US-Dokumente enthüllen: „Atoms for Peace“ – eine Waffe im Kalten Krieg

Die Explosion der amerikanischen Wasserstoffbombe auf dem Bikini-Atoll im März 1953 war Teil der atomaren Aufrüstungstests. Um die kritische Weltmeinung über solche Tests zu kompensieren, startete Präsident Eisenhower das Propagandaprogramm „friedliche Atomkraft“.

Von Michael Eckert, aus „bild der wissenschaft“ Mai 1987

Das US-Programm „Atome für den Frieden“ aus den fünfziger Jahren erweist sich als eine strategische Variante des kalten Krieges: Nach Ablauf der Sperrfrist von 30 Jahren gab das US-Außenministerium jetzt Akten für die Historiker frei, die ein neues Licht auf die amerikanische Atom-Politik fallen lassen. Die vorerst einsehbaren 800 Seiten Akten sind lediglich eine Auswahl; sie widerlegen jedoch die Ansicht von den allein friedlichen Absichten der US-Amerikaner.

Im Jahre 1955 schien die Welt der Kernenergie noch in Ordnung. Damals wurde mit dem amerikanischen Programm „Atoms for Peace“ (Atome für den Frieden) die internationale zivile Nutzung der Kernenergie vorangetrieben; mit amerikanischen Forschungsreaktoren hielt in der Bundesrepublik Deutschland wie in vielen anderen Ländern die Nukleartechnologie ihren Einzug.

Nukleare Habenichtse wie Bonn gelangten mit bilateralen Atomabkommen an Brennelemente und kerntechnisches Know-how aus den USA. Die Atompolitik des amerikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower übte entscheidende Einflüsse auf die nationalen Atomprogramme in Europa aus. 1957 schlossen sich sechs europäische Staaten – darunter auch die Bundesrepublik Deutschland – zusammen, um in der europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) die zivile Nutzung der Kernenergie voranzutreiben.

Über Lizenzverträge mit US-Firmen wurden deutsche Reaktorhersteller in die Lage versetzt, am nuklearen Boom teilzuhaben. Aus einer Vielzahl von Reaktorkonzepten überlebte schließlich als erfolgreichster Reaktortyp jener Leichtwasser-Reaktor, der in den USA Mitte der fünfziger Jahre mit der Atoms-for-Peace-Kampagne propagiert worden war.

Das Atom-U-Boot Nautilus lief am 21. Januar 1954 als erstes Schiff mit Atomantrieb vom Stapel. Wegen der kompakteren Bauweise benutzte man einen Leichtwasserreaktor. Dieser Typ wurde aus militärischen Gründen gefördert und ist heute bei den zivilen Kernreaktoren weltweit verbreitet.

Noch viel weniger als die Folgen der Atoms-for-Peace-Politik wurden bislang ihre Ursachen und Motive untersucht.

War dieses Programm Bestandteil einer vorausschauenden Energiepolitik, motiviert durch Prognosen, die angesichts knapper und damit teurer werdender klassischer Energieträger der Kernenergie eine baldige Wirtschaftlichkeit bescheinigten?

Oder war „Atomkraft für den Frieden“ Ausdruck jener Atom-Euphorie Mitte der fünfziger Jahre, als – nach dem Bombenabwurf über Hiroshima – die Möglichkeit, die Kernkraft friedlich zu nutzen, einen besonderen Reiz ausübte?

Eine andere Möglichkeit wäre, daß die Betonung auf dem Wort „Frieden“ lag und die Atoms-for-Peace-Rede Eisenhowers als nukleare Abrüstungsinitiative gewertet werden kann. Anzunehmen wäre dies nach dem Wortlaut der Rede und nach den Äußerungen, die vor kurzem nochmals verschiedene Festredner zur 30-Jahr-Feier des Programms machten.

Aus einer Analyse des Atoms-for-Peace-Projekts wird jedoch deutlich, daß weder energiepolitische Motive, oder ein „Hiroshima-Komplex“, noch ein ernsthaftes Abrüstungsbedürfnis eine wesentliche Rolle spielten. Der Initiative Atoms-for-Peace ging es nicht vorrangig um eine friedliche Kernenergienutzung.

Das Programm war eine Waffe im kalten Krieg.

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Der Mensch lebt nicht artgerecht

Ein Interview mit Prof. Dr. Franz Wuketits, aus „bild der wissenschaft“ 8-2013. Das Interview führte Nadine Eckert.

