Die Befreiung des Auenlandes

Von Greg Johnson, übersetzt von Deep Roots. Das Original The Scouring of the Shire erschien am 3. Januar 2012 auf Counter-Currents Publishing.

Einer meiner Lieblingsteile von Der Herr der Ringe ist Buch 6, Kapitel 8, „Die Befreiung des Auenlandes“, das vorletzte Kapitel von Die Rückkehr des Königs. [Anm. d. Ü.: Im Original heißt dieses Kapitel „The Scouring of the Shire“, also „Die Säuberung des Auenlandes“.]

Nach der Zerstörung des Ringes und dem Fall des Dunklen Herrn kehren Frodo, Sam, Merry und Pippin zurück ins Auenland, nur um herauszufinden, daß es von Fremden besetzt worden ist, die die Hobbits versklavt und beraubt und das Land verwüstet haben.

Die heimkehrenden Veteranen rütteln ihre Leute zur Rebellion auf, töten viele der Usurpatoren und vertreiben den Rest. Dann entdecken sie, wer dahintersteckte: der gefallene Zauberer Saruman, der aus dem Auenland verbannt wird. Bevor er jedoch abreisen kann, wird er von seinem Diener im Verbrechen getötet, dem verräterischen Grima Schlangenzunge, der dann von drei Hobbitpfeilen gefällt wird.

Dieses Kapitel wurde in Peter Jacksons Filmtrilogie weggelassen (wie auch in Ralph Bakshis Zeichentrickversion), obwohl Jackson doch an zwei Stellen darauf anspielt. In Die Gefährten hat Frodo, als er in Galadriels Spiegel schaut, eine Vision, in der die Hobbits versklavt sind und das Auenland von dunklen satanischen Mühlen verdorben ist. In der erweiterten Version von Die Rückkehr des Königs entdecken Merry und Pippin nach dem Fall von Isengart, daß Sarumans Lagerhäuser Produkte aus dem Auenland enthalten, was auf irgendeine Art von Kontakt hindeutet.

Aber Jackson verlegte den Tod von Saruman und Schlangenzunge zum Fall von Isengart. Schlangenzunge tötet auch hier Saruman, aber er wird durch einen Pfeil von Legolas erledigt. Als daher Frodo und seine Begleiter ins Auenland zurückkehren, finden sie es unverändert vor. Somit war Frodos Vision in Jacksons Erzählung nur eine mögliche Zukunft, die durch den Tod von Saruman bei Isengart ausgeschlossen wurde.

Dennoch halte ich es für eine Schande, daß „Die Befreiung des Auenlandes“ nicht verfilmt wurde, denn es ist eine potente politische Allegorie, die bis heute relevant bleibt. Die meisten Kommentatoren bemerken einfach, daß die Befreiung auf Tolkiens persönlicher Erfahrung der Rückkehr aus den Gräben des Ersten Weltkriegs beruht, bei der er England als veränderten Ort vorfand. (Wimmelnde Kolonien von Nichtweißen waren gegründet worden, hauptsächlich, um in Hafenstädten zu arbeiten, was 1919 zu Rassenunruhen führte). Aber die Befreiung geht weit über alles in Tolkiens Erfahrung hinaus. Es ist ein Werk der Fantasie, eine politische Allegorie, die weit mehr den Erfahrungen deutscher Soldaten ähnelt, die aus dem Großen Krieg heimkehrten, um ein radikal neues, von Fremden beherrschtes Regime vorzufinden.

Das Auenland wurde wie folgt unterjocht: Nach dem Fall von Isengart war Saruman nur noch ein wandernder „Bettler in der Wildnis“, ein Flüchtling. Aber als er noch Macht genoß, hatte der wandernde Zauberer ein weitgespanntes Netzwerk entwickelt, das bis ins Auenland reichte, wo er die Freundschaft mit Lotho Pickel pflegte.

