Teilchenbeschleuniger 2: Verteidigung mit Kipplauf-Flinten

MORGENWACHT

Bockdoppelflinte Baikal IJ 27

Von Deep Roots (ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“ am 21. Oktober 2015; Links für hier angepaßt)

In dieser Fortsetzung zu meinem ersten Flintenratgeber „Teilchenbeschleuniger 1“ werde ich hauptsächlich auf die praktischen Aspekte der Verteidigung mit Kipplaufflinten eingehen, der wahrscheinlich verbreitetsten Flintenart. Diese wird wohl auch häufiger als halbautomatische und Repetierflinten von Leuten angeschafft oder zum Kauf in Erwägung gezogen werden, die bis dahin eher Waffenlaien waren und nur eine wirksame Schußwaffe für die Selbstverteidigung besitzen wollen. Die ballistischen Ausführungen in diesem Artikel werden natürlich auch für Besitzer anderer Flintenarten interessant sein; Wiederholungen von Informationen, die bereits im ersten „Teilchenbeschleuniger“-Artikel enthalten sind, sollen weitgehend unterbleiben.
Hier zunächst noch einmal kurz die aktuelle Situation bezüglich

ERWERB UND BESITZ VON KIPPLAUFFLINTEN UND FLINTENMUNITION

In Österreich war der Erwerb von Kipplaufflinten bis zum Inkrafttreten des Waffengesetzes 2010 am 1. Oktober 2012 für über 18jährige völlig frei und formlos möglich…

Ursprünglichen Post anzeigen 7.243 weitere Wörter

Teilchenbeschleuniger 1

MORGENWACHT

Ein weiterer Krisenvorbereitungsartikel von Deep Roots(ursprünglich veröffentlicht auf „As der Schwerter“; zuletzt aktualisiert am 17. Oktober 2015 – Änderung bezüglich Zerlegen und Entspannen). [Anm. des Autors für die Nachveröffentlichung auf „Morgenwacht“: der erste Teil über die waffenrechtliche Situation in Österreich ist nunmehr historisch und gibt den Stand vor Inkrafttreten des aktuellen Waffengesetzes 2010 am 1. Oktober 2012 wieder. Ich lasse ihn aber trotzdem so drin. Wen’s nicht interessiert: einfach drüberscrollen bis „Waffengesetz-Novelle 2010“. Auch die Preisangaben entsprechen dem Stand von 2012.]

In diesem Beitrag möchte ich mich mit Flinten befassen, und da es hier um Volksbewaffnung geht, werde ich die halbautomatischen Flinten wie die Beretta im Bild oben sowie Repetierflinten ausklammern und mich auf Kipplaufflinten konzentrieren, die man in Österreich frei ab 18 Jahren erwerben kann und die noch bis zum Inkrafttreten der Waffengesetznovelle 2010 (am 1. Oktober 2012) ohne behördliche Registrierung erhältlich sind und auch danach nur…

Ursprünglichen Post anzeigen 11.243 weitere Wörter

Magnumkaliber im Verteidigungsschießen

Einschußloch in Tonblock, verursacht von .44 Magnum-Patrone von Norma mit 240-grs-Teilmantelgeschoß.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffen-Magazin“ 6-7 1996 (dort unter dem Titel „Magnumkaliber im Verteidigungsschießen (2)“; das Heft mit Teil 1 habe ich [Cernunnos] leider nicht). Online-Quelle hier.

Die typischen Magnumpatronen liegen nicht nur in der Durchschlagsleistung, sondern auch in anderen Aspekten der Zielwirkung zum Teil deutlich über jenen der Standard-Pistolenpatronen 9 mm Luger und .45 ACP. Dies muß aber auch durch einige Nachteile, wie dem höheren Rückstoß und den größeren Abmessungen der entsprechenden Waffen erkauft werden.

