Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 4)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1, Teil 2, Teil 3 und das Glossar

11) Lysitheas Höhle

Der Braune Zwerg Luhman 16B hatte seine Bewegung am Horizont seines zweiten Planeten umgekehrt und kroch langsam wieder nach Osten. So nahe am Bahnpunkt des geringsten Abstands war die Umlaufbewegung dieser öden kleinen Welt vorübergehend schneller als ihre Umdrehung in 3:2-Spin-Orbit-Resonanz, sodaß die Quasi-Sonne erst nach einer Weile erneut zum Stillstand kommen und ihren Weg nach Westen fortsetzen würde. Die Bewegung des innersten Planeten war deutlich sichtbar, als dieser vor dem riesigen roten Glutball vorbeizog. Bei dieser scheinbaren Größe bestrahlte Luhman 16B den zweiten Planeten trotz der viel geringeren Oberflächentemperatur mit der doppelten Intensität von Sol auf der Erde. An dieser Stelle nahe dem Nordpol war die Temperatur aber dennoch mäßig, und die Gewässer waren erst vor Kurzem aufgetaut. Wenn der Planet in gut fünfzehn Stunden seinen fernsten Bahnpunkt erreichte, wo er dreimal so weit entfernt war, würden sie wieder zuzufrieren beginnen.

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Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 3)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1, Teil 2 und das Glossar

8) Im Zeichen der Waage

In den Frontscheiben der Ace of Swords wuchs der kleine Planet von Gliese 570D, in dessen Orbit die Queen of Altavor aus der Ferne geortet worden war. Ronald Brugger hatte den Warpantrieb in einer Entfernung ausgeschaltet, über die seine militärische Sensorenausrüstung das viel größere Passagierschiff gerade noch würde aufspüren können, während dessen zivile Ortungsanlage ihn noch nicht entdecken konnte. Sobald die Queen hinter dem Planeten verschwunden war, hatte er sich diesem im Sublichtwarp-Sprint genähert, so weit es möglich war, und sein Schiff dann mit den MET-Antrieben in eine Übergangsbahn zu einem sehr engen Orbit hineingebremst, der es in geringerer Höhe allmählich an das andere Fahrzeug heranführen sollte. Eine Sensordrohne flog voraus; da sie später mit der Bremsung begonnen hatte und auf eine noch tiefere Umlaufbahn programmiert war, würde sie das Ziel noch vor der Ace of Swords in Sicht bekommen. Aufgrund ihrer Kleinheit und geringen Flughöhe würde sie auch weniger leicht entdeckt werden. Diese Vorsichtsmaßnahmen hatte Ron für den Fall ergriffen, daß Kaundas Leute eine Wachmannschaft an Bord zurückgelassen hatten.

Nikos Lourákis und Alcyone Poledouris befanden sich bei ihm im Kontrollraum; die Lysithea war weiter draußen im System zurückgelassen worden, versteckt hinter einem größeren Asteroiden. Alle drei trugen sie noch ihre Normalkleidung, denn ob sie mit der Ace of Swords direkt an der Queen andocken oder sich ihr mit dem Raumgleiter nähern würden, der mangels Andockschleuse die Verwendung von Raumanzügen erforderte, würde erst entschieden werden, wenn festgestellt war, ob das andere Schiff unbemannt war oder nicht.

An dem Punkt, wo die Übergangsbahn in die gewählte Kreisbahn überging, rollte Ron das Schiff herum, sodaß sie die zerkraterte, in mattem Kupferrot beleuchtete Wölbung des Planeten über ihren Köpfen hinwegrollen sahen. Da sie noch einen deutlichen Geschwindigkeitsüberschuß gegenüber der Orbitalgeschwindigkeit in dieser Höhe hatten, glich er die überschüssige Fliehkraft mit den senkrecht zur Flugbahn wirkenden MET-Antrieben aus. Die restliche Abbremsung würde erst so zeitig erfolgen, daß die Orbitalgeschwindigkeit erreicht war, bevor die Queen of Altavor über dem Horizont erschien. So würde das Aufholen, das ansonsten etwa dreizehn Stunden gedauert hätte, auf eine knappe Stunde verringert werden.

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Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 2)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Zuvor erschienen: Teil 1 und das Glossar

6) Zu dunklen Ufern

Die Queen of Altavor schwebte antriebslos in der Umlaufbahn von Krelang, dem dritten Planeten der sechsunddreißig Lichtjahre von Sol entfernt im Sternbild Vela gelegenen K5-Sonne Gliese 370. Das Schiff hatte gerade einen dreitägigen Aufenthalt auf dieser kühlen Welt beendet, wo es in einem Kratersee auf dem Kontinent Quatarn in den nördlichen Subtropen gewassert hatte, um seinen Passagieren die Besichtigung der um jenen See herumgebauten Ruinenanlage zu ermöglichen. Niemand wußte, wer die Schöpfer dieser überwucherten, aus Natursteinblöcken, Metallen und Synthetikmaterialien errichteten Bauten waren; auch die Lwaong hatten sie bereits als Ruinen vorgefunden. Es gab weitere, kleinere Anlagen solcher Art auf dem unbewohnten Planeten, aber es deutete nichts darauf hin, daß ihre Erbauer sich hier auch entwickelt hatten. Von dem im Wasser schwimmenden Raumschiff aus waren mitgeführte Gleiter gestartet, um die Passagiere bei den Ruinen abzusetzen oder sie zu entfernteren Plätzen zu bringen, wo sie Wanderungen zur Beobachtung der heimischen Natur unternommen hatten. Schließlich war die Queen of Altavor wieder gestartet, und nun zog sie in kaum hundertdreißig Kilometer Höhe über der vom flach einfallenden Sonnenlicht gelb beschienenen Wolkendecke dahin und wartete hilflos auf das nahende Verhängnis.

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Ace of Swords: Alles auf eine Karte (Teil 1)

Eine Science-Fiction-Geschichte von Deep Roots alias Lucifex.

Vorbemerkung des Verfassers: Dies ist eine Geschichte, deren dreieinhalb Jahrzehnte lange „Entstehungshistorie“ damit begonnen hat, daß ich irgendwann Anfang der 1980er den amerikanischen Fernsehfilm „Raubvögel“ („Birds of Prey“) von 1973 gesehen habe. Zu der Zeit kannte ich schon das damals noch recht neue Musikalbum „The Turn of a Friendly Card“ von Alan Parsons Project, und irgendwie haben sich einige Lieder daraus zusammen mit „Raubvögel“ in meinem Kopf zur Grundidee eines SF-Films entwickelt, der im Kern eine Art futuristisches „Raubvögel“ sein sollte, mit „The Turn of a Friendly Card“ als Filmmusik (ich hegte damals den Traum bzw. die Illusion, irgendwann einmal Profi-Filme machen zu können).

Später, nach Aufgabe des Filmertraums, hatte ich die Geschichte irgendwann einmal zu einem Buch verarbeiten wollen, und im Oktober 2017 habe ich mich dazu entschlossen, sie nun endlich in Form eines Blogbeitrags zu verwirklichen, was auch die Integration von „The Turn of a Friendly Card“ und anderer Lieder als eine Art „Filmmusik“ ermöglicht. Im Kern ist die Geschichte immer noch das ursprüngliche Projekt, aber sie ist im Laufe der Jahre doch in mancher Weise zu etwas ganz anderem mutiert.

Dies ist Teil 1 von 4, und es gibt zur Begriffs- und Hintergrunderläuterung auch ein Glossar.

Zur Einstimmung vor dem Lesen gibt’s hier das Instrumentalstück The Ace of Swords“ aus The Turn of a Friendly Card“ (jedoch in einem Stück mit „Nothing left to lose“; gesamt 7:10 min.):

A C E   O F   S W O R D S :  A L L E S   A U F   E I N E   K A R T E

Prolog

Der Große Galaktische Krieg war beendet. So hatten ihn die Menschen genannt, für die es der erste große interstellare Konflikt war, den sie erlebten. Für die anderen Spezies, die im Rahmen der Galaktischen Zivilisation daran teilgenommen hatten, war er bloß ein Maßregelungskrieg gegen die Xhankh gewesen, die sich geweigert hatten, alle Regeln jener lose verbundenen Multispezies-Zivilisation einzuhalten, gegen die sie sich schließlich in einem offenen Krieg gewandt hatten. Wie ihn die Xhankh nannten, für die er mit der schwersten Niederlage ihrer Geschichte und dem Verlust der meisten ihrer Welten geendet hatte, verrieten sie niemandem. Nun sammelten sich die Schiffe der Sieger zur Rückkehr in ihre Heimatsysteme, die Kreuzer der Menschen ebenso wie die gigantischen Kriegsschiffe der älteren Galciv-Mächte, vor denen sie beinahe zwergenhaft wirkten.