Das Auenland war eine autarke Agrargesellschaft unabhängiger kleiner Bauern und Kaufleute. Pickel war jedoch unzufrieden und ehrgeizig genug, daß er diese Gesellschaftsordnung verändern wollte. Er wollte mehr Land, als er selbst bestellen konnte, und er wollte Mietlinge, um es zu bearbeiten, damit er durch den Anbau von Feldfrüchten für den Export reich werden konnte. Kurz, er wollte eine große Nummer mit einer Plantage sein.

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Game of Thrones – ein (subjektiver) Überblick

GoT Titel

Von Dunkler Phönix

Zum Geleit:

Schon lange hadere ich mit dem Gedanken, einen Artikel über die Buch- und Fernsehserie „A song of ice and fire“ / „game of thrones“ zu schreiben.

Das größte Problem, das ich bisher damit hatte: Obwohl diverse Kritiker der Serie eloquent und richtig ihre Schwächen aufgezeigt haben (Vikernes: „porn disguised as fantasy“), bin ich ein absoluter Fan sowohl der Bücher, als auch der HBO-Produktion. Noch problematischer: Ich finde die Saga um Längen besser als den Klassiker „Herr der Ringe“. Weder den Büchern von Tolkien, noch der Filmreihe von Peter Jackson konnte ich etwas abgewinnen. Nicht nur die Kritik aus unseren Reihen, auch meine eigenen Ambivalenzen beim Lesen und Schauen haben mir bisher das Schreiben über den Stoff verwehrt.

Ähnlich wie bei „Breaking Bad“ ist aber kürzlich der „gordische Knoten“ geplatzt, so dass ich endlich den Finger auf ein paar Stellen legen kann, die mir bisher nicht so klar waren.

Zunächst die übliche Warnung: Dieser Artikel ist ulkig und voller Spoiler!

GoT 2

Wer vielleicht bisher gemeint hat, eine moderne Fantasy-Saga, die von einem erklärten Linksliberalen und Obama-Fan geschrieben und von zwei jüdischen Produzenten verfilmt worden ist, könnte nichts für ihn sein, der mag, wenn er meine anderen Artikel über diverse Produktionen und ihre metapolitischen Aussagen kennt, auf mein Wort vertrauen, dass es sich lohnt, und versuche es entweder erst einmal mit der Serie oder direkt mit den über 5000 Seiten Buch, die bisher erschienen sind (zwei Bände von je mindestens 1000 Seiten stehen noch aus).

Ich werde mir einen längeren Handlungsabriss sparen, wer das ganze Lesen und Schauen nicht über sich bringt, findet bei Wikipedia sehr genaue Beschreibungen und auch in den Counter-Currents Artikeln, auf die ich gleich zu sprechen komme, gibt es eine gute Einführung in den Stoff.

Da der Soundtrack der Serie für meine Ohren sehr gelungen erscheint, werde ich Auszüge daraus als Begleitmusik beim Lesen dieses Artikels einstellen.

High und Low Fantasy

Gerade für Leser, auf deren Hobbyliste das Genre „Fantasy“ nicht ganz oben steht, ist die nicht ganz einfache Unterscheidung zwischen „High“ und „Low“ Fantasy vielleicht hilfreich, um zu verstehen, was den Reiz von „GoT“ (ich werde im folgenden die Abkürzung des Serientitels nutzen, „aSoIaF“ für „a song of ice and fire“ ist ein wenig unästhetisch) ausmacht.

Ich weiß zwar nicht, was für Leser das sein mögen, das werden Menschen sein, die auch für Science Fiction nichts übrig haben, die bei „Bugs“ an Computerfehler denken und nicht an Arachnoiden, die nicht wissen, was „Nostromo“ bedeutet, die das Spiel „Stein-Papier-Schere-Echse-Spock“ nicht kennen und auch sonst viel zu sehr in der „Realität“ leben. Leute, die in ihrer Jugend nicht „das schwarze Auge“ und „Shadowrun“ oder „Dungeons and Dragons“ und andere Pen-and-Paper Rollenspiele gespielt haben, Leute, welche nicht wissen, was die „Elder Scrolls“ sind und „Zelda“ für die Tante von der kleinen Hexe Sabrina halten. Seltsame Leute eben…

GoT Serana

Wer nicht weiß, wer diese Dame ist, der ist entweder alt oder seltsam…

High Fantasy führt uns in Welten, in denen Magie zum Alltag gehört, in denen Elfen, Trolle, Orks und Zwerge genauso große oder größere Reiche haben wie Menschen, in denen das Gute gegen das Böse kämpft.

