Der Weg von Kreuz und Drachen

The Way of Cross and Dragon - Gospel St Judas

Von George R. R. Martin, enthalten u. a. in GRRMs Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9). Original: „The Way of Cross and Dragon“, 1979.

„Häresie“, erklärte er mir. In dem Schwimmbecken, in dem er lag, schwappte das brackige Wasser hin und her.

„Noch eine?“ entgegnete ich voller Überdruss. „Heutzutage sind es ihrer so viele.“

Mein Lordkomtur war von dieser Bemerkung nicht angetan. Unwirsch veränderte er seine Lage und brachte das Wasser erneut in Bewegung. Es stieg über den Beckenrand und ergoss sich über die Fliesen des Empfangszimmers. Wieder einmal wurden meine Stiefel nass. Ich nahm es mit philosophischer Gelassenheit. Ich trug die schlechtesten Stiefel, die ich besaß, da mir klar gewesen war, dass nasse Füße zu den unausweichlichen Folgen eines Besuchs bei Torgathon Nine-Klariis Tûn gehörten, dem Ältesten des Volkes von ka-Thane und zugleich Erzbischof von Vess, Heiligstem Vater der Vier Gelübde, Groß-Inquisitor des Kampfordens der Ritter Jesu Christi und Berater Seiner Heiligkeit, Papst Daryn XXI. von Neu-Rom.

„Und gibt es auch so viele Häresien wie Sterne am Himmel, Pater, so ist doch jede einzelne nicht weniger gefährlich“, erklärte der Erzbischof feierlich. „Als Ritter Christi ist es unsere vornehmste Aufgabe, sie allesamt zu bekämpfen. Und ich muss hinzufügen, dass diese jüngste Häresie besonders abscheulich ist.“

„Sehr wohl, mein Lordkomtur“, erwiderte ich. „Ich hatte nicht die Absicht, sie auf die leichte Schulter zu nehmen. Ich bitte um Vergebung. Die Mission auf Finnegan war überaus anstrengend. Ich hatte mir vorgenommen, Sie zu ersuchen, mich für einige Zeit von meinen Pflichten zu entbinden. Ich brauche Ruhe, Zeit zum Nachdenken und zum Ausspannen.“

„Ruhe?“ Erneut bewegte sich der Erzbischof in seinem Wasserbecken, und obwohl es nur eine leichte Verlagerung seiner gewaltigen Körpermasse war, reichte sie aus, um eine weitere Flutwelle über den Fußboden zu senden. Seine pupillenlosen schwarzen Augen blickten mich verständnislos an. „Nein, Pater, ich fürchte, das ist gänzlich unmöglich. Ihre Fähigkeiten und Erfahrungen sind für diese Mission unerlässlich.“ Dann schien sein Bass etwas weicher zu werden. „Ich hatte noch nicht die Zeit, Ihre Berichte über Finnegan durchzugehen“, sagte er. „Wie lief die Arbeit?“

„Schlecht“, berichtete ich ihm, „wenn ich letzten Endes auch glaube, dass wir obsiegen werden. Die Kirche ist stark auf Finnegan. Als unsere Versuche zur Aussöhnung zurückgewiesen wurden, legte ich einige Maßnahmen in die richtigen Hände, und wir konnten die Zeitung und den Rundfunk der Häretiker schließen. Unsere Freunde haben überdies dafür gesorgt, dass die rechtlichen Schritte der Gegner zu nichts führten.“

„Das ist doch nicht schlecht“, meinte der Erzbischof. „Sie haben einen beachtlichen Sieg für den Herrn und die Kirche errungen.“

„Es kam zu Ausschreitungen, mein Lordkomtur“, fuhr ich fort. „Über hundert Häretiker und ein Dutzend unserer eigenen Leute wurden getötet. Ich fürchte, es wird zu weiteren Gewalttätigkeiten kommen, ehe die Sache ausgestanden ist. Unsere Priester werden angegriffen, sobald sie die Stadt betreten, in der die Häresie Wurzeln geschlagen hat. Die Anführer der Häretiker riskieren ihr Leben, wenn sie sich aus der Stadt herauswagen. Ich hatte gehofft, derartige Hassausbrüche, ein solches Blutvergießen, vermeiden zu können.“

„Löblich, doch nicht realistisch“, sagte Erzbischof Torgathon. Er blinzelte mich wieder an, und mir fiel ein, dass bei Leuten seiner Rasse Blinzeln ein Zeichen von Ungeduld ist. „Manchmal muss das Blut von Märtyrern und das von Häretikern vergossen werden. Was spielt es für eine Rolle, wenn jemand sein Leben hingibt, solange seine Seele gerettet ist?“