Prof. Dr. Franz M. Wuketits:

Der gebürtige Österreicher (*1955) hat an der Universität Wien Philosophie, Zoologie, Paläontologie und Wissenschaftstheorie studiert. Seit 1980 lehrt er dort am Institut für Philosophie. Sein Schwerpunkt ist die Philosophie der Biowissenschaften. Er ist Autor von rund 40 Büchern. In seinem neuen Werk „Zivilisation in der Sackgasse“ plädiert er für eine Entschleunigung der Zivilisation und mehr Eigenverantwortung für den mündigen Bürger.

DER MENSCH LEBT NICHT ARTGERECHT

Tierschützer, Öko-Verbände und Medien – alle fordern eine artgerechte Tierhaltung. Doch wer kümmert sich eigentlich darum, wie Menschen leben?

bdw: Herr Professor Wuketits, was hat uns Menschen aus dem Tritt gebracht?

Franz M. Wuketits: Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich unsere Zivilisation insbesondere im Bereich der Technologie mit atemberaubendem Tempo entwickelt. Die Menschen sind durch diese fatale Beschleunigung überlastet. Berufs- und Alltagsleben verlangen vom Einzelnen oft ein Tempo und eine Flexibilität, die dem Menschen als Art nicht entsprechen. Dazu kommt, dass der Mensch die längste Zeit seiner Entwicklungsgeschichte in relativ kleinen, überschaubaren Gruppen gelebt hat – er ist das geborene Kleingruppenwesen. Unser Verhalten war über Jahrmillionen darauf abgestellt, in Gruppen von maximal 100 Individuen zu leben, in denen jeder jeden kennt. Auf anonyme Massengesellschaften und das Leben in riesigen Städten sind wir nicht vorbereitet.

Wäre denn ein Leben in Kleingruppen heutzutage überhaupt noch möglich?

Wir können unsere Großstädte natürlich nicht auflösen, doch wir können auch innerhalb der Großstädte kleinere Einheiten bilden. Wien ist dafür ein gutes Beispiel: Hier heißt das „Grätzel“ – ein paar Häuserblocks, nicht wesentlich mehr. In meinem Grätzel kenne ich die meisten Leute zwar nicht persönlich, aber ich begegne vielen von ihnen fast täglich: der Kellnerin im kleinen Café um die Ecke, dem Tabakhändler gegenüber, dem Buchhändler zwei Gassen weiter. Im kleinen Café kennt man meine Gewohnheiten, ich wechsle mit der Kellnerin ein paar nette Worte, ein anderer Gast nickt mir freundlich zu, bevor er sich wieder in seine Zeitung vertieft. Das verschafft allen Beteiligten ein gewisses Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit.

Der Mensch gilt als sehr flexibel. Kann er sich nicht an die neuen Entwicklungen anpassen?

Das ist nur begrenzt möglich. Wir gehen heute in der Evolutionsbiologie davon aus, dass sich Organismen im Allgemeinen nicht einfach an ihre Außenwelt anpassen, sondern dass ihre Evolution wesentlich von „inneren Bedingungen“ abhängt – also von Konstruktions- und Funktionsbedingungen. Plakativ gesagt: Lebewesen haben bei ihrer Evolution ein Wörtchen mitzureden, und nicht allein die Umwelt bestimmt, wohin es geht. Organismen sind keine passiven Gebilde, die sich auf Gedeih und Verderb an irgendeine beliebige Umwelt anpassen. Die steigende Zahl an psychischen Erkrankungen spricht eine deutliche Sprache – in den westlichen Ländern ist mehreren Untersuchungen zufolge schon etwa ein Viertel der Bevölkerung davon betroffen. Wie gut sich der Mensch anpassen kann, hängt auch davon ab, wie viel Zeit ihm zur Verfügung steht.

Inwiefern?

Der technologischen Zivilisation weniger Jahrhunderte stehen fünf Millionen Jahre Naturgeschichte gegenüber. Eigentlich ist die uns heute beherrschende Technologie kaum 100 Jahre alt, die modernen Kommunikationstechnologien wie Internet und Handys gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Unser Gehirn aber hat sich – da sind sich Anthropologen, Evolutionsbiologen und Hirnforscher einig – in den letzten 30.000 Jahren nicht mehr nennenswert verändert. Es ist also nicht an die heutige Zeit angepasst, sondern lebt gewissermaßen noch in der Steinzeit.

