlich, daß eine Geschoßkonzeption, die dies alles erfüllt, kaum existieren kann. Eine sichere und schnelle Ausschaltung des Gegners bedeutet, endballistisch gesehen, eine schnelle Energieabgabe nach dem Eindringen in das „weiche Ziel“. Dies steht aber im Widerspruch zur Forderung nach einer hohen Durchschlagsleistung gegenüber verschiedenartigen Deckungsmaterialien. Schnelle Energieabgabe heißt nämlich immer schnelle Abbremsung des Geschosses und damit geringe Durchschlagsleistung. Besonders deutlich wird dies, wenn man extreme Geschoßkonstruktionen betrachtet, die eindeutig auf eine der beiden Forderungen hin – Mannstoppwirkung oder Durchschlagsleistung – optimiert sind.

So erfüllen besonders zerlegefreudige Projektile wie Glaser Safety Slugs oder Explosivgeschosse, bzw. aufpilzende Geschosse wie Hollow Points, zwar die Forderung nach hoher Mannstoppwirkung und geringer Umfeldgefährdung, haben aber gegen Schutzwesten oder Autokarosserien nur ein sehr geringes Durchschlagsvermögen. Vollmantelgeschosse, vor allem, wenn sie mit verstärktem Mantel oder Hartkern versehen sind, besitzen zwar ein hohes Penetrationsvermögen gegen Deckungen und ballistische Schutzmaßnahmen, dafür geben sie beim Durchschlag durch den menschlichen Körper nur Teile ihrer kinetischen Energie ab, was zu einer geringeren Mannstoppwirkung und selbst bei Treffern zu einer Gefährdung des Umfeldes führt. Bei Fehlschüssen tritt diese Umfeldgefährdung durch penetrationsstarke Laborierungen noch stärker in den Vordergrund, da diese Projektile zum Teil selbst Innenmauern von Gebäuden oder Autokarosserien mit erheblicher Restenergie durchschlagen können.

Um diesem Dilemma auszuweichen, bieten sich verschiedene Möglichkeiten an. Eine besteht darin, Patronen zu verwenden, die einem Kompromiß zwischen den unterschiedlichen Wirkungsforderungen entsprechen. Teilmantelprojektile oder Vollmantelgeschosse mit Flachkopf stellen einen solchen Kompromiß dar. Man vermeidet damit zwar die extremen Nachteile, die sich unter ungünstigen Umständen aus der Verwendung hochspezialisierter Munition ergeben, aber man hat damit auch in keiner Situation die optimale Munitionssorte zur Verfügung. Kompromisse bedeuten eben immer eine Beschränkung auf das Mittelmaß.

Ein anderer Ansatz besteht in der Verwendung von sehr leichten und schnellen Projektilen aus harten Materialien. Ein Beispiel dafür ist das THV-Geschoß. Dabei handelt es sich um ein sehr leichtes Projektil aus einer Messinglegierung, das aufgrund seiner geringen Querschnittsbelastung eine sehr hohe Mündungsgeschwindigkeit und damit auch eine sehr hohe kinetische Energie erzielt. Die geringe Querschnittsbelastung dieses Geschoßtyps führt aber nicht nur dazu, daß es sich leicht auf hohe Geschwindigkeiten beschleunigen läßt, sondern auch dazu, daß es sowohl in der Luft als auch beim Eindringen in weiche Materialien seine Energie schneller verliert als ein gleich großes, aber schwereres Geschoß. Beim Beschuß von Ton oder Gelatine zeigt sich eine solche schnelle Energieabgabe in großvolumigen Geschoßkanälen und in einer geringen Eindringtiefe. Beim THV-Projektil wird dieser Effekt zwar häufig auch auf die besondere (paraboloide) Geschoßform zurückgeführt, die beim Eindringen das Zielmaterial radial nach außen verdrängen soll, diese These ist aber zumindest als nicht gesichert zu bezeichnen. Andere Projektile zeigen unabhängig von ihrer Geschoßform ein ähnliches Verhalten, wenn sie den THV-Patronen in ihren innenballistischen Eigenschaften ähnlich sind. Aber wie dem auch sei, die Tatsache, daß leichte, schnelle Geschosse eine hohe kinetische Energie besitzen und diese schnell an das Zielmedium abgeben, macht sie als Verteidigungslaborierung interessant.

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Magnumkaliber im Verteidigungsschießen

Einschußloch in Tonblock, verursacht von .44 Magnum-Patrone von Norma mit 240-grs-Teilmantelgeschoß.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffen-Magazin“ 6-7 1996 (dort unter dem Titel „Magnumkaliber im Verteidigungsschießen (2)“; das Heft mit Teil 1 habe ich [Cernunnos] leider nicht). Online-Quelle hier.