Begonnen hatte der Krieg mit einem Streit um das Recht der Nachbarspezies der Xhankh, im von diesen beanspruchten Raumgebiet um den Kohlensack-Dunkelnebel Welten zu besiedeln, die von ihrer Natur her für sie am besten geeignet waren, während die Xhankh sie als neue Heimatwelten uninteressant fanden. Dies war gängige Praxis und entsprach einer der fundamentalsten Regeln der Galaktischen Zivilisation: Nachdem für jede Spezies nur ein Bruchteil aller für Leben bewohnbaren Welten hinsichtlich Schwerkraft, Spektraltyp der Sonne, Jahreslänge und Rotationsdauer sowie chemischer Beschaffenheit ideal war und andererseits die überlichtschnellen Raumschiffe eine weiträumige Erschließung ermöglichten, ließen die raumfahrenden Spezies die für sie suboptimalen Welten ungenutzt, auch wenn sie näher an ihrem Ursprungssystem lagen. Stattdessen kolonisierten sie nur optimale, auch wenn sie weiter entfernt und zwischen die Welten anderer Spezies mit anderen Bedürfnissen eingestreut lagen. Exklusive Hoheitsansprüche auf ein bestimmtes Raumgebiet wurden von der Galciv nur im näheren stellaren Bereich um das Ursprungssystem einer Spezies toleriert. Die Xhankh wollten jedoch aus strategischen Gründen keine Kolonien fremder Wesen zwischen ihren Welten dulden, und weil sie eine der bedeutendsten Mächte in jenem Raumsektor waren, glaubten sie sich in der Position, diesen Standpunkt durchsetzen zu können.

Außerdem hatten die Xhankh sechs Jahrtausende zuvor eine wesentliche Rolle bei der Bekämpfung und schließlichen Ausrottung der Lwaong gespielt, deren Machtbereich einen Großteil der sechshundert Lichtjahre zwischen Sol und dem Kohlensack eingenommen und sich noch ein Stück über Sol hinaus in Richtung des galaktischen Randes erstreckt hatte. Die Lwaong hatten sich überhaupt geweigert, der Galaktischen Zivilisation beizutreten, und weiterhin interstellare Expansion betrieben, wenngleich nicht auf Kosten von Galciv-Mitgliedsmächten. Schließlich war es zum totalen Krieg gekommen, und weil die Xhankh diesen entscheidend zu gewinnen geholfen und dabei nicht nur militärische Stärke gezeigt hatten, sondern seitdem auch einen Teil des ehemaligen Lwaong-Raumes besaßen, der ihnen zusätzliche strategische Tiefe und Ressourcen gab, verhielten sie sich unnachgiebig, schüchterten ihre Nachbarn mit ihren Kampfschiffen ein und setzten auf die Kriegsunwilligkeit der alten Galciv-Spezies.

Nach einer Reihe eskalierender feindseliger Zwischenfälle hatte die Galciv ihre Mitgliedsspezies dann doch zum Krieg gegen die Xhankh aufgerufen, die zunächst nur gemaßregelt, in ihrer Stärke beschnitten und zur vollen Akzeptanz aller Galciv-Prinzipien samt Abtretung aller zuvor umstrittenen Welten in ihrem Raumbereich gezwungen werden sollten. Diesem Aufruf waren anfänglich nur die unmittelbaren Nachbarn der Xhankh nachgekommen, sodaß letztere zunächst bedeutende Anfangserfolge erzielen konnten. Als dann in entfernteren Randbereichen der Galciv-Sphäre auch noch dritte Mächte – eigensinnige Halbmitglieder, widerstrebende Eingliederungskandidaten und offene Feinde – begonnen hatten, alte Rechnungen wieder aufzumachen, hatte es für die Xhankh noch besser auszusehen begonnen. Über diese letzteren Aspekte des frühen Xhankh-Krieges war für die Menschen nur wenig und teils Widersprüchliches zu erfahren gewesen, aber soviel war klar: Die Galaktische Zivilisation sah sich nun in diesem Raumsektor ernstlich in Bedrängnis.

Sie hatte darauf reagiert, indem sie nun doch eine Anzahl weiterer Mitglieder zu einem wenigstens begrenzten Engagement mobilisierte, um zunächst jene zusätzlich aufgeflammten Grenzkonflikte zu bereinigen. Danach hatte sie sich verstärkt gegen die Xhankh wenden und deren Vordringen stoppen können. Der nächste Schritt hatte in der Gewinnung des jüngsten Mitglieds, der Solaren Föderation, für einen Kriegseintritt bestanden.

Die Solare Föderation, ein loser Zusammenschluß aus Euro-Afrikanischer Föderation, Eurasien, Pazifischer Föderation und Panamerikanischer Union, war in der Mitte des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts nach dem Erstkontakt mit den Arrinyi gebildet worden, denen die Menschen als ersten Vertretern der Galciv und als ersten Außerirdischen überhaupt begegnet waren. Zu dieser Zeit hatten die irdischen Mächte gerade mit der Erforschung von Sols Nachbarsternen mittels erster Warpraumschiffe begonnen und dabei auch auf zwei Exoplaneten halbprimitive Menschenpopulationen gefunden, wofür sie keine Erklärung hatten, denn von den Aktivitäten der Lwaong in der Prähistorie wußten sie noch nichts. Die neu eröffnete galaktopolitische Perspektive hatte den Befürwortern einer engeren globalen Integration unter den irdischen Eliten zur Durchsetzung gegenüber den Anhängern der multipolaren Version einer transnationalen Weltordnung verholfen. Danach hatte die Verlockung einer allmählichen Einführung in den technisch-wissenschaftlichen Stand der Galaktischen Zivilisation, die von den Arrinyi und Vertretern der älteren Mächte aus dem geheimnisvollen Inneren der Galciv-Sphäre in Aussicht gestellt worden war, dazu geführt, daß ab 2155 mit der schrittweisen Aufnahme der Menschheit in den uralten interstellaren Zivilisationsverband begonnen wurde.

Als vier Jahrzehnte später Nachrichten über Kämpfe im Raum um den Kohlensack die Menschenwelten zu erreichen begonnen hatten, war man dort zunächst auf Heraushaltung bedacht gewesen, aber die Galciv hatte den Menschen für den Fall einer Kriegsteilnahme auf ihrer Seite einen beschleunigten Technologietransfer versprochen, und dann hatte es mehrere mysteriöse Überfälle auf Erdaußenposten gegeben, die den Xhankh zugeschrieben worden waren.

Darauf war eine massive Kriegspropagandawelle in allen Medien gefolgt, die die Vision vom heroischen Einsatz der Solaren Streitkräfte für Frieden und Sophontenrechte beschworen hatte. Besonders die Arrinyi, die bei den Menschen wegen ihres am ehesten noch einigermaßen humanoiden Äußeren die beliebtesten aller Außerirdischen waren (auch weil man ihnen wegen ihrer andersartigen Lebensbedürfnisse als Bewohner langsam rotierender Welten von K-Typ-Sonnen keinen Appetit auf Menschenwelten zutraute) und die als nächste Nachbarn der Xhankh am meisten von deren Übergriffen betroffen waren, wurden als Opfer präsentiert. Es gab sogenannte Hilfseinsätze irdischer Schiffe, die prompt mit den Xhankh aneinandergerieten, und als 2200 das nächste Jahrhundert eingeläutet wurde, war auch die Solare Föderation voll in den Krieg verwickelt.

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Die Befreiung des Auenlandes

Von Greg Johnson, übersetzt von Deep Roots. Das Original The Scouring of the Shire erschien am 3. Januar 2012 auf Counter-Currents Publishing.

Einer meiner Lieblingsteile von Der Herr der Ringe ist Buch 6, Kapitel 8, „Die Befreiung des Auenlandes“, das vorletzte Kapitel von Die Rückkehr des Königs. [Anm. d. Ü.: Im Original heißt dieses Kapitel „The Scouring of the Shire“, also „Die Säuberung des Auenlandes“.]

Nach der Zerstörung des Ringes und dem Fall des Dunklen Herrn kehren Frodo, Sam, Merry und Pippin zurück ins Auenland, nur um herauszufinden, daß es von Fremden besetzt worden ist, die die Hobbits versklavt und beraubt und das Land verwüstet haben.

Die heimkehrenden Veteranen rütteln ihre Leute zur Rebellion auf, töten viele der Usurpatoren und vertreiben den Rest. Dann entdecken sie, wer dahintersteckte: der gefallene Zauberer Saruman, der aus dem Auenland verbannt wird. Bevor er jedoch abreisen kann, wird er von seinem Diener im Verbrechen getötet, dem verräterischen Grima Schlangenzunge, der dann von drei Hobbitpfeilen gefällt wird.