Neben der Durchschlagsleistung, die im ersten Teil dieser Kurzserie betrachtet wurde, wird vor allem die kinetische Energie häufig als konstante Größe verwendet, um das Leistungsvermögen von Geschossen und Patronen zu beschreiben. Solange man dabei nur die Gesamtenergie betrachtet, die ein Projektil nach dem Verlassen des Laufes besitzt, ist dies ziemlich einfach. Denn schließlich läßt sich die kinetische Energie relativ leicht aus der Geschwindigkeit und der Masse des Geschosses errechnen, und beide Größen sind relativ leicht meßbar. In der praktischen Anwendung von Waffen interessiert aber meist gar nicht so sehr, welche Gesamtenergie ein Geschoß besitzt, sondern vielmehr, wieviel Energie es an ein bestimmtes Ziel abgibt oder wieviel Energie es nach dem Durchschlagen eines bestimmten Zieles noch besitzt. Letzteres sagt vor allem etwas darüber aus, welche Wirkung ein Geschoß nach dem Durchschlag einer Deckung beim Gegner hervorrufen kann, oder welche Gefährlichkeit es für das Umfeld besitzt.

Meist steht aber die ans Ziel abgegebene Energie im Mittelpunkt der Betrachtung, wenn es darum geht, das Leistungsvermögen einer bestimmten Patrone zu bewerten. Denn nur dieser Anteil der Geschoßenergie kann genutzt werden, um Zerstörungen oder Verformungen im Ziel hervorzurufen. In erster Näherung kann man auch sagen, die Zerstörung oder Verformung im Ziel ist proportional zur Energie, die an das Ziel abgegeben wurde.

Auf derartigen Überlegungen basieren z. B. die neueren Ansichten über die Mannstoppwirkung, in denen die abgegebene Energie einer der entscheidenden Faktoren ist. Diesen Theorien liegt die Hypothese zu Grunde, daß die durch den Treffer erzeugte Handlungsunfähigkeit in hohem Maße davon abhängt, wieviel Gewebevolumen zerstört worden bzw. in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Da diese Volumina von der abgegebenen Geschoßenergie abhängen, wird in manchen dieser Theorien ein proportionaler Zusammenhang zwischen abgegebener Geschoßenergie und Handlungsunfähigkeit des Getroffenen unterstellt.

Schwierigkeiten bei der Voraussage der Wirkung

Leider ist es aber relativ schwierig, die von einem bestimmten Geschoß an ein lebendes Ziel abgegebene Energiemenge anhand von theoretischen Überlegungen vorauszuberechnen. Folglich fehlt es nicht an Versuchen, sie durch den Beschuß von Vergleichsmaterialien zu ermitteln. Allerdings ist auch diese Methode nicht ganz unproblematisch und hat teilweise, je nachdem, welche Erkenntnisse man daraus ziehen will, einen erheblichen Interpretationsbedarf.

Ein typisches Material für derartige Beschußversuche ist die sogenannte ballistische Gelatine. Dieses Material hat den Vorteil, daß es bezüglich bestimmter zielballistischer Werte, wie Eindringwiderstand oder spezifisches Gewicht, organischem Gewebe sehr ähnlich ist.

Nachteilig bei Gelatine ist aber, daß die Ermittlung der Energieabgabe an das Vergleichsziel sehr aufwendig ist. Denn Gelatine zeigt genau wie biologisches Gewebe unmittelbar während des Geschoßdurchganges eine kurzzeitige Verformung (temporärer Wundkanal), die sich sehr schnell wieder zurückbildet, und eine dauernde Verformung (bleibender Wundkanal), die aber nur einen Teil der Geschoßwirkung widerspiegelt. Um die gesamte Energieabgabe zu berücksichtigen, müssen daher spezielle Verfahren angewendet werden, die auch die kurzzeitige Ausbildung der temporären Verformung mit erfassen.

(mehr …)

MythBusters: „Bulletproof Water“

Von Cernunnos (Original hier)

Ein interessantes Video der MythBusters ist „Bulletproof Water“, das in der hier in voller Länge wiedergegebenen Sendung enthalten ist.