Die typischen Magnumpatronen liegen nicht nur in der Durchschlagsleistung, sondern auch in anderen Aspekten der Zielwirkung zum Teil deutlich über jenen der Standard-Pistolenpatronen 9 mm Luger und .45 ACP. Dies muß aber auch durch einige Nachteile, wie dem höheren Rückstoß und den größeren Abmessungen der entsprechenden Waffen erkauft werden.

Neben der Durchschlagsleistung, die im ersten Teil dieser Kurzserie betrachtet wurde, wird vor allem die kinetische Energie häufig als konstante Größe verwendet, um das Leistungsvermögen von Geschossen und Patronen zu beschreiben. Solange man dabei nur die Gesamtenergie betrachtet, die ein Projektil nach dem Verlassen des Laufes besitzt, ist dies ziemlich einfach. Denn schließlich läßt sich die kinetische Energie relativ leicht aus der Geschwindigkeit und der Masse des Geschosses errechnen, und beide Größen sind relativ leicht meßbar. In der praktischen Anwendung von Waffen interessiert aber meist gar nicht so sehr, welche Gesamtenergie ein Geschoß besitzt, sondern vielmehr, wieviel Energie es an ein bestimmtes Ziel abgibt oder wieviel Energie es nach dem Durchschlagen eines bestimmten Zieles noch besitzt. Letzteres sagt vor allem etwas darüber aus, welche Wirkung ein Geschoß nach dem Durchschlag einer Deckung beim Gegner hervorrufen kann, oder welche Gefährlichkeit es für das Umfeld besitzt.

Meist steht aber die ans Ziel abgegebene Energie im Mittelpunkt der Betrachtung, wenn es darum geht, das Leistungsvermögen einer bestimmten Patrone zu bewerten. Denn nur dieser Anteil der Geschoßenergie kann genutzt werden, um Zerstörungen oder Verformungen im Ziel hervorzurufen. In erster Näherung kann man auch sagen, die Zerstörung oder Verformung im Ziel ist proportional zur Energie, die an das Ziel abgegeben wurde.

Auf derartigen Überlegungen basieren z. B. die neueren Ansichten über die Mannstoppwirkung, in denen die abgegebene Energie einer der entscheidenden Faktoren ist. Diesen Theorien liegt die Hypothese zu Grunde, daß die durch den Treffer erzeugte Handlungsunfähigkeit in hohem Maße davon abhängt, wieviel Gewebevolumen zerstört worden bzw. in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Da diese Volumina von der abgegebenen Geschoßenergie abhängen, wird in manchen dieser Theorien ein proportionaler Zusammenhang zwischen abgegebener Geschoßenergie und Handlungsunfähigkeit des Getroffenen unterstellt.

Schwierigkeiten bei der Voraussage der Wirkung

Leider ist es aber relativ schwierig, die von einem bestimmten Geschoß an ein lebendes Ziel abgegebene Energiemenge anhand von theoretischen Überlegungen vorauszuberechnen. Folglich fehlt es nicht an Versuchen, sie durch den Beschuß von Vergleichsmaterialien zu ermitteln. Allerdings ist auch diese Methode nicht ganz unproblematisch und hat teilweise, je nachdem, welche Erkenntnisse man daraus ziehen will, einen erheblichen Interpretationsbedarf.

Ein typisches Material für derartige Beschußversuche ist die sogenannte ballistische Gelatine. Dieses Material hat den Vorteil, daß es bezüglich bestimmter zielballistischer Werte, wie Eindringwiderstand oder spezifisches Gewicht, organischem Gewebe sehr ähnlich ist.

Nachteilig bei Gelatine ist aber, daß die Ermittlung der Energieabgabe an das Vergleichsziel sehr aufwendig ist. Denn Gelatine zeigt genau wie biologisches Gewebe unmittelbar während des Geschoßdurchganges eine kurzzeitige Verformung (temporärer Wundkanal), die sich sehr schnell wieder zurückbildet, und eine dauernde Verformung (bleibender Wundkanal), die aber nur einen Teil der Geschoßwirkung widerspiegelt. Um die gesamte Energieabgabe zu berücksichtigen, müssen daher spezielle Verfahren angewendet werden, die auch die kurzzeitige Ausbildung der temporären Verformung mit erfassen.

