Das Havamal: des Hohen Lied

Frolich Havamal

Aus der Älteren Edda, hier in der von Dr. Manfred Stange überarbeiteten Übersetzung des deutschen Philologen und Dichters Karl Simrock aus dem Jahr 1851. Mit „dem Hohen“ ist Odin gemeint, der hier Ratschläge erteilt und von seinen Erfahrungen erzählt.

1. Teil

1) Der Ausgänge halber, bevor du eingehst,
Stelle dich sicher,
Denn ungewiß ist, wo Widersacher
Im Hause halten.

2) Heil dem Geber! Der Gast ist gekommen:
Wo soll er sitzen?
Atemlos ist, der unterwegs
Sein Geschäft besorgen soll.

3) Wärme wünscht, der vom Wege kommt
Mit erkaltetem Knie;
Mit Kost und Kleidern erquicke den Wandrer,
Der über Felsen fuhr.

4) Wasser bedarf, der Bewirtung sucht,
Ein Handtuch und holde Nötigung.
Mit guter Begegnung erlangt man vom Gast
Wort und Wiedervergeltung.

5) Witz bedarf man auf weiter Reise;
Daheim hat man Nachsicht.
Zum Augengespött wird der Unwissende,
Der bei Sinnigen sitzt.

6) Doch steife sich niemand auf seinen Verstand,
Acht hab er immer.
Wer klug und wortkarg zum Wirte kommt
Schadet sich selten:
Denn festern Freund als kluge Vorsicht
Mag der Mann nicht haben.

7) Vorsichtiger Mann, der zum Mahle kommt,
Schweigt lauschend still.
Mit Ohren horcht er, mit Augen späht er,
Und forscht zuvor verständig.

8) Selig ist, der sich erwirbt
Lob und guten Leumund.
Unser Eigentum ist doch ungewiß
In des andern Brust.

9) Selig ist, wer selbst sich mag
Im Leben löblich raten,
Denn übler Rat wird oft dem Mann
Aus des andern Brust.

10) Nicht beßre Bürde bringt man auf Reisen
Als Wissen und Weisheit.
So frommt das Gold in der Fremde nicht,
In der Not ist nichts so nütze.

11) Nicht üblern Begleiter gibt es auf Reisen
Als Betrunkenheit ist,
Und nicht so gut als so mancher glaubt
Ist Äl den Erdensöhnen,
Denn umso minder, je mehr man trinkt,
Hat man seiner Sinne Macht.

12) Der Vergessenheit Reiher überrauscht Gelage
Und stiehlt Besinnung.
Des Vogels Gefieder befing auch mich
In Gunnlöds Haus und Gehege.

13) Trunken ward ich und übertrunken
In des schlauen Fialars Felsen.
Trunk mag taugen, wenn man ungetrübt
Sich den Sinn bewahrt.

14) Schweigsam und vorsichtig sei des Fürsten Sohn
Und kühn im Kampf.
Heiter und wohlgemut erweise sich jeder
Bis zum Todestag.

15) Der unwerte Mann meint ewig zu leben,
Wenn er vor Gefechten flieht.
Das Alter gönnt ihm doch endlich nicht Frieden,
Obwohl der Speer ihn spart.

16) Der Tölpel glotzt, wenn er zum Gastmahl kommt,
Murmelnd sitzt er und mault.
Hat er sein Teil getrunken hernach,
So sieht man, welchen Sinns er ist.

17) Der weiß allein, der weit gereist ist,
Und hat vieles erfahren,
Welchen Witzes jeglicher waltet,
Wofern ihm selbst der Sinn nicht fehlt.

18) Lange zum Becher nur, doch leer’ ihn mit Maß,
Sprich gut oder schweig.
Niemand wird es ein Laster nennen,
Wenn du früh zur Ruhe fährst.

19) Der gierige Schlemmer, vergißt er der Tischzucht,
Schlingt sich schwere Krankheit an;
Oft wirkt Verspottung, wenn er zu Weisen kommt,
Törichtem Mann sein Magen.

20) Selbst Herden wissen, wann zur Heimkehr Zeit ist,
Und gehen vom Grase willig;
Der Unkluge kennt allein nicht
Seines Magens Maß.

21) Der Armselige, Übelgesinnte
Hohnlacht über alles
Und weiß doch selbst nicht, was er wissen sollte,
Daß er nicht fehlerfrei ist.

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