Low Fantasy entführt uns in Welten, in denen Magie eher spärlich vorkommt, in denen zum großen Teil menschliche Wesen gegeneinander antreten und in denen die Grenze zwischen Gut und Böse nicht so leicht zu ziehen ist.

Der Fachmann erkennt nun sofort Tolkiens „Ring“-Stoff als „High Fantasy“ und macht z.B. „Conan der Barbar“ (sowohl das Original mit Arnie, als auch das traurige Remake mit Khal Drogo) als „Low Fantasy“ aus.

Aber wie bei allen Klassifizierungen bleibt es nicht so einfach. Was ist „Harry Potter“? Eher High Fantasy, aber so „high“ ist es dann doch nicht. Was ist mit der „Wi´tch“ Serie von James Clemens (die für mich übrigens die einzige Fantasy-Saga ist, die mit „GoT“ konkurrieren kann)? Auch dort würde man eher von „high“ sprechen, aber wird es der Tiefe der Charaktere und der Erzählweise gerecht?

Gemmels „Legend“ wiederum scheint sehr sicher „Low Fantasy“ zu sein, dem zum Trotz sind Gut und Böse in dem Buch sehr klar verteilt.

Und schließlich: Was ist GoT? Für „High Fantasy“, wie es oft bezeichnet wird, spricht nur die epische Breite. Das sehr sporadische Auftreten von Magie und nicht menschlicher Wesen spricht genauso wie die Tiefe der Charaktere, die scheinbar allesamt „jenseits von Gut und Böse“ sind, eher für „Low Fantasy.“

Der Unbedarfte mag nun sagen: Wen schert es schon? „High“ und „low“ sollen ja keine Wertungen sein, so als sei „Low-Fantasy“ irgendwie schlechter, es geht ja nur um die Klassifizierung von Fantasy Literatur.

In unserem (meta)politischen Kontext aber muss man die „Low Fantasy“ zumindest teilweise als für die Feindpropaganda günstig einstufen. Mag ein zurückhaltender Einsatz von Magie und eine Konzentration auf menschliche Charaktere noch durchgehen, wird es bei dem Verschwimmen von Gut und Böse schwierig. Zwar brauchen erwachsene Nerds vielschichtigere Charaktere als sie in Kindermärchen vorkommen, aber das postmoderne Auflösen der Grenzen von Gut und Böse in der Fiktion ist eine bewusste Taktik unserer Feinde zur Zerstörung unseres moralischen Kompasses.

Auch der von vielen Nationalen (inklusive mir) als Meisterwerk eingestufte „Conan“ ist nicht unproblematisch. Conan ist kein Held im klassischen Sinne, er ist nur ein „Survivor“ (wenn mir jetzt nur ein passender Witz mit einem Tigerauge einfallen würde…), ein Überlebenskämpfer ohne Moral, ohne höheres Ziel, ohne Ideal.

Got Conan

Beinahe will man Tulsa Doom in der entscheidenden Szene beipflichten: Wer ist Conan denn noch, wenn er seiner Nemesis den Kopf abhackt? Was wird sein Lebenszweck sein, wenn er seine „Quest“ erledigt hat? (das negativste an allen „Elder Scrolls“ Spielen ist, dass man, sobald man alle Aufgaben erledigt und zum Überhelden aufgestiegen ist, noch immer in dieser Welt herumlaufen kann. Zwar entdeckt man immer noch Neues, aber es gibt keine Herausforderungen mehr – bis das nächste Add-On rauskommt…). Ein Held baut eine gerechtere Welt auf, wenn der Böse vernichtet ist, was tut ein Antiheld, wenn der Kopf seines Feindes zu seinen Füßen liegt?