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Instinktives Schießen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 11-1996. (Online-Quelle hier)

„Instinktives Schießen“ ist auf dem Gebiet des kampfmäßigen Schießens zu einem festen Begriff geworden. Sowohl der Begriff selbst als auch die entsprechende Schießtechnik sind nicht unproblematisch. Die Vorteile dieser Schießtechnik sind oft zu vordergründig und halten einer genaueren Überprüfung nicht stand.

Instinktives Schießen ist einer der Begriffe aus der Welt des kampfmäßigen Schießens, der nicht nur oft verklärt wurde, sondern zum Teil auch sehr mißverständlich gebraucht wird. Dies fängt schon mit der Wortschöpfung selbst an. Unterstellt doch der Begriff „instinktives Schießen“ bereits, daß der Mensch über so etwas wie einen Instinkt verfügt, der ihm sagt, wie und wann er die Schußwaffe gebrauchen sollte.

Denkt man darüber einmal nach und verwendet dabei den Begriff „Instinkt“ so, wie man ihn in der Biologie, der Verhaltensforschung oder der Psychologie benutzt, wird schnell klar, daß eine enge Anlehnung an die übliche Bedeutung des Instinktbegriffs nicht gemeint sein kann. Andernfalls müßte der Mensch wirklich über eine tief verwurzelte Anlage zum Schießen verfügen. Dies kann aber nicht sein, da Instinkte nicht erlernt werden können, sondern ererbte Verhaltensweisen sind, die oft unterbewußt angewendet werden und sich über einen langen Zeitraum im Rahmen der Evolution entwickelt haben. Dabei bedeutet ein langer Zeitraum natürlich keine Jahrzehnte oder Jahrhunderte, sondern Jahrtausende und mehr. Moderne Handfeuerwaffen existieren aber gerade einmal hundert Jahre, oder je nach Definition vielleicht einige Jahrzehnte länger. Auf jeden Fall erst seit so kurzer Zeit, daß eine evolutionäre Anpassung des Menschen an diese Entwicklung mit Sicherheit auszuschließen ist. Und selbst wenn man Luntenschloßgewehre und Pistolen mit Steinschloß mit einbezieht, bewegt man sich dennoch in Zeiträumen, die für eine Entwicklung von Instinkten bedeutungslos sind. Der Mensch hat einfach keine Instinkte, die für die Führung eines Feuerkampfes angelegt sind. Vielmehr ist der Instinktapparat des Menschen zu einer Zeit entstanden, als zum Überleben ganz andere Verhaltensweisen zweckmäßig waren als in heutigen Konfrontationen. Dies wird z. B. auch an den physiologischen Reaktionen des Menschen in Extremsituationen deutlich. Die Erhöhung der Körperkraft, bei gleichzeitiger Verminderung der Feinmotorik und der Fähigkeit zum komplexen Denken, mag in der Welt der Neandertaler zur Abwehr einer Bedrohung zweckmäßig gewesen sein, in einer bewaffneten Konfrontation heutzutage ist eine solche Anpassung zumindest unzweckmäßig, eventuell sogar tödlich. Eine gute Beherrschung des Abzugs und die Fähigkeit zur schnellen Entschlußfassung beeinflussen das Ergebnis eines modernen Feuergefechtes bei weitem mehr, als die Frage, wieviele Kilogramme die Kontrahenten stemmen können.

Der Mensch hat keinen Schießinstinkt

Schießtechniken für den Ernstfall können also nicht auf irgendwelche Instinkte aufbauen, sondern müssen sich daran orientieren, was taktisch sinnvoll ist, einfach erlernt werden kann und streßstabil ist. Meistens ist mit dem Begriff des instinktiven Schießens auch etwas anderes gemeint als das Anknüpfen an ererbtes, instinktives Verhalten. Beim Lesen der einschlägigen Literatur oder bei Diskussionen über dieses Thema fällt jedoch immer wieder auf, daß allein diese Begriffswahl schon bestimmte Assoziationen erweckt, die den Eindruck vermitteln, der Mensch hätte irgendein natürliches Verhaltenspotential, das man in der Ausbildung nur zu wecken bräuchte. Daß auch das, was man normalerweise als instinktives Schießen bezeichnet, eine erlernte Verhaltensweise ist, wird allein schon deswegen oft vergessen.