In dem Mythos, der hier von Jamie Hyneman und Adam Savage untersucht wird, geht es darum, in welcher Wassertiefe man vor feindlichem Beschuß mit verschiedenen Kalibern sicher ist. Dazu haben die beiden zunächst einen drei Meter hohen Tank gebaut – ein hochformatiges Auquarium aus Acrylglasscheiben -, in dem sie einen paßgenau hergestellten Block aus ballistischer Gelatine in verschiedenen Höhen hineinhängen und senkrecht von oben beschießen, zunächst mit einer Pistole in 9 Para und dann mit Flintenlaufgeschossen Kaliber 12/76 aus einer Repetierflinte.

Bei der Pistole gab es in 6 und 7 Fuß Wassertiefe (183 bzw. 213,5 cm) jeweils einen glatten Durchschuß durch den Gelatineblock, während das Geschoß bei 8 Fuß (244 cm) Wassertiefe nur einen halben Zoll (knapp 1,5 cm) tief in die Gelatine eindrang.

Bei der Flinte war bemerkenswert, daß schon beim ersten Schuß (ab ca. 7 min.) eine der Acrylscheiben des Tanks durch die Druckwelle platzte, was eine Vorstellung von der Wucht eines solchen Geschoßeinschlags gibt.

Daraufhin wurden die Schußversuche in einem Schwimmbecken fortgesetzt, wobei schräg in das Wasser geschossen wurde. Als erstes war eine Schwarzpulver-Perkussionsbüchse an der Reihe, mit der durch eine schräge Wasserstrecke von 15 Fuß (457,5 cm) auf den Gelatineblock geschossen wurde. Dabei wurde das Ziel verfehlt, weil das Geschoß zu stark durch das Wasser abgelenkt worden war. Auf 5 Fuß war kein Geschoß zu finden, und erst auf 3 Fuß gab es einen tiefen Einschuß in die Gelatine.

Danach wurde mit einer AR-15-Variante im Kaliber .223 Remington (Vollmantelgeschosse)  auf 10 Fuß und dann auf 3 Fuß geschossen. Beide Male holte Adam die Splitter der Geschosse, die sich beim Einschlag ins Wasser komplett zerlegt hatten, vom Beckengrund herauf, wobei auf 3 Fuß wenigstens die Spitze des Geschosses in der Oberfläche des Gelatineblocks steckte.

Die gleichen Resultate gab es mit dem M1 Garand im Kaliber .30-06: zersplitterte Geschosse, und erst bei einer Schrägdistanz von 2 Fuß durchs Wasser drang das Geschoß 4 Zoll (15 cm) tief in die Gelatine ein.

Auch das Geschoß der gewaltigen ÜSMG-Patrone .50 BMG (12,7 x 99 mm) wurde nach ca. 3-4 Fuß in kleine Splitter zerrissen und erreichte nicht den Gelatineblock.

Diese Erfahrungen decken sich mit Erkenntnissen der Wundballistik, daß schnelle Vollmantel-Spitzgeschosse sich in Weichgewebe nach kurzer Eindringstrecke querstellen und durch die auftretenden Kräfte entweder zerbrechen oder zersplittern. Möglicherweise wurde dieser Effekt bei den Schüssen in das Schwimmbecken durch den schrägen Auftreffwinkel von 23° auf die Wasseroberfläche verstärkt und wäre bei senkrechtem Einschuß nicht oder erst nach längerer Unterwasserstrecke eingetreten.

Beschußsicherheit von Kraftfahrzeugen

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 9-1992 (dort erschienen unter dem Titel „Beschußsicherheit von Kraftfahrzeugen (1)“. (Online-Quelle hier)

Das Durchschlagsverhalten von Geschossen in Karosserien spielt nicht nur in polizeilichen Geiselbefreiungen eine Rolle, sondern auch in allen Situationen, in denen ein Fahrzeug als Deckung genutzt werden soll. Wie gut ein Fahrzeug dazu geeignet ist, hängt nicht nur von der Art des Beschusses, sondern auch von vielen anderen Umständen ab.