Dieses Kapitel wurde in Peter Jacksons Filmtrilogie weggelassen (wie auch in Ralph Bakshis Zeichentrickversion), obwohl Jackson doch an zwei Stellen darauf anspielt. In Die Gefährten hat Frodo, als er in Galadriels Spiegel schaut, eine Vision, in der die Hobbits versklavt sind und das Auenland von dunklen satanischen Mühlen verdorben ist. In der erweiterten Version von Die Rückkehr des Königs entdecken Merry und Pippin nach dem Fall von Isengart, daß Sarumans Lagerhäuser Produkte aus dem Auenland enthalten, was auf irgendeine Art von Kontakt hindeutet.

Aber Jackson verlegte den Tod von Saruman und Schlangenzunge zum Fall von Isengart. Schlangenzunge tötet auch hier Saruman, aber er wird durch einen Pfeil von Legolas erledigt. Als daher Frodo und seine Begleiter ins Auenland zurückkehren, finden sie es unverändert vor. Somit war Frodos Vision in Jacksons Erzählung nur eine mögliche Zukunft, die durch den Tod von Saruman bei Isengart ausgeschlossen wurde.

Dennoch halte ich es für eine Schande, daß „Die Befreiung des Auenlandes“ nicht verfilmt wurde, denn es ist eine potente politische Allegorie, die bis heute relevant bleibt. Die meisten Kommentatoren bemerken einfach, daß die Befreiung auf Tolkiens persönlicher Erfahrung der Rückkehr aus den Gräben des Ersten Weltkriegs beruht, bei der er England als veränderten Ort vorfand. (Wimmelnde Kolonien von Nichtweißen waren gegründet worden, hauptsächlich, um in Hafenstädten zu arbeiten, was 1919 zu Rassenunruhen führte). Aber die Befreiung geht weit über alles in Tolkiens Erfahrung hinaus. Es ist ein Werk der Fantasie, eine politische Allegorie, die weit mehr den Erfahrungen deutscher Soldaten ähnelt, die aus dem Großen Krieg heimkehrten, um ein radikal neues, von Fremden beherrschtes Regime vorzufinden.

Das Auenland wurde wie folgt unterjocht: Nach dem Fall von Isengart war Saruman nur noch ein wandernder „Bettler in der Wildnis“, ein Flüchtling. Aber als er noch Macht genoß, hatte der wandernde Zauberer ein weitgespanntes Netzwerk entwickelt, das bis ins Auenland reichte, wo er die Freundschaft mit Lotho Pickel pflegte.

Das Auenland war eine autarke Agrargesellschaft unabhängiger kleiner Bauern und Kaufleute. Pickel war jedoch unzufrieden und ehrgeizig genug, daß er diese Gesellschaftsordnung verändern wollte. Er wollte mehr Land, als er selbst bestellen konnte, und er wollte Mietlinge, um es zu bearbeiten, damit er durch den Anbau von Feldfrüchten für den Export reich werden konnte. Kurz, er wollte eine große Nummer mit einer Plantage sein.

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Der tote Raumfahrer – Teil 5

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und ist heute in der Originalausgabe nur noch in Gebrauchtexemplaren sowie ab 30. Dezember 2016 auch wieder in einer überarbeiteten Neuausgabe erhältlich. (Bilder von mir – Lichtschwert – eingefügt; Titelbild aus der Manga-Version zu „Inherit the Stars“ [Abschnitt Inherit the Stars 5 – Jupiter-5].)

Letzter Teil; zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4

20

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Die riesigen Schiffe, die im Zuge des fünften bemannten Unternehmens zum Jupiter fliegen würden, waren in über einem Jahr in der Mondumlaufbahn gebaut worden. Außer dem Leitschiff waren hoch über der Mondoberfläche allmählich sechs Frachter entstanden, von denen jeder in der Lage war, dreißigtausend Tonnen an Versorgungs- und Ausrüstungsgütern zu transportieren. Während der letzten zwei Monate vor dem geplanten Starttermin war das wie Weihnachtsbaumlametta wirkende dahintreibende Durcheinander aus Maschinen, Werkzeugen, Containern, Fahrzeugen, Tanks, Kisten, Zylindern und den tausend anderen Posten zusammengestellten Gerätschaften langsam im Innern der Schiffe verschwunden. Die Wega-Fähren, Fernraumkreuzer und anderen Schiffe, die ebenfalls für dieses Projekt vorgesehen waren, wurden im Verlaufe mehrerer Wochen von ihren jeweiligen Mutterschiffen aufgenommen. Während der letzten Wochen lösten sich die Frachter in regelmäßigen Abständen aus der Mondumlaufbahn und setzten Kurs auf Jupiter. Als die Passagiere und letzten Besatzungsmitglieder von der Mondoberfläche hinaufgebracht wurden, war nur noch das Leitschiff übrig; einsam und verlassen schwebte es in der Leere. Mit dem Näherrücken der Stunde Null zog sich die Schar von Wartungsschiffen und Begleitsatelliten zurück. Ein paar Kilometer entfernt verdichtete sich ein Pulk aus Geleitschiffen, und ihre Kameras übertrugen die Bilder via Luna in das Welt-Nachrichtennetz der Erde.

Als die letzten Minuten heranrückten, zeigten Millionen Bildschirme einen eindrucksvollen, fast zwei Kilometer langen Schatten, der sich fast unmerklich über dem Sternenhintergrund bewegte. Die Stille dieses Schauspiels schien irgendwie die unvorstellbare Kraft anzukündigen, die entfesselt werden sollte. Genau nach Zeitplan beendeten die Flugkontrollcomputer die letzte Endcountdown-Überprüfung, erhielten vom Hauptprozessor der Bodenkontrolle eine „Grün“-Bestätigung und aktivierten die thermonuklearen Haupttriebwerke. Sie flammten in einem Blitz auf, der selbst von der Erde aus zu sehen war.

Das Jupiter-Fünf-Unternehmen hatte begonnen.

In den nächsten fünfzehn Minuten gewann das Schiff an Geschwindigkeit und schraubte sich immer höher hinauf. Dann schüttelte es mit müheloser Leichtigkeit die restlichen Gravitationsfesseln des Mondes ab. Jupiter-Fünf setzte dazu an, die Flotte der Frachter, die zu diesem Zeitpunkt bereits eine sich über Millionen Kilometer hinziehende Reihe bildete, einzuholen und sich ihr hinzuzugesellen. Nach einer Weile kehrten die Geleitschiffe zum Mond zurück, und die Bildschirme auf der Erde zeigten einen stetig blasser werdenden Lichtpunkt, der von den Orbitalteleskopen eingefangen wurde. Bald war auch der verschwunden, und nur noch die Fernortungen und Lasertaster blieben übrig, um den elektronischen Datenaustausch über den sich vergrößernden Ozean aus Leere fortzusetzen.

Während die Minuten verstrichen, beobachteten Hunt und die anderen UNWO-Wissenschaftler auf dem Wandbildschirm der vierundzwanzigsten Messe des Leitschiffes, wie der Mond zu einer vollen Scheibe zusammenschrumpfte und die der Erde dahinter teilweise verdeckte. In den folgenden Tagen verkleinerten sich die beiden Globen weiter und verschmolzen zu einem einzelnen, strahlenden Fleck, der wie ein Leuchtsignal am Himmel stand, das ihnen den Weg nach Hause wies.

Als aus Tagen Wochen wurden, schrumpfte auch dies zusammen, bis es nur noch ein Staubkörnchen unter Millionen anderen war. Ungefähr nach einem Monat konnten sie es nur noch mit Mühe ausmachen.

Hunt gewöhnte sich nur langsam an die Vorstellung, Teil einer winzigen künstlichen Welt zu sein, um die herum sich der Kosmos in die Endlosigkeit erstreckte. Die Entfernung zu allem, was ihm vertraut war, nahm in jeder Sekunde um knapp zwanzig Kilometer zu. Nun hing ihr Leben gänzlich von der Kompetenz derjenigen ab, die dieses Schiff entworfen und gebaut hatten. Die grünen Hügel und blauen Himmel der Erde waren fürs Überleben nicht länger wichtig und schienen sich immer mehr als Phantasieprodukt zu erweisen. Sie waren wie der Nachhall eines Traums, dessen Realität nur Illusion war. Hunt begann die Wirklichkeit als relative Qualität zu betrachten – nicht als etwas Absolutes, das man eine Weile hinter sich lassen und zu dem man dann zurückkehren konnte. Das Schiff wurde zur einzigen Wirklichkeit. Das, was sie hinter sich gelassen hatten, hatte – zeitweise – aufgehört zu existieren.

