Wilfred Thesiger bei den Beduinen

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[In dieser Form ursprünglich veröffentlicht von Deep Roots auf „As der Schwerter“. Bildauswahl von Deep Roots.]

Heute bringe ich keine Übersetzung, sondern eine „Abschreibeübung“, nämlich Auszüge aus dem Reisebericht des britischen Kolonialbeamten Wilfred Thesiger, der auf der Suche nach den Brutstätten der Wanderheuschrecken 1948-52 zweimal die gefürchteten „Empty Quarters“, das „Leere Viertel“ der großen arabischen Sandwüste durchquerte. Thesiger ist zwar ein Araberversteher, dessen Werturteile uns teilweise gegen den Strich gehen werden (das müssen wir halt „aushalten“), aber seine Schilderungen bieten uns von „unverdächtiger“ Seite Eindrücke davon, wie anders die Wüstenaraber sind, wie sehr ihre in Jahrtausenden evolutionär geprägten Wesenszüge und Wertmaßstäbe sie in kaum veränderbarer Weise von uns unterscheiden, und zeigen uns, daß man sie auf Gebieten, von denen sie etwas verstehen, bestimmt nicht unterschätzen darf.

Und gegenüber den Zukunftsprognosen, die Thesiger in seinen letzten Absätzen äußert, sieht unsere heutige Wirklichkeit, mehr als ein halbes Jahrhundert später, doch sehr anders, sogar konträr aus. Aber lassen wir ihn nun erzählen:

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 BEI DEN BEDUINEN, von Wilfred Thesiger

Den Brunnen Shisur hatten wir vor acht Tagen verlassen, und unser Wasservorrat war vor 24 Stunden zu Ende gegangen. Wir befanden uns in der Nähe von Bir Hanu, dem „Süßen Brunnen“, als wir an einer Stelle, wo vor einigen Monaten Regen gefallen war, auf Büsche von gelbblühenden Tribulus stießen. Nachdem unsere Kamele eine Zeitlang geweidet hatten, schlug ich vor, wir sollten weiter zum Brunnen ziehen, denn ich hatte Durst. Schließlich brachen Tamtaim, Sultan und Musallim mit mir auf. Die anderen sagten, sie kämen später nach, wenn ihre Kamele satt seien. Am Brunnen angekommen, sattelten wir unsere Kamele ab, tränkten sie und ließen uns dann in der Nähe des Brunnens nieder. Noch hatte keiner von uns getrunken. Ich wollte nicht ungeduldig erscheinen, aber schließlich schlug ich vor, daß wir trinken sollten. Sultan reichte mir eine Schale mit Wasser. Ich bot sie dem alten Tamtaim an, doch der meinte, ich solle nur trinken, er werde auf die anderen warten. Und er fügte hinzu, es sei nicht schicklich, wenn er trinke, ehe sie einträfen, seien sie doch seine Reisegefährten. Ich hatte bereits gelernt, daß ein Bedu seinen Gefährten niemals etwas voraus haben will und daß er daher niemals in ihrer Abwesenheit ißt, aber diese Enthaltsamkeit schien mir übertrieben. Die anderen kamen erst fünf Stunden später. Und ich war schon recht verzweifelt und sehr durstig. Zufälligerweise schmeckte das Wasser, das wunderbar kühl und klar aussah, als sei es mit einer starken Dosis Bittersalz versetzt. Ich nahm einen großen Schluck und spuckte es unwillkürlich wieder aus. Das war meine erste Erfahrung mit dem Wasser von al-Rimal, den Großen Sanden.

Plötzlich ließ der Wachtposten auf dem Hang einen Warnruf ertönen. Wir ergriffen unsere Gewehre, die wir stets zur Hand hatten, und gingen um den Brunnen in Stellung. Die Kamele wurden rasch hinter dem Felsrücken versammelt. In der Ferne konnten wir Reiter näherkommen sehen. Jeder Fremde gilt hier als Feind, solange er nicht seine friedlichen Absichten zu erkennen gibt. Wir feuerten zwei Schüsse in die Luft. Die Reiter kamen unbeirrt näher, schwenkten ihre Kopftücher, und einer von ihnen sprang von seinem Kamel und warf eine Handvoll Sand in die Luft. Wir ließen die Gewehre sinken, und einer sagte: „Es sind Raschid – ich kann Bin Shuwas’ Kamel erkennen.“ Die Bedu erkennen Kamele, noch ehe sie einen Menschen erkennen können.