Bilder von beschossenen Autos kann man nicht nur im Kino, sondern auch in diversen Nachrichtensendungen über Terroranschläge und Attentate sehen. Aber auch Anschläge auf Privatleute und Raubüberfälle, bei denen sich die Opfer zum Zeitpunkt der Straftat in einem Auto befinden, kommen durchaus vor. Nachdem wir uns in einem früheren Beitrag mit der taktischen und schießtechnischen Abwehr derartiger Angriffe befaßt haben, lohnt es sich, der Frage nachzugehen, welchen Schutz ein normaler PKW gegen bestimmte Arten von Beschuß bietet, da die Qualität der Deckung, in diesem Fall des Autos, immer Auswirkungen auf die Erfolgsaussichten einer bestimmten Taktik hat.

Dabei ergibt sich gleich eine Reihe von Folgefragen, wie z. B. welche Kaliber die Karosserie oder die Scheiben durchschlagen, wie groß der Einfluß von verschiedenen Auftreffwinkeln ist, was ein Schuß auf die Reifen bewirkt oder wie der Motor auf einen Treffer reagiert.

Im ersten Teil dieser Untersuchung befassen wir uns zunächst mit der Durchschlagsleistung von Kurzwaffen bei Treffern in Karosserieteile und Glasscheiben.

Betrachtet man hierzu ein Auto einmal etwas genauer, so stellt man unschwer fest, daß die meisten potentiellen Geschoßflugbahnen so liegen, daß nur eine Glasscheibe oder einzelne Blechschichten durchschlagen werden müssen, um ins Fahrzeuginnere zu führen.

Da aber auch massivere Bauteile in einer solchen Flugbahn liegen können und andere Einflußgrößen, wie der Auftreffwinkel, die Auftreffgeschwindigkeit und der Geschoßaufbau einen Einfluß auf das Eidringverhalten ausüben, haben wir hierzu eine Reihe von Beschußversuchen durchgeführt.

Beschuß verschiedener Karosserieteile

Um die Ergebnisse zu systematisieren, wurden verschiedene Karosserieteile (z. B. Autotüren, Kotflügel, Motorhauben usw.) mit unterschiedlichen Kalibern und unter verschiedenen Winkeln beschossen. Einbezogen wurden sowohl Türen mit Einbauteilen(Fenster, Türverriegelung usw.) als auch ohne diese.

Als Versuchsobjekte dienten ausnahmslos Mittelklassewagen, um Durchschnittswerte zu erhalten, die für die Masse der Fahrzeuge auf unseren Straßen zutreffen.

Um aber zunächst einen allgemeinen Eindruck von der Beschußfestigkeit dünner Bleche zu vermitteln, wurde u. a. ein Versuchsaufbau aus zehn 0,75 mm starken Stahlblechen (St 37), die im Abstand von 7 mm verschraubt waren, beschossen.

(mehr …)

Verteidigungsschießen: Mannstoppwirkung in der Praxis

Die vom Geschoss abgegebene Energie ist die wesentliche Einflussgröße im Ziel, wie dieser Beschussvergleich zeigt.

Die vom Geschoss abgegebene Energie ist die wesentliche Einflussgröße im Ziel, wie dieser Beschussvergleich zeigt.

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus „Internationales Waffenmagazin“ 11-2000. (Online-Quelle hier)

Moderne Auffassungen über die Mannstopp-Wirkung basieren auf der vom Geschoss an das Ziel abgegebenen Energie. Aber auch diese neueren Theorien lassen keine exakte Prognose über die Wirksamkeit eines bestimmten Geschosses in einem konkreten Einzelfall zu. Im Verteidigungsschießen muss man sich daher darauf einstellen, dass die Wirkung der eigenen Geschosse im Ernstfall sehr unterschiedlich ausfallen kann. Dies muss sich in der Wahl von Waffe und Munition sowie in der Ausbildung widerspiegeln.