Stundenlang verweilte er in den Aussichtskuppeln auf der Außenhülle. Und während er auf das einzige hinausblickte, das noch vertraut war – die Sonne -, fand er sich langsam mit der neuen Dimension ab, die seiner Existenz hinzugefügt worden war. Die ewige Präsenz der Sonne, ihr unablässiger Strom lebensspendenden Lichts und Wärme schenkte ihm Beruhigung. Hunt dachte an die ersten Seeleute, die sich nie aus der Sichtweite der Küste hinausgewagt hatten. Auch sie hatten etwas Vertrautes gebraucht, an dem sie sich festklammern konnten. Aber bald würde der Mensch seinen Bug auf das offene Meer richten und in die Leere zwischen den Galaxien eintauchen. Dort existierte keine Sonne, die ihn beruhigen konnte. Dort gab es überhaupt keine Sterne. Selbst die Galaxien würden nur noch verwaschene Flecken sein, die auf dem Weg in die Unendlichkeit verstreut waren.

Welche fremden Kontinente harrten auf der anderen Seite dieser Ozeane ihrer Entdeckung?

Danchekker verbrachte eine seiner Freizeitperioden in der Nullgravitationssektion des Schiffes und sah einem dreidimensionalen Rugbyspiel zu, das zwischen zwei Mannschaften dienstfreier Besatzungsmitglieder ausgetragen wurde. Das Spiel basierte auf dem amerikanischen Football und fand in einer gewaltigen Kuppel aus transparentem, elastischem Kunststoff statt. Die Spieler sausten hinauf und hinunter, in alle Richtungen, prallten aufeinander und krachten gegen die Wand. Es war eine prächtige Keilerei, die – ganz nebenbei – auch dem Zweck diente, den Ball durch eines der kreisförmigen, sich gegenüberliegenden Tore zu werfen. In Wirklichkeit diente die ganze Sache nur als Vorwand, Dampf abzulassen und die Muskeln zu trainieren, die während der langen, monotonen Reise zu erschlaffen begannen.

Ein Steward tippte dem Wissenschaftler auf die Schulter und informierte ihn, daß in der Videozelle außerhalb des Sportdecks ein Anruf auf ihn wartete. Danchekker nickte, löste die Sicherheitsöse seines Gürtels vom Ankerpunkt des Sessels und hakte sie ins Geländer ein. Mit einem einzelnen mühelosen Stoß schickte er sich auf die Reise und schwebte anmutig auf die Tür zu. Hunts Gesicht sah ihm entgegen.

Er rief aus einer Entfernung von fast einem halben Kilometer an. „Guten Morgen, Dr. Hunt“, meldete sich Danchekker. „Oder welche Zeit auch immer wir gerade in dieser Höllenkiste haben.“

„Hallo, Professor“, gab Hunt zurück. „Ich habe mir einige Gedanken über die Ganymeder gemacht. Da sind ein oder zwei Punkte, über die ich gern Ihre Meinung hören würde. Können wir uns irgendwo treffen, um einen Happen zu essen? Sagen wir in der nächsten halben Stunde oder so?“

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Der tote Raumfahrer – Teil 4

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und ist heute nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich.

Zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1, Teil 2 und Teil 3

15

Caldwell trat einen Schritt näher heran, um das knapp drei Meter große Plastikmodell eingehender zu betrachten, das im Zentrum eines der Laboratorien des Biologischen Instituts von Westwood stand. Danchekker gab ihm reichlich Zeit, die Details in Augenschein zu nehmen, bevor er fortfuhr.

„Eine lebensgroße Kopie eines Ganymederskeletts“, sagte er. „Aufgrund der von Jupiter hierher übermittelten Daten konstruiert. Die erste unbestreitbar fremde intelligente Lebensform, die jemals von Menschen untersucht werden konnte.“ Caldwell sah zu dem in die Höhe ragenden Knochengerüst auf und schürzte in einem lautlosen Pfiff die Lippen.

Hunt rührte sich nicht und ließ in sprachloser Faszination seinen Blick über die ganze Größe des Modells auf und ab gleiten.

„Diese Körperstruktur ist in keiner Weise mit der irgendeiner noch existierenden oder ausgestorbenen Lebensform verwandt, die auf der Erde jemals untersucht wurde“, informierte sie Danchekker. Er zeigte auf das Modell. „Sie basiert auf einem inneren, aus Knochen bestehenden Skelett. Wie Sie sehen können, bewegte sich das Wesen aufrecht wie ein Zweifüßler, und der Kopf befand sich oben auf dem Rumpf. Aber abgesehen von solchen äußerlichen Ähnlichkeiten: Es entstammt zweifelsfrei einer völlig fremden Evolution. Nehmen Sie den Kopf als ein deutliches Beispiel. Die Gliederung des Schädels kann in keiner Weise mit der irgendeines bekannten Wirbeltieres in Übereinstimmung gebracht werden. Das Gesicht ist nicht wie bei uns in den unteren Schädelteil zurückgewichen, sondern nach wie vor eine lange, nach unten deutende Schnauze, die sich oben erweitert, um breite Zwischenräume für Augen und Ohren zu schaffen. Ferner hat sich der Hinterkopf vergrößert, um, wie beim Menschen, ein sich entwickelndes Hirn unterzubringen. Aber anstatt eine abgerundete Form anzunehmen, wölbt er sich über den Hals hinweg, um ein Gegengewicht zum hervorstehenden Gesicht und Kinn zu bilden. Und sehen Sie sich die Öffnung im Schädel an, mitten auf der Stirn. Ich glaube, hier könnte ein Wahrnehmungsorgan untergebracht gewesen sein, das wir nicht besitzen – möglicherweise in Infrarotdetektor, der von einem nachtaktiven, fleischfressenden Vorfahren geerbt wurde.“

Hunt trat bis an die Seite Caldwells vor und betrachtete eingehend die Schultern. „Die haben ebenfalls mit nichts Ähnlichkeit, was ich jemals gesehen habe“, kommentierte er. „Sie bestehen aus… einer Art sich überlappender Knochenplatten. Ganz und gar nicht wie unsere.“

„Eben“, bestätigte Danchekker. „Wahrscheinlich die Überbleibsel der Körperpanzerung eines Vorfahren. Und der Rest des Rumpfes ist ebenfalls völlig fremdartig. Zwar existiert, wie Sie sehen können, ein Rückgrat mit einer unterhalb der Schulterplatten gelegenen Rippengliederung. Aber die unterste Rippe – unmittelbar über der Bauchhöhle – hat sich zu einem massiven Knochenreifen mit diametralen Streben entwickelt, die aus einem vergrößerten Rückgratwirbel entspringen. Nun, beachten Sie die an den Seiten des Ringes gelegenen zwei Gruppen kleinerer, miteinander verbundener Knochen…“

Er deutete auf die entsprechende Stelle. „Wahrscheinlich dienten sie zur Unterstützung des Atmungsvorgangs, indem sie halfen, das Zwerchfell auszudehnen. Meiner Meinung nach sind sie degenerierten Überbleibseln einer zweigliedrigen Struktur verdächtig ähnlich. Mit anderen Worten: Obwohl dieses Wesen wie wir zwei Arme hatte und sich auf zwei Beinen bewegte, gab es irgendwo unter seinen frühen Vorfahren Tiere mit drei anstatt zwei Extremitätenpaaren. Allein das reicht aus, um sofort jeder Verwandtschaft mit irgendeinem Wirbeltier dieses Planeten auszuschließen.“

Caldwell bückte sich, um das Becken in näheren Augenschein zu nehmen. Es bestand nur aus einer Anordnung von dicken Riegeln und Streben, die die Gelenkpfannen der Oberschenkel aufnahmen. Nichts deutete auf die gewölbte schüsselartige Form des unteren menschlichen Torsos hin.

„Muß auch besondere Eingeweide gehabt haben“, meinte er.