Wir können aber nicht zurück in die Steinzeit…

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„Lasst sie Menschen sein!“

Volker Sommer ist Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London (UCL). Er erforscht wild lebende Primaten in Asien und Afrika und berät die International Union for Conservation of Nature als Menschenaffen-Experte. Als wissenschaftlicher Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung setzt Volker Sommer sich für einen evolutionären Humanismus ein. Öffentlich bekannt ist der engagierte Naturschützer durch Radio, Fernsehen und Bücher. Das Foto rechts zeigt den Schimpansen Max (1974 bis 2009) aus dem Zoo von Heidelberg.

Volker Sommer ist Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College London (UCL). Er erforscht wild lebende Primaten in Asien und Afrika und berät die International Union for Conservation of Nature als Menschenaffen-Experte. Als wissenschaftlicher Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung setzt Volker Sommer sich für einen evolutionären Humanismus ein. Öffentlich bekannt ist der engagierte Naturschützer durch Radio, Fernsehen und Bücher. Das Foto rechts zeigt den Schimpansen Max (1974 bis 2009) aus dem Zoo von Heidelberg.

Von Volker Sommer, erschienen in „bild der wissenschaft“ 10/2011. (Hier mit einem Nachwort von Deep Roots [in dieser Form ursprünglich erschienen auf „As der Schwerter“].)

Bald werden Schimpansen und Bonobos der Gattung der Menschen zugeordnet. Es dürfte auch nachdenklich stimmen, wenn dann auf Schildern in Zoos und Versuchslabors „Homo troglodytes“ und „Homo paniscus“ geschrieben steht. So jedenfalls wird es sein, wenn es nach mir geht – und einer wachsenden Zahl von Zoologen, Evolutionsbiologen und Genetikern. Denn „Pan“ von „Homo“ zu unterscheiden wie bisher, hat weniger mit Naturwissenschaft zu tun als mit Religion – und dem Dogma, daß Menschen klar von Tieren zu unterscheiden sind.

Religiös motiviert war auch Carolus Linnaeus, als er mit seinem Werk „Systema Naturae“ von 1735 die biologische Systematik begründete. Der schwedische Biologe, nach der Erhebung in den Adelsstand als Carl von Linné bekannt, glaubte, ein Schöpfer habe die abgestufte Ähnlichkeit der Lebensformen wundersam hervorgebracht – und sie zu systematisieren hieß, die Gedanken Gottes zu lesen. Über Affen war nicht viel bekannt. Reiseberichte über fremde Völker und behaarte Fabelwesen hatten sich zu einem grotesken Gewirr von zoologischer Information und Legenden verknotet. So brachte Linné ab der 10. Auflage von 1758 erstmals halbwegs Ordnung in das Chaos fantastischer Affengeschichten, indem er die zoologische Ordnung „Primates“ einführte. Sie umfaßte zunächst die Gattungen „Homo“ (Mensch), „Simia“ (Affen), „Lemur“ (Halbaffen) und „Vespertilio“ (Fledermäuse). Zu Homo stellte Linné „Homo sapiens“, den Menschen, samt einigen geographischen und legendenhaften Varianten. Die noch weitgehend unbekannten Menschenaffen wurden unter Namen wie „Simia satyrus“ und später als „Simia troglodytes“ geführt.

Alle Tiergruppen waren über zumindest ein spezifisches anatomisches Merkmal definiert. Hinsichtlich Homo konnte Linné allerdings keinen solchen grundsätzlichen Unterschied zu den Nachbargruppen seines Systema Naturae ausmachen – den Halbaffen und Affen. Deshalb stellte er der von ihm kreierten Gattung Homo die Formel „Nosce te ipsum! – Erkenne dich selbst!“ zur Seite. Denn der Graben zwischen Menschen und Tieren manifestierte sich für Linné nicht über den Körperbau, sondern den Geist – etwa die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis, die allein den Menschen „weise“ macht, eben zum Homo sapiens.

Gleichwohl galt Linnés System vielen Zeitgenossen als skandalös, war doch der Abstand zwischen Mensch und Tier bedenklich geschrumpft. Schließlich konstatierte die Bibel, allein der Mensch sei nach Gottes Ebenbild geschaffen. Sollten, weil gebührender Abstand fehlte, nun etwa auch die Affen gottähnlich sein? Statt nach Gemeinsamkeiten wurde deshalb eifrig nach „Humana“ gesucht, nach Merkmalen, die unsere Einzigartigkeit belegen sollten. Der Göttinger Anthropologe Johann Friedrich Blumenbach etwa führte um 1779 für Menschen wieder eine eigene Ordnung ein – „Bimana“ (Zweihänder), im Unterschied zu den äffischen „Quadrumana“ (Vierhändern). Während der deutsche Zoologe Karl Illiger den Namen „Erecta“ (Aufrechte) schuf und der englische Urzeitforscher Richard Owen die „Archencephala“ (überlegene Gehirne).