Was üblicherweise als „instinktives Schießen“ bezeichnet wird, ist normalerweise nichts anderes als die Beschreibung einer Schießtechnik, bei der auf die Nutzung jeglicher Visiereinrichtungen verzichtet wird und bei der die Ausrichtung der Waffe nur nach Körpergefühl und Muskelgedächtnis erfolgt. Dies wäre an sich auch nicht unrichtig, da im kampfmäßigen Schießen ein Zielen wie beim Präzisionsschießen nur in den seltensten Fällen in Frage kommt und das Körpergefühl und Muskelgedächtnis wirklich eine große Rolle spielt. Das Problem liegt aber darin, daß die unglückliche Begriffswahl falsche Vorstellungen erzeugt, und daß die Betonung des Schießens nach Körpergefühl zu Techniken geführt hat, die unter realistische Betrachtung nicht sehr zweckmäßig sind. Der erste Teil dieses Problems ließe sich dadurch beheben, daß man einfach einen anderen Begriff benutzt. Die Begriffe „Schießen nach Körpergefühl“, „Point Shooting“ oder „Deutschuß“ wären hierzu geeignet und würden dazu beitragen, die Diskussion um das „instinktive Schießen“ zu versachlichen.

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Der präzise Schuß im Verteidigungsschießen mit der Kurzwaffe

Mit wenig Aufwand kann man die Gestalt auf der Zielscheibe mit einer „schußsicheren Weste“ versehen.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 4-1996. (Online-Quelle hier)

Präzisionsschießen ist im ernstfallorientierten Gebrauch der Schußwaffe sowohl ein methodisches Hilfsmittel zur Erlernung einer guten Abzugstechnik als auch eine schießtechnische Grundfertigkeit für besondere Situationen. In der Ausbildung kommt es darauf an, dafür zweckmäßige Forderungen aufzustellen und das Präzisionsschießen sinnvoll in den gesamten Komplex des kampfmäßigen Schießens zu integrieren.

Schießübungen, welche die Abgabe von gut gezielten und präzisen Einzelschüssen verlangen, gehören erfahrungsgemäß nicht gerade zu den besonders favorisierten Ausbildungsthemen im Verteidigungsschießen. Es gibt aber durchaus Gründe, warum man dieses ungeliebte Thema doch nicht ganz vernachlässigen sollte. Zum einen gibt es auch in der Realität Situationen, in denen der präzise Schuß gefragt ist, und zum anderen ist ein Mindestmaß an Praxis im Präzisionsschießen überaus hilfreich, um die Basis für ein effektives schnelles Schießen zu legen. Letzteres kann man ziemlich deutlich sehen, wenn man Anfänger beobachtet, die mit dem schnellen Schießen beginnen, ohne über Erfahrungen im Präzisionsschießen zu verfügen.

Zwar macht auch dieser Personenkreis am Anfang ziemlich schnelle Fortschritte, wenn es darum geht, eine Mannscheibe auf drei bis fünf Meter Entfernung aus dem Ziehen heraus zu treffen, ab er häufig stellt sich dann auch sehr schnell ein Stadium ein, ab dem weitere Leistungssteigerungen nur noch schwer und langsam erreicht werden. Es zeigt sich immer wieder, daß Verteidigungskursteilnehmer, die über gewisse Erfahrungen aus dem Sportschießen verfügen, hier meist weniger Probleme haben. Dies liegt vor allem daran, daß sich eine korrekte Schießtechnik eben langsam besser erlernen läßt, als wenn man von Anfang an versucht, Schnellziehrekorde aufzustellen. Das Fatale dabei ist aber, daß sich Fehler in der Schießtechnik, wie das Verreißen während des Abziehens, in den einfachen Übungen mit kurzen Entfernungen und relativ großen Zielen noch nicht so deutlich auswirken und daher häufig nicht erkannt werden. Kommen dann andere Schwierigkeiten, wie Streß, zunehmende Komplexität des Übungsablaufs oder eine Verkleinerung der Zielfläche hinzu, addieren sich die Fehler, und die Ergebnisse sehen schlecht aus. In diesem Stadium sind Schießfehler aber oft schon so eingedrillt, daß es ausgesprochen schwierig ist, sie wieder loszuwerden.

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Schießtraining mit reaktiven Zielen

Luftballons an Mannscheiben erleichtern das sofortige Erkennen von Treffern.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 10-1995.

Reaktive Ziele, bei denen jeder Treffer sofort erkennbar ist, machen das Training des Verteidigungsschießen nicht nur interessanter, sondern auch in vielen Bereichen effektiver. Als Ziele eignen sich Blechdosen genauso wie Luftballons oder „Pepper Popper“ und „Steel Plates“.