(Nebenbei: Auch der Conan-Soundtrack ist genial, daher hier eine Kostprobe)

Trotzdem tötet Conan den bösen Zauberer Tulsa Doom, ohne zu zögern. Er wird weder von rationalen Überlegungen, noch von moralischen Erwägungen bestimmt, sondern nur von seinen Urinstinkten, Rache und Lust.

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Tolkien: Meister von Mittelerde

tolkien

Von Brittanicus, übersetzt von Deep Roots. Das Original Tolkien: Master of Middle Earth erschien am 7. August 2010 bei „Counter-Currents Publishing “
Anm. d. Ü.: Die Zitate aus dem “Herrn der Ringe” sind entsprechend der deutschen Ausgabe von 1980 wiedergegeben (Klett-Cotta, aus dem Englischen übersetzt von Margaret Carroux, die dabei noch mit Tolkien zusammengearbeitet hat); die restlichen Zitate sind von mir direkt nach Brittanicus’ Text übersetzt worden.

Trotz der universalen Verspottung durch das literarische Establishment, das seinen inhärenten noblen Geist nie erfassen konnte, wurde J. R. R. Tolkiens „The Lord of the Rings“ kürzlich von tausenden Kunden von Waterstones’ zum größten Romanwerk des zwanzigsten Jahrhunderts gekürt. Diese Auszeichnung ist wohlverdient, denn Tolkiens Meisterwerk ist ein Klassiker des Heldenromans. Inspiriert von der traditionellen europäischen Mythologie und seiner Liebe zum ländlichen England, schuf Tolkien eine imaginäre Welt und erfand eine Mythologie, die sich in ihrer Anziehungskraft als zeitlos erwiesen hat.

1956 erstmals veröffentlicht, besteht Tolkiens Ringsaga aus drei Büchern: „The Fellowship of the Ring“ (Die Gefährten), „The Two Towers“ (Die zwei Türme) und „The Return of the King“ (Die Rückkehr des Königs). Obwohl der verstorbene Walt Disney geplant hatte, einen großen Zeichentrickfilm aus der gesamten Trilogie zu produzieren, der dem Mammutwerk wahrscheinlich gerecht worden wäre, wurden die Filmrechte leider von einem „Bindestrich-ungarischen“ Filmproduzenten erworben. Er riß die Geschichte in Streifen und verlor komplett den Faden der Handlung, wobei er sogar Tolkiens weiße Elbenstämme als Mexikaner mit orientalischen Gesichtszügen darstellte. Es scheint, als würde eine sehenswerte Filmversion dieses großartigen Werkes warten müssen, bis der politische Sieg des britischen Nationalismus eine frische Welle kulturell gesunder künstlerischer Energie freisetzen wird [Anm. v. Greg Johnson: Dieser Essay wurde geschrieben, bevor Peter Jackson seine „Lord of the Rings“-Filme machte]. In der Zwischenzeit haben wir zum Glück die Bücher.

Nationaler Mythos

John Ronald Reuel Tolkien, Ex-Soldat, Experte der Philologie und mit erst 33 Jahren Professor des Angelsächsischen, behauptete, daß er seine Romane geschrieben hätte, um einen inneren Wunsch zu erfüllen, „einen Mythos für England zu schaffen.“ Zu diesem Zweck konstruierte er eine eigene, hochkomplexe und verwickelte Welt, die einigermaßen nach der nordischen Mythologie und Wagners Oper „Der Ring des Nibelungen“ modelliert war. Die Phantasiewelt Mittelerde wurde von verschiedenen Rassen von Menschen, Elben, Zwergen, Orks, Kobolden, Trollen und Hobbits bewohnt. Der Autor ersann komplette Alphabete und Sprachen wie „Elbisch“, schuf Kalender und zeichnete detaillierte Karten der verschiedenen Königreiche und Heimatländer von Mittelerde.