Die Begriffe waren allesamt kurzlebig. Genauere Forschung förderte statt dessen mehr und mehr Gemeinsames in Körperbau und Verhalten von Menschen und nichtmenschlichen Primaten zutage. Der vermeintliche Angriff auf die Würde des Menschen erfuhr eine heftige Steigerung in den Werken Charles Darwins, denn der englische Naturforscher behauptete, die Vielfalt der Organismen sei nicht Werk eines Schöpfers, sondern habe sich allmählich aus Urformen entwickelt. Dank Darwin wissen wir nun, warum wir anderen Affen so nahe stehen: Wir teilen deren Stammesgeschichte über weite Strecken.

Doch selbst jene, die das Faktum der Evolution anerkennen, versuchen nur allzu oft, unsere nächsten Verwandten auf Distanz zu halten – was die windungsreiche Namensgebung der Menschenaffen illustriert. Konsens besteht heute zumindest darüber, daß die Ordnung der Primaten eine Gruppe einschließt, deren Mitglieder – im Unterschied zu „echten“ Affen – keinen Schwanz haben. Diese sogenannten Menschenähnlichen (lateinisch „Hominoidea“) umfassen Kleine Menschenaffen (Gibbons), Große Menschenaffen (Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen, Bonobos) und Menschen.

Doch die familiäre Unterscheidung zwischen Menschenaffen und Menschen ist irreführend. Denn sie nährt die Vorstellung, daß die Großen Menschenaffen (Schimpansen, Bonobos, Gorillas, Orang-Utans) untereinander enger verwandt sind als mit uns Menschen. Diese Vorstellung ist aber seit Jahrzehnten widerlegt: Der nächste Verwandte der Schimpansen und Bonobos ist nicht der Gorilla, sondern der Mensch! Innerhalb der Menschenähnlichen sind – bildlich ausgedrückt – Menschen, Schimpansen und Bonobos Geschwister, Gorillas ihre gemeinsamen Cousins, Orang-Utans etwas weiter entfernte Verwandte.

Genetischen Untersuchungen zufolge trennten sich die Stammlinien von Orang-Utans und Menschen vor etwa elf Millionen Jahren, während die Gorillas vor sechs Millionen Jahren ihre eigene Entwicklung einschlugen. Die heutige Gattung Homo (zu der wir Menschen zählen) und die Gattung Pan (mit Schimpansen und Bonobos) hatten weiterhin einen gemeinsamen Vorfahren, und ihre Linien begannen sich erst vor etwa 5 Millionen Jahren zu trennen. Die Stammbäume von Schimpansen und Bonobos spalteten sich noch einmal vor etwa 1,5 Millionen Jahren auf. Auf verschiedene Formen von Urmenschen folgte schließlich vor etwa 200.000 Jahren der moderne Mensch – Homo sapiens. Dabei kreuzten sich die Linien der Vorfahren heutiger Schimpansen und Menschen noch über Millionen Jahre hinweg ziemlich regelmäßig. Vielleicht waren die Gruppen auch nie komplett getrennt. Einiges spricht dafür, daß sie sich bis heute miteinander fortpflanzen könnten.

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Hightech vor 1700 Jahren: Die römische Turbinenmühle am Medjerda-Fluß

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Ruine der Römerbrücke über den Medjerda-Fluß bei Chemtou. Ein Brückenblock diente als Widerlager für eine Getreidemühle. Gestautes Flußwasser trieb dort drei Turbinen an.

Von Friedrich Rakob und Gertrud Röder, aus „bild der wissenschaft“ Dezember 1989.

Ein glänzendes Beispiel römischer Ingenieurkunst entdeckten deutsche Archäologen im heutigen Tunesien: die bislang älteste Turbinenmühle der Welt. Am nahen Steinbruch produzierten Sklavenarbeiter marmorne Schalen und Statuetten – in modern anmutender, arbeitsteiliger Massenfertigung.

Wie ein Schiffsbug schiebt sich der Djebel Chemtou, 300 Meter breit und fast zwei Kilometer lang, als vegetationsloser Felsrücken in das Tal des Oued Medjerda, des größten ganzjährig Wasser führenden Flusses in Tunesien.