Das ernstfallorientierte Training mit der Schußwaffe ist zwar im wahrsten Sinne des Wortes eine todernste Angelegenheit, dennoch spricht nichts dagegen, daß dieses Training auch gelegentlich Spaß machen darf. Erst recht dann nicht, wenn mit unterhaltsamen Schießübungen konkrete Ausbildungsziele zielgerichtet verfolgt werden. Manche Ausbildungsziele lassen sich übrigens sogar mit unorthodoxen Trainingsmethoden wesentlich besser erreichen als mit einem phantasielosen Durchlöchern der bekannten Silhouettenscheiben. Die einfache Schlußfolgerung, in der das kampfmäßige Schießen mit dem Beschießen von Mannscheiben gleichgesetzt wird, ist ohnehin purer Unsinn und taugt bestenfalls dazu, ansonsten unverständliche Verwaltungsentscheidungen zu begründen oder für Combatschießkurse zu werben, die ihr Geld nicht wert sind. Damit soll natürlich nicht in Frage gestellt werden, daß einfarbige oder bunte Mannscheiben ein wichtiges Ausbildungsmittel für das Training von Gebrauchswaffenträgern darstellen.

Der Einsatz bestimmter Ausbildungsmittel garantiert aber weder die Qualität der mit ihrer Hilfe durchgeführten Ausbildung noch das Erreichen des angestrebten Ausbildungserfolgs. Wichtiger als eine effektvolle Ausgestaltung der Schießbahn ist, sich immer wieder deutlich zu machen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten man bei einer Schießausbildung erlangen will und mit welchen Methoden und Mitteln man dies am besten erreicht. Dabei wird man häufig feststellen, daß sich zur Erreichung vieler Ausbildungsziele auch Schießübungen eignen, die auf den ersten Blick mehr nach „Fun Shooting“ oder „Plinking“ aussehen, oder aus anderen Gründen nicht in die landläufige stereotype Vorstellung vom ernstfallorientierten Schießen passen.

Augenblickliche Trefferwahrnehmung

Eine ganze Reihe von Beispielen hierzu läßt sich unter den Schießübungen finden, bei denen Ziele beschossen werden, die auf Treffer deutlich bemerkbar reagieren, im einfachsten Fall kann es sich dabei um Übungen handeln, bei denen Blechbehälter, wie sie z. B. für Farben oder Essiggurken verwendet werden, als Ziele dienen. Diese zeigen jeden Treffer sowohl optisch, durch die Bewegung des Ziel beim Einschlag, als auch akustisch an. Dadurch merkt der Schütze sofort, ob er getroffen hat, und kann sich in seinem Verhalten und Schießrhythmus auf die Bekämpfung weiterer Ziele einstellen. Beim Schießen auf Papierscheiben ist dies kaum möglich, da die kleinen Löcher auf der Scheibe in schnell ablaufenden Schießübungen und unter realistischen Beleuchtungsbedingungen nur sehr schlecht zu erkennen sind und eine Ermittlung der Treffer meist erst nach dem jeweiligen Durchgang möglich ist. In realen Feuergefechten ist es für das weitere Verhalten aber durchaus von Bedeutung, ob z. B. ein Revolverschütze, der drei unterschiedlich weit entfernten Gegnern gegenübersteht, nach den ersten zwei oder drei abgegebenen Schüssen mehrere Treffer verbuchen kann oder nur danebengeschossen hat. Im letzteren Fall wird gerade beim Revolver das Verhältnis von noch verfügbarer Munition zur Anzahl der weiteren kampffähigen Gegner schon recht ungünstig. Hier ist dann zu prüfen, ob z. B. die nächste Deckung nicht so nahe liegt, daß man lieber diese nutzt, als sich darauf zu verlassen, daß man mit den letzten Patronen schon noch treffen wird. Solche Entscheidungen müssen aber in Sekundenbruchteilen während des momentanen Schußwaffeneinsatzes fallen, und daher in den Schießübungen auch immer wieder vom Schützen abgefordert werden.

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Verteidigungsschießen: Die Nutzung seitlicher Deckungen

Bei der High Port Position wird die Waffe etwa in Kopfhöhe mit nach oben gerichteter Mündung eng am Körper gehalten.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 6-7 1993. (Online-Quelle hier)

Die Nutzung seitlicher Deckungen an Türstöcken, Mauerecken und ähnlichem hat vor allem in bebautem Gelände und innerhalb von Gebäuden einen hohen Stellenwert. Die wichtigsten Techniken zur Nutzung solcher Deckungen sollten Bestandteil jeder Ausbildung im Verteidigungsschießen sein.

Die Nutzung von Deckungen ist ein zentraler Aspekt in der Taktik bewaffneter Konfrontationen. Es gibt ebenso zahlreiche mögliche Deckungsformen wie es Techniken gibt, sie im Feuerkampf auszunützen. Im Rahmen eines begrenzten Ausbildungsaufwands kommt es vor allem darauf an, die am häufigsten vorkommenden Grundformen von Deckungen in das Trainingsprogramm aufzunehmen und die zweckmäßigsten Techniken auszuwählen.