Obwohl Tolkien Allegorien nicht mochte, ist sein Mittelerde in vieler Art wie unsere eigene Welt, und ethnische Realitäten spielen eine wichtige Rolle im Leben seiner Bewohner. Zum Beispiel waren die Numenorer eine aristokratische Rasse von Menschen, „…schön von Angesicht und groß, und die Spanne ihres Lebens war dreimal so lang wie die anderer Menschen von Mittelerde. Dies waren die Numenorer, die Könige der Menschen, die die Elben die Dunedain nannten.“

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Die Erben der Schildkrötenburg: George R. R. Martin und die Fantasy-Literatur

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Jack Gaughans drei Umschlagbilder für die unautorisierte „Herr der Ringe“-Ausgabe von Ace Books, George R. R. Martins Einstieg in Tolkiens Werk.

Einleitung von Lichtschwert:

Inzwischen ist auch der zweite Sammelband mit den Erzählungen von George R. R. Martin erschienen, „TRAUMLIEDER II“ (ISBN 978-3-453-31625-6). Dieser enthält die folgenden Geschichten und autobiographischen Einschübe (Titel der letzteren in Blockschrift, Geschichten aus GRRMs „Manrealm“- oder „Thousand-Worlds“-Kosmos mit * gekennzeichnet):

DIE ERBEN DER SCHILDKRÖTENBURG
Die einsamen Lieder Laren Dorrs
Der Eisdrache
Das verlassene Land

HYBRIDE UND HORROR
Der Fleischhausmann
Erinnerungen an Melody
Sandkönige*
Nachtgleiter*
Die Affenkur
Der birnenförmige Mann

EINE KOSTPROBE VON TUF (Originaltitel wohl „A Taste of Tuf“)
Eine Bestie für Norn*
Wächter*

Als Leseprobe und Hintergrundinformation für GRRM-Fans bringe ich hier „Die Erben der Schildkrötenburg“ (von mir mit ein paar Links und Anmerkungen versehen), worin George R. R. Martin seinen Bezug zur Fantasy-Literatur erläutert:

DIE ERBEN DER SCHILDKRÖTENBURG

Die Fantasy und ich sind alte Bekannte.

Fangen wir am besten am Anfang an, denn es gibt einige eigenartige und weitverbreitete Irrtümer. Einerseits habe ich Leser, die vor Das Lied von Eis und Feuer noch nie von mir gehört haben und offenbar felsenfest davon überzeugt sind, dass ich nie etwas anderes geschrieben habe als Fantasy-Epen. Andererseits gibt es da die Leute, die all mein altes Zeug gelesen haben und darauf bestehen, ich sei ein Science-Fiction-Autor, der schändlicherweise zur Fantasy übergelaufen ist.

Tatsächlich aber habe ich seit meiner Kindheit in Bayonne Fantasy gelesen und geschrieben (Horror übrigens auch). Meine erste Veröffentlichung mag Science Fiction gewesen sein, aber die zweite war eine Geistergeschichte, ungeachtet dieser verflixten vorbeizischenden Hovertrucks. [Anm. v. Lichtschwert: Damit ist „Die Ausfahrt nach San Breta“ gemeint.]

„Die Ausfahrt nach San Breta“ war beileibe nicht meine erste Fantasy-Geschichte. Noch vor Jarn vom Mars und seiner Bande außerirdischer Weltraumpiraten pflegte ich mir meine Mußestunden mit Geschichten über eine große Burg und ihre tapferen Ritter und Könige zu vertreiben. Indes – sie alle waren Schildkröten.

In den Siedlungen war die Haltung von Hunden und Katzen verboten, kleinere Tiere allerdings erlaubt. Ich besaß Guppys, ich besaß Wellensittiche, und ich besaß Schildkröten. Unmengen an Schildkröten. Die Sorte, wie man sie in billigen Kaufhäusern bekommt, im Set mit kleinen, in der Mitte geteilten Plastikschüsseln, bei denen auf der einen Seite Wasser hineinkommt, auf der anderen Seite Kies. In der Mitte befindet sich eine Plastikpalme.