„Es könnte sein, daß die inneren Organe mehr durch die Aufhängung an dem darüber gelegenen Knochenring getragen wurden als durch einen Halt darunter“, vermutete Danchekker. „Betrachten Sie schließlich die Glieder. Beide unteren bestehen wie auch die unsrigen aus zwei Knochen. Oberarm und Oberschenkel aber sind anders beschaffen – sie weisen ebenfalls eine Doppelknochen-Anordnung auf. Das hat die Flexibilität in hohem Maße gesteigert und die Ganymeder in die Lage versetzt, eine ganze Reihe von Bewegungen auszuführen, zu denen ein menschliches Wesen nicht in der Lage wäre. Die Hand verfügt über sechs Finger, von denen sich zwei gegenüberstehen. Ihr Besitzer hat sich also des Vorteils, zwei Daumen zu besitzen, erfreuen können. Er wäre in der Lage gewesen, sich beide Schuhe bequem mit einer Hand zu schnüren.“

Danchekker wartete, bis Caldwell und Hunt jedes Detail des Skeletts gründlich studiert hatten. Als sie sich wieder ihm zuwandten, fuhr er fort: „Seit das Alter der Ganymeder ermittelt ist, tendiert jedermann zu der Ansicht, ihre Entdeckung sei ein purer Zufall und es bestünde kein direkter Zusammenhang mit der Lunarierfrage. Meine Herren, ich glaube nun in der Lage zu sein, Ihnen demonstrieren zu können, daß den Ganymedern in der Tat eine sehr reale Bedeutung in dieser Frage zukommt.“

Hunt und Caldwell sahen ihn erwartungsvoll an. Danchekker schritt zu einer Bildschirmkonsole an der Wand des Laboratoriums, tastete einen Code ein und sah zu, wie sich der Schirm erhellte und das Bild eines Fischskeletts offenbarte. Zufrieden wandte er sich um und sah sie an.

„Was fällt Ihnen auf?“ fragte er.

Einige Sekunden lang starrte Caldwell gehorsam auf den Schirm. Hunt nahm das Bild schweigend in sich auf.

„Es ist ein komischer Fisch“, sagte Caldwell schließlich. „In Ordnung, sagen Sie’s mir.“

„Es ist nicht auf den ersten Blick zu sehen“, entgegnete Danchekker. „Aber mittels eines detaillierten Vergleichs ist es möglich, die Struktur dieses Fisches Knochen für Knochen mit der des Ganymederskeletts in Beziehung zu setzen. Beide entstammen der gleichen evolutionären Linie.“

„Der Fisch ist einer von denen, die in der Lunarierbasis auf der Mondrückseite gefunden wurden“, sagte Hunt plötzlich.

„Genau, Dr. Hunt. Der Fisch ist knapp fünfzigtausend Jahre alt und das Ganymederskelett rund fünfundzwanzig Millionen. Eine anatomische Untersuchung macht deutlich, daß sie verwandt sind und zu einer evolutionären Linie gehören, die sich irgendwann in ferner Vergangenheit bei einem gemeinsamen Vorfahren verzweigte. Daraus ergibt sich, daß sie auch den Ursprungsort gemeinsam haben. Wir wissen bereits, daß sich der Fisch in den Meeren Minervas entwickelte. Also kommen auch die Ganymeder von Minerva. Auf diese Weise haben wir einen Beweis für etwas erhalten, das einige Zeit nur reine Spekulation war. Unsere frühere Vermutung war nur in dem einen Punkt unrichtig, als wir nicht in der Lage waren, die zeitliche Lücke zwischen der Anwesenheit der Ganymeder auf Minerva und der der Lunarier genau abzuschätzen.“

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Der tote Raumfahrer – Teil 3

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und ist heute nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich.

Zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1 und Teil 2

10

Die Dienste der Sonderauftragsgruppe L wurden sofort in Anspruch genommen, als die neue Abteilung offiziell eingerichtet wurde, und innerhalb der folgenden Wochen nahm die Arbeitsbelastung rapide zu. Gegen Ende des Monats war Hunt mit Anträgen und Anfragen regelrecht überhäuft und gezwungen, mehr Mitarbeiter anzufordern, als er zuerst vorgehabt hatte. Ursprünglich war es sein Plan gewesen, eine Zeitlang mit einer Stammannschaft zurechtzukommen. Zumindest so lange, bis er eine Vorstellung davon hatte wie viele Mitarbeiter er benötigte. Als Caldwell zum ersten Mal von der Gründung einer neuen Sektion sprach, hatte es ein oder zwei Fälle von Eifersucht und Verstimmung gegeben. Aber schließlich setzte sich die Einschätzung durch, daß Hunt einige überlegenswerte Ideen eingebracht hatte und es deshalb nur vernünftig sei, ihn auf Dauer zum Projekt hinzuzuziehen. Nach einer Weile mußten selbst die Opponenten widerwillig einräumen, daß mit der Hilfe der Gruppe L die Dinge glatter liefen. Einige vollführten schließlich eine völlige Kehrtwendung und wurden zu enthusiastischen Befürwortern dieser neuen Einrichtung, als sie zu begreifen begannen, daß die Kommunikationskanäle zu Hunts Leuten auch in der anderen Richtung funktionierten und daß für jedes Informationsbit, das sie in diese Kanäle einspeisten, zehn aus der anderen Richtung zurückkamen. Als Caldwells Koordinierungsmaschine auf diese Weise geschmiert wurde und sich als produktiv erwies, wurde sie auf volle Touren gebracht, und plötzlich begannen sich die Mosaiksteinchen zusammenzufügen.

Die Mathematik beschäftigte sich noch immer mit den Gleichungen und Tabellen, die man in den Büchern gefunden hatte. Da mathematische Beziehungen völlig unabhängig von den Zeichen waren, mit denen man sie ausdrückte, gestaltete sich ihre Interpretation weitaus weniger willkürlich als die Decodierung der lunarischen Sprache. Durch die Entdeckung der Maßeinheitumrechnungstabellen waren die Mathematiker angespornt worden. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit auf die anderen Tabellen desselben Buches und stießen bald auf eine, die eine Reihe von gewöhnlichen physikalischen und mathematischen Konstanten auflistete. Kurz darauf machten sie pi und e, die Basis der natürlichen Logarithmen, und noch ein oder zwei andere Konstanten ausfindig. Allerdings verstanden sie noch immer nicht genug von dem System der Maßgrundeinheiten, um die Mehrzahl von ihnen zu berechnen.

Als die Kartographen schlüssige Beweise für die Einheiten der Kreiseinteilung erbracht hatten, konnten andere Tabellen schnell als Beschreibungen einfacher, trigonometrischer Funktionen erkannt werden. Die Überschriften der Spalten dieser Tabellen bestanden aus den lunarischen Symbolen für Sinus, Kosinus, Tangens und so weiter. Sobald diese bekannt waren, ergaben mathematische Zeichen an anderen Stellen mehr Sinn; einige von ihnen erwiesen sich rasch als Definitionen bekannter trigonometrischer Beziehungen. Diese wiederum halfen, die Zeichen zu finden, die die Grundrechnungsarten und die Exponentialrechnung benannten, was zur Identifikation der Gleichungen führte, die mathematischer Ausdruck für die Gesetze der Gravitation waren. Niemand war überrascht, als diese Gleichungen offenbarten, daß die lunarischen Wissenschaftler die gleichen Gesetze abgeleitet hatte wie auch Newton. Die Mathematiker stießen dann zu Tabellen vor, die die ersten grundlegenden Integrale und Standardgleichungen einfacher Differentialrechnung beinhalteten. Auf anderen Seiten fanden sie Ausdrücke, von denen sie annahmen, daß sie die Gesetze der Resonanz und gedämpften Oszillation beschrieben. Hier führte die Ungewißheit über die Maßeinheiten erneut zu einem Problem: Ausdrücke von dieser Art würden in einer Standardform gehalten sein, die gleichwohl für elektrische, mechanische, thermische oder viele andere physikalische Erscheinungen zutreffen konnten. Bis sie nichts Genaueres über das lunarische Maßsystem wußten, konnten sie nicht absolut sicher sein, was diese Gleichungen bedeuteten, selbst dann nicht, wenn sie sie mathematisch interpretieren konnten.

Hunt erinnerte sich daran, bemerkt zu haben, daß an vielen der elektrischen Anschlüsse in Charlies Rückentornister direkt neben Stöpseln, Steckern und anderen Eingang-Ausgang-Verbindungen kleine Metallschildkennungen angebracht waren. Er vermutete, daß es sich bei einigen der Symbole, die in diese Kennungen eingraviert waren, möglicherweise um Angaben über Stromspannung, -stärke, -frequenz und dergleichen mehr handeln könnte. Er verbrachte einen ganzen Tag in den Labors der Elektronikabteilung, erarbeitete einen kompletten Bericht über die Kennungen und leitete ihn an die Mathematiker weiter. Niemandem war es bis dahin in den Sinn gekommen, sich über diese Dinge in Kenntnis zu setzen.

Die Elektroniker lokalisierten die Batterie in der Armbandeinheit, die das Tycho-Team entdeckt hatte, zerlegten sie in ihre Bestandteile und berechneten mit Hilfe eines Elektrochemikers aus einer anderen Abteilung, welche Stromspannung sie geliefert hatte. Die Linguistiker übersetzten die Beschriftungen auf dem Gehäuse, und das ergab einen Anhaltspunkt für die Einheit, mittels der die Lunarier elektrische Spannung gemessen hatten. Nun, es war ein Anfang.