Eine der Grundformen sind hohe Deckungen, die nur seitlich genutzt werden können. Darunter fallen Türstöcke, vorspringende Mauern und Hausecken ebenso wie Betonpfeiler oder Materialstapel. Doch auch Litfaßsäulen und dickere Bäume kommen hier in Betracht. Allein aus dieser Aufzählung ist ersichtlich, daß derartige Deckungen in einer Vielzahl von möglichen Konfrontationen eine Rolle spielen können. Es ist deshalb zweckmäßig, sie als Standardelement in eine Taktikausbildung mit einzubeziehen.

Im wesentlichen gelten hier für ein breites Spektrum von Situationen und einen großen Personenkreis die gleichen Grundsätze. Allerdings muß man sich darüber im Klaren sein, daß nicht jede Gebäudeecke, jedes Mauerstück oder jeder Materialstapel sich auf das taktische Verhalten in gleicher Weise auswirken. Ergibt z. B. der erste Blick um die Hausecke, daß das vorausliegende Terrain überwiegend frei und offen ist, und verläuft die Hauswand hinter der Ecke gerade und ohne Nischen und Vorsprünge, so wird die Gefährdung durch plötzlich aus kurzer Distanz auftauchende Gegner relativ gering sein. Dafür ergibt sich hier die Gefahr von Geschoß- und Mauersplittern, wenn man von vorn beschossen wird. Denn befindet sich der Gegner an der gegenüberliegenden Gebäudeecke, verläuft seine Schußrichtung nahezu parallel zur Hauswand oder doch in einem sehr flachen Winkel, was ein Ricochettieren selbst bei weicheren Geschossen wahrscheinlich macht. Und auch wenn sich viele Geschosse dabei zerlegen, muß doch bedacht werden, daß Mauer- und Projektilsplitter die bei der eigenen Schußabgabe exponierten Körperteile verletzen können.

Ganz anders sieht es bei der Nutzung von Mauervorsprüngen (z. B. Trennwände zwischen Terrassen) oder Türstöcken aus. Hier ist die Wahrscheinlichkeit von ricochettierenden Geschoßteilen sehr gering, weil nur die relativ kleine Fläche einer Mauerstärke dafür in Frage kommt. Allerdings besteht bei dieser Deckungsform die Gefahr, daß Hände und Waffe in den Bereich von direktem seitlichem Beschuß geraten, wenn man sie über die Mauer hinaus nach vorn streckt.

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Selbstverteidigung mit der Flinte (4)

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 12/1994. (Online-Quelle hier)

Zuvor erschienen: Selbstverteidigung mit der Flinte (1) und Teil 2 (das Heft mit Teil 3 habe ich [Cernunnos] leider nicht)

Die taktischen Verhaltensweisen sind das entscheidende Element, das den ernstfallorientierten Waffengebrauch vom Sportschießen unterscheidet. Die Waffen- und Munitionswahl, Waffenhaltungen, Anschlagarten oder das Vorgehen in unklarer Lage müssen stets vor diesem Hintergrund gesehen werden.

Eine ernstfallbezogene Schießausbildung wird den praktischen Anforderungen erst gerecht, wenn sie neben der reinen Schießtechnik auch das taktisch erforderliche Verhalten vermittelt, das notwendig ist, um ein Feuergefecht erfolgreich zu überstehen. Dabei kann man diese Verhaltensmuster in allgemeine Regeln unterteilen, die immer gelten, unabhängig davon, welcher Waffenart man sich bedient, und in Spezialregeln, welche die Besonderheiten einer bestimmten Waffenart berücksichtigen.

In diesem Beitrag werden wir die allgemeinen Regeln nur am Rande betrachten und den Schwerpunkt auf das für den Umgang mit der Repetierflinte typische Verhalten legen. Es muß dabei im Auge behalten werden, daß sich die Schießtechnik zwar losgelöst von allen taktischen Verhaltensweisen trainieren läßt und daß man andererseits auch Taktiken einüben kann, ohne einen einzigen Schuß dabei abzugeben, daß aber beide Gebiete sich inhaltlich logischerweise beeinflussen. Schließlich wählt man im kampfmäßigen Schießen die einzelnen Technikbausteine, wie etwa die Schießhaltung, ja nicht nur nach den Kriterien einer guten Trefferleistung aus, sondern achtet darauf, daß derartige Bausteine im Einklang mit dem taktischen Gesamtverhalten stehen. Auch bei der Waffenhandhabung zeigt sich, daß im Ernstfall nicht die Handgriffe, die in hochspezialisierten Sportarten die letzten Sekundenbruchteile bringen, zweckmäßig sind, sondern daß Dinge wie Streßstabilität, Ausführbarkeit hinter Deckungen und ähnliches viel entscheidender sind. Im kampfmäßigen Schießen ist das Treffen eben kein Selbstzweck wie im Sport, sondern nur ein Element von mehreren, die den Ausgang eines Feuergefechtes beeinflussen.