Seine Oberfläche ist von Eisenoxid dunkelrot gefärbt. Sein Inneres jedoch besteht aus einem der kostbarsten Kalksteine, die es im Mittelmeerraum gibt: gelbem numidischem Marmor mit feinkristalliner Struktur und polierfähiger Oberfläche, der heute Giallo antico (italienisch: „Gelber antiker“ Marmor) genannt wird. Am Djebel Chemtou lagen einst die größten Exportsteinbrüche Nordafrikas.

1965 begann hier das Ehepaar Josef und Gertrud Röder zusammen mit dem damaligen Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom, Theodor Kraus, mit der Untersuchung der Steinbrüche. Die folgenden deutsch-tunesischen Gemeinschaftsgrabungen brachten seit 1970 Details antiker Technik und Verwaltung ans Licht, die lange im Schatten der urbanen Archäologie – der Suche nach großen städtischen Bauten und nach Resten ihrer kostbaren Ausstattung – gestanden hatten.

Die heutige Bezeichnung Chemtou läßt noch den Namen der antiken Stadt Simitthus anklingen. Deren Einwohner lebten aber nicht vom Marmorabbau. Ein wichtiger Handelsweg überquerte vielmehr an dieser Stelle den Fluß. Er kreuzte die Straße von Karthago nach Hippo Regius und führte zu einem am Mittelmeer gelegenen Hafen.

Nordafrika: einst römisch. Über die im Titelbild gezeigte Römerbrücke bei Simitthus (heute: Chemtou) führte ein Handelsweg zum Mittelmeer. Er kreuzte die Straße von Karthago nach Hippo Regius (heute: Annaba, Algerien).

Nordafrika: einst römisch. Über die im Titelbild gezeigte Römerbrücke bei Simitthus (heute: Chemtou) führte ein Handelsweg zum Mittelmeer. Er kreuzte die Straße von Karthago nach Hippo Regius (heute: Annaba, Algerien).

Hier wurde im ersten Jahrhundert nach Christus die größte Römerbrücke Nordafrikas gebaut, die Kaiser Trajan im Jahre 112 neu errichten ließ. Die eindrucksvolle Ruine zeigt viele Spuren späterer Reparaturen und Erneuerungen. Im späten dritten oder vierten Jahrhundert stürzte sie endgültig ein. Aber noch als Ruine beherbergte sie eine Anlage, die heute als technikgeschichtliches Juwel gelten muß: die einzige aus der Antike bekannte Flußturbinenmühle.

Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts hatte der französische Ingenieur Ph. Caillat die Ruine am Ufer als Rest einer antiken Sägemühle interpretiert. Wenig später erkannte der Architekt H. Saladin sie richtig als Getreidemühle, ohne indes die faszinierenden Details ihrer Funktionsweise zu erkennen.

Die Mühle von Chemtou besaß horizontal installierte Räder als Triebwerke. Im Gegensatz zu den später gerade in Deutschland weit verbreiteten Wassermühlen, bei denen ein waagrecht gelagertes Wasserrad über ein Umlenkgetriebe den senkrecht gelagerten Mühlstein antrieb, trifft man in Chemtou eine weniger komplizierte technische Lösung an: eine getriebelose, horizontal arbeitende Mühle mit durchgehender senkrechter Achse, eine sogenannte Turbinenmühle.

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Paulus: der Erfinder des Christentums

Paulus predigt in Athen; Darstellung von Raffaello. Paulus' Missionsversuche in Athen waren allerdings nicht sehr erfolgreich.

Paulus predigt in Athen; Darstellung von Raffaello. Paulus‘ Missionsversuche in Athen waren allerdings nicht sehr erfolgreich.

Von Michael Zick, erschienen in „bild der wissenschaft“ 12-2008.

Ohne den selbsternannten Apostel Paulus würde es das Christentum nicht geben. Er war theologisch und historisch der eigentliche Gründer.

„Mich ärgert dieses vom Papst ausgerufene Paulusjahr“, sagt Peter Pillhofer – er muß sich noch bis Mitte 2009 echauffieren. Der Lehrstuhlinhaber für Neues Testament an der Universität Erlangen-Nürnberg erbost sich über die 2000-Jahr-Feier, weil sie suggeriert, daß Paulus, der zunächst Saulus hieß, im Jahr 9 n. Chr. geboren wurde. „Wir wissen aber nicht, wann er zur Welt kam.“ Damit befindet sich der Apostel Paulus in Einklang mit Jesus von Nazareth, den er zum Jesus Christus machte.