Die Professoren Danchekker und Schorn waren für die biologische Seite der Untersuchungen verantwortlich. Überraschenderweise zeigte Danchekker keinen Widerstand, mit der Gruppe L zu kooperieren, und er hielt sie mit einem beständigen Informationsfluß auf dem laufenden. Dies war mehr die Folge einer tief in ihm verwurzelten Anständigkeit als einer Wandlung seiner Gefühle. Er war ein Formalist, und wenn die Formalitäten der neuen Regelung eine Informationsweitergabe verlangten, dann würde er sie streng einhalten. Aber er weigerte sich felsenfest, auch nur einen Millimeter von seiner kompromißlosen Überzeugung über den Ursprung der Lunarier abzuweichen.

Wie angekündigt führte Schorn eine Reihe von Untersuchungen durch, die die Länge des Tages von Charlies Heimatplaneten aus den Analysen seiner Körperchemie und seines Zellstoffwechsels ableiten sollte. Er stieß jedoch auf Schwierigkeiten. Er erzielte zwar Resultate, aber sie ergaben keinen Sinn. Einige Tests deuteten auf einen Vierundzwanzigstundentag hin, was bedeutete, daß Charlie von der Erde stammen konnte; andere jedoch führten zu fünfunddreißig Stunden, was dieser These widersprach. Und wieder andere Tests lieferten Werte, die dazwischen lagen. Wenn die Gesamtheit seiner Resultate also überhaupt irgendeine Bedeutung hatte, dann die, daß Charlie gleichzeitig von mehreren verschiedenen Orten kam. Entweder war dies verrückt, oder die Testmethoden waren falsch, oder es gab mehr Faktoren, als sie bisher angenommen hatten.

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Der tote Raumfahrer – Teil 2

Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und ist heute nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich.

Zuvor erschienen: Der tote Raumfahrer – Teil 1

7

Hunt hob die Arme, lehnte sich weit zurück und gähnte ausgiebig in Richtung Labordecke. Für ein paar Sekunden verblieb er in dieser Haltung, dann sank er mit einem Seufzen nach vorn zurück. Schließlich rieb er sich mit den Fingerknöcheln die Augen, setzte sich aufrecht, so daß er die Konsole vor ihm betrachten konnte, und konzentrierte sich erneut auf die knapp einen Meter große, zylindrisch geformte Glaskonstruktion an seiner Seite.

Das Betrachtungsterminal des Trimagniskops zeigte ein vergrößertes Abbild eines jener Bücher im Taschenbuchformat, die bei Charlie gefunden worden waren und die ihnen Danchekker vor drei Wochen, an ihrem ersten Tag in Houston, gezeigt hatte. Es steckte unter dem auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes befindlichen Abtastmodul des Gerätes. Das Skop war so justiert, daß es auf Veränderungen im spezifischen Gewicht reagierte, die von beschrifteten und nicht beschrifteten Stellen einer Seite hervorgerufen wurden, und nur noch die Zeichen selbst projizierte. Irgendwie erinnerte der ganze Vorgang an einen Eierkarton, bei dem man die obere Hälfte abgeschnitten hatte. Die abgebildeten Symbole waren jedoch in Anbetracht von Alter und Zustand des Buches undeutlich und an einigen Stellen unvollständig. Der nächste Schritt bestand darin, die Skopprojektionen mit Fernsehkameras optisch festzuhalten und den Navkomm-Computerkomplex dann mit diesen Daten zu füttern. Dort wurden die Daten einem speziellen Dekodierungs- und Analyseverfahren, einer statistisch-empirischen Hochrechnungstechnik, unterzogen, mittels der man eine Kopie des Buches herstellte, in der unvollständige oder fehlende Fragmente restauriert beziehungsweise hinzugefügt waren.

Hunt betrachtete die kleinen Monitore auf seiner Konsole, von denen jeder einen vergrößerten Ausschnitt einer bestimmten Seite zeigte, und tippte dann einige Anweisungen in die Tastatur.

„Auf Monitor fünf habe ich ein verschwommenes Bild“, meldete er. „Die Koordinaten sind eins zwo null null zu eins drei acht null auf der X-Achse; Y neun neun null null und, äh, eins null sieben fünf.“

Rob Gray, der ein paar Schritte entfernt vor einer anderen Konsole saß und von Bildschirmen und Kontrolltafeln fast vollständig umgeben war, musterte einige der Zahlenkolonnen, die vor ihm auf den Schirmen flimmerten.

„Z-Modus linear im Feld“, rief er. „Eine Teilverstärkung…“

„Gut. Versuchen Sie’s.“

„Ich gehe auf der Z-Achse von zwei null null auf zwei eins null… steigere die Verstärkung um jeweils einen Punkt… in Schritten von null Komma fünf Sekunden.“

„Verstanden.“ Hunt betrachtete den Schirm. Das Abbild eines Seitenabschnitts aus dem Buch verzerrte sich an einigen Stellen, dann begann es sich zu verändern.

„Jetzt anhalten!“ rief er.

Gray betätigte eine Taste. „In Ordnung?“

Eine Zeitlang betrachtete Hunt das nun modifizierte Bild. „In der Mitte ist nun alles klar“, sagte er schließlich. „Stabilisieren Sie das neue Niveau auf vierzig Prozent. Diese Randverzerrungen stören mich noch immer. Geben Sie mir mal einen Vertikalschnitt durch das Zentrum.“

„Auf welchen Bildschirm?“

„Äh… Nummer sieben.“

„Kommt sofort.“

Auf Hunts Konsole leuchtete eine Kurve auf, die einen Querschnitt durch den schmalen Bereich zeigte, mit dem sie sich beschäftigten. Er betrachtete sie einige Augenblicke, dann rief er: „Nehmen Sie eine Interpolation der Randverzerrung vor! Fangen Sie mit, sagen wir, minus fünf und fünfunddreißig Prozent auf Y an.“

„Parameter sind klar… Interpolator dazugeschaltet“, meldete Gray. „Wird jetzt im Abtastprogramm eingegliedert.“ Wieder veränderte sich das Bild ein wenig. Jetzt wies es eine merkliche Kontrastverbesserung auf.

„An den Rändern noch immer nicht ganz klar“, sagte Hunt. „Versuchen Sie’s mit einer Peripherieverstärkung von plus zehn. Wenn das nichts hilft, müssen wir den Isobandbreitenregler hinzunehmen.“

„Plus zehn auf zwei fünf und sieben fünf null“, wiederholte Gray, während er an der Tastatur arbeitete. „Erledigt. Wie sieht’s aus?“

Auf dem Seitenausschnitt, der auf Hunts Monitor zu sehen war, hatten sich die verschwommenen Symbole auf rätselhafte Weise in deutlich zu erkennende Zeichen verwandelt. Hunt nickte zufrieden.

„Alles klar. Jetzt stabilisieren. In Ordnung – das wäre das. Oben rechts ist noch immer ein unsauberer Punkt. Den nehmen wir uns jetzt vor.“

Seit jenem Tage, an dem das Trimagniskop fertig installiert war, hatte es für die beiden fast nur noch solche Arbeit gegeben. Die erste Woche hatten sie damit zugebracht, eine Reihe von Querschnittsansichten des Körpers selbst herzustellen. Dieses Unterfangen hatte sich als eine nicht so leicht zu vergessende Mischung aus Unbequemlichkeiten und noch unangenehmeren Widrigkeiten erwiesen. Sie mußten in elektrisch beheizten Anzügen arbeiten, weil die Mediziner unbeugsam darauf bestanden, daß Charlie in einer gekühlten, keimfreien Umgebung verblieb. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen waren enttäuschend. Es hatte sich herausgestellt, daß Charlie überraschend – oder nicht so überraschend, das kam ganz auf den Standpunkt an – menschlich war. Während der zweiten Woche nahmen sie sich die persönlichen Dinge vor, die bei Charlie gefunden worden waren, insbesondere die „zerknüllten“ Papiere und die Taschenbücher. Diese Untersuchungen hatten zu wesentlich interessanteren Ergebnissen geführt.