Taktik überwiegt

Es lassen sich zwar keine Prozentzahlen angeben, die ausdrücken, wie groß der jeweilige Einfluß der Taktik oder der Schießtechnik auf den Verlauf einer Konfrontation sein kann, meines Erachtens überwiegt der Einfluß der Taktik aber deutlich gegenüber der reinen Schießtechnik. Und letztlich beeinflussen sich Taktik und Schießtechnik ja immer gegenseitig.

Die Besonderheiten des taktischen Verhaltens im Umgang mit der Flinte ergeben sich unter anderem aus der größeren Sperrigkeit, die diese Langwaffe verglichen mit einer Faustfeuerwaffe aufweist. Dies erfordert z. B. bei der Annäherung an Ecken und Hindernisse spezielle Verhaltensweisen, die den Nachteil der erheblichen Waffenlänge möglichst gering halten.

Bewegung mit bereitgehaltener Waffe

Eines der Grundprobleme liegt darin, wie man die Waffe halten soll, wenn man sich mit ihr bewegen muß. Da dies nicht immer mit angeschlagener Waffe möglich bzw. zweckmäßig ist, existieren sogenannte Bereitschaftshaltungen, die man immer dann einnimmt, wenn man nicht unmittelbar schießen muß, keiner aktuellen Bedrohung ausgesetzt ist oder einen Gegner in Schach hält, sowie immer dann, wenn man sich von Deckung zu Deckung bewegt oder sich erst an den Ort des Geschehens annähert.

Eine Bereitschaftshaltung muß einerseits Bewegungen unter räumlich beengten Verhältnissen zulassen und darf den Schützen bei der Annäherung an Ecken nicht frühzeitig verraten, sie muß andererseits aber ein schnelles Anschlagen der Flinte ermöglichen, auch wenn ein Gegner überraschend auf kurze Entfernung hinter einem Hindernis auftaucht.

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Selbstverteidigung mit der Flinte (2)

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 10/1994. (Online-Quelle hier)

Zuvor erschienen: Die Selbstverteidigung mit der Flinte (1)

Das Beherrschen der Ladetätigkeiten und der Handhabung ist die Grundlage für die Schießausbildung mit der Repetierflinte. Vieles aus diesem Ausbildungsbereich ist für einen effizienten Feuerkampf gleichermaßen wichtig wie für die Sicherheit am Schießstand.

Auch wenn die Handhabung einer Repetierflinte auf den ersten Blick überaus einfach erscheint, gibt es doch eine ganze Reihe von Einzeltätigkeiten und Besonderheiten, die man nicht nur kennen, sondern auch praktisch beherrschen muß, wenn man ernsthaft in Betracht zieht, die Waffe im Notfall zur Verteidigung einzusetzen. Es ist eben ein gewaltiger Unterschied, ob man auf dem Schießstand seine Flinte in Ruhe laden und schußbereit machen kann, um dann ein paar Schuß damit abzugeben, oder ob man seine Waffe im Streß einer Notwehrsituation wirklich beherrscht. Und gerade letzteres muß ja Ziel einer Ausbildung im Verteidigungsschießen sein, wenn eine solche Ausbildung nicht nur zu einer trügerischen Selbsttäuschung führen soll. Abgesehen davon ist eine Beherrschung der Waffenhandhabung unabdingbare Voraussetzung für einen sicheren und unfallfreien Umgang mit der Waffe.

Eine ausreichende Grundfertigkeit im Umgang mit der Flinte muß schon vor der Abgabe des ersten scharfen Schusses bestehen. Das betrifft vor allem das Laden und Entladen, sowie alle Handgriffe, die erforderlich sind, um die unterschiedlichen Grade der Schußbereitschaft an der Waffe zu erstellen oder zu verändern. Andere Tätigkeiten, wie das Beseitigen von Störungen oder das kontinuierliche Nachladen während des Feuergefechtes, können später im Rahmen der eigentlichen Schießausbildung erlernt werden. Beginnen sollte man auf jeden Fall mit dem systematischen Üben der elementaren Handgriffe.