„In der Tat“, pflichtete ich ihm bei. Trotz seiner Ungeduld würde Torgathon seinen Vortrag vermutlich noch stundenlang fortsetzen, wenn ich ihm die Möglichkeit dazu ließe. Das Empfangszimmer war allerdings für menschliche Bequemlichkeit nicht eingerichtet, weshalb ich nicht länger als unbedingt nötig verweilen wollte. Die Wände waren feucht und moderig, die Luft war heiß, und es stank nach ranziger Butter, ein für die ka-Thane charakteristischer Geruch. Mein Kragen scheuerte mir den Hals wund, ich schwitzte unter der Soutane, meine Füße waren pitschnass, und der Magen begann mir zu knurren.

Also drängte ich zielstrebig auf die anstehenden Geschäfte hin. „Sie sagten, diese jüngste Häresie sei ungewöhnlich abscheulich, mein Lordkomtur?“

„So ist es“, erklärte er.

„Wo hat sie begonnen?“

„Auf Arion, einer etwa drei Wochen von Vess entfernten Welt. Eine ganz und gar menschliche Welt. Ich begreife einfach nicht, warum ihr Menschen so einfach zu korrumpieren seid. Wenn ein ka-Thane den Glauben erst einmal gefunden hat, dann gibt er ihn nur in den seltensten Fällen wieder auf.“

„Das ist bekannt“, erwiderte ich höflich. Ich vermied es zu erwähnen, dass die Zahl der ka-Thane, die den Glauben gefunden hatten, verschwindend gering war. Denn die ka-Thane waren ein langsames, schwerfälliges Volk, und die überwiegende Mehrheit seiner zahllosen Millionen zeigte keinerlei Interesse daran, anders als in der herkömmlichen Weise zu lernen oder sich einem anderen Glaubensbekenntnis als ihrer eigenen uralten Religion anzuschließen. Torgathon Nine-Klariis Tûn war eine Ausnahme. Vor beinahe zwei Jahrhunderten, als Papst Vidas L. dekretiert hatte, Nicht-Menschen dürften als Geistliche dienen, war er unter den ersten Konvertiten gewesen. Zog man seine enorme Lebensspanne und die eiserne Sicherheit seines Glaubens in Betracht, dann war es kein Wunder, dass er einen solchen Aufstieg genommen hatte, obgleich ihm weniger als tausend seiner Rasse in die Kirche gefolgt waren. Er hatte mindestens noch hundert Jahre zu leben. Ohne Zweifel würde er eines Tages Torgathon Kardinal Tûn sein, sollte es ihm gelingen, genügend Häresien zu zermalmen. So sind die Zeiten nun einmal.

„Wir haben auf Arion kaum Einfluss“, sagte der Erzbischof. Beim Sprechen bewegte er die Arme – vier gewichtige Keulen aus gesprenkeltem grüngrauem Fleisch quirlten durchs Wasser, und bei jedem Wort bebten die schmutzigweißen Wimpern rings um sein Atemloch. „Ein paar Priester, ein paar Kirchen, einige Gläubige, doch keine Macht, die der Rede wert wäre. Die Häretiker sind uns dort zahlenmäßig schon überlegen. Ich verlasse mich auf Ihre Intelligenz, Ihre Geschicklichkeit. Machen Sie aus diesem Unglück eine Möglichkeit. Die Häresie ist so augenfällig, dass Sie sie leicht widerlegen können. Vielleicht finden einige der Irregeleiteten auf den rechten Weg zurück.“

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Das Licht der fernen Sterne: George R. R. Martin und sein „Manrealm“-Kosmos

Star Cutter

Eine Präsentation von Lichtschwert als Leseempfehlung für George R. R. Martins Sammelband „Traumlieder I“ (Heyne 2014, ISBN 978-3-453-31611-9) und überhaupt sein Werk, vor allem seine SF-Geschichten und hier wiederum seinen „Manrealm“- oder „Tausend-Welten-Kosmos“, der mich seit meinen Jugendjahren, als ich in die Science Fiction eintauchte, immer fasziniert hat. (Die Bilder stammen nicht aus „Traumlieder I“, sondern wurden von mir – Lichtschwert – eingefügt.)

In „Traumlieder I“ sind neben dreizehn SF-, Fantasy- und Horrorgeschichten von George R. R. Martin auch drei autobiographische Kapitel enthalten („Ein Vierfarb-Fanboy“, „Der schmutzige Profi“ und „Das Licht der fernen Sterne“) in denen sein Werdegang als Autor von seiner Jugend an sowie Bezüge zu den einzelnen Geschichten geschildert werden. Hier ist das letztere davon, in dem das kosmische Fernweh und der „sense of wonder“, der auch in Jef Costellos „Mein Kodex, Fortsetzung“ erwähnt wird, am besten zum Ausdruck kommt:

DAS LICHT DER FERNEN STERNE

Kommen wir zum Wesentlichen. Ich wurde in Bayonne, New Jersey, geboren, wuchs dort auf und kam nie woanders hin… jedenfalls nicht bis zum College.