Diskussionen über die Mannstopp-Wirkung von Geschossen gehören zu den Dauerbrennern in vielen Gesprächen und Veröffentlichungen über das kampfmäßige Schießen. Häufig steht dabei ausschließlich der physikalische Aspekt im Vordergrund. Oft reduziert sich eine solche Diskussion auch auf die Frage, ob die 9 mm Luger oder die .45 ACP das passendere Kaliber für eine Verteidigungswaffe ist oder ob vielleicht eines der neuen Kaliber, wie die .40 S&W oder die .357 SIG, die Vorteile der beiden altbewährten Kaliber vereinigt und damit die lang ersehnte Ideallösung für eine Verteidigungspatrone darstellt. Meist wird dabei die sehr umfangreiche und komplexe Problemstellung der Wirksamkeit von Geschossen im Feuergefecht auf unzulässige Weise verkürzt und auf einige wenige Aspekte wie die Diskussion um die Hohlspitzgeschosse oder andere Wunderprojektile reduziert.

Eine umfassende Betrachtung der komplexen Thematik der Mannstopp-Wirkung muss aus der Sicht des Gebrauchswaffenträgers aber mehr umfassen als die Frage nach der stärksten Patrone oder dem wirksamsten Geschoss. Neben der reinen Physik der Endballistik muss eine solche Betrachtung vor allem auch Folgerungen für die Schießausbildung, Taktik und das rechtlich korrekte Verhalten in einer Notwehrsituation beinhalten. Voraussetzung dafür ist aber zumindest grobe Vorstellung davon, worauf die Wirkung von Geschossen basiert und welche Wirksamkeit die verschiedenen Munitionssorten besitzen.

Schon der Begriff Mannstopp-Wirkung macht dabei deutlich, worum es hier geht. Im Gegensatz zu anderen ballistischen Leistungsdaten handelt es sich hierbei um keine einfache ballistische Eigenschaft des Projektils wie Gewicht oder V0 und auch um keinen leicht zu messenden Wirkungswert wie Eindringtiefe in Holz oder Durchschlagsleistung gegenüber Stahlplatten, sondern um einen Wert, der die Wirkung eines Geschosses beim Treffen eines Gegners beschreiben soll. Ganz konkret sollen Werte der Mannstopp-Wirkung Prognosen darüber zulassen, wie lange ein Gegner nach einem Treffer mit einer bestimmten Munitionssorte noch weiter kämpfen kann oder, anders ausgedrückt, wie lange er noch handlungsfähig ist. Wie sich im weiteren zeigen wird, ist eine solche Prognose ausgesprochen schwierig und wird vermutlich auch in Zukunft immer sehr ungenau bleiben.

(mehr …)

Der Weitschuß mit der Pistole

Von Beat Kneubühl, aus seinem Artikel „Ballistische Fragen aus der Praxis (2)“ in Heft 1-2/1991 des „Internationalen Waffenmagazins“. (In der ersten Hälfte dieses Beitrags ging es um den Weitschuß mit Vorderladerbüchsen; hier habe ich – Cernunnos – nur die zweite Hälfte über den Weitschuß mit der Pistole wiedergegeben.)

Der Weitschuß mit der Pistole

Ein weiteres Problem, das gut in dieses Thema des weiten Schusses paßt, wurde dem Autor von einem Leser unterbreitet, der allerdings die Lösung mit Hilfe des IWM-Ballistik-Programmes selber erarbeitete und in der Zeitschrift „Der Waffenfreund“ 1990 darüber berichtete. Bei der damals zu lösenden Aufgabe sind jedoch einige typische ballistische Aspekte dabei, über die es sich lohnt, aus der Sicht des Ballistikers zu berichten.

In einem Combat-Parcours galt es, eine Scheibe in 160 m Distanz zu treffen, die gegenüber der Schützenstellung 30 m überhöht war; es handelte sich also um einen Weitschuß in geneigtem Gelände. Da der Wettkampf auf 1500 m ü. M. stattfand, ist die Frage nach dem Einfluß der Luftdichte ebenfalls nicht abwegig.