Seit 30 Jahren wandert Peter Pilhofer auf den Spuren des Paulus durch Griechenland und Kleinasien. Auch wenn er noch keinen archäologischen Beleg für die Wanderschaft des Apostels gefunden hat, zieht er einen wissenschaftlichen Gewinn aus seinen Exkursionen. Das Credo des Theologieprofessors von der Universität Erlangen-Nürnberg lautet: Wer die Orte des frühen Christentums aus eigener Anschauung kennt, kann mit den biblischen Texten viel besser umgehen. Der streitbare Neutestamentler mit dem alttestamentarischen Bart weicht keinem Disput mit der herrschenden theologischen Lehrmeinung aus, die er streckenweise für „öd und langweilig“ hält.

Seit 30 Jahren wandert Peter Pilhofer auf den Spuren des Paulus durch Griechenland und Kleinasien. Auch wenn er noch keinen archäologischen Beleg für die Wanderschaft des Apostels gefunden hat, zieht er einen wissenschaftlichen Gewinn aus seinen Exkursionen. Das Credo des Theologieprofessors von der Universität Erlangen-Nürnberg lautet: Wer die Orte des frühen Christentums aus eigener Anschauung kennt, kann mit den biblischen Texten viel besser umgehen. Der streitbare Neutestamentler mit dem alttestamentarischen Bart weicht keinem Disput mit der herrschenden theologischen Lehrmeinung aus, die er streckenweise für „öd und langweilig“ hält.

„Paulus’ Interpretation des Wirkens Jesu war ganz entscheidend dafür, daß sich das Christentum zu einer eigenen Religion mit einem eigenen Profil, einer eigenen Ethik und eigenen Ritualen hat ausbilden können“, meint Jens Schröter. Doch der Institutsdirektor und Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments an der Universität Leipzig ist sicher, daß Paulus – ebenso wie Jesus – keine neue Religion etablieren wollte, sondern seine Mission als Reformation des jüdischen Glaubens betrachtete. Die geschichtliche Wirkung war allerdings eine andere.

Saulus-Paulus stammte aus Tarsus, der weltoffenen Hafenstadt an der südöstlichen Mittelmeerküste Kleinasiens. Er war griechisch sprechender Jude in der hellenistisch geprägten Region, der seine jüdische Tradition eifrig pflegte: das von den Christen heute sogenannte Alte Testament, das er jedoch nur in der griechischen Übersetzung kannte. Er tat sich nach eigenem Bekunden als eifernder Christenverfolger hervor, bis ihm in seinem persönlichen Schicksalsjahr 33 Gott „seinen Sohn Jesus in mir“ offenbarte. Paulus’ folgendes Wirken als Verkünder Jesu war gewaltig, sein Selbstbewußtsein überschäumend. Doch: er begegnete seinem Superstar Jesus, den er so unvergleichlich promotete, nie.

Pillhofer: „Paulus versteht sich in erster, zweiter und dritter Linie als Apostel Jesu Christi. Er will die Botschaft von Jesus verkünden, alles andere spielt keine Rolle.“ Der Ehrentitel „Apostel“ für den – wie wir ihn heute sehen – einflußreichsten Wortführer Jesu war im ersten Jahrhundert jedoch umstritten. In der Apostelgeschichte wird ihm dieser Titel verweigert – bis auf zwei Stellen, wo der Autor offenbar andere Quellen einfließen ließ und schlecht redigierte. Denn nach urchristlicher Auffassung konnten nur die Jünger Jesu diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen. Paulus hält selbstbewußt dagegen: „Ich habe mehr gearbeitet als sie alle.“ In der Tat, so Pilhofer, „haben die Jerusalemer Kollegen ja nicht über den Mauerring hinausgeschaut, während Paulus Tausende von Kilometern unterwegs war.“ Die Spuren der Jesus-Jünger verlieren sich in den neutestamentlichen Nachrichten dann auch ziemlich schnell.