Bayonne ist eine Halbinsel im Großraum New York, aber als ich dort aufwuchs, war es eine Welt für sich. Eine Industriestadt, beherrscht von Ölraffinerien und ihrem Flottenstützpunkt, ziemlich klein, drei Meilen lang und nur eine breit. Bayonne grenzt im Norden an Jersey City, ansonsten ist es von Wasser umgeben, der Newark Bay im Westen, der New York Bay im Osten, und der schmalen Meerenge, die beide verbindet, dem Kill van Kull im Süden. Große Ozeanfrachter fahren Tag und Nacht auf ihrem Weg von und nach Elizabeth und Port Newark durch den Kill.

Als ich vier Jahre alt war, zog meine Familie in die Neubausiedlung „The Projects“ auf der First Street, direkt vor die dunklen und schmutzigen Wasser des Kill. Jenseits des Kanals funkelten nachts die Lichter von Staten Island – weit weg und irgendwie magisch. Abgesehen von einem Zoobesuch auf Staten Island, alle drei, vier Jahre, überquerten wir den Kill nie.

Staten Island konnte man ganz leicht erreichen. Man musste nur über die Bayonne Bridge fahren, aber wir besaßen kein Auto, und meine Eltern hatten beide keinen Führerschein. Man kam auch mit der Fähre rüber. Die Anlegestelle war nur wenige Blocks von den Projects entfernt, direkt neben Uncle Miltys Kirmespark.

Wenn man bei Ebbe über die ölverschmierten Uferfelsen balancierte und sich um den Zaun herumhangelte, kam man in eine geheime kleine Bucht mit einem Grasrücken, nicht von der Fähre und auch nicht von der Straße aus einzusehen. Ich ging gern dorthin, saß mit einem Schokoriegel im Gras über dem Wasser, las ein paar Comicheftchen und sah den Fähre zu, wie sie zwischen Bayonne und Staten Island hin und her schipperten.

Die Schiffe waren ständig unterwegs. Wenn das eine einlief, war das nächste schon auf dem Weg nach drüben, und man traf sich in der Mitte des Kanals. Die Schiffahrtslinie unterhielt drei Fähren, die Deneb, die Altair und die Vega. Viel von ihrer Magie war der Tatsache geschuldet, dass sie alle nach Sternen benannt waren. Obwohl es zwischen den drei Fähren meines Wissens keinen Unterschied gab, war mir die Altair am liebsten. Vielleicht hatte das etwas mit Alarm im Weltall zu tun.

Nach dem Abendessen war es in unserer Wohnung manchmal eng und laut, auch wenn nur meine Eltern, meine beiden Schwestern und ich da waren. Wenn Freunde zu Besuch kamen, war die Küche voller Zigarettenrauch, und alle quatschten durcheinander. Manchmal zog ich mich in mein Zimmer zurück und schloss die Tür. Manchmal blieb ich im Wohnzimmer und sah mit meinen Schwestern fern. Manchmal ging ich auch nach draußen.

Auf der anderen Seite der Straße waren Brady’s Dock und ein langer, schmaler Park, der sich entlang des Kill van Kull erstreckte. Dort saß ich oft auf einer Bank und sah die großen Schiffe vorbeifahren, oder ich legte mich auf den Rücken ins Gras und sah zu den Sternen hinauf, die noch viel weiter weg waren als die Lichter von Staten Island. Selbst in den wärmsten, dunstigsten Sommernächten zogen mich die Sterne in ihren Bann. Orion war das erste Sternbild, das ich kennenlernte. Ich starrte auf seine zwei hellen Sterne, Rigel blau und Beteigeuze rot, und fragte mich, ob da oben auch jemand war, der zu mir heruntersah.

Fans schreiben oft von einem „sense of wonder“ und streiten sich darüber, wie er zu definieren sei. Für mich ist der sense of wonder das Gefühl, das mich überkam, als ich im Gras neben dem Kill van Kull lag und über das Licht der fernen Sterne sinnierte. Sie ließen mich immer ganz groß und ganz klein erscheinen. Es machte mich sehr traurig, aber gleichzeitig fühlte ich mich seltsam berührt und auch ein bißchen erhaben.

Die Science Fiction kann mir dieses Gefühl ebenfalls geben.

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