Außerdem besaß ich noch eine Spielzeugburg, die zu den Plastikrittern gehörte (eine Zinnblechburg von Marx). Sie stand oben auf dem Tisch, der mir als Schreibtisch diente, und darin war gerade genug Platz für zwei jener Schildkrötenschüsseln. Dort also lebten meine Schildkröten… und weil sie in einer Burg wohnten, musste es sich folgerichtig um Könige und Ritter und Prinzessinnen handeln. (Ich besaß auch das Fort Apache von Marx, aber Cowboyschildkröten wären einfach absurd gewesen.)

Der erste Schildkrötenkönig hieß Big Fellow. Er muss einer anderen Art angehört haben als die anderen, denn er war braun, nicht grün, und gut doppelt so groß wie die kleinen rotohrigen Kerle. Eines Tages fand ich ihn tot auf – zweifellos war er einem finsteren Komplott der Krötenechsen und Chamäleons zum Opfer gefallen. Sein Thronnachfolger meinte es zwar gut, war aber ein Pechvogel und starb ebenfalls bald darauf. Doch just als es für das Königreich am finstersten aussah, schworen Frisky und Peppy einander ewige Freundschaft und gründeten die Schildkrötentafelrunde. Peppy der Erste erwies sich als größter Schildkrötenkönig aller Zeiten, doch als er alt wurde…

Die Geschichte der Schildkrötenburg hat weder einen Anfang noch ein Ende, aber jede Menge Mitten. Sie wurde nur auszugsweise niedergeschrieben, aber ich arbeitete die großartigsten Szenen in meinem Kopf aus, Schwertkämpfe und Schlachten und Verrat. Ich erlebte die Herrschaft von mindestens einem Dutzend Schildkrötenkönige. Meine mächtigen Monarchen hatten die befremdliche Angewohnheit, aus der Marx-Burg zu fliehen und tot unter dem Kühlschrank zu enden, dem schildkrötischen Mordor.

Habe ich es nicht gesagt? Ich war schon immer Fantasy-Autor.

Ich kann allerdings nicht behaupten, auch immer Fantasy-Leser gewesen zu sein, aus dem schlichten Grund, dass es damals in den Fünfzigern und Sechzigern kaum Fantasy zu lesen gab. Die Drehständer meiner Kindheit wurden von Science Fiction, Krimis, Western, Schauerromanen und historischen Romanen beherrscht; weit und breit keine Fantasy. Ich war Mitglied im Science Fiction Book Club (drei Romane für einen Dime – unschlagbar), aber damals war es der Science Fiction Book Club, mit Fantasy hatte er nichts zu tun.

Fünf Jahre nach Have Space Suit, Will Travel (Raumjäger) stolperte ich über jenes Buch, das mich in Sachen Fantasy auf den Geschmack brachte: eine schmale Anthologie von Pyramid namens Schwerter und Magie, herausgegeben von L. Sprague de Camp und erschienen im Dezember 1963. Und was für ein köstlicher Geschmack das war. Es gab Geschichten von Poul Anderson, Henry Kuttner, Clark Ashton Smith, Lord Dunsany und H. P. Lovecraft. Eine Geschichte über Jirel, die Amazone von C. L. Moore und eine Erzählung über Fafhrd und den grauen Mausling von Fritz Leiber… und dann war da noch die Geschichte „Schatten im Mondlicht“ von Robert E. Howard.

Wisset, o Fürst,

so begann sie,

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„Der Zauber des Nordens“: Einleitungen zu „Das geborstene Schwert“

cover broken sword anderson poul

Dies sind die Einleitungen und Vorwörter des amerikanischen Herausgebers Lin Carter, des deutschen Lektors Helmut Pesch und des Autors selbst zu Poul Andersons erstmals 1954 veröffentlichtem Roman „Das geborstene Schwert“ („The Broken Sword“) in der 1971 vom Autor überarbeiteten Fassung, die erstmals 1987 in dieser deutschen Übersetzung von Rosemarie Hundertmarck veröffentlicht wurde.