Neue Bezeichnung „Christen“
Das rastlose Reisen wurde Paulus’ Markenzeichen. Nach einer wenig erfolgreichen Missionsexpedition nach Arabien stieg Paulus in die Leitung der sehr agilen frühchristlichen Gemeinde in Antiochia am Orontes (damals Syrien, heute das türkische Antakya) auf. Es war die erste Gemeinde außerhalb Palästinas und die erste, bei der (in der Apostelgeschichte) um 40 n. Chr. die Bezeichnung „Christen“ auftaucht. Und: Sie war die erste, die auch Nichtjuden in ihre Gemeinschaft aufnahm – ein unerhörter Affront gegen die Jerusalemer Konservativen und zugleich Impulsgeber für Paulus’ zukünftige Missionstätigkeit. Denn es wurde programmatisch unterschieden zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Judenchristen waren Jesus-Anhänger, die beschnitten waren und die jüdischen Gesetze (Fasten, Sabbat, Reinheitsgebot) achteten. Ihr Mittelpunkt war die urchristliche Gemeinde in Jerusalem um Jakobus, den Bruder Jesu.

Heidenchristen verehrten ebenfalls den „Einen Gott“ der Juden und sahen im Wirken Jesu die Fortsetzung der jüdischen Heilsgeschichte, ließen sich jedoch nicht beschneiden und betrachteten die jüdischen Gesetze nicht als bindend. Hier setzte Paulus an. Nach Abstimmung mit den Jerusalemer Aposteln widmete er sich der Bekehrung der Heiden. So wurde er zum „Heidenapostel“, zum „Apostel der Völker“ – und zum wirkmächtigsten christlichen Missionar. Als Preis für die Zustimmung der Jerusalemer Hardliner versprach Paulus eine Riesenkollekte in all seinen neuen Gemeinden für die notleidenden Jerusalemer Urchristen.

Geschlagen und gesteinigt
Von Antiochia reiste Paulus in den nächsten drei Jahrzehnten ruhelos durch Kleinasien, Griechenland und Makedonien. Seine Wanderungen sind nur in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments beschrieben, außerchristliche oder handfeste archäologische Belege gibt es nicht. So viel aber ist sicher: In Galatien, Philippi, Thessaloniki, Kolossä, Ephesus und an anderen Orten gründete er christliche Gemeinschaften. In Korinth überwarf und versöhnte er sich mit „seiner“ Gemeinde, auch in Athen trat er auf und disputierte öffentlich mit den Philosophen – offenbar nicht sehr erfolgreich. In Ephesus wurde er von den Römern ins Gefängnis geworfen, wo er sein Todesurteil erwartete, aber wieder frei kam. In seiner über viele Briefe verstreuten „Autobiographie“ liest sich das so: „Ich habe viel gearbeitet, ich war häufig gefangen, ich habe viele Schläge erlitten, ich war häufig in Todesnöten gewesen. Von den Juden habe ich fünfmal 40 Geißelhiebe weniger einen erhalten, ich bin dreimal mit Stöcken geschlagen, einmal gesteinigt worden, dreimal habe ich Schiffbruch erlitten.“

Tausende Kilometer für Christus: Der Wanderprediger Paulus nahm viele beschwerliche Reisen auf sich, um seine Überzeugung zu verbreiten. Dabei erlitt er mehrfach Schiffbruch. Seine genauen Routen sind nicht mehr nachzuvollziehen. Sobald es Paulus gelungen war, eine christliche Gemeinde aufzubauen, zog er weiter. Rom war seine letzte Station. Hier wurde er zwischen 64 und 67 n. Chr. hingerichtet.

Tausende Kilometer für Christus: Der Wanderprediger Paulus nahm viele beschwerliche Reisen auf sich, um seine Überzeugung zu verbreiten. Dabei erlitt er mehrfach Schiffbruch. Seine genauen Routen sind nicht mehr nachzuvollziehen. Sobald es Paulus gelungen war, eine christliche Gemeinde aufzubauen, zog er weiter. Rom war seine letzte Station. Hier wurde er zwischen 64 und 67 n. Chr. hingerichtet.

Was wie eine gewaltige innere Unruhe aussieht, bewertet Paulus-Kenner Pilhofer als weltumspannenden Plan: „Paulus wollte alles von Damaskus bis Spanien missionieren. Darauf hat er sich früh festgelegt. Allein schon dieser kühne Plan zeigt die Weite seines Denkens.“

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Die Mächtigen von Brodgar

Aufrecht trotzten sie jahrtausendelang den Unbilden der Natur: Die Steine des „Ring of Brodgar“ stehen seit rund 4500 Jahren auf der Hauptinsel der Orkneys. Sie bilden einen der größten Steinkreise Britanniens. Ganz in der Nähe graben Archäologen ein Zentrum mit tempelartigen Monumentalbauten aus. Die Funde zeigen: In der Jungsteinzeit entwickelte sich hier, am nördlichsten Zipfel Schottlands, eine einflussreiche Kultur.