Von den verschiedenen Lade-Methoden, die gelehrt und beschrieben werden, hat sich die folgende am besten bewährt: Die Flinte wird dabei zum Laden mit der rechten Hand am Kolbenhals gehalten, und die Patronen werden mit der linken Hand ins Magazinrohr geschoben. Diese Methode hat u. a. den Vorteil, daß sich die Flinte auf diese Weise unter den unterschiedlichsten Bedingungen am besten handhaben und kontrollieren läßt. Das wird vor allem deutlich, wenn man die Waffe im Liegen, hinter Deckungen oder unter räumlich eingeschränkten Verhältnissen nachladen muß, also etwa immer dann, wenn man Ladetätigkeiten im laufenden Feuergefecht auszuführen hat, wo man sich Platz und Körperhaltung kaum aussuchen kann, und die Zeiträume nutzen muß, die einem der Gegner läßt.

Praxisgerechtes Nachladen

In diesen Situationen wäre die ebenfalls oft beschriebene Methode – die Flinte mit der linken Hand am Vorderschaft zu halten und mit der rechten die Patronen zuzuführen – erheblich umständlicher. Die Tatsache, daß man mit der rechten Hand vielleicht etwas geschickter ist, wenn man die Patronen durch den engen Ladeschacht und gegen den Widerstand der Sperrklinken ins Magazinrohr schiebt, ist in diesem Fall nicht relevant. Wichtiger ist, eine Technik zu beherrschen, die im kampfmäßigen Schießen an alle denkbaren Situationen angepaßt werden kann.

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Die Selbstverteidigung mit der Flinte (1)

Winchester „Defender“, eine typische Vorderschaftrepetierflinte zur Selbstverteidigung.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 8-9/1994 (Titelbild von Cernunnos eingefügt, restliche Bilder aus dem IWM-Artikel). Online-Quelle hier.

Will man sich eine Flinte zu Verteidigungszwecken zulegen, ist man schnell mit einer solchen Vielfalt an angebotenen Modellen konfrontiert, daß die Wahl zur Qual wird. Ähnlich wie bei anderen Waffen, ist es auch hier schwierig festzulegen, was grundsätzlich und für alle Fälle das ideale und allein seligmachende Modell ist, denn fast jedes weist eine andere Kombination von Eigenschaften auf, welche sich unter verschiedenen Einsatzbedingungen mal als Vor- und mal als Nachteil erweisen können. Nur eines ist mehr oder weniger sicher – eine Verteidigungsflinte sollte zumindest eine Repetierflinte sein.

Auch bei der Wahl einer Verteidigungsflinte sollte man bedenken, daß es ideale Verteidigungswaffen kaum gibt. Manche vermeintlich nachteilige Eigenschaften lassen sich jedoch durch ein Mehr an Ausbildung kompensieren, andere Nachteile sind durch geeignetes Zubehör zu beheben und andere Eigenschaften äußern sich nur unter ganz bestimmten Randbedingungen als ausgeprägte Vor- oder Nachteile. Die Wahl einer Verteidigungswaffe ist immer ein individueller Entscheidungsprozeß. In einem Beitrag, in dem es darum geht, Auswahlkriterien für eine Repetierflinte zu Verteidigungszwecken darzustellen, kann es also nicht Ziel sein, „die Flinte des Jahres“ zu wählen, sondern eher, die entscheidenden Waffeneigenschaften deutlich zu machen und zu bewerten. Dabei ist es auch wichtig, herauszustellen, welche Eigenschaften einer Flinte im Ernstfall entscheidend sind und welche weniger ins Gewicht fallen.

Ein Merkmal, das bei Repetierflinten der meisten großen Hersteller relativ variabel ist, ist die Lauflänge. Vor allem Mossberg und Remington bieten ein breites Sortiment an Läufen für ihre Flinten an, wobei für Verteidigungsflinten vor allem die kurzläufigen, kompakten Varianten – meist 46 cm bis 51 cm – in Frage kommen.

Flinten mit langen Läufen zu unhandlich

70 cm- bis 76 cm-Läufe bringen durch ihre längere Visierlinie nur bei bestimmten Einsatzzwecken, z. B. der Jagd auf hochfliegendes Flugwild, Vorteile, nicht jedoch in Verteidigungssituationen.

Waffen mit einer Gesamtlänge von über 1,2 m sind in den meisten realistischen Verteidigungslagen einfach zu sperrig. Bei der Annäherung an Ecken oder beim Anschlag hinter Deckungen und unter räumlich engen Verhältnissen macht sich jeder Zentimeter überflüssiger Lauflänge unangenehm bemerkbar. Und ballistisch bringen ein paar Zentimeter Lauflänge mehr oder weniger auch keine gravierenden Unterschiede.

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