Einleitung von Lin Carter: „Der Zauber des Nordens“

Der englische Dichter W. H. Auden nannte es „the Northern thing“, jene seltsame Faszination, die von den Überlieferungen des altnordischen Kulturkreises und der Geschichte der skandinavischen Länder ausgeht. Dieser Zauber des Nordens hat auch die Phantasie vieler Autoren jener Art von Literatur beflügelt, die man heute „Fantasy“ nennt. Die Liste der Namen ist eindrucksvoll; sie reicht von William Morris, dem Begründer des Genres, über H. Rider Haggard und E. R. Eddison bis hin zu C. S. Lewis, Poul Anderson und natürlich J. R. R. Tolkien, dem Autor des „Herrn der Ringe“.

Der Zauber des Nordens ist nicht schwer zu erklären. Die skandinavischen Nationen – Island, Norwegen, Schweden, Dänemark, vielleicht noch Finnland – sind die Geburtsstätte einer der großartigsten Mythologien der Welt. Und Mythen haben nun einmal einen besonderen Reiz für Fantasy-Liebhaber. Darüber hinaus hat der Norden eine ganz eigene Literaturform hervorgebracht – die Saga.

Die besten und bedeutendsten Sagas wurden im 13. Jahrhundert in Island geschrieben, beziehen sich aber auf Ereignisse, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Sie lassen sich in drei größere Gruppen unterteilen; erstens die historischen Chroniken; zweitens die heroischen Sagas, große Abenteuererzählungen, die keine historische Genauigkeit beanspruchen; und drittens die Familienchroniken. Ein Beispiel der ersten Gruppe wäre die Heimskringla des Snorri Surluson; der zweiten die Saga von Grettir dem Starken; und der dritten die Laxdæla Saga, die dem heutigen Leser trotz ihres Alters fast wie ein moderner realistischer Roman erscheint.

Einige dieser Werke haben die Jahrhunderte seit ihrer Entstehung fast unbeschadet überstanden und sind im Deutschen wie im Englischen den Lesern in neuerer Zeit durch bedeutende Übersetzungen erneut nahegebracht worden.

William Morris selbst hat eine Reihe von skandinavischen Stoffen ins Englische übertragen. Dazu zählen allein zwei der fünf großen Íslendinga Sögur (wie sie genannt werden), die Eyrbryggja und die unsterbliche Grettla, die er in Zusammenarbeit mit dem Isländer Eiríkr Magnússon übersetzte. Für diese Aufgabe entwickelte Morris einen ganz eigenen, bewußt einfachen Sprachstil, der nicht nur Vorbild für spätere Saga-Übersetzungen, sondern auch für seine eigenen Fantasy-Werke wurde.

E. R. Eddison, der Autor jenes gewaltigen Buches „Der Wurm Ourobouros“, wagte sich an ein weiteres der fünf großen Meisterwerke, die Egla oder Egil’s Saga, und schuf damit eine der perfektesten und beeindruckendsten Übersetzungen aus dem Isländischen.

Im deutschen Sprachraum sei nur auf die Saga-Übersetzungen der „Sammlung Thule“ im Diederichs-Verlag verwiesen, die immer noch ungemein lesbar sind.

Professor Tolkien hat zwar keine der Sagas übersetzt, wenn er sich auch in seiner Arbeit an dem angelsächsischen Epos Beowulf eingehend mit den nordischen Quellen der altenglischen Überlieferung beschäftigte. Seine Kenntnisse der altnordischen Sprache wurden selbst von Fachkollegen bewundert. Seine Studie über das „Finnesburg“-Fragment, die 1983 posthum veröffentlicht wurde, beschäftigt sich eingehend mit den skandinavischen und germanischen Vorfahren der Angelsachsen und ihrem legendären Anführer Hengest, einem Vorfahren der Wikinger, der sein Volk im 5. Jahrhundert nach England brachte.

Tolkiens Sohn Christopher, der selbst Dozent in Oxford war, bevor er sich ganz dem Nachlaß seines Vaters widmete und als Herausgeber des „Silmarillion“ bekannt wurde, hat die Heidreks oder Hervarar Saga aus dem Isländischen übersetzt.

Auch das, was Poul Anderson in diesem Band geschaffen hat, steht unmittelbar in der großen Tradition jener Fantasy-Autoren, die dem Zauber des Nordens verfallen sind.

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