Aufrecht trotzten sie jahrtausendelang den Unbilden der Natur: Die Steine des „Ring of Brodgar“ stehen seit rund 4500 Jahren auf der Hauptinsel der Orkneys. Sie bilden einen der größten Steinkreise Britanniens. Ganz in der Nähe graben Archäologen ein Zentrum mit tempelartigen Monumentalbauten aus. Die Funde zeigen: In der Jungsteinzeit entwickelte sich hier, am nördlichsten Zipfel Schottlands, eine einflussreiche Kultur.

Von Angelika Franz, aus „bild der wissenschaft“ 11/2013 (einschließlich der Bilder).

Auf den Orkney-Inseln haben Menschen lange vor Stonehenge den ersten Steinkreis gebaut, neue Keramik erfunden und mit Farben experimentiert. Archäologen sind den Erbauern eines kulturellen Zentrums auf der Spur.

STONE… WAS? HENGE… WO? Wenn ein Zeitreisender im Britannien der Jungsteinzeit vor 5000 Jahren nach dem Weg zu den berühmten Steinkreisen in der Ebene von Salisbury gefragt hätte, wäre er auf Unverständnis gestoßen. Nach genauerem Erklären hätte der Befragte genickt: „Ah, du willst zu den großen Steinkreisen!“ Und dann hätte er den Zeitreisenden nach Norden geschickt: „Da entlang! Hinauf zu den Orkney-Inseln, dort findest du, was du suchst!“

Wie ein Zeitreisender kommt man sich auch als heutiger Besucher vor. Ein Sturm fegt über die zerzausten Wiesen und biegt die Disteln, die höchsten Pflanzen weit und breit, bis auf den Boden. Der dunkelgraue Himmel hängt so tief über der UNESCO-Welterbestätte „Heart of Neolithic Orkney“, dass man Angst haben muss, sich den Kopf zu stoßen. Für das Wetter entschädigt der Anblick: Steine, so weit das Auge reicht. Steine, die heute noch so im Kreis in der wilden Landschaft stehen, wie jungsteinzeitliche Baumeister sie vor Jahrtausenden aufgestellt haben. Gegen sie ist Stonehenge mit seinem bescheidenen Durchmesser von etwa 50 Metern eine kleine Kopie. Am ältesten Megalithring der Orkneys, den „Standing Stones of Stenness“, begannen die Bauarbeiten schon ein halbes Jahrtausend, bevor in Stonehenge der erste Stein stand. Und der größte Steinkreis, der „Ring of Brodgar“, ist mehr als doppelt so groß.

Weltkulturerbe und Touristenmagnet: Der „Ring of Brodgar“ hat einen Durchmesser von 104 Metern. 27 Steine sind heute noch erhalten, manche wurden wieder aufgerichtet. Vollständig erforscht ist der „Henge“ nicht.

Weltkulturerbe und Touristenmagnet: Der „Ring of Brodgar“ hat einen Durchmesser von 104 Metern. 27 Steine sind heute noch erhalten, manche wurden wieder aufgerichtet. Vollständig erforscht ist der „Henge“ nicht.

Vor zehn Jahren entdeckten Archäologen eine Ansammlung von Gebäuden auf der schmalen Landbrücke zwischen den Standing Stones of Stenness und dem Ring of Brodgar. Und mit jeder neuen Grabungskampagne auf dem „Ness of Brodgar“ (englisch „Ness“: Landzunge) wird klarer: Hier stand im Neolithikum ein mächtiges Zentrum, von dem aus Impulse in Kunst und Architektur nach ganz Britannien ausstrahlten. Wo an der Nordspitze Schottlands der Atlantik und die Nordsee aufeinandertreffen, schlug das kräftige Herz einer bedeutenden Kultur.

Das Grabungsareal auf der schmalen Landzunge „Ness of Brodgar“ ist groß. Bisher haben die Archäologen erst zehn Prozent der Funde freigelegt. Von der Plattform aus (links) können sich Besucher einen Überblick verschaffen.

Das Grabungsareal auf der schmalen Landzunge „Ness of Brodgar“ ist groß. Bisher haben die Archäologen erst zehn Prozent der Funde freigelegt. Von der Plattform aus (links) können sich Besucher einen Überblick verschaffen.

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