Von den Beschriftungssymbolen auf den Texten hatte man zuerst die Zahlen identifizieren können. Ein Team von Kryptographen, das in der Navkomm-Zentrale zusammengestellt worden war, entschlüsselte bald das Zahlensystem, das auf dem Duodezimal- statt dem Dezimalsystem basierte und links neben der letzten Ziffer eine mathematische Ordnungsbezeichnung verwendete. Die nichtnumerischen Symbole zu dechiffrieren erwies sich als weitaus schwieriger. Linguisten von wissenschaftlichen Instituten und Universitäten verschiedener Länder wurden hinzugezogen. Mit Hilfe einer ganzen Reihe von Computern versuchten sie, aus der Sprache der Lunarier, wie Charlies Spezies angesichts seines Fundortes genannt wurde, schlau zu werden. Bisher hatten ihre Bemühungen nur zu dem Ergebnis geführt, daß das lunarische Alphabet aus siebenunddreißig Buchstaben bestand, die horizontal von rechts nach links geschrieben wurden, und ein Äquivalent zu Großbuchstaben enthielt.

Angesichts der kurzen Zeitspanne konnte man mit dem Erfolg recht zufrieden sein. Die meisten untersuchenden Wissenschaftler waren sich darüber im klaren, daß die Ergebnisse, die man bisher erzielt hatte, ohne die Hilfe des Trimagniskops nicht zustande gekommen wären. Und die Namen der beiden Engländer waren bald in aller Munde. Das Skop erregte große Aufmerksamkeit unter dem technischen Personal der UNWO, und an vielen Abenden ergoß sich ein Strom von Besuchern in das Ocean Hotel, die alle darauf brannten, mit den Erfindern dieses Instruments zu sprechen und mehr über seine Funktionsprinzipien zu erfahren. Bald darauf war das Ocean Hotel der Sitz eines Debattierclubs, in dem jedermann die Zügel schießen und seine wildesten Spekulationen über die Geheimnisse, die Charlie umgaben, äußern konnte – frei vom Zwang der beruflichen Vorsicht und Sorgfalt, der den Wissenschaftlern während der Arbeit auferlegt war.

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Der tote Raumfahrer – Teil 1

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Von James Patrick Hogan. Das Original „Inherit the Stars“ wurde 1977 veröffentlicht, die deutsche Fassung (übersetzt von Andreas Brandhorst) erschien 1981 im Moewig-Verlag (ISBN 3-8118-3538-6) und ist heute nur noch in Gebrauchtexemplaren über Amazon erhältlich.

Hier ist der Klappentext aus der deutschen Ausgabe:

Im Staub des Mondes findet man einen mumifizierten Menschen in einem roten Raumanzug. Man nennt ihn „Charlie“.

Wie sich herausstellt, ist Charlie 50.000 Jahre alt. Aber vor 50.000 Jahren gab es noch keine Menschen, die wie Charlie aussahen. Und sie hatten weder Raumanzüge, noch konnten sie den Mond erreichen. Charlies Existenz bringt die Grundlagen der Menschheitsgeschichte durcheinander. Wer ist Charlie?

Weitere Funde und Nachforschungen ergeben, daß sich vor 50.000 Jahren etwas Einschneidendes im Sonnensystem ereignet hat. Ein Drama scheint sich abgespielt zu haben, ein Drama, das auch für die Erde einen tiefen Einschnitt bedeutete. Aber die Lösung ist komplizierter, als dies in den Theorien der Wissenschaftler zum Ausdruck kommt. Immer neue Widersprüche tun sich auf.

Als sich endlich die wahre Geschichte des toten Raumfahrers abzeichnet, ergeben sich Konsequenzen, die weit in das Leben jedes einzelnen hineinreichen.

*     *     *

Prolog

Er spürte, wie sein Bewußtsein zurückkehrte.

Instinktiv prallte sein wiedererwachter Verstand zurück, so als bedürfe es nur einer Willensanstrengung, die unablässig dahintropfenden Sekunden anzuhalten und in die Zone zeitlosen Vergessens zurückzukehren, in der die Qual der totalen Erschöpfung unbekannt und ohne Essenz war.

Das Hämmern, das seine Brust zu sprengen gedroht hatte, war verstummt. Die Schweißbäche, die zusammen mit seiner Kraft aus jeder Pore seines Körpers geströmt waren, versiegten. Seine Glieder waren schwer wie Blei. Das Rasseln der Lungen hatte sich in einen stetigen und gleichmäßigen Rhythmus zurückverwandelt. Er dröhnte laut im abgeschlossenen Innern seines Helms.

Er versuchte sich daran zu erinnern, wie viele umgekommen waren. Ihr Schlaf war endgültig; für ihn gab es noch keine Ruhe. Wie lange konnte er noch so weitermachen? Wie war die Lage? Hatte in Gorda überhaupt jemand überlebt?

„Gorda…? Gorda…?

Sein geistiger Widerstand konnte ihn nicht länger von der Wirklichkeit abschirmen.

„Ich muß nach Gorda!“

Er schlug die Augen auf. Milliarden ruhig leuchtender Sterne starrten ihm teilnahmslos entgegen. Der Körper gehorchte ihm nicht, als er sich zu bewegen versuchte; er schien die wertvollen Augenblicke der Entspannung unbedingt bis zum letzten auskosten zu wollen. Er atmete tief durch und kämpfte sich in die Höhe, in eine sitzende Position, weg vom Felsen. Jäher Schmerz peinigte jede einzelne Faser seines Körpers, und er biß die Zähne zusammen. Sein Kopf kippte nach vorn und prallte gegen die Sichtscheibe des Helms. Die Übelkeit verschwand.

Er stöhnte laut.

„Na, geht’s jetzt besser, Soldat?“ Klar drang die Stimme aus dem Lautsprecher in seinem Helm. „Die Sonne geht unter. Wir sollten uns beeilen.“

Er hob den Kopf und betrachtete müde die alptraumhafte Wildnis aus verbrannten Felsen und aschgrauem Staub, die ihn umgab.

„Wo…“ Der Laut kratzte in seiner Kehle. Er schluckte, befeuchtete seine Lippen und versuchte es erneut. „Wo bist du?“

„Rechts von dir, auf der Anhöhe, direkt über der kleinen Felswand, die hier herausragt… die mit den großen Felsblöcken darunter.“

Er wandte den Kopf zur Seite, und nach ein paar Sekunden entdeckte er einen schimmernden blauen Fleck vor dem tintenschwarzen Himmel. Er schien verschwommen und weit entfernt zu sein. Der Soldat zwinkerte, strengte seine Augen erneut an und zwang das Hirn, die optischen Daten zu koordinieren. Der blaue Fleck entpuppte sich als der unermüdliche Koriel, der einen Hochleistungs-Kampfanzug trug.

„Ich sehe dich.“ Und nach einer Pause: „Wie steht’s?“

„Auf der anderen Seite der Anhöhe ist es relativ flach. Dortlang scheint’s mir der einfachste Weg zu sein. Weiter drüben wird’s felsiger. Komm rauf und sieh’s dir an.“

Er reckte zentimeterweise die Arme hoch, damit er sich an dem Felsen in seinem Rücken abstützen konnte, und spannte sie dann, um sich auf die Beine zu heben. Sein Gesicht verzerrte sich, als er alle verbliebene Energie auf die kraftlosen Oberschenkel zu konzentrieren versuchte. Wieder begann das Herz zu hämmern, wieder rasselten die Lungen. Die Anstrengung war umsonst, und er fiel gegen den Felsen zurück. Sein keuchender Atem krächzte aus Koriels Funkempfänger.

„Aus… kann nicht mehr…“

Die blaue Gestalt am Horizont drehte sich um. „He, sag nicht so was. Es ist nicht mehr weit. Wir sind doch schon fast da, Kumpel… fast da.“

„Nein… nein, mit mir ist’s aus…“

Koriel zögerte ein paar Sekunden. „Ich komme wieder runter.“

„Nein, geh du allein. Irgend jemand muß durchkommen.“

Keine Antwort.

„Koriel…?“

Er starrte dorthin, wo er die Gestalt gesehen hatte, doch sie war hinter den Felsen, die seine Funksignale absorbierten, verschwunden. Ein oder zwei Minuten später tauchte Koriel hinter einigen nahen Felsblöcken wieder auf und eilte ihm mit langen Sprüngen mühelos entgegen. Aus den Sätzen wurden normale Schritte, als Koriel die zusammengekrümmte, in den roten Anzug gekleidete Gestalt erreichte.

„Komm schon, Soldat, hoch mit dir. Da sind immer noch ein paar Leute, die sich auf uns verlassen.“

Er spürte, wie ihn etwas unter den Armen packte und er, ohne eigenen Antrieb, langsam in die Höhe kam, so als ob ein Teil von Koriels unbegrenzten Kraftreserven in ihn überströmte. Eine Zeitlang drehte sich alles vor seinen Augen, und er lehnte den Kopf gegen die Schulterinsignien des Riesen neben ihm.