Die Reiter waren nun ganz nahe gekommen. Die Bait Kathir konnten die einzelnen beim Namen nennen. „Das ist Bin Shuwas.“ „Das ist Mahsin.“ „Das ist al-Auf.“ „Das sind Bin Kabina und Amair und Sa’du und Bin Mautlauq.“ Es waren sieben Raschid. Wir stellten uns in einer Reihe auf, um sie zu empfangen. Dreißig Meter vor uns brachten sie ihre Kamele zum Stehen, ließen sie durch einen Schlag auf den Hals in die Knie gehen, saßen ab und kamen auf uns zu. Mahsin, den ich an seinem Hinkebein erkannte, rief: „Salam Alaikum.“ Und wir antworteten im Chor: „Alaikum al-Salam.“ Dann kamen sie im Gänsemarsch an uns vorüber und begrüßten jeden mit dem dreifachen Nasenkuß, wobei die Nase die des anderen rechts, links und noch einmal rechts berührt, und stellten sich uns gegenüber auf. Tamtaim sagte zu mir: „Frage sie nach Neuigkeiten.“ Ich aber antwortete: „Nein, tu du das. Du bist der Älteste.“ Tamtaim rief: „Was habt ihr Neues zu berichten?“ Mahsin antwortete: „Nur Gutes.“ Wieder fragte Tamtaim: „Ist einer gestorben? Ist einer fortgegangen?“ Sofort kam die Antwort: „Nein! Sag so etwas nicht!“ Frage und Antwort waren so unveränderlich wie die des Wechselgesanges einer Litanei. Ganz gleich, was sich tatsächlich ereignet hatte, sie änderten sich nie. Die Ankömmlinge hätten mit Räubern gekämpft, die Hälfte ihrer Leute verloren und noch immer nicht bestattet haben können, ihre Kamele hätten geraubt, jederlei Unglück, Hunger, Durst oder Krankheit hätte sie getroffen haben können, und doch hätten sie bei dieser ersten offiziellen Begrüßung niemals etwas anderes gesagt als: „Nur Gutes.“ Nun kehrte sie zu ihren Kamelen zurück, nahmen die Sättel ab, banden die Vorderbeine zusammen und ließen die Tiere laufen. Inzwischen hatten wir Teppiche für sie ausgebreitet, und Tamtaim rief Bin Anauf zu, er möge Kaffee bereiten. Als dies geschehen war, stellte Musallim vor jeden der Männer eine Schale mit Datteln, schenkte stehend den Kaffee aus und reichte Mahsin und den anderen in der Reihenfolge ihres Ansehens den Kaffee. Sie tranken, aßen Datteln und bekamen neuen Kaffee. Nun endlich sollten wir ihre Neuigkeiten erfahren.

Das Gesetz der Blutrache

Dann erzählte Bin Mautlauq von dem Überfall, bei dem der junge Sahail getötet worden war. Er und 14 seiner Gefährten waren auf eine kleine Herde Sai’ar-Kamele gestoßen. Ehe der Hirte auf dem schnellsten seiner Kamele floh, hatte er zwei Schüsse abgefeuert, und einer davon hatte Sahail in die Brust getroffen. Bakhit hielt den sterbenden Sohn im Arm, als sie mit sieben Beutekamelen wieder über die Ebene zurückritten. Sahail war am späten Nachmittag verwundet worden, und er lebte noch bis beinahe zum Sonnenuntergang. Er bat um Wasser, das sie nicht hatten. Sie ritten die ganze Nacht hindurch, um den Verfolgern zu entfliehen. Bei Sonnenaufgang kamen sie in ein flaches Tal, in dem ein paar Angehörige der Sai’ar unter einem Baum lagerten. Eine Frau stampfte Butter in einer Tierhaut, ein Knabe und ein Mädchen melkten die Ziegen. Unter dem Baum saßen ein paar kleine Kinder. Der Knabe sah die Reiter als erster und versuchte zu entfliehen, doch sie holten ihn auf einem niederen Felshang ein. Er war etwa 14 Jahre alt, ein wenig jünger als Sahail und unbewaffnet. Als sie ihn umzingelten, steckte er zum Zeichen der Kapitulation seine Daumen in den Mund und bat um Gnade. Keiner antwortete. Bakhit stieg aus dem Sattel, zog seinen Dolch und jagte ihn dem Knaben in die Rippen. Der Knabe brach zu seinen Füßen zusammen und stöhnte: „O mein Vater! O mein Vater!“ Bakhit blieb vor ihm stehen, bis er gestorben war, und stieg wieder in den Sattel. Sein Kummer war durch den Mord, den er gerade begangen hatte, ein wenig gelindert worden. Während Bin Mautlauq erzählte und mit glühenden, geröteten Augen über die Ebene starrte, sah ich die Szene in grauenhafter Deutlichkeit vor mir: die kleine langhaarige Gestalt im weißen Lendentuch zusammengekrümmt auf dem Boden, die immer größer werdende Blutlache, die begierigen Fliegen, das verzweifelte Klagen der dunkelgekleideten Frauen, die verschreckten Kinder, das schrille, unaufhörliche Geschrei eines Säuglings.

Auf dem ganzen Ritt verfolgte mich der Gedanke an das ermordete Kind, während die Araber um mich her sich zu schwätzenden Gruppen zusammenschlossen und wieder auflösten und dabei aufmerksam in die Runde spähten. Wenn die Sai’ar uns überfielen, hatte jeder einzelne meiner Begleiter sein Leben verwirkt. So gnadenlos das uralte Gesetz des Auge-um Auge und Zahn-um-Zahn auch sein mochte, ich war mir doch klar, daß es bei einem Volk, das keiner höheren Autorität unterstand und ein Menschenleben gering achtete, das einzige Mittel war, um schrankenloses Blutvergießen zu verhindern. Denn niemand wird seine ganze Familie oder seinen Stamm leichtfertig einer Blutfehde aussetzen.

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