Ein Blick auf die Schußtafel der 9 mm Para (siehe Tabelle 5) zeigt, daß bei der betreffenden Distanz mit einer Flugzeit von ungefähr 0,5 s zu rechnen ist, eine Zeit, die etwa dem 300-m-Schießen mit dem Gewehr entspricht. Der zugehörige Schußwinkel beträgt etwa 8 Promille und bestätigt, daß (noch) mit einer gestreckten Flugbahn gerechnet werden kann. Da das Geschoß in diesem Falle nur kurz den Luftkräften ausgesetzt ist, werden deren Änderungen die Geschoßbahn nur unwesentlich beeinflussen. In der Tat ergibt der Wechsel von 400 auf 1500 m Ortshöhe eine Treffpunktverschiebung von nur 1 cm. Auch die Abtrift infolge eines Querwindes bleibt mit rund 20 cm bei 3 m/s Windgeschwindigkeit durchaus im Rahmen, wenn es sich beim Wettkampf nicht um ein Präzisionsschießen handelt. Auch die berühmte Regel „Bergauf, Berg runter, halt drunter“ kommt bei diesen flachen Flugbahnen noch nicht zum Zuge, so daß das höher gesteckte Ziel keine besonderen Maßnahmen beim Zielen erforderlich macht. Die Nachrechnung zeigt, daß bei der 9 mm Para der Treffpunkt weniger als 1 cm zu hoch liegt.

Schußtafel 9 Para 8g VMRK

Interessant ist dabei der Vergleich mit dem Geschoß der .45 ACP, bei dem wegen der geringeren Mündungsgeschwindigkeit mit einer Flugzeit von 0,67 s zu rechnen ist. Die Scheitelhöhe der Flugbahn nimmt damit von den 34 cm bei der 9 mm Para auf 55 cm bei der .45 ACP zu. Dies bewirkt beim Aufwärtsschießen bereits einen um 5 cm höheren Treffpunkt.

(mehr …)

Die Wirksamkeit von Polizei- und Verteidigungsflinten

Von Dipl.-Ing. Manfred Ertl, aus Heft 11-1990 des „Schweizer Waffenmagazins“.

Die meisten ballistischen Veröffentlichungen beziehen sich auf den Büchsen- und Faustfeuerwaffenschuß; sofern der Flintenschuß behandelt wird, steht fast immer der jagdliche Einsatz im Vordergrund und nicht die Verwendung von Schrot, Posten und Flintenlaufgeschossen für Polizei- und Militäraufgaben sowie Verteidigungszwecke.

Die Flintengeschosse unseres Tests von links nach rechts: Mirage Palla Sorengo, Brenneke, Sauvestre, Dolomiti Ball, 9 Buckshot-00-Kugeln.

Die Flintengeschosse unseres Tests von links nach rechts: Mirage Palla Sorengo, Brenneke, Sauvestre, Dolomiti Ball, 9 Buckshot-00-Kugeln.

Im kampfmäßigen Schießen mit Schrotgewehren sind vor allem zwei Typen im Gebrauch, Halbautomaten und Vorderschaftrepetierer. Obwohl auch die halbautomatiche Flinte ihre Vorteile wie z. B. schnellere Schußfolge und geringeren Rückstoß hat, ist dennoch die Vorderschaftrepetierflinte, Pump Gun oder Riot Gun (Riot = engl. Aufruhr) die am weitesten verbreitete Schrotflinte im Polizeieinsatz und in der Selbstverteidigung. Speziell bei der amerikanischen Polizei gehört diese Waffe zur obligatorischen Ausrüstung jedes Streifenwagens.

Für die manuelle Repetierversion spricht neben dem günstigen Preis die robuste, störunanfällige Konstruktion, die fast narrensichere Handhabung und die Möglichkeit, unterschiedliche Munition ohne Rücksicht auf den Gasdruck und den Mündungsimpuls verschießen zu können.

Um die ballistischen Daten dieser Waffen in Bezug auf bestimmte Einsatzbereiche beurteilen zu können, muß man sich einige grundsätzliche Gedanken zum Schrotschuß machen.