„In Ordnung,“ brachte er schließlich hervor. „Geh’n wir.“

Stunde um Stunde wuchs die dünne Schlange aus Fußspuren, deren Kopf aus zwei Farbklecksen bestand, in die Länge – nach Westen, durch die Ödnis, in der die Schatten immer länger wurden. Er bewegte sich wie in Trance, spürte keinen Schmerz mehr, keine Erschöpfung – er spürte gar nichts mehr. Der Horizont schien sich niemals zu verändern; bald konnte er seinen Anblick nicht mehr ertragen. Statt dessen betrachtete er die nächste ins Auge fallende Felsnadel oder Klippe und begann, die Schritte zu zählen, bis sie sie erreicht hatten. „Zweihundertdreizehn weniger.“ Und dann noch einmal… und noch einmal… immer wieder. Wie eine langsame, endlose und gleichgültige Prozession glitten die Felsen an ihnen vorbei. Jeder einzelne Schritt wurde zu einem Sieg des Willens… Es war eine konzentrierte, bewußte Anstrengung, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wenn er strauchelte, war Koriel immer zur Stelle, um ihm wieder in die Höhe zu helfen. Koriel ermüdete nie.

Schließlich hielten sie an. Sie befanden sich in einer Schlucht, die etwa vierhundert Meter breit war, unterhalb einer der niedrigen, zerklüfteten Felswände, die die Schlucht zu beiden Seiten flankierten. Am nächsten Felsblock brach er zusammen. Koriel befand sich ein paar Schritte voraus und überblickte die Landschaft. Die Vorsprünge und Klippen unmittelbar über ihnen wurden von einem Einschnitt unterbrochen. Er markierte jene Stelle, an der sich eine steile, enge Spalte bis ganz hinunter erstreckte, um dann in die Felswand der Hauptschlucht zu münden. Vom Ende der Spalte aus führte ein Hang aus angehäuftem Gesteinsschutt und Felstrümmern nahezu zwanzig Meter bis zum Boden der Schlucht hinunter. Er endete nicht weit von ihnen entfernt. Koriel streckte einen Arm aus und deutete auf einen Punkt jenseits des Risses.

„Dort etwa müßte Gorda liegen“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Der beste Weg scheint mir durch die Spalte hindurch und dann den Bergrücken hinauf zu sein. Wenn wir in der Ebene bleiben und das alles umgehen, dauert es zu lange. Was meinst du?“

Der andere starrte in stummer Verzweiflung hinauf. Die Felslawine, die sich bis zum Anfang der Spalte auftürmte, sah wie ein Gebirge aus. Dahinter, in der Ferne, ragte der zerklüftete Bergrücken empor; weißblendend lag er im Licht der Sonne. Es war unmöglich.

Koriel gestattete seinen Zweifeln nicht, sich zu entfalten. Irgendwie – rutschend, kriechend, stolpernd und stürzend – gelangten sie bis dort hinauf, wo die Spalte begann. Dahinter strebten die Felswände aufeinander zu, wandten sich nach links und nahmen ihnen so die Sicht auf die Schlucht unter ihnen, aus der sie gekommen waren. Sie kletterten höher. Um sie herum reflektierten die Geröllmassen das grelle Sonnenlicht, und Schatten, die wie bodenlose Abgründe wirkten, zogen auf Felsen, deren gesplitterte Oberflächen tausend verschiedene Winkel aufwiesen, messerscharfe Grenzen zwischen Hell und Dunkel. Sein Hirn war bald nicht mehr in der Lage, aus der wahnwitzigen, aus Schwarz und Weiß zusammengesetzten Geometrie, die wie ein Kaleidoskop über seine Netzhaut huschte, Gestalt und Form seiner Umgebung zu extrahieren. Die Muster wuchsen und schrumpften und verschmolzen und wirbelten mit der Raserei einer visuellen Kakophonie umher.

Sein Gesicht prallte gegen die Sichtscheibe, als sein Helm dumpf in den Staub schlug. Koriel zerrte ihn wieder auf die Beine. „Du kannst es schaffen. Vom Bergrücken aus können wir Gorda sehen. Und dann geht es nur noch bergab…“

Aber die in Rot gekleidete Gestalt sank langsam auf die Knie und kippte vornüber. Der Kopf im Innern des Helms baumelte schwach von einer Seite zur anderen. Als Koriel ihn beobachtete, erkannte der bewußte Teil seines Verstandes jene unausweichliche Logik, die sein Unterbewußtsein längst akzeptiert hatte. Er atmete tief durch und sah sich um.

Nicht weit hinter ihnen befand sich eine Höhle, an der sie vorbeimarschiert waren, knapp zwei Meter breit, direkt am Fuße einer der Felswände. Sie wirkte wie das Überbleibsel eines in Vergessenheit geratenen Aushubs – vielleicht die Probegrabung einer Bergbaugruppe. Der Riese bückte sich, packte das Gurtzeug, das den Tornister auf dem Rücken des nun Bewußtlosen befestigte, und schleppte den Reglosen den Hang wieder hinunter, zur Höhle hin. Sie war etwa drei Meter tief. Eilig ging Koriel daran, eine Lampe zu installieren, deren Licht von den Wänden trüb reflektiert wurde. Dann holte er die Lebensmittelrationen aus der Vorratstasche seines Kameraden, lehnte den Bewußtlosen so bequem wie möglich an die Wand und placierte die Lebensmittelbehälter so, daß er sie leicht erreichen konnte. Gerade als er fertig war, öffneten sich hinter der Helmscheibe die Augen.

„Hier kannst du eine Weile ausruhen.“ Die übliche Ruppigkeit war aus Koriels Tonfall verschwunden. „Noch bevor du bis drei gezählt hast, bin ich mit einer Rettungsmannschaft von Gorda zurück.“

Der Rotgekleidete hob müde einen Arm. Aus Koriels Helmlautsprecher drang nur ein Wispern.

„Du… du hast versucht… Niemand kann…“

Koriel umfaßte mit beiden Händen den ihm entgegengestreckten Handschuh. „Du darfst nicht aufgeben. Reiß dich zusammen. Du mußt hier nur eine Weile aushalten.“ Seine granitfarbenen Wangen waren feucht. Er trat zum Ausgang der Höhle zurück und grüßte ein letztes Mal. „Halt die Ohren steif, Soldat.“ Und dann war er verschwunden.

Draußen errichtete er eine kleine Steinpyramide, um so die Höhle zu markieren. Auf dem ganzen Weg bis nach Gorda würde er solche Pyramiden bauen. Schließlich richtete er sich auf und wandte sein Gesicht herausfordernd der Trostlosigkeit zu, die ihn umgab. Die Felsen schienen ihn in lautlosem Hohn zu verspotten. Die Sterne über ihm schimmerten unbewegt. Koriel starrte auf die Spalte, die sich bis hin zu den Felszacken und Terrassen erstreckte, die den Zugang zum Bergrücken bewachten, der sich in der Ferne erhob. Er fletschte die Zähne.

„So – jetzt sind nur noch wir beide übrig, nicht wahr?“ knurrte er das Universum an. „In Ordnung, du Mißgeburt… wollen mal sehen, wer diese Runde gewinnt!“

Seine Beine bewegten sich wie die Kolben eines Motors, als er den bis zur Endlosigkeit ansteigenden Steilhang in Angriff nahm.

*     *     *

1

Begleitet von einem leisen, aber kräftigen Jaulen stieg ein gewaltiger, silberner Torpedo langsam empor, bis er etwa sechshundert Meter über dem würfelförmigen Gewimmel der Londoner City schwebte. Er war über dreihundert Meter lang und verbreiterte sich am Heck zu einem Delta, das mit zwei spitz zulaufenden Leitfinnen besetzt war. Eine Zeitlang kreiste das Schiff, als genieße es seine wiedergefundene Freiheit. Sein Bug schwang anmutig herum, als es sich nach Norden ausrichtete. Dann schließlich begann es Fahrt aufzunehmen und zu steigen, unmerklich erst, aber doch mit ständig steigender Geschwindigkeit. Das Dröhnen intensivierte sich. In einer Höhe von dreitausend Metern wurden die Triebwerke auf Vollschub gefahren, und sie schleuderten den suborbitalen Skyliner ungeduldig bis an die Grenze zum freien All.

In der Reihe einunddreißig auf dem C-Deck saß Dr. Victor Hunt, Leiter der Abteilung für Theoretische Studien der Metadyne Nucleonic Instrument Company of Reading, Berkshire – eine Tochtergesellschaft der gewaltigen Intercontinental Data and Control Corporation mit Sitz in Portland, Oregon, USA. Geistesabwesend betrachtete er die Bilder vom immer kleiner werdenden Hendon, die über den Wandbildschirm der Kabine flimmerten, und versuchte erneut, so etwas wie eine Erklärung für die Ereignisse der letzten Tage zu finden.

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