Da bei der Schrotladung nicht jedes Einzelgeschoß durch einen Lauf geführt wird, streben die Schrotkörner nach Verlassen der Mündung mehr oder weniger auseinander. Dieses Auseinanderdriften der Schrote wird weniger von der Lauflänge, als von der Mündungsbeschaffenheit beeinflußt. Jagdwaffen haben Mündungsverengungen, die als Chokes oder Würgebohrungen bezeichnet werden, um die Schrotgarbe enger beieinander zu halten, um somit größere Einsatzreichweiten zu erzielen. Solche Waffen zeigen als typisches Schußbild einen engen zentralen Garbenkern mit hoher Deckung.

Größere Flächendeckung durch Zylinderbohrung

Riot Guns haben eine zylindrische Mündung ohne Laufverengung (Zylinderbohrung), was bereits auf kürzere Entfernung zur Abdeckung einer größeren Fläche mit einer Schrotverteilung ohne ausgeprägte Kerngarbe führt.

Als Munition stehen Schrotpatronen unterschiedlicher Korngrößen zur Verfügung. Gebräuchlich ist Schrot von 2 mm (feiner Jagdschrot) bis 9 mm (Rehposten, Buckshot).

Die außenballistischen und endballistischen Leistungen dieser Schrotkörner werden wesentlich von ihrer Querschnittsbelastung bestimmt. Unter Querschnittsbelastung versteht man das Verhältnis aus Geschoßmasse und Geschoßquerschnittsfläche.

Dieser Kennwert läßt Prognosen über die Abbremsung des Geschosses beim Flug durch die Luft und über die Energieabgabe im Zielmedium zu, und damit über den Gefährdungsbereich und die Mannstopp-Wirkung. Dabei läßt sich grob festhalten, daß das Querschnittsverhältnis bei kugelförmigen Körpern mit dem Durchmesser zunimmt, und daß eine Kugel immer ein kleineres Querschnittsverhältnis hat als ein Langgeschoß gleichen Durchmessers.

Solange ein Gegner von der Mehrzahl der Posten getroffen wird, kann man immer von einer hohen Mannstopp-Wirkung ausgehen, muß aber natürlich schwere Verletzungen oder den Tod des Getroffenen einkalkulieren.

00 Buckshot-Kugeln – je nach Kaliber 9 bis 12 Bleikugeln vom Durchmesser 8,6 mm – haben 30 m vor der Mündung noch eine Auftreffenergie von rund 200 Joule pro Kugel. Das ergibt bei 5 Treffern, die wir auf 30 m fast immer auf der Mannscheibe plazieren konnten, eine Gesamtenergie von 1000 J.

Bei Schußweiten über 30 m spielt der Geschwindigkeitsverlust der Posten zwar noch keine so große Rolle, aber die schlechter werdende Deckung und damit geringere Trefferzahl lassen es sinnvoll erscheinen, die sichere wirksame Schußweite für 00 Buckshot bei 30 m anzusiedeln. Wobei allerdings in Extremfällen z. B. gegen getarnte Heckenschützen, mehrere bewaffnete Gegner, bei schlechten Sichtverhältnissen oder gegen ein schnell bewegtes Ziel ein Einsatz auf 50 m sinnvoll sein kann. Hier müssen dann aber immer mehrere Schüsse auf das Ziel abgegeben werden, um eine hinreichende Trefferwahrscheinlichkeit zu erzielen.

Die kinetische Energie eines 8,6-mm-Postens ist dabei auf 50 m noch in der Größenordnung zwischen einem 6,35- und 9-mm-kurz-Geschoß aus einer Pistole unmittelbar vor der Mündung. Feuchter Ton verhält sich zielballistisch zwar nicht wie lebendes Gewebe, veranschaulicht aber recht deutlich, wie kinetische Geschoßenergie als Deformationsarbeit an ein weiches Medium abgegeben wird. Wenn man jetzt noch bedenkt, daß gerade gleichzeitige Mehrfachtreffer enen besonders großen Schockeffekt ergeben, erkennt man unschwer die große Mannstopp-Wirkung dieser Munition.

(mehr …)